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Volbeat – Schicksals-Riffs

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Volbeat 2010Kaum eine Rockband hat in den vergangenen beiden Jahren einen größeren Karrieresprung gemacht als Volbeat. Den Dänen ist es mit ihrer Mischung aus Fünfziger-Flair, markanten Melodien und eisenharten Riffs gelungen, die scharf bewachte Genre-Grenze zwischen Metal und Mainstream zu durchbrechen.

Die Phase zwischen 30 und 40 ist die wohl stressigste im Leben der Menschen: Hier passiert alles. Man ist endgültig erwachsen geworden, die meisten haben einen geregelten Job, in dem sie nun Karriere machen möchten, bei vielen stehen Familienplanung, Hausbau, Zukunftssicherung auf dem Programm. Und in diese Zeit fallen häufig auch die ersten großen Schicksalsschläge.

Diese Entwicklung ist natürlich – und daher macht sie auch vor einem Rock’n’Roller nicht Halt. So hat Volbeats Karriere in den letzten Monaten einen enormen Schub bekommen, es gab Familienzuwachs innerhalb der Band und auch eine Hochzeit, zudem mussten zwei Musiker mit herben Rückschlägen kämpfen. Ein Auf und Ab der Emotionen also – anstrengend zwar, aber eben auch eine fruchtbare Basis für die Komposition neuer Songs und die Erstellung von Texten.

So ist Volbeats aktuelles Album BEYOND HELL/ABOVE HEAVEN in vielerlei Hinsicht ein besonderes Werk geworden. Das gilt sowohl in rein ge-schäftlicher Hinsicht, denn die Scheibe ist das erste Werk der Dänen, das auf einem Major-Label er-scheint. Aber eben insbesondere auch aufgrund der persönlichen Umstände, unter denen es entstanden ist.

Speziell im Leben von Frontmann Michael Poulsen hat sich einiges getan. Sein Vater, seit jeher Respektsperson und zugleich wichtiger Orientierungspunkt für den Sänger und Gitarristen, ist verstorben. Er hat seinen Sohn stets in musikalischer Hinsicht beraten, alle Song-Ideen vorab getestet und Michael mit seinen Kommentaren wertvolle Hinweise gegeben, in welche Richtung sich der Track noch entwickeln könnte. „Die Arbeit an der neuen Platte war für mich schwieriger als sonst“, gibt Poulsen daher offen zu. „Für mich war es immer eine große Hilfe, dass sich mein Vater alle Demos anhörte und seine Meinung dazu sagte. Denn wenn er etwas wirklich mochte, wusste ich immer, dass es auch andere Menschen gut finden würden.“

Um den Verlust zu verarbeiten und sich neu zu orientieren, hat er seinem Papa auch einen Song gewidmet: ›Fallen‹. Das Lied ist sehr emotional, was besonders an den ergreifenden Melodien liegt, die der Sänger und Komponist dafür ausgewählt hat. Es hat eine tief berührende, introvertierte Note, obwohl es keine balladesken Züge trägt.

Im harschen Kontrast dazu stehen einige extrem harte Songs wie ›7 Shots‹ oder ›Evelyn‹, bei dem Volbeat Gastmusiker ins Studio geladen haben. Es sind jedoch nicht die üblichen Verdächtigen, die man bei einer Band mit Fifties-Vorliebe erwarten würde. Nein, die Dänen wollten ein Zeichen setzen – und haben ihre alten Metal-Vorbilder zu sich gebeten. „Die Fans wissen inzwischen, dass wir Johnny Cash und Elvis verehren“, erläutert Michael die Entscheidung. „Daher es war uns wichtig, auch die andere, harte Seite von Volbeat zu zeigen. Mit Mille Petrozza von Kreator und Michael Denner von Mercyful Fate als Gäste bei ›7 Shots‹ und Barney Greenway von Napalm Death bei ›Evelyn‹ ist uns das gut gelungen, finde ich.“

Zudem hat sich die Band damit einen ihrer Jugendträume erfüllt. Alle Mitglieder von Volbeat sind mit Heavy-Riffs groß geworden, und obwohl sie heute niemals mehr auf Melodien & Co. verzichten möchten, wollen sie ihren Vorbildern doch Tribut zollen. Denn ihre Jugendzeit ist den Musikern nach wie vor in bester Erinnerung. Auf die erste Berührung mit der Metal-Szene angesprochen, gerät Poulsen sofort ins Schwärmen und plaudert los: „Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Jugendlicher jede Woche die MTV-Sendung ›Headbanger’s Ball‹ geschaut habe. Sie lief immer sehr spät nachts, was für mich nicht gerade optimal war, denn ich musste am nächsten Tag früh zur Schule“, so der Kopenhagener. „Doch das war mir egal – ich wollte trotzdem keine Sekunde verpassen. Eines Tages lief ein Video, das ich ultracool fand. Am Ende des Stück kam dann endlich die Bauchbinde, auf der stand, von wem der Song war: Napalm Death, vom Album HARMONY CORRUPTION. Ich bin sofort am nächsten Tag mit dem Fahrrad in den nächsten größeren Ort geradelt, weil es dort einen Plattenladen gab, in dem ich HARMONY CORRUPTION kaufen konnte. Ich hatte extra dort angerufen, ob die Platte auch wirklich vorrätig war – denn die Fahrt dorthin dauerte anderthalb Stunden! Für ein Zugticket hatte ich natürlich kein Geld…“

Einen ähnlich großen Einfluss wie Napalm Death hatte eine dänische Band auf den jungen Michael Poulsen: Mercyful Fate. Deren Gitarrist Michael Denner ist nun auf BEYOND HELL/ABOVE HEAVEN zu hören – sozusagen als verspätetes Dankeschön dafür, dass Denner Poulsen derart inspiriert hat. Und zwar nicht nur rein spieltechnisch – denn auch die Optik der Band hat Michael begeistert. Das lässt sich sogar noch heute nachvoll-ziehen: Auf seinem Bein prangt ein fettes Tattoo von Mercyful Fates DON’T BREAK THE OATH-Artwork.

Die Musik begleitet ihn bis heute – und so sind Cash, Elvis, Napalm Death, Metallica oder Kreator allesamt in seiner iPod-Playlist vertreten. Obwohl oft krasse Stimmungswechsel zwischen den Songs herrschen, kann sich Poulsen alles problemlos durcheinander anhören. Es ist die Musik an sich, die ihn entspannt, weniger der spezielle Sound. Vor allem auf Tour legt er sich gerne in seine Koje und entspannt sich beim Zuhören. Allerdings klappt das nicht immer, wie Michael berichtet: „Auf der letzten Tour wachte ich des Öfteren mitten in der Nacht auf und hörte irgendwelche Musik – aber es war nichts, das ich auf dem Player gespeichert hatte. Es scheint, als hätten mich die anstrengenden Monate unterbewusst doch mehr gestresst als erwartet. Nun ja, eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn ich musste nicht nur den Verlust meines Vaters verkraften, sondern auch die Trennung von meiner Freundin, mit der ich sieben Jahre zusammen war. Zum Glück habe ich danach rasch die Liebe meines Lebens gefunden. Das hat mir geholfen, aus dem schwarzen Loch herauszukommen. Plötzlich fühlte ich wieder neue Energie, sah Licht am Ende des Tunnels. Sie ist wie ich mit Elvis aufgewachsen und mag fast alle Dinge, die mir etwas bedeuten. Für mich ist sie wirklich wie eine Seelenverwandte – ich hätte auch nie gedacht, dass ich einmal jemanden finden würde, der so perfekt zu mir passt. Vor einigen Monaten sind wir nach Graceland gefahren, um dort zu heiraten.“

 

Apocalyptica – Nackte Tasachen

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Apocalyptica 2010 @ Ralf StrathmannDrei Cellisten, ein Schlagzeuger und wechselnde Promi-Gastsänger lassen ihrer Liebe für Rock, Metal, Gothic und Kammermusik freien Lauf – und stürmen damit Hitlisten in aller Welt. Cellist Eino Matti „Eicca“ Toppinen und Schlagzeuger Mikko Sirén über den neuen Streich des Phänomens namens Apocalyptica: 7TH SYMPHONY.

