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Scorpions: Gitarren statt Panzer

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Drei gepfiffene Töne – und jeder weiß Bescheid: ›Wind Of Change‹ ist ein Jahrhundertlied, bekannt überall auf der Welt, die erfolgreichste Single aller Zeiten aus deutscher Produktion, dazu die Hymne zu Perestroika, Glasnost und Deutschlands Wiedervereinigung. Vor 30 Jahren wurde der Song veröffentlicht – Zeit, bei Klaus Meine und Rudolf Schenker von den Scorpions nachzufragen: Was hat der Song bewirkt, wie ist er entstanden – und können Rockballaden die Welt retten?

Rudolf, als Klaus vor gut 30 Jahren mit ›Wind Of Change‹ um die Ecke kam, wie hat dir der Song beim ersten Hören gefallen?
Rudolf Schenker: Ich sagte: „Klaus, das ist ’ne super Nummer, aber sie braucht noch einen Chorus, der es mit der Strophe und dem gepfiffenen Intro aufnehmen kann“. Ich hatte ihm angeboten, das zu erledigen, aber Klaus meinte, ne, das übernehme er schon selbst. (lacht)


Wir müssen das Stück kurz zeitlich einordnen, um über seine Bedeutung zu sprechen. Klaus, geschrieben hast du es im September 1989.

Klaus Meine: Genau, wir hatten mit den Scorpions auf dem legendären „Moscow Music Peace“ Festival gespielt und verbrachten rund um das Konzert ein paar Tage in Moskau, wo der Wandel wirklich spürbar war. Die Welt veränderte sich vor unseren Augen. Erkennbar war das zum Beispiel an den jungen russischen Fans, die mir sagten: „Klaus, der Kalte Krieg wird bald vorbei sein“. Es herrschte eine politische Aufbruchsstimmung, der Schrei nach Freiheit war nicht zu überhören. Eigentlich nur logisch, dass mich das berührt hat. ›Wind Of Change‹ war das Resultat eines historischen Zeitgeschehens. Für einen Songwriter ist das die schönste Form von Kreativität: Ein Thema berührt einen so tief, dass daraus Musik und Texte entstehen, die einfach authentisch sind.

Veröffentlicht wurde das Stück dann im November 1990, da war die Mauer schon seit einem Jahr gefallen und Deutschland seit wenigen Wochen wiedervereinigt.
KM: Richtig, es ist erst danach zum Soundtrack dieser Ereignisse geworden. Daher beschreibt der Song eher die Veränderungen, als dass er sie selbst eingeläutet hätte.


RS: Wobei diese Nummer uns ja nicht einfach in den Schoß gefallen ist. Wir hatten damals mit den Scorpions schon eine längere Geschichte mit der Sowjetunion, das begann bereits 1986, als wir in Ungarn spielten und dort Kontakte knüpften, um 1988 in der UdSSR auftreten zu können. Geplant waren fünf Gigs in Leningrad, fünf in Moskau. Die Letzteren wurden uns dann aber gestrichen, weil die Staatsführung Angst vor Aufruhr hatte. Daher haben wir zehnmal in Leningrad gespielt.


KM: Schon auf dieser Reise hatten wir das Gefühl des Wandels erlebt: Wir haben uns mit der russischen Vorband Gorky Park angefreundet und zusammen gejammt. Auf einem der großen Plätze in der Stadt sind Rudolf und ich für ein Foto in eine Hammer-undSichel-Dekoration geklettert, der KGB war dabei, schritt aber nicht ein. Und nach dem letzten Gig baute sich der Chef der Halle vor mir auf und sagte: „Jetzt habt ihr zehnmal für uns gesungen, jetzt singe ich was für dich“. Dann sang er mit Tränen in den Augen ein russisches Volkslied.


