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Start Blog Seite 417

Kraan – SANDGLASS

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Kraan werden ihrem guten Ruf erneut gerecht

Sie galten in den 70ern als Inbegriff des guten Geschmacks und sind es zweifelsfrei bis heute geblieben: Kraan gehören nachweislich zu den besten deutschen Rockbands der zurückliegenden 50 Jahre und haben mit SANDGLASS ein weiteres Album von unfassbar hoher Qualität aufgenommen. Dem Hörer stehen sprichwörtlich Mund und Ohren sperrangelweit offen, wenn dieses clevere, coole, rhythmisch bis ins kleinste Detail ausbaldowerte und mit einer Vielzahl exzellenter Hooks ausgestatte Werk Fahrt aufnimmt. Mich erinnert SANDGLASS ein wenig an Kraans 75er Meisterwerk LET IT OUT, als die Band ihren geschmackvollen Jazz/Fusion-Rock mit poppigen Accessoires verzierte und neue Klangwelten (und Zuhörerschaften) erschließen konnte. Sieben der 13 Songs sind übrigens mit Gesang, und auch der ist wie alles bei Kraan: magisch!

9 von 10 Punkten

Kraan, SANDGLASS, BROKEN SILENCE/36MUSIC

Dawes – GOOD LUCK WITH WHATEVER

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Kunsthandwerk ist eben nicht gleich Kunst

Taylor Goldsmith, der Frontmann der Dawes, ist auch gefragter Sessionmusiker. Für Jackson Browne, John Fogerty und T Bone Burnetts NEW BASEMENT TAPES war er u. a. im Studio, an Songs für Conor Oberst und Brandon Flowers hat er mitgeschrieben. Der Mann ist Vollprofi, Kenner, perfekter Handwerker. Auf dem weitreichenden Gebiet zwischen Folk und Alternative Rock weiß er die Position von jedem einzelnen Kieselstein, wie ein hier aufgewachsener Naturbursch-Bergführer. Für seine Band Dawes ist das ein Segen, aber auch ein Fluch. Beim sechsten Album des Quartetts sitzt erwartungsgemäß jeder Ton richtig, Arrangement und Produktion sind makellos ausgefeilt und machen alles richtig. Die Dawes positionieren sich genau in der Mitte zwischen The Posies und Tom Petty, liefern klassischen Midtempo-Rock mit exakt genug Schmirgelpapier-Sandigkeit, dass man die Platte auch gerade noch so ins „Indie“-Fach stellen kann. Was bei all diesem Klassizismus aber fehlt, ist Überraschung. Ein unorthodoxer Moment, ein Aufhorcher, der Leben in die Bude brächte.

6 von 10 Punkten

Dawes, GOOD LUCK WITH WHATEVER, CONCORD/UNIVERSAL

Bon Jovi – 2020

Stimme gefunden

Bei den letzten Live-Shows war die stimmliche Leistung von Jon Bon Jovi durchaus fragwürdig. Auf dem neuen Album 2020 ist sie tiefer, aber tadellos. Man kann fast sagen, dass Jon seine klangliche und spirituelle Stimme gefunden hat. Und es ist eine kritische amerikanische Stimme, immer noch voller Energie und Empathie. So ist ›Do What You Can‹ von der Melodie zwar happy, vom Text her mit Lockdown-Bezug zeitgemäß und mit „when you can’t do what you do do what you can“ hoffnungsvoll.

Oder ›American Reconing‹: Hier werden der Tod von George Floyd, Polizeigewalt, Rassismus und die Black-Lives-Matter-Bewegung thematisiert. Absichtlich oder nicht – die Ballade ist besonders sonor gesungen. Angesichts eines Stückes wie ›Story Of Love‹ über Kinder und Eltern würden die einen vielleicht von Altersmilde sprechen, Altersweisheit trifft es eher. Unbeschwerte Partyrocker sucht man auf 2020 vergebens, wenngleich die Mainstream-Melodie ›Let It Rain‹ durchaus hitverdächtig und hymnisch klingt. ›Blood In The Water‹ hat sogar was von ›Dry County‹ von KEEP THE FAITH. Bei ›Brothers In Arms‹ kommt dann zumindest ansatzweise der Hardrock früherer Tage durch. Das finale ›Unbroken‹ über Soldaten wirkt pathetisch, aber bedeutungsvoll. Und passt vom Titel her zumindest metaphorisch zum neuen Album. Bon Jovi sind schon lange nicht mehr die Hairoen von früher, gebrochen sind sie aber noch lange nicht. Und wenn klanglich schon nicht mehr ganz so von Belang, zumindest lyrisch bedeutsamer als früher. Fazit: im Ganzen ruhiger, aber dafür relevanter.

7 von 10 Punkten

Bon Jovi, 2020, UNIVERSAL

The Jaded Hearts Club mit YOU’VE ALWAYS BEEN HERE

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Super (Party-) Group

Der Begriff „Supergroup“ wird abermals strapaziert. Cream waren seinerzeit vermutlich die erste. Gefolgt von Blind Faith, Humble Pie, Emerson, Lake and Palmer, Asia, GTR, Traveling Wilburys, Chickenfoot, Them Crooked Vultures und Black Country Communion. Nicht immer geht das Konzept auf, wie die unsäglichen Super Heavy (mit Mick Jagger, Dave Stewart und Joss Stone) oder XYZ (Jimmy Page und Robert Plant von Led Zeppelin zusammen mit Chris Squire und Alan White von Yes) bestätigen.

