Himmelsphänomene, hörbar gemacht: Hier tönt sogar eine Aurora Borealis
Drei Brüder, eine DNA: Die Von Hertzen Brothers haben finnische Folklore im Bauch, dazu Rock, Folk und progressiven Pop in den Händen/Fingern sowie – erziehungstechnisch wohl folgerichtig – Umweltschutz im Kopf. Ihr neues Album, RED ALERT IN THE BLUE FOREST, lässt sich auch musikalisch nur schwer in vorgeformte Schubladen stecken. Da gibt es Refrains, die in ihrer hochfrequenten Vielstimmigkeit an Yes/Jon Anderson erinnern, es gibt handfeste Instrumenteneinsätze, wie sie auch Deep Purple in ihren besten Jahren gezeigt haben, ebenso leise, sensible Töne, wie man sie in einem Songtitel wie ›Northern Lights‹ (inklusive Originaltöne einer Aurora Borealis, das berühmte Nordlicht, die ein Akustikprofessor der Aalto University im finnischen Espo eingefangen haben will) durchaus erwarten konnte. Das alles hat dennoch Wumms und zeitgemäße Strahlkraft, mit dampfender Produktion und einem rasiermesserscharfen Mix, der bei dieser Band im wahrsten Sinne des Wortes „von Hertzen“ kommt.
7 von 10 Punkten
Von Hertzen Brothers, RED ALERT IN THE BLUE FOREST, DOING BEING MUSIC
Heute erscheint die Neuauflage von MAIN OFFENDER von Keith Richards, dem zweiten Soloalbum des Rolling Stone. Das Special-Deluxe-Boxset enthält neben dem Album ein 88-seitiges Buch, einen Umschlag mit Archiv-Material sowie den bisher noch unveröffentlichten Konzert-Mitschnitt „Winos Live In London `92“ – eine Liveperformance, die im legendären Londoner Town & Country Club in Kentish Town aufgenommen wurde.
„Zwischen den Stones-Alben STEEL WHEELS und VOODOO LOUNGE entstand zwischen dem 18. März und dem 6. September 1992 in diversen Studios an der US-West- und Ostküste abermals im Gespann mit den X-Pensive Winos als Kollaborateuren (Produzent/Drummer Steve Jordan, Gitarrist Waddy Wachtel, Bassist Charley Drayton, Keyboarder Ivan Neville, VokalistInnen Sarah Dash, Bernard Fowler & Babi Floyd) das zweite Richard’sche Outlet MAIN OFFENDER. Ein im direkten Vergleich zum Vorgänger entspannteres Werk mit zumeist in Teamarbeit mit Jordan entwickelten zehn Originaltracks. Die Stilanlehnung an die Stones blieb subtil und mit Groove-Rock-Funk-Krachern wie ›999‹, ›Bodytalks‹, ›Runnin’ Too Deep‹ und ›Will But You Won’t‹ langte er ordentlich hin.“ (Michael Köhler)
Die ganze Rezension der Jubiläumsausgabe von MAIN OFFENDER lest ihr hier in der aktuellen Ausgabe von CLASSIC ROCK!
70s-Rock trifft auf Alternative-Kram der 90er/00er und moderne US-Songwriter-Ästhetik – so lässt sich der Sound der Hamburger vielleicht am besten umschreiben. Und wer sich nun erschrecken sollte, dass Hauke Horeis zu diesem Stilmix auf Deutsch singt, dem/der sei gesagt: es funktioniert! Und das nicht nur bei den eher getragenen Nummern wie ›Der Tag wird kommen‹ oder ›48 Stunden‹, sondern auch beim nervös-punkrockigen, einen Hauch von The Knack versprühenden ›Strobo‹ oder dem intensiven ›Stille‹. Apropos Texte: Die sind wirklich (zu)hörenswert, schaffen Odeville es doch, ihre Inhalte auf sympathische Art persönlich und doch universell berührend zu gestalten, ohne sie so gekünstelt wirken zu lassen wie es bei den nicht unähnlichen Selig gelegentlich der Fall ist.