RS: Das war unglaublich emotional, vor allem, wenn man bedenkt, was die Deutschen gerade mal gut 40 Jahre zuvor vor Leningrad angestellt hatten. Aber auch diese Geschichte hat uns geholfen. Wir sind mit großer Demut in die UdSSR gereist, verbunden mit dem Motto: „Unsere Vorfahren kamen mit Panzern, wir kommen mit Gitarren“.

Hatte die sowjetische Führung die revolutionäre Kraft des Rock’n’Roll unterschätzt?
KM: (überlegt) Vielleicht ein bisschen, ja. Musik besitzt diese Kraft, und wir hatten den Schlüssel. Auf der anderen Seite kam damals Gorbatschow an die Macht. Er ist die entscheidende Person, die die Geschichte umgelenkt hat. Seine Ziele waren Glasnost und Perestroika, also Offenheit und Umbau. Diesen Plan hat er klug umgesetzt. Und die Scorpions waren ein Teil dieser Umsetzung?

KM: Zumindest ergab sich für uns eine Gelegenheit, die wir genutzt haben.
RS: Man muss sich vor Augen halten, wie schnell das dann ging: 1988 waren wir erstmals in der UdSSR, als absolute Exoten. Ein Jahr später fand dann in der Hauptstadt das „Moscow Music Peace“ Festival statt, mit Bands wie Bon Jovi, Mötley Crüe, Ozzy Osbourne und uns. Eine rasante politische Entwicklung.

Ihr habt damals nach Mötley Crüe und Ozzy Osbourne gespielt …
RS: … weil man uns in der UdSSR schon kannte! ›Still Loving You‹ hatte sich zu einem Riesenhit entwickelt. Na ja, und wenn ich mir die Mitschnitte von dem Konzert noch einmal anschaue, dann
muss ich schon sagen: Wir haben alle anderen weggefegt in dieser Nacht. Kein Wunder, dass die Jungs von Bon Jovi, die nach uns drankamen, hinterher meinten: Nach den Scorpions spielen wir nie wieder! (lacht)

Was hat ›Wind Of Change‹ bewirkt?
KM: Dass die Hoffnung auf eine friedliche Welt keine unerreichbare Utopie ist. Grenzen fielen, Deutschland feierte die Wiedervereinigung. Heute weht, um im Bild zu bleiben, erneut ein anderer Wind.

Bräuchte es einen neuen ›Wind Of Change‹?
KM: Der Song griff damals den Wunsch der Menschen auf, Grenzen zu überwinden, aufeinander zuzugehen, offene Gesellschaften zu entwickeln. Das hat sich heute in vielen Ländern umgekehrt.
In Polen, Ungarn und in Putins Russland. Aber auch in Großbritannien mit dem Brexit und in den USA unter Trump. Das betrachte ich mit Sorge.

Hast du diese Sorge auch mit Blick auf Deutschland?
KM: Klar, auch hier formieren sich Gruppen und Parteien, die sich gegen das stellen, wofür wir gekämpft haben. Wenn wir jetzt 30 Jahre Deutsche Einheit feiern, dann stehen wir vor der Aufgabe, daran zu erinnern, dass es in diesem Land eine lange Zeit gab, in der Freiheit nicht selbstverständlich war. Wir sollten uns auch an die Menschen erinnern, die ihr Leben an der Mauer oder der innerdeutschen Grenze ließen. An Männer wie Peter Fechter, der, 18 Jahre alt, 1962 in der Bernauer Straße im Kugelhagel starb. Nur, weil er in den Westen wollte. Weil er die Freiheit wollte. Wenn man
dann sieht, wie die Menschen in Belarus heute um diese Freiheit kämpfen, dann muss einen das demütig machen. Denn schließlich haben wir 1989 und 1990 eine der friedlichsten Revolutionen der Geschichte geschenkt bekommen.


Wie aktuell ist das Stück ›Wind Of Change‹ heute noch?

KM: Der Song wird überall auf der Welt anders wahrgenommen. In Deutschland erinnert er an das, was vor 30 Jahren war. Spielen wir ihn in Beirut, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, wo die Menschen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, hoffen sie umso mehr, dass der
Wahnsinn des Krieges bald vorbei sein wird.

