Scorpions: Don’t Stop Believing

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Scorpions: Don’t Stop Believing

Während der bescheidenen Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum ihrer ersten Veröffentlichung bereiten sich die Scorpions auf ihr 19. Album ROCK BELIEVER vor – mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Abschiedstournee. Werden sie jemals aufhören?

„Nein Klaus, jetzt mal im Ernst, erzähl uns bitte, wie die CIA für ›Wind Of Change‹ verantwortlich war – falls Klaus überhaupt dein wirklicher Name ist …“ Die mäßige Bildqualität des Zoom-Gesprächs an diesem Nachmittag macht es unmöglich, festzustellen, ob Klaus Meine und Rudolf Schenker von den Scorpions das irgendwie witzig finden. Es könnte aber auch an den großen schwarzen Sonnenbrillen liegen, die beide tragen. Natürlich lässt sich nicht eruieren, ob auch nur ein Fünkchen Wahrheit in einem unlängst veröffentlichten Podcast mit dem Titel „Wind Of Change“ steckt, der sich mit der Theorie befasst, der Song mit demselben Titel sei ein von der CIA erschaffenes Propagandawerkzeug gewesen, um Deutschland wiederzuvereinen. Und falls das wirklich der Fall ist, verraten es Meine und Schenker trotzdem nicht. Ein Moment verstreicht, dann noch einer … und endlich kommt ein Lächeln. Meine ist vielleicht ein bisschen resigniert ob der Tatsache, dass einer der größten Erfolge der Band, zu der er seit 52 Jahren gehört (und die seit einem halben Jahrhundert ohne große Unter-brechungen Platten veröffentlicht und um die Welt tourt) nun untrennbar mit einer wilden Verschwörungs-theorie in Verbindung gebracht wird, die im Lockdown viele Anhänger fand. „Wir leben in verrückten Zeiten, und als ich mit dieser Behauptung konfrontiert wurde, brach ich natürlich erst mal in Gelächter aus“, berichtet er. „Alle sagten mir: ‚Du musst dir diesen Podcast anhören!‘ Patrick Radden Keefe, ein Journalist, der für The New Yorker arbeitet, kam tatsächlich nach Deutschland, um mir mitten im Interview zu sagen: ‚Klaus, hast du die Geschichte gehört, dass die CIA ›Wind Of Change‹ geschrieben hat?‹ Ich antwortete: ‚Wie bitte?!‘ Aber dann sagte ich, wenn das wahr wäre, würde es nur beweisen, welche Macht Musik haben kann.“

„Das ist eine gute Geschichte!“, fügt Schenker hinzu. „Sie ist super! Was die Musik bewirken kann und wie die Leute daran glauben …“ Der Glaube, Mauern und der Umgang damit waren dabei von Anfang an definierende Charakteristika der Band. Abgesehen von ihrer Langlebigkeit – ihr Debütalbum LONESOME CROW, längst ein Klassiker, wird dieses Jahr 50 – sind es auch die Dinge, die sie durchmachen mussten, die sie zu wahren Legenden gemacht haben. Wer sich mit den euphorischen Glanzpunkten des neuen (und 19.) Albums ROCK BELIEVER befasst, erkennt unschwer, warum das so ist. Die harte Direktheit erinnert Scorpions-Fans un-weigerlich an ihre Hits der 80er, und dies ist kein zurückhaltendes Spätwerk, das sich im Schatten früherer Ruhmestaten versteckt. Vielmehr ist es eine selbstbewusste, hymnenhafte Bestätigung, dass die Scorpions nach wie vor ihr Versprechen einzulösen gedenken, das nach all diesen Jahren weder abgemildert noch durch jegliche Kompromisse verwässert worden ist. Meisterhaft dargebotener Hardrock, zur Perfektion gereift und berstend vor dieser einen, allerwichtigsten Zutat: Spaß. Gerade sitzt die Band in einer Lounge der Peppermint Park Studios in Hannover. Sie haben ihre Proben für eine anstehende Tournee – inklusive eines längeren Engagements in Las Vegas – unterbrochen, um mit uns zu reden. „Das ist seit hundert Jahren unsere Basis hier“, sagt Schenker. „Und es war unsere Blase, in der wir uns von der Pandemie zurückziehen und Musik machen konnten. Das war sehr therapeutisch.“ „Wir trafen uns alle zwei Tage hier“, so Meine. „Dann sperrten wir uns ein, tauchten tief in unsere kreative Welt ab und ließen die grausame Realität vor der Tür.“


