0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1354

Johnny Winter

0

Johnny WinterEr ist der Prototyp des Stehaufmännchens: Seit seiner Kindheit muss sich der Albino aus Texas mit Vorurteilen und Anfeindungen herumschlagen. Nun hat Johnny Winter seine Erinnerungen in einem Buch zusammengefasst.

Es ist ein kalter Montagabend in Southampton. Johnny Winter lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Er spielt trotzdem. Die heutige Show ist nur eine von vielen. Die Tour führt ihn vom Süden Englands bis ins sonnige Sao Paulo. Die Art und Weise, wie Winter sich auf der Bühne bewegt, ähnelt der verdienter Bluesrock-Veteranen. Mit dem Unterschied, dass Johnny quasi der Negativabzug zu den farbigen Musikern ist.

Doch sein Aussehen, das ihm in seiner Kindheit viel schmerzhaften Spott (und mehr) eingebracht hat, ist im Laufe der Zeit zu seinem Markenzeichen und auch seinem Kapital geworden. Er hat es weit gebracht: vom Kleinstadt-Kid zum Rockstar, der eine Liaison mit Janis hatte und mit Jimi jammen durfte. Reich geworden ist der dadurch zwar nicht, aber er hat sich den Respekt seines Publikums erspielt. Mit harter Arbeit, unzähligen Auftritten und viel, viel Leidenschaft für die Sache.

Dabei musste er stets kämpfen. Wegen seines genetischen Defekt, der ihn zum Albino und damit zum Außenseiter machte. Und natürlich auch mit den typischen Rockstar-Hürden: Alkohol- und Drogensucht, private Tragödien, geldgierige Manager – das volle Programm. Doch er hat überlebt.

Und sein Leben jetzt in einem Buch öffentlich gemacht. Mit Hilfe der Songwriterin und Radioproduzentin Mary Lou Sullivan hat Winter RAISIN’ CAIN geschrieben, eine Biografie der besonderen Art – sie ist kein Schnellschuss, sondern ein Produkt reiflicher Überlegung.

„Ich habe Johnny 1984 kennen gelernt“, erinnert sich Sullivan an ihre erste Begegnung mit dem Musiker. „Damals schrieb ich für die Wochenzeitung ,Hartford Avenue‘ über Musikthemen. Wir führten ein Interview, und ich war begeistert von seiner Ehrlichkeit und seiner Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Außerdem verfügt er über einen herrlichen Humor und wird regelrecht philosophisch, wenn er über sein Leben berichtet.“ Und auch die lustige Art von Winter ist der Journalistin im Gedächtnis geblieben. So hat sich der Musiker ein Kissen vor den Mund gehalten und reingeschrien, um zu demonstrieren, wie sein Teenie-Gesangstraining aussah. Sullivan war sofort fasziniert von Winter und seiner Karriere mit all ihren unerwarteten Irrungen und Wirrungen. „Seine Geschichte ist genau der Stoff, aus dem wirklich große Literatur entsteht. Daher fragte ich ihn sofort, ob ich ihm beim Schreiben einer Biografie helfen könne. Doch er und sein Manager haben sich erst im vergangenen für ein Ja entschieden. Also über zwei Jahrzehnte später.“

Es dauerte ein weiteres Jahr, bevor Sullivan sich gut genug vorbereitet fühlte für ein Interview mit dem Gitarristen. Sie hatte in unzähligen Ge-sprächen mit Winters Mutter, seinem Bruder, zahlreichen Freunden und Musikerkollegen Fragen zusammengetragen. Insgesamt 400 Stück. Jeden Samstagabend trafen sich die beiden zum Interview, und Winter bewies, dass er sich in all den Jahren keinen Deut geändert hatte – noch immer sprach er frei von der Leber weg und sparte kein Thema aus – selbst die heiklen nicht. Auf Basis dieser Mitschnitte konnte Mary Lou Sullivan ein Buch schreiben, das die Geschichte eines echten Rockers so detailliert nachzeichnet wie kaum ein anderes. RAISIN’ CAIN entführt den Leser in die verrauchten texanischen Bars, hängt einem einen Woodstock-Backstagepass um und gibt uns schließlich Zugang zum hippen New Yorker Club „The Scene“. Und Winter? Er schluckt und wirft ein, er wütet und wird bepöbelt. Wo ein Exzess ums Eck lugt, ist er ganz sicher dabei – dabei wandelt er stets auf dem schmalen Grat zwischen Rockgott und Total-Freak.

Über die Emotionalität der Biografie ist Winter selbst überrascht – obwohl er als Hauptdarsteller doch eigentlich am besten wissen müsste, wie stark Gefühle sein Leben beeinflusst haben. „Die herausragenden Erlebnisse noch einmal wiederaufleben zu lassen war großartig“, freut er sich. „Doch die schrecklichen Dinge ein zweites Mal zu erleben, war grausam für mich. Doch egal wie schmerzhaft diese Dinge mir selbst auch vorkommen mögen – ich bin froh, dass Mary Lou sie aufgeschrieben hat. Ich bin nun mal nicht der Typ Mensch, der sein Leben im Nachhinein schönfärbt. Wen man nicht ehrlich zu sich selbst ist, bekommen die Leser ein falsches, verzerrtes Bild von einem. Und das ist nicht der Sinn einer Biografie.“

Zudem hat RAISIN’ CAIN auf für Winter selbst einige positive Nebeneffekte mit sich gebracht. Er kann darin nämlich eine Begegnungen rekapitulieren, an die er sich so gar nicht mehr erinnert hätte, wie er selbst sagt: „Ich habe zum Beispiel komplett vergessen, dass mir Salvador Dali ein Mikro in den Arsch stecken wollte. Was für eine lächerliche Aktion!“

Johnny kam 1944 in Beaumont, Texas, zur Welt. Sein vollständiger Name lautet John Dawson Winter III. Sein Vater, ein Weißer, dient damals beim Militär und befehligt ein Battalion farbiger Männer. Bis zu seiner Rückkehr aus dem Krieg weiß er nicht, dass sein Sohn ein Albino ist. 1946 schließt er Johnny das erste Mal in seine Arme – der Junge ist damals zwei Jahre alt. Auch der jüngere Bruder Edgar, der 1946 zur Welt kommt, ist von der genetischen Mutation betroffen – die beiden sind die ersten im Familienstammbaum, bei denen Albinismus auftritt. Das Gen ist rezessiv, was bedeutet, dass es im Fall einer Elternschaft der Geschwister mit einer 25-prozentigen Wahrscheinlichkeit an die nächste Generation weitergegeben wird.

