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Jimmy Page: Der Gitarrenhexer im Interview

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Von seinem „Excalibur-Moment“ mit der Gitarre über die Yardbirds bis zur (Neu-)Erfindung des Hardrock mit Led Zeppelin und darüber hinaus gab es im Leben von Jimmy Page gute Zeiten, schlechte Zeiten und alles dazwischen. Wir führten ein sehr persönliches Gespräch mit dem Mann, der die Musik, wie wir sie heute kennen, entscheidend mitgeformt hat.

Dank der unerwarteten Intervention durch eine ausgemusterte Akustikgitarre fand sich James Patrick Page perfekt vorbereitet, als die „Jugendexplosion“ des Rock’n’Roll in den 50ern seine prägenden Jahre so unwiderstehlich infizierte. Indem er die Riffs von Platten nachspielte, entwickelte er sich vom Skiffle über Rockabilly zum Blues, brachte sich das Improvisieren bei und verpasste seinem Handwerk bei The Paramounts und Red E. Lewis And The Redcaps einigen Feinschliff, bevor er in der florierenden Session-Szene der 60er zum heißesten jungen Gitarrenhelden avancierte. Als er dann 1966 bei The Yardbirds einstieg, verließ Jimmy Page die Anonymität des Studios in Richtung Popstar-Ruhm. Zwei Jahre später, nach der endgültigen Auflösung dieser Band, gründete er dann Led Zeppelin, mit denen er im Eiltempo die Welt eroberte. Seit einem halben Jahr befindet sich Jimmy Page, der wohl großartigste und verehrteste Rockgitarrist aller Zeiten, in Isolation. Genau wie wir alle. Doch er war beschäftigt: Er schloss die Arbeit an seiner zweiten Autobiografie „Jimmy Page: The Anthology“ ab, einem wuchtigen Werk von Genesis Publications, das sich auf die „Details hinter den Details“ seines außergewöhnlichen Lebens konzentriert.

Und natürlich hat er wieder Musik gemacht. Der Lockdown „hat mir die Gelegenheit gegeben, mich wieder richtig mit der Gitarre vertraut zu machen“, sagt Page am Telefon. Kein Treffen in
einer Hotelsuite in dieser neuen Normalität, nur 105 Minuten aufschlussreicher Konversation, während der er zugibt, dass er „ein ziemlich gesegnetes Leben“ geführt hat, „ohne Zweifel“, und sich heiser redet. Hier folgt, was er zu sagen hatte.

Das erste Foto in „Anthology“ ist ein Bild von dir als Chorknabe in der St. Barnabas Church in Epsom, vermutlich deine erste Erfahrung mit einem Auftritt vor Publikum. Warst du freiwillig dabei oder hatten dich deine Eltern dazu gedrängt?
Nein, das hatte überhaupt nichts mit meinen Eltern zu tun. Ich ging aus freien Stücken in die Kirche und
trat dem Chor bei, denn ich verspürte selbst den Drang dazu. Ein Grund dafür war, dass in jener Zeit
der Rock’n’Roll im Radio auftauchte, und dann verbannte ihn die BBC und so weiter, also musste man Wege finden, um tatsächlich Musik hören zu können. Wir hatten Glück in Epsom, denn es gab dieses Freibad mit einem Amüsierbereich – Flipper und eine Jukebox. Das war wie eine Pilgerfahrt zu dieser Jukebox, doch die großen Jungs gingen da hin und ich war zu der Zeit noch recht jung. In der Kirche gab es einen Jugendclub mit Tanzabenden, wo sie Platten auflegten, aber um Mitglied des Jugendclubs zu sein, musste man in den Chor eintreten. Aber es machte mir auch tatsächlich Spaß, ein Chorknabe zu sein, im Ernst.

