Titelstory: Peter Gabriel – Erzengels Meisterwerk

Von Lämmern und Lichtern

Die meiste Kritik, mit der die Band in den frühen 70er Jahren bedacht wird, richtet sich gegen Prog Rock allgemein. Die Musik wird von vielen als zu verkopft angesehen. Es ist die Ära von Led Zeppelin, David Bowie und Deep Purple. NURSERY CRYME kommt im United Kingdom nicht über Platz 39 der Albumcharts hinaus, und auch der Nachfolger FOXTROTT schafft es ge-rade mal bis auf Rang 12. Einen Namen aber machen sich Genesis ab 1972 mit ihrer konkurrenzlosen Liveshow. Gabriel experimentiert mit extravaganten Kostümen, um die oft surrealistischen Texte, die er vorträgt, visuell zu unterstreichen. Wichtiger für den zukünftigen Erfolg der Band ist jedoch ein Managerwechsel.

Wurden die Geschäfte bis dahin mehr schlecht als recht von Tony Stratton-Smith von Charisma Records und der Gruppe selbst geführt, nimmt ab 1973 Tony Smith die Sache professionell in die Hand. Genesis erhalten so den nötigen Freiraum, sich ganz auf ihre Musik zu konzentrieren. SELLING ENGLAND BY THE POUND, mit weniger versponnenen Texten ausgestattet und im Klang noch weitaus filigraner, wirft 1974 den ersten kleineren Single-Hit für die ambitionierten Musiker ab: ›I Know What I Like‹. Und was die Band will, scheint sie nun wirklich zu wissen. Auch das Album selbst verkauft sich gut: Es erreicht Platz 3 der britischen Charts. Genesis rüsten sich, ihr Opus Magnum aufzunehmen – ohne zu ahnen, dass es das letzte Werk mit ihrem Frontmann Peter Gabriel sein wird.

THE LAMB LIES DOWN ON BROADWAY wird im November 1974 veröffentlicht und berichtet von der surrealistischen Reise des jungen Puertoricaners Rael in New York, der in einem Paralleluniversum seinen Bruder John retten muss. Story und Lyrics stammen – bis auf den Text zum Titelstück, bei dem Banks und Rutherford ihren Sänger unterstützten – von Gabriel selbst, die Musik von seinen Bandkollegen (mit Ausnahme von ›Counting Out Time‹ und ›Carpet Crawlers‹, an denen auch Gabriel beteiligt ist).

Noch im Erscheinungsmonat begibt sich die Band auf Welttournee. Wie The Who es mit TOMMY vorgemacht haben, führen auch Genesis das über zweistündige Konzeptwerk komplett in voller Länge auf. Die optisch fulminante Show, die Gabriel den Konzertbesuchen bietet, hat dabei zum Teil Spinal-Tap-artige Züge. Nicht nur, dass der exzentrische Brite das Publikum mit einem speziellen Handlaser irritiert – insbesondere sein so genanntes Slipperman-Kostüm sorgt für Probleme der eher kuriosen Art. Phil Collins etwa erinnert sich so: „Er steckte in diesem Kostüm und versuchte, irgendwie das Mikrofon in die Nähe seines Mundes zu bekommen, verwickelte sich und geriet völlig außer Atem.“

Nichtsdestotrotz hinterlässt die Show einen großen Eindruck bei den Besuchern. Man befindet sich immerhin mitten in den 70ern – alles ist erlaubt, Gigantomanien haben Hochkonjunktur, leichte Verirrungen hin und wieder inklusive. Peter Gabriel besitzt ein großes Gespür und Talent, auch visuell Alleinstellungsmerkmale zu schaffen, die Genesis von anderen Gruppen deutlich unterscheiden. Immer wieder wird er im Laufe seiner Karriere Musik und Bild zu einem künstlerischen Gesamtkonzept vereinen und dabei völlig neue Standards setzen. 1975 aber scheint ein erster Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen überschritten. Gabriel trifft eine harte Entscheidung: Bereits vor dem Tourneestart teilt er den Bandkollegen mit, dass er Genesis nach der Konzertreise verlassen wird.

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