Titelstory: Guns N‘ Roses – The Most Dangerous Reunion In The World

„Once there was this rock’n’roll band rollin‘ on the streets, time went by and it became a joke“ * – Desillusionierung und das Ende des Höhenflugs

*Aus dem Song ›Pretty Tied Up‹ (1990). Text: Izzy Stradlin.

17. Juli 1993, Buenos Aires, Argentinien. Im gigantischen Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti, besser bekannt als River-Plate-Stadion, haben Guns N‘ Roses soeben den Schluss-Akkord ihres frühen Hits ›Paradise City‹ gespielt und so mit 192 absolvierten Shows und 27 besuchten Ländern in 26 Monaten laut Guinness-Buch-Eintrag die längste Tournee aller Zeiten beendet. Sie sind fertig, fertig mit ihrer Show, fertig mit ihrer Welttournee, fertig miteinander. Izzy und Steven sind längst nicht mehr dabei und selbst, wenn es Duff, Slash und Axl zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollends bewusst ist, sind bereits zu viele Dinge im Rausch (des Erfolgs) geschehen, um die Zerwürfnisse innerhalb der Band noch überwinden zu können – und einige weitere werden noch folgen.

APPETITE FOR DESTRUCTION war ein Spätzünder. Beinahe schien es, dass die Skeptiker recht behalten sollten. „So viele Leute sagten: ‚Aus denen wird nie was!‘ Sie meinten, die Platte sei zu sehr Punk Rock mit zu vielen ‚Fucks‘. Niemand verstand, warum Geffen uns unter Vertrag genommen hatte“, erinnert sich Duff McKagan. Doch unter der Führung – oder eher unter der Aufsicht – des 1986 von Tom Zutaut engagierten Managers Alan Niven, der bereits den Sex Pistols zu einem Major-Deal verholfen hatte, waren nur einige Support-Tourneen mit etablierten Künstlern wie The Cult und Mötley Crüe, zwei Europa-Stippvisiten und neun Monate und zwei Tage voller Geduld gefordert, bis der Erstling von Guns‘ N Roses endlich in die Billboard-Top-Ten eintrat. Nachdem sie mit ›Welcome To The Jungle‹ ein erstes Musikvideo bei MTV platzieren konnten, ist es der Clip zur einzigen Power-Ballade auf AFD, der den Gossen-Sleaze zum Massen-Phänomen macht. ›Sweet Child O‘ Mine‹, alsbald auf Heavy-Rotation im Programm des noch jungen Musikfernsehens, wird am 3. Juni 1988 die erste Nummer-eins-Single der Gunners und erweitert so das Publikum von Rockern, Metallern und Punks um praktisch jeden weiteren Popmusik-Konsumenten.

Jetzt kommen auch die großen Idole Aerosmith nicht mehr an ihnen vorbei und nehmen sie Mitte Juli mit auf ihre „Permanent Vacation-Tour“. Zu diesem Zeitpunkt haben GN’R gerade 250.000 Alben verkauft. Am 6. August 1988 nimmt APPETITE FOR DESTRUCTION die Spitze der Album-Charts ein, und als die vierwöchige Rutsche mit Steven Tyler und Co. beendet ist, sind schlagartig mehr als 2.000.000 verkaufte Exemplare auf der Habenseite. Der Schneeball namens Guns N‘ Roses hat volle Fahrt aufgenommen, doch praktisch im selben Moment tauchen die ersten Risse im Bandgefüge auf.
Mit der Concorde geht es in Überschallgeschwindigkeit triumphal erneut nach Europa; eine Reise, die in einer Tragödie endet. Bereits vor ihrem Durchbruch nur für einen Nachmittags-Slot zwischen Helloween und Megadeath auf dem Monsters Of Rock Festival im englischen Castle Donington gebucht, werden sie von den Fans wie der geheime Headliner erwartet.

