Bei Liveshows wirkt Starcrawler-Frontfrau Arrow DeWilde wie eine hochexplosive Schnittmenge aus Courtney Love und Iggy Pop in seinen besten Jahren – geballte Rock’n’Roll-Power, die die Glam-Punk-Formation aus Los Angeles seit jeher auch auf ihren Alben einfängt. Ihrer während der Pandemie angestauten Energie lassen die 23-Jährige und ihre vier Jungs nun auf Longplayer Nummer drei freien Lauf. Wobei Starcrawler ihren wütenden Kick-Ass-Sound diesmal um eine ganz ordentliche Portion poppiger Catchiness in Musik und Gesang ergänzt haben. Eine neu entdeckte Spielfreude, die man neben typischen Vollgas-Tracks wie dem gut geölten ›Roadkill‹ auf dem hypnotisch-schwermütigen ›Jet Black‹, dem zurückgelehnten Alt-Country-Song ›Midnight‹ oder dem Beach-Boys-beeinflussten Retro-Surfrocker ›Broken Angels‹ auslebt. Gefährlich gut!
8 von 10 Punkten
Starcrawler SHE SAID BIG MACHINE RECORDS/UNIVERSAL
Bassist und Sänger Marco Mendoza, der schon bei The Dead Daisies, Thin Lizzy, Blue Murder, Whitesnake und Black Star Riders tätig war, glänzt auf seinem neuen Werk NEW DIRECTION wieder mit dem ihm eigenen besonderen Groove. Erkennt man sofort und ist höchstens vergleichbar mit dem Flair von Prince, Lenny Kravitz oder Glenn Hughes. Stimmlich kommt er zwar an die Kollegen nicht ganz heran, aber bei einer entspannten Nummer wie ›Walk Next To You‹ zeigt Mendoza, dass nicht nur rhythmisch, sondern auch vokal eine ganze Menge in ihm steckt. Vor allem viel Soul, was seine Interpretation von Hardrock so cool und stark macht. ›Shoot For The Stars‹ hat mit 80er-Jahre- und straight rockender Anmutung und griffigem Refrain dann auch echtes Hitpotenzial. ›All That I’m Living For‹ und ›Free Ride‹ kommen eher wuchtig, aber nicht minder eingängig. Immer wieder baut Mendoza auf NEW DIRECTION auch den einen oder anderen coolen Schrei ein. Eine Partynummer wie ›Scream And Shout‹ mit der Textzeile „It’s friday night and I am looking for a good time“ ist da Programm. NEW DIRECTION ist grooviger, gut gelaunter Hardrock von einem, der weiß, wie es geht. Vielleicht kriegt das aber auch nur ein singender Bassist so gut hin?
7 von 10 Punkten
Marco Mendoza NEW DIRECTION MIGHTY MUSIC/TARGET RECORDS
Ein Musterbuch für verschiedene Spielarten der Gitarren-Psychedelia
Als Kultsound für eine eingeschworene Szene war der Psychedelic Rock seit den 60s nie ganz weg, aber zur Zeit erlebt er zweifellos eine Renaissance. Eine so sonderliche Band wie King Gizzard & The Lizard Wizard füllt hier ordentlich große Hallen, da sollten doch auch The Black Angels stärker in den Fokus rücken. Schließlich haben die Texaner seit ihrem Debüt PASSOVER (2006) einen Status als Aushängeschild der US-Psych-Szene inne, bringen sie doch trippige Sphärenklänge popfreundlicher auf den Punkt, als es so ewigen Outsidern wie The Brian Jonestown Massacre möglich ist. Auf ihrem sechsten Album bleibt dies die Stärke, aber auch die kleine Schwäche für die Band aus Austin. Wo andere ausfransen, sind The Black Angels für ein Indierock-Publikum greifbar, ob sie nun Drones à la Spacemen 3, lineare Krautrock-Dynamik oder Velvet-Underground-Schummrigkeit betonen. Keine Frage, The Black Angels beherrschen alle Spielarten der bekannten Psychedelia prima. Aber was man sucht, ist ihr eigener Dreh. Der Sound, der nur nach The Black Angels selbst klingt.