Und du durftest den Chorrock tragen. Das war wohl deine erste Chance, ein Bühnenkostüm anzuziehen.
Absolut, da hast du recht. Du siehst die Verbindung, oder? Sich auftakeln für den Auftritt. (lacht)

Als Kind hast du Hi-Fi-Klang erstmals auf der Stereoanlage deines Nachbarn erlebt. Von Anfang an scheint dich nicht nur die Musik selbst fasziniert zu haben, sondern auch der Prozess, Geräusche einzufangen, weil darin in vielerlei Hinsicht die Magie liegt.
Ja. Bei der Arbeit an dem Buch dachte ich an Schlüsselerlebnisse. Und als ich noch in Feltham lebte [sein Zuhause, bevor er nach Epsom zog], wurden meine Eltern und ich zu jemandem in der Nähe eingeladen, der diese Stereoanlage hatte. Er spielte damals Platten mit Klangeffekten ab, der Klassiker war eine Aufnahme eines Zugs, der von einem Lautsprecher zum anderen fuhr, solche Sachen. Für einen kleinen Jungen war das ziemlich beeindruckend. Ich war wahrscheinlich etwa acht. Er spielte auch Klassik, und da hörte man wirklich die Tiefe. Es gibt keinerlei Zweifel, dass mich das sehr beeinflusst hat. Interessant ist aber, dass niemand in meiner Familie Gitarre spielte. Ich hatte einen Onkel, der im Pub Klavier spielte. Er beherrschte verschiedene Songs, aber er brachte mir nie irgendwas bei. Er wollte nicht lehren, aber als wir dann von Feltham in die Miles Road in Epsom zogen, war da in unserem neuen Haus von den Vorbesitzern eine Gitarre zurückgelassen worden. Das war wie eine wirklich seltsame Intervention, als hätte die Gitarre quasi mich gefunden.

Das ist eine tolle Excalibur-Story.
Ja, nicht wahr? Als ob es bestimmt war, dass ich Musiker werden würde, ob ich das nun wollte oder nicht. Aber ja, ich war fasziniert von dem ganzen Prozess, von Klang umschlossen zu werden und ein Teil davon zu sein. Außerdem hast du in einem Chor diese ganze Atmosphäre, die dazugehört. Komisch, wie ich das schon als Kind bemerkte. Und als ich dann an den Punkt kam, wo man Rock’n’Roll aus Amerika hörte, war das einfach nur eine Jugendexplosion der Musik. Ich habe solches Glück, zu jener Zeit geboren worden zu sein, um diesen Moment zu erleben. Das war wie eine Grenze: Auf der einen Seite ist alles spießig und altmodisch, und dann passiert da plötzlich diese Explosion aus Adrenalin, Musik und Attitüde. Da hörte man all dieses Zeug und es war, als käme es von einem anderen Planeten. Und da stand nun also diese Gitarre im Haus – ungestimmt, niemand hatte sie je gespielt. Ich hatte diesen Schulfreund Rod, der mir ein paar Akkorde zeigte, und das war’s dann. Als ich erst mal den Rock’n’Roll gehört hatte, war ich infiziert davon und wusste, ich würde nie wieder davon geheilt werden. Das wollte ich auch gar nicht.

Als deine „Excalibur“-Gitarre dann ihren Zweck erfüllt hatte, kauften dir deine Eltern deine erste richtige Gitarre, eine Hofner. Sie scheinen deine musikalischen Ambitionen von Anfang an unterstützt zu haben.
Ja, auf jeden Fall. Ich musste immer auch meine Hausaufgaben machen, aber sie konnten sehen, dass ich den gesamten Rest der Zeit von der Gitarre besessen war. Als ich dann anfing, Songs zu spielen, die sie im Radio gehört hatten, sagten sie: „Moment mal, der macht da wirklich Ernst!“ Ich weiß nicht, was mit ihr passierte, aber diese erste Gitarre war nicht sehr leicht zu spielen. Die Saiten waren meilenweit vom Griffbrett entfernt – nicht so weit, dass man sie deswegen nicht hätte spielen wollen, aber meine Eltern sagten: „Wir möchten dir eine bessere Gitarre besorgen“, und einigten sich auf diese Hofner. Mein Vater kombinierte gut: Sein Sohn spielte plötzlich diese Gitarre, die im Haus hinterlassen worden war, Weihnachten stand vor der Tür und mein Geburtstag [Page kam am 8. Januar 1944 auf die Welt] war bald darauf, also war die Hofner ein mehrfaches Geschenk. Und Mann, ich kann dir sagen, ich war wirklich begeistert davon! Doch dann kam der Punkt, wo all die Musik, die ich hörte, auf Solidbody-Gitarren gespielt wurde, also sagte ich: „Ich muss meine Gitarre wechseln“. Ihre Einstellung war: „Das kannst du tun, aber du wirst es bezahlen müssen“. Damals brauchte man bis 21 eine Unterschrift der Eltern, um in Raten zahlen zu können. Also sagte mein Dad: „Ich werde dein Bürge sein, aber du musst bezahlen“. Und das war in Ordnung.