Im Jahr 1993 als Metallica-Cover-Band von vier Musikstudenten in Helsinki gegründet, blicken Apocalyptica heute auf eine einzigartige Karriere zurück. Auf Celli-Interpretationen bekannter Songs von Metallica, Faith No More, Sepultura oder Pantera folgten eigene Metal-/Rock-Kompositionen, mit denen die Finnen zu Dauergästen in europäischen Charts avancierten. Das fünfte, 2007 erschienene Album WORLDS COLLIDE öffnete in den USA neue Türen: Der Langspieler wanderte über 270.000 Mal über US-Ladentheken, die von Adam Gontier (Three Days Grace) eingesungene Single ›I Don’t Care‹ rotiert immer noch im US-Rock-Radio.

Nach diesen Triumphen hätte die heutige, aus den Cellisten Eicca Toppinen (35), Paavo Lötjönen (42) und Perttu Kivilaakso (32) sowie Schlagzeuger Mikko Sirén (34) bestehende Besetzung problemlos ein Nummersicher-Werk voller Songs mit a) illustren Gästen, b) Metal- oder c) Cover-Stücken aufnehmen können. Statt auf Außenstehende zu hören und sich auf nur eine dieser Schubladen festzulegen, ordneten die Musiker mit 7TH SYMPHONY ihre verschiedenen Gesichter in zehn Kapiteln gleichberechtigt nebeneinander an, grenzten diese aber eindeutiger voneinander ab. „Wir legen sehr großen Wert auf Unabhängigkeit. Eine von anderen Menschen abhängige Album-Ausrichtung kam nicht in Frage“, stellt der bestens gelaunte Komponist Eicca Toppinen bei einem Morgenkaffee auf der Terrasse eines Berliner Hotels klar. „WORLDS COLLIDEs Erfolg verdanken wir viele Möglichkeiten: Wir dürfen inzwischen in allen Bereichen mit den besten Leuten zusammenarbeiten. Als wir die Platte aber mit etwas Abstand betrachteten, fühlte es sich an, als mangele es einigen Songs hier und da an Identität. Manche Instrumentals unterschieden sich in ihren Arrangements zu wenig von den mit Gesang versehenen Liedern.“

Um sie deutlicher von den vokalgestützten Titeln abzuheben, legten Apocalyptica die 7TH SYMPHONY-Instrumentals komplexer an und befreiten sie von klassischen Strophe-Refrain-Strukturen: Der Stampfer ›At The Gates Of Manala‹ zeigt die Formation mit verqueren (Tool-)Rhythmen, dreht in Blastbeat-Geschwindigkeiten auf und mündet in epischer Schwere. In ›2010‹ wirbeln sich Mikko Sirén und Slayer-Legende Dave Lombardo krumme Takte und Breaks zu – und tönen dabei wie die verblichenen Wüstenrocker Kyuss auf Speed. Das progressive ›Rage Of Poseidon‹
überlässt Mikko viel Platz für rhythmische Spielereien, walzt in Metallica-Manier, endet in einem furiosen Finale aus perkussivem Chaos und den schrägsten Celli-Soli der Band-Geschichte. Als Kontrast hebt getragene Soundtrack-Melancholie in ›Sacra‹ und ›Beautiful‹ den sinfonischen Album-Titel als auch den erdigen Charakter der Celli hervor.

Die letztgenannte, kammermusikartige Komposition ist in vielerlei Hinsicht besonders: Zum einen wechselte Sirén für ›Beautiful‹ erstmals an den Bass, zum anderen nahm die Band den intensiven Gänsehauterzeuger in intimer Atmosphäre auf: live und nackt. Dies war allerdings nicht Apocalypticas er-stes Erlebnis dieser Art: Schon zuvor hat-ten die Sauna-Befürworter beispielsweise Soundchecks in Adamskostümen absolviert. Dass unter anderem Amerikaner recht skeptisch auf Freizügigkeit reagieren können, stellte das Quartett vor geraumer Zeit fest. „In L.A. mussten wir vor Hotel-Sicherheitsleuten flüchten. Wir wollten nackt schwimmen gehen und hatten uns nichts dabei gedacht. Die Wachmannschaft scheuchte uns durch das Hotel und drohte schreiend mit Ausweisung“, erinnert sich der Schlagzeuger lachend. „Meine Güte, es sind doch nur Penisse.“

Dafür, dass die global auf vier Millionen verkaufte Tonträger zusteuernden Nackedeis mit 7TH SYMPHONY weitere Popularitätsschübe erfahren werden, garantieren vor allem geradlinige, mit externen Komponisten und Gastsängern entstandene Songs: Bei der eingängigen, von Toppinen und Johnny Andrews komponierten Alternative-Rock-Auskopplung ›End Of Me‹ werden Apocalyptica von Gavin Rossdale (Bush) unterstützt, in dem getragenen, aus Diane Warrens Hitfeder stammenden ›Not Strong Enough‹ schmachtet Shinedown-Frontmann Brent Smith wie Nickelbacks Chad Kroeger, während das von Toppinen, Guy Sigsworth und Fiora Cutler geschriebene ›Broken Pieces‹ Flyleaf-Aushängeschild Lacey Sturm über einem Hauch Orient in den Vordergrund rückt. Das von Gojira-Chef Joseph Duplantier mitverfasste und vorgetragene ›Bring Them To Light‹ schlägt hingegen völlig aus dem Radio-Raster: eine gespenstische Nummer, die unter Schreien nach vorne knüppelt und fast schwarzmetallische Raserei erreicht. „Wir wollten unbedingt einen Song auf dem Album wissen, der sich trotz Gesangs keinesfalls als Single anbietet und eine völlig andere Herangehensweise zeigt“, erklärt Eicca. „›Bring Them To Light‹ verkörpert die ge-ballte Energie schnellen Thrash Metals alter Schule. Parallel strahlen die Harmonien und der Refrain Schönheit aus.“