›Wind Of Change‹ wurde damals zum Soundtrack der Wende. Warum fehlt den meisten politischen
Bewegungen dieser Zeit ein solcher?

RS: Die junge Generation wächst, was man ihr nicht vorwerfen kann, wohlbehütet auf. Es fehlen in vielen Fällen weder Freiheit noch materielle Dinge. Klar, dass man in einer solchen Situation nicht an Revolutionen denkt. Hinzu kommt, dass das Internet einen dermaßen mit Informationen zuballert, dass man komplett die Orientierung verliert. Dort, wo es früher zu Sache ging, waren die Rahmenbedingungen ganz anders: Zum Beispiel bei den FlowerPower-Hippies Ende der 60er-Jahre, die
sich gegen das Establishment auflehnten. Und Ende der 80er-Jahre in der Sowjetunion auch. Damals waren wir mit ›Wind Of Change‹ zur Stelle. Und wer weiß, vielleicht steht ja gerade eine Band in den Startlöchern und hat den Song für 2020 parat. Die zu finden, das ist aber eure Aufgabe. (lacht)

Meilensteine: Chris Spedding als Retro-Rock’n’Roller

25.05.1976: Mithilfe von Mickie Most wagt Chris Spedding ein Reset als Retro-50s-Rock’n’Roller

Schlicht mit einem virtuosen Multitalent gesegnet, erweist sich der Brite Chris Spedding bis in die Gegenwart als künstlerisches Chamäleon. In erster Linie Gitarrist, zeigte Spedding auch Potenzial als stilistisch überaus weltoffener Vokalist, Komponist und Produzent: Mit der Progressive-Rock-Combo Battered Ornaments trat er im Juli 1969 als Vorprogramm der Rolling Stones im Hyde Park an, puren Jazz fabrizierte er sowohl im Frank Ricotti Quartet als auch in Nucleus. Zudem assistierte er Jack Bruce bei zwei seiner Solo-LPs. Speddings instrumentales Solodebüt, SONGS WITHOUT WORDS (1970), erschien zwar nur in Japan, aber rasch folgten BACKWOOD PROGRESSION (1971) und ONLY LICK I KNOW (1972).

Parallel dazu erfolgten der Durchbruch in der Londoner Studioszene als häufig gebuchter Sessiongitarrist, die Formation einer Band mit Sänger Snips und Ex-Free-Bassist Andy Fraser namens Sharks sowie Engagements in Studio- und Tourensembles von u. a. Bryan Ferry, John Cale und Roy Harper. Auch bei Mike Batts Projekt The Wombles half er aus. Wie zuvor schon Jeff Beck, begab sich auch Spedding in die Hände von Produzent und RAK-Labeleigner Mickie Most: Kurz nachdem Chris die ersten Demos von The Sex Pistols produzierte (nach wie vor wird gemunkelt, es sei Spedding, den man auf NEVER MIND THE BOLLOCKS an Gitarre und Bass hört), erschien seine LP CHRIS SPEDDING. Hier präsentierte er sowohl auf dem Cover (im pinkfarbenen Vivienne-Westwood-Anzug gekleidet), als auch beim Inhalt eine völlig neue Facette. Retro-50ies-Style Rock’n’Roll im Elvis-Presley-Look mit Ohrwurmgarantie. Vier Auskopplungen – ›Motorbikin’‹, ›Jump In My Car‹, ›Guitar Jamboree‹ und › New Girl In The Neighbourhood‹ – hielten die gewohnt catchy von Most produzierten elf Songs bereit.

Spedding tourte durch die europäische TV-Landschaft, spielte hernach für Mosts RAK Records noch die
ebenfalls exzellenten, nunmehr auch auf Punk und New Wave erweiterten Alben HURT (1977), GUITAR GRAFFITI (1978) und I’M NOT LIKE EVERYBODY ELSE (1980) ein.