Gewinnspiel: Freikarten für “The Rock’n’Roll Wrestling Bash” in Hamburg

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“The Rock n Roll Wrestling Bash” präsentiert eine einzigartige Mischung aus Mexican Wrestling und Rock’n’Roll. Auf der aktuell noch laufenden Tour, bei der einige Zwischenstopps in Deutschland eingelegt wurden, wurde das 20. Jubiläum gebührend gefeiert.

Am 13. Januar macht das Spektakel in Hamburg im Gruenspan Halt: CLASSIC ROCK verlost 5×2 Freikarten für das WrestlingEvent.

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(Teilnahmeschluss ist der 11.01.2014)

Rückblende: David Bowie: ›Fame‹ & ›Golden Years‹

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Bowie Young Americans AusschnittAls David Bowie am Valentinstag 1973 in New York ankam, um in der Radio City Music Hall zu spielen, war Amors dünner Pfeil schon in Bewegung…

Text: Richard Purden

Am zweiten Abend einer mehrtägigen Schicht traf er auf Ava Cherry – das 17- jährige Mädchen aus Chicago mit der wasserstoffblonden Kurzhaarfrisur, die bald seine Background-Sängerin werden sollte. Ihren ersten Gig hatte sie schließlich beim letzten Auftritt von Ziggy Stardust bei der „The 1980s Floor Show“, die im Oktober desselben Jahres im Londoner Marquee-Club aufgenommen wurde. „Als ich David traf, war er berüchtigt, aber nicht berühmt“, sagt sie. „Ich wusste, wer er war. Ich half da­­mals bei der Organisation einer Party in einem Club namens Genesis. All die ganz Großen waren dort: Stevie (Wonder), Aretha (Franklin) und Gladys (Knight). David betrat die Party in einem umwerfenden An­­zug und mit seinem hellroten Haar. Er meinte: „Ich heiße David. Ich liebe deine Frisur, das ist sehr rebellisch.“ Ich sagte da­­mals: „Ja, so wie du.“ So begann eine Affäre, die schon bald das Feuer von Bowies kreativem Hunger anfachen sollte.

Als die Pläne, Cherry als Sängerin für eine Japantour einzustellen, ins Schwanken gerieten, be­­schloss sie, persönlich nach ihm zu suchen. „Ich folgte ihm nach Europa, wo er mich in einem Hotel unterbrachte. Dann wohnte ich circa zwei Monate lang in seinem Haus in der Oakley Street in Lonon. Angie (Bo­­wie) rastete aus, aber es war ihr Einfall – sie meinte, ich solle einfach im Haus bleiben.“ Cherry war in einer von der Arbeiterklasse geprägten Gegend im Süden Chicagos aufgewachsen und lieferte Bowie eine authentische Verbindung zum Leben, der Sprache, der Mode und Kultur der Schwarzen. „In London hatten wir bereits darüber gesprochen, eine Soulband zu gründen, schon lange bevor Carlos (Alomar, Gitarrist) in­­volviert war. Er redete davon, eine Soul-Platte aufzunehmen, die denen seiner großen Vorbilder wie Aretha Franklin ähnelte. Ich zeigte ihm ein Bild von meinem Vater. Er hatte in den 40er-Jahren Trompete ge­­spielt, seine Gruppe begleitete Count Basie. David fragte: Oh mein Gott, dieser Anzug. Hast du den noch?

Ich lieh ihn von meinem Vater und David ließ das Stück von Freddie Burretti (dem Designer, der die Eleganz von Ziggys Kleidung verantwortete) anpassen. Dann war er „The Gouster“. Der Begriff kommt aus Chicago und beschreibt schwarze Männer, die langsame Tänze mit den Damen vollführen. Sie trugen Anzüge mit wattierten Schultern, Baggy-Hosen und kleine Jäckchen.“ Cherry arbeitete weiter als Backgroundsängerin und nahm in den Sigma Sound Studios in Philadelphia auf, während Bowie mit DIAMOND DOGS quer durch die Staaten tourte. „David umgab sich nur mit den besten Leuten. Luther Vandross (Background-Gesang) würzte den Sound ziemlich geschmackvoll. David Sanborn (Saxophon) war auch einer der Superstars zu der Zeit, er spielte wie der Teufel.“