7 von 10 Punkten
The Black Angels WILDERNESS OF MIRRORS PARTISAN RECORDS/PIAS/ROUGH TRADE
Im März 2023 veröffentlichen John Diva & The Rockets Of Love ihr neues Studioalbum. Als ersten Vorgeschmack gibt es jetzt die Single ›God Made Radio‹ inklusive Video zu hören und zu sehen.
„Das Stück ist ein Dankeschön an alle Stationen, die den neuen heißen Scheiß suchen und alles geben, um dem Einheitsbrei ein Schnippchen zu schlagen“, erklärt Gitarrist Snake Rocket. „An alle, die sich nicht damit zufrieden geben, den Zuhörern nur ihre Ear Candys vorzusetzen, sondern auch auf neue Musik aufmerksam machen.“
Die Ideen für den Nachfolger zum Monumentalwerk THE DARK SIDE OF THE MOON waren ihnen ausgegangen – doch am Ende lieferten sie einen der prägendsten Floyd-Songs überhaupt ab.
Eines Tages im Sommer 2011 fuhr David Gilmour durch den Stadtteil King’s Cross in London, als er beschloss, nach den Unit Studios zu suchen. Hier war ihm im Januar 1974 jene Gitarrenfigur aus vier Noten zugeflogen, die ›Shine On You Crazy Diamond‹ zündete. Er konnte sich nicht mehr an die genaue Adresse erinnern, wusste aber noch, dass der winzige Proberaum in einer kleinen Gasse lag und „ein totales Drecksloch“ war. Doch der Laden existierte schon lange nicht mehr. Aus jener so wenig vielversprechenden Umgebung war ein Stück entsprungen, das den Anfang und das Ende des 1975er Albums WISH YOU WERE HERE bildete und Pink Floyd bis heute definiert. Es wurde nie als Single veröffentlicht und erstreckt sich in neun Teilen über 26 Minuten, doch ›Shine On You Crazy Diamond‹ ist zweifellos ihr größter (Nicht-)Hit. 1974 war die Band noch völlig überwältigt vom Erfolg von THE DARK SIDE OF THE MOON aus dem Vorjahr, das sie von einem Kult-Act an die Spitze der US-Charts katapultiert hatte. Und keiner von ihnen wusste, was sie als Nächstes tun sollten.
Stattdessen absolvierten sie diverse kleinere Tourneen, während sie versuchten, den Nachfolger zu schreiben. Das erwies sich als große Herausforderung, und es gab mehr als einen Fehlstart. Im Dezember 1973 nahmen sie die Arbeit an dem Projekt „Household Objects“ wieder auf, das sie drei Jahre zuvor begonnen hatten. Sie verbrachten acht Wochen in den Abbey Road Studios in London, wo sie ohne konventionelle Instrumente Musik machten. Sie erschufen eine Basslinie, indem sie ein über eine Streichholzschachtel gespanntes Gummiband „spielten“, erzeugten einen Beat mit einer Axt auf einem Holzblock …
„Ich denke, das war eine Verzögerungstaktik, weil wir einfach nicht wussten, was wir sonst tun sollten“, gestand Schlagzeuger Nick Mason. An Weihnachten hatten sie die Idee wieder aufgegeben, behielten jedoch einen Klang bei: die Note, die entstand, als jemand mit dem Finger am Rand eines gefüllten Weinglases entlang fuhr. Und daraus wurde das erste Geräusch, das man auf ›Shine On You Crazy Diamond‹ hört. Unterdessen begannen Pink Floyd die Arbeit in den Unit Studios. Ende Januar hatten sie dann drei provisorische Fassungen neuer Songs im Kasten: ›Raving And Drooling‹, ›You Gotta Be Crazy‹ und ›Shine On You Crazy Diamond‹.
Roger Waters’ Desillusionierung mit der Musikindustrie hatte die beiden Ersteren inspiriert. „Oh, seht mal, wir sind reich“, sagte er. „Wir haben das erreicht, was wir erreichen wollten. Und was tun wir jetzt?“ Doch es war eindeutig, um wen es in ›Shine On You Crazy Diamond‹ ging. Der „seer of visions … you painter, you piper, you prisoner“ war Floyd-Mitbegründer Syd Barrett, der nach psychischen Problemen 1968 die Band verlassen hatte. „Ich weiß noch, dass ich sehr traurig über Syd war“, sagte Waters. „Und da waren auch Schuldgefühle.“ Während Floyd reich, gefeiert und berühmt wurden, hatte der Einsiedler Barrett seiner Musikkarriere den Rücken gekehrt und lebte allein in einer kokonartigen Wohnung in Chelsea, West-London.