Abgesehen von den in Los Angeles entstandenen Schlagzeugspuren und zwei von Howard Benson (Kelly Clarkson) produzierten Liedern, nahmen Apocalyptica 7TH SYMPHONY in ihrer frostigen Heimat auf: Sie flogen Star-Knöpfchendreher Joe Barresi (Tool) aus Kalifornien ein und ließen sich in Helsinki von ihm ein organisches, rhythmusbetontes Kleid schneidern. Im Vorfeld hatten die Skandinavier zwar Stücke und Strukturen vorbereitet, viele Übergänge und Arrangements aber offen gelassen. Der Verzicht auf allzu detaillierte Vorausplanungen und Demo-Aufnahmen erwies sich als Pluspunkt. „So waren wir gezwungen, die ganze Zeit kreativ und innovativ zu agieren“, blickt Toppinen zurück. „Die Studiotage waren lang und boten jedem Involvierten die Möglichkeit, eigene Vorstellungen zu erarbeiten und auszuleben. Joe legte großen Wert darauf, selbst kleinste Zitate mit spannenden Klängen zu umhüllen. Jede Aufnahme begann mit der Suche nach passenden Sounds. Wir wollten diese Entscheidungen nicht erst im Mix, sondern schon bei der Entstehung treffen. Deshalb verzichteten wir auf Verwendung eines Clear Channels – und somit auf die Möglichkeit, im Nachhinein Klangcharaktere verändern zu können. Das gibt dem Album Langzeitwirkung: Jedes Hören offenbart neue Details, Farben und Ebenen.“

 

Blind Guardian – Heiligsprechung

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BlindGuardian 2010f @ Audrey Dujardin„Gut Ding’ will Weile haben“ – so lautet seit Jahren das Credo der Krefelder Riffer Blind Guardian. Ihr neues Album AT THE EDGE OF TIME bekam daher ausreichend Zeit zum Reifen.

Die Idee ist genial – und irgendwie auch folgerichtig: Blind Guardians Beitrag zum PC- und Xbox-Spiel „Sacred 2 – Fallen Angel“, dem Nachfolger des weltweit erfolgreichsten deutschen Action-Rollenspiels aller Zeiten, hat zusammengeführt, was für viele Konsumenten schon immer zusammengehörte. Nämlich Metal und Fantasy, Bilder von Schattenkriegern und deren martialischen Gefechten mit der epischen Musik von Blind Guardian und ihren wortgewaltigen Texten über verwunschene Welten. „Eine fabelhafte Kombination“, findet auch Sänger Hansi Kürsch, „,Sacred‘ gefällt Computerfans ebenso wie den Anhängern von Blind Guardian. Für uns ist bei dieser Gelegenheit zusätzlich auch noch ein tolles Video und ein Quest herausgesprungen – was will man mehr?“

Eine ähnliche Frage stellt sich den Krefelder Bombast-Metallern allerdings auch ganz generell, unabhängig von ihrer spektakulären Zusammenarbeit mit einem der wichtigsten deutschen Spiele-Softwarehersteller, nämlich die: In welche Richtung wollen wir uns zukünftig entwickeln? Nach acht erfolgreichen Studioalben, diversen Tourneen rund um den Globus und geradezu kultischer Fan-Verehrung lässt sich im 26. Jahr des Bestehens darauf nur mit gezielter Planung eine Antwort finden. Zumal im traditionellen Metal die Variationsmöglichkeiten nur gering sind, will man sein angestammtes Pu-blikum nicht leichtfertig verschrecken. Seit 1988, seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums BATTALIONS OF FEAR, hat die Band die Grenzen ihres Genres ausgelotet. Nie über das erträgliche Maß hinaus, aber immer mit dem Blick auf neue Herausforderungen und die Vermeidung von kreativem Stillstand. „Zu Beginn waren wir eine Melodic-Speed Metal-Band, die einige Thrash-Einflüsse zuließ, dann kam der Einfluss von Queen hinzu, anschließend folgten unüberhörbare Folk-Verweise, dann wurden wir episch und komplex, um mit unserem letzten Album A TWIST IN THE MYTH bewusst zurückzurudern und die Arrangements schlanker anzulegen“, analysiert Kürsch die bisherigen Veröffentlichungen. „Nach solch einer Laufbahn fragt man sich natürlich schon, was man als nächstes entdecken könnte.“

Eine besondere Herausforderung für Blind Guardian, die als Vollprofis die Augen vor einem sich dramatisch verändernden Musikmarkt nicht verschließen können. CD-Verkäufe sind generell rückläufig, die Fans im Zeitalter von Downloads und kostenlosen Internetmöglichkeiten anspruchsvoller denn je. Das Projekt AT THE EDGE OF TIME – so der Titel des neunten Studioalbums – forderte zu Beginn der Arbeiten im Frühjahr 2009 also vollste Aufmerksamkeit aller Beteiligten. „Die Käufer honorieren es, wenn man sich wirklich Mühe gibt – speziell im Metal-Sektor“, weiß Kürsch. „In unserem Bereich gibt es ja zum Glück noch eine Fanbindung, die im Pop-Sektor fast völlig verschwunden ist. Das neue Album wird in unterschiedlichen Editionen veröffentlicht, dazu kommen diverse Internet-Contents und viele Extra-Featu-res. Ein möglichst direkter Kontakt zu unseren Anhängern war Blind Guardian schon immer ein besonders großes Anliegen.“

Soweit zur Marketingstrategie – kann AT THE EDGE OF TIME aber auch musikalisch überzeugen? Die Frage ist schnell beantwortet: Ja, und zwar ohne Einschränkung! Blind Guardian sind clever genug, ihre typischen Merkmale immer nur sukzessive zu verändern. Am Hymnencharakter ihrer Songs, einem der herausragenden Markenzeichen von Blind Guardian, wird nicht gerüttelt. Frontmann Kürsch, der in früheren Jahren Sänger und Bassist in Personalunion war, hat sich des Ballastes eines Instruments entledigt und konzentriert sich auf Satzgesang, auf die eingängigen Sing-a-long-Refrains und auf bombastische Chor-Arrangements mit unverhohlenem Klassik-Flair.

Das funktionierte auf den drei letzten Studiowerken NIGHTFALL IN MIDDLE-EARTH (1998), A NIGHT AT THE OPERA (2002) und A TWIST IN THE MYTH (2006) prächtig, davon lebt auch das neue Opus. Hinzu kommen Querverweise auf die eigene Vergangenheit (ein Stück wie ›Tanelorn – Into The Void‹ hätte sicher auch in die Frühphase der Band gepasst) und die allzu gerne verwendeten mittelalterlichen Zusätze, hier vor allem im Track ›Curse My Name‹ zu entdecken. Kürsch: „Speziell zu diesen mittelalterlichen Einflüssen passt natürlich perfekt unsere Entscheidung, wieder stärker als auf A NIGHT AT THE OPERA oder A TWIST IN THE MYTH auch akustische Gitarren einzusetzen.“

Ein weiterer spannender Aspekt der neuen Scheibe ist die Zusammenarbeit mit dem Prager Sinfonieorchester – übrigens schon jetzt fest gebucht für das geplante Guardian-Orchesterprojekt in 2011 – mit einigen Facetten, die sogar die Blind Guardian-Musiker überrascht haben. „Natürlich wurde alles nach unseren Vorgaben notiert und umgesetzt, aber wir waren in diesem Fall auf Matthias Ulmer angewiesen, einem wirklich begnadeten Keyboarder und Pianisten, der die Scores fürs Orchester erstellt hat.“ Gleich zweimal waren Blind Guardian persönlich in Prag dabei, als sowohl der Computerspiel-Soundtrack „Sacred“ als auch die Albumnummer ›Wheel Of Time‹ veredelt wurden. „Natürlich wussten wir in etwa, was das Orchester spielen würde, aber jedes Detail, jede Streichpassage, jede Horn-Sektion kannten auch wir nicht. So etwas muss man ja vertrauensvoll dem Dirigenten überlassen.“

Seit dem 30. Juli steht AT THE EDGE OF TIME in den Plattenläden, ab Ende September befindet sich die Band auf großer Europatournee. Die Fans erwartet erneut eine in jeder Hinsicht stimmungsvolle Metal-Show, bei der Blind Guardian ein mit drei oder vier brandneuen Tracks angereichertes Best Of-Programm spielen wollen.

