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The Dead Daisies: „Sowas von bereit!“

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Als man John Corabi im Juli anzoomt, sitzt selbiger gerade in seinem Auto in Long Island, New York, wo er am selben Tag eine Solo-Akustik-Show im Vorprogramm von Tom Keifer und Winger spielt. Der mehr als rüstige 64-jährige Sänger ist gut drauf und erklärt frei heraus, wie es, pünktlich zum 10. Jubiläum der Dead Daisies, zu seiner von vielen Fans lang ersehnten Rückkehr zur Band kam, warum Glenn Hughes ausgestiegen ist und was das Publikum von den kommenden Jubiläumsshows des hochkarätigen Rock-Kollektivs (aktuell bestehend aus Corabi, Bandkopf David Lowy, Gitarrist Doug Aldrich, Drummer Brian Tichy und Bassist Michael Devin) erwarten darf.

Lass uns von vorne anfangen: Warum hast du die Dead Daisies 2019 verlassen und warum bist du jetzt zurück?

Eigentlich nur, weil ich etwas ausgebrannt war. Wenn man sich unseren damaligen Terminplan ansieht, war das schon krass. Ich möchte nicht narzisstisch klingen, aber als ich bei den Daisies einstieg, gingen wir nach REVOLUCION plötzlich voll durch die Decke, waren mit Kiss und Whitesnake auf Tour. Wir spielten auf der ganzen Welt, nahmen ein Album auf, und tourten sofort wieder. Der Terminplan war verrückt. Außerdem lag mir mein Sohn in den Ohren damit, dass wir mit meiner Solo-Band mehr machen wollten. Er spielt Schlagzeug für mich und meinte nur: „Toll, Dad, jetzt bist du bei den Daisies und hast keine Zeit mehr für unser Projekt.“ Also musste ich mal kurz aus diesem Karussell aussteigen, mich ausruhen und ein paar Shows mit meinem Jungen spielen. Dann kam Covid und ich war ja eh mit David und Doug in Kontakt geblieben – es gab kein böses Blut. Einmal ging es Glenn nicht sonderlich gut und ich sprang für ihn in den Proben ein. Dann stieg Glenn aus, weil er sich auf seine Deep-Purple-Show und eine neue Black-Country-Communion-Platte konzentrieren wollte. Also riefen die Daisies an und fragten, ob ich mich genug ausgeruht hätte. (lacht)

Euer kommender Tourplan sieht wieder straff aus. Stehst du das diesmal besser durch?

Ja klar. Weißt du, wir haben alle aus dieser Zeit gelernt. Unser Terminplan war absoluter Irrsinn, manchmal spielten wir zwei Festivals an einem Tag. Dann gab es „Daisyland“: morgens standen Fernseh- oder Radiotermine an, dann eine Akustik-Show in einem Plattenladen oder so mit Signierstunde, danach Soundcheck, ein schnelles Abendessen und ab auf die Bühne. Oder wir spielten zehn Tage am Stück ohne Pausen. Das war einfach viel, zu viel. Schon während seiner Zeit mit der Band hat Glenn die Zügel angezogen, er bestand auf einen Off-Day nach zwei oder drei Shows. Ich habe die Daisies während meiner Auszeit noch mehr schätzen gelernt und die Band hat eingesehen, dass es vielleicht ein bisschen viel war. David Lowy selbst meinte zu mir, dass er das Touren in einem Tempo halten möchte, das uns nicht umbringt. (lacht) Weißt du, Dude, mir geht’s gut, allen geht es gut… Oh sorry, jetzt hab ich Dude zu dir gesagt!

Als Sänger ist der ganze Zirkus ja doppelt anstrengend…

Absolut, wenn du ein Schlagzeugfell durchhaust, ziehst du ein neues auf. Wenn mir die Stimme wegen Überbelastung wegbricht, habe ich Pech gehabt. Aber das sollte alles glatt laufen.