Floyd gingen im Juni 1974 wieder auf Tour und stellten dabei eine frühe Version von ›Shine On‹ vor, die sie „Sydney Barrett“ widmeten. Der Song beschrieb eine Band an der Schwelle zum großen Ruhm, forderte aber auch ihren alten Freund und einstigen Kollegen auf, aus seinem Versteck zu kommen und der Welt zu zeigen, wozu er fähig war. Doch die Arbeit ging immer noch schleppend voran, als die Aufnahmen zum neuen Album bei Abbey Road fortgesetzt wurden. „Keiner von uns fühlte sich besonders inspiriert“, sagte Mason, der sich an Tage erinnerte, an denen sie lustlos mit einem Luftgewehr auf ein Dartbrett feuerten und darauf warteten, dass ihnen etwas Brauchbares einfiel. Waters beschloss schließlich, ›Raving And Drooling‹ und ›You Gotta Be Crazy‹ zu verwerfen, und schlug vor, ›Shine On You Crazy Diamond‹ in den Opener und das abschließende Stück des Albums zu verwandeln.
Derweil begann Waters, Material zu schreiben, das die Lücke dazwischen füllen sollte. Allmählich kristallisierte sich dabei ein Thema heraus: Abwesenheit. Die Abwesenheit von Syd Barrett, von Inspiration in der Band und – da sowohl Waters und Mason bald darauf geschieden wurden – von Ehefrauen und Beziehungen. Floyds Hommage an Barrett entfaltete sich langsam und ließ sich Zeit, um eine Atmosphäre aufzubauen. Und auch als ein so langer Song von einer Band, die allgemein als Progressive-Rock-Act betrachtet wurde, war ›Shine On‹ tief im Blues verwurzelt. Der Block aus Part 1–5 entwickelte sich von einer unheilvollen, filmreifen Ouvertüre zu einer Hymne auf Syd und dann zu einem gemächlichen, jazzigen Finale. Auf der zweiten Seite der Original-LP gab es die Fortsetzung. Der Block aus Part 6–9 wurde, wie in den Autorencredits festgehalten, von Richard Wrights Minimoog-Synthesizer, Hammondorgel und Streicher-Synthesizer dominiert.
Wright, der 2008 verstarb, nannte ›Shine On‹ und WISH YOU WERE HERE oft als sein Lieblingsstück respektive -album von Pink Floyd. In einem Moment, der eines Hollywood-Blockbusters würdig gewesen wäre, erschien Syd Barrett am 5. Juni 1975 plötzlich unangekündigt bei Abbey Road, als Floyd sich eine Aufnahme des Songs anhörten. „Zunächst dachten wir, er sei ein Angestellter des Studios“, so Mason. „Nie- mand erkannte ihn.“ Der schlanke, elfenhafte Syd von 1967 war längst Vergangenheit. Er hatte sich den Kopf und die Augenbrauen rasiert, war stark übergewichtig und umklammerte eine Plastiktüte. Augenzeugen berichten, er habe gefragt, wann es Zeit für ihn sei, Gitarre zu spielen, während sich andere daran erinnern, wie er wild auf und ab sprang, während er sich die Zähne putzte. Waters und Wright waren angeblich beide zu Tränen gerührt.
„Sydney Barrett“ wehte so schnell wieder aus dem Leben von Pink Floyd wie er gekommen war. Keiner von ihnen sah ihn jemals wieder. Ihre Hommage an ihn wurde unterdessen zur tragenden Säule von WISH YOU WERE HERE, einem Album, das trotz Waters’ Frust die Position von Pink Floyd als eine der größten Bands des Planeten nur noch festigte. ›Shine On You Crazy Diamond‹ bleibt die Essenz von Pink Floyd in den 70ern: eine fesselnde Mischung aus unterkühlter Zurückhaltung, roher Emotion und Nostalgie. Bei 12:07 Minuten in der zweiten Hälfte blitzt kurzzeitig das Outro von ›See Emily Play‹, Barretts größtem Floyd-Hit, durch den Mix und verschwindet dann im Nebel – ganz wie Syd selbst. Ein äußerst passendes Ende für diesen legendären Song.