„Ganz klar: Ohne unsere Klassiker ›Valhalla‹, ›The Bard’s Song‹ oder ›Mirror Mirror‹ kommt kein Blind Guardian-Konzert aus. Gleichzeitig wollen wir aber natürlich auch die neue Scheibe vorstellen, die sich zum Glück kompositorisch ohne größeren Aufwand spielen lässt“, gibt Hansi Kürsch schon einmal einen Ausblick auf das, was die Fans erfreuen dürfte. Klar scheint schon jetzt: Die beiden besten Tracks des neuen Albums, also ›Sacred Worlds‹ und ›Wheel Of Time‹, werden auf jeden Fall dabei sein.

 

Accept – Neues Kapitel

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Accept 2010bSpektakuläres Comeback nach anfänglicher Fehlzündung: Auch ohne Originalsänger Udo Dirkschneider machen ACCEPT auf ihrer neuen Scheibe BLOOD OF THE NATIONS eine mehr als passable Figur auf dem Riff-Parkett.

Eigentlich unterlaufen Gaby Hoffmann keine Fehler. Die gewiefte Accept-Managerin und Ehefrau von Gitarrist Wolf Hoffmann kennt nahezu alle Tricks und Schliche, ist darüber hinaus mit vielen wichtigen Entscheidungs­trägern der Szene befreundet und überlässt generell nichts dem Zufall. Im Fall des Comebacks von Deutschlands zweitwichtigster Metal-Band der Achtziger – nach den Scorpions, versteht sich – jedoch schienen manche ihrer sonst so pfiffigen Geistesblitze zu verpuffen. Die Idee etwa, eine erste Jam-Session der Band mit ihrem neuen Sänger Mark Tornillo ins Internet zu stellen und damit die Fans schon einmal auf den vermeintlich großen Coup heiß zu machen, verfehlte vollends ihre Wirkung. Schlimmer noch: Die Öffentlichkeit fühlte sich in ihrer Einschätzung bestätigt, Accept würden ohne Originalsänger Udo Dirkschneider nicht funktionieren. Viele wollten die forschen Pläne der Managerin am liebsten schon wieder begraben, noch bevor sie überhaupt konkrete Formen annehmen konnten. „Wir waren eben total begeistert und wollten den Leuten etwas Gutes tun, ohne daran zu denken, dass die Reaktionen vielleicht negativ ausfallen könnten“, gesteht Originalbassist Peter Baltes, ergänzt von Wolf Hoffmann: „Die Aufnahmen waren roh und völlig un-bearbeitet, einfach live draufgegrützt. Wir fanden das den Umständen entsprechend schon ziemlich gut, aber natürlich vergleicht man hier Äpfel mit Birnen.“

Vor allem an Hoffnungsträger Tornillo schieden sich zunächst die Geister. Dabei war gerade er der Hauptgrund für Accepts Begeisterung. Denn Originalsänger Dirkschneider hatte im Frühjahr 2009 nach jahrelangem Gezerre einer Rückkehr zu Accept die endgültige Absage erteilt. Vier Jahre zuvor war er noch gemeinsam mit der Band auf Tournee gezogen, doch Unstimmigkeiten über die Verteilung der Gelder sowie über die Regelung der Namensrechte führten zum endgültigen Bruch. Wolf Hoffmann vermeidet bewusst eine mediale Schlammschlacht: „Sagen wir mal so: Wir konnten uns nie einigen. Damit war für uns erst einmal der Ofen aus. Wir hatten keinen Sänger – und zunächst war auch kein Ersatzmann in Sicht.“

Der Zufall bescherte Accept dann aber doch noch einen Nachfolger für Dirk­schneider. Während eines Besuchs Hoffmanns bei Freund Baltes in Pennsylvania wurden im Studio eines Bekannten ein paar Accept-Klassiker gejammt – der guten alten Zeit wegen. Dabei kam zufällig das Gespräch auf den ehemaligen TT Quick-Sänger Tornillo, der ganz in der Nähe des Studios zu Hause ist. „Mark kam ins Studio, zog sein Hemd aus und fing an zu singen“, erinnert sich Baltes, „nach einer Minute schauten Wolf und ich uns an und dachten: ,Mit dem könnte es etwas werden‘. Wir hatten eigentlich gar nicht gezielt gesucht, sondern wollten nur jammen, doch plötzlich war da jemand, der unser Material singen konnte.“ Hoffmann fügt hinzu: „Wir sagten uns: ,Wir wären doch blöde, wenn wir diese Gelegenheit nicht beim Schopf packen würden.‘“

Gesagt, getan. Innerhalb weniger Monate komponierten Accept ein Dutzend neuer Stücke und riefen die alte Gang zusammen (sprich: Schlag-zeuger Stefan Schwarzmann und Gitarrist Herman Frank), um unter Hochdruck an einer neuen Scheibe zu arbeiten. Gleichzeitig bereitete Mana-gerin Gaby Hoffmann hinter den Kulissen die ver-traglichen Modalitäten vor, musste aber feststellen, dass ein fast schon vergessener Fehler, der weit in die Vergangenheit zurück­reicht, die Verhandlungsgrundlage extrem schwierig machte. 1989 nämlich hatten Accept schon einmal versucht, ohne Dirkschneider die Band am Laufen zu halten. Ein Desaster, denn der damalige Ersatzfrontmann David Reece entpuppte sich als Glamourboy mit in-akzeptablen Star­allüren: „Da kam ein Typ aus Kalifornien angeflogen und posaunte laut heraus: „I’m the greatest, so let’s do it!“, erinnert sich Baltes mit Grauen. Allerdings versuchten Accept seinerzeit, ihr bis dato teutonisch-stoisches Schwermetall mit Hilfe des neuen Sängers auf den amerikanischen Mainstream-Markt zuzuschneiden. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war und schlussendlich in einem wüsten Handgemenge zwischen den Musikern endete.

Die heutigen Nachwehen dieses Fehlgriffs: „Es gibt auch jetzt wieder Leute, die sagen: ,Das wird nie funktionieren, wie man damals mit David Reece schon gesehen hat‘“, weiß Hoffmann nur zu gut, „aber nur weil man einmal auf die Schnauze gefallen ist, heißt das ja nicht, dass das im zweiten Anlauf wieder genauso sein wird.“
Mit Mark Tornillo kann der Sängerwechsel klappen, wie die ersten Tests zeigen. Stimmlich zwischen Dirkschneider und den beiden AC/DC-Sängern Bon Scott und Brian Johnson angesiedelt, passt er zu Accept wie die berühmte Faust aufs Auge. Tornillo ist musikalisch wie optisch ein grundehrlicher Metal-Handwerker und damit die perfekte Galionsfigur einer Band, die ihren Stahl hart schmiedet, anstatt ihn mit Gold zu verzieren. Dadurch wurde das Thema auch für Plattenfirmen interessant – die A&R-Verantwortlichen meldeten sich bei Accept. Zwar lief diesbezüglich zunächst ebenfalls nicht alles wie am Schnürchen, weswegen Gaby Hoffmann ihrer Band im Mai 2010 eine kurze Club-Tour verordnete, bei der die Label-Leute überzeugt werden sollten. Und letztendlich schaffte es die Managerin, das neue Accept-Album BLOOD OF THE NATIONS bei einem der weltweit wichtigsten Metal-Label unterzubringen und ihren Schützlingen damit einen angemessenen Start ins erneute Rennen um die Gunst der Fans zu verschaffen.