Arlett Vereecke, damals der persönliche Pressesprecher der Band, blickt zurück: „Als die Guns rausgingen, drängten die Leute in Richtung Bühne und wurden erdrückt. Es war entsetzlich. Erst später erfuhren wir, dass zwei Menschen dabei gestorben waren.“ Von da an waren Guns N‘ Roses – auch dank der englischen Yellow-Press – endgültig als „The Most Dangerous Band In The World“ verschrien; ein Brandmal, das ihnen persönlich nicht ausschließlich ein „cooles“ Image bescherte. Die fünf hatten mit schweren Schuldgefühlen zu kämpfen. Zwar verstanden sie, dass sie nicht „dafür verantwortlich waren, jedoch glaube ich, dass das ihre Exzesse befeuert hat. Es ist schwer genug, wenn du durch die Decke gehst und dich die Leute auf einmal verehren. Als dann dieser Schicksalsschlag noch obendrauf kam, benutzten sie den Alkohol und die Drogen als Krücke, um das alles zu überstehen“, so Tom Zutaut.

Weder körperlich noch mental in der Lage, die steigende Nachfrage nach neuem Material zu stillen, müssen die Gunners und ihr Team Zeit gewinnen. Auf Zutauts Vorschlag hin wird der Eight-Track GN’R LIES noch im November 1988 hastig auf den Markt geworfen. Mit all dem gegenwärtigen Aufruhr spielend, proklamiert das Artwork in Klatsch-Presse-Optik „The Sex, The Drugs, The Violence: The Shock­ing Truth!“. Tatsächlich bekommen die Fans die vier gefakten Live-Mitschnitte, die 1986 für die EP LIVE ?!*@ LIKE A SUICIDE im Studio aufgezeichnet und mit Publikums-Geräuschen angereichert wurden sowie vier halbakustische Stücke.

Eines davon, ›Patience‹, eilt schon bald ›Sweet Child O‘ Mine‹ hinterher und landet auf einem überragenden zweiten Platz der Singles-Charts. Dieser beschert den jungen Helden sogleich einen Auftritt bei den American Music Awards. Erneut liegen Freud und Leid bei Guns N‘ Roses näher zusammen als bei sonst einer Band, und die Auswirkungen des ausufernden Drogenmissbrauchs auf das Personal der Gruppe wird erstmals öffentlich sichtbar. Am Schlagzeug sitzt an diesem Abend ein durchaus bekanntes Gesicht, nicht aber Steven Adler: Es ist Ex-Eagles-Drummer Don Henley, der Steven ersetzt, weil dieser sich auf Entziehungskur befindet – dumm nur, dass der nichts davon weiß: „Als ich zurückkam, fragte mich jemand, warum ich nicht auf den Awards aufgekreuzt bin. Ich hatte keine Ahnung, wovon zur Hölle er da sprach. Ich kann nicht einmal im Ansatz dieses Gefühl von Verrat beschreiben“, so der tief getroffene Schlagzeuger.

Diese Begebenheit ist allerdings nur der erste Fall von Entfremdung, die schon bald wie ein Geschwür in Guns N‘ Roses wu­­chern wird. Der nächste davon befallene Patient: Izzy Stradlin. Nachdem er Probleme mit dem FBI bekommen hat, weil er auf einem Nichtraucher-Flug von Indiana nach L.A. geraucht und sich zudem in betrunkenem Zustand im Mittelgang der Maschine erleichtert hat, tritt auch er einen dringend nötigen Entzug an. Izzy: „Das war mein Tiefstpunkt. Ich sagte mir: Hey, ich muss etwas ändern. So funktioniert das nicht mehr für mich.‘ Also wurde ich clean.“ Der so geläuterte Gitarrist reist danach zur übrigen Band nach Chicago, wo diese seit Wochen versucht, Songs für das zu schreiben, was irgendwann einmal USE YOU ILLUSION I und II werden soll. Dort läuft es aber auch alles andere als rund. Axl, dessen Idee das Songwriting-Exil ursprünglich war, verspätet sich gerade einmal um lächerliche sieben Wochen und fünf Tage, wo­­­mit sich auch ein bestimmtes Rose’sches Verhaltensmuster immer drastischer ausprägt.

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