Oft zusammengestellt in den Köpfen von Managern und Plattenfirmen, die hier den großen Zaster vermuten. Der Jaded Hearts Club, eine „Partyband“, entstand auf ganz anderem Wege. Bestehend aus den Sängern Miles Kane (The Last Shadow Puppets) und Nic Cester (Jet), den Gitarristen Graham Coxon (Blur) und Jamie Davis sowie Matt Bellamy von Muse am Bass plus The-Zutons-Trommler Sean Payne, gründete Davis sie vor drei Jahren als Cavern-Club-Ära Beatles-Cover-Band. Die erste Show fand auf seiner eigenen Geburtstagsparty statt. Die zweite sorgte für wesentlich mehr Furore, denn Stella McCartney bat zum Tanz auf einer ihrer Fashion Shows. Quincy Jones, Katy Perry, James Corden und Ringo Starr standen im Publikum, als ein gewisser Paul McCartney die Bühne betrat, um mit den Jaded Hearts ›I Saw Her Standing There‹ und ›Helter Skelter‹ zu intonieren.

Bellamy und Davis entwickelten die Band danach weiter, Bellamy produzierte. Die Band beschloss, sich in erster Linie auf die Aufnahme verlorengegangener Klassiker aus der Welt des englischen Northern Soul zu konzentrieren, ergänzt durch rohe, gefühlvolle Aufnahmen einiger berühmter Standards aus dieser Zeit. Bellamy und Davis gingen bei der Recherche, welches Material sie für das Album aufnehmen sollten, Hunderte von Liedern durch.

Den ersten Vorgeschmack auf das Projekt (mit Miles Kane als Leadsänger) bot eine raue Rock’n’Roll-Aufnahme eines Klassikers des Northern Soul, des 1962 von den Isley Brothers aufgenommenen Songs ›Nobody But Me‹. Gefolgt von ›The Love Starved Heart Of Mine (It’s Killing Me)‹, ein bis 1994 verloren geglaubter Marvin-Gaye-Track mit Nic Cester am Mikro. Unterm Strich ist das keine revolutionäre Offenbarung, aber sehr charmant, musikhistorisch wertvoll und um Klassen besser als die Muse-Ausfälle der letzten Jahre. Ein Spaß-Projekt.

Drive-By Truckers – THE NEW OK

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Das Licht nach dem Dunkel

Viel von dem, was die Southern Rocker gegenwärtig antreibt, hat mit aktuellen Geschehnissen zu tun. Der Titelsong entstand vor ein paar Monaten in Portland. Patterson Hood zweifelte dort an der staatlichen Ordnung in seiner Heimat: „Goons with guns coming out to play, it’s the battle for the very soul of the USA“. Ähnlich düster sieht er es in ›The Perilous Night‹: „Fourth Reich in khakis is beckoning, both ends burning to the reckoning“. Es geht um den Aufmarsch der Rechten in Charlottesville. Man mag von politischer Meinung im Rock dieses oder jenes halten. Einem formulierungsbegabten Zeitzeugen wie Hood hört man aber schon begierig zu, außerdem lösen sich die Truckers von gewohnten Mustern.

Für ›Sea Island Lonely‹ vertiefen sie sich in einen Soul, der mit dem eines Al Green oder Allen Toussaint zu tun hat. ›Sarah’s Flame‹ ist der einzige Song von Mike Cooley, klingt besonnen und handelt von Sarah Palin, einer Vorbotin für das Wesen Trumps. Die Band covert sogar ›The KKK Took My Baby Away‹ von den Ramones. Es ist eine Punk-Trotzreaktion, Bassist Matt Patton trifft den Tonfall von Joey. Hier und auch sonst spürt man eine Gelöstheit, sie markiert einen spannenden Kontrapunkt zur intensiven Therapie auf THE UNRAVELING vorher. Die Truckers halten das hohe Niveau, auf andere Weise.