Während Johnnys und Edgars Eltern zu ihren Kindern stehen, besonders der Vater fördert die beiden durch intensiven Musikunterricht, haben sie in ihrer Jugend nur wenige Freunde. In der Schule werden sie gehänselt, und auch die Lehrer tun nichts, um die Brüder zu integrieren. Daher ziehen sie sich, so gut es geht, aus der Öffentlichkeit zurück und konzentrieren sich auf die Musik.

Johnny liebt Merle Travis, Chet Atkins und Blues-Ikonen wie Howlin’ Wolf, Muddy Waters, Elmore James, Little Water und Jimmy Reed. Er sammelt all seine Energie, um ihnen nachzueifern. Die unzähligen Stunden, in denen er das Griffbrett seiner Gitarre hinauf- und herunterjagt, zahlen sich schließlich aus: Er nimmt an Nachwuchswettbewerben teil – und siegt.

In Sullivans Biografie erinnert sich Winter an einen seiner ersten Auftritte vor Publikum. Bei einer Schulveranstaltung soll er ›Johnny B. Goode‹ aufführen. Als er die Bühne betritt, reagieren die Menschen mit Spott, denn speziell ganz im Süden der USA gibt es zum damaligen Zeitpunkt so gut wie keine Albinos – die Winters erregen überall Aufsehen. Johnny ist selbstverständlich tief verletzt durch die Reaktionen der Leute. Doch er denkt sich: „Was soll’s? Ich werde ihnen jetzt einfach beweisen, dass ich es trotzdem drauf habe.“ Und genau das tut er dann auch: Winter legt los und überzeugt sein Publikum durch sein Talent. „Am Ende haben alle bereut, dass sie mich ausgelacht haben.“
Da Winter nicht nur optisch auffällt, sondern aufgrund der fehlenden Pigmente auch sehr schlecht sehen kann, sind seine Möglichkeiten, in einer texanischen Kleinstadt Karriere zu machen, nur sehr begrenzt. Selbst nachdem er es 1959 geschafft hat, mit der Single ›School Day Blues‹ auf Platz acht der lokalen Charts zu landen, weigert sich Produzent Bill Hall, ein Album mit Winter aufzunehmen, weil er nicht daran glaubt, dass eine Band mit einem Albino als Frontmann Erfolg haben könnte.

Dabei ist gerade die Tatsache, dass Johnny Winter ein Albino ist, maßgeblich für sein Talent als Blueser. Denn durch seinen Außenseiterstatus kann er nachvollziehen, welch immense Rolle jene Musik für das Selbstbewusstsein der von den Weißen unterdrückten Farbigen spielt. Dennoch er-fährt er auch in dieser Szene zunächst keinen Zuspruch – im Gegenteil: Puristische Kritiker werfen ihm vor, dass er als Weißer kein Recht habe, Blues zu spielen. Winter, der aufgrund der emotionalen Verletzungen in seiner Kindheit extrem sensibel für Vorwürfe ist, nimmt sich die Angriffe sehr zu Herzen. Doch statt sich zurückzuziehen, wandelt er die negative Energie in positive um und übt noch intensiver, um sein Spiel zu perfektionieren.

Das zahlt sich aus. 1968 bezeichnet Mike Bloomfield Johnny im Magazin „Rolling Stone“ als „den besten weißen Blues-Gitarristen, den er je gehört habe“. Im Zuge dessen kann Winter einen hoch dotierten Plattenvertrag an Land ziehen. Doch er hat mit denselben Problemen zu kämpfen wie viele andere Musiker: Mit dem Erfolg kommen die Neider und die geldgierigen Haie. Ehemalige Manager und Produzenten machen ihre Ansprüche geltend, es werden alte Aufnahmen auf den Markt geworfen, um möglichst schnell möglichst viel Reibach mit dem „weißen Wundergitarristen“ zu machen. So erscheint fast zeitgleich mit seinem Debütalbum eine Platte namens THE PROGRESSIVE BLUES EXPERIMENT, auf der frühe Mitschnitte zusammengefasst sind – etliche Fans sind verwirrt und kaufen diese Scheibe und nicht wie eigentlich geplant das offizielle Erstwerk Winters.

