Kurz bevor er das „Cougar“ aus seinem Namen strich, sicherte sich John Mellencamp seinen Platz im Pantheon der amerikanischen Arbeiterklasse-Songwritern mit THE LONESOME JUBILEE – einem Werk über den Tod, die Enttäuschung und den Wandel der Generationen. Melancholie schwebt durch ›Paper In Fire‹, ›Check It Out‹ und ›The Real Life‹, während seine Stimme wehklagend, rein und aufrichtig klingt. (Text: JH)
Zeitzeugen: „THE LONESOME JUBILEE deutet an, dass die Quelle der Traurigkeit wenigsren teilweise in uns selbst zu finden ist, oder – noch verstörender – im Wesen des Lebens selbst.“ („Rolling Stone“)
Courtney tritt in die Fußstapfen von Joni Mitchell
Retro ist ja gerade extrem angesagt. Kids laufen mit Stones-T-Shirts herum, Jethro Tull und Iron Maiden füllen wieder die großen Hallen und auch in Amerika ist der Trend zum Hin nach Früher erkennbar. Auch in der Musik. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Singer/ Songwriterin Courtney Marie Andrews. Die noch keine 32 Jahre alte Künstlerin aus Phoenix, Arizona, war bereits als 20-Jährige singende Hilfskraft bei Jimmy Eat World und – fast noch erstaunlicher – legte ihre ersten, unter Eigenregie veröffentlichten Alben bereits mit 18, 19 Jahren vor. Wir haben es hier also mit einem echten Talent, mit einer Vollblutmusikerin zu tun. Was das jetzt mit dem Retro-Ding zu tun hat? Da muss man nur den Klängen ihres neuen, bereits neunten Albums LOOSE FUTURE lauschen. Schon nach wenigen Takten glaubt man, eine junge Joni Mitchell zu hören. Ähnlich wie die Altmeisterin des gepflegten Folksongs verströmen auch die Songs von Courtney Marie Andrews subtile Zerbrechlichkeit, lassen messerscharfen Verstand erkennen und – schlummernd unter der wohlklingenden, romantisch angehauchten Harmoniedecke – eine erstaunliche Willensstärke. Anspieltipps: ›Older Now‹, ›Satellite‹ und das finale, an die Beatles erinnernde ›Me And Jerry‹. Retro kann so geil sein!
8 von 10 Punkten
Courtney Marie Andrews LOOSE FUTURE FAT POSSUM/MEMBRAN
05./06. Oktober 1970: Wegen einer Bombendrohung und Tumulten in der Frankfurter Festhalle rücken zwei Hundertschaften der Polizei an
Unter geänderten Vorzeichen begaben sich die Rollenden Steine im September/Oktober 1970 auf Europatour. Anstatt Gründer und Namensgeber Brian Jones bediente nun der 21-jährige Virtuose Mick Taylor, einst Nachfolger von Eric Clapton und Peter Green in John Mayall’s Bluesbreakers, die Sologitarre. Taylor fügte dem nunmehr wesentlich kompakteren Sound der Stones eine ganz spezielle Note hinzu. Bei den Konzerten am 5. und 6. Oktober 1970 in der Frankfurter Festhalle brillierte Taylor. Jungenhaft unschuldig ergänzte er das exaltiert Frontduo optimal: Mick Jagger, Sexsymbol mit schmollmundiger Androgyn-Aura, nahm im blassrosa Satinanzug samt Zylinder und Halsband den Glam-Rock-Look vorweg. Auch Keith Richards, gehüllt in Klamotten aus dem Fundus seiner Lebensabschnittsgefährtin Anita Pallenberg, strahlte. Bassist Bill Wyman, Schlagzeuger Charlie Watts, Pianist Ian Stewart, Saxofonist Bobby Keys sowie Trompeter und Posaunist Jim Price akzentuierten. Mit Verve spielten sich die Steine an beiden Tagen jeweils etwas mehr als eine Stunde lang durch bis heute im Repertoire gebliebene Klassiker von BEGGARS BANQUET. Von Jagger mit den Worten „Frankfurt, we have two new songs for you“ angekündigt, zierten ›Brown Sugar‹ und ›Dead Flowers‹ von der seinerzeit noch unveröffentlichten LP STICKY FINGERS (1971) die Setlist.