YOUNG AMERICANS war der Schlüsselmoment seines Durchbruchs und enthielt mit ›Fame‹ Bowies ersten Nummer-1-Hit. Der Song war eine späte Ergänzung und entstand während einer Session mit John Lennon im Electric Lady Studio, welche die gesamte Richtung des Albums verändern sollte. Er wurde von Lennon und Carlos Alomar mitgeschrieben und war das Ergebnis eines gescheiterten Versuches, ›Foot Stompin’‹ von The Flare zu covern. Bowie rettete etwas von Alomars Riff, fügte mehr Gitarre und eine Melodie hinzu, während Lennon akustisch dazu spielte. Bowie gab später zu, dass der Song ein „wütender“ Track war und er nicht damit gerechnet habe, dass daraus ein Hit würde. „Es ging ja um den ganzen Scheiß, der im Business ablief“, erzählt Cherry. „Sein Manager Tony Defries hatte David am Anfang gut getan, aber später gerieten die beiden aneinander. Der hohe Background-Gesang am Schluss kommt von mir, David und John.“

Eine der größten Inspirationen für YOUNG AMERICANS war Aretha Franklin. Ihr Einfluss auf Bowie wird deutlich in der BBC-Dokumentation „Cracked Actor“, die den Künstler zeigt, wie er vor der Grammy-Verleihung auf dem Rücksitz einer Limousine total auf Koks zu ›Natural Woman‹ mitsingt. Auch James Browns LIVE AT THE APOLLO hat seine Spuren hinterlassen. Es schien, dass der Einfluss jedoch langsam wechselwirkend wurde. „James Brown bestand darauf, dass das Riff von ›Fame‹ von ihm stammte“, erzählt Cherry. Am Ende des Jahres würde Brown mit seiner Single ›Hot (I Need To Be Loved, Loved, Loved, Loved)‹ einen Ab­­klatsch davon aufnehmen. Bowie enthüllte einmal, dass er die nachfolgende Single ›Golden Years‹ für Elvis Presley geschrieben hatte. Der Song hatte eine ähnlich funkige Ader wie seine vorhergehende Arbeit, gab jedoch bereits einen kleinen Einblick in die eingeschlagene Richtung des nächsten Al­­bums STATION TO STATION preis. Das Riff war von Earl Slick. „Für diesen Einfall muss ich Eric Clapton danken“, gibt der Gi­­tarrist zu. „Creams ›Outside Woman Blues‹ lieferte die Initialzündung, zusammen mit ein wenig ›Funky Broadway‹ von Wilson Pickett. Carlos Alomar, der dem Track den letzten Schliff verlieh, verwies Bowie darauf, dass er bereits einige Takte auf dem Klavier gespielt hatte, die ihn an den Klassiker ›On Broadway‹ von The Drifters erinnerten, einen Song, den Bowie während der Tour zu DIAMOND DOGS gespielt hatte.

Deswegen wollte er ihn davon abbringen, zweimal einen ähnlichen Klavierpart zu nutzen. Für die Texte schöpfte Bowie aus seinem jüngsten Beziehungsende mit Cherry: „Sobald ich den Song hörte, wusste ich, dass er von mir handelte“, meinte Cherry. „Ich war nicht mehr mit David zusammen, bevor er nach Berlin ging. Er hatte einige schwerwiegende finanzielle Probleme und war ziemlich stark auf Drogen. Ich fühlte mich so kaputt von der ganzen Erfahrung. Ich wusste nicht, wie ich das alles auf die Reihe kriegen sollte und das war dann wirk­lich das Ende unserer Beziehung. Als ich ›Golden Years‹ zum ersten Mal hörte, stand ich gerade in einem Supermarkt und bekam davon einen Zusammenbruch. Ich hatte gerade Probleme damit, meine eigene Karriere voranzutreiben. David war in ein Projekt involviert gewesen, das sich leider als echter Ladenhüter entpuppte. Es schien seine Art und Weise, mir zu sagen: Verliere deinen Glauben nicht und mach weiter, auch wenn wir nicht mehr zusammen sind. Er war ein Wesen, das immer in Bewegung bleiben musste, von Erfahrung zu Erfahrung. Meine Zeit mit ihm war wunderschön und einzigartig. Ich war schlichtweg blind vor Liebe und völlig verloren in seiner Ausstrahlung.“

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Rückblende: Rush – ›Tom Sawyer‹

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Ihre vielleicht bekannteste Hymne entstand aus der ungewöhnlichen Verbindung eines Stücks klassischer amerikanischer Literatur und eines durchgeknallten kanadischen Dichters.