Es standen bereits einige Ideen für das Album zur Auswahl, da es ursprünglich schon für 2018 geplant
gewesen war. Doch die Zwangspause vom Touren, nachdem sie im März 2020 noch ihre Termine in Australien
und Südostasien absolviert hatten, gewährte ihnen eine kreative Atempause, die sie durch ihre fast perma-nenten Liveaktivitäten nur selten bekommen. „Das letzte Mal war vielleicht 1986?“, fragt sich Schenker. Diese Zwangspause hatte durchaus ihre Vorteile. Die Anforderungen eines lebenslangen Tourmarathons – trotz einer
sogenannten Abschiedstournee 2010, die wir nur kurz ansprechen – sind nicht unbedingt mit der schöpferischen Freiheit in Einklang zu bringen, die für ein neues Album nötig ist. „Wenn man unterwegs ist, erhält man viele Emotionen von den Menschen, aus dem Publikum, und das beeinflusst die Musik, die man spielt“, so Schenker. „Das passt alles zusammen, aber man muss aufpassen, dass man dabei nicht zu einer Maschine wird.“ „Kreativität ist nichts, das immer selbstverständlich ist“, sagt Meine. „Als wir sagten, dass wir ein neues Album machen sollten, war die Frage natürlich: Können wir es noch bringen? Ich fing 2019 an, Texte zu schreiben, ohne auf Demos von Rudolf zu warten. So hatten wir viele Jahre gearbeitet – die Texte kamen
immer an zweiter Stelle. Aber diesmal war es umgekehrt. Ich begann einfach mit den Texten, also fragte ich mich, worüber zum Teufel ich überhaupt schrei ben will , und schickte Rudolf dann ein paar Sachen. Ein Song war ›Gas In The Tank‹. Das war ein Dialog, denn Rudolf war damals nicht in Deutschland, sondern in Thailand.

Ihm die Texte zu schicken war, als würde ich sagen: ‚Hey, mach mal, gib mir ein paar Killer-Riffs, mein Freund! Ich will Benzin im Tank!‘“ „Es ist großartig, denn wenn man eine gewisse Routine hat, ist es sehr schwer, aus ihr auszubrechen“, sagt Schenker. „Und wir hatten Zeit. Keinen Druck. Genug Zeit, um Songs auch erstmal unvollendet zu lassen, sie beiseite zu schieben und später wieder aufzugreifen. Das war fantastisch und half uns durch diese furchtbare Zeit.“ Trotz dieses umgekrempelten Songwriting-Prozesses ist der zeitlos-klassische Klang von ROCK BELIEVER unbestreitbar und scheint sich seine DNA mit der Genialität des bombastischen BLACKOUT von 1982 zu teilen. „Das war dieselbe Situation“, so Schenker. „Willst du wissen, warum? Bei BLACKOUT hatten wir unsere eigene Pandemie, denn Klaus hatte Probleme mit seiner Stimme, also konnte er nicht wirklich singen. Wir konnten also auch nicht auf Tour gehen und mussten auf Klaus warten. Daher nutzten wir diese Zeit, um Songs sehr natürlich entstehen zu lassen. Das Problem ist ja immer, dass man zu früh aufhört weil man unter dem Druck steht, wieder loszuziehen. Wir hatten auch sehr viel Erfahrungen mit einiger der besten Produzenten der Welt, die uns immer ein bisschen hierhin oder dahin drängten. Diesmal konnten wir uns absolut entspannen, weil kein Produzent involviert war.“

Meine führt aus, dass die Scorpions zu der Zeit von LOVEDRIVE (1979) und ANIMAL MAGNETISM (1980) ein
Alben aufnehmender, pausenlos tourender Dampfdrucktopf waren. „Alle wollten uns an der Spitze sehen – die
Plattenfirmen und das Management sagten: ‚Jetzt! Macht sofort ein Album!‘“, erinnert er sich. „Heute sind wir im Winter unserer Karriere und müssen niemandem außer uns selbst irgendetwas beweisen. Das ist ein
großartiges Gefühl. Rudolf und ich wurden schon vor so langer Zeit Songwriting-Partner. Wir waren ohnehin
schon Freunde, und diesen Vibe immer wieder zu aktivieren, fühlt sich super an. Der Kern von alledem war, an sich selbst zu glauben. Wir saßen in Hannover fest und konnten nirgendwohin fahren. Es war gut, dass wir sagen konnten: ,Okay, wir haben diesen fantastischen Tontechniker Hans Martin-Buff und werden das Album
mit ihm produzieren‘. Wir wussten, was wir da taten. Wir hatten eine lange Karriere und wissen, wie das geht.“
Natürlich war das nicht das erste Mal, dass die Scorpions an sich selbst glauben und durchhalten mussten. Dies ist keine Band, die so tut, als liege noch alles vor ihr, sondern eine Band, die sich wohl in ihrer Haut fühlt, der eigentlich immer noch alles scheißegal ist und die zufrieden damit ist, ihre Musik und ihre ausverkauften Hallen und Stadien für sich sprechen zu lassen.

Man gewinnt aber auch den Eindruck, dass sie sich nicht groß um Jubiläen scheren – es wird keine Kuchen und Girlanden für den 50. von LONESOME CROW geben. „Das ist für uns kein großes Ding, um das irgendwie besonders zu feiern“, sagt Meine. „Klar, es ist ziemlich verrückt, dass die Scorpions im Februar 50 Jahre auf ihre erste Veröffentlichung zurückblicken. Ich denke, einer der Gründe, dass es uns immer noch gibt, ist dass wir eine deutsche Band sind. Heute gibt es ein paar mehr, wie Rammstein, aber Anfang der 70er war da niemand. Wir waren junge Kids aus Deutschland mit großen Träumen. Als wir in der ersten Hälfte der 70er nach England gingen, dachten wir: ‚Alle unseren Helden kommen von hier‘. Wir waren inspiriert von den Beatles, den Stones, The Who, den Kinks. Dann in London im Marquee zu spielen, war schon ein ‚Wow!‘-Erlebnis. Und es war absolut entscheidend – man tritt dort auf und der Melody Maker und der NME sitzen an der Bar und sind bereit, dich umzubringen!“

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