Achtest du besonders auf deine Stimme?

Ach weißt du, ich habe noch nie irgendwas in meinem Leben exzessiv betrieben, das hilft. Außerdem hat mich Deen Castronovo auf Ken Tamplin gebracht, einen Gesangscoach. Der gab mir einige Übungen mit auf den Weg und so lerne ich gerade, ein bisschen auf meine Stimme zu achten. Früher war mir das egal, aber jetzt bin 107 Jahre alt, da wird so etwas relevant. (lacht)

Hast du dir die Daisies-Platten mit Glenn damals angehört?

Ja klar. Unsere aktuelle Tour fällt ja mit der neuen BEST-OF zusammen, auf der alle Sänger der Daisies vorkommen. Da wäre einmal John Stevens, der erste Sänger, dann ein gutes Stück Musik aus meiner Zeit und nochmal ein Brocken aus Glenns Zeit. Ich mag jede Phase der Daisies! Als wir mit den Proben begannen, entschieden wir, dem Publikum etwas aus jeder Ära zu liefern. Ich hatte die Platten schon gehört und sie wirklich toll gefunden, jetzt muss ich mir überlegen, wie ich die Parts der anderen Sänger am besten umsetze.

Welche Songs performst du live am liebsten?

Wir haben so viele tolle Lieder, doch live mag ich besonders jene, die das Publikum zum Mitmachen anregen. So etwas wie ›Make Some Noise‹ oder ›Long Way To Go‹. Wir sind sowas von bereit, da rauszugehen, Spaß zu haben und eine Kickass-Show auf die Beine zu stellen

Wieso funktioniert das Konzept der Dead Daisies so gut, wo Fans sich doch immer wünschen, dass ihre Bands im selben Line-Up zusammenbleiben?

David wollte immer tolle Musiker in der Band. Und tolle Musiker wie Marco Mendoza oder Glenn Hughes oder Dizzy Reed haben viel zu tun. Also ließ er es immer für alle offen, wie lange sie bleiben. Auch wenn es einen festen Kern gibt, ist der Name Dead Daisies ein Markenname. Wie Coca Cola – wenn jemand den Job wechselt, ändert sich der Geschmack von Coca Cola nicht. Das ist ein super Konzept und es macht die Arbeit für alle Beteiligten sehr angenehm.

Ihr habt euer Ego scheinbar gut im Griff, sonst würde das nicht funktionieren, oder?

Ungezügelte Egos ruinieren Bands. Ich hab das schon einmal erlebt, bei der einen Band, auf die du mit deinem Grinsen gerade anspielst [er meint Mötley Crüe. Anm. d. Red.] und die hauen sich bis heute die Köpfe ein. Bei den Daisies darf jeder mitreden, es gibt keine Egos. Das hat David von vorneherein klar gemacht. Es geht um die Musik, um Freundschaft und um verdammt viel Spaß!

Video der Woche: Bruce Springsteen ›Jungleland‹ (Live 1980)

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Heute erheben wir unser Glas auf Bruce Springsteen. Der Boss feiert heute seinen 74. Geburtstag.

Um Bruce Springsteens 74. Geburtstag zu feiern, möchten wir heute einen seiner epischsten Songs ehren: ›Jungleland‹. Der letzte Song seines Erfolgsalbums BORN TO RUN (1975) ist bis heute ein fester Bestandteil vieler seiner Konzerte.

Springsteen selbst beschreibt den Song in seiner Autobiograhie als eine Aneinanderreihung wunderbarer musikalischer Momente mit großartigen Leistungen der beteiligten Musiker. Melissa Etheridge – bekennender Springsteen-Fans – sagte einmal: „Wenn Springsteen anfängt wortlos zu schreien, wie er es etwa am Ende von ›Jungleland‹ tut – das ist für mich DIE Definition von Rock’n’Roll. Er singt mit seinem ganzen Körper und erzeugt dadurch diese enorme Kraft, Emotion und Leidenschaft.“

She Rocks : Joan Jett

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Joan Jett: Denn sie weiß, was sie tut! Wie ein Teenager von den Runaways zu einer erwachsenen Visionärin für Musik mit Attitüde, humanistische Politik und Gleichberechtigung reifte.