Alles in allem also beileibe kein einfacher Neustart für die deutsche Metal-Legende, die zunächst sogar intern Überzeugungsarbeit leisten musste, um alle Mitglieder auf Kurs zu bringen. Am Beispiel ihres Schlagzeugers Stefan Schwarzmann wird diese Hinwendung zum Guten aber wohl am deutlichsten: „Um ganz ehrlich zu sein: Ich musste kurz nachdenken, als Gaby mich fragte, ob ich mitmachen möchte“, gesteht er, „ich bin einfach zu lange dabei, um mich in jedes Abenteuer zu stürzen. Doch es ist toll, wie die Zuschauer und die Presse auf Mark reagieren. Auch wenn er Udo ersetzt, hat er eine gewisse Eigenständigkeit. Aber für mich ist dies sowieso keine Accept-Reunion, für mich ist es ein neues Kapitel.“

 

Robert Plant – Rückblick ohne Rückschritt

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Robert Plant 2010 @ Gregg DelmanAm 10. September veröffentlicht Robert Plant sein neues Soloalbum: Es trägt den Titel BAND OF JOY. Damit beschreitet der ehemalige Led Zeppelin-Frontmann nicht nur neue musikalische Wege, sondern erinnert auch an seinen verstorbenen Freund John Bonham, dessen Todestag sich am 25. September zum 30. Mal jährt. Im CLASSIC ROCK-Interview verrät Plant daher nicht nur Details zur aktuellen Platte, sondern gibt auch preis, warum er sich dazu entschlossen hat, mit BAND OF JOY den Namen seines Prä-Zeppelin-Projekts mit Bonham wiederaufleben zu lassen. Denn, so viel sei schon jetzt verraten, in Sachen Attitüde schließt sich hier der Kreis…

Robert, du bringst dieser Tage dein Soloalbum BAND OF JOY auf den Markt und gehst auch auf Tour – leider nur in Großbritannien. Dennoch sind wir neugierig: Was erwartet die Fans dort?
Für mich hat das Ganze viel von Lep Zeppelin während der III-Ära. Damals konnten wir zwischen Akustikstücken und richtig harten Songs hin- und herspringen und haben dennoch nie den Faden verloren. Das ist heute wieder so. Ich will keine Mittelalter-Aufführung machen, sondern eine Show, die von einem düsteren Flair lebt und zudem ein gewisses Maß an Härte beinhaltet. Sie soll mysteriös, gigantisch und tiefgründig zugleich sein – eine Aufführung, die bei den Menschen Gänsehaut hervorruft.

Titelstory: Led Zeppelin – Geerbte Freude

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Led Zeppelin (3)Auch drei Jahrzehnte nach dem Tod von John Bonham und der anschließenden Auflösung der Band sind Led Zeppelin einer der bedeutendsten Rock-Acts der Welt. Die 2007er-Reunion mit Jason Bonham an den Drums ist als eines der glanzvollsten Riff-Ereignisse in die Geschichte eingegangen, und die Gerüchte um eine etwaige Welttournee haben für euphorische Aufruhr in den Musikforen gesorgt. Doch die drei verbliebenen Musiker lassen, vor allem auf Betreiben von Sänger Robert Plant, das Ganze nun doch auf sich beruhen, um das Erbe von John Bonham nicht zu beschädigen. Eine weise Entscheidung, die davon zeugt, wie viel Respekt sie vor ihrem verstorbenen Freund haben und wie sehr sie sein Talent noch heute schätzen. Einen Tribut der besonderen Art gibt es aber dennoch: Robert Plant hat seinem aktuellen Soloalbum den Titel BAND OF JOY gegeben – und erinnert damit an das gemeinsame Prä-Zep-Projekt mit John Bonham, das denselben Namen trug. Welche Neuigkeiten es sonst noch aus dem Led Zeppelin-Camp gibt, was Bonham an seinen letzten Tagen getan hat und wieso Plant das Erbe des Drummers auf seiner neuen Platte wiederaufleben lässt, lest ihr auf den folgenden Seiten.

Vor 30 Jahren haben wir eine der größten Rockbands aller Zeiten an den Alkohol verloren. In den frühen Morgen­stunden des 25. September 1980 erstickt John Bonham nach einer durchzechten Wodka-Nacht an seinem Erbrochenen. Der tragische Tod des britischen Drummers bedeutet zugleich auch das Aus für Led Zeppelin.

Doch Bonhams Erbe wirkt bis heute nach. Noch immer ist John Bonham das große Idol zahlloser Schlagzeuger – selbst wenn diese viel zu jung sind, um die Led Zep-Ikone noch live in Aktion bewundert haben zu können. Und auch in der eigenen Familie wird der Verstorbene geehrt: Insbesondere Jason Bonham wird nicht müde, wenn es darum geht, das Werk sein Vaters ins Hier und Jetzt zu retten. Ähnlich wie Dweezil Zappa, der jüngst mit Papas Songs auf Tour gegangen ist, will auch Bonham Junior mit einer Tribute-Truppe um die Welt reisen. Und er betont immerfort, wie wichtig und ergreifend es für ihn war, mit den verbliebenen Band-Mitgliedern Jimmy Page, John Paul Jones und Robert Plant die Bühne und die Songs seines Vaters teilen zu dürfen.

Umso härter muss ihn die Absage von Robert Plant getroffen haben, der sich – gefeierte Reunion hin oder her – standhaft dagegen wehrt, mit Led Zeppelin auf ausgedehnte Welttournee zu gehen. „Das wäre doch nichts Neues mehr“, so Plant in einem Interview mit dem britischen Magazin „Mojo“. „Wir haben das ein Mal durchgezogen. Und ja: Es war der beste Led Zeppelin-Gig seit 1975. Aber natürlich standen da nicht Led Zeppelin auf der Bühne. Das sollte man nicht vergessen.“ Daher konzentriert sich Plant nun lieber auf seine Solokarriere und reaktiviert mit dem Album BAND OF JOY sein gleichnamiges Prä-Zep-Projekt. Mitte September erscheint das Album (siehe auch Rezension auf Seite 84), parallel dazu tourt er – gerade war Plant für ein Dutzend Gigs im Süden der USA unterwegs, im Oktober wird er einige Shows in Großbritannien geben.

