Am 17. Oktober ist ein Kurzfilm mit dem Titel „Tom Petty & The Heartbreakers – The Fillmore House Band – 1997″ erschienen. Die Mini-Dokumentation begleitet die anstehende Veröffentlichung von TOM PETTY & THE HEARTBREAKERS LIVE AT THE FILLMORE (1997).
Zwischen dem 10. Januar und dem 7. Februar 1997 spielen die Heartbreakers mit ihrem Chef 20 ausverkaufte Shows im Fillmore in San Francisco. Jeden Abend wurden unterschiedliche Setlists gespielt und Gäste wie beispielsweise John Lee Hooker auf die Bühne geholt.
Wer hat noch nie einen Song gehört, der nach Chuck Berry klang, aber gar nicht von ihm war? Es gibt jede Menge davon. Hier sind ein paar Stücke anderer Künstler, die ohne Chuck Berry nie existiert hätten.
1. The Beach Boys ›Surfin‘ USA‹ (1963)
Brian Wilson sagte: „Ich dachte mir, wie es wohl wäre, wenn wir einen Surf-Text über die Melodie von ›Sweet Little Sixteen‹ legen?“ Trotz dieses unverblümten Ideenklaus wurde einzig Wilson als Autor dieser Nummer angegeben, als sie in den USA Platz 3 erreichte. Der spitzfindige Berry ließ das allerdings nicht auf sich sitzen: Drei Jahre später stand auch sein Name in Klammern dahinter.
2. Bob Dylan ›Subterranean Homesick Blues‹ (1965)
Dieses Highlight von BRINGING IT ALL BACK HOME mit seinem Lokomotivenrhythmus und dem aus der Hüfte geschossenen Text hatte seine Wurzeln in Berrys straßenschlauen Nummern aus dem Jahrzehnt zuvor. Dylan leugnete das auch nicht: „Das kam von Chuck Berry – ein bisschen von ›Too Much Monkey Business‹ – und einigen der Scat-Songs der 40er Jahre“.
3. The Beatles ›Back In The U.S.S.R.‹ (1968)
Selbst auf dem Gipfel ihrer Avantgarde-Phase zogen die Beatles ihre Hüte vor dem Mann, der laut Lennon den Rock‘n‘Roll personifizierte. Nicht nur mit der Strophe, sondern auch mit dem Titel, entliehen von Berrys ›Back In The USA‹. In McCartneys Text wurden die Bobbysocks-Königinnen zwar durch Moskauer Bauerntöchter ersetzt, doch die Inspirationsquelle war eindeutig.
4. T. Rex ›Get It On‹ (1971)
Mit dem Shuffle-Beat und den lasziven Akkorden war dies Marc Bolans Tribut an ›Little Queenie‹, und wer bis zum Ende dranbleibt, hört sogar ein 1:1-Zitat des Originals: „And meanwhile, I‘m still thinking…“ Während Berrys Stück es gerade so in die US-Charts schaffte, war diese Ehrerbietung von seinem Jünger ein Nr.-1-Hit in Großbritannien und erreichte Platz 10 in Amerika.
5. The Rolling Stones ›Rip This Joint‹ (1972)
Bei frühen Konzerten füllten sie ihre Setlists gerne mit Berry-Covers wie ›Carol‹ und ›You Can‘t Catch Me‹ auf, und dieser Einfluss wirkte sich auch auf das Songwriting von Jagger/Richards aus. Diese Nummer von EXILE ON MAIN ST. wurde schon mal als „Chuck Berry auf Amphetaminen“ beschrieben. Angesichts der Tatsache, dass es bei den berüchtigt exzessiven Sessions in Nellcôte aufgenommen wurde, waren Amphetamine wahrscheinlich nur der Anfang.
6. David Bowie ›The Jean Genie‹ (1972)
Selbst Bowie war nicht immun gegen Berrys Verlockungen und hatte 1973 ›Around And Around‹ zu ›Round And Round‹ hochbeschleunigt. Auf ›Jean Genie‹ war dieser Einfluss ebenso unüberhörbar, vor allem in Mick Ronsons kreischendem Double-Stop-Intro, das das Klingeln eines Bahnübergangs am Anfang von ›No Particular Place To Go‹ nachahmte.