Die lange Karriere von Rush ist sicher nicht arm an wichtigen Liedern: ›Working Man‹ war ihr erstes Stück, das auch außerhalb ihrer kanadischen Heimat wichtiges Radio-Airplay verbuchte und zu einem weltweiten Deal mit Mercury Records führte. Ihr Album 2112 sicherte die Zukunft der Band, als dieser Deal an einem seidenen Faden hing. ›The Spirit Of Radio‹ wiederum verhalf ihnen zu der unwahrscheinlichen Ehre eines Top 20-Hits in Großbritannien. Doch der berühmteste Song von allen im Rush-Katalog ist ›Tom Sawyer‹, der Eröffnungs-Track des Albums MOVING PICTURES von 1981, das als bestes und meistverkauftes der Band gilt. „›Tom Sawyer‹ ist eine wahre Erkennungsmelodie für uns“, bestätigt Rush-Gitarrist Alex Lifeson. „Es ist musikalisch sehr kraftvoll und berührt textlich auch viele Menschen. Es ist so was wie eine Hymne.“

Rush standen an einem Scheideweg, als sie ›Tom Sawyer‹ schrieben. In den 70ern waren sie zu den unangefochtenen Meistern des Prog-Hardrock aufgestiegen, berühmt für ihre epischen Konzeptstücke, die sich über komplette Seiten einer Vinylplatte erstreckten. Doch mit dem ersten Album der 80er – PERMANENT WAVES – ging ein bedeutender Wandel einher.

„Wir begannen, kompaktere, sparsamere Stücke zu schreiben.“ Daraus resultierte ebenjene Hitsingle, ›The Spirit Of Radio‹: eine Tour de force des IQ-Rock, eingedampft auf weniger als fünf Minuten. Und der Text passte bestens zu dieser neuen Herangehensweise. Drummer und Bücherwurm Neil Peart, seit 1975 Autor aller Rush-Texte, hatte sich zuvor von antiker Mythologie und Science-Fiction inspirieren lassen, doch für PERMANENT WAVES schrieb er in einfacherem Stil und verlegte sich auf weltlichere Themen. ›Tom Sawyer‹ war das Destillat dieser neuen, modernen Rush: ein kraftvoller, präzise gearbeiteter Hardrocksong mit einer schlagkräftigen, aber höchst philosophischen Botschaft. Und ein Song, den Rush nicht nur einem Titan der amerikanischen Literatur – Mark Twain – zu verdanken hatten, sondern auch einem reichlich sonderbaren Kanadier namens Pye Dubois.

„Geddy Lee nannte es das ‚definierende Stück Musik‘ von Rush in den frühen 80ern.“

Dieser Poet und Lyriker arbeitete mit der Band Max Webster zusammen, die wie Rush aus Ontario stammte. Man war befreundet und nahm für das 1980er Max Webster-Album UNIVERSAL JUVENILES zusammen das Stück ›Battle Scar‹ auf. „Diese Jungs waren dicke Freunde von uns“, erinnert sich Lifeson. „Aber Pye war etwas mysteriös – ein seltsamer Typ! Doch er schrieb großartige Texte. Um 1980 schickte er Neil ein Gedicht mit der Idee, bei einem Lied zu-sammenzuarbeiten. Der ursprüngliche Entwurf hieß ›Louie The Warrior‹.“

Das Gedicht basierte auf Twains Roman „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von 1876, den alle drei Mitglieder in der Schule durchgenommen hatten. Vor allem Peart identifizierte sich mit den Kernthemen des Buchs von Rebellion und Unabhängigkeit. Von „2112“ bis zu ›Freewill‹ auf PERMANENT WAVES war Individualismus ein immer wiederkehrendes Thema in seinen Texten. Was Dubois in ›Louie The Warrior‹ erschuf, war in Pearts Worten „ein Porträt eines modernen Helden“. Lifeson: „Neil nahm diese Idee und massierte sie, entfernte einige von Pyes Versen und fügte sein eigenes Ding hinzu.“ Peart wählte den einfacheren Titel ›Tom Sawyer‹ und vervollständigte den Text mit einem autobiografischen Element. Wie er es ausdrückte: „die Versöhnung des Jungen und des Mannes in mir.“