Und während Robert Plant damit auf seine ureigene Weise seinem ­Freund und Weggefährten John Bonham gedenkt – schließlich war der damals als Drummer von Band Of Joy aktiv -, versucht Jason Bonham nach wie vor, die Led Zeppelin-Maschine am Laufen zu halten. Vor wenigen Wochen hat er in einem Interview verkündet, dass er, Jimmy Page und John Paul Jones „sehr nahe dran waren, ohne Plant weiterzumachen und auf Tour zu gehen“. Die gemeinsamen Proben hätten das Trio eng zusammengeschweißt, so der 44-Jährige weiter. „Sogar noch mehr, als das jetzt bei Black Country Communion der Fall ist.“ Eine Aussage, die Page und Jones ehrt, seinen Supergroup-Kollegen Glenn Hughes, Joe Bonamassa und Derek Sherinian aber gar nicht schmecken dürfte.

Fakt ist aber, dass – zumindest im Moment – wohl ohnehin niemand von der Originalbesetzung Zeit für eine Reunion hätte. Plant plant Live-Soloaktivitäten, Jones rockt mit Them Crooked Vultures, und Page muss die Schlappe vor Gericht verdauen, wo er jüngst einen Streit um die Rechte an ›Dazed And Confused‹ verloren hat.

Fakt ist jedoch auch, dass die Frage, ob die Band wieder zusammenkommen wird, noch immer die Gemüter bewegt – und das, obwohl in den vergangenen 30 Jahren nur wenig Neues passiert ist. Das macht deutlich, wie hoch die Leistung von Led Zeppelin einzuschätzen ist. Dies ist vor allem John Bonham zu verdanken. So werden seine Band- und Musikerkollegen bis heute nicht müde, die Qualitäten des verstorbenen Trommlers zu prei­sen. Jimmy Page ist der Ansicht, dass „es seit Johns Tod keinen einflussreicheren Drummer mehr gab.“ Bonhams Bruder Mick betont, dass John nur ein Ziel hatte, nämlich „die anderen Schlagzeuger schnellstmöglich von der Bühne zu fegen!“ Für jüngere Musiker, die den Led Zep-Kesselpeitscher nie selbst live sehen konnten, ist es vor allem der spezielle Sound, den Bonham prägte, der sie nachhaltig beeindruckt und beeinflusst hat. „Es ist sehr wichtig, dynamisch zu spielen“, betont beispielsweise Foo Fighter Dave Grohl. „John Bonham hat das perfektioniert. Er ist niemand gewesen, der ständig auf sein Kit eingeprügeln musste. Doch wenn er richtig loslegte, dann brach das Inferno los. Genau darum geht es: Man muss den richtigen Moment abpassen, in denen sich das Gasgeben lohnt. Wer das berücksichtigt, hat es viel leichter, denn dann gibt es genug Raum für Variation.“

Eine Einschätzung, die auch Grohls aktueller Them Crooked Vultures-Partner John Paul Jones teilt. Und mehr noch: Er betont auch, dass Bonham diese Fähigkeit nicht erst im Laufe der Zeppelin-Jahre entwickelt hat, sondern bereits besaß, als er ihn zum ersten Mal traf. Bei der Debütprobe zeigte Bonham laut Jones schon „das Talent, selbstbewusst aufzutreten, zugleich aber nie überheblich zu sein. Er wusste stets, was er tat – und er konnte sich auf den Punkt konzentrieren. Außerdem hörte er auf die Texte. Das ist etwas, das jeder gute Drummer tut.“

Was besonders Robert Plant gefreut haben dürfte, der in Bonham den perfekten Partner für seine musikalischen (und natürlich auch alle anderen) Schandtaten gefunden hatte. Das war bei Led Zeppelin der Fall, aber auch schon in der Zeit davor. Die beiden wussten intuitiv, dass sie eine gemeinsame Vision teilten – und wollten diese auch unbedingt in die Tat umsetzen. Geld und Ruhm spielten dabei eine untergeordnete Rolle, wie Plant heute betont: „John und ich waren die treibende Kraft hinter Band Of Joy, aber wir wurden von Musikern unterstützt, denen es ähnlich wichtig war wie uns, unabhängig zu sein und kompromisslos unser Ding durchzuziehen. Niemand von uns hatte Interesse daran, US-Bands wie den Tremeloes oder den Dreamers nachzueifern. Wir hatten nichts zu verlieren – oder zumindest dachte ich, dass das so wäre. Daher nahmen wir uns andere Vorbilder als die anderen Acts, die damals anfingen. Wir wollten so klingen wie die britischen Psychedelic-Bands, nicht wie die damals angesagten amerikanischen Gruppen.“

Eine Einstellung, die Bonham und Plant weit gebracht hat. Denn in Kombination mit der gefühlvollen Kraft von John Paul Jones und dem kompositorischen Genie von Jimmy Page ist es den Musikern gelungen, mit Led Zeppelin zu Weltruhm zu gelangen. Dabei wollten sie im Grunde nur eines: sich nicht einschränken lassen, sondern ihren eigenen Weg verfolgen.

Und das ist etwas, das sich alle verbliebenen Bandmitglieder bis heute erhalten haben. John Paul Jones geht mit Them Crooked Vultures jugendliche Wege, und Robert Plant versucht mit Band Of Joy, den Geist der Anfangstage wieder aufleben zu lassen. Dass dies gerade jetzt passiert, da sich der Todestag seines Freunds John zum 30. Mal jährt, ist sicherlich kein Zufall. Und so spricht Plant im Interview auf den folgenden Seiten auch nicht nur über sein aktuelles Werk und dessen Wurzeln, sondern auch über den Einfluss von John Bonham auf sein heutiges Schaffen.

 

Frankie Miller

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Frankie Miller Promo 1978_bwKaum zu glauben: 16 Jahre, nachdem Frankie Miller aufgrund einer Hirnblutung ins für mehrere Monate in Koma gefallen ist, startet er nochmals durch. Und zwar dank Facebook.

Er ist allseits beliebt. Bob Seger, Joe Walsh und Rod Stewart preisen seine Stimme – und Ray Charles, Roy Orbison, Bonnie Tyler oder die Eagles haben seine Songs gecovert. 1994 jedoch schlug das Schicksal zu: Frankie Miller erlitt eine Hirnblutung und lag mehrere Monate im Koma. Seine Karriere? In diesem Moment weit, weit weg. Doch nun ist Miller zurück – die Facebook-Gemeinde hat ihm einen zweiten Frühling beschert. Doch der Reihe nach. Startschuss für die Rock-Reanimation war nämlich nicht etwa eine exzessive Online-Aktivität von Miller, sondern Frankies Treffen mit seinem alten Freund und Kollegen Bill Rankin, dem ehemaligen Gitarristen von Nazareth. Die beiden wühlten sich durch einen Stapel Tapes, auf denen etliche unveröffentlichte Miller-Songs enthalten waren. „Wir hörten den Kram durch. Plötzlich kam ›Bottle Of Whisky‹. Ich war hin und weg, und selbst Frankie blickte nur zu mir rüber und grinste. Da wusste ich, dass dieser Song ein echter Hit sein könnte“, erinnert sich Rankin an besagten Tag.

Als Rankin Monate später einen Job als DJ beim Sender „Rock Radio“ antrat, entschloss er sich, ›Bottle Of Whisky‹ eine Chance zu geben. Er spielte den Track in seiner Show. An einem Sonntagnachmittag. „Ich dachte, dass da sowieso niemand zuhört“, so Rankin. „Doch ich irrte mich gewaltig.“ Da die Hörerreaktion so enthusiastisch ausfielen, nahm Bill Rankin den Song auch in die Playlist seiner Morgenshow auf.

