„Im Kontext von Devin Townsends Gesamtwerk ist dies ein leichtfüßiges Pop-Album, seine Im-Cabrio-einer-rosigen-Zukunft-entgegen-brausen-Platte, unangestrengt, positiv, unbeschwert und mit ›Call Of The Void‹ oder ›Moonpeople‹ fast schon hitverdächtig.“
„Obwohl die Platte wohl nach einer kleinen Karibikinsel benannt ist, erinnert die Namensgebung auch an einen ehemaligen deutschen Radiohersteller mit dem gleichen Namen. Beide wirken angenehm analog und aus der Zeit gefallen.“
Luke Haines & Peter Buck: ALL THE KIDS ARE SUPER BUMMED OUT
„Buck spielt Gitarre und füttert seinen Moog, Haines singt und spielt gelegentlich Flöte und Gitarre, Scott McCaughey zupft den Bass, spielt Piano sowie Gitarre und Linda Pitmon (The Baseball Project) spielt Schlagzeug. Lenny Kaye von der Patti Smith Group gastiert auf einem Track am Gesang.“
Leichte Kost fürs Formatradio? Nicht mit der Electric Family! Schon die Eröffnungsnummer ›Sticker Ché/Gull Sweat‹ ihres siebten Albums bringt zehneinhalb Minuten auf die Uhr – und musikalisch festlegen lassen sich die gerne mal wechselnden (Gast-) Musiker um Tom „The Perc“ Redecker sowieso nicht. Was nicht heißen soll, dass das deutsche Kollektiv nicht auch eingängige Nummern schreiben kann, wie die erste Single ›Reptile‹ beweist. Das rhythmisch-rockige ›Mr. Megalomaniac!‹ zeigt eine weitere Facette der Truppe und lässt die Füße mitzappeln, während das folgende ›Alan The Arab‹ eher in die experimentelle Jazz-Ecke tendiert. Hier weiß der Hörer nie, was ihn im nächs- ten Song erwartet. Die Basis bildet ein solides Rock-Fundament mit „echten“ Instrumenten, die sich mal in die eine, mal in die andere Richtung entwickeln können. Bei so viel Vielfalt stellt sich die Frage, wie organisch das Ganze wirkt, wie der Spagat zwischen all diesen Stühlen gelingt. Und da kommt The Electric Family ihre große Erfahrung und musikalische Klasse zu Hilfe, denn übertrieben heterogen wirkt SABA nie. Obwohl die Platte wohl nach einer kleinen Karibikinsel benannt ist, erinnert die Namensgebung auch an einen ehemaligen deutschen Radiohersteller mit dem gleichen Namen. Beide wirken angenehm analog und aus der Zeit gefallen.
Als Ausnahmekünstler darf sich der Kanadier schon seit 20 Jahren bezeichnen, doch 2019 gelang ihm das bemerkenswerte Kunststück, seine höchst produktive und an Höhepunkten gewiss nicht arme Karriere mit seinem Opus Magnum EMPATH zu krönen. Ein solches Monument zu toppen ist schon schwer genug, doch dann kamen auch noch die Pandemie, diverse persönliche Veränderungen, der zunehmend alarmierende Zustand der Menschheit und sein 50. Geburtstag dazu. Was bei den meisten Menschen eine mindestens mittelschwere Sinnkrise auslösen würde, beantwortet Townsend hingegen mit LIGHTWORK, einem Album, auf dem er befreit wie selten zuvor klingt. Die leicht manische Angespanntheit, die sich in seiner Arbeit so oft findet, ist verschwunden, ebenso wie mehrteilige Konzeptsuiten, drollig-schräge Absurditäten oder der zwar genussvoll exaltierte Humor, der allerdings der Musik an sich bisweilen im Weg stand. Klanglich schließt er relativ nahtlos an EMPATH an, doch die zehn Stücke, fast allesamt in konventioneller Länge, sind zugänglicher denn je, mal episch, mal flott, gelegentlich zappaesk und nur selten metallisch-hart. Im Kontext von Devin Townsends Gesamtwerk ist dies ein leichtfüßiges Pop-Album, seine Im-Cabrio-einer-rosigen-Zukunft-entgegen-brausen-Platte, unangestrengt, positiv, unbeschwert und mit ›Call Of The Void‹ oder ›Moonpeople‹ fast schon hitverdächtig. Eine schiere Freude, wie man sie von ihm nicht erwartet hätte – und somit ein weiteres Meisterwerk.