7. AC/DC ›Rocker‹ (1975)
Angus Young borgte sich nicht nur Berrys Entengang. Auf dem nur in Australien erschienenen T.N.T. von 1975 verpassten AC/DC auch seinem Sound Muskeln und zollten ihm mit ›Rocker‹ (und einem Cover von ›School Days‹) Tribut. Der Song landete später auch auf der internationalen Veröffentlichung DIRTY DEEDS DONE DIRT CHEAP – und sein Einfluss sollte zum Grundstein von allem werden, wofür die Youngs stehen..
8. Deep Purple ›Highway Star‹ (1972)
Dieses Highlight von MACHINE HEAD wird von Berrys Autoliebe angetrieben: Das Gaspedal ist hier permanent durchgetreten, während der große Schöpfer Zeilen wie „Nobody gonna have my girl/She stays close on every bend“ sicher gutgeheißen hätte. „Ich habe schon oft genug gesagt“, kommentierte Roger Glover, „dass dieses gesamte Gebäude namens Rock‘n‘Roll auf zwei Säulen ruht: Little Richard und Chuck Berry.“
9. Ramones ›Rockaway Beach‹ (1977)
In einem Interview von 1980 mit „Jet Lag“ zog Berry die Linie von seinen bahnbrechenden Singles zum Werk der Ramones („Diese Typen erinnern mich an mich selbst“). Dieses Stück aus ROCKET TO RUSSIA kam direkt aus seinem Regelwerk, inklusive des Textes für eine Teenie-Zielgruppe über eine Fahrt per Anhalter zu einem legendären Surfstrand. Berry hätte ihn nicht besser schreiben können.
10. Sex Pistols ›God Save The Queen‹ (1977)
Bassist Glenn Matlock erinnerte sich an Bowie und The Move als die Hauptzutaten, doch Berry erkannte sich berechtigterweise selbst in der klassischen Rock‘n‘Roll-Struktur und dem explosiven Slide-Riff am Anfang dieses Stücks. „Gitarrenarbeit und Sequenz sind wie meine“, bemerkte er pikiert, als er für einen Zeitschriftenartikel einen Haufen Punk-Singles rezensierte. „Guter Backbeat. Kann das meiste vom Gesang nicht verstehen…“
Im Herbst kommen Audrey Horne für mehrere Shows nach Deutschland. Unterstützt werden die Norwegischen Hardrocker dabei von Seven Sisters aus London. Wir verlosen 2×2 Tickets in eurer Wunschstadt.
Das selbstbetitelte Toto-Debüt aus dem Jahr 1978 stand unter keinem guten Stern. Nach der Veröffentlichung der Platte mussten die Musiker in Tageszeitungen und der Musikpresse viele Verrisse lesen. Man warf ihnen vor, seelenlosen und glattgebügelten „Corporate Rock“ zu spielen und dass die Band am Reißbrett von irgendwelchen Marketing-Heinis zusammengestellt worden sei, die mit der Brechstange ein künstliches AOR-Album im Radio etablieren wollten. Viele Vorwürfe waren haltlos, so kannten sich die Bandmitglieder beispielsweise schon seit der High School. „Unser erstes großes Konzert spielten wir mit Peter Frampton in der Blaisdell Arena in Honolulu“, erinnert sich Sänger Bobby Kimball an die frühen Tage von Toto. Um sich auf diesen Gig vorzubereiten flogen sie auf die hawaiianische Insel Kauai und probten dort zwei Wochen lang. „Wir haben diesen Ort zum Üben gewählt“, erklärt Bobby, „weil wir dort unsere Ruhe hatten und uns nicht ständig jemand auf den Wecker gegangen ist.“ Ruhe ist ein hohes Gut – und das ist ein wichtiger Indikator im Leben des Sängers. Anfangs studierte Bobby fünf Jahre lang Medizin und arbeitete zeitgleich als Laborassistent in einem Krankenhaus. „Ich würde nicht sagen, dass dieses Studium mein absoluter Herzenswunsch war, aber ich hatte irgendwann einen festen Job in einem kleinen Hospital und die Leute da waren schon ein sehr cooles und eingeschworenes Team. Doch die vielen Nacht- und Wechselschichten schreckten mich ab und wieviele Krankenpfleger und Ärzte Alkohol- und Drogenprobleme hatten.“