Obwohl er auf der Höhe seines Erfolgs ist, kann Winter sein Glück nicht genießen. Denn niemand kümmert sich um das, was ihn als Person ausmacht und bewegt. Er wird entweder als „Gott“ verehrt oder als „Versager“ abgestempelt. Sein langjähriger Weggefährte, der verstorbene Drummer Uncle John Turner, erinnert sich in RAISIN’ CAIN, dass „Johnny immer irgendwie unbeteiligt war. Er betrachtete eine Situation stets von außen, nie von innen. Er wirkte isoliert. Daher stammten auch all seine wirklichen Freunde aus Texas. Sie kannten ihn von früher und wussten, wie er wirklich war. Sie schätzten ihn als Person und nicht allein sein Talent.“
Doch trotz diese Unnahbarkeit, die aus seiner Verletzlichkeit resultiert, ist Johnny Winter in seinen ruhmreichen Jahren alles anderes als ein Unschuldslamm. Er nutzt die Gelegenheiten, die sich ihm bieten. Wie seine legendären Bluesvorbilder nimmt er mit, was geht. Das geht nicht immer ohne Reibereien vonstatten. So jagt ihn einmal ein gehörnter Ehemann durchs halbe Land, stellt ihn schließlich und hält ihm eine Knarre an die Stirn – doch er drückt nicht ab, sondern bricht unter Tränen zusammen und tritt daraufhin geknickt den Rückzug an. Winter dreht daraufhin noch mehr auf: Zu den Weibergeschichten gesellen sich Drogenexzesse. LSD, Mescalin, Pilze, Heroin – der Speiseplan des Gitarristen ist abwechslungsreich…

Die Menschen, mit denen er sich umgibt, leben ebenfalls auf der Überholspur. Und nicht alle halten das hohe Tempo so durch wie Winter. Die Straße ist gepflastert mit Schildern, auf denen die Worte „Selbstmord“, „Überdosis“ oder „Zusammenbruch“ prangen. Zudem bereichern sich jede Menge Leute auf Winters Kosten: Johnnys früherer Manager Roy Ames beispielsweise dealt mit Kinderpornos und lebt zudem von der Veröffentlichung alter Bootlegs. Sein Nachfolger Terry Slatus verabreicht seinem Schützling über Jahre einen derart starken Medikamentencocktail, dass der Musiker gar nicht die Chance hat zu erkennen, um welche immensen Summen er von seinem gierigen Manager gerade betrogen wird.

Im Grunde ist es nur Johnny Winters Zähigkeit und seinem in frühester Kindheit erworbenen Durchhaltevermögen zu verdanken, dass er heute noch am Leben ist. Das sieht auch Biografin Sullivan so: „Die Unterstützung durch seine Familie, seine bedingungslose Liebe zur Musik, sein Wunsch, als Musiker auf der Bühne zu stehen, sein Glaube an seine eigenen Fähigkeiten und an eine höhere Macht, mit deren Hilfe er jedes noch so tiefe Tal durchschreiten könne – das sind die Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass uns Johnny Winter erhalten geblieben ist. Am wichtigsten war jedoch seine Entscheidung, die großen Stadien und damit auch den ausufernden Lebensstil hinter sich zu lassen und sich stattdessen wieder auf das zu konzentrieren, was ihm von Anfang an am meisten am Herzen lag: die Musik. Sie ist und bleibt Johnnys Rettungsanker.“

 

Das letzte Wort: Rob Halford

0

34266-8FR7Rob Halford, Sänger der britischen Heavy Metal-Legende Judas Priest, philosphiert mit CLASSIC ROCK über das Leben, den Tod und seine Homosexualität.

Für viele Fans ist Rob Halfords einzigartige Stimme – und insbesondere sein markantes, hohes Kreischen – der Prototyp des klassischen Heavy Metal-Organs. Der Frontmann von Judas Priest ist ein Pionier: Mit seiner Band hat er herausragende Alben wie BRITISH STEEL oder SCREAMING FOR VENGEANCE herausgebracht – ohne diese Scheiben würde harte Musik heute wohl anders klingen. Auch optisch hat Rob Halford eine Vorreiterrolle eingenommen: Sein Outfit, das im Grunde nur aus viiiiiel Leder und noch viel mehr Nieten besteht, gilt seit Jahrzehn-t­en als Kult. Zudem ist Halford nicht nur ein talentierter, sondern auch ein mutiger Mann. Er gehört zu den wenigen Heavy Metal-Musikern, die sich of-fen zu ihrer Homosexualität bekannt haben. Das ist in einer Szene, die in dieser Hinsicht noch immer als notorisch intolerant gilt, ein erhebliches Wagnis für die Karriere.

Doch Halford schert sich nicht um Konventionen. So hat er nach seinem (vorübergehenden) Ausstieg bei Priest im Jahr 1991 viel Zeit damit verbracht, neue musikalische Terrains zu erkun-den, unter anderem mit Fight, Two und seiner Solo-Band Halford. Doch nach diesen Experimenten ist er wieder in den Schoß von Priest zurückgekehrt – und bis heute überaus glücklich mit dieser Entscheidung.

Rob, in diesem Jahr hast du nach langen Jahren endlich einen Grammy mit Judas Priest gewonnen. Hat die Auszeichnung für dich eine besondere Bedeutung?
Ja, denn Anerkennung, sei es nun von den Fans, den Medienpartner oder den eigenen Kumpels, ist etwas, das man nicht für selbst-verständlich nehmen sollte. Und speziell für eine Band wie Judas Priest, die ja in einem Genre aktiv ist, in dem es nicht leicht ist, auch die Massen zu erreichen, bedeutet ein Grammy sehr viel. Schließlich ist der Award ja gleichbedeutend mit einer Oscar-Auszeichnung. Es gibt zwar immer wieder Leute, die nur deshalb zu solch einer Show gehen, um sich hemmungslos zuzuschütten, aber ich gehöre ganz sicher nicht zu dieser Spezies. Ich finde, man sollte der Jury mit Respekt begegnen.

Seit deinem Coming Out bei MTV sind inzwischen über zwölf Jahre vergangen. Was hat sich seitdem für dich verändert?
Ich bin wesentlich entspannter als früher. Früher habe ich mich ständig beobachtet gefühlt und wollte mich vor neugierigen Blicken verstecken. Das ist nicht mehr so, denn ich bin viel stärker geworden. Das hat auch damit zu tun, dass meine Homosexualität von den Fans nicht abgelehnt worden ist. Sie haben mir vielmehr Kraft gegeben. Und ich weiß auch, dass ich nicht der einzige Schwule in der Metal-Szene bin. Etliche Leute, die diesen Artikel lesen, sind ebenfalls homosexuell, da gibt es gar keinen Zweifel.