Die Musik war ebenfalls ein Neubeginn für Rush. Lifeson: „Die Struktur des Songs entwickelt sich sehr interessant, von diesem ersten Vers zu einer Brücke zu einem Refrain und in das Solo, und dann wieder von vorn. Das war für uns damals kein typischer Aufbau.“ Die Musik war ja auch auf unorthodoxe Art und Weise geschrieben worden – zumindest für Rush. „MOVING PICTURES war sehr anders für uns, weil es eher wie ein Jam entstanden war. Vieles von dem Material wurde bei den Aufnahmen geschrieben. Bei ›Tom Sawyer‹ war das jedenfalls der Fall. Wir probten auf einem kleinen Bauernhof außerhalb von Toronto. Die Hälfte der Scheune war eine Garage, die andere Hälfte ein kleiner Proberaum. Für gewöhnlich jammten wir dort drauflos und entwickelten so die Songs.“

Es war Hochsommer, als Rush die Stücke für MOVING PICTURES schrieben. Doch bis sie anfingen, das Album im Le Studio in Morin Heights, Quebec aufzunehmen – demselben Anwesen in den Bergen, wo schon PERMANENT WAVES entstanden war –, hatte ein harter kanadischer Winter begonnen. „Mir war in meinem Leben nie so kalt, soviel steht fest!“, lacht Lifeson. „Wir wohnten in einem Haus an einem See, und das Studio war auf der anderen Seite des Sees. Wenn wir tapfer genug waren, gingen wir zu Fuß durch den Wald. Es war wunderschön, aber es herrschten -40°C! Im Ernst!“ Der Videcoclip zu ›Tom Sawyer‹, der dort gedreht wurde, eröffnet mit Aufnahmen dieser verschneiten Landschaft und endet mit einer Kamerafahrt über den zugefrorenen See.

Über die Aufnahmen sagt Lifeson: „Der Synthesizer ist so etwas wie ein Schlüsselelement auf ›Tom Sawyer‹. Die Keyboards und wir drei harmonierten bestens. Wir hatten immer noch dieses Trio-Gefühl. Außerdem wollten wir immer in der Lage sein, unsere Lieder live so originalgetreu wie möglich zu spielen, also wurde ›Tom Sawyer‹ auch so geschrieben. Da ist keine Rhythmusgitarre unter dem Gitarrensolo oder Ähnliches.“

Der Track wurde zum Wendepunkt in der Entwicklung der Band. Geddy Lee nannte es das „definierende Stück Musik“ von Rush in den frühen 80ern. Über einen Großteil jenes Jahrzehnts nahmen Keyboards eine wichtige Stellung im Klangbild der Band ein. Und knapp vier Jahrzehnte später haben das Lied und seine Botschaft nichts von ihrer Kraft verloren. „Das klingt immer noch bemerkenswert frisch“, stellt Lifeson stolz fest. „Und die Leute identifizierten sich schon immer sehr mit dem Text – dieser Geist der Unabhängigkeit und des Abenteuers. Es ist einfach eines dieser besonderen Lieder.“

Die skurrilsten Cover der Rockwelt: GENTLE GIANT von Gentle Giant (1970)

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Wollen wir an dieser Stelle mal gepflegte Fake News verbreiten? Au ja! Drucken wir also dieses Plattencover ab und schreiben dazu: „Crazy neuer Look! Bernhard Hoëcker, beliebter Comedian, Moderator und TV-Raterundenteilnehmer in Festanstellung, hat sich einen hippen Vollbart wachsen lassen.“ Und um das Ganze noch boulevardmäßig menscheln zu lassen: „Was wohl Kollege Elton dazu sagt? Wir sind gespannt!“ Nein, sind wir definitiv nicht, und das Ganze ist natürlich Bullshit hoch zehn. Sagen wir es so: Der gute Mann wäre, wie man so hört, für ein ambitioniertes Basketballteam keine grundsätzliche Verstärkung. Oben links auf dem Bild prangt aber der Schriftzug „Gentle Giant“, übersetzt „Sanfter Riese“. Da kann was nicht stimmen! Aber bevor wir uns endgültig dem Vorwurf des „Bodyshaming“ aussetzen, rudern wir eilig zurück und halten stattdessen pädagogisch wertvoll fest, dass man eben nicht alles glauben sollte, was in der Zeitung steht. Gerade noch die Kurve gekriegt …