In unserer neuen Ausgabe von CLASSIC ROCK lest ihr unser aktuelles Interview mit Chris Spedding. Jetzt hier bestellen: CLASSIC ROCK #131

Zeitzeichen: Bob Dylan, der Frauenheld

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Bob Dylan war zeitlebens ein Romantiker und er liebte die Frauen. In offensichtlichen oder manchmal auch chiffrierten Songtexten macht er aus seinem Schwärmen mal eine Mördergrube, mal ein kitschiges Manifest. Beim Song ›Just Like A Woman‹ zum Beispiel lässt Dylan offen, ob er diesen Song für Joan Baez oder das New Yorker It-Girl Edie Sedgwick geschrieben hat. Es kann sich aber auch um beide Frauen handeln – oder vielleicht betrauert er damit sein glanzloses Liebesleben sogar. Denn ob Baez oder Sedgwick – Dylan erfüllte gerade in den 60er-Jahren die alte Binsenweisheit: „Ich kann nicht mit einer Frau zusammenleben – aber auch nicht ohne“.

Joan Baez, die eine Zeit lang seine Lebensgefährtin war, beschreibt ihn noch heute als eine Figur mit absolut rätselhafter Dimension: „Jederzeit kann man ihm alles Mögliche zutrauen – du weißt nie, was er als Nächstes macht. Aber du ahnst, dass es schlimme Ausmaße annehmen wird“, sagte sie über den schwierigen und auch genialen Grantler. Und mit ›Diamonds And Rust‹ hat die Folksängerin dem komplexen und komplizierten Textdichter mit mangelhafter Körperhygiene ein ganz besonderes lyrisches Denkmal gesetzt – so lautet ihr Text in der dritten Strophe: „The unwashed phenomenon/The original vagabond/You strayed into my arms“.

Mitte der 60er-Jahre sind Baez und Dylan die Könige der Folkmusik – doch für eine langfristige Beziehung reicht es nicht. Dylan lässt Federn und denkt noch heute mit schwerem Herzen an die innige Zeit an der Seite von Joan Baez zurück: „Es tat mir weh – und auch sehr leid, als unsere Beziehung endete“, sagt Dylan noch viele Jahre später über diese Episode – und verfasst natürlich in verklausulierten Worten im Jahr 1965 die Ballade › It’s All Over Now, Baby Blue‹.

Natürlich versteckt sich der Songwriter auch hier hinter Metaphern wie „Leave your stepping stones behind/There’s something that offen, ob er mit diesem Text seine Beziehung zu Joan Baez verarbeitet. Wie eigentlich immer geht er lieber auf Tour und verfolgt seinen Weg als Troubadour des Folk mit einer größtmöglichen Schlagzahl an Höhen und Tiefen. Als Bob Dylan in Mai 1966 ein Konzert in der Pariser Konzerthalle L’Olympia gibt, verknallt er sich blitzartig in die französische Sängerin Françoise Hardy. Schon vor dem Konzert ist er sichtlich aufgekratzt, weil er von einem Bühnenmitarbeiter erfährt, dass Hardy auf seinem Konzert anwesend sein wird. In der Konzertpause sagt er, er komme nur zum zweiten Teil zurück, wenn ihn Françoise in seiner Garderobe besuchen wird. Hardy findet das schon merkwürdig, aber sie rafft sich auf und schlängelt sich im Backstage-Bereich durch mehrere Hürden. Sie wird tatsächlich zu dem Raum geführt, wo Dylan wartet.