K.K. Downing hat einmal in einem Interview gesagt, dass er bereits seit 1971 wusste, dass du schwul bist. Wie schwierig war es für dich, das über so lange Zeit geheim zu halten?
Nun, in der Band wusste jeder Bescheid. Meine Familie und mein Freundeskreis ebenfalls. Doch damals war die Zeit noch nicht reif, das Ganze öffentlich zu machen. In den Siebzigern und Achtzigern gab es in der Bevölkerung kein Bewusstsein für solche Dinge. Zum Glück hat sich das inzwischen geändert.

Glaubst du an Gott – oder zumindest an eine höhere Macht?
Je älter man wird, desto mehr religiöse Theorien ergeben plötzlich Sinn. Ein gutes Beispiel dafür ist die Welle der Hilfsbe-reitschaft, die über die Menschen von Haiti hereingeschwappt ist, nachdem sie durch das Erdbeben alles verloren hatten. Oder auch das Mitgefühl, mit dem die Welt Amerika nach dem 11. September begegnet ist. Ich bin der Meinung, dass das nicht nur etwas mit Menschlichkeit zu tun hat, sondern auch eine tiefere Bedeutung dahintersteht. In welcher Form die Leute das ausdrücken, also ob sie nun einen Baum umarmen oder die Bibel lesen, ist dabei völlig egal. Wichtig ist nur, dass sie dem Anderen, dem Fremden offen gegen-über stehen.

Und wie sieht’s mit Reinkarnation aus?
Klar. Ich komme als Ratte im Laufrad zurück. Das wäre wirklich eine seeeeeeehr metallische Aktion…

Empfindest du die frühen Neunziger, als du mit Fight und Two relativ erfolglos mit anderen Stilrichtungen experimentiert hast, heute als eine schlimme Phase in deinem Leben?
Nein, eigentlich nicht. Jeder Musiker komponiert im Laufe der Zeit etwas, das die Leute lieben, aber eben auch Songs, die niemand mag. Das gehört dazu. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass Stücke, die kaum ein Fan hört, per se schlechter sind als welche, die zu Mainstream-Hits werden. Und für mich persönlich kann ich nur sagen: Es war wichtig, diese Erfahrung zu machen. Ich bin jedenfalls froh, dass es diese Zeit in meinem Leben gab.

 

Mark Knopfler: Köln, Lanxess Arena

0

Mark KnpflerAuch eine Verletzung kann den Meister nicht vom Spielen abhalten.

Sich ins Schicksal zu ergeben war noch nie Mark Knopflers Art. Daher pfeift er auch da-rauf, was ihm die Ärzte sagen. Nachdem er sich am Rücken verletzt hatte, sollte es nach Aussage der Mediziner nämlich fortan für den Sänger und Gitarristen vorbei sein mit Springen, Hüpfen und Rocken. Zwei Monate ist das jetzt her. Und obwohl Knopfler noch sichtlich gehandicappt ist – so verbringt er weite Teile des Sets in sitzender Position auf einem Hocker –, lässt er es sich nicht nehmen, die zweite Showhälfte im Stehen runterzureißen.

Damit beweist der Dire Straits-Kopf, dass er keine Lust hat, sich einschränken zu lassen – von nichts und niemandem. Die Musik, seine große Liebe, treibt ihn an und verleiht ihm Kraft, das merkt je-der, der heute in die Lanxess Arena gekommen ist. Zwar ist nicht von jedem Platz aus alles genau zu beobachten, denn riesige Video-Leinwände, wie sie bei anderen Shows schon Standard sind, fehlen heute. Detailstudien von Knopflers Saitenakrobatik sind daher nur bedingt möglich – nämlich nur dann, als einige Minuten lang eine am Kopf der Strat befestigte Griffbrett-Kamera eingeschaltet wird.

Nichtsdestotrotz ist der Abend ein Genuss für alle Rockfans. Denn Mark Knopfler versteht es, die richtige Mischung zu finden. Er bezieht seine Band mit ein, gibt allen Raum, um ihre Fähigkeiten zu demonstrieren, fährt diverse Instrumente von der Ukulele bis hin zum Dudelsack auf, lässt das Publikum teilhaben – und weiß auch, wie er die Balance zwischen den Dire Straits-Klassikern und dem neuen GET LUCKY-Material halten kann. Er startet und beschließt seinen Auftritt mit frischem Material (›Border Reiver‹ und ›Piper To The End‹), dazwischen positioniert er, gefühlvoll aufeinander abgestimmt, ›Sultans Of Swing‹, ›The Fish & The Bird‹, das aufbäumende ›Speedway At Nazareth‹ und natürlich ›Brothers In Arms‹.

Und wer all das noch einmal zu Hause nacherleben möchte, der kann sich zudem am Ende der Show (oder auch später online) einen Mitschnitt des Gigs kaufen – nicht mehr klassisch auf CD, dafür auf einem USB-Stick. Praktisch – und klangtechnisch hervorragend, selbst wenn 25 Euro ein stolzer Preis sind.

 

Eric Clapton & Steve Winwood: München, Königsplatz

0

Eric Clapton & Steve WinwoodZwei große Sixties-Survivors holen nun nach, was sie in früheren Zeiten nicht richtig ausleben konnten.