Als am ersten Abend die brachialen Akkorde des finalen ›Street Fighting Man‹ verklangen, atmeten in drangvoller Enge sowohl das Ordnungspersonal als auch die zwei Hundertschaften der Polizei erleichtert auf, gab es doch kurz vor Konzertbeginn eine anonyme Bombendrohung. Es kam zu zig Festnahmen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Zudem randalierten diverse Gruppierungen, denen kein Einlass gewährt wurde, an Tor 4 und Tor 5. Steine, Flaschen und andere Gegenstände flogen auf die Polizeibeamten, außerdem zerstörten die Renitenten diverse Zugangssperren. Ein prekärer Ausnahmezustand, der auf der gesamten Europatour, die am 30. August 1970 in Malmö begann und am 9. Oktober 1970 in Amsterdam endete, leider immer wieder zur Tagesordnung gehörte.
Wild, laut und ein bisschen verrückt erklären The Courettes die Krise für beendet. Bereits treffend als weltbestes Zwei-Personen-Rock’n’Roll-Ensemble beschrieben, ist die explosive Garage-Rock-Band des brasilia- nisch-dänischen Ehepaars Flávia und Martin Couri nun BACK IN MONO – und in den kommenden Monaten auf deutschen Bühnen praktisch allgegenwärtig.
Passend dazu erscheint heute ihr neues Video zum Song ›Talking About My Baby‹, eigenen Angaben zufolge eine „Feier [ihrer] transatlantischen Liebe.“ Der Clip versprüht wunderbare 60er-Jahre-Vibes.
5. Oktober 1973: Alvin Stardust startet mit ›My Coo Ca Choo‹ international durch
Anfang der 70er-Jahre war der britische Vokalist Bernard William Jewry mit just 30 Lenzen bereits ein Rock’n’Roll-Relikt. Eine Dekade zuvor galt der bis dato unbekannte Freizeitsänger und Roadie der R’n’R-Kapelle Shane Fenton and The Fentones als wahrer Glückspilz. Denn urplötzlich verstarb deren erst 17 Jahre alter Sänger Johnny Theakston – unter dem Künstlernamen Shane Fenton zu Ruhm gekommen – an rheumatischem Fieber. Überglücklich nahm Jewry das Angebot an, als Shane Fenton zu fungieren, ließ sich fortan von Manager-Koryphäe Larry Parnes betreuen und agierte in einigen Kinofilmen in kleinen Rollen neben Billy Fury. Als der Erfolg aufgrund der Beat Invasion abrupt schwand, ließ Parnes seinen Schützling fallen. Bis auf ein erfolgloses Zwischenspiel als Jo Jo Elis geriet Mr. Jewry für eine Dekade aus dem Blickfeld. Ein gleichfalls in der Versenkung verschwundener Sänger namens Paul Francis Gadd alias Paul Raven gelang im Zuge des Glam-Rock-Booms als Gary Glitter eine phänomenale Reanimation.
Unter diesem Eindruck spielte im Sommer 1973 Sänger, Komponist und Produzent Peter Shelley, im Schulterschluss mit Michael Levy auch Co-Eigner des UK-Labels Magnet Records, den im Boogie-Rhythmus gehaltenen, selbstkomponierten Ohrwurm ›My Coo Ca Choo‹ ein. Als Vokalist für das Alvin Stardust getaufte Projekt schlug Jewrys Manager Hal Carter seinen Klienten vor. Gesagt, getan! Als der Song via Airplay in den britischen Charts unaufhaltsam bis in die Top 30 stieg, standen TV-Auftritte an: Peter Shelley mimte Alvin Stardust in der UK TV-Show „Lift Off With Ayshea“, machte dann aber einen Rückzieher. Für „Top Of The Pops“ musste Jewry ran. In Windeseile erhielt Alvin Stardust eine Rundumerneuerung: blauschwarz gefärbte Tolle, fette Koteletten, hautenge schwarze Lederkluft, ebensolche Handschuhe und dicke Silberringe erinnerten an zwei legendäre 50er-Jahre-Rock’n’Roller: Gene Vincent und Vince Taylor. ›My Coo Ca Choo‹ war international erfolgreich. In der Folge gelangen mit ›Jealous Mind‹, ›Red Dress‹, ›You You You‹, ›Tell Me Why‹, ›Good Love Can Never Die‹ sowie ›Sweet Cheatin’ Rita‹ weitere Charthits. Bis heute wird der 2014 mit 72 Jahren verstorbene Bernard Jewry alias Shane Fenton alias Alvin Stardust nicht nur in Großbritannien als Kultidol verehrt.