Dem Musiker sieht man an diesem Abend in Paris die Tour-Strapazen deutlich an, er wirkt müde und abgespannt. Auch das zwischenmenschliche Gespräch läuft nicht flüssig, da Hardy nur ein paar Brocken Englisch spricht – und Dylan umgekehrt nicht der französischen Sprache mächtig ist. Doch der Poet Dylan legt sich nochmal mächtig ins Zeug und lädt Françoise Hardy auf eine Aftershow. Dort fährt er dann nochmal richtig auf. Extra für sie hat er ein Gedicht verfasst und spielt aus seinem Repertoire an Lovesongs ›I Want You‹ und ›Just Like A Woman‹ auf der Gitarre vor. Doch Hardy ist wenig beeindruckt von dieser Schwärmerei und hält die Folk-Legende lieber auf Abstand. „Er war mehr als einen Kopf kleiner als ich und absolut kein attraktiver Mann – da ist einfach nichts gepasst“, sagt sie resümierend über diesen Abend.

Dabei ist Dylan ja eigentlich in festen Händen – ein halbes Jahr vor der Begegnung mit Hardy hat er Ende 1965 das Fotomodell Sara Lowndes geheiratet. Auch ihr schreibt er mehrere Songs, unter anderem ›Sad Eyed Lady Of The Lowland‹ vom Album BLONDE ON BLONDE (1966) und natürlich den Song ›Sara‹ vom Album DESIRE (1976). Trotz aller Faszination für andere Frauen wird diese Ehe bis zum Jahr 1977 halten. Für einen schwierigen und unsteten Künstlercharakter wie Dylan ist das eine sehr lange Zeit. Vielleicht ist diese Episode sogar die glücklichste in seinem Leben.

Zeitzeichen: Bob Seger – ›Shakedown‹

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Bob Seger war in den 70er Jahren ein Underdog aus der ehemaligen Auto-Metropole Detroit, der mit hemdsärmligen Texten und straightem Middle-of-the-road-Rock seine Nische fand. Thin Lizzy (mit ›Rosalie‹) und Metallica (mit ›Turn The Page‹) coverten seine Tracks, selbst Lemmy Kilmister war begeistert von vielen Seger-Songs, welche oft nachdenkliche Geschichten über Midlife-Krisen und Identitätsprobleme erzählten. „Er konnte gleichzeitig rough und subtil sein“, sagte Lemmy einmal über Bob Seger in einem Interview. Diese zweigleisige Mechanik trägt der Mann aus kleinen Verhältnissen in Songs wie dem 1983 erschienen ›The Famous Final Scene‹ vor – hier sind Freude und Enttäuschung gleichwertig verteilt.

Seger erklärt: „Ich wollte damit ein Lied schreiben, das meine Konzerte mit ihrer Sensibilität zum Erliegen bringt. Während eines guten Konzerts herrscht immer Vollgas-Rock’n’Roll-Stimmung – und das wollte ich mit einem dramatischen Moment aufbrechen“. Mit getragenem Piano und melancholischem Riffing erstrahlt die heisere Stimme von Seger dabei noch intensiver. „Sowas zu schreiben dauert schon sehr lange und dabei darf man nicht die Geduld verlieren“, erklärt Bob. „Gefühlt musst du manchmal tagelang aus dem Fenster starren und darauf warten, dass die Muse dich küsst und der Text irgendwie angeflogen kommt. Die Musik finde ich eigentlich ziemlich schnell, weil ich das schon lange so mache.“ Es sei jedoch für ihn viel schwieriger, die richtigen Text-Fragmente zu finden, „um etwas zu schreiben, das auf seine Weise einzigartig und universell ist“. Im Jahr 1976 erschien die gleichnamige Singleauskopplung vom Album NIGHT MOVES und katapultierte den Songwriter in eine neue Liga.