Die Sonne hatte den Tag über genauso schön gestrahlt wie 41 Jahre zuvor, als die beiden erstmals an einem Juni-Sonntag zusammen vor großer Kulisse spielten. Der 1969er-Auftritt mit Blind Faith vor 150.000 im Hyde Park mag der rockhistorisch bedeutsamere gewesen sein, aber was die 14.000 nun auf dem Münchner Königsplatz geboten bekommen, so viel ist bereits nach den ersten Takten des Openers ›Had To Cry Today‹ klar, spielt sich soundtechnisch und musikantisch auf einem ganz anderen Niveau ab. Clapton hatte in früheren Interviews immer wieder betont, dass die frisch formierte Supergroup Blind Faith mit ihm und Winwood, sowie dem Bassisten Rick Grech und Cream-Drummer Ginger Baker, seinerzeit weder hinlänglich eingespielt war – noch genug Material hatte für einen Gig in diesen Publikumsdimensionen. Und wer das Video des historischen Konzerts kennt, der weiß, dass man mit der Anlage von damals bestenfalls ein Clubkonzert adäquat hätte beschallen können.

Das Repertoire aus dem Blind Faith-Album bildet auch die Grundausstattung für die Setlist des Münch-ner Abends: Nach ›Had To Cry Today‹ kommen auch eine inbrünstige Version von ›Presence Of The Lord‹, ›Well Allright‹ und ›Can’t Find My Way Home‹ zum Einsatz. Auf die übliche Clapton-Hitbedienung muss das Publikum an diesem lauen Sommerabend im Übrigen zum Teil verzichten – die beiden Altstars haben sich bei der Auswahl der Stücke (ähnlich wie bei ihrer 2009er-US-Tour) eher an gemeinsamen Interessen orientiert.

Der Spiellaune tut das sichtlich gut: Nach einem rasanten ›After Midnight‹ ist die Band mit Willie Weeks (Bass), Chris Stainton (Keyboards) und Ste-ve Gadd (Drums) und den Backing-Ladies Michelle John und Sharon White endgültig auf Betriebstemperatur, beim Traffic-Instrumental ›Glad‹ sprühen nur so die Funken, wenn der immer noch verblüf-fend jugendlich wirkende Winwood in die Pianotasten haut und Clapton die Finger über das Griffbrett seiner babyblauen Strat züngeln lässt. Der semi-akustische Konzert-Mittelteil gerät ruhiger, sein Gänsehautfaktor aber nicht weniger hoch: Winwood lässt im Ray-Charles-Klassiker ›Georgia‹ seine Hammondorgel siedende Soundlava aus-spucken, Clapton im Bluesstandard ›Driftin’‹ seine Akustische wunderbar warme, verblüffend volltö-nende Licks in den Abendhimmel singen.

Durchhänger gibt es kaum: Schlagzeuger Gadd, eigentlich ein unter Seinesgleichen verehrter Groo-ve-Gott, bekommt das alte Cream-Schlachtross ›Crossroads‹ diesmal nicht so rund zum Laufen, und Winwoods Achtziger-Synthiepop-Hit ›While You See A Chance‹ bleibt trotz Claptons Gitarren-infusionen zu leichtgewichtig für dieses Programm. Aber das ist eh alles vergessen, als sie um kurz vor 22 Uhr Jimi Hendrix‘ ›Voodoo Chile‹ auspacken: Da raunt Claptons Bluesstimme, und Winwoods kehliges Soulorgan jubiliert, Clapton lässt die Strat heulen, kreischen, wimmern, Winwood seine Orgel grollen, dass es eine Pracht ist. 20 atemberaubende Minuten lang – eine der grandiosesten Darbietungen, die man in diesem Sommer auf deutschen Rockbühnen erleben durfte. Danach noch Claptons verlässlicher Crowd-Pleaser ›Cocaine‹ und ›Dear Mr. Fantasy‹ aus Winwoods Traffic-Zeiten – und nach über zwei Stunden Spielzeit schreiten die Altmeister entspannt von der Bühne.

 

John Mayall – Oldenburg, Kulturetage

0

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAVirtuose Darbietungen mit nobler Geste: John Mayall lässt sich, aber auch seine Mitmusiker glänzen.

John Mayall, Elder Statesman des Blues, hat die innere Ruhe, um wirklich jeden seiner wenigen Songs, die er an einem Donnerstagabend in der Oldenburger „Kulturetage“ präsentiert, in voller Ausdehnung zu zelebrieren. Da gereicht ein simples Mundharmonika-Intro zu einer mehrminütigen Performance, zudem darf jedes Mitglied seiner vierköpfigen Band sein Können den gut 500 Zuschauern in voller Pracht zeigen. Am Ende dann weiß man: Tadellos spielen können alle diese Burschen. Und dass sie sich dennoch komplett den Vorgaben ihres Mentors unterordnen, spricht Bände.

Denn Mayall hat schon mit den größten Stars gespielt, mit Booker T, Steve Cropper, Billy Preston und Otis Rush, mit Billy Gibbons von ZZ Top oder Mick Taylor. Zu seinen persönlichen Freunden gehören Chris Rea, Gary Moore, Jeff Healey, Steve Miller oder Mick Fleetwood. Und natürlich auch Peter Green und Eric Clapton, Weggefährten des Briten und gleichermaßen Förderer wie Nutznießer seiner herausragenden Fähigkeiten. Über Clapton sagen Fachleute, dass er nie wieder so gut gespielt habe wie zu Zeiten der Bluesbreakers, Mayalls legendärer Band Mitte der Sechziger. Clapton selbst sieht das vermutlich ein wenig anders, doch auch er hat zweifelsohne von Mayall profitiert.