Ein Muss für alle Deadheads: Dark Star Orchestra lassen den Geist von Grateful Dead wiederaufleben und das seit über 20 Jahren. Das siebenköpfige musikalische Kollektiv aus den Staaten lässt die Zuschauenden tief eintauchen in die Klangwelt von Jerry Garcia und Co.!
Hier das Dark Star Orchestra live erleben:
18.09. Köln, Live Music Hall
19.09. Frankfurt, Batschkapp
20.09. Berlin, Astra Kulturhaus
22.09. München, Muffathalle
Pro Stadt verlost CLASSIC ROCK 2×2 Freikarten. Jetzt mitmachen und gewinnen!
[contact-form-7 id=“132763″ title=“Dead Star Orchestra Tickets“]
Auf einer endlosen Piste aus feinstem Pulverschnee rauschten Black Sabbath im Mai 1972 ihrem vierten Album entgegen, fest entschlossen, es der arroganten Musikpresse zu zeigen, die immer noch nicht die volle musikalische Klasse der Doom-Götter anerkennen wollte. Dreh- und Angelpunkt bei der Produktion von VOL. 4: Tony Iommi, der im Studio regelrecht zum Besessenen mutierte.
Ein halbes Jahrhundert später schließt sich der Kreis, der Riff-Gott Iommi gibt sich auf dem neuesten Longplayer seines einstigen Sabbath-Weggefährten Ozzy Osbourne ein Stelldichein. CLASSIC ROCK schlägt einen Bogen von VOL. 4 zu PATIENT NUMBER 9.
Gary Moore: Freiheitsdrang nach Thin Lizzy
Im Juni 1979 verließ Thin-Lizzy-Gitarrist Gary Moore auf spektakuläre Art und Weise – mitten auf Tour – die Band. In unserem exklusiven Buchausschnitt aus „Gary Moore: Die offizielle Biografie“ blicken wir zurück auf seine unmittelbare Post-Lizzy-Phase und die Gründung seiner neuen Band: G-Force.
Status Quo: Mehr als Selbstbefriedigung
by Tina Korhonen
Grund für die unbefangene Plauderei mit Francis Rossi ist eine neue Compilation namens QUO’ING IN – THE BEST OF THE NOUGHTIES, mit der vor allem Status Quos Schaffen der letzten zwei Dekaden gehuldigt werden soll. Neben der Platte selbst spricht der 73-jährige Quo-Kopf über die Pandemie, den Brexit, die Möglichkeit eines neuen Studioalbums, Pasta, Selbstbefriedigung und das Alter der Autorin des Interviews.
Joe Strummer: the only man that matters
2022 jährt sich der Todestag des legendären Joe Strummer zum 20. Mal. Sein 70. Geburtstag wäre am 21. August gewesen. John Graham Mellor, wie Strummer mit bürgerlichem Namen hieß, wurde in Ankara in der Türkei geboren. Der 22.12.2002 ist ein Sonntag, Strummer war in seinem Wohnort Bloomfield spazieren. Als er nach Hause kommt, setzt er sich in einen Sessel, um zu lesen – und wacht nie wieder auf. Gestorben mit gerade einmal 50 Jahren, an einem nie diagnostizierten, angeborenen Herzfehler, in einer äußerst produktiven Phase seines Lebens.
Außerdem im Heft: Iron Maiden, The Afghan Whigs, Graham Nash, The Dead Daisies, Marco Mendoza und viele mehr…
Mehr als nur einmal standen Lynyrd Skynyrd im Lauf ihrer über 40-jährigen Karriere an der Grenze zwischen ewigen Jagdgründen und musikalischer Unvergänglichkeit. „Das legendäre Flair von Lynyrd Skynyrd wird auch noch zu spüren sein, wenn ihre Mitglieder bereits nicht mehr leben“, erklärte ihr Bassist Leon Wilkeson. Inzwischen weilt auch Wilkeson nicht mehr unter uns, seine Prognose aber scheint wahr zu werden: Diese Band ist eine Legende.