Bei „Rock The Circus“ werden nach dem Motto „Musik für die Augen“ Songs von AC/DC, Bon Jovi, Guns N’ Roses, Pink Floyd, Queen, den Red Hot Chili Peppers und vielen mehr von einer sechsköpfigen Rockband live gespielt und mit artistischen Höchstleistungen zu einer einzigartigen Show verwebt. Hier wird die Energie einer elektrisierenden Rockshow mit atemberaubender Zirkusartistik zu einem neuen Konzept fusioniert, das beim geneigten Publikum für so manchen Gänsehaut-Moment sorgen dürfte.
Hier „Rock The Circus“ live erleben:
20.10. Bitterfeld Städtisches Kulturhaus
22.10. Greiz Vogtlandhalle
23.10. Erfurt Thüringen-halle
25.10. Suhl CCS Congress Centrum
26.10. Karlsruhe Konzerthaus
27.10. Ludwigsburg MHP-Arena
28.10. Landau Jugendstil-Festhalle
29.10. Nürtingen K3N – Stadthalle
30.10. Rosenheim KU ́KO
03.11. Nürnberg Meistersingerhalle
04.11. Erding, Stadthalle
08.11. Ingolstadt, Theater
09.11. Bayreuth, Oberfrankenhalle
10.11. Bad Kissingen, Regentenbau/Max-Littmann-Saal
11.11. Straubing, Joseph-von-Fraunhofer-Halle
12.11. Essenbach, Eskara Sport- und Kulturarena
15.11.Waldkraiburg, Haus der Kultur
17.11. Hof, Freiheitshalle/Großes Haus
18.11. Neustadt, bei Coburg Frankenhalle
28.02.23 Solingen, Theater und Konzerthaus
01.03.23 Köln, E-Werk
02.03.23 Paderborn, Paderhalle
05.03.23 Mannheim, Congress Center Rosengarten/Musensaal
08.03.23 Limburg, Josef-Kohlmeier-Halle
09.03.23 Baden-Baden, Kurhaus
11.03.23 Offenbach, Capitol
14.03.23 Beverungen, Stadthalle
15.03.23 Borken, Stadthalle Vennehof
16.03.23 Kleve, Stadthalle
17.03.23 Moers, ENNI Eventhalle
19.03.23 Siegen, Siegerlandhalle
21.03.23 Rheda-Wiedenbrück Neue Stadthalle
22.03.23 Dortmund, Westfalenhalle
25.03.23 Herford, Stadttheater
26.03.23 Rödermark, Kulturhalle
19.04.23 Biberach, Stadthalle
20.04.23 Ulm, Congress Centrum Maritim
21.04.23 Ravensburg, Oberschwabenhalle
22.04.23 Heilbronn, Festhalle Harmonie
23.04.23 Aschaffenburg, Stadthalle am Schloss
25.04.23 Korbach, Stadthalle
26.04.23 Ibbenbüren, Bürgerhaus
28.04.23 Hannover, Theater am Aegi
29.04.23 Ilsenburg, Harzland-halle
30.04.23 Wolfsburg, Congress Park
01.05.23 Dessau, Anhaltisches Theater
02.05.23 Berlin, Tempodrom
03.05.23 Lübeck, Musik- und Kongresshalle
04.05.23 Norderstedt, TriBühne
06.05.23 Peine, Stadttheater
07.05.23 Bruchhausen-Vilsen, Mensa im Schulzentrum
Im Dezember 1974 war Wandel angesagt: Lindsey Buckingham und Stevie Nicks steigen bei Fleetwood Mac ein.
Gut Rat war teuer. „Wie soll es bloß weitergehen?“, sinnierte Mick Fleetwood im Dezember 1974 bei einem Besuch in den Sound City Studios von Los Angeles. Sieben wechselvolle Jahre lagen hinter ihm, seit er inmitten des Second British Blues Boom mit Peter Green und John McVie Fleetwood Mac gegründet hatte.
Dem anfangs zähen Aufstieg mit eigenwilligem Blues-Purismus war eine weltweite Hitphase (›Albatros‹, ›Man Of The World‹, ›Oh, Well‹, ›The Green Manalishi‹) gefolgt. Als im Jahresturnus erst Peter Green, danach Ur-Mitglied Jeremy Spencer und der 1968 dazugestoßene dritte Gitarrist Danny Kirwan ausstiegen, herrschte aber eine ausgeprägte Erfolgsflaute. Zwar wechselte 1970 die talentierte Sängerin und Pianistin Christine McVie von Chicken Shack in die Band ihres Gatten John über, doch Gitarrist Bob Weston und Sänger Dave Walker blieben nicht allzu lange.