Dem Gentleman John Mayall ist das völlig egal, er möchte auch heute noch vermeintlich unbekannten Instrumentalisten ein Podium bieten. Also darf der hervorragende Rocky Athas seine Gitarre öffentlich weinen lassen, darf Keyboarder Tom Canning die flinken Finger über die Tasten flitzen lassen, dürfen Bassist Greg Rzab und Schlagzeuger Jay Davenport all ihre rhythmischen Talente in die Waagschale werfen. Dennoch ist es in dieser Band ganz so wie früher, damals in den Sechzigejrn: Mayall steht zwar im Mittelpunkt des Treibens, aber er kann andere Könner neben sich hell leuchten lassen, ohne dass sein ei-gener Glanz dadurch verblasst.

 

Jeff Beck & Joe Bonamassa: München, Tollwood

0

Jeff Beck„J.B.“ versus „J.B.“ – ein klares Unentschieden im Stelldichein der Saitenhexer aus zwei Generationen.

Wenige Tage zuvor sind sie beide noch bei Eric Claptons „Crossroads“-Gitarristenfestival in der Hitze Chicagos aufgetreten, nun finden sich Joe Bonamassa und Jeff Beck bei erneut deftigen Temperaturen im schwülen bayerischen Rekordsommer wieder. Der Himmel über dem Zelt im südlichen Olympiagelände, am Fuß der künstlichen Berge, droht den ganzen Abend über mit Gewitterwolken, die wirklichen Blitze aber zucken schließlich fast drei Stunden lang auf der Bühne: Die Veranstalter sind sich wohl nicht ganz einig, ob sie Bonamassa nun als Opening Act für Beck sehen oder ihn als gleichberechtiges Billing behandeln sollen. Am Ende gibt es einen Kompromiss: Der 32-Jährige, zusammen mit Doyle Bramhall II und Derek Trucks einer der aufstrebenden Stars unter den jungen amerikanischen Blues-Gitarrenhelden, muss sein Set zehn Minuten vor der offiziellen Showtime und mit leicht reduziertem Sound und Licht starten, bekommt aber gleich viel Auftrittszeit zugestanden.

Das Attribut vom „Eric Clapton der neuen Gene-ration“, das man ihm im Festivalprogrammheft an-gepappt hat, passt nicht recht: Der Beau aus Utica im Staate New York ist ein fröhlicher Poser vor dem Herrn – ein extrovertierter Gegentyp zum introver-tierten Clapton. Mit dem hat er zwar – wie in den 75 Minuten seines Münchner Auftritts bestaunt wer-den kann – die Virtuosität gemeinsam, ansonsten aber ist er musikalisch durchaus anders gepolt: Bonamassa spielt Bluesrock mit der Betonung auf „Rock“, mit einem Temperament, das deutlich von seinem Kindheitshelden Stevie Ray Vaughan ge-prägt ist; vom Ton her erinnert er in München oft an Gary Moore. Dass man ein Solo auch durch Pausen gestalten kann, interessiert ihn eher weniger. Doch während es am Anfang eher eine (wenngleich be-reits durch Bonamassa-T-Shirts erkennbare) Min-derheit ist, die mit der Musik des Amerikaners vertraut scheint, hat er spätestens mit seinem Trademark-Song ›Sloe Gin‹ auch die Beck-Fans auf seiner Seite.
Der Altmeister selbst erscheint nach der Umbaupause braungebrannt, bestens gelaunt und mit einem Trio aus den Hochkarätern Jason Rebello (Keys), Narada Michael Walden (Drums) und der feurigen Bass-Amazone Rhonda Smith auf der Bühne. In seinem energetischen – und durch die Vorgaben des Kreisverwaltungsreferats auf 75 Minuten begrenzten – Set präsentiert er sich nicht nur als Mann der 1000 Tricks und Soundeffekte: Er ist musikalisch auch eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde, der in den Uptempo-Stücken seine Blueswurzeln und mitunter auch unser bekanntes Harmoniesystem verlässt, um auf seinen weißen Stratocastern in einem Paralleluniversum aus Feedback-Feuerwerken von einem Rockstern zum nächsten Fusionplaneten und wieder zurück zu jagen. Und der in seinen hochmelodiösen Instrumentalfassungen von Klassikern wie ›People Get Ready‹, ›Somewhere Over The Rainbow‹ und ›A Day In The Life‹ dann aber unvermittelt wieder den sensiblen Saitenstreichler gibt. Vor der Bühne drängen sich die lokalen Gitarristenkollegen mit hängenden Unterkiefern – doch weiter hinten im gut gefüllten Zelt rufen die zirkusreifen Darbietungen aber auch die eine oder andere ratlose Verblüffung hervor.

Rock of Ages: mit Foreigner, Axxis, Gotthard, Jane etc.

0

Foreigner 1 @ Detlef DenglerFriede, Freude, Hippie-Flair in schwäbischer Provinz – mit betrüblichem Abschluss.

Ein bekanntes Schwaben-Motto lautet: „Wir können alles außer hochdeutsch“. Das ist an diesem Wochenende durchaus richtig: Die Organisation eines Festivals mit hohem Wohlfühlfaktor jedenfalls haben die Macher des Rock Of Ages jedenfalls perfekt drauf. Es gibt saubere Toiletten, ein wunderschönes Gelände, durchweg Top-Sound, eine riesige Bühne, ein abgetrenntes Areal mit Hüpfburg für die Kleinsten, dazu ein Bierzelt, Festbänke unter Sonnen­schirmen plus lange Spielzeiten für die Bands. Kurz: Wer einmal in Seebronn beim Rock Of Ages war, kommt wieder, zumal auch das Programm durch clever durchdachte Ausgewogenheit besticht.