8 von 10 Punkten

Drive-By Truckers, THE NEW OK, ATO RECORDS/PIAS/ROUGH TRADE

Robert Plant – DIGGING DEEP – SUBTERRANEA

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Anspruchsvoll

40 Jahre nach dem Ende von Led Zeppelin hat Robert Plant einen neuen Job. Anlässlich der dritten Runde seiner enorm beliebten Podcast-Staffel Digging Deep with Robert Plant gibt es mit DIGGING DEEP – SUBTERRANEA erneut eine Zusammenstellung aus Plants Soloarbeit der vergangenen vier Jahrzehnte. 30 Songs auf zwei CDs versammelt Plant solo, mit der Band Of Joy, Strange Sensation und den Sensationell Space Shifters. Soweit so gewöhnlich, eine weitere Compilation mit Plants Soloergüssen, so schön sie auch sein mögen, braucht niemand zwingend. Zumal man sich das seit einigen Jahren auch bequem selber zusammenbasteln kann. Wären da nicht die drei zuvor unveröffentlichten Beiträge, die DIGGING DEEP – SUBTERRANEA zu einem must-have machen. Darunter das einst als Soundtrack-Beitrag vorgesehene ›Nothing Takes The Place Of You‹ (ruhig, mysteriös, wunderschön), ›Charlie Patton Highway (Turn It Up, Pt. 1)‹, ein Track vom kommenden BAND OF JOY VOLUME 2-Album, sowie das spektakuläre Duett mit Plants ehemaliger Freundin Patty Griffin, ›Too Much Alike‹. Der Waschzettel spricht von acht Soloalben. Was natürlich völliger Quark ist, es sind derer zwölf, denn die Tracks von BAND OF JOY, MIGHTY REARRANGER, LULLABYE… und CARRY FIRE sind ebenso dazugehörig wie die Nummern von PICTURES AT ELEVEN, THE PRINCIPLE OF MOMENTS, SHAKEN ’N’ STIRRED, NOW AND ZEN, MANIC NIRVANA, FATE OF NATIONS und DREAMLAND. Lediglich die Zusammenarbeit mit Alison Krauss, RAISING SAND, fehlt hier komplett. Auch wenn der geneigte Fan natürlich mit Plants Solomaterial mehr als vertraut ist, so ist es doch immer wieder ein Genuss, Plant bei seiner abwechslungsreichen Arbeit zuzuhören. Nicht alles ist zwangsläufig gelungen (SHAKEN ’N’ STIRRED und einen Großteil von NOW AND ZEN kann man vernachlässigen), aber Plants abenteuerliche Reise durch die musikalische Welt ist hörenswert wie kaum eine andere. Immerhin ist er derjenige aus dem Hause Zeppelin, der regelmäßig auch heute noch hervorragende Alben veröffentlicht. Nicht ganz so aufregend wie die SIXTY SIX TO TIMBUKTU-Zusammenstellung von 2003, aber dennoch empfehlenswert.

9 von 10 Punkten

Robert Plant, DIGGING DEEP – SUBTERRANEA, ES PARANZA/RHINO/WARNER

Text: William Miller

Pink Floyd: ATOM HEART MOTHER

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Zum 50. Geburstatg von ATOM HEART MOTHER ein kurzer Rückblick auf das Album.

Am 2. Oktober 1970 erschien in den UK das fünfte Studioalbum von Pink Floyd, in den Staaten erblickte ATOM HEART MOTHER acht Tage später das Licht der Öffentlichkeit. Die Platte wurde in den Abbey Road Studios in London aufgenommen und kletterte als erstes Floyd-Album auf Platz eins der Albumcharts in den UK.

„Musikalisch gesehen reihen Waters, Gilmour, Wright, Mason und Sound-Designer Ron Geesin die erste LP-Seite über einen Instrumentalpart an den nächsten, addieren Cello, Blechblas-Instrumente oder Chorgesänge und produzieren alles in einem aufwändigen Vierkanal-Quadrophonie-Verfahren. Manches misslingt. Der finale Track ›Alan‘s Psychedelic Breakfast‹ bleibt ein 13-minütiger fragmentarischer Irrtum, während Stücke wie ›Summer ´68‹, vor allem aber ›Fat Old Sun‹ jenen Gilmour andeuten, der bereits ein Album später auf MEDDLE zu mehr Genialität aufsteigt.“ (Matthias Mineur)

Weder Roger Waters noch David Gilmour sind große Fans von ATOM HEART MOTHER. In einem Interview mit BBC meinte Waters 1984 einmal: „Wenn jemand heute zu mir sagen würde: ‚Hier hast du eine Million Pfund, spiel ATOM HEART MOTHER‘, würde ich das für einen verdammten Witz halten.“

Corey Taylor – CMFT

Spannender Alleingang

Corey Taylors Debüt klingt weder nach Slipknot noch nach Stone Sour und lässt sich partout nicht in irgendeine Genrekiste packen. CMFT ist sozusagen eines dieser quintessentiellen Soloalben, auf denen ein etablierter Künstler in komplett neues Terrain vorstößt. In den 13 enthaltenen Songs entführt der charismatische Sänger aus Des Moines, Iowa, den Hörer auf eine Reise durch seine musikalischen Vorlieben, die von Rock, Punk über Nu-Metal bis hin zu akustischem Grunge, Country und HipHop reichen. Dabei mischt Taylor in den hervorragend komponierten Stücken die Stilistiken so geschickt, dass er – bewusst oder unbewusst – einige neue Crossovermischungen kreiert.

Bereits während des ersten Durchlaufs von CMFT wird klar, wie viel Spaß Corey im Studio und der vorhergehenden Songwritingphase gehabt haben muss. Ergo ist die Scheibe für musikalische Freigeister absolutes Pflichtprogramm. Corey „Motherfuckin’“ Taylor hat sich den das Cover zierenden „CMFT Championship Belt“ wirklich mehr als verdient.

8 von 10 Punkten

Corey Taylor, CMFT, ROADRUNNER/WARNER