Der niederländische Gitarrist Harmen Ridderbos und die finnische Violinistin Heta Salkolahti lernten sich in Innsbruck kennen. Als Straßenmusiker reisten sie im Sommer 2010 quer durch Europa. Ergänzt um Schlagzeuger Sietse Ros, ließen sie sich schließlich im niederländischen Groningen nieder. Praktisch, denn dort findet jährlich das Newcomer-Festival „Eurosonic“ statt, wo Town Of Saints bereits einige Branchenkenner auf sich aufmerksam machten. Nach zwei in Eigenregie veröffentlichten EPs folgt nun das Debütalbum. Darauf gibt es elf mitreißende Indie-Folk-Rock-Songs mit ebenso cleveren wie berührenden Texten. Getragen werden die Stücke von der kräftigen Stimme des Band-Leaders sowie dem Geigenspiel von Salkolahti. Die Beats und rotzigen Indie-Gitarren-Riffs sorgen dafür, dass das Ganze nicht in irische Folklore abdriftet. Vergleiche mit Arcade Fire und den Fleet Foxes sind zwar etwas hoch gegriffen, aber Town Of Saints ist mit SOMETHING TO FIGHT WITH ein sehr respektables Erstlingswerk gelungen.
Theater Of The Absurd – THE MYTH OF SISYPHUS
Nein, absurd ist es beileibe nicht, was dieses Theater da zelebriert, sehr wohl aber mutig. Die New Yorker Truppe bewegt sich generell im Bereich des vielschichtigen Prog Rocks, orchestriert ihre Songs mit dem üblichen traditionellen Rock-Gedöns (also inklusive Klavier und dröhnender Schweineorgel), erweitert aber sowohl ihren Gesang als auch so manche rhythmische Komponente mit Querverweisen an Metal und noch Derberes. Allerdings liegt in diesem ungewohnten Nebeneinander auch das Problem von THE MYTH OF SISYPHUS, denn so stimmig die Songs in sich auch sein mögen, insgesamt durchzieht die Scheibe eine gewisse Zerrissenheit. Als Hörer kann man sich nur schwerlich auf eine durchgehende Gemütsverfassung einlassen, zu sehr klaffen eingängige Szenarien und Momente von Disharmonie und Ansätze avantgardistischer Ausrichtung auseinander. Andererseits: Vielleicht brauchen Theater Of The Absurd einfach noch ein wenig Zeit, um eine eigene Identität ausformen zu können. Talent ist zweifelsohne vorhanden.
Spain – THE MORNING BECOMES ECLECTIC SESSION
Josh Haden ist eines dieser multitalentierten Geschwister aus der Familie Haden, alle Kinder des Jazz-Bassisten Charlie Haden. Josh begann seine Musiker-Laufbahn Ende der 80er mit seiner vorzüglichen SST-Post-Punk-Band Treacherous Jaywalkers. Anfang der 90er gründete er dann die deutlich ruhigere Band Spain, die zu einer ganzen Welle von schwermütigen Band-Neugründungen dieser Zeit gehörte. Zu den bekanntesten zählen Tindersticks und Lambchop, und irgendwo zwischen den beiden verortet sich auch Spains melancholischer, aber geerdeter Sound. Man mag von Unplugged-Alben halten was man will, aber diese Sorte Band profitiert von einem intimen Setting, was man auch auf diesem feinen Dokument einer Radio-Session für KCRW in Santa Monica hören kann. Begleitet wird Josh Haden nicht nur von den Spain-Mitgliedern, sondern auch von seinen drei Schwestern Rachel, Tanya und Petra an Violine, Cello und Backing Vocals. Petra Haden übernimmt für eine Gänsehaut erzeugende Strophe auf ›Spiritual‹ die Lead-Stimme. Und dieser Moment bringt die Magie dieses Mitschnitts ziemlich gut auf den Punkt. Hier musizieren Menschen, die sich seit Jahrzehnten gut kennen eine sehr intime, sanfte Musik in einem Setting, dass ihnen hörbar entgegenkommt. Fantastische Platte. Und auch der perfekte Einstieg für alle, die Spain noch nicht kennen. Nächstes Jahr gibt es dann auch ein neues Album.
Ski’s Country Trash – ROADSTOP IN HELL
So schlimm kann die Hölle nicht sein.