Die reine Wahrheit: Gentle Giants Debüt stammt aus einer Ära, als Märchen, Mythen und Fantasy-Literatur eine unglaubliche Renaissance erlebten. Ein Londoner Musik-Club nannte sich etwa „Middle Earth“, John Lennon pries Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, während Syd Barrett auf Kenneth Grahames „Der Wind in den Weiden“ verwies – und der Druide „Catweazle“ im Fernsehen nicht nur Kinder beglückte. Magier, Kobolde, Feen, Zwerge und Riesen, gerne auch sanfte Vertreter ihrer Art, boomten, und jene Band, die sich Gentle Giant nannte, surfte also tatsächlich auf einer Zeitgeistwelle. Das Gesicht dazu entwarf Illustrator George Underwood, der nicht nur weitere Artworks, etwa für Tyrannosaurus Rex, Procol Harum und David Bowie verantwortete, sondern auch zahlreiche Buchumschläge – spezialisiert auf die Genres Science-Fiction, Horror und Fantasy. Und damit schließt sich der Kreis

Osaka Rising: „Best of Osaka-Rising-Songwriting“

LAZARUS heißt das dritte Studiowerk von Osaka Rising, einer Zweimann-Band aus Erfurt, die ohne Gitarren, nur mit Keyboard, Synthesizern, Schlagzeug und Gesang an ihre ganz eigene Vision von Rock’n’Roll herantritt. Stephan Janson singt und bedient die Tasten, Tom Walther zeichnet für Drums und Vocals verantwortlich. Zusammengenommen klingen Osaka Rising auf dem neuen LAZARUS mal nach den 80ern, mal nach bombastischem Film-Soundtrack, gehen dann wieder mehr Richtung Uriah Heep oder Deep Purple, um wenig später mit viel Atmosphäre und Space-Flair etwas an Pink Floyd zu erinnern. Die Songs für ihr neues Album haben die beiden Musiker während der Pandemie fertig gestellt und nach einer Tour mit In Extremo im Studio aufgenommen. „LAZARUS sollte eine Mischung aus unserer ersten und zweiten Platte werden. Unser Debüt war sehr wild arrangiert, der Nachfolger dann etwas durchdachter, vor allem was die Einbettung des Gesangs betraf“, erklärt Tom im Interview und Stephan ergänzt. „Wir haben weniger dem Zufall überlassen, ohne dabei an Instrumentalkunst einzubüßen. Wir wollten besondere Klangwelten anbieten. Wir denken eigentlich immer im Vinyl-Format, auf der B-Seite entfernen wir uns mehr von klassischen Songstrukturen, da haben wir den Spirit unseres Debüts eingefangen.“

Man merkt sofort, dass die beiden sich blind verstehen, Teil einer wunderbar funktionierenden, absolut demokratischen Einheit sind. Vielleicht entstehen gerade deswegen viele der Songideen während spontaner Jam-Sessions. „Oft beginnen wir unsere Proben mit einem Jam und schneiden mit. Einmal hatte Stephan seinen neuen Yamaha-Synthesizer dabei. In dieser Probe ist die 12-minütige Urversion des Titeltracks ›Lazarus‹ entstanden. Diese Version haben wir zwar noch eingedampft, doch im Grunde waren da alle jetzt vorhandenen Parts schon drin“, erklärt Tom. „So läuft unser Prozess oft ab.“, fügt Stephan hinzu. „Bei ›Lazarus‹ fanden wir das bestehende Instrumental super, deswegen war es mir wichtig, das Stück nicht mit Gesang zu entweihen. Mir war klar, dass es nicht zu viele Worte sein durften und ich eine entspannte, fast schon meditative Tonlage anschlagen sollte. Die Space-Thematik kam uns, weil wir beide Star-Trek-Fans sind und außerdem den Film „Interstellar“ beeindruckend fanden.“ Doch es geht beim Songwriting auch anders, wie Tom verrät: „Bei ›Into Oblivion‹ hatten wir anfangs nur die Piano-Phrase, nicht mehr. Bei ›Cleopatra‹ gab es einen Jam auf diesen Stampf-Beat, wo Stephan das Wort „Cleopatra“ schon während des Jams gesungen hatte. Darum haben wir dann den Song gebaut.“ Oder wie Stephan den Schaffensprozess für LAZARUS zusammenfasst: „Best of Osaka-Rising-Songwriting, wo wir alles in die Waagschale geworfen haben, was wir bisher so erforscht haben.“ In naher und fernerer Zukunft haben die beiden passionierten Musiker noch einiges vor: „Zum Release des Albums wird das dritte Musikvideo erscheinen. Außerdem werden wir zur Platte noch einen Podcast veröffentlichen. Nächstes Jahr soll dann ein weiteres Video erscheinen, das den Re-Release unseres ersten Albums auf Vinyl begleiten soll. Und dann werden wir uns noch selbst herausfordern. Mehr können wir dazu jetzt noch nicht verraten.“