Vollen Einsatz seit dem Album FUTURE GAMES (1971) zeigte zumindest der amerikanische Sänger Bob Welch. 1974 entwickelte sich für Fleetwood Mac zum Annus Horribilis: Zuerst erdreistete sich Manager Clifford Davis, eine mit unbekannten Musikern besetzte Fleetwood-Mac-Version auf Tour zu schicken, um danach im Gerichtssaal auf die Namensrechte zu pochen. Wenig später stand der Vertrag mit Warner Bros. auf der Kippe. Eine Verlängerung gab es nur, wenn die Briten geschlossen nach Los Angeles umziehen würden. Im September 1974 erneuerte Warner zwar den Kontrakt, aber drei Monate später schied Welch aus.
Gerade als Fleetwood in den Sound City Studios Toningenieur Keith Olsen seine Not schilderte, schlug das Schicksal zu: Olsen ließ beim Gespräch im Hintergrund das 1973er-LP-Debüt des Duos Buckingham Nicks laufen. Fleetwood horchte auf, lernte Minuten später den zufällig anwesenden Gitarristen und Sänger Lindsey Buckingham kennen. Kurz darauf offerierte er dem Nachwuchs den vakanten Posten. Buckingham sagte zu, aber nur unter der Bedingung, dass Partnerin Stevie Nicks ebenfalls engagiert würde. Silvester 1974 stiegen beide ein.
THE BRIDGE ist im allerbesten Sinn ein klassisches Sting-Album. Die Melodien funkeln, die Worte sind klug gewählt, von stillen, akustischen Nummern wie dem Titelsong oder dem etwas an ›Fields Of Gold‹ erinnernden ›For Her Love‹ bis zu temporeichen Stücken wie ›Loving You‹ reicht die große stilistische Bandbreite der Platte, über die wir uns mit dem jüngst 70 gewordenen Engländer unterhielten.
Sting, die letzten Jahre waren nicht ohne. Was hat das alles mit deinem Optimismusgemacht? Nichts. (lacht)
Gar nichts? Nein, selbstverständlich habe ich meinen Optimismus nicht verloren. Die Zeiten sind nicht leicht und unproblematisch, natürlich sind sie das nicht. Aber waren sie das denn irgendwann in der Geschichte schon mal? Ich kann mich nicht erinnern.
Die Welt steht allerdings unbestreitbar vor Herausforderungen. Klimawandel und Naturkatastrophen, politischer Extremismus und vieles mehr stellt uns vor Probleme. Ich streite das alles auch gar nicht ab oder will es kleinreden. Wir werden uns am Riemen reißen müssen. Und trotzdem lasse ich mir meine Zuversicht nicht nehmen. Nur wenn wir zuversichtlich sind, haben wir überhaupt eine Chance, zu überleben. Und ja, ich bin nicht naiv, und es fällt mir nicht immer leicht, meinen Optimismus zu bewahren. Ich denke, mein Optimismus ist durchzogen von Realismus. Aber Pessimismus ist eine selbsterfüllende Sache. Wenn du glaubst, alles geht den Bach runter, dann wird es das auch tun. Insofern ist es die bessere Strategie, optimistisch zu sein.
Diese Herangehensweise ans Leben wird auch auf deinem neuen Album THE BRIDGE deutlich. Im fröhlichen ›If It’s Love‹ singst du darüber, morgens mit Schwung aus dem Bett zu hüpfen. Das tue ich tatsächlich. Ich mag das Gefühl, am Morgen aufzuwachen und den Tag vor mir zu haben. Bei dem Song muss ich immer an meinen Vater denken, der Milchmann war. Er brachte dir also jeden Morgen die Milch – und dabei pfiff er immer ein Liedchen. Pfeifen ist ebenfalls sehr therapeutisch. Ich habe schon Fensterputzer erlebt, die meine Songs pfeifen, während sie bei uns ihrer Arbeit nachgingen.
Auch in dem Song wird also gepfiffen. Ja. Das bin ich, der da pfeift. Die Liebe zum Pfeifen habe ich von meinem Vater geerbt.
Du warst ja auch oft mit dabei, wenn er die Milch ausgefahren hat.
Das stimmt. Mein Vater war ein eher grüblerischer Mensch, kein besonders gelöster oder unbeschwerter Zeitgenosse. Aber er hat es geliebt zu pfeifen.