Unverzichtbar
Nuthin’ Fancy (1975)
Selbst wenn das Album keinen Hit à la ›Freebird‹ oder ›Sweet Home Alabama‹ enthält, streifen Lynyrd Skynyrd hier die künstlerische Vollkommenheit. NUTHIN‘ FANCY bietet sowohl handfeste Rocknummern (›Saturday Night Special‹ oder ›Whiskey Rock’n’ Roller‹) als auch saftige Blues’n’Country-Nummern, in denen ihr Fronter Ronnie Van Zant mit urwüchsigem Humor und rauem Stimmkolorit Geschichten von Freiheit und Abenteuern erzählt. Als ihm das Fell besonders stark juckt, lobpreist er den deftigen Umgang mit Frauen. Ein Auszug aus ›On The Hunt‹: „In those two things you must take pride, that‘s a horse and a woman, yeah, well, both of them you ride.“
One More From The Road (1976)
Gitarrist Ed King verlässt die Gruppe nach NUTHIN’ FANCY, für ihn spielt auf dem Live-Opus ONE MORE FROM THE ROAD der nicht minder versierte Steve Gaines. Die Presse attestiert der Band und ihrem im Juli 1976 im „Fabulous Fox Theatre“ in Atlanta aufgenommenen Album eine „beachtliche Technik und Rock-Qualität“ und lobt die ungeheure Vitalität, mit der Lynyrd Skynyrd in ihren Konzerten das Publikum faszinieren. Das grandiose Bühnendokument avanciert zum meistverkauften Album der Südstaatenrocker und erreicht Platin-Status. Lynyrd Skynyrds Motto: keine Gimmicks, dafür aber 100 Prozent Rock’n’Roll.
Wunderbar
Pronounced Leh-nerd Skin-erd (1973)
Lynyrd Skynyrd erweisen sich für ihre Plattenfirma als Glücksgriff. Mit dem von Al Kooper produzierten Erstwerk PRONOUNCED LEH-NERD SKIN-NERD, für das die Band nur 9.000 US-Dollar Vorschuss bekommt, landen sie ein Top-30-Album (inkl. Gold-Auszeichnung). Darauf enthalten: der fast zehnminütige Klassiker ›Freebird‹. Die Hommage für den im Oktober 1971 bei einem Motorradunfall tödlich verunglückten Duane Allman wird Skynyrds erster Hit. Speziell dieser Song offenbart mit seinem bluesigen Gesang und der furiosen (Lead-)Arbeit der drei Gitarristen gleich alle Stärken der Band.
Second Helping (1974)
Mit SECOND HELPING, dem zweiten Studioalbum, gelingt Lynyrd Skynyrd der Durchbruch, die Single ›Sweet Home Alabama‹ avanciert zur Südstaaten-Hymne. Mit den berühmten Textzeilen „Well, I heard Mr. Young sing about her, I heard ole Neil put her down, well, I hope Neil Young will remember, a southern man don’t need him around anyhow“ beantwortet Sänger Ronnie Van Zant auf bissige Weise Youngs ›Southern Man‹, in dem dieser es wagt, den amerikanischen Süden zu kritisieren. Die Single erreicht Platz acht der US-Charts, das Album Rang zwölf (und erreicht in der Folge erneut Goldstatus).
Twenty (1997)
Im Herbst 1997 veröffentlichen Lynyrd Skynyrd mit TWENTY ein in vielerlei Hinsicht programmatisches Album, auf dem sie musikalisch und thematisch den im Herbst 1977 beim Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Bandkollegen und Freunden Respekt zollen. TWENTY bietet Südstaaten-Rock in seiner ursprünglichsten Form und kann mit dem magischen ›Voodoo Lake‹, der Road-Hymne ›Home Is Where The Heart Is‹ und dem selbstbewussten Opener ›We Ain’t Much Different‹ zwei Höhepunkte ausweisen. Zudem beinhaltet ›Travelin’ Man‹ neben Vocals von Johnny Van Zant auch alte Aufnahmen von Ronnie.