„Nichts ist bedrohlicher als ein Mädchen mit einer Gi­­tarre“, sagte Joan Jett bekanntlich 1999. Über 20 Jahre später hat sich ihre Haltung nicht geändert. Sie hat sich noch nie davor gefürchtet, ihre Meinung zu sagen oder der Welt ganz genau zu zeigen, wie sie sich diesen schlimmen Ruf verdient hat, über den sie singt. „Der einzige Grund da­­für, dass ich diesen Ruf überhaupt habe, ist dass ich ein Mädchen bin und es wage, die Dinge zu tun, die sonst nur die Jungs dürfen“, echauffiert sie sich.

Wenn sie ein Motto hätte, wäre es wohl tatsächlich etwas wie „Na los, bring mich doch dazu“. Schon von Anfang an war sie mutig, frech und von der Kraft des Rock beseelt. Sie liebte es, ihre Gitarre provokativ zwischen die Beine zu nehmen und ihren großen Helden Marc Bolan oder Keith Richards nachzueifern. Und über die vergangenen vier Jahrzehnte hat sie der Welt immer wieder bewiesen, dass sie genauso hart rocken kann wie die Jungs, vielleicht sogar noch härter. Doch es war nie Jetts Absicht, im Ge­­schlechterkampf für Gleichstand zu sorgen. Sie hatte höhere Ziele. „Oh ja, absolut“, betont sie, „aber wann immer jemand etwas dagegen hatte, dass Mädchen Rock’n’Roll spielen, war ich bereit, in den Krieg zu ziehen.“ Und das tat sie auch. „The Runaways eröffneten mal für Rush, ich glaube, es war in Detroit. Ich weiß noch, wie diese Typen am Bühnenrand standen und uns auslachten. Und ich dachte nur, wenn ich Rush wäre, würde ich uns nicht auslachen. Dann waren da Molly Hatchet. Sie sagten: ‚Ich kann es nicht fassen, dass wir für eine Bitch Vorgruppe sind.‘ Und die Scorpions waren sauer, weil sie eine deutsche Band waren und wir in Deutschland mehr Erfolg hatten als sie. Manche Leute wollen einfach nicht sehen, wie Mädchen Dinge tun, die sie ihrer Meinung nicht tun sollten.“

Doch das hat Joan nie davon abgehalten. Über die Jahre hat sie Songs voller Galle und Draufgängertum geschrieben, ob ›Bad Reputation‹ oder das ironische ›Black Leather‹, das nicht die Vorzüge ihrer bevorzugten Bühnenklamotten preist, sondern unterstreicht, dass sie genau das tun wird, was sie tun will: „Black leather, I wear it on stage/Black leather, I’m gonna wear it to my grave/Black leather, I will wear it anywhere/Because my name is Joan Jett and I don’t care.“ Dabei ist es ihr tatsächlich alles andere als egal. „Ich denke, das, was mich immer am Leben gehalten hat, ist der Glaube, dass Rock’n’Roll dein Leben verändern kann. Womit ich ihn nicht wichtiger machen will, als er ist, aber manchmal kann dich ein Song in einem bestimmten Moment richtig berühren. Er kann dir den Mut und die Kraft geben, um weiter deinen Traum zu verfolgen.“ So wie das David Bowies ZIGGY STARDUST-Album für sie tat: „Die ganze Platte drehte sich darum, dass jemand ein Star sein will, und ich konnte mich mit den meisten Texten sehr identifizieren.“