ALL THE KIDS ARE SUPER BUMMED OUT ist das zweite Album bzw. die zweite Kollaboration zwischen Luke Haines (The Auteurs, Baader Meinhof, Black Box Recorder) und Peter Buck (R.E.M). Nach einem zufälligen Treffen im Jahr 2019, als Buck eines von Haines (Lou Reed-)Gemälden online für £ 99.00 kaufte, beschlossen die beiden zusammenzuarbeiten. Das daraus resultierende Debüt, BEAT POETRY FOR SURVIVALISTS, erschien im Frühjahr 2020. Die Songs über den legendären Raketenforscher und Okkultisten Jack Parsons mussten fast zwei Jahre warten, bevor Haines, Buck und Band sie auf ihrer Tour durch das Vereinigte Königreich vorstellen konnten – der Abschluss waren zwei ausverkaufte Abende im 100 Club im April 2022. Musikalisch driftet die Musik eher Richtung Haines denn Buck ab – eigenartig zwischen Psychedelic, LoFi, Glam, Kammerpop und Post-Punk. Im Laufe der letzten zwei Jahre, während diverser Lockdowns zogen sich Haines und Buck in einen Bunker des Kalten Krieges zurück und nahmen dieses Doppelalbum/Manifest auf. Buck spielt Gitarre und füttert seinen Moog, Haines singt und spielt gelegentlich Flöte und Gitarre, Scott McCaughey zupft den Bass, spielt Piano sowie Gitarre und Linda Pitmon (The Baseball Project) spielt Schlagzeug. Lenny Kaye von der Patti Smith Group gastiert auf einem Track am Gesang.
5 von 10 Punkten
Luke Haines & Peter Buck ALL THE KIDS ARE SUPER BUMMED OUT CHERRY RED/ROUGH TRADE
Eine harte Zeit liegt hinter der All-Star-Truppe: Nicht nur hat(te) Mike Patton mit psychischen Problemen zu kämpfen, was u. a. zu einer Tourabsage seiner Stammband Faith No More führte, auch Gitarrist Michael Crains befand sich nach einer Krebsdiagnose in einer gesundheitlichen Extremsituation und musste sich einer kräfte- zehrenden Chemotherapie unterwerfen. Als ob die vergangenen zwei Jahre nicht ohnehin belastend genug gewesen wären … In dieser Zeit veröffentlichten Dead Cross im Juni 2020 das Black-Flag-Cover ›Rise Above‹ als Solidaritätsbekundung gegenüber der Black Lives Matter Bewegung und auch auf dem nun vorliegenden Zweitwerk, schlicht II betitelt, gibt sich das Quartett kämpferisch und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. So sei laut Band der Song ›Christian Missile Crisis‹ eine Abrechnung mit „institutionalisierter Religion, NRA-holes, die ihren Mangel an Männlichkeit mit einem Waffenfetisch kompensieren, und allen Amerikanern, die statt lösungsorientiert zu handeln lieber andere unterdrücken“. Klar, dass derart kompromisslose Rundumschläge mit unerbittlicher Musik befeuert werden muss, so bewegen sich Dead Cross auch auf II wieder in gewohnt avantgardistischen Grenzgebieten des Noise und Rock. Harte Zeiten, harte Musik.
„Wenn ich in die Hölle komme, werde ich dort Piano spielen“, hat Jerry Lee Lewis einst gesagt. Am 28.10. ist die als „Killer“ bekannte Ikone im Alter von 87 Jahren gestorben.
Nachdem Lewis mit Anfang 20 von Ferriday in Louisiana nach Memphis in Tennessee gezogen war, spielte er dort 1956 bei Sun Records vor. Auf einer Probeaufnahme erkannte Sam Phillips, der auch Elvis unter Vertrag genommen hatte, das Potenzial dieses wilden Pianisten und Sängers und begann ihn zu fördern. Im Dezember des Jahres kam es zum Treffen und den Sessions des als „Million Dollar Quartet“ in die Geschichte eingegangenen Vierers Jerry Lee Lewis, Elvis Presley, Johnny Cash und Carl Perkins. Von Perkins stammt angeblich der Tipp mit dem Wegtreten des Hockers. Wobei es Lewis bei diesem Bühnengag nicht belassen sollte, mit Händen und Füßen spielte, um sein Instrument herumlief und dieses auch gerne mal anzündete.
Mit Hits wie ›Whole Lotta Shakin’ Goin’ On‹, ›Great Balls Of Fire‹ und ›Breathless‹ lieferte Lewis in den 50ern etliche Klassiker ab. Die anzüglichen Texte, extrovertierten Auftritte und vor allem das skandalöse Privatleben – hinlänglich dokumentiert ist die Ehe mit seiner 13-jährigen Cousine Myra – legten ihm einige Stolpersteine in den Weg. In den Folgejahrzehnten verlagerte sich der Rock’n’Roll- und Rockabilly-Pionier immer mehr auf die Country-Musik und konnte auch hier mit ›Me And Bobby McGee‹ und ›Chantilly Lace‹ Erfolge feiern. Bis 1983 landete er 65 Singles in den Country-Charts!
