Als Schauspieler ist William Shatner eine Koryphäe. Als Sänger dagegen polarisiert er wie kein Zweiter – und das schon seit seinem ersten Album von 1968. Was sich nun mit PONDER THE MYSTERY fortsetzt: Ein 15-Song-Marathon, in dem er seine Lebensgeschichte rezitiert. Und zwar mit der Anmutung eines Shakespeare-Darstellers, der sich in einen Song verirrt hat und über Liebe, Tod und Selbstfindung sinniert. Alles unterlegt mit lupenreinem Prog-Rock, der zwischen sphärischer Mystik, haltlosem Bombast und virtuosen Solo-Einlagen pendelt sowie in erster Linie von Billy Sherwood (Ex-Yes), aber auch von Kollegen wie Robby Krieger, Zoot Horn Rollo, Nik Turner, Rick Wakeman, Mick Jones (Foreigner) und Steve Vai stammt. Ein Line-up, bei dem ja eigentlich nichts schief gehen kann.
Antlered Man – THIS DEVIL IS THEM
Antlered Man aus London machen es ihren Zuhörern nicht leicht: Sie verweigern ein klar ersichtliches Konzept, reihen Riffs, Licks und Parts ohne offenkundiges Arrangement aneinander und malträtieren ihre Instrumente ziemlich harsch. Über diese Geräuschkulisse platziert Sänger Damo Ezekiel Holmes bisweilen krude Melodiebögen, deren Zerbrechlichkeit immer dann deutlich wird, wenn ohne Vorwarnung Gitarre, Bass und Schlagzeug über sie hereinbrechen. Manches erinnert in Klang und Instrumentierung an frühe Black Sabbath, anderes an die experimentelle Ausrichtung deutscher Bands in der Krautrock-Ära der 70er. Eines muss man der britischen Gruppe lassen: Konventionen lassen sie sich mitnichten als Korsett auferlegen, zudem beweisen Antlered Man Mut und Konsequenz. Indes: Beides muss auch der Konsument mitbringen, plus Robustheit, um dieses eigenwillige Treiben genießen zu können.
Howe Gelb – THE COINCIDENTALIST
Musik für die Stunden nach Mitternacht.
Was ist nur mit Howe Gelb los? Mit 57 Jahren ist er für beginnende Altersmilde eigentlich noch zu jung, doch ›Vortexas‹, der Opener seines neuen Albums, klingt eindeutig nach Bekennerballade, gesungen – besser: geraunt – gegen halb vier Uhr morgens, und zwar über einen ranzigen Tresen gebeugt, der nach vollen Aschenbechern und leeren Schnapsgläsern riecht. Und so geht’s zunächst auch weiter, wer jene Gitarrenbreitseiten und Noise-Attacken sucht, mit denen Giant Sand einst das Americana-Genre in Richtung Indie-Rock erweiterten, der muss warten. Und zwar, bis das Album vorbei ist, und dann CENTER OF THE UNIVERSE von 1992 in den Player schieben. THE COINCIDENTALIST oszilliert über weite Strecken zwischen sparsam inszeniertem Folk und melancholischen Pianoklängen, bereichert um Gelbs typisch spröden, narrativen Gesangsstil. Das klingt zunächst nicht allzu spektakulär, doch – ebenfall typisch Howe Gelb – wachsen einem die Stücke nach mehreren Durchläufen deutlich enger ans Herz. Musik für die Stunden nach Mitternacht.
Scorpions – MTV UNPLUGGED IN ATHENS
Die Scorpions erlebten auf ihrer „Get Your Sting And Blackout / The Final Sting“-Tour mir nichts dir nichts ihren zweiten Frühling: Meine, Schenker (beide 65) und Jabs (58) legten in diesen drei Jahren eine derart heiße Sohle aufs Parket, dass es nach der letzten Show der mehrfach den Globus umrundenden Konzertreise im Dezember 2012 in München einfach weitergehen musste. Mit MTV UNPLUGGED IN ATHENS steht nun ihr erstes Lebenszeichen seit diesem historischen Tag in den Läden. Das 24 Songs umfassende Doppelalbum (optional als BluRay/DVD) bietet neben den obligatorischen Scorpions-Klassikern eine ganze Latte an selten live gespielten Songs sowie vier neue Stücke. Die große Überraschung hierbei ist die von Rudolf Schenker gesungene(!!!) Ballade ›Love Is The Answer‹. MTV UNPLUGGED IN ATHENS katapultiert sich mit seinen geschmackvollen Arrangements in eine Liga mit den akustischen MTV-Ausflügen von Eric Clapton, Alice In Chains und Neil Young. Einzig und alleine der größte (weltweite) Scorpions-Hit ›Rock You Like A Hurricane‹ – vorgetragen als Duett mit Revolverheld-Sänger Johannes Strate, der seine Parts ziemlich lustlos ins Mikro trällert – gibt einen Punkt Abzug.
Steven Wilson – DRIVE HOME
Über die Bedeutung des Briten Steven Wilson in der aktuellen Prog-Szene muss man wohl keine weiteren Worte verlieren. Ebenso wenig über die Begeisterung, die der introvertierte Künstler allerorten auslöst. Bleibt also nur, die Zusammensetzung dieser EP zu erläutern, die aus einem Edit (›Drive Home‹), einer wegen seines exponierten Orgeleinsatzes wunderbar an The Nice und frühe Yes erinnernde Nummer (›The Birthday Party‹), einer Orchesterversion von ›The Raven That Refused To Sing‹ sowie vier Live-Tracks besteht. Und wie eigentlich immer bei diesem Mann: Der Genuss von DRIVE HOME beginnt bei der allerersten Note und endet erst mit dem allerletzten Ton. Dazwischen liegen zahllose Momente voller Glücksgefühle, aber auch von Melancholie und Selbstvergessenheit. Dass der deutsche Schlagzeug-Guru Marco Minnemann das Material eingetrommelt hat, darf getrost ebenso als Qualitätsmerkmal gewertet werden wie die Soloarbeit von Gitarrist Guthrie Govan. Diese Veröffentlichung glänzt durch seine Mehrdimensionalität und steht damit in bester Wilson-Tradition.