Heute hat Jett einen fast schon messianischen Status erreicht. Der einstige US-Präsident Bill Clinton schrieb ihr einen Fanbrief, in dem er schwärmte, dass er all ihre Alben besitze und sie seit ›Fake Friends‹ von ihrem 1983er-ALBUM zu seinen absoluten Lieblingskünstlerinnen zähle. Der frühere Schwergewichts-Boxweltmeister Mike Tyson sah sie als seine Glücksbringerin und rief sie als Ritual vor jedem seiner Kämpfe an. Billie Joe Armstrong von Green Day bezeichnet sie als Vorbild und hat ihren Song ›Don’t Abuse Me‹ gecovert. Der gefeierte Punk-Künstler Shepard Fairey veröffentlichte einen limitierten Kunstdruck von Jett, der an Andy Warhols Ar­­beiten erinnert. Jett wird außerdem ge­­meinsam mit Todd Oldham eine Kleidungslinie präsentieren und produziert ein Album für die Rockabilly-Legende Wanda Jackson. Zudem steht eine Dokumenation über Joan an, bei der Kevin Kerslake Regie führte, gefeiert für den tragischen „As I AM: The Life And Times Of DJ AM“. Der Mythos Joan Jett wächst immer weiter.

In jüngerer Vergangenheit hat sie Songs mit Dave Grohl und Laura Jane Grace von Against Me! geschrieben. Pearl-Jam-Gitarrist Mike McCready postete unterdessen ein Bild von sich mit Jett, wie sie backstage in Seattle breit in die Kamera grinsen. Billy Corgan von Smashing Pumpkins vergöttert sie fast unterwürfig. Doch Jett ist nicht nur ein weibliches Vorbild und eine Stilikone (auch wenn definitiv beides zutrifft, inklusive ihrer eigenen Barbie-Puppe und Pinterest-Seiten, die ihren Kajal, ihre Schuhe und ihre humanistische Politik thematisieren), sie ist eine Referenz. Sie verkörpert, was es bedeutet, ihre Mission auf dieser Erde mit maximalem Fokus zu verfolgen, ohne Kompromisse, aber mit Anstand und Würde.

2008 veröffentlichte die norwegische Girlpop-Band The Launderettes einen Song namens ›What Would Joan Jett Do?‹. Der Slogan erschien auf T-Shirts, bezeichnenderweise getragen von u.a. Kathleen Hanna von Bikini Kill, sowie auf Autoaufklebern mit der Abkürzung WWJJD unter Jetts Gesicht – ein Zeichen dafür, dass sie zum Symbol einer Art von Integrität ge­­worden war, mit der sich eine neue Generation identifizierte.

Über die Jahre hat sie als spirituelle Ratgeberin für Ian MacKaye, Paul Westerberg oder Peaches fungiert. Man hat sie die „Godmother Of Punk“ genannt, das Original-Riot-Grrrrl und die „Queen Of Noise“ (nach dem Titel des zweiten Runaways-Albums). „Es ist schön, dass die Leute diesen Eindruck von mir haben. Aber ich vereinfache das viel mehr: Ich sage immer, ich bin einfach Rock’n’Roller. Ich kann nicht be­­haupten, dass ich das als erste Frau ge­­macht hätte. Aber es wäre schön, wenn man sich an mich als eine der ersten Frauen erinnert, die wirklich Hardrock gespielt und es ernst gemeint haben.“

In ihrer Dankesrede für die Rock And Rock Hall Of Fame sagte sie 2015, Rock’n’Roll sei „eine Idee und ein Ideal. Rock’n’Roll bedeutet mehr als Musik, mehr als Mode, mehr als eine gute Pose. Er ist die Sprache einer Subkultur, die alle, die ihr folgen, zu ewigen Teenagern gemacht hat. Das ist eine Subkultur der Integrität, Rebellion, des Frusts, der Entfremdung – und der Klebstoff, der Generationen aus unnatürlicher Unterdrückung befreit hat. Rock’n’Roll ist politisch. Er ist ein bedeutsamer Weg, Widerstand auszudrücken, eine Revolution in Gang zu bringen und für Menschenrechte zu kämpfen.“
Die Politik sollte erst später kommen. Zunächst war sie nur ein Teenager mit einem Traum.

