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Lebenslinien: Rick Wakeman

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Photo of Rick WAKEMAN and YESEr ist eine Progrock-Legende und auch ein Lebemann – selbst wenn er das heute nicht mehr so deutlich zeigt wie früher. Und er hat im Laufe seiner langen Karriere etliche Persönlichkeiten getroffen, die sonst nur selten jemandem über den Weg gelaufen sind, wie Rick Wakeman (61) im CLASSIC ROCK-Interview verrät.

Schon bevor Rick Wakeman mit der Progrock-Legende Yes zu weltweiten Ehren gelangte, stand er mit den Giganten des Musikgeschäfts im Aufnahmeraum. Wakeman war nämlich in den berühmten Londoner Trident Studios als Keyboarder fest angestellt und verhalf mit seiner Arbeit so manchem Act zu einem Charterfolg. Als Komponist verdiente er sich zunächst seine Sporen bei den Folkproggern The Strawbs, bevor er mit Yes weltweit die Stadien füllte. Auch mit seinen exzessiven Soloshows sorgte er in den Siebzigern für Furore: So unternahm er 1975 den Versuch, sein Album THE MYTHS AND LEGENDS OF KING ARTHUR AND THE KNIGHTS OF THE ROUND TABLE in der Wembley Arena aufzuführen – und zwar als Eislauf-Show. Der Begriff „exzessiv“ trifft nicht nur auf Rick Wakemans opulente Musik und deren optische Umsetzung zu, sondern auch auf sein Privatleben. So hatte ihn bis Mitte der Achtziger der Dämon Alkohol fest im Griff. Er konnte ihn jedoch erfolgreich niederringen und ist seither eine der schillerndsten und meistbewunderten Persönlichkeiten der Progrock-Szene. Kein Wunder, dass er daher auch etlichen ande-ren interessanten Stars begegnet ist…

David Bowie

Ich habe ihn Ende der Sechziger das erste Mal getroffen – also in einer Ära, in der man noch durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder die Zeitschrift „Melody Maker“ herausgefunden hat, welche neue, junge Band das nächste große Ding werden könnte. Ich sollte 1969 einen Job für Bowies Produzent Tony Visconti erledigen, er arbeitete zu dieser Zeit mit Junior’s Eyes in Willesden an einem Album. Ich kam rein – und sah als Erstes ein Mellotron in der Ecke stehen. Die Dinger waren damals brandneu, und keiner wusste so richtig etwas damit anzufangen. Also fragte ich, ob ich ein bisschen rumprobieren dürfe. Und tatsächlich: Es gelang mir, das Teil zum Laufen zu bringen. Einige Tage später, ich trat gerade mit einer Soul-Coverband im Reading Top Rank Club auf, rief mich Tony an und fragte, ob ich nicht bei Bowies SPACE ODDITY-Session in den Trident Studios dabei sein wolle. David war gerade dabei, eine Single aufzunehmen und wünschte sich Streicher-Parts und auch eine Mellotron-Passage. Ich sagte zu. Die Aufnahmen dauerten nur eine halbe Stunde. David tauchte mit einem Stylophone auf, diesem Keyboard, das man in der Hand halten kann. Er hatte es im Vorbeigehen in einem Laden gesehen und sofort gekauft. Bowie liebte alles, was neu war. Wir dagegen sagten ihm, dass er keinen einzigen vernünftigen Ton aus dem Ding herausbekommen würde. Doch als die Single schließlich erschien, war ich erstaunt: Er hatte es tatsächlich geschafft, das Instrument zu integrieren. Außerdem bestand er darauf, dass die Single in Stereo, nicht in Mono auf den Markt kommen sollte. Die Leute von der Plattenfirma waren dagegen, doch am Ende setzte er sich durch. Das ist wohl einer der Gründe, wa-rum ich ihn schon immer als einen Künstler betrachtet habe, der sich zu 100 Prozent für seine künstlerische Vision einsetzt.

David hat mir auch geholfen, als ich noch unter dem Motto „Booze Droop“ Folk-Abende im White Hart Pub in North Acton organisierte. Es hatten sich einige Mietrückstände aufgetürmt, und der Vermieter ging uns deswegen tierisch auf die Eier. Ich erwähnte das bei einem Abendessen mit David, und er bot mir an, dort ohne Gage aufzutreten. Von den Einnahmen sollte ich die Rechnungen begleichen. Also schaltete ich Inserate und pries den Gig an. Es kamen genau vier zahlende Gäste. Alle hatten gedacht, dass es sich um einen Scherz handele und waren zu Hause geblieben. Bowie spielte sein Set dennoch. Und siehe da: In der Woche darauf war der Laden rammelvoll – und die Mietschulden schnell Geschichte. Ebenso wie der „Booze Droop“-Abend übrigens, denn das war mir eine Lehre.

BLACK SABBATH

Ich habe Black Sabbath geliebt. Ihre Musik, aber auch die Menschen dahinter. Da wir mit Yes einige Male als Support auf ihren US-Tourneen in den frühen Siebzigern dabei waren, kannte ich sie ganz gut. Sie hatten nichts gegen einen gepflegten Drink – und ich ebensowenig, also war die Sache klar. Mich verband auf einer persönlichen Ebene mehr mit Sabbath als mit Yes. Ich liebte es, mir einen zu genehmigen und danach ordentlich auf die Kacke zu hauen: Rock’n’Roll eben. Da wir uns so gut verstanden, bin ich auch oft in ihrem Flugzeug mitgeflogen, um Party zu machen. Tony Iommi, mit dem ich bis heute gut befreundet bin, hat mir sogar einmal gezählt, dass die Band ernsthaft darüber nachgedacht hat, mich ins Line-up aufzunehmen. Sie mochten mich und hatten außerdem vor, ihren Sound etwas zu verändern. Doch Ozzy hatte Bedenken, dass die Metal-Fans negativ auf diese Entwicklung reagieren würden – nicht ganz zu Unrecht, wie ich zugeben muss. Ich habe das erste Mal während der Aufnahmen zu SABBATH BLOODY SABBATH mit ihnen zusammengearbeitet, das war Anfang der Siebziger. Sie wollten einen Mini-Moog-Part in einem Song einbinden. Da wir mit Yes in einem Studio nebenan an neuen Stücken bastelten, sagte ich zu, bat sie aber, einfach weiterzumachen mit ihren Recordings – ich wollte erst meine Arbeit mit Yes beenden und dann dazustoßen, um den Kram einzuspielen. Als ich schließlich soweit war und das Studio von Sabbath betrat, traute ich meinen Augen nicht. Alle lagen rum und schliefen. Wobei der Begriff „schlafen“ hier noch eine vornehme Bezeichnung ist… Nur ein junger, völlig verängstigter Techniker war noch bei Bewusstsein. Er legte das Tape mit besagtem Track ein, ich hörte es mir an und probierte ein bisschen herum, improvisierte mit zwei, drei Varianten. Schließlich nahm ich die dritte Version auf. Während ich spielte, hob plötzlich Ozzy seinen Kopf, grunzte „fucking great!“ und knackte wieder weg.

JACK LEMMON

Wenn man älter wird – und das gilt für Rocker wie für normale Menschen –, dann schleichen sich plötzlich Aktivitäten ins Leben ein, die man vorher niemals freiwillig getan hätte. Kochen zum Beispiel. Oder Gartenarbeit. Golfen ist auch so eine Sache. Ich habe in den Achtzigern damit begonnen, nachdem ich mit dem Trinken aufgehört hatte. Als Ausgleich quasi. Eines Tages bekam ich eine Einladung zum Howard Keel Golf Classic, das ist ein Celebrity-Turnier in Manchester. Höhepunkt der Veranstaltung ist eine Gala, bei der Gastgeber Howard Keel jede Menge Stars und Sternen aus den Staaten einfliegen lässt. Nun, jedenfalls war ich auch da – denn Howard sagte: „Jack mag dein Pianospiel. Also spielst du ein bisschen, moderierst Jack an, er spielt dann auch ein bisschen und moderiert schließlich mich an“. So weit sein Plan. Ich sagte zu – und verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr daran, wer denn dieser Jack eigentlich war. Als es dann soweit war, machte ich mich auf den Weg nach Manchester, traf Howard und fragte nach Jack. Keel deutete zum Bühnenrand und sagte: „Da hinten steht er doch.“ Ich blickte in die Richtung – und plötzlich fiel bei mir der Groschen: Jack = Jack Lemmon! Ich war noch völlig wie vom Donner gerührt, als Lemmon uns schon erblickt hatte und rüberkam. Er hatte von Howard Keel einige meiner Platten bekommen und mochte sie sehr. Also bat er Keel, mich für die Show zu buchen, damit wir gemeinsam auftreten könnten. Wenn ich mich recht erinnere, spielte Lemmon ziemlich jazzig. Aber so genau weiß ich das ehrlich gesagt gar nicht mehr, denn ich war zu sehr damit beschäftigt, mich selbst zu zwicken, denn ich konnte nicht glauben, dass ich wirklich direkt neben einer Filmlegende saß.