„Vorher fuhren wir – um es mal symbolisch zu sagen – auf einem lahmen Güterwagon, aber plötzlich saßen wir im Düsenjäger.“ Es war ziemlich berauschend, aber es gab für den bodenständigen Bob nicht die Chance, sich im Größenwahn zu verlieren. „Ich habe in den letzten 50 Jahren eigentlich immer wieder dieselben Dinge auf den Weg gebracht“, sagt Bob und zählt dann auf: „Zuerst dauert etwa es drei bis fünf Monate, neue Songs zu schreiben. Dann drei oder vier Monate, um ein Album im Studio zu produzieren. Im Anschluss darauf folgt eine Tour für vier bis sechs Monate. So verlief mein Leben in den 70er- und 80er-Jahren. Als ich in den 90ern meine Kinder um mich hatte, wollte ich das Musikerdasein an den Nagel hängen, weil es mir wichtiger war, ein guter Vater zu sein“. Mit zehn Alben, ungefähr 30 Singleauskopplungen und 57 Millionen verkauften Tonträgern konnte er sich dieses Leben erlauben. Sein erfolgsreichster Hit ist dabei ein absolutes Zufallsprodukt. Die Rede ist von dem Song ›Shakedown‹, der 1987 auf dem Soundtrack der Eddie-Murphy-Kriminalkomödie BEVERLYHILLS COP II erschienen ist.

Die musikalische Ausrichtung dieses humorvollen Action-Streifens wird in erster Linie von Harold Faltermeyer und Giorgio Moroder vorgegeben, hinzuaddiert werden grellbunte Pop-Klassiker wie ›I Want Your Sex‹ von George Michael oder ›Be There‹ von den Pointer Sisters. So ist es nicht verwunderlich, dass ›Shakedown‹ mit einer Faltermeyer-Produktion mit Sequenzer-Beats, aufheulenden „Miami Vice“-Gitarren und einer Synthie-Basslinie ausgestattet wird. „Eigentlich sollte ja Glenn Frey von den Eagles das Stück einsingen“, sagt Bob Seger. Denn der hatte für den ersten Teil dieser Filmreihe bereits Songs wie ›The Heat Is On‹ beigesteuert. Doch kurz vor den Aufnahmen verlor das Eagles-Mitglied seine Stimme und so wurde der Vocal-Part an seinen alten Kumpel übergeben. Seger änderte noch ein paar Zeilen am vorgegebenen Text.

So konnte er nicht nur einen Credit als Co-Autoreinheimsen. Nein, am Ende gab es sogar noch eine Oscar-Nominierung obendrauf und in der Folgezeit entwickelte sich diese Singleauskopplung zu einem echten Dauerbrenner. Der Track schob sich in den Billboard-Charts auf den ersten Platz und verweilte in vielen Ländern wochenlang in den Hitlisten. Über sein Leben als Musikerresümiert Bob Seger mit einem zwinkernden Auge: „Mit 20 wollte ich genug Geld verdienen, um mir mit 25 ein Motorrad kaufen zu können, mit dem ich dann quer durch Europa fahren wollte. Ich dachte, wenn ich 30 werde, würde ich wieder aufs College gehen und anschließend in einem richtigen Job arbeiten“. Wie gut, dass doch alles anders gekommen ist.

The Flaming Sideburns: Das Beste kommt noch

1995 gründeten sich The Flaming Sideburns in Finnland und surften auf der skandinavischen Rockwelle um Bands wie The Hellacopters oder The Hives mit. Vor allem mit ihrem zweiten Album, HALLELUJAH ROCKA-ROLLAH (2001), konnte das Quintett international kleinere Erfolge verbuchen. Auf diesem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere jedoch löste sich das ursprüngliche Line-up mit dem Weggang von Gitarrist Arimatti auf. Die Truppe machte fortan in verschiedensten Formationen weiter. Nach einer längeren Pause 2016 hätten viele wohl nicht mehr mit einer triumphalen Rückkehr gerechnet, doch genau jene wurde im Jahr 2018 in die Wegegeleitet und findet nun mit dem brandneuen SILVER FLAMES zu einer ersten Klimax.