Es wäre leicht zu sagen, dass wenn Joan Jett nicht existierte, wir sie erfinden müssten. Zum Glück war das nicht nötig. Sie erfand sich selbst. Mit 13 hatte sie schon Black Sabbath live gesehen. Doch wenn man nach einem Zündfunken sucht, könnte man den New York Dolls die Schuld für Jetts Karriere in die Schuhe schieben. Sie war kaum ein Teenager, als sie die trashigen Auf-die-Fresse-Kunstprovokateure in einem Club nahe ihres Zuhauses in der Vorstadt von Maryland sah. Dass sie minderjährig war, spielte dabei keine Rolle. Die Geschichte sollte zeigen, dass ein unbedeutendes Detail wie ihr Alter sie nicht aufhalten kann – damals wie heute. „Ich war in der ersten Reihe und ließ nach der Show David Johansens leere Bierflasche mitgehen“, erinnert sie sich. „Das war mein erstes Rock’n’Roll-Souvenir.“ Diese Bierflasche war sicher nicht das einzige, was sie von den Dolls mitnahm. Ihr roher, ungelernter Ansatz in ihrer Musik zeigte ihr, dass alles möglich war, wenn man nur die richtige (schlechte) Einstellung hatte.

Nicht mal ein Jahr nach dem Dolls-Konzert wurde dieses ernste, intensive Mädchen ohne Aufhebens kurz vor seinem 14. Geburtstag in die Vorstadt von Südkalifornien verfrachtet. Andere, weniger reife Teenager hätten sich von so einem Umzug nach Westen vielleicht entfremden lassen, doch nicht Jett. Sie war nur 40 Kilometer und ein paar Busfahrten von Rodney Bingenheimers English Disco entfernt, einem Club am Sunset Boulevard. Das war die Keimzelle für die Glam-Bewegung in den USA und Jett wusste, dass dort ein magischer Schlüssel auf sie wartete. „Als ich nach L.A. kam, merkte ich, dass ich in einer Rock’n’Roll-Band sein wollte“, erklärt sie. „Und zwar einer nur aus Mädchen, die aber ernsthaft spielen wollen. Ich las von diesem Ort in Hollywood, der auf Teenager zielte und britische Musik spielte, die es nie zu uns rüber schaffte.“

Es stellte sich heraus, dass Rodneys Club zum perfekten Labor für Jett werden sollte. Dort gab es Gefahr, einen Hauch von Rockstar-Dekadenz, doch vor allem eine Gruppe von Menschen, die durch die Musik zueinander fanden, in diesem winzig kleinen Abgrund zwischen Glam und Punk. „Ein prägender Moment im Leben jedes jungen Außenseiters ist es, auf Gleichgesinnte zu treffen, selbst wenn man nichts gemeinsam hat außer dem Ge­­fühl, nirgends sonst dazuzugehören.“

Sie entwickelte ihren ganz eigenen Glam-Klamottenstil, stellte sich an, um Keith Moons Autogramm zu bekommen (mit Erfolg), und sah einmal auf ihrem Weg in den Club eine Leiche. Sie wusste, dass sie exakt da war, wo sie sein musste – Leiche hin oder her. „Alle trugen diese riesigen Plateausohlen und Glitter. Die Jungs waren geschminkt. Alle waren auffällig und alles war androgyn. Dort entdeckte ich dann Bowie, T. Rex, Sweet, Slade und Gary Glitter.“ Es war auch der erste Ort, an dem ihr Suzi Quatro zu Ohren kam. „Als ich ›48 Crash‹ hörte, dachte ich: Da ist doch ein Mädchen, das Rock’n’Roll spielt! Wenn Suzi Quatro es konnte, konnte ich das auch, und es musste noch andere geben.“