Der stämmige Amerikaner mit Wahlheimat Nürnberg und flächendeckend farbenfroher Dermis beackert seit einigen Jahren mit respektablem Erfolg die Nische des Gossen-Elvis aus der Rockabilly-Klitsche. Ein spezielles Publikum, aber ganz offensichtlich auch ein treues, das sich nun auf Verstärkung freuen (oder darüber ärgern) darf. Denn der liebe Herr Ski steckt seinen großen Zeh bei seiner Pinkelpause in der Hölle auch mal in weiter umzäunte Gefilde. Sein knorriger Charme bleibt dabei unangetastet, das promillige Augenzwinkern ist immer mit an Bord. Aber man muss schon mal richtig aufhorchen, wenn etwa das knackige ›The Price‹ in einem fulminanten Ende mit Quasi-Blastbeats kulminiert und immer wieder auskeilende Stilschlenker die Sache spannend halten. Unterm Strich bleibt die Fuhre zwar letztlich doch meistens im rumpelnden Country-Rock-Fahrwasser, doch es entbehrt nicht einer gewissen Faszination, wie dieser Mann einen kantigen Hybriden aus Elvis, Meat Loaf, Iggy Pop und Heino erschaffen hat.
Vista Chino – Kyuss mir den Arsch
Viele Hässlichkeiten wurden im Streit um das Erbe der vielleicht verehrtesten Band der 90er ausgetauscht. Doch allen Streitigkeiten zum Trotz ist John Garcia optimistisch, dankbar und voller Tatendrang geblieben. Das neueste Kapitel in der wendungsreichen Geschichte des Sängers wird aufgeschlagen und verheißt viel Gutes.
Natürlich sollte jeder anspruchsvolle Rockliebhaber bestens mit der Vita dieser einzigartigen und bahnbrechenden Band vertraut sein, doch für alle, die Mitte der 90er entweder noch zu jung waren, um diesen erdbebenartigen Sound mitzuerleben, oder so alt, dass der Grunge und/oder die Techno-Revolution sie angewidert von allem Neuen die Scheuklappen aufsetzen ließ, hier noch mal eine kurze Zusammenfassung: Kyuss entstanden Ende der 80er in der kalifornischen Wüste und wurden daher prägend für den sogenannten Desert Rock. Vier Alben erschienen zwischen 1991 und 1995, die letzten drei davon (BLUES FOR THE RED SUN, WELCOME TO SKY VALLEY und …AND THE CIRCUS LEAVES TOWN) gelten mit ihrem unverwechselbaren Klang aus urzeitlich tiefem Bass, Kettensägen-Riffs, seismischem Schlagzeug und neblig verwischten Vocals als absolute Meisterwerke. Auch live galten Kyuss als Naturereignis, und obwohl ihre Plattenverkäufe nie für Edelmetall reichten, wurden sie so kultisch verehrt, dass eine deutsche Musikzeitschrift sich 1995 nach dem Split genötigt sah, eine Petition zur sofortigen Reunion der Band ins Leben zu rufen – und mehrere Tausend Unterschriften sammeln konnte.
Was folgte, ist einigermaßen bekannt: Josh Homme wurde mit seinen Queens Of The Stone Age, Them Crooked Vultures und der prominentesten Buddy-Liste des gesamten Business zum ultimativen „cool dude of rock“. Der Rest der Band dagegen segelte in weniger lukrative Gefilde. Frontmann John Garcia gründete die Bands Unida, Slo-Burn und Hermano, kollaborierte mit Danko Jones und The Crystal Method und versucht seit 1999, sein Soloprojekt in trockene Tücher zu hüllen. Doch dann kam ihm seine alte Band noch mal in die Quere…im positiven wie negativen Sinne.