John Lennon @ Alan Tannenbaum 1_bearbeitetJOHN LENNON

Mit Ringo Starr war ich lange Jahre befreundet, und ich hatte auch Paul McCartney und George Harrison schon etliche Male getroffen. Aber noch nie John Lennon. Eines Tages jedoch, ich lebte damals in der Schweiz, war aber gerade in New York, um eine Yes-Tour zu promoten, war es soweit. Ich saß in der „Tavern On The Green“ im Central Park, denn das Essen dort schmeckte hervorragend. Außerdem gab es einen Raum namens „Crystal Room“, in dem man in aller Ruhe dinieren konnte, ohne von irgendwelchen Leuten belästigt zu werden. Die Leute schauten zwar neugierig, aber das war’s dann auch schon. Meine damalige Frau und ich hatten es uns gerade bequem gemacht, als ich bemerkte, dass John und Yoko am Nebentisch saßen. Ich hätte nie gedacht, dass er mich erkennen würde – aber er kam rüber zu uns, stellte sich vor, und wir kamen ins Gespräch. Er wirkte sehr nett und höflich, berichtete uns von den Problemen, die ihm die Arbeit am neuen Album DOUBLE FANTASY bereitete. Die Art und Weise, wie er über seine Musik sprach, erinnerte mich stark an David Bowie – er war ähnlich leidenschaftlich und engagiert. Kurz nachdem ich in die Schweiz zurückgekehrt war, bekam ich einen Anruf von einer Journalistin, die mich um ein Zitat zu John Lennon bat. Ich war verwirrt und wollte wissen, weshalb sie mich danach fragte. Schließlich erfuhr ich von seiner Ermordung. Ich war wohl einer der letzten Musiker, mit denen er ins Gespräch gekommen war – zumindest in der Öffentlichkeit. Und dann stellte mir die Journalistin eine der dümmsten Fragen, die mir in meiner Karriere bisher untergekommen ist: „Hat John dir irgendetwas über eine Vorahnung seines baldigen Todes erzählt?“ Manche Leute haben vielleicht Ideen…

KEITH MOON & VIVIAN STANSHALL

Wer mit Keith ausging, der wusste, dass die Polizei an diesem Abend nicht weit sein würde. Zumindest nicht, wenn Vivian Stanshall (Bonzo Dog Band) auch mit von der Partie war. Die beiden konnten zwar keiner Fliege was zu leide tun, zogen aber Ärger magisch an. Die trieben unablässig ihre Scherze mit allem und jedem – und es wurde besonders übel, wenn sich Alkohol zu ihrem überschäumendem, kindlichen Enthuasismus gesellte. Speziell Keith konnte ein wirklich gemeiner kleiner Kerl sein. Aber die Nächte mit ihnen werde ich nie vergessen – sie gehören zu den heftigen und spaßigsten, die ich je erleben durfte.

Jim Davidson

Ich kenne Jim schon seit vielen, vielen Jahren. Er ist ein echter Progrock-Fanatiker, und so sind wir im Laufe der Zeit zu dicken Freunden geworden. Aber auch er fällt in dieselbe Kategorie wie Keith und Vivian: Wer mit ihm ausgeht, muss aufpassen, denn das Chaos lugt ständig ums Eck. Jim trinkt auch heute noch gerne einen über den Durst, obwohl er lange nicht mehr so schlimm ist wie früher. Und genau wie bei Moons & Stanshalls Exzessen hat auch Davidson nie irgendjemandem etwas Böses zugefügt. Denn egal wie krass ein Witz war oder wie viele Schnäpse schon unsere Kehlen heruntergeronnen waren – für alle Beteiligten stand immer nur eines im Vorder­grund: der Spaß.

 

Rush

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Rush 2007 (7)_bearbeitetAls unterbeschäftigt kann man Rush momentan sicherlich nicht bezeichnen. Sie bringen gerade ihre Dokumentation RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE in die Kinos und parallel auch als DVD in die Läden, gehen mit der Komplettaufführung von MOVING PICTURES auf Nordamerika-Tour und arbeiten zudem an den Songs für ihr neues Studiowerk CLOCKWORK ANGELS, das im Frühjahr 2011 auf den Markt kommen soll. Und trotz all der Hektik finden Geddy Lee und Alex Lifeson auch noch Zeit, mit CLASSIC ROCK presents PROG ein Interview zu führen.

Kein Fan der Band, und sei er noch so fanatisch, hätte je gedacht, dass er jemand diese drei Worte im Zusammenhang mit seinen Göttern lesen würde. Und doch, hier kommen sie: Rush sind cool.

Alex Lifeson kann darüber nur lachen. „Dabei haben wir doch gar nichts gemacht!“, redet er sich schmunzelnd raus, freut sich aber dennoch sichtlich über das Kompliment. „Es war Sam, der auf uns zukam und uns vorschlug, eine Band-Doku zu drehen. Erst sechs Monate später war uns klar, dass das wirklich eine tolle Idee war!“
Besagter Sam heißt mit vollem Namen Sam Dunn und hat gemeinsam mit dem Kompagnon Scot McFayden RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE produziert. „Die beiden hatten bereits einige Filme zusammen gemacht, unter anderem eine Dokumentation namens METAL: A HEADBANGER’S JOURNEY, die wir sehr mochten“, erläutert der Gitarrist. „Ged ist dafür interviewt worden, daher kannte er Sam und Scot bereits. Und er wusste, dass sie sehr leidenschaftlich für ihr Projekt eintreten würden. Sie haben uns schließlich vor unserer letzten Tour ihr Konzept präsentiert – und uns damit vollends überzeugt.“

Das Resultat von Dunns und McFaydens Arbeit wird jeden Rush-Fan überzeugen. RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE ist offen, ehrlich und direkt. Und es stellt die Beziehung zwischen den drei Protagonisten deutlich heraus – dieser Aspekt ist bislang häufig ausgeklammert worden, wenn es darum ging, die Erfolgsgeschichte des Trios nachzuzeichnen. Dabei hat er die Arbeit nachhaltig geprägt.

Neben den Hauptdarstellern bekommen auch weitere Musiker die Gelegenheit, sich zum Phänomen Rush zu äußern. Trent Reznor (Nine Inch Nails) zum Beispiel schafft es, den enormen Einfluss der Drei auf die nachfolgenden Rock-Generation in präzise und profunde Worte zu fassen. Auch Mike Portnoy (Dream Theater) sowie der ansonsten notorisch wortkarge Billy Corgan (The Smashing Pumpkins) geraten angesichts von Rushs Backkatalog ins Schwärmen. Und selbst Gene Simmons, eine nicht minder große Ikone, lässt sich zu wahren Worten hinreißen: „Was für Art Band Rush sind? Nun, sie sind Rush. Ganz einfach.“

So simpel diese Weisheit klingt, so wahr ist sie auch. Geddy Lees Archiv-material, das er für RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE zur Verfügung gestellt hat, belegt dies. In alten wie in neueren Aufnahmen reißt immer irgendjemand einen Witz. Humor ist ein essentielles Element bei Rush. Und es beweist, dass Freundschaft zwischen den Musikern die Basis der Band ist. Damals wie heute. Hinzu kommt, dass sich die Kanadier nie irgendwelchen Trends unterworfen haben. Sie wollten sich nie verbiegen, dieses Prinzip gilt bis in die Gegenwart. Daher klingt auch keine andere Band so wie sie. „Sie mussten sich entscheiden, ob sie ein absolutes Hit-Album komponieren oder ob sie sich und ihren Ideen treu bleiben wollten“, so Co-Produzent Scot McFayden. „Ein internationaler Megaseller hätte für Rush bedeutet, dass sie diese Platte immer wieder aufs Neues hätten kopieren müssen. Das wollten sie nicht, denn die Entwicklung war ihnen wichtig – auch wenn sie deshalb vielleicht auf den ganz großen Erfolg verzichten mussten.“