Und so kam es, dass Jett sich im März 1975 in der Lobby des Continental Hyatt House in West Hollywood niederließ, um einen Blick auf Quatro zu erhaschen. Sie saß dort den ganzen Tag mit einer Freundin und sprach Quatro nicht an, sondern starrte sie nur an, wenn sie vorbeiging. „Was ist los mit dem Mädel da, das mich die ganze Zeit anschaut und genauso wie ich aussieht?“, fragte die Sängerin ihren damaligen Pressesprecher und Tourmanager Toby Mamis. Um 23:00 Uhr trat Mamis schließlich an Jett heran und sagte ihr, Suzi sei ins Bett gegangen. „Ich kann jetzt nicht nach Hause fahren“, erwiderte sie. „Der letzte Bus ist schon weg und ich habe meiner Mutter erzählt, dass ich bei einer Freundin übernachten werde. Ich komme hier schon klar.“ Mamis war gerührt und er­­laubte der jungen Joan und ihrer Freundin, in seinem Hotelzimmer auf dem Boden zu schlafen.

Ihrem Idol sollte sie dann erst Jahre später begegnen, doch Mamis würde noch eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielen. Nach dieser mutigen Nachtwache schienen sich die Dinge für Jett zu beschleunigen. Im folgenden Monat hatte sie durch Kari Krome, eine etwa gleichaltrige Freundin aus dem Rodney’s, den Hollywood-Impresario Kim Fowley kennengelernt. Krome schrieb Songs, die Fowley veröffentlichte. „Ich erzählte Kari, dass wir eine Band nur aus Mädchen gründen sollten“, erinnert sich Joan. „Sie sagte, sie spiele kein Instrument, sie schreibe nur, und vielleicht sollte ich mich darüber mit Kim unterhalten.“

Sie kontaktierte Fowley, sagte ihm, sie spiele Rhythmusgitarre und dass sie eine Mädchenband gründen wolle – und zwar keinen Scherz-Act, sondern mit richtigen Musikerinnen. Wenig später stand Fowley auf dem Parkplatz des Rainbow Club. Eine gewisse Sandy West erkannte den et­­was unheimlichen, zwei Meter großen Songwriter und erzählte ihm ihrerseits, dass sie Schlagzeugerin sei, in Bands in Huntington Beach spiele und auch eine Mädchenband gründen wolle. Er gab ihr Jetts Telefonnummer und sie rief sie an. Jett nahm vier verschiedene Busse nach Huntington Beach und die beiden jammten.

Fast umgehend fingen die neuen Kolleginnen (plus Kro­me) an, andere zum Vorspielen einzuladen. Sie stellten schließlich Bassistin Micki Steele (später ersetzt durch Jackie Fox), Gitarristin Lita Ford und Sängerin Cherie Currie ein – das erste Line-up der Runaways war ge­­boren. Fowley führte dann sogenannte „Zwischenrufer-Drills“ durch, bei denen er und andere brüllten und Sachen warfen, um die Mädels für die Bühne „abzuhärten“.


„Es wäre mir nie eingefallen, dass ich die Bastion des Rock’n’Roll nicht stürmen könnte. Aber ich dachte schon, dass die Leute von einer nur aus Frauen bestehenden Rock’n’Roll-Band in Aufruhr versetzt werden würden“, sagte sie 2000. „Und so war es dann auch.“

Neuheiten: Ab heute im Plattenladen

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Es ist wieder Freitag, das heißt, dass die Regale der Plattenläden wieder prall gefüllt werden mit Neuerscheinungen. Heute u.a. von Teenage Fanclub, Staind, Bruce Soord und Rising Wings.

