Titelstory: Peter Gabriel – Erzengels Meisterwerk

Es ist das Jahr, in dem MARQUE MOON von Television erscheint und die Ramones die ROCKET TO RUSSIA zünden. In der alten Welt stellen die Sex Pistols England auf den Kopf, während Ultravox erste Gehversuche in Richtung dessen unternehmen, was kurz darauf als New Wave Furore machen wird. Ein weiterer wichtiger Impuls kommt von den deutschen Elektronik-Pionieren Kraftwerk, deren LP TRANS-EUROPA EXPRESS ebenfalls 1977 erscheint. Kurzum, es ist nicht der schlechteste Zeitpunkt für einen entwicklungshungrigen Künstler wie Gabriel, Vergangenes hinter sich zu lassen und solo durchzustarten. Binnen weniger Jahre entstehen seine ersten drei, jeweils lediglich PETER GABRIEL betitelten Alben, zur besseren Unterscheidbarkeit sehr bald als CAR, SCRATCH und MELT bezeichnet – Namen, die sich auf die vom Designbüro Hipgnosis entworfenen Covermotive beziehen.

Die Arbeit an CAR hat bereits im Sommer 1976 in Toronto begonnen. Das von Bob Ezrin produzierte Debüt enthält u.a. das Stück ›Solsbury Hill‹, das Gabriels Trennung von Genesis thematisiert und ein Single-Hit wird. Etwas sperriger gerät schließlich SCRATCH, für das der King-Crimson-Gitarrist Robert Fripp an Bord gehievt wird. Düster und experimentell, enthält es ausgefeilte Kompositionen, wirft jedoch keinen Hit ab, wovon Gabriel sich allerdings nicht abschrecken lässt. Er geht erneut auf Tour, ist persönlich aber schon weiter: Der Künstler hat die Exotik fremder Kulturen und ihr musikalisches, von westlichen Strömungen noch unbeflecktes Potenzial entdeckt. Und nicht nur das. Gabriel bezieht nun auch politisch Stellung.

Spiel ohne Grenzen

Als 1980 MELT veröffentlicht wird, fällt vor allem der neuartige, ungewöhnliche Klang der Produktion auf. Gabriels drittes Solowerk ist das weltweit erste Album, auf dem mit dem Fairlight CMI ein Sampler eingesetzt wird. Wegweisend für die Zukunft ist auch der Schlagzeugsound. Gabriel weist die Drummer an, keinerlei Becken zu benutzen, während Toningenieur Hugh Padgham die einzelnen Schläge mit einem mächtigen Hall und abrupt abbrechender Hallfahne versieht.

Der dadurch entstehende Effekt, Gated Reverb genannt, wird später durch Phil Collins‘ ›In The Air Tonight‹ schlagartig berühmt und den Drumsound der 80er prägen. MELT, das auch komplett in deutscher Sprache veröffentlicht wird (Gabriel stellte die Omnipräsenz der englischen Sprache in der Musik in Frage und bot diversen Ländern an, seine Alben in deren Sprache zu veröffentlichen. Nur Deutschland zeigte Interesse), wirft mit ›Games Without Frontiers‹ und ›Biko‹ zwei Hitsingles ab, sehr persönliche Statements, die gegen Krieg und Apartheid Position beziehen. Denn im Zuge seines erwachten Interesses für Weltmusik engagiert sich der Brite inzwischen auch für Menschenrechte. ›Biko‹ handelt von der gewaltsamen Tötung des südafrikanischen Freiheitskämpfers und Bürgerrechtlers Steve Biko, dem bei Folterverhören Kopfverletzungen zugefügt werden. Sein Tod sorgt 1977 für einen internationalen Eklat.

Noch aber ist Gabriel nicht am Ziel, seine Suche geht weiter. Nach erneuter Tour begibt sich der rastlose Musiker unverzüglich wieder ins Studio. Doch die Aufnahmen geraten zunächst zäh und unbefriedigend. Gabriel verwendet eine Vielzahl gesampelter Percussion-Klänge aus fremden Kulturkreisen, mixt die neuen Sounds mit unkonventionellen Instrumenten, ist einer Erweiterung seines bisherigen Konzeptes auf der Spur. Doch noch fehlt ihm der passende Schlüssel.

Das Endergebnis, das in den USA unter dem Titel SECURITY veröffentlicht und ansonsten schlicht FOUR genannt wird, gerät düster und experimentell, erschließt dem Musiker mit dem darauf enthaltenen ›Shock The Monkey‹ jedoch eine neue Klientel – wozu nicht zuletzt das für die damalige Zeit bahnbrechende Video beiträgt, das beim noch jungen Sender MTV läuft. Darüber hinaus gilt SECURITY als eines der ersten kommerziellen Alben, das vollständig digital aufgenommen wurde. Wieder erscheint die komplette Platte zudem auch auf Deutsch.

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