Doch was nützt die beste Vorbereitung, wenn einem das miese Wetter einen Strich durch die Rechnung macht: Am Morgen des ersten Tages öffnet der Himmel seine Schleusen, sodass das Gelände unter Wasser steht. Nur der unermüdlich schuftenden Crew ist es zu verdanken, dass quasi im letzten Augenblick eine Absage abgewendet werden kann. Um 17 Uhr legen TRANCEmission los. Ihre erdige Mischung aus Hard Rock und Metal heizt dem Publikum ein. Die Jungs, die in den frühen Achtzigern vor dem Durchbruch standen, können was. Guru Guru, seit über 40 Jahren bestehendes Kunstprodukt des 70-jährigen Drummers Mani Neumeier und 1976 die erste deutsche Gruppe im WDR-Rockpalast, verwirren die Fans dagegen mit ihrer schwer verdaulichen Mixtur aus Krautrock, Avantgarde und Weltmusik. Festival-Musik geht anders. Zum Beispiel so wie bei D-A-D. Auf Konserve haben die Riff-Rocker ihren Zenit zwar schon längst überschritten, aber live garantieren die Kopenhagener gute Laune. Die vier Rocker wirbeln wild, phasenweise gar punkig über die Bretter. Frenetisch werden auch Golden Earring begrüßt. Die Holländer, die sich ein Jahr vor den Rolling Stones formierten, präsentieren sich vital und spielfreudig und wirken alles andere als altbacken. Mit Hymnen wie ›Back Home‹, ›Eight Miles High‹, ›Twilight Zone‹ oder dem echten Jahrhundertklassiker ›Radar Love‹ begeistern George Kooymans, Barry Hay & Co. ohne Abstriche. Darauf folgt ein abrupter Stilwechsel mit den Eidgenossen Gotthard, die sich in den vergangenen Jahren über einen enormen Popularitätsschub freuen durften. Der Eröffnungsdreier ›Unspoken Words‹, ›Gone Too Far‹ sowie ›Need To Believe‹ bildet die Basis für zwei Stunden feine Hardrock-Power. Kein spektakulärer, aber ein kraftvoller Auftritt einer blendend aufgelegten Truppe.

Am nächsten Morgen jubeln alle: Veranstalter, Bands und Publikum, denn die Temperaturen steigen. Viele Besucher legen sich auf Decken und lassen sich genüsslich die Sonne auf den Pelz brennen. Mittags geht es auch musikalisch richtig los: Pump, die Truppe um den früheren Brainstorm-Sänger Marcus Jürgens, entpuppt sich mit ihrem harten, eingängigen Rock als prädestinierter Wachmacher. Wer danach immer noch nicht fit ist, dem verpasst die AC/DC-Coverkapelle Hole Full Of Love einen Arschtritt. Die Kultrocker Nektar hingegen haben keinen leichten Stand – und sie machen es sich durch eine unglückliche Songauswahl auch nicht einfacher. Ein entbehrlicher Auftritt. Jane, die ihre Karriere zu Ehren ihres 2007 verstorbenen Gründers Peter Panka fortsetzen, kommen mit ihrem zugänglicheren Rockmaterial bedeutend besser an. Axxis graben schließlich mit ›Kingdom Of The Night‹ eine Uralt-Nummer als Eröffnungsstück aus. Musikalisch bietet die Band zwar heute nichts Besonderes und kommt in der Mitte des Sets auch etwas zu samtig daher – doch Sänger Bernhard Weiß sammelt mit flotten Sprüchen und seinem kommunikativen Auftreten kräftig Sympathiepunkte. Fragezeichen erntet hingegen Russ Ballard. Viele scheinen ihn nicht zu kennen. Dabei feierte der 65-Jährige große Erfolge als Komponist für Kiss, Rainbow, Hot Chocolate oder America. Neben ›God Gave Rock And Roll To You‹, ›Since You’ve Been Gone‹ oder ›I Know There’s Something Going On‹ sorgen heute auch unter seinem Namen veröffentlichte Lieder wie ›Voices‹ oder ›The Fire Still Burns‹ für Aha-Erlebnisse. Jugenderinnerungen kommen schließlich auf, als Suzi Quatro die Bühne erklimmt und die Siebziger mit ›If You Can’t Give Me Love‹, ›Can The Can‹ oder ›Sumblin’ In‹ hochleben lässt. Einen Monat nach ihrem 60. Geburtstag zeigt sich Suzi Q. fit, wobei die Performance etwas zu viele Bläser-Parts enthält. Einen zweiten Frühling erleben die Fans schließlich bei Foreigner. Dank unsterblicher Hardrock-Gourmethappen wie ›Feels Like The First Time‹, ›Double Vision‹, ›Cold As Ice‹, ›Head Games‹, ›Dirty White Boy‹, dem jammigen ›Urgent‹ und dem furios dargebotenen ›Juke Box Hero‹ kann natürlich nichts mehr schief laufen. Doch auch die Band versprüht so viel Freude wie noch nie in ihrer Karriere. Das ist nicht nur Boss Mick Jones zu verdanken, sondern auch dem grandiosen Sänger Ken Hansen und Bass-Derwisch Jeff Pilson. Unter all den Klassikern ragt kurioserweise der unbekannteste Song heraus: das Dynamik-Monster ›Starrider‹, bei dem Jones ein endloses, furioses Gitarrensolo abreißt. Un­­glaublich! Foreigner rocken unter all den etab­lierten Rockern am druckvollsten, und so freuen sich alle schon jetzt auf die DVD dieses Seebronn-Konzerts, die schon Ende 2010 erscheinen soll.

Zum Ende des Festivals gibt es jedoch noch eine traurige Nachricht: Veranstalter Horst Franz kündigt sichtlich mitgenommen an, dass das Rock Of Ages 2011 eventuell nicht stattfinden wird. Bleibt zu hoffen, dass das nicht passiert, sondern eines der hochwertigsten Rock-Events Europas überlebt. Falls nicht: Danke für fünf unvergessliche Jahre.