Seine Sichtweise sollte sich radikal ändern, als er einen richtigen Einblick in die Musikbusiness-Strukturen bekam. „Eigentlich“, erinnert sich der Toto-Sänger, „lag mein Schwerpunkt auf der Arbeit im Krankenhaus, denn es war ein sehr kleines Hospital und man verließ sich dort auf mich. Morgens war ich meistens im College, nachmittags im Krankenhaus und zwei-, dreimal pro Woche trat ich in Clubs auf.“ Doch mit dem Erfolg der Single ›Hold The Line‹ änderte sich sein Leben. „Es war ein unglaubliches Gefühl“, so Kimball, „als ich hörte, dass diese Single auf Platz zwei der Charts stand. Wir fühlten uns fantastisch, als wir das erfuhren.“ Heute ist der Song, der sich aus unterschiedlichen Einflüssen speist, ein unkaputtbarer Klassiker. Toto-Drummer Jeff Porcaro erklärt das Erfolgsrezept der Nummer so: „Du brauchst ein paar griffige Heavy-Metal-Akkorde von der Gitarre plus lang durchgespielte Triolen im 4/4-Takt auf dem Klavier, dazu einen sommerlichen Sly-&- the-Family-Stone-Groove. All dies gut durcheinandergemixt – und du hast es! Dieser Song hat wirklich viele Grenzen überschritten – und uns Mut für weitere Experimente gemacht.“ Genauso ungewöhnlich klingt auch die Entstehungsgeschichte des Bandnamens, um ihn ranken sich gleich mehrere Legenden, was seinen Ursprung betrifft. So soll bei einer davon der amerikanische Judy-Garland-Filmklassiker „Der Zauberer von Oz“ Pate gestanden haben, als es während der ersten Studioaufnahmen im Jahr 1976 um die Namensgebung ging. Denn „Toto“ ist der Name des kleinen Hundes, der Dorothy auf ihrer wundersamen Reise durch ein Märchenland begleitet. Eine andere Version besagt, dass Jeff Porcaro die Demobänder der Gruppe mit einer hastig gekrakelten Toto- Strich-Punkt-Kritzelei markiert habe, um sie von den Aufnahmen anderer Bands unterscheiden zu können. Als Bassmann David Hungate dieses Kürzel sah und seinen Mitmusikern erklärte, dass der lateinische Ausdruck „in toto“ so viel wie „im Großen und Ganzen“ bedeute, was das stilistischen Konzept der Band ganz gut umschreibt, soll sich die Gruppe auf den Namen geeinigt haben. Und ihren unsterblichen Mix aus Pop, Classic Rock, Rhythm and Blues, Jazz und Fusion haben sie mit dem Namen Toto tatsächlich sehr treffend beschrieben.
In seinen schillernden Maßanzügen gehört Ruben Block als Frontmann der belgischen Bluesrock-Avantgardisten von Triggerfinger zu den wohl glamourösesten Erscheinungen, die die Musikszene in Benelux je hervorgebracht hat. Und auch auf seinem ersten Soloalbum zieht der Antwerpener nun alle Register in Sachen Exzentrik.
Auf Tracks wie ›Tripping Down‹, ›Lights‹ oder ›That’s Just The Way‹ verbindet er mal noisig schlurrende, mal funky knarzende Gitarren mit verzerrten HipHop-Beats, seltsamen Soundloops und seinem zwischen Falsett und purer Lässigkeit pendelnden Vocals zu einem spröden und doch irgendwie hypnotisierenden Breitwand-Mix, der in seiner verschrobenen Experimentierlust stark an Größen wie Beck, Everlast, Jack White oder The Kills erinnert. LOOKING TO GLIDE ist Ruben Blocks psychedelischer Soundtrack zu seinem ganz persönlichen Roadmovie, in dem der 51-Jährige geschmeidig von Paralleldimension zu Paralleldimension gleitet. Bewusstseinserweiterung auf Belgisch.
Heute vor 50 Jahren lösten sich die legendären Creedence Clearwater Revival auf, doch ihre Songs zählen bis heute zum Besten, was die Rockmusik zu bieten hat.
Auch wenn John Fogerty, sein älterer Bruder Tom, Doug Clifford und Stu Cook schon einige Jahre miteinander Musik machten, konnten sie erst als Creedence Clearwater Revival die Spitze des Rockolymp erklimmen. In den gerade mal knapp fünf Jahren, die CCR existierte, nahmen sie sechs Studioalben auf, die alle Platin-Status erreichten.