Seit drei Jahren machen die Originalmitglieder wieder gemeinsame Sache und frönen ihrer Leidenschaft für erdigen Garage Rock. „Unser Sänger Eduoardo wollte mich für eine Spanien-Tour wieder an Bord holen. Ich sagte zu, aber der wirkliche Grund meines Wiedereinstiegs war, dass ich neue Musik auf-nehmen wollte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Flaming Sideburns ihr bestes Album noch nicht erschaffen hatten. Wir haben ein paar tolle Platten gemacht, aber sie werden der Band nicht ganz gerecht“, erklärt Arimatti im Zoom-Interview. Drummer Jay stimmt zu: „Darauf können wir uns alle einigen. Wir waren damals kurz davor, ganz aufzuhören. Wir hatten zehn Jahre kein Album mehr aufgenommen – es war eine Sackgasse. Unsere einzige Motivation und auch Option war es, mit dem ursprünglichen Line-up an neuen Tracks zu arbeiten“.

Zusammen mit ihrem Stammproduzenten Jürgen Hendlmeier (nicht zu verwechseln mit dem Senf-Imperium Händlmaier) sperrten sich die Sideburns ins Studio und fingen dort jene Songs live ein, die sie auf Tour geschrieben hatten. „›Soul Shaking‹ entstand gleich nach unserem ersten Gig in einem Hotelzimmer in Bilbao. Vor dieser Show waren wir alle sehr aufgeregt, aber danach fühlten wir uns richtig gut. Diese Vibes sind in der Single spürbar“, so Arimatti. Dass zwischen SILVER FLAMES und HALLELUJAH ROCKAROLLAH inzwischen 20 Jahre liegen, können beide Musiker gar nicht so richtig greifen: „Auf die Band bezogen fühlt es sich an, als wären wir immer noch dieselben – wobei wir bessere Musiker geworden und heute etwas entspannter sind. Aber die Grundbausteine sind gleich, die Einflüsse ähnlich, der Produzent ist derselbe, weswegen der Sound bekannt klingt. Persönlich haben wir uns wohl stärker weiterentwickelt als als Band“. Jay ergänzt lachend: „Eigentlich merken wir erst an unseren Kindern, wie alt wir wirklich sind“. Rockmusik hören die Youngsters übrigens nicht, die stehen eher auf Hip Hop. „Aber so soll das doch auch laufen, oder? Man hört einfach nicht die Musik seiner Eltern. Immerhin kommt mein Sohn manchmal mit auf Tour und kümmert sich um den Merch – aber natürlich nur gegen ein bisschen Taschengeld.“

Neue Supergroup: L.A. Rats

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Ratten aus Los Angeles: Unter diesem Namen haben sich jetzt Rob Zombie, John 5, Nikki Sixx (Mötley Crüe) und Tommy Clufetos (vormals Alice Cooper, Ozzy Osbourne) zusammengeschlossen.

Für den Soundtrack zum Netflix-Film „The Ice Road“ mit Liam Neeson, der am 25. Juni erscheinen soll, haben sich die vier Musiker jetzt Musiker zusammen getan. Ob die musikalischen Ambitionen über den Soundtrack hinausgehen werden, bleibt offen. Fürs Erste gibt es eine Version von Geoff Macks ›I’ve Been Everywhere‹, der volle Soundtrack wird dann zusammen mit dem Film veröffentlicht.

Gerüchte über die Gruppe verbreiteten sich, als alle Vier auf ihren Social-Media-Kanälen das Logo mit der einfachen Beschreibung „5.21“, also der amerikanischen Variante des Datums teilten. John 5 spielt aktuell in Rob Zombies Band, während Tommy Clufetos dies in der Vergangenheit tat und sich kürzlich mit seinem Solo-Debüt auf eigene Füße stellte. Zwischen dem Mötley-Crüe-Bassisten und John 5 besteht eine Freundschaft, die sich auch schon auf dem Soundtrack zu „The Dirt“ zeigte, wo der Gitarrist beim Schreiben half.