Das sieht auch Alex Lifeson so. Er betrachtet Rush als „Band mit einer Ge-schichte und einem Vermächtnis. Es gibt nicht viele Acts, die eine so lange Zeit im selben Line-up zusammenspielen wie wir. Wenn wir etwas tun, also touren oder eine Platte veröffentlichen, dann machen wir das so, wie wir es möchten. Das ist nicht immer einfach, speziell im umkämpften Musikgeschäft.“

Umso mehr freut sich der Gitarrist darüber, dass er nun Lob von den Kollegen bekommt. Die positiven DVD-Kommentare anderer Musiker zeigen ihm, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat und bestärken Lifeson nachträglich in seinen Entscheidungen: „Wenn ich mir die Aufnahmen ansehe und höre, dass wir andere Menschen beeinflusst haben, die jetzt wiederum selbst erfolgreich sind, dann weiß ich, dass wir etwas Bleibendes ge-schaffen haben. Darauf bin ich stolz.“

Stolz kann Alex Lifeson auch auf den Zusammenhalt der Band sein. Denn wie stark die Bande innerhalb der Band sind, wird auf RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE speziell dann deutlich, wenn das Privatleben von Neil Peart thematisiert wird. Der Drummer musste 1997 zunächst den Unfalltod seiner Tochter verkraften, zehn Monate später starb seine Frau nach qualvollen Monaten an Krebs (und gebrochenem Herzen). Um diese beiden Schicksalsschläge zu verarbeiten und einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können, nahm sich Peart eine mehrmonatige Auszeit. Er reiste mit seinem Rad kreuz und quer durch Nordame-rika und veröffentlichte im Anschluss daran das Buch „Ghost Rider: Travels On The Healing Road“ sowie einen hochemotionalen Song gleichen Namens.

Danach sah er sich wieder in der Lage, mit Geddy Lee und Alex Lifeson gemeinsame Sache zu machen. 2002 veröffentlichte das Trio erneut ein Album: VAPOR TRAILS. Lifeson selbst ist damit heute nicht mehr hundertprozentig zufrieden – er würde die Scheibe gerne remixen und den Fans als Gratis-Download zur Verfügung stellen. Die Gespräche dazu laufen im Moment noch.

Dennoch ist er der Ansicht, dass sie zum damaligen Zeitpunkt exakt so klingen sollte und musste: „VAPOR TRAILS ist mit Sicherheit das gefühlsbetonteste Album, das wir je komponiert haben. Daher haben wir uns bewusst dafür entschieden, nicht zu lange an der Produktion zu feilen oder viele komplexe Parts in die Songs zu integrieren. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Platte letztendlich so erfolgreich war. Es ging nur um die puren Emotionen, die durch die tragischen Ereignisse ausgelöst worden waren. Wir legten offen, wer wir waren, wie wir damit umgingen und was wir fühlten. Es dauerte 14 Monate, bis VAPOR TRAILS fertig war.“

Für die Produktion von RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE musste jedoch auch dieses dunkle Kapitel der Band-Historie im Dokumentarfilm behandelt werden. Es wäre nicht möglich gewesen, die Geschichte von Rush glaubhaft zu erzählen, wenn nicht auch Neil Pearts Verluste ein Thema gewesen wären. In langen, einfühlsamen Gesprächen gelang es Peart und den beiden Produzenten, die Ereignisse für die Fans zu rekapitulieren. „Neil hat schon in GHOST RIDER offen gelegt, wie es in seiner Seele aussieht“, so Geddy Lee. „Daher war es für ihn nicht mehr ganz so schwer, das jetzt auch im Film zu tun.“

Und Alex Lifeson setzt nach: „Neil ist außerdem jemand, der gerne redet. Dass das nach außen hin oft anders wirkt, liegt daran, dass er sehr schüchtern ist. Er braucht die richtige Gesellschaft, dann funktioniert das. Und er hatte nie ein Problem damit, in einer Rockband zu spielen, die eine breite Öffentlichkeit er­reicht. Zu viel Bewunderung und Verehrung schreckt ihn allerdings ab, daher kommt er manchmal etwas verstockt rüber – daher bin ich froh, dass wir RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE machen konnten, denn hier wird deutlich, dass er gar nicht so ist, sondern ihn oft nur diese spezielle Situation überfordert. Geddy und ich können damit gut umgehen, zudem sind unsere Fans stets sehr höflich. Aber dennoch muss es für jemanden, der damit nicht umgehen kann, eine echte Tortur sein“, berichtet Alex. „Neil ist eben jemand, der sich gerne zurückzieht und nur mit Menschen umgibt, die er schon kennt. Doch er war sofort bereit, sein Okay für die Dreharbeiten zu geben, nachdem wir ihm versichert hatten, dass wir ihm und seiner besonderen Geschichte in die Dokumentation mit Respekt begegnen würden.“

Damit war die Sache geritzt – Dunn und McFayden konnten loslegen. Die Band jedoch musste sich fortan daran gewöhnen, dass sie ständig von Kameras umgeben war. Doch so schlimm, wie man es erwarten würde, war diese Erfahrung letztendlich nicht, wie Lifeson berichtet. „Andrew MacNaughton, unser langjähriger Tourfotograf, hat uns begleitet. Wir waren ohnehin schon so daran gewöhnt, dass er ständig mit einer Kamera hinter uns herlief oder uns in allen möglichen Situationen ablichtete, dass wir gar nicht bemerkten, wenn er uns filmte. Daher wirken die Aufnahmen authentischer, als wenn ständig ein komplettes Filmteam um uns herumgesprungen wäre.“

Der Crew ist es gelungen, die Beziehung zwischen den Band-Mitgliedern offen zu legen und filmisch einzufangen. Humor spielt dabei eine wesentliche Rolle. Und da sich Rush, die seit 1974 in derselben Besetzung rocken, wohl besser kennen als jede andere Band auf diesem Planeten, weiß jeder Musiker auch genau, wann und wo er einen Gag platzieren kann. Und so endet der Film auch mit einer Szene, in der sich die drei beim gemeinsamen Abendessen (oder besser: Abendtrinken) während der SNAKES & ARROWS-Tour ohne Unterlass Quatsch um die Ohren hauen.

„Lachen ist wichtig. Doch wenn wir unterwegs sind, beschäftigt sich jeder von uns auch mit anderen Hobbies, um Abstand zu gewinnen“, ergänzt Alex. „Ich zum Beispiel spiele gerne Golf. Neil fährt Motorrad. Und Geddy liebt gutes Essen und edle Weine.“ Was man bei Lee nicht unbedingt vermuten würde – zumindest beim Blick auf die Körpermaße. „Er hat gute Gene – im Gegensatz zu manch anderen Leute“, kommentiert der Gitarrist grinsend und blickt an sich herunter. Wer das Rush-Archivmaterial sichtet,wird nämlich rasch feststellen, dass Lifeson früher Bohnenstangen-Qualitäten hatte, was heute nicht mehr zutrifft. Doch allzu viele Kalorien hat er bei besagtem Abendmahl im Kreise seiner Band-Kollegen ohnehin nicht zu sich genommen – jedenfalls nicht in Form fester Nahrung. „Sie haben vier Stunden lang nur getrunken und rumgealbert“, berichtet Scot MyFayden. „Das Essen spielte hier definitiv nur eine Nebenrolle… Aber die Szenen zeigen deutlich, wie essentiell Spaß für Rush ist. Es war die pure Freude, mit ihnen zu arbeiten, denn sie sind nicht nur gut drauf, sondern auch sehr selbstironisch und nehmen sich gerne gegenseitig auf die Schippe.“

Doch natürlich, und hier wird aus dem Spaß sofort Ernst, ist es für die drei Musiker auch enorm wichtig, ihr kreatives Potenzial zu erhalten und auch weiterzuentwickeln. So steht für die Band im Moment nicht allein die Promotion von RUSH: BEYOND THE LIGHTED STAGE im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Vorbereitung auf das nächste Studioalbum CLOCKWORK ANGELS, das im Frühjahr 2011 erscheinen wird.

Zwei Songs davon, nämlich ›Caravan‹ und ›BU2B‹ haben die Fans bereits auf der jüngsten Nordamerika-Tour live zu hören bekommen – sie sind seit Juni auch als Download erhältlich. Weitere vier Tracks stehen ebenfalls schon – sie werden dann auf der Welttournee präsentiert, die parallel zum Albumrelease starten soll.
„Es hat Spaß gemacht, MOVING PICTURES in seiner Gesamtheit aufzuführen. Besonders nach ›The Camera Eye‹ haben die Leute seit Jahren gefragt – jetzt bekommen sie ihren Wunsch erfüllt. Aber es gab eben auch Platz für zwei neue Stücke im Set. Daher haben wir die Tour ›Time Machine‹ genannt, denn sie symbolisiert für uns sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft.“

Eine Zukunft, die für Rush-Fans nicht rosiger sein könnte. Denn Geddy Lee erklärt, dass es nicht bei den sechs Tracks bleiben wird – das Prog-Trio hat noch Größeres vor. „Die Songs sind nur der Anfang, wir wollen noch mehr Material schreiben, das in diese Richtung geht. Die Lieder, die bereits fertig sind, klingen fantastisch – ich finde, dass sie zu den stärksten gehören, die wir je geschrieben haben.“

Da alle so begeistert von dem Stoff waren, entwickelte die Band zudem ein neues Recording-Konzept. Rush wollten sich nicht mehr monatelang im Studio verbarrikadieren, um danach direkt auf eine lange Tour zu gehen, sondern ihre Zeit stattdessen anders einteilen. Fortan wollen sie einige Tracks aufnehmen, danach Gigs spielen und das Material dort vor Publikum testen, um dann perfekt aufeinander eingespielt ins Studio zurückzukehren. Denn hier greift die alte Musikerweisheit: Einen Song lernt eine Band erst richtig kennen, wenn sie ihn live gespielt hat.
„Momentan sind wir in einer Top-Verfassung“, berichtet Alex Lifeson. „Entspannt und aufgeregt zugleich. Wir vertrauen auf unsere Fähigkeiten und haben etliche Ideen im Kopf, die wir noch ausarbeiten wollen. Die Arbeit an den neuen Songs hat uns beflügelt – und sie dann sofort auf die Bühne bringen zu können, ist wirklich großartig!“

Und obwohl die europäischen Fans auf die ›Time Machine‹-Shows verzichten mussten, so ist doch ein Silberstreif am Prog-Horizont zu sehen. Rush wollen nämlich nach der Veröffentlichung von CLOCKWORK AN-GELS auf eine ausgedehnte Tour gehen. Und die umfasst nicht nur Nordamerika, sondern auch Europa. Insgesamt 60-70 Konzerte soll es geben. „Wir wollen definitiv auch bei euch spielen“, so Geddy Lee. „Denn es hat uns eine Menge Spaß gemacht, als wir beim letzten Mal nach langer, langer Zeit wieder nach Europa zurückgekehrt sind. Dennoch war es eine gute Entscheidung, nicht ständig die komplette Welt zu betouren. Denn so freut man sich umso mehr über ein Wiedersehen.“ In der Tat…

 

Disturbed – Hartes mit Hirn

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Disturbed 2010_bearbeitetWeltreisender, Philosoph, Systemkritiker: Disturbed-Sänger David Drainman ist der etwas andere Metal-Frontmann.

Es gibt viele Ansätze, ein interessantes Gespräch mit dem 37-jährigen New Yorker zu führen. Sei es über seine Passion für traditionellen Hardrock in der Manier von Maiden oder Priest, die sich auch auf seinem fünften Album ASYLUM fortsetzt. Oder über den amüsanten Gegensatz zwischen beruflichem Erfolg und privatem Pech, das sich in gescheiterten Beziehungen, Motorradunfällen und einem abgebrannten Haus manifestiert. „Ich habe halt kein Glück“, so der kahlköpfige Muskelmann. „Als ich von der letzten Tournee nach Hause kam, musste ich feststellen, dass meine Freundin durchgebrannt ist und mich mein bester Freund finanziell betrogen hat. Außerdem ist mein Hund gestorben. Das war wie ein Tritt in die Eier.“

Weshalb er nach Austin, Texas, gezogen ist und ein Dutzend Songs geschrieben hat, die sich als radikale Abrechnung mit der Ex sowie kritische Auseinandersetzung mit großen weltpolitischen Themen erweisen. So ist das Stück ›Never Again‹ dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gewidmet, dessen Atombomben nicht nur eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellen, sondern der – und da wird der studierte Philosoph und Politologe fuchsteufelswild – auch den Holocaust leugnet. „Meine Großeltern waren in Konzentrationslagern – sie in Bergen-Belsen, er in Auschwitz. Da das die letzte Generation ist, die dabei war und nun vor dem Aussterben steht, muss man etwas gegen diesen Bastard tun, der behauptet, das wäre alles nur ein Märchen.“

Womit er, der aus einer wohlhabenden jüdischen Anwaltsfamilie stammt, einen Diskurs in Sachen Israel vs. Palästina einleitet. So unterstützt er zwar die Blockade des Gaza-Streifens, wendet sich gleichzeitig aber gegen die Siedlungspolitik beziehungsweise fordert eine friedliche Ko-Existenz beider Völker. Und weil er Verwandtschaft in Tel Aviv hat und dort jedes Jahr Weihnachten verbringt, wünscht er sich nichts sehnlicher als einen Auftritt im heiligen Land. „Unsere Platten sind zwar dort erhältlich, aber Konzerte zu geben ist bislang nicht drin. Ich meine, wir sind ja nicht Metallica, die sich das problemlos leisten können. Und die immer meine ganzen Cousins und Cousinen auf die Gästeliste setzen, wofür ich den Jungs extrem dankbar bin. Gleichzeitig würden wir aber nie bei einem Festival wie Dubai Desert Rock spielen, weil die Leute dort etwas gegen die israelischen Stempel in meinem Pass haben. Was einfach unglaublich dumm ist.“ Es folgt ein verbaler Rundumschlag gegen die arabische Liga, Barack Obama, BP sowie Gott und die Welt. Wie gesagt: Der etwas andere Metal-Frontmann…

 

Grinderman – Die Verwandlung

Grinderman @ Deirdre OCallaghanKein Nebenprojekt mehr, keine minderen Bad Seeds: Mit dem zweiten Album sind Grinderman für Nick Cave und Kollegen zur vollwertigen Band geworden – ein Garagenblues-Mahlwerk, vor dem einem schon mal das Deo versagt.

s ist egal, ob man Nick Kent oder Jon Savage heißt, ein gewiefter Musikjournalist oder Fanzineschreiber ist – irgendwann trifft man seinen Angstgegner. Irgendwann marschiert man mit einem Päckchen Kippen vor dem 19:25 Uhr-Interviewtermin auf und ab und hyperventiliert. Was kann man um die Zeit eigentlich noch… Was hat er heute noch nicht 1000 Mal… Okay, versuchen wir es mit dem „Langer Tag“-Gambit: Guten Abend, Mr. Cave. Gibt es eine Frage, die Ihnen heute noch nicht gestellt wurde? „Uhhngh. Ungh. Ugh. Ich weiß nicht.“ Er stöhnt ins Telefon. „Mir kam das vor wie eine Million Fragen. Du musst schon deine eigenen stellen, fürchte ich. Das ist dein Job.“

Fair genug. Schließlich sitzt auf der anderen Seite nicht mehr der augenberingte Fürst der Finsternis, der sich in den Achtzigern ein Wandloch mit Blixa Bargeld teilte. Nein, es ist Nicholas Ed-ward Cave, 52 Jahre alt, Feuilleton-Liebling, Untergrund-Ikone und der erfolgreichste Seelenver-käufer seit Robert Johnson – ein Mann, dem man selbst den 2008er „Pornstache“ überm schwachen Kinn verzeiht. Ein Nick Cave tut sowieso nur, was er will, denkt man – bis er mit dieser Stimme, die einem auch das Telefonbuch vorlesen darf, losknarzt, nein, vielmehr habe Grinderman ihn endlich vom Diktat des guten Geschmacks befreit. Als hätte er, der im Video Kylie totmachte, sich je darum geschert. Oder doch? „Du bist mit allem erdenklichen Gepäck befrachtet, immer“, kommt es zurück. „Aber bei Grinderman ist nichts mehr unmöglich, und alles ist neu.“

An der Herangehensweise hat sich seit GRINDERMAN 1 nichts geändert – nur der Haufen merk- würdiger Ideen ist gewachsen: „Die Songs entstehen aus Jams, die oft das völlige Chaos sind. Mittlerweile können wir auf sieben, acht CDs mit Material zurückgreifen, das spontan entstanden ist und irgendwie“ – er lacht guttural, hur, hur, hur – „interessant klang. Die Herausforderung ist, da-raus noch etwas zu formen, das halbwegs genießbar ist. Das war nicht immer einfach; einige Stücke wie ›Evil‹ und ›Worm Tamer‹ haben sich extrem quer gestellt. Aber ich denke, dass Grinderman bei aller Sprödheit tatsächlich etwas Neues ist, ein frischer Sound.“

Einwand, Euer Ehren: Wirklich neu ist das nur, wenn man weder Caves Hang zur Moritat noch das Grinderman-Debüt kennt, auf dem sich Warren Ellis, Martyn Casey und Jim Sclavunos 2007 das erste Mal auf das Geschrabbel ihres Chefs einließen. Das Resultat gemahnte an The Birthday Party, Gott hab’ sie selig, während GRINDERMAN 2 mehr von Bluesmännern und Predigern bevölkert wird – auch eine schöne Mischung. Dass sich das alles um ihn, Cave, dreht, verneint er indes: „Es gibt nur eine ultimative Autorität, und das ist Gott“, sagt er trocken. „Grinderman ist aber auch keine Demokratie. Für den kreativen Prozess wäre das zu langsam. Ich neige zum Delegieren, wenn du verstehst.“

Äh. Nicht direkt. „Als Musiker habe ich gelernt, wann ich etwas aus der Hand geben muss, und zwar an jemanden, der es besser kann.“ Ihre Sitzungen muss man sich folglich vorstellen wie Schwitzhüttenrituale in den Sussex Downs: „Wir sitzen Kopf an Kopf, ich mit Gitarre, Keyboard und Mikro, War-ren an der Gitarre, Martyn mit Bass, Jim an Drums, und versuchen zu ergründen, was in uns vier Individuen gerade vor sich geht.“ Dieses kollektive Einfühlen gebiert zuverlässig Monster und wird von Caves Lyrik zusammengezurrt wie mit… „einem Lasso!“, unterbricht er und gluckst. „So ein Ding, mit dem man Kühe fängt?“ Eisenketten, wollten wir sagen. Abgesehen davon, dass auch ein glucksender Nick Cave etwas Furchteinflößendes hat, woher kommen sie, seine Feuer & Schwefel-Texte? Diese Gischt schäumenden Mantras auf ›Evil‹, ›Kitchenette‹ und ›Worm Tamer‹, die Abgesänge des ›Bellringer Blues‹ und ›Mickey Mouse And The Goodbye Man‹, das schlafwandlerische ›What I Know‹?

„Anfangs ist das zu 100 Prozent Improvisation“, antwortet er. „Ich habe ein Talent, aus dem Stand Reime und einigermaßen schlüssige Erzählungen von mir zu geben. Wenn du das ein paar Tage lang machst, wie bei den Sessions, beginnst du zu delirieren. Dann ergießt sich dieses ganze… Zeug.“ Cave betont „Zeug“ wie ein Hund, der an seiner Kotze riecht – stolz und ein bisschen verwundert. „Wenn ich mir die Aufnahmen danach anhöre, denke ich nur: ,Fuck, wo kam das her?‘ Später arbeite ich sie zu Lyrics aus. Würdest du mich mit einem leeren Blatt an den Schreibtisch setzen, käme nichts raus; da ist der Geist nicht frei“, sagt er. „Betest du hin-gegen Song um Song runter, gerätst du schnell in Gefilde, wo du die Kontrolle verlierst.“

Einiges davon kann man zu Gruppen sortieren: ›Worm Tamer‹, ›When My Baby Comes‹ und ›Heathen Child‹ bilden ein Triptychon, das die Frau als das „unbarmherzige Andere“ zeigt. Hat sie ein Gesicht? „Mhh.“ Er lacht. Die Zahnräder knirschen. „Nein, ich glaube nicht. Das unbarmherzige Andere dieser Songs ist weiblich, aber auf der ganzen Platte ist es eher das Selbst. Die Chimären, die sich durch die Songs winden, sind das Unterbewusste, das sich aufbäumt. Bei ›Heathen Child‹ zum Beispiel sah ich ein Mädchen, das in einer Wanne sitzt und im Begriff ist, sich zu… verändern. Der Verlust der Unschuld, das Kind, das zur Erwachsenen wird – und zugleich tanzt es um diese Veränderung herum. Ängste und Archetypen kommen zum Vorschein, Mythen quellen hervor…“

Klingt, als ob er manchmal so lange in den Spiegel schaut, bis er sich fühlt wie Edvard Munchs „Der Schrei“… „Hur hur hur. Genau! Wobei“, fügt er hinzu, „ich zugeben muss, dass GRINDERMAN 2 eine ausgesprochen dunkle und gewalttätige Platte ist. Dass ich es immerzu von Gewalt oder Gott beziehungsweise deren Fehlen habe, ist eine Konstante bei mir. Selbst wenn ich von einem Pärchen in einem Blumenmeer singe, geschieht das unter den Vorzeichen von Gewalt.“ Er denkt nach, zögert. „Wovon meine Texte aber sicher nicht handeln, ist der Missbrauch von Frauen. Das ist Bullshit. Ständig kriege ich böse E-Mails dazu, deshalb nochmal zum Mitschreiben: Das Thema sind Wandlungen.“

Eines noch, Mr. Cave, ehe wir gehen müssen, und vielleicht eine unanständige Frage nach vier Dekaden im Musik-, Film- und Literaturgeschäft, aber… wo liegt der Quell der Kreativität? „Ähm. Vermutlich, leider… Beklemmungen, fürchte ich?“ Er schnaubt und seufzt im selben Atemzug. „Dabei liebe ich mein Leben, meine Frau, meine Kinder, meine Freunde und das ganze Zeug. Aber es gibt diesen einen Ort, den ich betreten kann, der süchtig machend und von einem Zaun umgeben ist, und das ist die Imagination. Sie hat ihre eigenen Ge-setze, ihren eigenen Drall. Sie ist unabhängig von meiner Stimmung, meinen Launen, auf welchen Drogen ich bin. Für die Vorstellungskraft ist Quali-tät kein Kriterium. Es ist ein Ort, an dem sich alles verändert, sogar die Chemie deines Körpers. Und dorthin gehe ich nicht – ich renne.“

 

Serj Tankian – Offene Unvollkommenheit

Serj_Tankian 2010 @ Daragh McDonaghEin 25-köpfiges Streich-Ensemble, ein halbes Dutzend Bläser, Jazz, Folk und Elektronik auf Serj Tankians zweitem Studio-Solo IMPERFECT HARMONIES darf’s von allem mehr sein.

Der System Of A Down-Irrwisch ist nicht nur einer der aufgeschlossensten Zeitgenossen, die einem je begegnen werden – er hat auch die Größe, zuzugeben, wenn ihm Daten fehlen: „Vorgestern habe ich die ELECT THE DEAD SYMPHONY mit dem Bruckner Orchester in Linz aufgeführt, und natürlich fragten die sofort, ob ich Bruckner mag und…“ Hust, hust, hust. „Ich musste ihnen gestehen, dass ich niemals von ihm gehört habe. Aber ich kannte auch keinen Metal, bevor ich anfing, Metal zu spielen, also ist es wahrscheinlich egal.“ Er lacht mit heller Stimme. „Ich finde es ziemlich unerheblich, in was für einem Genre du dich bewegst, welche Instrumente du benutzt, so lang du eine Vorstellung davon hast, was du darstellen möchtest. Das sind alles Farben, die einem als Künstler zur Verfügung stehen. Warum sind die Leute nur so formalistisch und engstirnig? Das habe ich nie verstanden“, seufzt er. „Wenn mir jemand sagt, dass dieses und jenes nicht gehen würde, werde ich nur bockiger.“

Das Leben, eine Bildungsreise – für Serjs zweiten Solo-Ausflug gilt das mehr denn je. Aufstrich, Abstrich, Aufstrich: So rabiat kann Neoklassik klingen, ahnt man, doch schon unter dem schlingernden Opener ›Disowned Inc.‹ blubbert diskret ein kybernetischer Beat. Mit der Drum’n’Bass-Nummer ›Electron‹ (clever, in der Mitte des Albums) wird der seinen Höhepunkt erreichen. Zusammen mit dem orchestralen ›Gate 21‹ war das Stück der Ausgangspunkt des Albums: „Ich habe sicher an die 500, 600 unveröffentlichte Songs in meinen Truhen“, erklärt Serj, „aber die zwei brannten mir unter den Nägeln. Sie hatten völlig verschiedene Anmutungen, und mich trieb die Frage um, wie ich diese beiden Welten, die elektronische und die organische, verbinden könnte…“

Herausgekommen ist eine Achterbahnfahrt, wie sie früher nur Mr. Bungle oder die verrückten Franzosen von Carnival in Coal auf die Schienen stellen konnten.

IMPERFECT HARMONIES ist jedoch keine reine Spaßveranstaltung: Tankian, der seit 2002 mit Tom Morello die Non-Profit-Organisation „Axis Of Justice“ leitet, wäre nicht er selbst, wenn er die geopolitische und soziale Ebene aussparte – siehe die Single ›Borders Are‹, mit der er über die Hirnrissigkeit menschgemachter Grenzen klagt. Wie wichtig ist Tankian, dass die Leute diese Seite der Platte erfassen? „Im Grunde gibt es nur zwei offen politische Stücke“, wiegelt er ab, „nämlich ›Borders Are‹ – dazu gibt es auch ein Statement auf meiner Website – und ›Left Of Center‹, sicher der rockigste Titel auf der Platte. Alle anderen verstehe ich eher als philosophische Annäherung an die Zeit und Welt, in der wir leben.“ Einen implizit politischen Song hat er aber in seiner Aufzählung vergessen – das Klavierstück ›Yes, It’s Genocide‹, das an den osmanischen Völkermord an den Armeniern erinnert: „Das ist tatsächlich ein sehr emotionaler Song für mich“, räumt Serj ein. „Ein rohes, unbehauenes Gefühl.“

Dass seine Stimme darüber mehrfach an ihre (naturgegebenen) Grenzen gerät, weil er sich gegen die schwellenden Streicher durchsetzen muss – geschenkt. Apropos: Wann hat Serj das letzte Mal zu einem Stück Musik geweint? „Hmh, nicht lang her. Vor kurzem?“ grübelt er. „Ich kann gar nicht genau sagen, wann und zu was, es könnte ein Film gewesen sein. Zählen auch Freudentränen? Dann weiß ich’s! Bei so gut wieder jeder dieser Orchester-Shows, die ich gerade gebe. Die sind wirklich bewegend. Oft muss ich losheulen, weil ich nicht fassen kann, dass ich gerade auf dieser Bühne stehe und so großartige Musiker meine Songs spielen.“

So viel Bescheidenheit – das Bruckner Orchester wird ihm sicher noch ein paar CDs des Meisters zugesteckt haben.

 

Black Label Society – Neustart ohne Neuerung

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Black Label SocietyNach seiner Krankheit und dem Aus als Gitarrist von Ozzy Osbourne meldet sich
Zakk Wylde mit einem neuen Black Label Society-Album zurück.

Zakk, ORDER OF THE BLACK klingt frischer als die bisherigen Black Label Society-Alben. Komponierst du anders als Nüchterner?
Nein. Denn ich war nie komplett voll, wenn wir eine Platte eingespielt haben. Zwar auch nie ganz nüchtern, aber eben auch nicht betrunken. Nach ein paar Bier war ich angeheitert und in bester Stimmung, aber nicht außer Kontrolle. Ich wusste stets, was ich tat. Das war mir wichtig, denn ich wollte sicher sein, dass die Songs cool klingen. Und ich habe mir all Sachen, die wir in der Nacht aufgenommen hatten, immer auch noch mal nüchtern angehört, um zu checken, ob das Material auch wirklich gut ist.

Inwiefern hat sich dein Songwriting-Ansatz verändert, seit du all deine Songwriter-Zeit für Black Label Society verwenden kannst?
Es ging mir noch nie um einzelne Bands oder einzelne Projekte. Ich wollte einfach nur Musik machen. Wenn ich komponiere, denke ich nicht darüber nach, ob ich gerade an einem Song für Ozzy arbeite oder für Black Label Society. Es geht um den Song, die individuelle Idee.

Hast du dir diesmal andere Platten zur Inspiration angehört?
Es hat sich auch in dieser Hinsicht wenig verändert. Eigentlich schon seit meiner Kindheit nicht, wenn ich ehrlich bin… Ich habe Classic Rock-Radio gehört, seit ich denken kann. Mir ging es um die Musik, aber auch um die Kommentatoren, die immer krasse Sachen erzählt haben. In Sachen Sound hat mich Allan Holdsworth begeistert, dann natürlich Black Sabbath und Led Zeppelin, aber auch Elton John, Cream, Jimi Hendrix oder Bad Company.

Sieht dein Alltag anders aus, seit du nicht mehr bei Ozzy bist?
Auch das nicht. Ich stehe immer noch morgens auf, trinke erst einmal einen Kaffee, spiele ein bisschen am Klavier herum und gehe dann in den „Bunker“, das ist ein Gebäude auf meinem Grundstück, in dem wir ein Studio eingebaut haben. Wenn ich dort bin, geht es in erster Linie darum, dass der Sound und die Atmosphäre stimmen, denn nur dann bin ich kreativ. Daran hat sich nichts geändert – diese beiden Dinge inspirieren mich immer noch genauso wie früher. Daher mache ich nie Demos. Für mich ist das Zeitverschwendung. Wenn ich etwas mache, dann sofort richtig. Ich vergleiche das immer mit einer Hochzeit. Da macht man doch auch keinen Probelauf, sondern zieht die Sache sofort durch. Abgesehen davon, dass es die Braut wahrscheinlich auch nicht witzig finden würde, wenn sie erst zu einer Testheirat antreten müsste, bevor es dann richtig losgeht…

Welche Rolle beim Songwriting spielt euer neuer Drummer Will Hunt – und wie geht er mit der Doppelbelastung um?
Ja, er spielt auch bei Evanscence, aber das ist kein Problem. Das ist ja das Schöne bei Black Label Society. Hier wird niemand rausgeworfen – jeder kann kommen und gehen, wann er will. Die Tür steht immer offen.

Wollt ihr euch nun auch hierzulande öfter live sehen lassen?
Zunächst spielen wir in den USA. Aber wir werden im Frühjahr größtenteils in Europa unterwegs sein und auch Zeit in Asien und Australien verbringen. Ich weiß, dass wir nicht oft hier waren. Das soll sich ändern.

 

The Sword

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The Sword 2010The Sword haben einen echten Lauf: Da sich Metallicas Lars Ulrich als Fan geoutet und die Band mit auf Tour genommen hat, werden die US-Riffer als das nächste große Rock-Ding gehandelt. Nun erscheint ihr drittes Album WARP RIDERS.

In welche Schublade man die Musik von The Sword auch stecken will – den vier Rock-Nerds aus Austin, Texas, sind die ihnen angehefteten Genre-Neologismen reichlich egal. Dass John „J.D.“ Cronise (Gitarre & Gesang), Kyle Shutt (Gitarre), Bryan Richie (Bass) und Trivett Wingo (Schlag-zeug) bei Black Sabbath, Led Zeppelin und Konsorten genau hingehört haben und deshalb seit ihrem LP-Einstand 2006 gerne mal als Retro-Truppe herumgereicht werden – geschenkt. Denn The Sword finden genau jetzt statt. Und ohnehin geht es dem texanischen Quartett vor allem um die Musik, wie uns Bryan Richie in einem Van hinter dem Londoner „Roundhouse“ erläutert, wo The Sword für keinen Geringeren als Ozzy Osbourne die Massen auf Betriebstemperatur bringen sollen.

Bryan, oft liest man im Bezug auf The Sword Begriffe wie „Hipster Metal“ oder „Stoner Rock“…
Quatsch, wir machen einfach Hardrock oder Heavy Metal. Ich will uns gar nicht in irgendeine Kategorie einsortieren. Stoner Rock hat ja auch diese negative Konnotation, weil er sich in gewisser Weise auch auf deine musikalischen Fähigkeiten bezieht. Ich finde es nicht schlimm, wenn die Leute unsere Musik Stoner Rock nennen, weil sie dazu gerne kiffen. Oder weil wir gerne kiffen. Aber oft ist damit eben auch gemeint, dass die Musik zu simpel oder zu langweilig ist. Und wenn man den Begriff so auffasst, sind wir alles andere als Stoner Rock.

Und was soll „Hipster Metal“ bedeuten?
Tja, die Frage stelle ich mir auch. Ob das jetzt bedeuten soll, dass wir Jeans tragen, die passen oder was auch immer – ich habe keinen blassen Schimmer. Keiner von uns ist wirklich „hip“ oder ständig im Nachtleben unterwegs. Wenn wir daheim in Austin sind, dann bleiben wir zu Hause, sitzen rum und schauen fern. Nur Kyle geht wirklich oft aus. Und die einzige Bar, in die er schlappt, ist nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt. Wir sind keine Typen, die die Stadt unsicher machen, das ist einfach nicht unser Ding. Wir wollen ankommen, rocken und wieder abhauen.

Bei „Hipster“ denkt man in der Regel an Leute, die sehr darauf bedacht sind, wie sie aussehen…
Ja. Aber mir geht es völlig am Arsch vorbei, wie ich aussehe. Solange ich die richtigen Noten spiele und die Leute headbangen, ist mir alles andere egal. Es ist auch ziemlich albern, seine Meinung zu einer Band darauf zu stützen, wie sie sich anzieht. Es gibt so viele Bands, die ausschließlich damit beschäftigt sind, irgendwie cool auszusehen. Zum Beispiel diese Typen, die andauernd unseren MySpace-Account mit Kommentaren zukleistern: Die sind dermaßen scheiße, dass du überhaupt nicht mehr aufhören kannst, dir ihre Seite anzuschauen – wie bei einem Unfall. Wir haben keine Angst, Bullshit auch Bullshit zu nennen. Und wenn du dann mit so was ankommst, riechen wir die Scheiße schon von einer Meile Entfernung.

Nun, einen Riecher habt ihr auf jeden Fall – sonst hättet ihr es ja wohl auch nicht geschafft, ganze neun Monate mit Metallica auf Tour gehen zu dürfen. Wie kam das denn zu Stande?
Wir waren damals mit Trivium unterwegs und spielten im „Slim’s“ in San Francisco, wo die Backstageräume alle im Keller sind. Es gab drei Räume, und an dem Abend haben drei Bands gespielt – also für jede Band einen Raum, möchte man meinen. Aber Trivium, diese wundervollen Menschen, meinten nur: „Niemand darf in den Keller!“ Wir wurden einfach mit ein paar Barhockern auf die Straße hinter der Venue verbannt.

Nach unserem Gig stand ich in unserem „Backstage“ und rauchte eine, als Trivett ankam und meinte, Lars Ulrich wäre im Keller und sei völlig aus dem Häuschen. Ich bin dann zu ihm hin, und er hat mich fast verprügelt vor Begeisterung: „Heilige Scheiße, The Sword! Track 7 auf eurem Album, Wahnsinn!“ Letztendlich haben wir uns während des kompletten Trivium-Sets unterhalten, er hat sich keine Sekunde davon angeschaut und sich kein bisschen für sie interessiert. Dafür hat er uns am Ende des Abends geholfen, unseren Van zu beladen! Kannst du das glauben? Die Leute denken, ich lüge, aber ich habe gesehen, wie Lars Ulrich Trivett geholfen hat, sein Drumset in den Anhänger zu laden und ihn noch vollquatschte, wie schwer sein Case mit den Becken sei: „Oh mein Gott, wie viele Becken hast du denn da drin, Trivett?“
Na ja, er erzählte uns dann auch, dass er uns mit auf Tour nehmen würde. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir buchstäblich noch nichts gerissen: Das war unsere dritte Tour, unsere Platte zwar veröffentlicht, aber die Zukunft von The Sword noch ziemlich vage. Als Lars uns das erzählte, dachten wir nur: „Okay, das ist nett von dir, aber bitte mach uns keine Hoffnungen, wenn dann nichts passiert!“ Wir haben dann eine Zeit lang nichts gehört, aber als wir das nächste Mal nach San Franscisco kamen, war er wieder da. Und als wir gerade in Cardiff in Wales waren, klingelte schließlich Trivetts Handy, und Metallicas Manager fragte uns, ob wir mit auf die Osteuropa-Tour kommen wollten. Und im Anschluss waren wir dann Opener bei der gesamten US-Tour zu DEATH MAGNETIC. Einfach unglaublich.

Was führt euch nun nach London, als Vorgruppe von Ozzy?
Wir haben einen neuen Booking-Agenten in Europa. Wir konnten endlich den Typen loswerden, den wir schon seit Ewigkeiten feuern wollten. Jetzt haben wir diesen neuen Kerl, und das ist das erste Ding, mit dem er ankam. Nicht schlecht, oder? Den werden wir wohl eine Weile behalten. (lacht)

Ozzy ist ja dank seiner Reality-Show mittlerweile ein be-kannter MTV-Charakter. Kommen die Leute deiner Meinung nach nur zu dieser Show, um zu sehen, ob er noch funktioniert?
Das ist lustig… Sie fragen sich dann: „Kann er das noch? Wird er irgendwie gestützt?“ Nun ja, ich denke, dass es immer Leute geben wird, die sich nur wegen so etwas für eine Sache interessieren…

Das ist eben dieses Hipster-Ding…
Genau. Aber mal ehrlich: Wie dämlich sind diese Leute mit ihrem so genannten „ironisch-witzigen Humor“ denn bitte? Aber was das Publikum bei Ozzy angeht, so denke ich, dass das 90 Prozent echte Fans sind – sei es nun wegen Black Sabbath oder seinen Solo-Sachen. Aber es gibt eben noch die restlichen zehn Prozent, das sind dann die Typen, die denken: „Geil, jetzt schau ich mir mal diesen Ozzy an, den alten Sack!“ Mit diesen Leuten muss man rechnen. Doch es ist schon ziemlich arm, wenn man nur deshalb zu einer Show kommt. Eine andere Sache sind diese ganzen jungen Kids in der ersten Reihe: Sie tragen Ozzy Osbourne-Shirts, liegen aber mit dem Kopf auf der Absperrung und schlafen, während wir spielen. Das pisst mich wirklich an. Denn wenn du Fan von Ozzy genug bist, um ein T-Shirt von ihm zu tragen, dann beschäftige dich doch bitteschön ein wenig mit seinem Backkatalog und er-kenne, dass wir in seine Fußstapfen treten. Du solltest uns verdammt noch mal lieben!

Für euer drittes Album WARP RIDERS habt ihr zum ersten Mal mit einem Produzenten zusammengearbeitet, nämlich Matt Bayles (Mastodon). Wieso?
Davor haben J.D. und ich diesen Job gemacht, also entschieden, was jetzt gut ist und was nicht. Für mich war es super, mal nur der Bas-sist zu sein und mir keinen Kopf um den Mix und den Sound zu machen. Nach GODS OF THE EARTH etwa war ich total fertig. Wir wollten diesmal einfach jemanden, der die ganze Arbeit für uns erledigt – er sollte jedenfalls keine Sachen neu arrangieren oder unsere Songs umschreiben. Matt schafft es, dass Bands so klingen, wie sie klingen sollten. Und er ist hartnäckig. J.D und ich haben üblicherweise drei oder vier Takes aufgenommen und fanden das dann in Ordnung. Mr. Bayles hingegen forderte zehn bis 15 perfekte Takes. Und einmal wollte er mir eine Note rausstreichen, aber ich sagte nur: „Leck mich, du streichst mir gar nichts raus!“ (lacht) Doch er hat dann später eingesehen, dass sie drinbleiben musste.

Wie werden die Leute deiner Meinung nach auf das neue Album reagieren?
Ich hoffe, dass sie durchdrehen werden! Ich fahre wirklich auf die Platte ab. Dadurch, dass ich nicht so viel an der Scheibe gearbeitet habe wie bei den früheren Alben, kann ich sie auch wirklich genießen. WARP RIDERS ist einfach eine wunderbare Sammlung geiler Songs. Ich denke, wir haben unsere Musik auf das nächste Level gebracht. Wir alle sind jetzt Level-3-Kämpfer.

 

Spiritual Beggars – Entspannungstechnik

Spiritual Baggers 2010Band-Chef Michael Amott hat es mit seinen extremen Metal-Bands zu Ruhm in der Szene gebracht. Doch eigentlich ist er im Herzen ein Classic-Rocker. Daher hat er nun seine Band Spiritual Beggars reaktiviert, mit der er ausgiebig den Siebzigern huldigt.

Alles so schön bunt hier: Psychedelische Farben, ein gediegener Vintage-Schriftzug – die Spiritual Beggars sind zurück! Fünf Jahre nach ihrer letzten Studio-CD haben die Stoner-Allstars Michael Amott (Arch Enemy, Carcass), Ludwig Witt (Firebird), Per Wiberg (Opeth) und Sharlee D’Angelo (Arch Enemy, Witchery) sich endlich die Converse von den Füßen gekickt und eine neue Runde musikalischer Dehnübungen eingeleitet – mit neuem Mann am Mikro: Apollo Papathanasio. Das Comeback heißt RETURN TO ZERO und ist eine Rückkehr zu den Anfängen. Sagt jedenfalls Michael Amott, der CLASSIC ROCK während einer Arch Enemy-Konzertreise auf die Malediven zugeschaltet ist…

Michael, du bist gerade mit Arch Enemy auf den Malediven. Eine Frage: Seit wann gibt’s da denn Schirmchendrinks mit Metall?
Wir sind tatsächlich die erste internationale Metal-Band, die in Male auftritt! Sie haben hier erst seit 18 Monaten so was wie Rede- und Meinungs­freiheit; Musik wird aber immer noch ziemlich kritisch beäugt… Also ist dieser Gig eine Riesensache, für uns und die Fans.

Neue Territorien für Arch Enemy, die Carcass-Reunion – du bist eigentlich gut beschäftigt. Wann hat dein Beggars-Nerv denn wieder angefangen zu zwicken?
Beggars-Material schreibe ich fortwährend, die Jungs habe ich aber erst zusammengetrommelt, als ich wirklich genug beisammen hatte. Im Musikbusiness sind fünf Jahre zwar eine Ewigkeit, aber vielleicht kommen wir gerade recht, um den Leuten damit in ihre Facebooks zu hauen!

Erste Gerüchte, dass Sänger Janne »JB« Chri-stoffersson sich auf Grand Magus beschränken wolle, gab es schon 2005. Jetzt war es so weit. Wann rückte er damit raus?
Als es mit der neuen Platte ernst wurde und ich das Studio buchen wollte, Ende 2009. Wir sind weiter weltbeste Freunde, es gab keine Zwistigkeiten oder so. Es war einfach schlechtes Timing, weil JB mit Grand Magus tatsächlich beschäftigter ist denn je. Er blieb lange unentschlossen, aber wir mussten schließlich Nägel mit Köpfen machen.

Der Neue ist Apollo Papathanasio, Sänger der griechischen Power Metal-Band Firewind. Wie kam er ins Rennen?
Als JB nicht mit ins Studio konnte, dachte ich kurzzeitig: „Das war’s – vielleicht ist das ein Zei-chen, dass wir Spiritual Beggars zu den Akten legen sollten.“ Dann erwähnte Ludwig (Witt, Schlagzeuger der Beggars, Anm.d.A.) Apollo, mit dem er seit Jahren in einer Kneipen-Band spielt. Ich kannte Apollo nur als Metalsänger, aber Ludwig schwor, dass er bei ihren Deep Purple- und Whitesnake-Covers auch tolle Bluesrock-Vibes hinkriegt – und es stimmt!

Dazu wohnt er nur 20 Minuten entfernt, und wir haben wieder das Gefühl, eine Band zu sein, die zusammen arbeiten und proben kann. Mir ist wichtig, dass jeder seinen Senf dazugibt und wir am Ende zwei Wochen in einem stinkigen Raum aufeinander hocken und jammen – so klingt es am besten. Doppeltes Glück war, dass ein Freund gerade ein Studio in einem alten Bauernhof ganz in der Nähe eröffnet hatte, das „Sweetspot“ bei Halmstad, und dort ist die Platte entstanden.

RETURN TO ZERO feiert Themen wie Wiedergeburt, Freiheit, Unabhängigkeit, neue Horizonte – heißt das: keine DEMONS mehr für Spiritual Beggars?
Stimmt, klingt alles ziemlich positiv! (lacht) Und es entspricht der Wahrheit: Ich bin gut drauf, die Musik macht Spaß, alles hat sich bestens entwickelt. Als ich mich damit abgefunden hatte, dass JB nicht auf dem Album sein würde, war es tatsächlich ein Neuanfang, daher der helle Grundton. Nimm ›We Are Free‹ – das handelt vom live spielen, vom Bandfeeling, dem Kontakt zwischen Publikum und Musikern, der Energie, die zwischen ihnen fließt. Ja, das ist schon alles sehr „up“ (lacht lauthals).

Ihr spart auf dieser Platte an Doom-Boogie und basslastigem Twang – dafür dominiert der Dialog von ultra-melodischer Leadgitarre und Gesang. Das Tempo bleibt mittel. Dafür fallen die Refrains ganz schön groß aus…
Wahrscheinlich habe ich in letzter Zeit zu viel Scorpions gehört! (lacht wieder) Der reine Stoner-Groove ist mir einfach zu monoton geworden. Stattdessen faszinieren mich Melodieläufe, und mit einem Sänger wie Apollo ist mehr in der Richtung möglich. Er hat die nötige Bandbreite, mit Klangfarben von Coverdale bis Dio ist sein Stil supermelodisch.

Schau kurz zurück: Sind Spiritual Beggars als „elder statesmen“ der Stoner-Szene im neuen Jahrtausend eigentlich angemessen gewürdigt worden?
Vor zehn Jahren lagen wir kommerziell gut im Rennen, da haben wir mehr verkauft als Fu Manchu. Wir haben uns aber auch extrem ins Zeug gelegt, viel getourt, mit Monster Magnet, Fu Manchu, Iron Maiden, Clutch, Queens Of The Stone Age… Seit Arch Enemy und Opeth so
gewachsen sind und wir heftigere Tourneen am Bein haben, sehen wir Spiritual Beggars wieder mehr als Freizeitbeschäftigung. Es ist eine richtige Band, aber eine Nebenlinie, vergleichbar mit Down. Hier können wir uns zurücklehnen und das spielen, was wir lieben. Ob uns die Fans überhaupt noch kennen? Keine Ahnung.

Welchen Honig kann man aus Classic Rock saugen, wenn man wie du vom extremen Me- tal kommt?
Ich weiß noch, dass ich erst bei Carcass damit anfing, meine Hausaufgaben zu machen, Black Sabbath und so. Die emotionale Bandbreite und das Können im Siebziger-Hard Rock waren eine Offenbarung für mich, und als ich das erste Mal Michael Schenkers Soli hörte, war mir klar: So viel Gefühl möchte ich auch! Bei Carcass und Arch Enemy hab ich’s ihnen dann einfach untergejubelt.

Bei welchem Sechziger- und Siebziger-Moment wärst du gern dabei gewesen?
Ich habe zuletzt viel Jimi Hendrix gehört – seine Band of Gypys gab nur drei Konzerte, und die hätte ich alle gern gesehen. Die Jimi Hendrix Experience aber auch!

In Japan spielt ihr im Herbst wieder in gigantischen Arenen – warum sind sie dort so versessen auf Vintage Sound?
Weiß nicht. (lacht) Es hat auch mit Arch Enemy zu tun, vermute ich. Generell waren die Japaner immer gut zu mir. Ich bin weder der schnellste noch der beste Gitarrist, aber mein Stil kommt dort an. Eine ganze Nation, die auf die selben Gitarristen steht wie ich – und das seit den Neunzigern, als Soli nicht gerade populär waren! Japaner hören sehr konzentriert; sie knien sich rein, sind ungemein aufmerksam, und unsere Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Vor den Japan-Gigs spielen wir noch zwei Shows in Griechenland, dann sollte Deutschland dran sein – ist ja schließlich eines unserer Standbeine.

Als Bonus der RETURN TO ZERO-Erstauflage gibt’s ein Cover von Uriah Heeps ›Time To Live‹. Was verbindest du mit dem Song?
Uriah Heep zu entdecken, war wie einen Schatz zu heben, und SALISBURY wurde ganz schnell eine meiner Lieblingsplatten. ›Time To Live‹ ist kein sonderlich komplizierter Song, aber er hat was Animalisches. Hits wie ›Easy Livin’‹ zu covern wäre bescheuert – das ist, als verginge man sich an ›Paranoid‹. Nein: Wenn schon, dann etwas Unbekannteres, das man sich dann wirklich zu Eigen machen kann.

Wann hast du das letzte Mal die Faust in die Luft gereckt und wie ein Irrer geheadbangt?
Als ich das letzte Mal betrunken war, schätze ich… Nein, ich weiß es wieder! Im Mai auf einem Festival in der Schweiz: Wir sind einen Tag länger geblieben, um die Scorpions zu sehen. Wir rockten wie blöde, und ich konnte ein Foto von Rudolf Schenker und mir mit nach Hause nehmen. Dar-auf sehen wir aus, als wären wir die allerdicksten Kumpels!