Joe Bonamassa tut es, Dan Auerbach von den Black Keys tut es auch: ein unabhängiges Label gründen, auf dem junge Blues-Talente gefördert oder alte Aufnahmen von Legenden fair veröffentlicht werden. So legte der Manager Dick Waterman seinen Schatz alter SON HOUSE Aufnahmen vertrauensvoll in Auerbachs Hände. Waterman war es, der den alten Delta-Blues-Veteranen Son, der 1943 mit dem Musikmachen aufhörte, 1964 überredete, wieder aktiv zu werden. 57 Jahre später wird nun dieses Material – tontechnisch herausgeputzt – veröffentlicht. Das waren Titel, die der in den 80ern verstorbene Veteran in seiner Zeit bei Columbia Records aufnahm. Allesamt puristischer und leicht schräger Ur-Delta-Blues, den man abfeiert, wenn man abgedrehte historische Aufnahmen mag. Ich bin da ganz ehrlich: Auf so etwas gehe ich nicht ab. Aber wenn ich im Urlaub auf einer Veranda irgendwo zwischen Rosedale und Beulah, Mississippi, wo früher einmal der Geburtsort von Son House gewesen war, bei glühender Hitze endlich meine innere Ruhe gefunden habe, dann finde ich es absolut passend. Definitiv Musik für heiße „Wer sich bewegt, verliert“-Tage!
Son House, FOREVER ON MY MIND, EASY EYE SOUND/CONCORD/UNIVERSA
Das willkommene Comeback einer so unterbewerteten wie feinsinnigen Könnerband
Als 2006 ihr zweites Album THE TRIALS OF VAN OCCUPANTHER erschien, da feierte man Midlake für ihren kunstvollen, mehrstimmig harmonischen 70s-Rock als gleichwertiges Mitglied einer ganzen Gruppe Art-Americana-Newcomer wie Fleet Foxes, Band Of Horses und My Morning Jacket. Die anderen drei genannten Bands konnten seitdem alle US-Top-Ten-Alben verbuchen. Warum blieb dies den Texanern aus dem Städtchen Denton verwehrt? Dass Sänger und Hauptsongwriter Tim Smith die Band vor dem 2013er-Album ANTIPHON verließ, erklärt es nicht wirklich, denn mit Eric Pulido trat ja nicht irgendwer in seine Fußstapfen. Der neue Frontmann hatte vorher ebenfalls Songwriting-Credits und Backing Vocals beigesteuert, ein abrupter Bruch war’s also nicht. Neun Jahre brauchten Midlake dennoch, um den Nachfolger vorzulegen. Die Pause spürt man nicht, das Sextett spinnt weiter seinen feinen Faden. Midlake sind eine Band, die Waldhörner und Flöten, komplexe Drumpatterns, blubbernde Synthies und malerische Psychedelia so natürlich in ihre Songs einweben kann, dass man’s nicht als experimentell, sondern als selbstverständlich wahrnimmt. Das ist erstaunlich und passt in eine Playlist sowohl zwischen Eagles und CSNY als auch Mercury Rev und Elbow.
8 von 10 Punkten
Midlake, FOR THE SAKE OF BETHEL WOODS, PIAS/BELLA UNION/ROUGH TRADE
Nach einem mysteriösen Umbau ihrer Website und ersten Hinweisen haben es Def Leppard nun endlich offiziell bekannt gegeben: Am 27. Mai erscheint ihr neues 12. Studioalbum DIAMOND STAR HALOS.
„Wir haben immer versucht, Musik zu machen, die die Leute aufheitert“, so Sänger Joe Elliott. „Wir wollen euch aus der Politik rausziehen, aus dem Weltgeschehen, aus allem, das euch beschäftigt. Das ist ein wirklich wichtiges Statement von DIAMOND STAR HALOS. Wir haben über nichts geschrieben, das gerade vor sich geht, wir wollten einfach nur ein klassisches Album erschaffen. Fertig.“
Die erste Single ›Kick‹ gibt es auch schon zu hören:
Bei zwei der fünfzehn neuen Songs ist Countrysängerin Alison Krauss mit an Bord, David-Bowie-Pianist Mike Garson spielt ebenfalls bei zwei Tracks mit.
The Darkness beehren die Welt 2021 mit ihrem siebten Studioalbum. Nachdem Frontmann Justin Hawkins 2019 im Interview zum damaligen EASTER IS CANCELLED bedenklich frustriert klang, ist er nun, zwei Jahre später, wieder auf alter Höhe. Im Gespräch mit CLASSIC ROCK erzählt „Jussy“ in gewohnt charmanter bis ulkiger Manier vom neuesten Streich MOTORHEART, sinniert über die Rockmusik im Allgemeinen und verrät, was er an Vinylpressungen hasst.