Teenage Fanclub: NOTHING LASTS FOREVER

„Ab ihrem fünften Album SONGS FROM NORTHERN BRITAIN (1997) hatten sie sich eingependelt. Seitdem liefern sie mit jeder Platte konstant feine Ohrwürmer, geprägt von lebensweiser, ausgeglichener Melancholie.“

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Staind: CONFESSIONS OF THE FALLEN

„Der vertraute Sound des Quartetts aus Springfield, Massachusetts wird so in das dritte Jahrzehnt des neuen Jahrtausends katapultiert, ohne aufgesetzt zu wirken. Ein paar Samples hier, ein Growl-Part da, gepaart mit einer auf den Punkt eingespielten, zeitlosen Instrumentierung, die eine perfekte Basis für die enorm ausgefuchsten Lyrics und packend eingesungenen Vocals von Lewis bildet.“

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Bruce Soord: LUMINESCENCE

„Auch wenn Experimentierfreude in Form von elektronischen Instrumenten, Loops und durchaus komplexen Arrangements gegeben ist, fehlt am Ende doch der letzte Kick, um die Stücke frontal in die Aufmerksamkeit des Hörers zu treiben.“

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Rising Wings: REACH

„REACH hätte ein bisschen mehr Zeit für Abwechslung und Feinschliff gebrauchen können. Dennoch lässt sich die Platte gut als stimmige AOR-Hintergrundbeschallung hören. Und dass Florian Bauer über all die Jahre an sein Herzensprojekt geglaubt hat, ist wirklich aller Ehren wert.“

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Teenage Fanclub: NOTHING LASTS FOREVER

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Wenn die Perfektion erreicht ist, muss man nichts mehr verändern

Klar, wir alle bewundern David Bowie dafür, dass er ein ewiges Chamäleon war und sich immer wieder neu erfand. Aber es gibt auch ein Argument dafür, alles genauso wie immer zu machen – und das heißt Teenage Fanclub. In den frühen 90s tauchten die Schotten als melodiöse Schrummel-Band zwischen Big Star und Dinosaur Jr auf, etwa ab ihrem fünften Album SONGS FROM NORTHERN BRITAIN (1997) hatten sie sich eingependelt. Seitdem liefern sie mit jeder Platte konstant feine Ohrwürmer, geprägt von lebensweiser, ausgeglichener Melancholie. Der Ausstieg/Rauswurf von Gerard Love, einem der drei Songwriter in der Gruppe, nach HERE (2016) hätte ein Problem sein können – die anderen fühlten sich durch seine Unlust zu touren gebremst. Aber mit Neumitglied Euros Childs (früher Gorky’s Zygotic Mynci) wurde sein Abgang ideal kompensiert. Auf ENDLESS ARCADE (2021) hielt sich Euros noch höflich zurück, auf NOTHING LASTS FOREVER kann man seinen Stempelabdruck im Harmoniegesang und der Melodieführung schon klarer erkennen. Eine willkommene Nuance an Veränderung auf Teenage Fanclubs sanfter Reise durch die Beständigkeit auf höchstem Niveau.

8 von 10 Punkten

Teenage Fanclub
NOTHING LASTS FOREVER
PEMA/ROUGH TRADE

Staind: CONFESSIONS OF THE FALLEN

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Perfektes Comeback-(Studio)Album der US-Band