Dass aus dem Radio-Hit auch eine Erfolgssingle wurde, ist schließlich Rage Against The Machine zu verdanken. In Großbritannien wurde die Band nach einer Facebook-Aktion gegen einen Castingshow-Gewinner auf Platz eins der Charts gehievt. Das wiederum inspirierte die Miller-Fans Jim McNee und Danny Chesnut dazu, eine eigene Facebook-Gruppe zu Frankies Song ins Leben zu rufen. Das fanden derart viele Leute gut, dass das Stück nun via Townsend Records offiziell als Single in den Handel gekommen ist.

Damit ist Frankie Miller endgültig zurück im Musikgeschäft – gut 40 Jahre nach seinem Karrierebeginn. In den späten Sechzigern hat der Sänger die Glasgower Szene aufgemischt, zunächst mit The Stoics, bei denen auch Hugh McKenna aktiv war, der später mit The Sensational Alex Harvey Band für Furore sorgen sollte. 1971 zog Miller schließlich nach London und rockte gemeinsam mit Robin Trower (Procul Harum), Jimmy Dewar (Stone The Crows) und Clive Bunker (Jethro Tull) bei Jude. Doch schon ein Jahr später war er auf Solopfaden unterwegs. Mit den Countryrockern Brinsley Schwarz als musikalisches Rückgrat nahm er sein Debüt ONCE IN A BLUE MOON auf und veröffentlichte es auf Chrysalis. Es wurde ein Erfolg – ebenso wie die Nachfolgewerke, das von Allen Toussaint produzierte HIGHLIFE (1974), THE ROCK (1975), FULL HOUSE (1977), DOUBLE TROUBLE (1978) oder FALLING IN LOVE (1979). Hinzu kommen etliche Single-Hits wie ›Be Good To Yourself‹, ›When I’m Away From You‹ oder ›Darlin’‹.

Auch abseits der Studios und Konzerthallen erarbeitete sich Frankie einen Ruf: Er galt unter Fans und Freunden als Partytier und ließ kein Fest aus, was auch Ray Minhinnit, dem Gitarristen von Full House, nachhaltig in Erinnerung geblieben ist: „Ich bin ständig bei ihm zu Hause in Maida Vale abgehangen“, so Manhinnit. „Im Grunde war ich mehr dort als in meiner eigenen Wohnung. Daher haben wir uns oft gemeinsam einen genehmigt. Frankie kochte sein berühmtes Coq Au Vin – das wir dann prompt mit et-lichen Flaschen Blue Nun-Wein runtergespült haben… Ich erinnere mich auch noch daran, dass er mich eines Tages fragte, warum wir nicht ins Kino gehen und ,Taxi Driver‘ schauen sollten. Eigentlich wollten wir nachmittags gehen, aber es gab nur noch Karten für die Abendvorstellung. Die Zeit reichte nicht, um vorher noch mal nach Hause zu fahren – also setzten wir uns ins Pub ,The Ship‘ in der Wardour Street und hauten uns so derbe die Birne weg, dass wir schon vor der Vorstellung total voll waren.“

Und wie es bei solchen Spontan-Aktion oft der Fall ist – es blieb nicht bei ein paar harmlosen Drinks, das Ganze zog weitere Kreise. „Der Film war großartig, so dass wir noch aufgedrehter waren als zuvor. Also sind wir raus auf die Straße und haben alle Leute in den Wahnsinn getrieben. Jeden, der uns über den Weg lief, bedrohten wir mit unseren .57er-Magnums, die natürlich nichts weiter waren als ,Finger-Revolver‘. Dazu haben wir natürlich rumgebrüllt wie Wilde – das ging den ganzen Weg vom Westend bis nach Maida Vale so. Wir fühlten und benahmen uns wie Zehnjährige…“

Doch trotz zahlreicher weiterer Aktion diesen Kalibers hat sich Frankie Miller nie von seinem musikalischen Weg abbringen lassen. Er legte Wert darauf, als Sänger und Songwriter immer top vorbereitet und auf der Höhe der Zeit zu sein – durch und durch Profi eben. Doch selbst er war nicht auf alles gefasst: Eines Tages, Miller hatte gerade in San Francisco gespielt, kam eine ältere Frau hinter die Bühne, umarmte den überraschten Künstler und sagte: „Ich kenne keinen Weißen, der eine schwärzere Stimme hat. Mein Mann hätte deine Musik auch geliebt.“ Ihr Mann war, wie sich kurz darauf herausstellte, kein Geringerer als Otis Redding, einer von Frankies großen Idolen.

Mitte der Neunziger, Miller war inzwischen längst international etabliert, tat er sich mit Joe Walsh, Ian Wallace (King Crimson), Nicky Hopkins und Chrissy Stewart zusammen und gründete Fire And Brimstone. Doch obwohl alles vielversprechend aussah, starb das Projekt noch vor seiner eigentlichen Geburt: Walshs Priorität galt den Eagles, womit keine Zeit für ein weiteres Engagement blieb. Böse war Miller deswegen nicht. Er freute sich für Walsh – und besuchte diesen am 25. August 1994, als die Eagles in New York Station machten. Nach dem Ende der Show zog sich Frankie Miller auf sein Hotelzimmer zurück. Dort passierte es: Er erlitt eine Hirnblutung und fiel daraufhin ins Koma. Erst nach fünf Monaten erwachte Miller wieder. Die Ärzte hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben: Die Überlebenschancen des Musikers schätzen sie extrem gering ein – sie lagen bei nur zwei Prozent. Und selbst im unwahrscheinlichen Genesungsfall, so die Mediziner, würde Frankie wohl nie wieder sprechen oder laufen können.

Zudem starben in diesem Zeitraum weitere Freunde des Künstlers. Doch der gab nicht einfach so auf. Nachdem er wieder ansprechbar war, kämpfte sich Miller Stück für Stück zurück ins Leben. Mit schottischer Sturheit, wie seine Angehörigen heute schmunzelnd sagen. Es war ein langer und beschwerlicher Weg mit vielen Rückschlägen und Schmerzen. Doch Frankie hat ihn stoisch weiterverfolgt – und kann heute wieder sprechen und auch ohne Hilfsmittel gehen. Zudem ist er in Lage, Songs zu komponieren – seine große Leidenschaft ist ihm also erhalten geblieben.

Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Annette hat Frankie viel Zeit in „The Drake Music Project“ investiert, eine gemeinnützige Stiftung, die Behinderte unterstützt. Um Frankies Engagement zu honorieren und ihrem alten Freund zu helfen, haben auch Millers Weggefährten ihren Teil dazu beigetragen: 2002 spielten Joe Walsh, The Sensational Alex Harvey Band und Nazareth sechs Konzerte in Glasgow, deren Erlös in das „Drake Music Project“ floss.