Amorphis – LIVE AT HELSINKI ICE HALL

Der Folk-Metal kehrt heim

Seit drei Jahrzehnten vertonen Amorphis die Legenden des finnischen Nationalepos Kalevala. Anfangs mit ruppigem Death Metal, mittlerweile mit einer monumentalen Mischung aus Metal, Rock und Folk. Nach vielen ausgedehnten Touren um die ganze Welt steht die Band im Dezember 2019 in ihrer Heimatstadt auf der Bühne – ausgerechnet in der legendären Helsinki Ice Hall, in der die Mitglieder als Jugendliche Bands wie Iron Maiden oder AC/DC zugejubelt haben. Es ist das letzte Konzert ihrer „Queen Of Time“- Tournee, ein epochaler Schlussstrich unter eine Ära, der mit einem epochalen Konzert gezogen wird. 15 Songs lang lassen Amorphis ihren mächtigen Zauber wirken, nehmen das Publikum gefangen mit ihren prachtvollen Hymnen. Klassiker wie ›My Kantele‹ oder ›Against Widows‹ werden furios inszeniert, neueres Material wie das gewaltige ›Daughter Of Hate‹ besteht mühelos daneben.

Ob mit Songs aus den 90ern oder vom letzten Album: Diese Band ist in ihrer eigenen Welt angekommen, in der sie nach ihren eigenen Regeln spielt. Das spürt auch das Publikum, das ihre Lokalhelden auf Händen durch den Abend trägt. Eine größere Show haben Amorphis in ihrer Heimat noch nie gespielt. Umso schöner, dass LIVE AT HELSINKI ICE HALL kaum nachbearbeitet wurde.

8 von 10 Punkten

Amorphis, LIVE AT HELSINKI ICE HALL, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE

Gary Numan – INTRUDER

Nach wie vor gewaltig elektrisch aufgeladen: 19. LP des britischen Synthiepop-Pioniers

Zweifellos schrieb Gary Numan Popgeschichte, sowohl mit Tubeway Army als auch als Solist. Und er gilt dank der innovativen UK-Nummer-eins ›Are „Friends“ Electric?‹ (1979) mit Querverweisen zu Science-Fiction-Autoren wie Philip K. Dick und J. G. Ballard als visionärer Prophet und Klangzauberer. Es folgten die Chartsingles ›Cars‹, ›Complex‹, ›We Are Glass‹ und ›She’s Got Claws‹ sowie die Nummer-eins-Alben REPLICAS, THE PLEASURE PRINCIPLE und TELEKON. Nach dem fünften Longplayer WARRIOR (1983) nahm das weltweite Interesse stetig ab – andere Künstler, andere Moden rückten in den Fokus. Unbeirrt von irgendwelchen Chartpositionen brachte Gary Numan seither Alben und dutzende Singles für seine noch immer erkleckliche Fangemeinde auf den Markt. Ab 2013 konnte man einen Aufwärtstrend verzeichnen: SPLINTER (SONGS FROM A BROKEN MIND) platzierte sich in UK auf #20, das vier Jahre später erschienene SAVAGE (SONGS FROM A BROKEN WORLD) gar auf Rang 2. Ein Numan-Revival? Auf Numans 19. LP INTRUDER mit 13 Tracks klingt alles wie gewohnt: Ausgefuchst ausladende Elektronik samt E-Gitarren wie um 1979/80, wuchtige Arrangements und infektiöse Ohrwurmharmonien paaren sich mit diesem unnachahmlich gelangweilten Gesangsraunen, bedeutungsschwangerem Pathos und Sci-Fi-Mystery-Fantasy-Armageddon-Lyrics.

Der geneigte Hörer bekommt geliefert, was Songtitel wie ›Betrayed‹, ›A Black Sun‹, ›When You Fall‹, ›I Am Screaming‹, ›Saints And Liars‹, ›The End Of Dragons‹ oder ›And It Breaks Me Again‹ versprechen. Mit Gusto und Verve überblendet Gary Numan noch immer Synthiepop mit Electronica, New mit Dark Wave, Industrial mit Electronic Rock, Techno mit Trance – und das mit zeitlosem Aplomb. Yes, this „Friend“ is still electric!

9 von 10 Punkten

Gary Numan, INTRUDER, BMG RIGHTS/WARNER