Mit CONFESSIONS OF THE FALLEN sind Staind nach der famosen Konzertscheibe LIVE: IT’S BEEN AWHILE (2021) endgültig und eindrucksvoll zurück. Gleich mit der eröffnenden Single ›Lowest In Me‹ kredenzen uns Aaron Lewis (Gesang), Mike Mushok (Gitarre) und Kollegen eines der besten Alternative/Nu-Metal-Stücke der letzten zwei Dekaden. Ohne Verschnaufpause folgen neun weitere potenzielle beziehungsweise schon veröffentlichte Auskopplungen – wie ›In This Condition‹ und ›Cycle Of Hurting‹. Dabei gelingt Staind eine enorm geschmackvolle Gratwanderung zwischen Trademarks und frischen Versatzstücken. Der vertraute Sound des Quartetts aus Springfield, Massachusetts wird so in das dritte Jahrzehnt des neuen Jahrtausends katapultiert, ohne aufgesetzt zu wirken. Ein paar Samples hier, ein Growl-Part da, gepaart mit einer auf den Punkt eingespielten, zeitlosen Instrumentierung, die eine perfekte Basis für die enorm ausgefuchsten Lyrics und packend eingesungenen Vocals von Lewis bildet. Die Platte ist ohne Umschweife ein Kandidat für die Top-5-Veröffentlichungen in diesem Jahr.

9 von 10 Punkten

Staind
CONFESSIONS OF THE FALLEN
BMG/WARNER

Bruce Soord: LUMINESCENCE

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Der Prog-Frontmann klingt solo tiefenentspannt

Wenn die Sänger/Masterminds großer Prog-Bands mit einem Soloalbum um die Ecke kommen, bedeutet das häufig eines von zwei Dingen: Entweder möchte man etwas komplett anderes machen als die Hauptformation, oder man führt die Stoßrichtung der Stammkapelle mit kleinen Anpassungen weiter, um eine mögliche Krise der Gruppe in Form einer Solokarriere auffangen zu können. The-Pineapple-Thief-Kopf Bruce Soord nimmt uns auf seinem ersten Solowerk bereits in den ersten Takten die Angst vor einer Auflösung der Hauptband: Ein beschaulicher Akustikgitarren Einstieg ohne großartig überbordende Arrangements drumherum setzt das Tempo und die allgemeine Stimmung, tranquil und tiefenentspannt mäandert und wabert Mr. Soord sich seinen Weg durch die allesamt in radiotauglichem Drei-Minuten-Format gehaltenen zwölf Stücke. Auch wenn Experimentierfreude in Form von elektronischen Instrumenten, Loops und durchaus komplexen Arrangements gegeben ist, fehlt am Ende doch der letzte Kick, um die Stücke frontal in die Aufmerksamkeit des Hörers zu treiben. So bleibt ein gutklassiges Album mit einigen netten Ideen, das leider nicht vollends in seinen Bann ziehen kann. (Text: Robert Helle)

6 von 10 Punkten

Bruce Soord
LUMINESCENCE
KSCOPE

Rising Wings: REACH

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Stimmiger AOR, allerdings ohne große Highlights

Nachdem Bandchef Florian Bauer 2006 die ersten Tracks seines Soloprojekts Rising Wings veröffentlichte und diese größtenteils positives Feedback bekamen, machte er sich daran, ein Album daraus zu machen. Dieses Unterfangen nahm fast 17 Jahre in Anspruch. Aufgenommen und produziert auf hohem Niveau, dürfte Bauers Songwriting AOR-Fans erfreuen, wobei man anmerken kann, dass seine Instrumental-Skills ausgeprägter sind als sein Gesangstalent. Ein richtiges Highlight lässt sich allerdings nicht so wirklich aus der Scheibe raushören. Der Opener ›Ride On‹ legt zwar zackig los, doch bis zu den finalen Tracks ›Crying Time‹ und ›Times Of Rain‹ ist vor allem im Mittelteil der Platte Luft nach oben und die Songs plätschern gefühlt vor sich hin. REACH hätte ein bisschen mehr Zeit für Abwechslung und Feinschliff gebrauchen können, was zugegeben unter den genannten Umständen unverhältnismäßig klingt. Dennoch lässt sich die Platte gut als stimmige AOR-Hintergrundbeschallung hören. Und dass Florian Bauer über all die Jahre an sein Herzensprojekt geglaubt hat, ist wirklich aller Ehren wert.

6 von 10 Punkten

Rising Wings
REACH
PRIDE & JOY MUSIC/SOULFOOD