Über die Jahre war er immer wieder mit berühmten Zeitgenossen unterwegs, darunter Roy Orbison. 1989 wurde ihm mit „Great Balls Of Fire“ mit Dennis Quaid in der Hauptrolle ein cineastisches Denkmal gesetzt. Auch Platten nahm das zeitweilig drogenabhängige Enfant Terrible weiterhin auf. Zuletzt MEAN OLD MAN 2009 und ROCK & ROLL TIME 2014.
Am 28.10.2022 ist Jerry Lee Lewis im Alter von 87 Jahren wohl eines natürlichen Todes gestorben.
Was ewig währt, wird endlich (richtig) gut: King’s X haben mit THREE SIDES OF ONE endlich das ersehnte neue Studioalbum veröffentlicht. Bassist Doug Pinnick erklärt die lange Wartezeit.
Als Fan der texanischen Prog-/Alternative-Rockband King’s X braucht man vor allem eines: Geduld. Ihre Konzerte in Europa sind rar, ihre Präsenz auf YouTube oder Instagram vergleichsweise sporadisch bis selten. Bleiben noch die Alben, die das Trio Doug Pinnick (Bass, Gesang), Ty Tabor (Gitarre, Gesang) und Jerry Gaskill (Schlagzeug, Gesang) in unregelmäßigen Abstän- den auf die interessierte Menschheit loslässt. Doch wenn diese eine Vorlaufzeit von 15 Jahren benötigen, wird es eng – sogar mit der treuesten Fan-Liebe. Dies wissen die Beteiligten auch selbst und haben sich jetzt – genauer gesagt: 2019; die Verzögerung ist pandemiebedingt – zu einem neuen Studiowerk aufraffen können. Titel der Scheibe: THREE SIDES OF ONE. Bei den Aufnahmen kam vor allem Pinnick zu einer ihm zwar bekannten, aber lange verschütteten Erkenntnis: „Wir sind eine verdammt gute Band! Dies generelle Gefühl war sofort da, als wir im Studio loslegten. Ich erinnere mich noch an den ersten Song, den wir produzierten. Wir spielten ihn, machten einen groben Mix, hörten ihn an, und ich dachte: Wow! Unfassbar! Ich hatte völlig vergessen, wie gut wir sind! Ich hatte sofort ein breites Grinsen im Gesicht und wusste: So ist es also, wenn sich enge Freunde wieder treffen. Freunde, die über viele Jahre Musik gemacht, sich dann etwas aus den Augen verloren haben, und nun, frei von jeglichen negativen Gefühlen, wieder zusammenspielen.“
Zuvor hatte vor allem übertriebener Ehrgeiz und eine allzu kritische Herangehensweise zur Produktionslosigkeit geführt. „Wir wollten unseren Fans nicht einfach nur ein weiteres neues Album präsentieren, sondern etwas, auf das wir wirklich stolz sein können. Niemand möchte belangloses Zeugs aufnehmen und die Fans enttäuschen“, erklärt der King’s-X-Bassist. „Für ein solches Ziel musste die Zeit aber erst reifen, denn dazu braucht man ein stabiles Selbstbewusstsein und das Gefühl, ein solches Werk wirklich in sich zu haben. Um an diesen Punkt zu gelangen, dauerte es bei uns eine halbe Ewigkeit.“ Und von wem stammen die wichtigsten Beiträge auf THREE SIDES OF ONE? Immerhin verfügen King’s X über drei gleichstarke Komponisten. Pinnick: „Ich brachte 27 Songs mit, von denen es sieben aufs Album geschafft haben. Ty und Jerry hatten zwar nicht so viel in petto, aber ihre Ideen waren trotzdem sehr stark. Speziell Jerry überraschte uns mit einigen tollen Stücken. Er brachte drei Songs mit, und die sind – wenn man der Meinung Außenstehender Glauben schenkt – die besten der neuen Scheibe.“
Mick Mars wird nicht länger an kommenden Tourgeschehen von Mötley Crüe teilnehmen. Seine chronische und schmerzhafte Erkrankung namens „Spondylitis ankylosans“ lasse ihn künftig nicht mehr auf der Bühne stehen.
In einem Statement gegenüber der Variety steht geschrieben: „Mick Mars, Mitbegründer und in den letzten 41 Jahren Leadgitarrist der Heavy Metal Band Mötley Crüe, hat heute verkündet, dass er aufgrund des schmerzhaften Kampfes mit „Spondylitis ankylosans“ nicht mehr mit der Band touren können wird.“
Mars wird weiterhin Mitglied von Mötley Crüe bleiben. Wer seine Bühnennachfolge antritt, ist bisher nicht geklärt. Gerüchten zufolge ist jedoch John 5 hoch im Kurs. Der Gitarrist spielte bereits mit Rob Halford bei 2wo, kollaborierte mit David Lee Roth, Marilyn Manson und war zuletzt fest mit Rob Zombie unterwegs. Der Künstler ist gut mit Crüe-Bassist Nikki Sixx befreundet.