Titelstory: Guns N’ Roses – The Most Dangerous Reunion In The World

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Titelstory: Guns N’ Roses – The Most Dangerous Reunion In The World

slash

In der Zwischenzeit entfernt sich Steven immer mehr: „Bei den Proben fühlte ich mich wie aus dem Songwriting-Kreis ausgeschlossen. Plötzlich fand der Ideenaustausch nur noch zwischen Duff und Slash statt.“ Und Duff findet neben dem Schrauben an ›Civil War‹, ›Pretty Tied Up‹ und ›Get In The Ring‹ eine andere Beschäftigung: „Wir waren verdammt angepisst, also begann ich, immer mehr zu trinken.“ Als Axl endlich für zwei verbliebene Studiotage auftaucht, will er ausschließlich an seinem neuen Opus ›November Rain‹ arbeiten. Doch damit nicht genug, gibt er mit einer weiteren Aktion ungewollt den Startschuss zu Izzys langem Abschied, so Duff: „Axl zoffte sich mit einem Mädchen, mit dem wir uns angefreundet hatten, und schlug unsere Unterkunft kurz und klein – genau an dem Tag, an dem Izzy kam. Der geht die Treppe rauf, sieht die Verwüstung (ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Pülverchen, die überall verteilt waren), macht auf der Stelle kehrt und haut ab.“

Das Gleichgewicht des Bandgefüges gerät immer weiter ins Wanken. Axl be­­steht auf einen zusätzlichen Mann, Dizzy Reed, der dem Sound am Piano und den Percussions mehr Fülle verleihen soll, ganz besonders zum Missfallen von Slash. Außerdem leiden die ohnehin unsteten Aufnahme-Sessions unter Stevens fortschreitendem Drogenproblem: „Irgendwann überschritt er eine Grenze, diese un­­sichtbare Linie, die bei uns herrschte. Er durchbrach sie an dem Punkt, als er nicht zu den Proben und Aufnahmen aufkreuzte. Das gab es bei uns nicht! Wir hatten wirklich eine wahnsinnige Arbeitsmoral. Da waren Studiosessions von 16 Stunden keine Seltenheit.

Steven tauchte einfach nicht mehr auf und wenn er doch kam, dann nickte er hinter dem Schlagzeug ein. Wir warnten ihn und machten ihm klar, dass wir das nächste Album ohne ihn machen würden, wenn er seinen Part nicht auf die Reihe bekommt. Wir dachten, das würde ihm genügend Angst machen“, so Duff. Doch die Sucht nach Heroin und Kokain ist größer als die Angst, und so läuft Steven Adler am 7. April 1990 ein letztes Mal mit Guns N’ Roses auf dem „Farm Aid“-Konzert in Indianapolis grinsend auf die Bühne…, stolpert und fällt beinahe in sein Schlagzeug. Drei Monate danach wird er offiziell gefeuert und von dem von Slash gescouteten The-Cult-Drummer Matt So­­rum ersetzt, für den es direkt in die Drum-Kabine für die UYI-Aufnahmen geht. Steven Adler wird auf dem Zwillingsalbum nur bei einem einzigen Stück, ›Civil War‹, zu hören sein.

Jetzt geht die Produktion der weltweit ersehnten Veröffentlichung voran, doch die Kluft zwischen Izzy und dem Rest wird mit steigender Schlagzahl des Promi-Dampfhammers Guns N’ Roses immer größer. „Von ihnen allen empfand Izzy das Dasein als Celebrity und den Ruhm am ermüdendsten und wertlosesten. Das alles engte sein Rock’n’Roll-Herz ein“, so Alan Niven. Ihre erste Headliner-Welttournee hat gerade begonnen, da wird ausgerechnet Niven, der in Izzy immer das Herz und die Seele von GN’R sah, auf Drängen von Axl von seinem Posten als Manager gefeuert und von Tourmanager und Rose-Fürsprecher Doug Goldstein ersetzt. Damit sind Stradlins Tage in seiner persönlichen Tretmühle gezählt. Drei Monate später bringt er im Londoner Wembley Stadium seine letzte Guns-Show hinter sich. Im November 1991 verlässt er die Gruppe und wird von Gilby Clarke ersetzt.

Davor erscheinen noch USE YOUR ILLUSION I und USE YOUR ILLUSION II, ein Novum in der Musikgeschichte: Der gigantische, aus zwei seperaten CDs beziehungsweise Doppel-Vinyls bestehende Zwillings-Release sorgt am 16. September in Europa und einen Tag darauf in den USA für volksfestartige Szenen vor und in den Plattenläden. Unter den insgesamt 30 Songs befindet sich noch eine letzte Abschiedsüberraschung von Axl, die er Izzy, aber auch Duff und Slash vor die Lätze knallt: Von ›My World‹, einem 1:26-Industrial-Psycho-Rap des egozentrischen Front-Maniacs, der das letzte Lied auf USE YOUR ILLUSION II darstellt, erfahren sie alle erst, als sie das fertige Produkt aus dem Presswerk in Händen halten.

Und der Ego-Wahn von Axl geht weiter: Slash und Duff widmen sich immer mehr toxischen Substanzen, während die Giga-Stadiontour trotz höchster Kartenverkäufe beinahe mehr Geld verschlingt als einbringt und deshalb immer weiter verlängert werden muss. Ursache für die Misswirtschaft sind Strafzahlungen aufgrund Axls häufigen Zuspätkommens, bisweilen sogar Materialschäden, verursacht durch Ausschreitungen der Fans. Und die werden immer öfter, wie etwa in St. Louis und später Montreal, durch Axls unberechenbares Verhalten provoziert.

Zwar folgt der Abschluss-Show in Buenos Aires im Herbst des selben Jahres noch die halbgare Punkrock-Cover-Platte THE SPAGHETT INCIDENT?, allerdings ist die Luft bereits raus und Axl schreitet mit größer werdenden Schritten dem Ziel entgegen, Guns N’ Roses zu seinem alleinigen Konstrukt zu machen. Die Unterzeichnung eines Vertrags im Sommer 1995, der Axl die Rechte an der Nutzung des Namens Guns N’ Roses zuschreibt, gleicht einer Kapitulation von Duff und Slash. Es vergeht noch ein Jahr, bis Slash bei einem Interview mit Piers Morgan von CNN diese letzten kargen Worte zu Axl spricht: „Das war’s für mich.“ Im August 1997 tut Duff es ihm gleich.

Was folgt, sind 18 – besonders für die Fans – lange Jahre ungebrochenen Schweigens zwischen Axl und Slash. Bis vor einigen Wochen das für unmöglich Gehaltene doch tatsächlich Realität wird.

 

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