An MOTORHEART hast du vor allem von der Schweiz aus mitgewirkt. Gefiel dir das? Das trifft genau meinen Geschmack! Die anderen schicken mir einen Backing Track, dann arbeite ich an dem Songkonzept, den Melodien, Texten und Soli. Manchmal, wenn du mit deiner Band in einem Raum bist, werden deine Ideen schnell abgeschmettert, weil du sie nicht richtig präsentierst. So kann ich länger darüber nachdenken und wirklich klar machen, was ich meine.
Über euer letztes Album EASTER IS CANCELLED sagtest du: „Das ist Blut auf Vinyl“. (lacht) Ich bin schnell angepisst, dann rutscht mir so etwas raus. Ein Teil davon hat wohl mit der Art des Album-Machens zu tun, ein anderer Teil damit, wie dein Leben gerade aussieht. Es gibt wohl viele Bands auf unserem Level, die die letzte Zeit nicht überlebt hätten, vor allem die finanziellen Hürden. Aber wir haben The Darkness solide aufgebaut und kennen uns sehr gut, wir wissen, wie wir uns befriedigen können. Nicht sexuell natürlich. (lacht)
›Motorheart‹ handelt von einem willenlosen Liebesroboter. Eine Hymne gegen die Incel-Bewegung? Absolut! Incel steht ja für „involuntarily celibate“, also unfreiwillig zölibatär. Könnte als Titel für meine Teenagerzeit durchgehen! Die Figur in ›Motorheart‹ hat keine autobiografischen Züge, wobei ich durchaus aus eigenen verzweifelten und einsamen Momenten schöpfte. Ich wollte einen Arschloch-Kerl zeichnen, der denkt, dass Frauen nur existieren, um ihn zu befriedigen. In seiner Verzweiflung kauft er einen Sexroboter, trotzdem bleiben die Probleme. Statt sich selbst zu reflektieren, gibt er dem Roboter die Schuld.
Ich finde es ziemlich cool, dass du als Mann über so ein Thema sprichst … Das ist ja wirklich eine anhaltende Geschichte, die sich von öden Altherrenwitzen bis hin zu bösartiger Misogynie erstreckt.
Gefällt es dir eigentlich an eurem Platz in der Rockmusiklandschaft? In den letzten Jahren wirkt die Rockmusik irgendwie unbeschwerter. Man unterstützt sich mehr gegenseitig. Vielleicht liegt das daran, dass Rock’n’Roll sowieso der Underdog ist. Ein gewisser Grad an Zurückweisung führt dich ja dazu. Wenn du der Schönste der Schule bist, denkst du dir nicht: Ich werde jetzt Rocker. Dann wirst du eher Justin Bieber. Deswegen ist es als Rocker auch nie wichtig, an die Spitze zu kommen. Was wichtig ist, ist deine Trotzhaltung. Musiker haben sich ein dickes Fell zugelegt, weil sie regelmäßig von der Industrie gefickt wurden. Die Liebe zur Musik lässt dich das aushalten, aber wegen derselben Liebe können die Businessleute dich ausnutzen. Heute werden solche Kämpfe bei und mit Spotify ausgetragen. Wir Rockmusiker sind ein unterdrückter Stamm, aber das gehört irgendwie dazu.
Gibt es etwas, das dich trotzdem an diesem Stamm aufregt? Zum Beispiel, dass alle Vinyl-Presswerke überladen sind, weil jede Band denkt, ihr Album in zehnfacher Ausführung pressen lassen zu müssen, weil sie in die Charts wollen. Das verstopft die Produktion, man muss bis zu neun Monate auf seine LPs warten, das nervt. Mach deine Platte, dann verpiss dich auf Tour und verdiene dein Geld dort, wie sich das eben gehört. Rock’n’Roller sollten sich nicht um die Charts scheren.
Heute ab 12 Uhr gibt es Tickets für die kommenden Live-Shows der Rolling Stones in Deutschland. Am 05. Juni spielen die Stones im Münchener Olympiastadion, am 27. Juli in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen.