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Disturbed – Hartes mit Hirn

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Disturbed 2010_bearbeitetWeltreisender, Philosoph, Systemkritiker: Disturbed-Sänger David Drainman ist der etwas andere Metal-Frontmann.

Es gibt viele Ansätze, ein interessantes Gespräch mit dem 37-jährigen New Yorker zu führen. Sei es über seine Passion für traditionellen Hardrock in der Manier von Maiden oder Priest, die sich auch auf seinem fünften Album ASYLUM fortsetzt. Oder über den amüsanten Gegensatz zwischen beruflichem Erfolg und privatem Pech, das sich in gescheiterten Beziehungen, Motorradunfällen und einem abgebrannten Haus manifestiert. „Ich habe halt kein Glück“, so der kahlköpfige Muskelmann. „Als ich von der letzten Tournee nach Hause kam, musste ich feststellen, dass meine Freundin durchgebrannt ist und mich mein bester Freund finanziell betrogen hat. Außerdem ist mein Hund gestorben. Das war wie ein Tritt in die Eier.“

Weshalb er nach Austin, Texas, gezogen ist und ein Dutzend Songs geschrieben hat, die sich als radikale Abrechnung mit der Ex sowie kritische Auseinandersetzung mit großen weltpolitischen Themen erweisen. So ist das Stück ›Never Again‹ dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gewidmet, dessen Atombomben nicht nur eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellen, sondern der – und da wird der studierte Philosoph und Politologe fuchsteufelswild – auch den Holocaust leugnet. „Meine Großeltern waren in Konzentrationslagern – sie in Bergen-Belsen, er in Auschwitz. Da das die letzte Generation ist, die dabei war und nun vor dem Aussterben steht, muss man etwas gegen diesen Bastard tun, der behauptet, das wäre alles nur ein Märchen.“

Womit er, der aus einer wohlhabenden jüdischen Anwaltsfamilie stammt, einen Diskurs in Sachen Israel vs. Palästina einleitet. So unterstützt er zwar die Blockade des Gaza-Streifens, wendet sich gleichzeitig aber gegen die Siedlungspolitik beziehungsweise fordert eine friedliche Ko-Existenz beider Völker. Und weil er Verwandtschaft in Tel Aviv hat und dort jedes Jahr Weihnachten verbringt, wünscht er sich nichts sehnlicher als einen Auftritt im heiligen Land. „Unsere Platten sind zwar dort erhältlich, aber Konzerte zu geben ist bislang nicht drin. Ich meine, wir sind ja nicht Metallica, die sich das problemlos leisten können. Und die immer meine ganzen Cousins und Cousinen auf die Gästeliste setzen, wofür ich den Jungs extrem dankbar bin. Gleichzeitig würden wir aber nie bei einem Festival wie Dubai Desert Rock spielen, weil die Leute dort etwas gegen die israelischen Stempel in meinem Pass haben. Was einfach unglaublich dumm ist.“ Es folgt ein verbaler Rundumschlag gegen die arabische Liga, Barack Obama, BP sowie Gott und die Welt. Wie gesagt: Der etwas andere Metal-Frontmann…

 

Grinderman – Die Verwandlung

Grinderman @ Deirdre OCallaghanKein Nebenprojekt mehr, keine minderen Bad Seeds: Mit dem zweiten Album sind Grinderman für Nick Cave und Kollegen zur vollwertigen Band geworden – ein Garagenblues-Mahlwerk, vor dem einem schon mal das Deo versagt.

s ist egal, ob man Nick Kent oder Jon Savage heißt, ein gewiefter Musikjournalist oder Fanzineschreiber ist – irgendwann trifft man seinen Angstgegner. Irgendwann marschiert man mit einem Päckchen Kippen vor dem 19:25 Uhr-Interviewtermin auf und ab und hyperventiliert. Was kann man um die Zeit eigentlich noch… Was hat er heute noch nicht 1000 Mal… Okay, versuchen wir es mit dem „Langer Tag“-Gambit: Guten Abend, Mr. Cave. Gibt es eine Frage, die Ihnen heute noch nicht gestellt wurde? „Uhhngh. Ungh. Ugh. Ich weiß nicht.“ Er stöhnt ins Telefon. „Mir kam das vor wie eine Million Fragen. Du musst schon deine eigenen stellen, fürchte ich. Das ist dein Job.“

Fair genug. Schließlich sitzt auf der anderen Seite nicht mehr der augenberingte Fürst der Finsternis, der sich in den Achtzigern ein Wandloch mit Blixa Bargeld teilte. Nein, es ist Nicholas Ed-ward Cave, 52 Jahre alt, Feuilleton-Liebling, Untergrund-Ikone und der erfolgreichste Seelenver-käufer seit Robert Johnson – ein Mann, dem man selbst den 2008er „Pornstache“ überm schwachen Kinn verzeiht. Ein Nick Cave tut sowieso nur, was er will, denkt man – bis er mit dieser Stimme, die einem auch das Telefonbuch vorlesen darf, losknarzt, nein, vielmehr habe Grinderman ihn endlich vom Diktat des guten Geschmacks befreit. Als hätte er, der im Video Kylie totmachte, sich je darum geschert. Oder doch? „Du bist mit allem erdenklichen Gepäck befrachtet, immer“, kommt es zurück. „Aber bei Grinderman ist nichts mehr unmöglich, und alles ist neu.“

An der Herangehensweise hat sich seit GRINDERMAN 1 nichts geändert – nur der Haufen merk- würdiger Ideen ist gewachsen: „Die Songs entstehen aus Jams, die oft das völlige Chaos sind. Mittlerweile können wir auf sieben, acht CDs mit Material zurückgreifen, das spontan entstanden ist und irgendwie“ – er lacht guttural, hur, hur, hur – „interessant klang. Die Herausforderung ist, da-raus noch etwas zu formen, das halbwegs genießbar ist. Das war nicht immer einfach; einige Stücke wie ›Evil‹ und ›Worm Tamer‹ haben sich extrem quer gestellt. Aber ich denke, dass Grinderman bei aller Sprödheit tatsächlich etwas Neues ist, ein frischer Sound.“

Einwand, Euer Ehren: Wirklich neu ist das nur, wenn man weder Caves Hang zur Moritat noch das Grinderman-Debüt kennt, auf dem sich Warren Ellis, Martyn Casey und Jim Sclavunos 2007 das erste Mal auf das Geschrabbel ihres Chefs einließen. Das Resultat gemahnte an The Birthday Party, Gott hab’ sie selig, während GRINDERMAN 2 mehr von Bluesmännern und Predigern bevölkert wird – auch eine schöne Mischung. Dass sich das alles um ihn, Cave, dreht, verneint er indes: „Es gibt nur eine ultimative Autorität, und das ist Gott“, sagt er trocken. „Grinderman ist aber auch keine Demokratie. Für den kreativen Prozess wäre das zu langsam. Ich neige zum Delegieren, wenn du verstehst.“

Äh. Nicht direkt. „Als Musiker habe ich gelernt, wann ich etwas aus der Hand geben muss, und zwar an jemanden, der es besser kann.“ Ihre Sitzungen muss man sich folglich vorstellen wie Schwitzhüttenrituale in den Sussex Downs: „Wir sitzen Kopf an Kopf, ich mit Gitarre, Keyboard und Mikro, War-ren an der Gitarre, Martyn mit Bass, Jim an Drums, und versuchen zu ergründen, was in uns vier Individuen gerade vor sich geht.“ Dieses kollektive Einfühlen gebiert zuverlässig Monster und wird von Caves Lyrik zusammengezurrt wie mit… „einem Lasso!“, unterbricht er und gluckst. „So ein Ding, mit dem man Kühe fängt?“ Eisenketten, wollten wir sagen. Abgesehen davon, dass auch ein glucksender Nick Cave etwas Furchteinflößendes hat, woher kommen sie, seine Feuer & Schwefel-Texte? Diese Gischt schäumenden Mantras auf ›Evil‹, ›Kitchenette‹ und ›Worm Tamer‹, die Abgesänge des ›Bellringer Blues‹ und ›Mickey Mouse And The Goodbye Man‹, das schlafwandlerische ›What I Know‹?

„Anfangs ist das zu 100 Prozent Improvisation“, antwortet er. „Ich habe ein Talent, aus dem Stand Reime und einigermaßen schlüssige Erzählungen von mir zu geben. Wenn du das ein paar Tage lang machst, wie bei den Sessions, beginnst du zu delirieren. Dann ergießt sich dieses ganze… Zeug.“ Cave betont „Zeug“ wie ein Hund, der an seiner Kotze riecht – stolz und ein bisschen verwundert. „Wenn ich mir die Aufnahmen danach anhöre, denke ich nur: ,Fuck, wo kam das her?‘ Später arbeite ich sie zu Lyrics aus. Würdest du mich mit einem leeren Blatt an den Schreibtisch setzen, käme nichts raus; da ist der Geist nicht frei“, sagt er. „Betest du hin-gegen Song um Song runter, gerätst du schnell in Gefilde, wo du die Kontrolle verlierst.“

Einiges davon kann man zu Gruppen sortieren: ›Worm Tamer‹, ›When My Baby Comes‹ und ›Heathen Child‹ bilden ein Triptychon, das die Frau als das „unbarmherzige Andere“ zeigt. Hat sie ein Gesicht? „Mhh.“ Er lacht. Die Zahnräder knirschen. „Nein, ich glaube nicht. Das unbarmherzige Andere dieser Songs ist weiblich, aber auf der ganzen Platte ist es eher das Selbst. Die Chimären, die sich durch die Songs winden, sind das Unterbewusste, das sich aufbäumt. Bei ›Heathen Child‹ zum Beispiel sah ich ein Mädchen, das in einer Wanne sitzt und im Begriff ist, sich zu… verändern. Der Verlust der Unschuld, das Kind, das zur Erwachsenen wird – und zugleich tanzt es um diese Veränderung herum. Ängste und Archetypen kommen zum Vorschein, Mythen quellen hervor…“

Klingt, als ob er manchmal so lange in den Spiegel schaut, bis er sich fühlt wie Edvard Munchs „Der Schrei“… „Hur hur hur. Genau! Wobei“, fügt er hinzu, „ich zugeben muss, dass GRINDERMAN 2 eine ausgesprochen dunkle und gewalttätige Platte ist. Dass ich es immerzu von Gewalt oder Gott beziehungsweise deren Fehlen habe, ist eine Konstante bei mir. Selbst wenn ich von einem Pärchen in einem Blumenmeer singe, geschieht das unter den Vorzeichen von Gewalt.“ Er denkt nach, zögert. „Wovon meine Texte aber sicher nicht handeln, ist der Missbrauch von Frauen. Das ist Bullshit. Ständig kriege ich böse E-Mails dazu, deshalb nochmal zum Mitschreiben: Das Thema sind Wandlungen.“

Eines noch, Mr. Cave, ehe wir gehen müssen, und vielleicht eine unanständige Frage nach vier Dekaden im Musik-, Film- und Literaturgeschäft, aber… wo liegt der Quell der Kreativität? „Ähm. Vermutlich, leider… Beklemmungen, fürchte ich?“ Er schnaubt und seufzt im selben Atemzug. „Dabei liebe ich mein Leben, meine Frau, meine Kinder, meine Freunde und das ganze Zeug. Aber es gibt diesen einen Ort, den ich betreten kann, der süchtig machend und von einem Zaun umgeben ist, und das ist die Imagination. Sie hat ihre eigenen Ge-setze, ihren eigenen Drall. Sie ist unabhängig von meiner Stimmung, meinen Launen, auf welchen Drogen ich bin. Für die Vorstellungskraft ist Quali-tät kein Kriterium. Es ist ein Ort, an dem sich alles verändert, sogar die Chemie deines Körpers. Und dorthin gehe ich nicht – ich renne.“

 

Serj Tankian – Offene Unvollkommenheit

Serj_Tankian 2010 @ Daragh McDonaghEin 25-köpfiges Streich-Ensemble, ein halbes Dutzend Bläser, Jazz, Folk und Elektronik auf Serj Tankians zweitem Studio-Solo IMPERFECT HARMONIES darf’s von allem mehr sein.

Der System Of A Down-Irrwisch ist nicht nur einer der aufgeschlossensten Zeitgenossen, die einem je begegnen werden – er hat auch die Größe, zuzugeben, wenn ihm Daten fehlen: „Vorgestern habe ich die ELECT THE DEAD SYMPHONY mit dem Bruckner Orchester in Linz aufgeführt, und natürlich fragten die sofort, ob ich Bruckner mag und…“ Hust, hust, hust. „Ich musste ihnen gestehen, dass ich niemals von ihm gehört habe. Aber ich kannte auch keinen Metal, bevor ich anfing, Metal zu spielen, also ist es wahrscheinlich egal.“ Er lacht mit heller Stimme. „Ich finde es ziemlich unerheblich, in was für einem Genre du dich bewegst, welche Instrumente du benutzt, so lang du eine Vorstellung davon hast, was du darstellen möchtest. Das sind alles Farben, die einem als Künstler zur Verfügung stehen. Warum sind die Leute nur so formalistisch und engstirnig? Das habe ich nie verstanden“, seufzt er. „Wenn mir jemand sagt, dass dieses und jenes nicht gehen würde, werde ich nur bockiger.“

Das Leben, eine Bildungsreise – für Serjs zweiten Solo-Ausflug gilt das mehr denn je. Aufstrich, Abstrich, Aufstrich: So rabiat kann Neoklassik klingen, ahnt man, doch schon unter dem schlingernden Opener ›Disowned Inc.‹ blubbert diskret ein kybernetischer Beat. Mit der Drum’n’Bass-Nummer ›Electron‹ (clever, in der Mitte des Albums) wird der seinen Höhepunkt erreichen. Zusammen mit dem orchestralen ›Gate 21‹ war das Stück der Ausgangspunkt des Albums: „Ich habe sicher an die 500, 600 unveröffentlichte Songs in meinen Truhen“, erklärt Serj, „aber die zwei brannten mir unter den Nägeln. Sie hatten völlig verschiedene Anmutungen, und mich trieb die Frage um, wie ich diese beiden Welten, die elektronische und die organische, verbinden könnte…“

Herausgekommen ist eine Achterbahnfahrt, wie sie früher nur Mr. Bungle oder die verrückten Franzosen von Carnival in Coal auf die Schienen stellen konnten.

IMPERFECT HARMONIES ist jedoch keine reine Spaßveranstaltung: Tankian, der seit 2002 mit Tom Morello die Non-Profit-Organisation „Axis Of Justice“ leitet, wäre nicht er selbst, wenn er die geopolitische und soziale Ebene aussparte – siehe die Single ›Borders Are‹, mit der er über die Hirnrissigkeit menschgemachter Grenzen klagt. Wie wichtig ist Tankian, dass die Leute diese Seite der Platte erfassen? „Im Grunde gibt es nur zwei offen politische Stücke“, wiegelt er ab, „nämlich ›Borders Are‹ – dazu gibt es auch ein Statement auf meiner Website – und ›Left Of Center‹, sicher der rockigste Titel auf der Platte. Alle anderen verstehe ich eher als philosophische Annäherung an die Zeit und Welt, in der wir leben.“ Einen implizit politischen Song hat er aber in seiner Aufzählung vergessen – das Klavierstück ›Yes, It’s Genocide‹, das an den osmanischen Völkermord an den Armeniern erinnert: „Das ist tatsächlich ein sehr emotionaler Song für mich“, räumt Serj ein. „Ein rohes, unbehauenes Gefühl.“

Dass seine Stimme darüber mehrfach an ihre (naturgegebenen) Grenzen gerät, weil er sich gegen die schwellenden Streicher durchsetzen muss – geschenkt. Apropos: Wann hat Serj das letzte Mal zu einem Stück Musik geweint? „Hmh, nicht lang her. Vor kurzem?“ grübelt er. „Ich kann gar nicht genau sagen, wann und zu was, es könnte ein Film gewesen sein. Zählen auch Freudentränen? Dann weiß ich’s! Bei so gut wieder jeder dieser Orchester-Shows, die ich gerade gebe. Die sind wirklich bewegend. Oft muss ich losheulen, weil ich nicht fassen kann, dass ich gerade auf dieser Bühne stehe und so großartige Musiker meine Songs spielen.“

So viel Bescheidenheit – das Bruckner Orchester wird ihm sicher noch ein paar CDs des Meisters zugesteckt haben.

 

Black Label Society – Neustart ohne Neuerung

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Black Label SocietyNach seiner Krankheit und dem Aus als Gitarrist von Ozzy Osbourne meldet sich
Zakk Wylde mit einem neuen Black Label Society-Album zurück.

Zakk, ORDER OF THE BLACK klingt frischer als die bisherigen Black Label Society-Alben. Komponierst du anders als Nüchterner?
Nein. Denn ich war nie komplett voll, wenn wir eine Platte eingespielt haben. Zwar auch nie ganz nüchtern, aber eben auch nicht betrunken. Nach ein paar Bier war ich angeheitert und in bester Stimmung, aber nicht außer Kontrolle. Ich wusste stets, was ich tat. Das war mir wichtig, denn ich wollte sicher sein, dass die Songs cool klingen. Und ich habe mir all Sachen, die wir in der Nacht aufgenommen hatten, immer auch noch mal nüchtern angehört, um zu checken, ob das Material auch wirklich gut ist.

Inwiefern hat sich dein Songwriting-Ansatz verändert, seit du all deine Songwriter-Zeit für Black Label Society verwenden kannst?
Es ging mir noch nie um einzelne Bands oder einzelne Projekte. Ich wollte einfach nur Musik machen. Wenn ich komponiere, denke ich nicht darüber nach, ob ich gerade an einem Song für Ozzy arbeite oder für Black Label Society. Es geht um den Song, die individuelle Idee.

Hast du dir diesmal andere Platten zur Inspiration angehört?
Es hat sich auch in dieser Hinsicht wenig verändert. Eigentlich schon seit meiner Kindheit nicht, wenn ich ehrlich bin… Ich habe Classic Rock-Radio gehört, seit ich denken kann. Mir ging es um die Musik, aber auch um die Kommentatoren, die immer krasse Sachen erzählt haben. In Sachen Sound hat mich Allan Holdsworth begeistert, dann natürlich Black Sabbath und Led Zeppelin, aber auch Elton John, Cream, Jimi Hendrix oder Bad Company.

Sieht dein Alltag anders aus, seit du nicht mehr bei Ozzy bist?
Auch das nicht. Ich stehe immer noch morgens auf, trinke erst einmal einen Kaffee, spiele ein bisschen am Klavier herum und gehe dann in den „Bunker“, das ist ein Gebäude auf meinem Grundstück, in dem wir ein Studio eingebaut haben. Wenn ich dort bin, geht es in erster Linie darum, dass der Sound und die Atmosphäre stimmen, denn nur dann bin ich kreativ. Daran hat sich nichts geändert – diese beiden Dinge inspirieren mich immer noch genauso wie früher. Daher mache ich nie Demos. Für mich ist das Zeitverschwendung. Wenn ich etwas mache, dann sofort richtig. Ich vergleiche das immer mit einer Hochzeit. Da macht man doch auch keinen Probelauf, sondern zieht die Sache sofort durch. Abgesehen davon, dass es die Braut wahrscheinlich auch nicht witzig finden würde, wenn sie erst zu einer Testheirat antreten müsste, bevor es dann richtig losgeht…

Welche Rolle beim Songwriting spielt euer neuer Drummer Will Hunt – und wie geht er mit der Doppelbelastung um?
Ja, er spielt auch bei Evanscence, aber das ist kein Problem. Das ist ja das Schöne bei Black Label Society. Hier wird niemand rausgeworfen – jeder kann kommen und gehen, wann er will. Die Tür steht immer offen.

Wollt ihr euch nun auch hierzulande öfter live sehen lassen?
Zunächst spielen wir in den USA. Aber wir werden im Frühjahr größtenteils in Europa unterwegs sein und auch Zeit in Asien und Australien verbringen. Ich weiß, dass wir nicht oft hier waren. Das soll sich ändern.

 

The Sword

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The Sword 2010The Sword haben einen echten Lauf: Da sich Metallicas Lars Ulrich als Fan geoutet und die Band mit auf Tour genommen hat, werden die US-Riffer als das nächste große Rock-Ding gehandelt. Nun erscheint ihr drittes Album WARP RIDERS.

In welche Schublade man die Musik von The Sword auch stecken will – den vier Rock-Nerds aus Austin, Texas, sind die ihnen angehefteten Genre-Neologismen reichlich egal. Dass John „J.D.“ Cronise (Gitarre & Gesang), Kyle Shutt (Gitarre), Bryan Richie (Bass) und Trivett Wingo (Schlag-zeug) bei Black Sabbath, Led Zeppelin und Konsorten genau hingehört haben und deshalb seit ihrem LP-Einstand 2006 gerne mal als Retro-Truppe herumgereicht werden – geschenkt. Denn The Sword finden genau jetzt statt. Und ohnehin geht es dem texanischen Quartett vor allem um die Musik, wie uns Bryan Richie in einem Van hinter dem Londoner „Roundhouse“ erläutert, wo The Sword für keinen Geringeren als Ozzy Osbourne die Massen auf Betriebstemperatur bringen sollen.

Bryan, oft liest man im Bezug auf The Sword Begriffe wie „Hipster Metal“ oder „Stoner Rock“…
Quatsch, wir machen einfach Hardrock oder Heavy Metal. Ich will uns gar nicht in irgendeine Kategorie einsortieren. Stoner Rock hat ja auch diese negative Konnotation, weil er sich in gewisser Weise auch auf deine musikalischen Fähigkeiten bezieht. Ich finde es nicht schlimm, wenn die Leute unsere Musik Stoner Rock nennen, weil sie dazu gerne kiffen. Oder weil wir gerne kiffen. Aber oft ist damit eben auch gemeint, dass die Musik zu simpel oder zu langweilig ist. Und wenn man den Begriff so auffasst, sind wir alles andere als Stoner Rock.

Und was soll „Hipster Metal“ bedeuten?
Tja, die Frage stelle ich mir auch. Ob das jetzt bedeuten soll, dass wir Jeans tragen, die passen oder was auch immer – ich habe keinen blassen Schimmer. Keiner von uns ist wirklich „hip“ oder ständig im Nachtleben unterwegs. Wenn wir daheim in Austin sind, dann bleiben wir zu Hause, sitzen rum und schauen fern. Nur Kyle geht wirklich oft aus. Und die einzige Bar, in die er schlappt, ist nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt. Wir sind keine Typen, die die Stadt unsicher machen, das ist einfach nicht unser Ding. Wir wollen ankommen, rocken und wieder abhauen.

Bei „Hipster“ denkt man in der Regel an Leute, die sehr darauf bedacht sind, wie sie aussehen…
Ja. Aber mir geht es völlig am Arsch vorbei, wie ich aussehe. Solange ich die richtigen Noten spiele und die Leute headbangen, ist mir alles andere egal. Es ist auch ziemlich albern, seine Meinung zu einer Band darauf zu stützen, wie sie sich anzieht. Es gibt so viele Bands, die ausschließlich damit beschäftigt sind, irgendwie cool auszusehen. Zum Beispiel diese Typen, die andauernd unseren MySpace-Account mit Kommentaren zukleistern: Die sind dermaßen scheiße, dass du überhaupt nicht mehr aufhören kannst, dir ihre Seite anzuschauen – wie bei einem Unfall. Wir haben keine Angst, Bullshit auch Bullshit zu nennen. Und wenn du dann mit so was ankommst, riechen wir die Scheiße schon von einer Meile Entfernung.

Nun, einen Riecher habt ihr auf jeden Fall – sonst hättet ihr es ja wohl auch nicht geschafft, ganze neun Monate mit Metallica auf Tour gehen zu dürfen. Wie kam das denn zu Stande?
Wir waren damals mit Trivium unterwegs und spielten im „Slim’s“ in San Francisco, wo die Backstageräume alle im Keller sind. Es gab drei Räume, und an dem Abend haben drei Bands gespielt – also für jede Band einen Raum, möchte man meinen. Aber Trivium, diese wundervollen Menschen, meinten nur: „Niemand darf in den Keller!“ Wir wurden einfach mit ein paar Barhockern auf die Straße hinter der Venue verbannt.

Nach unserem Gig stand ich in unserem „Backstage“ und rauchte eine, als Trivett ankam und meinte, Lars Ulrich wäre im Keller und sei völlig aus dem Häuschen. Ich bin dann zu ihm hin, und er hat mich fast verprügelt vor Begeisterung: „Heilige Scheiße, The Sword! Track 7 auf eurem Album, Wahnsinn!“ Letztendlich haben wir uns während des kompletten Trivium-Sets unterhalten, er hat sich keine Sekunde davon angeschaut und sich kein bisschen für sie interessiert. Dafür hat er uns am Ende des Abends geholfen, unseren Van zu beladen! Kannst du das glauben? Die Leute denken, ich lüge, aber ich habe gesehen, wie Lars Ulrich Trivett geholfen hat, sein Drumset in den Anhänger zu laden und ihn noch vollquatschte, wie schwer sein Case mit den Becken sei: „Oh mein Gott, wie viele Becken hast du denn da drin, Trivett?“
Na ja, er erzählte uns dann auch, dass er uns mit auf Tour nehmen würde. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir buchstäblich noch nichts gerissen: Das war unsere dritte Tour, unsere Platte zwar veröffentlicht, aber die Zukunft von The Sword noch ziemlich vage. Als Lars uns das erzählte, dachten wir nur: „Okay, das ist nett von dir, aber bitte mach uns keine Hoffnungen, wenn dann nichts passiert!“ Wir haben dann eine Zeit lang nichts gehört, aber als wir das nächste Mal nach San Franscisco kamen, war er wieder da. Und als wir gerade in Cardiff in Wales waren, klingelte schließlich Trivetts Handy, und Metallicas Manager fragte uns, ob wir mit auf die Osteuropa-Tour kommen wollten. Und im Anschluss waren wir dann Opener bei der gesamten US-Tour zu DEATH MAGNETIC. Einfach unglaublich.

Was führt euch nun nach London, als Vorgruppe von Ozzy?
Wir haben einen neuen Booking-Agenten in Europa. Wir konnten endlich den Typen loswerden, den wir schon seit Ewigkeiten feuern wollten. Jetzt haben wir diesen neuen Kerl, und das ist das erste Ding, mit dem er ankam. Nicht schlecht, oder? Den werden wir wohl eine Weile behalten. (lacht)

Ozzy ist ja dank seiner Reality-Show mittlerweile ein be-kannter MTV-Charakter. Kommen die Leute deiner Meinung nach nur zu dieser Show, um zu sehen, ob er noch funktioniert?
Das ist lustig… Sie fragen sich dann: „Kann er das noch? Wird er irgendwie gestützt?“ Nun ja, ich denke, dass es immer Leute geben wird, die sich nur wegen so etwas für eine Sache interessieren…

Das ist eben dieses Hipster-Ding…
Genau. Aber mal ehrlich: Wie dämlich sind diese Leute mit ihrem so genannten „ironisch-witzigen Humor“ denn bitte? Aber was das Publikum bei Ozzy angeht, so denke ich, dass das 90 Prozent echte Fans sind – sei es nun wegen Black Sabbath oder seinen Solo-Sachen. Aber es gibt eben noch die restlichen zehn Prozent, das sind dann die Typen, die denken: „Geil, jetzt schau ich mir mal diesen Ozzy an, den alten Sack!“ Mit diesen Leuten muss man rechnen. Doch es ist schon ziemlich arm, wenn man nur deshalb zu einer Show kommt. Eine andere Sache sind diese ganzen jungen Kids in der ersten Reihe: Sie tragen Ozzy Osbourne-Shirts, liegen aber mit dem Kopf auf der Absperrung und schlafen, während wir spielen. Das pisst mich wirklich an. Denn wenn du Fan von Ozzy genug bist, um ein T-Shirt von ihm zu tragen, dann beschäftige dich doch bitteschön ein wenig mit seinem Backkatalog und er-kenne, dass wir in seine Fußstapfen treten. Du solltest uns verdammt noch mal lieben!

Für euer drittes Album WARP RIDERS habt ihr zum ersten Mal mit einem Produzenten zusammengearbeitet, nämlich Matt Bayles (Mastodon). Wieso?
Davor haben J.D. und ich diesen Job gemacht, also entschieden, was jetzt gut ist und was nicht. Für mich war es super, mal nur der Bas-sist zu sein und mir keinen Kopf um den Mix und den Sound zu machen. Nach GODS OF THE EARTH etwa war ich total fertig. Wir wollten diesmal einfach jemanden, der die ganze Arbeit für uns erledigt – er sollte jedenfalls keine Sachen neu arrangieren oder unsere Songs umschreiben. Matt schafft es, dass Bands so klingen, wie sie klingen sollten. Und er ist hartnäckig. J.D und ich haben üblicherweise drei oder vier Takes aufgenommen und fanden das dann in Ordnung. Mr. Bayles hingegen forderte zehn bis 15 perfekte Takes. Und einmal wollte er mir eine Note rausstreichen, aber ich sagte nur: „Leck mich, du streichst mir gar nichts raus!“ (lacht) Doch er hat dann später eingesehen, dass sie drinbleiben musste.

Wie werden die Leute deiner Meinung nach auf das neue Album reagieren?
Ich hoffe, dass sie durchdrehen werden! Ich fahre wirklich auf die Platte ab. Dadurch, dass ich nicht so viel an der Scheibe gearbeitet habe wie bei den früheren Alben, kann ich sie auch wirklich genießen. WARP RIDERS ist einfach eine wunderbare Sammlung geiler Songs. Ich denke, wir haben unsere Musik auf das nächste Level gebracht. Wir alle sind jetzt Level-3-Kämpfer.

 

Spiritual Beggars – Entspannungstechnik

Spiritual Baggers 2010Band-Chef Michael Amott hat es mit seinen extremen Metal-Bands zu Ruhm in der Szene gebracht. Doch eigentlich ist er im Herzen ein Classic-Rocker. Daher hat er nun seine Band Spiritual Beggars reaktiviert, mit der er ausgiebig den Siebzigern huldigt.

Alles so schön bunt hier: Psychedelische Farben, ein gediegener Vintage-Schriftzug – die Spiritual Beggars sind zurück! Fünf Jahre nach ihrer letzten Studio-CD haben die Stoner-Allstars Michael Amott (Arch Enemy, Carcass), Ludwig Witt (Firebird), Per Wiberg (Opeth) und Sharlee D’Angelo (Arch Enemy, Witchery) sich endlich die Converse von den Füßen gekickt und eine neue Runde musikalischer Dehnübungen eingeleitet – mit neuem Mann am Mikro: Apollo Papathanasio. Das Comeback heißt RETURN TO ZERO und ist eine Rückkehr zu den Anfängen. Sagt jedenfalls Michael Amott, der CLASSIC ROCK während einer Arch Enemy-Konzertreise auf die Malediven zugeschaltet ist…

Michael, du bist gerade mit Arch Enemy auf den Malediven. Eine Frage: Seit wann gibt’s da denn Schirmchendrinks mit Metall?
Wir sind tatsächlich die erste internationale Metal-Band, die in Male auftritt! Sie haben hier erst seit 18 Monaten so was wie Rede- und Meinungs­freiheit; Musik wird aber immer noch ziemlich kritisch beäugt… Also ist dieser Gig eine Riesensache, für uns und die Fans.

Neue Territorien für Arch Enemy, die Carcass-Reunion – du bist eigentlich gut beschäftigt. Wann hat dein Beggars-Nerv denn wieder angefangen zu zwicken?
Beggars-Material schreibe ich fortwährend, die Jungs habe ich aber erst zusammengetrommelt, als ich wirklich genug beisammen hatte. Im Musikbusiness sind fünf Jahre zwar eine Ewigkeit, aber vielleicht kommen wir gerade recht, um den Leuten damit in ihre Facebooks zu hauen!

Erste Gerüchte, dass Sänger Janne »JB« Chri-stoffersson sich auf Grand Magus beschränken wolle, gab es schon 2005. Jetzt war es so weit. Wann rückte er damit raus?
Als es mit der neuen Platte ernst wurde und ich das Studio buchen wollte, Ende 2009. Wir sind weiter weltbeste Freunde, es gab keine Zwistigkeiten oder so. Es war einfach schlechtes Timing, weil JB mit Grand Magus tatsächlich beschäftigter ist denn je. Er blieb lange unentschlossen, aber wir mussten schließlich Nägel mit Köpfen machen.

Der Neue ist Apollo Papathanasio, Sänger der griechischen Power Metal-Band Firewind. Wie kam er ins Rennen?
Als JB nicht mit ins Studio konnte, dachte ich kurzzeitig: „Das war’s – vielleicht ist das ein Zei-chen, dass wir Spiritual Beggars zu den Akten legen sollten.“ Dann erwähnte Ludwig (Witt, Schlagzeuger der Beggars, Anm.d.A.) Apollo, mit dem er seit Jahren in einer Kneipen-Band spielt. Ich kannte Apollo nur als Metalsänger, aber Ludwig schwor, dass er bei ihren Deep Purple- und Whitesnake-Covers auch tolle Bluesrock-Vibes hinkriegt – und es stimmt!

Dazu wohnt er nur 20 Minuten entfernt, und wir haben wieder das Gefühl, eine Band zu sein, die zusammen arbeiten und proben kann. Mir ist wichtig, dass jeder seinen Senf dazugibt und wir am Ende zwei Wochen in einem stinkigen Raum aufeinander hocken und jammen – so klingt es am besten. Doppeltes Glück war, dass ein Freund gerade ein Studio in einem alten Bauernhof ganz in der Nähe eröffnet hatte, das „Sweetspot“ bei Halmstad, und dort ist die Platte entstanden.

RETURN TO ZERO feiert Themen wie Wiedergeburt, Freiheit, Unabhängigkeit, neue Horizonte – heißt das: keine DEMONS mehr für Spiritual Beggars?
Stimmt, klingt alles ziemlich positiv! (lacht) Und es entspricht der Wahrheit: Ich bin gut drauf, die Musik macht Spaß, alles hat sich bestens entwickelt. Als ich mich damit abgefunden hatte, dass JB nicht auf dem Album sein würde, war es tatsächlich ein Neuanfang, daher der helle Grundton. Nimm ›We Are Free‹ – das handelt vom live spielen, vom Bandfeeling, dem Kontakt zwischen Publikum und Musikern, der Energie, die zwischen ihnen fließt. Ja, das ist schon alles sehr „up“ (lacht lauthals).

Ihr spart auf dieser Platte an Doom-Boogie und basslastigem Twang – dafür dominiert der Dialog von ultra-melodischer Leadgitarre und Gesang. Das Tempo bleibt mittel. Dafür fallen die Refrains ganz schön groß aus…
Wahrscheinlich habe ich in letzter Zeit zu viel Scorpions gehört! (lacht wieder) Der reine Stoner-Groove ist mir einfach zu monoton geworden. Stattdessen faszinieren mich Melodieläufe, und mit einem Sänger wie Apollo ist mehr in der Richtung möglich. Er hat die nötige Bandbreite, mit Klangfarben von Coverdale bis Dio ist sein Stil supermelodisch.

Schau kurz zurück: Sind Spiritual Beggars als „elder statesmen“ der Stoner-Szene im neuen Jahrtausend eigentlich angemessen gewürdigt worden?
Vor zehn Jahren lagen wir kommerziell gut im Rennen, da haben wir mehr verkauft als Fu Manchu. Wir haben uns aber auch extrem ins Zeug gelegt, viel getourt, mit Monster Magnet, Fu Manchu, Iron Maiden, Clutch, Queens Of The Stone Age… Seit Arch Enemy und Opeth so
gewachsen sind und wir heftigere Tourneen am Bein haben, sehen wir Spiritual Beggars wieder mehr als Freizeitbeschäftigung. Es ist eine richtige Band, aber eine Nebenlinie, vergleichbar mit Down. Hier können wir uns zurücklehnen und das spielen, was wir lieben. Ob uns die Fans überhaupt noch kennen? Keine Ahnung.

Welchen Honig kann man aus Classic Rock saugen, wenn man wie du vom extremen Me- tal kommt?
Ich weiß noch, dass ich erst bei Carcass damit anfing, meine Hausaufgaben zu machen, Black Sabbath und so. Die emotionale Bandbreite und das Können im Siebziger-Hard Rock waren eine Offenbarung für mich, und als ich das erste Mal Michael Schenkers Soli hörte, war mir klar: So viel Gefühl möchte ich auch! Bei Carcass und Arch Enemy hab ich’s ihnen dann einfach untergejubelt.

Bei welchem Sechziger- und Siebziger-Moment wärst du gern dabei gewesen?
Ich habe zuletzt viel Jimi Hendrix gehört – seine Band of Gypys gab nur drei Konzerte, und die hätte ich alle gern gesehen. Die Jimi Hendrix Experience aber auch!

In Japan spielt ihr im Herbst wieder in gigantischen Arenen – warum sind sie dort so versessen auf Vintage Sound?
Weiß nicht. (lacht) Es hat auch mit Arch Enemy zu tun, vermute ich. Generell waren die Japaner immer gut zu mir. Ich bin weder der schnellste noch der beste Gitarrist, aber mein Stil kommt dort an. Eine ganze Nation, die auf die selben Gitarristen steht wie ich – und das seit den Neunzigern, als Soli nicht gerade populär waren! Japaner hören sehr konzentriert; sie knien sich rein, sind ungemein aufmerksam, und unsere Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Vor den Japan-Gigs spielen wir noch zwei Shows in Griechenland, dann sollte Deutschland dran sein – ist ja schließlich eines unserer Standbeine.

Als Bonus der RETURN TO ZERO-Erstauflage gibt’s ein Cover von Uriah Heeps ›Time To Live‹. Was verbindest du mit dem Song?
Uriah Heep zu entdecken, war wie einen Schatz zu heben, und SALISBURY wurde ganz schnell eine meiner Lieblingsplatten. ›Time To Live‹ ist kein sonderlich komplizierter Song, aber er hat was Animalisches. Hits wie ›Easy Livin’‹ zu covern wäre bescheuert – das ist, als verginge man sich an ›Paranoid‹. Nein: Wenn schon, dann etwas Unbekannteres, das man sich dann wirklich zu Eigen machen kann.

Wann hast du das letzte Mal die Faust in die Luft gereckt und wie ein Irrer geheadbangt?
Als ich das letzte Mal betrunken war, schätze ich… Nein, ich weiß es wieder! Im Mai auf einem Festival in der Schweiz: Wir sind einen Tag länger geblieben, um die Scorpions zu sehen. Wir rockten wie blöde, und ich konnte ein Foto von Rudolf Schenker und mir mit nach Hause nehmen. Dar-auf sehen wir aus, als wären wir die allerdicksten Kumpels!

 

Volbeat – Schicksals-Riffs

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Volbeat 2010Kaum eine Rockband hat in den vergangenen beiden Jahren einen größeren Karrieresprung gemacht als Volbeat. Den Dänen ist es mit ihrer Mischung aus Fünfziger-Flair, markanten Melodien und eisenharten Riffs gelungen, die scharf bewachte Genre-Grenze zwischen Metal und Mainstream zu durchbrechen.

Die Phase zwischen 30 und 40 ist die wohl stressigste im Leben der Menschen: Hier passiert alles. Man ist endgültig erwachsen geworden, die meisten haben einen geregelten Job, in dem sie nun Karriere machen möchten, bei vielen stehen Familienplanung, Hausbau, Zukunftssicherung auf dem Programm. Und in diese Zeit fallen häufig auch die ersten großen Schicksalsschläge.

Diese Entwicklung ist natürlich – und daher macht sie auch vor einem Rock’n’Roller nicht Halt. So hat Volbeats Karriere in den letzten Monaten einen enormen Schub bekommen, es gab Familienzuwachs innerhalb der Band und auch eine Hochzeit, zudem mussten zwei Musiker mit herben Rückschlägen kämpfen. Ein Auf und Ab der Emotionen also – anstrengend zwar, aber eben auch eine fruchtbare Basis für die Komposition neuer Songs und die Erstellung von Texten.

So ist Volbeats aktuelles Album BEYOND HELL/ABOVE HEAVEN in vielerlei Hinsicht ein besonderes Werk geworden. Das gilt sowohl in rein ge-schäftlicher Hinsicht, denn die Scheibe ist das erste Werk der Dänen, das auf einem Major-Label er-scheint. Aber eben insbesondere auch aufgrund der persönlichen Umstände, unter denen es entstanden ist.