Gimme Back My Bullets (1976)
Skynyrd schaffen das vierte Gold-Album in Folge und sind auf dem Zenit ihres kommerziellen Erfolges. Obwohl auf dem Album mit ›Searching‹ und ›Cry For The Bad Man‹ zwei weitere Hymnen zu finden sind, kann auch der erfahrene Produzent Tom Dowd erste Ermüdungserscheinungen nicht vollends ausbügeln. Sänger Ronnie Van Zandt erklärt zudem: „Die Haifische des Showbusiness’ sind hinter uns her. Aber wir verstecken uns in den Sümpfen und warten ab, bis wir noch besser sind.“ Dass ausgerechnet die Sümpfe Lynyrd Skynyrd drei Jahre später zum Verhängnis werden, ist bittere Ironie des Schicksals.
Anhörbar
Street Survivors (1977)
Die Versuchungen des Rockstar-Lebens haben Lynyrd Skynyrd im Griff: Die Musiker erinnern sich heute kaum mehr an die schwierige Produktion von STREET SURVIVORS, das unmittelbar vor dem Flugzeugabsturz veröffentlicht wird. Bassist Leon Wilkeson: „Wir tranken Whisky, prügelten uns des Öfteren und flogen hochkant aus den Hotels.“ Nach einem dieser Exzesse trägt Drummer Artimus Pyle einen Gipsverband am rechten Arm und kann seinen Part zu ›I Never Dreamed‹ nicht mehr alleine einspielen. Also teilen die Musiker in der Strophe die Schlagzeug-Passagen auf: Pyle spielt Congas, Steve Gaines übernimmt die Becken und Billy Powell die Hi-Hat.
Edge Of Forever (1999)
Kurz vor dem Jahrtausendwechsel setzen Lynyrd Skynyrd ihre Karriere laut und kraftvoll fort. War der Vorgänger noch eine unverkennbare Reminiszenz an vergangene Tage, verortet EDGE OF FOREVER die Band unmissverständlich im Hier und Jetzt. Einmal mehr frönen Lynyrd Skynyrd ihrem Faible für Country Rock und setzen stärker als zuletzt auch auf Grassroots-Einflüsse. Die aktuelle Bandbesetzung inklusive ihrer beiden talentierten Neuzugänge an den Gitarren, nämlich Rickey Medlocke (Ex- Blackfoot) und Hughie Thomasson (Ex-Outlaws), profitiert vor allem in den Vereinigten Staaten von der damaligen Renaissance der Rockmusik.
God & Guns (2009)
Obwohl von Lynyrd Skynyrds Urbesetzung nur noch Gitarrist Gary Rossington dabei ist – allein 2009 hat die Band gleich zwei Mitglieder verloren –, verändert sich der Sound nicht gravierend. Das liegt zum einem an Sänger Johnny Van Zant, dessen raue Stimme die Tradition der Gruppe perfekt repräsentiert. Zudem lassen sich Lynyrd Skynyrd auch auf dem neuen Album keinen Deut von ihrem urwüchsigen Songwriting abbringen. Zwischen Slide-Gitarre, Trucker-Anekdoten und rauem Charme schimmert die Südstaaten-Romantik, die man in dieser Konsequenz nur noch bei den Allman Brothers vorfindet, nicht nur leicht durch, sondern dominiert die neuen Songs.
Sonderbar
Christmas Time Again (2000)
Anstatt weiter an der Southernrock-Historie zu feilen, irritieren Lynyrd Skynyrd im Winter 2000 mit einer halbgaren Sammlung vermeintlich stimmungsvoller Weihnachtslied-meets-Rock-Schmonzetten. Zudem kommt es zur Kooperation mit 38 Special (›Hallelujah, It’s Christmas Time‹) und der Charlie Daniels Band (›Santa Claus Is Coming Home‹). Auch nicht viel besser. Genauso peinlich: Das Artwork inkl. Weihnachtsmann, der einen Geschenke-Pickup steuert. Zwar überbrückt das Album den Zeitraum EDGE OF FOREVER (1999) und VICIOUS CYCLE (2003), doch eine richtige Pause wäre sinnvoller gewesen.