2010 kündigte er an, mit dem Projekt Garcia Plays Kyuss Europa zu beglücken. Der Mythos solle noch einmal aufleben und in Europa war die Fanbase immer am stärksten gewesen. Eine zufällige Begegnung mit den Ex-Kollegen Nick Oliveri und Brant Bjork bei einem Festival lenkte das einmalige Vorhaben jedoch in andere Bahnen. Man stand seit vielen Jahren wieder zusammen auf der Bühne, die Magie war wieder da, Kyuss Lives! waren geboren. Was ursprünglich als Vehikel geplant war, das Soloprojekt Garcia Vs. Garcia zu promoten, entwickelte unverhoffte Eigendynamik, wie John erklärt: „Ich fuhr nach L.A., um mit Brant für die Kyuss-Lives!-Tour zu proben, und jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause kam, sagte ich zu meiner Frau: ‚Ich kann einfach nicht glauben, wie sehr ich es liebe, mit diesem Typen zusammenzuspielen!‘. Brant Bjork ist ein echtes Mysterium, niemand macht irgendwas so, wie er es macht. Aber es ist eine Ehre, ihn zu kennen und mit ihm Musik zu machen.“
Tom Keifer – THE WAY LIFE GOES
19 Jahre sind seit dem letzten Cinderella-Opus STILL CLIMBING vergangen. In dieser Zeit gab es einige Greatest-Hits-Tourneen von Tom Keifer & Co., er verlor seine Stimme und die Ärzte bescheinigten ihm das komplette Aus seiner Karriere. Keifer hielt durch, schrieb Songs und schaffte es dank des Gesangsunterrichts von Ron Anderson zurück vors Mikrofon. Mit THE WAY LIFE GOES zelebriert er jedoch nicht nur eine einfache Rückkehr oder einen ersten Gehversuch als Solokünster, er veröffentlich damit das vielschichtigste Werk seines bisherigen Schaffens. Die Bandbreite reicht von „Cinderella-Rockern“ (logisch) über Blues (naheliegend) bis zu einer ordentlichen Portion Country (überraschend). Es ist schon fast etwas gespenstisch, mit welcher Leichtigkeit Tom Keifer aus jedem der 14 Stücke das Maximum an perfektem Songwriting herausholt. Textlich bewegt sich der Cinderella-Shouter ohne Übertreibung auf Augenhöhe mit dem „Who Is Who“ des Storytellings.
Jon Lord – CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA
Abschiedsgeschenk: Lords CONCERTO, erstmals als Studioaufnahme.
Einst markierte es eine Zeitenwende bei Deep Purple: Das CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA, 1969 live eingespielt und 1970 veröffentlicht, bedeutete den Schlusspunkt von Jon Lords Klassik-Experimenten innerhalb der Band – fortan veröffentlichte er entsprechende Werke als Soloalben, während Deep Purple in Richtung Hard Rock marschierten. Live wurde die innovative Fusion von großem Orchester und Rockband mehrfach aufgeführt, eine Studiofassung nahm erst im vergangenen Jahr Gestalt an – Jon Lords Abschiedsgeschenk an die Musikwelt, fertiggestellt kurz vor seinem Tod. Wer die Urfassung kennt, nimmt deutliche Unterschiede war: Sowohl Orchester als auch Rockband gehen kompakter zu Werke, dynamischer, mehr auf den Punkt. Unterstützung erhielt Jon Lord in Person des derzeit offensichtlich allgegenwärtigen Joe Bonamassa, von Steve Morse und Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson, allesamt kompetente Mitstreiter, die ausführlich Gelegenheit bekommen, ihre Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Doch im Mittelpunkt steht noch immer die Komposition, das eindrucksvolle Wechselspiel von orchestralem Klangkörper und Rockband. Praise the Lord!
The Darkness – HOT CAKES
Die meisten Menschen sind sich wohl immer noch nicht sicher, ob The Darkness ein Comedy-Act oder eine Rockband sind. Der Bauchplatscher, den ihr zweites Album nach dem kometenhaften Aufstieg hinlegte, mündete in Exzessen, bösem Blut und Auflösung, ohne dass die Frage je zufriedenstellend beantwortet worden war. Erstaunlich, wie schnell es aber auch niemanden mehr interessierte. Im Neuanlauf 2012 nun kristallisiert sich eine Band heraus, die mit großzügigem Einsatz von Justin Hawkins’ Kieksfalsett und absurden Glam-Chav-Outfits immer noch gekonnt auf die Lachmuskeln zielt. Doch was die Band schon immer beteuerte, nämlich dass man die Musik an sich absolut ernst nehme, wird hier eindrucksvoller denn je bewiesen. Die Briten knallen uns hier eine euphorische Hardrockhymne nach der anderen vor den Latz, zeigen Refrain um Refrain, wie perfekt sie das Spiel auf der Stadionrockklaviatur beherrschen. ›Nothing’s Gonna Stop Us‹, ›Forbidden Love‹, ›With A Woman‹ und das unfassbare ›Livin’ Each Day Blind‹ sollten allen Zweiflern den Zynismus aus dem Zerebrum prügeln. Man kann in ihnen die perfekte Mischung aus Kiss, Spinal Tap, Queen, den Ramones und den Bee Gees sehen, aber auf HOT CAKES treten sie vor allem als eines auf: fantastische Musiker. Der Titel bedeutet so viel wie „warme Semmeln“…hoffen wir, dass diese Absichtserklärung die entsprechende Würdigung erhält.