Speziell im Leben von Frontmann Michael Poulsen hat sich einiges getan. Sein Vater, seit jeher Respektsperson und zugleich wichtiger Orientierungspunkt für den Sänger und Gitarristen, ist verstorben. Er hat seinen Sohn stets in musikalischer Hinsicht beraten, alle Song-Ideen vorab getestet und Michael mit seinen Kommentaren wertvolle Hinweise gegeben, in welche Richtung sich der Track noch entwickeln könnte. „Die Arbeit an der neuen Platte war für mich schwieriger als sonst“, gibt Poulsen daher offen zu. „Für mich war es immer eine große Hilfe, dass sich mein Vater alle Demos anhörte und seine Meinung dazu sagte. Denn wenn er etwas wirklich mochte, wusste ich immer, dass es auch andere Menschen gut finden würden.“

Um den Verlust zu verarbeiten und sich neu zu orientieren, hat er seinem Papa auch einen Song gewidmet: ›Fallen‹. Das Lied ist sehr emotional, was besonders an den ergreifenden Melodien liegt, die der Sänger und Komponist dafür ausgewählt hat. Es hat eine tief berührende, introvertierte Note, obwohl es keine balladesken Züge trägt.

Im harschen Kontrast dazu stehen einige extrem harte Songs wie ›7 Shots‹ oder ›Evelyn‹, bei dem Volbeat Gastmusiker ins Studio geladen haben. Es sind jedoch nicht die üblichen Verdächtigen, die man bei einer Band mit Fifties-Vorliebe erwarten würde. Nein, die Dänen wollten ein Zeichen setzen – und haben ihre alten Metal-Vorbilder zu sich gebeten. „Die Fans wissen inzwischen, dass wir Johnny Cash und Elvis verehren“, erläutert Michael die Entscheidung. „Daher es war uns wichtig, auch die andere, harte Seite von Volbeat zu zeigen. Mit Mille Petrozza von Kreator und Michael Denner von Mercyful Fate als Gäste bei ›7 Shots‹ und Barney Greenway von Napalm Death bei ›Evelyn‹ ist uns das gut gelungen, finde ich.“

Zudem hat sich die Band damit einen ihrer Jugendträume erfüllt. Alle Mitglieder von Volbeat sind mit Heavy-Riffs groß geworden, und obwohl sie heute niemals mehr auf Melodien & Co. verzichten möchten, wollen sie ihren Vorbildern doch Tribut zollen. Denn ihre Jugendzeit ist den Musikern nach wie vor in bester Erinnerung. Auf die erste Berührung mit der Metal-Szene angesprochen, gerät Poulsen sofort ins Schwärmen und plaudert los: „Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Jugendlicher jede Woche die MTV-Sendung ›Headbanger’s Ball‹ geschaut habe. Sie lief immer sehr spät nachts, was für mich nicht gerade optimal war, denn ich musste am nächsten Tag früh zur Schule“, so der Kopenhagener. „Doch das war mir egal – ich wollte trotzdem keine Sekunde verpassen. Eines Tages lief ein Video, das ich ultracool fand. Am Ende des Stück kam dann endlich die Bauchbinde, auf der stand, von wem der Song war: Napalm Death, vom Album HARMONY CORRUPTION. Ich bin sofort am nächsten Tag mit dem Fahrrad in den nächsten größeren Ort geradelt, weil es dort einen Plattenladen gab, in dem ich HARMONY CORRUPTION kaufen konnte. Ich hatte extra dort angerufen, ob die Platte auch wirklich vorrätig war – denn die Fahrt dorthin dauerte anderthalb Stunden! Für ein Zugticket hatte ich natürlich kein Geld…“

Einen ähnlich großen Einfluss wie Napalm Death hatte eine dänische Band auf den jungen Michael Poulsen: Mercyful Fate. Deren Gitarrist Michael Denner ist nun auf BEYOND HELL/ABOVE HEAVEN zu hören – sozusagen als verspätetes Dankeschön dafür, dass Denner Poulsen derart inspiriert hat. Und zwar nicht nur rein spieltechnisch – denn auch die Optik der Band hat Michael begeistert. Das lässt sich sogar noch heute nachvoll-ziehen: Auf seinem Bein prangt ein fettes Tattoo von Mercyful Fates DON’T BREAK THE OATH-Artwork.

Die Musik begleitet ihn bis heute – und so sind Cash, Elvis, Napalm Death, Metallica oder Kreator allesamt in seiner iPod-Playlist vertreten. Obwohl oft krasse Stimmungswechsel zwischen den Songs herrschen, kann sich Poulsen alles problemlos durcheinander anhören. Es ist die Musik an sich, die ihn entspannt, weniger der spezielle Sound. Vor allem auf Tour legt er sich gerne in seine Koje und entspannt sich beim Zuhören. Allerdings klappt das nicht immer, wie Michael berichtet: „Auf der letzten Tour wachte ich des Öfteren mitten in der Nacht auf und hörte irgendwelche Musik – aber es war nichts, das ich auf dem Player gespeichert hatte. Es scheint, als hätten mich die anstrengenden Monate unterbewusst doch mehr gestresst als erwartet. Nun ja, eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn ich musste nicht nur den Verlust meines Vaters verkraften, sondern auch die Trennung von meiner Freundin, mit der ich sieben Jahre zusammen war. Zum Glück habe ich danach rasch die Liebe meines Lebens gefunden. Das hat mir geholfen, aus dem schwarzen Loch herauszukommen. Plötzlich fühlte ich wieder neue Energie, sah Licht am Ende des Tunnels. Sie ist wie ich mit Elvis aufgewachsen und mag fast alle Dinge, die mir etwas bedeuten. Für mich ist sie wirklich wie eine Seelenverwandte – ich hätte auch nie gedacht, dass ich einmal jemanden finden würde, der so perfekt zu mir passt. Vor einigen Monaten sind wir nach Graceland gefahren, um dort zu heiraten.“

 

Apocalyptica – Nackte Tasachen

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Apocalyptica 2010 @ Ralf StrathmannDrei Cellisten, ein Schlagzeuger und wechselnde Promi-Gastsänger lassen ihrer Liebe für Rock, Metal, Gothic und Kammermusik freien Lauf – und stürmen damit Hitlisten in aller Welt. Cellist Eino Matti „Eicca“ Toppinen und Schlagzeuger Mikko Sirén über den neuen Streich des Phänomens namens Apocalyptica: 7TH SYMPHONY.

Im Jahr 1993 als Metallica-Cover-Band von vier Musikstudenten in Helsinki gegründet, blicken Apocalyptica heute auf eine einzigartige Karriere zurück. Auf Celli-Interpretationen bekannter Songs von Metallica, Faith No More, Sepultura oder Pantera folgten eigene Metal-/Rock-Kompositionen, mit denen die Finnen zu Dauergästen in europäischen Charts avancierten. Das fünfte, 2007 erschienene Album WORLDS COLLIDE öffnete in den USA neue Türen: Der Langspieler wanderte über 270.000 Mal über US-Ladentheken, die von Adam Gontier (Three Days Grace) eingesungene Single ›I Don’t Care‹ rotiert immer noch im US-Rock-Radio.