Auch heute ist Frankie noch aktiv – die Musik ist und bleibt der Motor seines Lebens. Oft sitzt er auf der Couch und betrachtet seine Plattensammlung. THE ROCK, FALLING IN LOVE und FULL HOUSE sind seiner Ansicht nach die besten Werke seiner eigenen Karriere – doch er selbst hört sich am liebsten Alben anderer Künstler an. Einer steht dabei ganz weit oben in Frankies Hit-Liste: Ray Charles. Die LP-Regale brechen fast durch unter der Last der vielen Charles-Veröffentlichungen, die Frankie Miller im Laufe der Jahrzehnte angehäuft hat. Auch während Millers Reha-Phase war die Jazz-Legende eine wichtige Kraftquelle für den Schotten. Er bekniete damals seine Annette, ihn aus der Klinik zu schleusen und mit ihm das Ray Charles-Konzert im Wembley Stadion zu besuchen.

Sie tat es – und brachte ihn sogar backstage. Dort hätte er die Gelegenheit gehabt, seinen Helden persönlich anzusprechen, denn der stand nur zwei Meter entfernt. Doch er schaffte es nicht, war wie paralysiert. „Im Nachhinein“, so kommentiert Annette das Ganze grinsend, „finde ich das nicht tragisch. Denn man stelle sich mal diese absurde Situation vor: Auf der einen Seite Ray Charles, der nichts sehen kann – und auf der anderen Frankie, der gerade dabei war, das Sprechen wieder zu lernen. Das wäre ein ziemlicher Albtraum geworden…“

 

Tony McPhee

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Tony McPheeTony McPhee hat mit den Groundhogs Rockgeschichte geschrieben und gilt als einer der Urväter des Grunge. Jetzt ist er nach zahlreichen Schicksalsschlägen zurück.

Der 16. Juni 2009 ist ein warmer Sommertag, der Himmel leuchtet in strahlendem Blau. Tony McPhee kniet in seinem Garten und rupft das Unkraut aus dem Beet. Die Rock’n’Roll-Welt? Lichtjahre entfernt.

Doch McPhee hat sie maßgeblich geprägt. Mit den Groundhogs, die in den frühen Sechzigern John Lee Hooker als Backing Band unterstützt haben, bevor sie in den Siebzigern mit Alben wie THANK CHRIST FOR THE BOMB, SPLIT oder WHO WILL SAVE THE WORLD? THE MIGHTY GROUNDHOGS selbst zu Ruhm und Ehren gekommen sind. Zu ihren Fans zählen illustre Rocker, so zum Beispiel der Produzent Jack Endino, der u.a. Soundgarden und Nirvana zu Platinauszeichnungen verholfen hat: „Platten wie THANK CHRIST FOR THE BOMB oder SPLIT waren die Basis für die Entwicklung des Grunge“, so Endino. Und Julian Cope setzt noch einen obendrauf: „Die Art und Weise, in der die Groundhogs den Blues weiterentwickelt haben, war ähnlich revolutionär wie das Schaffen von MC5, den Stooges oder das der Krautrock-Bewegung.“

Doch das ist Tony McPhee egal. Ihn interessiert nicht, was Mark Lanegan über ihn denkt oder welche Huldigungen Mark Arm von Mudhoney über ihn verfasst – er beschäftigt sich lieber mit seiner Harke. Als er sein Tagwerk geschafft hat, geht er zurück zum Haus. Gerade als er durch die Tür geschlurft ist, durchfährt ihn plötzlich er ein brennender Schmerz, der so stark ist, dass er sofort an Ort und Stelle zusammenbricht. Er will seiner Lebensgefährtin Joanna Deacon zurufen, dass sie Hilfe holen soll. Doch er schafft es nicht, seine Gesichtsmuskeln sind wie gelähmt.

„Anfangs dachte ich noch, dass sich Tony einen bösen Scherz mit mir erlaubt“, erinnert sich Deacon. „Denn er wälzte sich auf dem Boden herum und gab dabei nur unkoordinierte Grunzlaute von sich.“ Doch rasch wird ihr klar, dass McPhee einen Schlaganfall erlitten hat und im Zuge dessen auch sein Sprachzentrum gestört ist.
So schockierend dies in diesem Moment auch ist – für Tony McPhee ist die Situation nicht neu. Bereits im Jahr 1993 erleidet er seinen ersten (und schlimmsten) Infarkt – lange Zeit kann er nicht mehr Gitarre spielen, was ihn mental stark belastet. 2001 kommt eine erneute Attacke, bei der vor allem eine Körperhälfte in Mitleidenschaft gezogen wird, Lähmungserscheinungen sind die Folge. Eine Reihe weiterer Krisen folgen, doch sie sind nicht mehr so heftig wie die beiden ersten.

Der Anfall im Sommer 2009 ist der bis dato letzte – und er kommt zu einer besonders ungünstigen Zeit. Denn die Groundhogs sind gerade im Studio. Unter der Ägide von Über-Fan Endino nehmen sie eine neue Platte auf, denn McPhee ist gesundheitlich so weit auf der Höhe, dass er die Songs mit seinem düsteren, markanten Vibrato veredeln kann.

Der Infarkt wirft das Projekt zurück – doch McPhee ist stark. Er schafft es, sich erneut zu berappeln. Nicht binnen Tagen oder Wochen, aber doch mit einer steten Tendenz nach oben. „Der Sprachverlust war zum Glück nicht permanent“, kann McPhee ein Jahr später stolz verkünden, und seine Partnerin Joanne ergänzt: „Der Genesungsprozess verläuft nicht geradlinig – es geht mal bergauf, dann aber auch wieder etwas bergab. Eine bizarre Sache, die viel Geduld erfordert.“

Geduld, die sich auszahlt. Denn McPhee kann wieder auf der Bühne setzen und seinen wilden, ungezügelten Blues spielen. Er liebt es sichtlich – selbst wenn das Ganze nicht ohne Einschränkungen möglich ist, wie Joanne berichtet: „Erstaunlicherweise kann er sich seither besser konzentrieren. Doch auf einem Auge ist er nun blind – und zwar ausgerechnet auf demjenigen, mit dem er immer das Griffbrett beobachtet hat. Daher muss er den Kopf nun mehr zur Seite drehen.“

Doch das funktioniert inzwischen so gut, dass McPhee auf Tour gehen kann. Joanna übernimmt dann den Großteil der Gesangsparts, so dass das Paar immer zusammen ist. Während der freien Tage übt sich Tony im Sprechen – und arbeitet weiter an den Songs.

„Das Album ist stilistisch ziemlich vielschichtig“, berichtet Joanna für ihren Lebensgefährten. „Einige Stücke erinnern an die alten, erfolgreichen Groundhogs-Platten und nehmen dieses Flair wieder auf. Aber es gibt auch Songs, die komplett anderes klingen. Ich werde etliche Vocals beisteuern. Und live würden wir im Duett singen.“
Durchweg Neuigkeiten also, die optimistisch stimmen. Die Kraft, die viele Rückschläge wegzustecken, bezieht Tony McPhee nach eigener Aussage aus zwei Quellen: „Freunde und Fans“. Und Joanna ergänzt: „Wir haben viele Freunde. Tony wird also quasi zur Kommunikation gezwungen, da er mit ihnen reden und sich austauschen möchte. Außerdem ist Musik für ihn ein wichtiger Therapie-Eckpfeiler. Bei uns im Ort gibt es so genannten ,open mic‘-Abende, bei denen Musiker zum Jammen zusammenkommen. Einen Tag, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden ist, wollte Tony schon wieder dorthin, um live zu spielen. Das Erlebnis, auf einer Bühne zu stehen und zu performen, ist für ihn das Wichtigste im Leben.“