 

Graspop Metal Meeting: mit Aerosmith, Kiss, Motörhead, Stone Temple Pilots, Airbourne, Slash uvm.

0

Aerosmith 2Im belgischen Dessel gibt sich an drei heißen Open Air-Tagen die Rock-Chefetage die Backstage-Containerklinken in die Hand. CLASSIC ROCK ist live dabei.

Es fängt langsam an. Zu langsam. Das passt nicht zu einem Song wie ›Love In An Elevator‹. Wer will schon in einem Fahrstuhlschacht stecken bleiben, während es doch eigentlich um heiße, ungezügelte Liebe geht. Doch Aerosmith machen bei ihrem Headliner-Auftritt im belgischen Dessel zunächst keine besonders agile Figur. Hüftsteif legen sie los, und auch ›Back In The Saddle‹ und ›Falling In Love (In Hard On The Knees)‹ kommt nicht so recht aus dem Quark. Dementsprechend ruhig ist auch das Publikum. Sicher: Aerosmith sind die letzte Band, der erste Tag beim Graspop Metal Meeting war drückend heiß, lang und mit etlichen anderen Höhepunkten gespickt. Doch ein bisschen mehr Euphorie hätten sich Steven Tyler und seine Crew wohl schon erwartet. Anfangs ist also auf beiden Seiten eher vorsichtiges Beschnuppern denn enthemmtes Rocken angesagt.

Damit geben sich Aerosmith aber nicht zufrieden. Gerade als man denkt, dass es heute wohl nichts mehr werden würde mit Hochspannungs-Riffs oder doch zumindest einem gepflegten Bluesrock, dreht die Truppe auf. Tyler lässt seine Glitzerumhänge und Mikroumwallungen hinter sich und legt aus tiefster Seele und vollster Kehle los (Höhepunkt: ›I Don’t Wanna Miss A Thing‹). Angepeitscht wird er von Joe Perry, der nicht mehr nur standardmäßig seine Hits runterzockt, sondern anfängt zu improvisieren. Hier ist sie, die alte (und hohe) Schule der Bühnenkunst – und Aerosmith sind in ihrem Element, ganz so, als hätte es die Streitigkeiten und Ausstiegsgerüchte Anfang des Jahres nicht gegeben. Und es sind ausgerechnet die Coversongs, ›Stop Messin‘ Around‹ und ›Baby Please Don’t Go‹, die den US-Veteranen neue Energie verleiben, und die weitet sich wie ein Feuer auf die eigenen Stücke aus. Bei ›Sweet Emotion‹ zeigen sich erste Anzeichen eines Flächenbrands, und spätestens beim Zugabenblock, der erwartungsgemäß aus ›Dream On‹, ›Walk This Way‹ und ›Toys In The Attic‹ besteht, brennt auch das belgische Publikum lichterloh..

Stone Temple PilotsDie Stone Temple Pilots passen nicht so recht ins Billing des Graspop Metal Meeting – und daher verwundert es auch nicht, dass es recht leer vor der Hauptbühne ist, als Scott Weiland und seine Crew antreten. Schade, denn die Festivalgänger verpassen einen der beeindruckendsten Gigs des Festivals. Obwohl Weiland alles andere als nüchtern ist, wie seine Ansagen und seine auf Großbildleinwand übertragenen Gesichtszüge deutlich machen, kann er stimmlich zu 100 Prozent überzeugen und sorgt während des 45-Minuten-Sets für mehr als nur einen Gänsehaut-Moment. Auch optisch, die Band spielt vor einem riesigen, roten Backdrop, auf dem das aktuelle Albumcover prangt, geht hier einiges. Man fragt sich am Ende eigentlich nur eines: Wie gut wäre Weiland eigentlich erst, wenn er komplett von den Drogen runter wäre?

Während Lemmy Kilmister vor einigen Wochen noch in be-sorgniserregender Form war und auf der Bühne kaum ein klares Wort formulieren konnte, ist er diesmal wieder besser drauf: Die motörhead-Show stimmt, ›Iron Fist‹, ›Bomber‹, ›One Night Stand‹ und ›Ace Of Spades‹ sowieso – kein Wunder, dass sich am Ende beim Co-Headliner fast genauso viele Menschen vor der Bühne versammeln wie beim Haupt-Act Aerosmith.

RANDNOTIZEN

Die CLASSIC ROCK-Ehrennadel in Platin für einen gigantischen Graspop-Auftritt geht an Saxon. Hits pur, Stimmung top, genau die richtige Spielzeit und -länge. Kein Wunder, dass die Zeltbühne fast auseinander platzt.
Die deutsche Fraktion schlägt sich ebenfalls wacker: Doro Pesch sorgt mit einpeitschenden Hymnen wie ›All We Are‹ oder dem harten ›Burning The Witches‹ für Furore, ihr Landsmann Udo Dirkschneider mit ›Man And Machine‹ und ›Metal Heart‹.

Während Billy Talent trotz viel Energie und Bühnenaction beim belgischen Publikum gar nichts reißen können und um 14 Uhr in der brennenden Sonne verglühen, hat Slash es diesmal besser als bei Rock am Ring. Die Fans kennen auch die Songs seines Soloalbums und den Velvet Revolver-Kram, so dass nicht nur alle auf Guns N’Roses-Songs warten. Die kommen aber dann doch am besten an. Klar.

Airbourne schaffen es, mit ihrem Hochdruck-Rock gegen die parallel zockenden Schwarzmetaller Immortal anzubrettern, während am nächsten Morgen düsterer, progressiver Metal auf dem Programm steht: Evergrey schaffen es, auf der Hauptbühne schon für ihre Schwelgorgien zu sorgen, während Katatonia im randvollen Zelt ebenfalls die ersten Fan-Kehlen für den restlichen Tag aufwärmen.