Doch der Erfolg wurde stets durch persönliche und künstlerische Differenzen innerhalb der Gruppe begleitet. John Fogerty erwähnte oft, dass er sich immer allein in der Verantwortung fühlte, Hits zu schreiben. Schließlich zog er am 16.10.1972 die Reißleine – CCR waren Geschichte und wurden Musikhistorie.
›Travelin‘ Band‹ erschien 1970 als Doppel-Single mit ›Who’ll Stop The Rain‹ und wurde in ihrer Heimat mit Platin ausgezeichnet. In Deutschland erreichte der Song Platz 2 der Charts. Inspiriert ist er von Rock’n’Roll-Songs der 50er Jahre. Vor allem Little Richard diente Fogerty als Vorbild.
Begleitet wurde der Erfolg der Single auch mit Plagiatsvorwürfen. Zum einen ähnelt sie sehr ›No Time‹ von The Monkees aus dem Jahr 1967. Die Rechtsinhaber von Little Richards ›Good Golly, Miss Molly‹ fanden die Ähnlichkeiten so gravierend, dass sie ein Gerichtsverfahren anstrebten. Man einigte sich jedoch außergerichtlich.
Nichts desto trotz zählt ›Travelin‘ Man‹ zu den herausragendsten Songs von CCR. Das Video gewährt uns einen kleinen Einblick in den Touralltag der Band:
Bywater Call ist ein inzwischen siebenköpfiges Musikkollektiv, das sich grob umrissen dem Roots Rock verschrieben hat, diesen jedoch mit zahlreichen Nuancierungen aus den Bereichen Soul, Southern Rock, Blues und Funk anreichert. Die Truppe klingt wie eine moderne Mischung aus den Black Crowes, großen Soul-Legenden und bombastischem Gesangstalent – und auf ihrem zweiten Album REMAIN haben die Kanadier diese eh schon genuine Mixtur nun weiter verfeinert, um dem Wunschsound in ihrem Kopf einen Schritt näher zu kommen. „Als wir mit Bywater Call anfingen, testeten wir noch viel aus. Ein Song klang total nach Bluegrass, ein anderer wieder nach Gospel oder nach Stones-artigem Rock’n’Roll. Dann kamen unsere Bläser hinzu, wir machten unsere erste Platte und langsam verstanden wir selbst, wie unsere Band überhaupt klingt. Wie Bildhauer tragen wir immer mehr Unnötiges ab, um zu unserem Kern zu finden, um unsere Vision umzusetzen.“, so Gitarrist Dave im Zoom-Interview. Seine Partnerin und talentierte Sängerin der Truppe, Meghan, ergänzt: „Kontinuierlich nähern wir uns unserer eigenen Nische an und entfernen uns dabei gleichzeitig etwas mehr von den Künstler*innen, die uns ganz deutlich beeinflussen. Je weiter unsere Reise geht, desto mehr klingen wir nach Bywater Call und das ist eine sehr schöne Erfahrung.“
Wie genau die von ihnen anvisierte Klanglandschaft aussehen soll, versucht Dave zu erklären: „Wir versuchen, ein total warmes Feeling zu erzeugen und einzufangen – einen entspannten Southern Sound, versetzt mit Rock’n’Roll und einigen unserer Motown-Helden aus dem Soul-Universum. Wir sind nicht darauf aus, eine astreine, große Hard-Rock-Band wie ZZ Top oder so zu sein. Wo uns das meiner Meinung nach am besten gelungen ist: bei den neuen Songs ›Remain‹ und ›Locked‹.“ Für die Umsetzung ihrer Vorstellungen fingen Bywater Call bereits 2020 mit dem Songwriting für ihren Debütnachfolger an. Erst noch vor ihrer angesetzten Tour, um neues Material live antesten zu können, dann pandemiebedingt auf der heimischen Terrasse. Diese unterschiedlichen Entstehungsphasen schlagen sich auch im Grundtenor der verschiedenen Tracks nieder: „Aus manchen Songs spricht die Pandemie deutlich. ›Locked‹ beispielsweise ist zu 100 Prozent ein Pandemie-Liebeslied, das sich lose darum dreht, was Dave und ich als Paar, Geschäfts- und Musikpartner in dieser Zeit durchgemacht haben. Es geht darum, wie es sich auf unsere Beziehung auswirkte, sich uninspiriert und eingesperrt zu fühlen. Der Opener ›Falls Away‹ dreht sich um die vielen politischen Themen, die damals sehr aktuell waren – es geht um das Gefühl, dass wir im Grunde doch alle nur versuchen, uns irgendwie durchzukämpfen.“, so Meghan nachdenklich. Der Zukunft sehen die beiden optimistisch entgegen: „Wir wollen unser Publikum vergrößern, neue Märkte erobern – demnächst fangen wir beispielsweise an, in den Staaten zu touren, was ein ziemlich großes Ding für uns ist. Bisher war es ja schon so aufregend, wir gehen einen Schritt nach dem nächsten.“