Saxon – UNPLUGGED AND STRUNG UP
Hits der Sachsen als Orchesterfassungen und Balladen.
Alte Ohrwürmer in neuen Versionen, das freut die Die-Hard-Fans, die das Strickmuster „same but different“ bevorzugen. Im Falle von Saxon klappt das prima, die Orchesterversionen ausgewählter Klassiker wie ›Crusader‹, ›Call To Arms‹ u.a. funktionieren gut. Das Pathos der Heavy-Metal-Hymen passt problemlos zu den schwelgenden Klängen eines Orchesters. Zudem enthält die Scheibe einen knackigen Remix von ›Stallions Of The Highway‹ sowie Neuaufnahmen von ›Forever Free‹ und ›Just Let Me Rock‹, deren Sinn sich dem Kritiker nicht erschließt. Hinzu kommen Akustikversionen von vier weiteren Songs (›Frozen Rainbow‹, ›Iron Wheels‹, ›Requiem‹, ›Coming Home‹). Zu Lagerfeuerklampfen kann Silberrücken Biff Byford zeigen, dass seine Stimme über mehr Tiefe und Möglichkeiten verfügt, als man anhand der Rock-Fassungen ahnte. Als Bonus gibt es das komplette Album HEAVY METAL THUNDER von 2002 oben drauf, eine ganz nette Geste, die jedoch die alten Anhänger nicht unbedingt nötig hätten. Das Doppelalbum wirkt etwas zusammengeschustert, aber den einen oder anderen neuen Aspekt im bekannten Song könnte der Die-Hard-Fan durchaus entdecken.
Rush – CLOCKWORK ANGELS TOUR
Ein Konzert von Rush ist ein absolutes Erlebnis. Darin sind sich alle einig, die die Kanadier schon einmal live gesehen haben. Jetzt kann man sich die musikalischen Begleiterscheinungen ihrer letzten Reise mit CLOCKWORK ANGELS TOUR ins eigene Wohnzimmer holen. Die Aufnahmen wurden vergangenen November in der American Airlines Arena in Dallas, Texas, gemacht und zeigen Rush in Höchstform. Neben aktuellen Stücken aus ihrem letzten Werk CLOCKWORK ANGELS bieten sie auch diverse Klassiker wie ›Tom Sawyer‹, ›2112‹, ›The Analog Kid‹ und ›The Body Electric‹. Unterstützt werden Geddy Lee, Alex Lifeson und Neil Peart bei einem Großteil der Songs vom Clockwork Angels String Ensemble, das den Songs noch eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. Eine wirklich gute Live-Aufnahme, die mit über drei Stunden Spielzeit Einiges zu bieten hat. Wem die Hörversion nicht reicht: CLOCKWORK ANGELS TOUR gibt es auch als DVD und Blu-ray.
Paul McCartney – NEW
Sir Paul will es noch mal wissen!
Gleich vorweg: Sein 16. Studioalbum, das erste seit sechs Jahren mit gänzlich neuem Material, klingt herrlich ideenreich, poppig und experimentell, was besonders den vier jungen Superstar-Produzenten geschuldet ist, die er dafür akquirierte. Amy-Winehouse-Produzent Mark Ronson wurde die Ehre zuteil, den titelgebenden Albumvorboten ›New‹ soundmäßig zu veredeln. Wenn man genau hinhört, wird man neben Beatles-Anleihen, Klatschrhythmen und mitreißenden Chören auch den funky Vibe von Michael Jackson darin entdecken. Paul Epworth (u.a. Adele) war mehr als nur Produzent. Mit ihm schrieb die Beatles-Legende gleich drei Songs gemeinsam, darunter der mit seinem Bombast an Queen erinnernde Opener ›Save Us‹ und die herrlich beatleske Uptempo-Single ›Queenie Eye‹. Kings-Of-Leon-Producer Ethan Johns wählte einen anderen Ansatz, die Akustikballade ›Early Days‹ wirkt eher wie McCartneys Pendant zu ›Hurt‹ von Johnny Cash. Brüchig und verletzbar klingt die Stimme des 71-Jährigen, wenn er auf seine Liverpooler Zeiten mit John Lennon zurückblickt. „They can’t take it from me if they try, I lived through those early days …“ Nein, die Erinnerungen kann McCartney keiner nehmen. Dass auch Giles Martin mit von der Partie ist, der Sohn von Beatles-Produzent Sir George Martin, versteht sich von selbst. Er hatte mit seinem Vater bereits an der 2006 erschienenen Beatles-CD LOVE für die gleichnamige Cirque-Du-Soleil-Show in Las Vegas gearbeitet. Gleich sechs Stücke von NEW gehen auf sein Konto. Darunter die Stärksten der Platte, etwa das aufmunternde ›Looking At Her‹, das einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Besser kann Paul McCartney nicht mehr werden. Das Schöne an seinem Alterswerk ist ja, dass es die Vergangenheit mit der Gegenwart aufs Vorzüglichste zusammenbringt. Auch deshalb werden nicht nur Beatles-Fans NEW lieben.