Pfeifen ist für dich also nicht zwingend mit einer positiven Stimmung verbunden? Du kannst auch im Dunkeln pfeifen, weil du Angst hast. Du kannst auch auf dem Friedhof pfeifen, weil du weißt, dass du eines Tages dort liegen wirst.
Wo wir schon auf dem Friedhof sind. Für einen bekennenden Agnostiker hast du die neuen Lieder miteiner beträchtlichen Menge von religiösen Bezügen und Referenzen angereichert. Womit hängt das zusammen? Ich beschäftige mich mit den Fragen des Glaubens, selbst wenn ich mich persönlich keiner Religion zugehörig fühle. Ich stamme aus einem relativ frommen Elternhaus. Die Bibel hat mich fasziniert, seitdem ich zurückdenken kann. Die Sprache steckt voller Bilder und Metaphern, sie hat seit jeher meine Phantasie angeregt. Das heißt nicht, dass ich an die Dinge glaube, die dort stehen, aber allein die Geschichten faszinieren mich. Also beziehe ich mich ständig auf die Bibel, ohne religiös zu sein.
Der Titelsong überrascht mit politischen Untertönen. Du scheinst in ›The Bridge‹ die Menschen zu kritisieren, die eher an sogenannte „alternative Fakten“ glauben als an Tatsachen. Ist für dich selbst immer klar, was Gut und Böse, was wahr und was gelogen ist? Nein. Ich bin, wie du schon bemerkt hast, Agnostiker. Als solcher weiß ich, dass ich nichts weiß. Ich denke, sich absolut sicher über was auch immer zu sein, ist eine gefährliche Haltung, sei es politisch oder spirituell. Menschen, die sich unsicher sind, die keine endgültigen Gewissheiten mit sich herumtragen, sind anpassungsfähiger und flexibler. Und damit besser geeignet, zu wachsen. Menschen, die sich ihrer Sache zu sicher sind, bleiben stehen. Und Stehenbleiben ist nicht so mein Ding. (lacht) Ich bin lieber in Bewegung.
Hat dir dein 70. Geburtstag, den du mit einem Konzert an der Athener Akropolis gefeiert hast, eigentlich viel bedeutet?
Ich mag mein Alter. Ich mochte es immer, wie alt ich auch jeweils war. Ich sitze doch jetzt nicht hier und sage: „Ach, Mensch, mit 40, das waren noch Zeiten“. Wir alle werden älter und haben das Privileg, uns dem Leben stellen zu dürfen. Ich sehe das entspannt. Und ich merke auch noch nicht so viel. Ich bin gesund und achte darauf, mich jeden Tag zu bewegen. Am liebsten schwimme ich, das ist die beste Sportart von allen.
Wie stark hat einen rastlosen Menschen wie dich eigentlich Corona ausgebremst? Wie uns alle, denke ich. Ich war glücklich, dass ich meine Familie hatte und glücklich, dass ich weiter Musik machen konnte. Wir sind ein wenig herumgereist, aber nicht annähernd so viel wie üblich. Körperlich bin ich gesund geblieben, aber für die Psyche war die Zeit eine Herausforderung. Ich bin irgendwann dazu übergegangen, jeden Tag im Studio zu arbeiten, damit ich nicht verrückt werde. So entstand dann THE BRIDGE.
Welcher Song war der erste? Das war ›Captain Bateman‹. Ich saß im Studio und überlegte, worüber ich schreiben könnte und griff zu einem dicken Buch mit alten, englischen Folksongs. Aus Zufall fand ich darin einen Song namens ›Lord Bateman‹, 21 Strophen lang. Der Song ist bereits sehr alt, aus dem 12. Jahrhundert, und er ist angesiedelt im Norden Englands, meinem Teil der Welt. Er handelt von einem Lord und einem Betrug, mich hat die Geschichte gefesselt, und dann habe ich das Ganze auf sieben oder acht Strophen eingedampft, ›Captain Bateman‹ betitelt und die Musik neu geschrieben. Ich fand es nett, mit etwas Uraltem zu beginnen und es aufzufrischen. Das zeigt uns: Gute Musik kennt kein Alter.
Die neuen Lieder handeln von der Liebe, vom Tod, von schweren wie von leichten Gedanken. Was ist THE BRIDGE für dich persönlich? Eine Songsammlung über die Menschlichkeit. Wenn wir unseren Willen zur Empathie stärken, dann wird es uns am Ende auch gelingen, heil auf der Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft zu schreiten. Und uns auf dem Weg mit Lust, Neugier und Freude der Gegenwart hinzugeben. (Text: Ken Summit)