Zu Beginn der Pandemie ist die US-Songwriterin Mutter geworden. Jetzt berichtet sie von ihrem neuen Selbst – und einer Krankheit, über die viel zu selten gesprochen wird. Das neue Album von Lera Lynn SOMETHING MORE THAN LOVE, wurde gleich von zwei prägenden Ereignissen beeinflusst. Zum einen ist da, natürlich, die Pandemie, mit der alle zu tun haben. Zum anderen ist die Songwriterin aus Nashville vor zwei Jahren Mutter eines Sohns geworden. Logisch, dass sich das eigene Leben da neu ausrichtet. Doch dazu gleich mehr. Zuerst kurz die Fakten. Lynn, im Dezember 1984 in Houston geboren, hat 2011 mit HAVE YOU MET LERA LYNN? ihr erstes, von RootsRock und Country dominiertes Album veröffentlicht, mittlerweile sind es sechs. Am bekanntesten dürfte sie vielen aber für ihre Mitarbeit an der zweiten Staffel der USSerie „True Detective“ sein: Zum Soundtrack steuerte sie mehrere düster dahinschleichende Americana Popsongs bei, dazu spielte sie eine Rolle als Bar-Sängerin. Für die neuen Lieder war sie zusammen mit ihrem Kreativ und Lebenspartner Todd Lombardo und wechselnden Gastmusikern im Studio. In mehreren Songs geht es darum, jemandem zu dienen, ja, sich diesem jemand komplett zu verschreiben. „There is freedom in my servitude“, heißt es im mit Streichern verzierten Folk-Pop des Titelstücks, „I pledge allegiance to you, may I never be cut free“ im mitreißenden Indie-Garage Rock meets Country-Song ›I’m Your Kamikaze‹. Was bedeutet dieser unterwürfige Gestus? „Jemand anderem zu dienen, ist einer der schwierigsten Aspekte, wenn man gerade Mutter geworden ist“, erzählt Lynn. Bei ihr jedenfalls sei das so gewesen. Man lerne, dass man nicht mehr das Zentrum der eigenen Welt ist. „Ich war 36, als der Kleine zur Welt kam, und an ein Leben als Globetrotter gewohnt, da war das schon ein bisschen ein Schlag in den Nacken.“ Schnell habe sie aber gemerkt: „Diese Dienerschaft zu umarmen, ist der einzige Weg zur Freiheit.“
Durch Songs wie das reduzierte Folk Stück ›What Is This Body?‹ oder das traumartig dahinfließende ›Black River‹ zieht sich eine tiefe Verunsicherung. Darauf angesprochen, erwähnt Lynn eine Erkrankung, die ihrer Meinung nach viel zu wenig beachtet wird: postpartale Depression. Eine Form der Depression, die Frauen – aber auch Männer – in den Wochen oder Monaten nach der Geburt treffen kann. „Ich hatte Angst ,jemandem davon zu erzählen, wie ich mich fühlte, weil ich dachte, dann würden mich alle für eine schlechte Mutter halten“, sagt Lynn, und fasst damit das Stigma zusammen, das der postpartalen Depression noch immer anhaftet. Als sie ganz unten war, habe sie im Internet zum Glück Berichte von Frauen gefunden, denen es ähnlich ging wie ihr. Die letzten beiden Jahre seien keine leichten gewesen, sagt Lynn, aber doch glückliche. „Trauer und Freude, Isolation und Gemeinschaft mit meiner Familie, Entfremdung von meinem alten und Akzeptanz meines neuen Selbst“ seien zusammengekommen. Und klar erschöpft sich ihr neues Album nicht in ihrer privaten Geschichte. Es ist eine Platte über tiefgehende Veränderung, Verunsicherung und das Sehnen nach Verbundenheit mit anderen.