Nach diesen Triumphen hätte die heutige, aus den Cellisten Eicca Toppinen (35), Paavo Lötjönen (42) und Perttu Kivilaakso (32) sowie Schlagzeuger Mikko Sirén (34) bestehende Besetzung problemlos ein Nummersicher-Werk voller Songs mit a) illustren Gästen, b) Metal- oder c) Cover-Stücken aufnehmen können. Statt auf Außenstehende zu hören und sich auf nur eine dieser Schubladen festzulegen, ordneten die Musiker mit 7TH SYMPHONY ihre verschiedenen Gesichter in zehn Kapiteln gleichberechtigt nebeneinander an, grenzten diese aber eindeutiger voneinander ab. „Wir legen sehr großen Wert auf Unabhängigkeit. Eine von anderen Menschen abhängige Album-Ausrichtung kam nicht in Frage“, stellt der bestens gelaunte Komponist Eicca Toppinen bei einem Morgenkaffee auf der Terrasse eines Berliner Hotels klar. „WORLDS COLLIDEs Erfolg verdanken wir viele Möglichkeiten: Wir dürfen inzwischen in allen Bereichen mit den besten Leuten zusammenarbeiten. Als wir die Platte aber mit etwas Abstand betrachteten, fühlte es sich an, als mangele es einigen Songs hier und da an Identität. Manche Instrumentals unterschieden sich in ihren Arrangements zu wenig von den mit Gesang versehenen Liedern.“

Um sie deutlicher von den vokalgestützten Titeln abzuheben, legten Apocalyptica die 7TH SYMPHONY-Instrumentals komplexer an und befreiten sie von klassischen Strophe-Refrain-Strukturen: Der Stampfer ›At The Gates Of Manala‹ zeigt die Formation mit verqueren (Tool-)Rhythmen, dreht in Blastbeat-Geschwindigkeiten auf und mündet in epischer Schwere. In ›2010‹ wirbeln sich Mikko Sirén und Slayer-Legende Dave Lombardo krumme Takte und Breaks zu – und tönen dabei wie die verblichenen Wüstenrocker Kyuss auf Speed. Das progressive ›Rage Of Poseidon‹
überlässt Mikko viel Platz für rhythmische Spielereien, walzt in Metallica-Manier, endet in einem furiosen Finale aus perkussivem Chaos und den schrägsten Celli-Soli der Band-Geschichte. Als Kontrast hebt getragene Soundtrack-Melancholie in ›Sacra‹ und ›Beautiful‹ den sinfonischen Album-Titel als auch den erdigen Charakter der Celli hervor.

Die letztgenannte, kammermusikartige Komposition ist in vielerlei Hinsicht besonders: Zum einen wechselte Sirén für ›Beautiful‹ erstmals an den Bass, zum anderen nahm die Band den intensiven Gänsehauterzeuger in intimer Atmosphäre auf: live und nackt. Dies war allerdings nicht Apocalypticas er-stes Erlebnis dieser Art: Schon zuvor hat-ten die Sauna-Befürworter beispielsweise Soundchecks in Adamskostümen absolviert. Dass unter anderem Amerikaner recht skeptisch auf Freizügigkeit reagieren können, stellte das Quartett vor geraumer Zeit fest. „In L.A. mussten wir vor Hotel-Sicherheitsleuten flüchten. Wir wollten nackt schwimmen gehen und hatten uns nichts dabei gedacht. Die Wachmannschaft scheuchte uns durch das Hotel und drohte schreiend mit Ausweisung“, erinnert sich der Schlagzeuger lachend. „Meine Güte, es sind doch nur Penisse.“

Dafür, dass die global auf vier Millionen verkaufte Tonträger zusteuernden Nackedeis mit 7TH SYMPHONY weitere Popularitätsschübe erfahren werden, garantieren vor allem geradlinige, mit externen Komponisten und Gastsängern entstandene Songs: Bei der eingängigen, von Toppinen und Johnny Andrews komponierten Alternative-Rock-Auskopplung ›End Of Me‹ werden Apocalyptica von Gavin Rossdale (Bush) unterstützt, in dem getragenen, aus Diane Warrens Hitfeder stammenden ›Not Strong Enough‹ schmachtet Shinedown-Frontmann Brent Smith wie Nickelbacks Chad Kroeger, während das von Toppinen, Guy Sigsworth und Fiora Cutler geschriebene ›Broken Pieces‹ Flyleaf-Aushängeschild Lacey Sturm über einem Hauch Orient in den Vordergrund rückt. Das von Gojira-Chef Joseph Duplantier mitverfasste und vorgetragene ›Bring Them To Light‹ schlägt hingegen völlig aus dem Radio-Raster: eine gespenstische Nummer, die unter Schreien nach vorne knüppelt und fast schwarzmetallische Raserei erreicht. „Wir wollten unbedingt einen Song auf dem Album wissen, der sich trotz Gesangs keinesfalls als Single anbietet und eine völlig andere Herangehensweise zeigt“, erklärt Eicca. „›Bring Them To Light‹ verkörpert die ge-ballte Energie schnellen Thrash Metals alter Schule. Parallel strahlen die Harmonien und der Refrain Schönheit aus.“

Abgesehen von den in Los Angeles entstandenen Schlagzeugspuren und zwei von Howard Benson (Kelly Clarkson) produzierten Liedern, nahmen Apocalyptica 7TH SYMPHONY in ihrer frostigen Heimat auf: Sie flogen Star-Knöpfchendreher Joe Barresi (Tool) aus Kalifornien ein und ließen sich in Helsinki von ihm ein organisches, rhythmusbetontes Kleid schneidern. Im Vorfeld hatten die Skandinavier zwar Stücke und Strukturen vorbereitet, viele Übergänge und Arrangements aber offen gelassen. Der Verzicht auf allzu detaillierte Vorausplanungen und Demo-Aufnahmen erwies sich als Pluspunkt. „So waren wir gezwungen, die ganze Zeit kreativ und innovativ zu agieren“, blickt Toppinen zurück. „Die Studiotage waren lang und boten jedem Involvierten die Möglichkeit, eigene Vorstellungen zu erarbeiten und auszuleben. Joe legte großen Wert darauf, selbst kleinste Zitate mit spannenden Klängen zu umhüllen. Jede Aufnahme begann mit der Suche nach passenden Sounds. Wir wollten diese Entscheidungen nicht erst im Mix, sondern schon bei der Entstehung treffen. Deshalb verzichteten wir auf Verwendung eines Clear Channels – und somit auf die Möglichkeit, im Nachhinein Klangcharaktere verändern zu können. Das gibt dem Album Langzeitwirkung: Jedes Hören offenbart neue Details, Farben und Ebenen.“