Rückblende: Thin Lizzy: ›The Boys Are Back In Town‹

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Ohne ihren Manager und dessen Gespür für einen guten Song sowie einige amerikanische DJs, die darauf ansprangen, hätte sich die Band möglicherweise nicht mal die Mühe gemacht, das Stück aufzunehmen, das zu ihrem großen Klassiker wurde.

Es ist kaum zu glauben, aber Thin Lizzy hätten beinahe den Song weggeworfen, der zum legendärsten ihrer Karriere werden sollte. „Wir hatten Demos von etwa 15 Tracks für JAILBREAK aufgenommen und die für uns zehn besten ausgesucht“, erklärt Gitarrist Scott Gorham. „Dann kam unser Co-Manager Chris O’Donnell vorbei, um sich die Sachen anzuhören, und wir spielten ihm alle 15 vor.

Er war besonders angetan von einer Nummer, die wir ›GI Joe‹ betitelt, aber schon als nicht gut genug aussortiert hatten. Sie gefiel ihm und er bestand darauf, dass wir sie aufs Album nehmen. Wir akzeptierten sein Urteil, doch es stand noch einiges an Arbeit an. Der Text war gegen den Krieg, das war nicht wirklich das Richtige für uns, und musikalisch war es noch nicht rund. Doch wir lösten die Probleme und aus ›GI Joe‹ wurde ›The Boys Are Back In Town‹.“


Gorham erinnert sich noch lebhaft daran, als er zum ersten Mal die Grundidee hörte, aus der dieser so wichtige Song entstehen sollte. „Ich war bei Phil Lynott, wir saßen in seinem Wohnzimmer und gingen die Stücke durch, an denen wir für das Album gearbeitet hatten. Am Ende der Sessions spielte Phil mir diese Basslinie vor und fragte mich, was ich davon hielt. Dann fing er an, ein paar Textideen darüber zu scatten, die er im Kopf hatte. Daraus formten wir eine Strophe und einen Refrain. An dem Punkt waren nur Phil und ich beteiligt. Am nächsten Tag bei der Bandprobe spielten wir alle zu viert – mit Brian Robertson und Brian Downey – das Grundgerüst des Tracks durch.

Brian Downey spielten diesen Shuffle auf dem Schlagzeug, und ab da nahm die Sache Gestalt an. Denn von ihm bekam ich die Idee für die Gitarrenharmonie, die man heute kennt. Wir hatten ein Achtspur-Tonbandgerät im Proberaum, mit dem wir Demos aufnahmen, und da machten wir die Version von ›GI Joe‹, die unser Manager hörte und mochte.“

Der Song war aber immer noch nicht vollständig ausgearbeitet, als Thin Lizzy Ende 1975 in die Ramport Studios in SüdLondon gingen, um mit Produzent John Alcock JAILBREAK einzuspielen.

„Nein, auch da war es noch kein kompletter Track“, erinnert sich Gorham. „Wir hatten tatsächlich noch nicht mal den Titel. Doch dann kam eines Tages Phil ins Studio und sagte, er wolle den Song ›The Boys Are Back In Town‹ nennen. Er hatte auch den Text geschrieben, ich las ihn und dachte: ‚Hey, das ist fucking cool!‘ Brian Robertson und ich vollendeten dann die Gitarrenharmonien.

Der Gitarrenpart in der Mitte, der so gut funktioniert, kam aber von Phil. Er spielte ihn auf dem Bass und Brian adaptierte ihn für die Gitarre. Ich muss sagen, dass die Aufnahmen zu diesem Song ziemlich flott gingen. Es war nicht leicht, aber auch nicht allzu schwer.“ Die Band glaubte jedoch nicht im Entferntesten daran, dass sie damit einen Riesenhit landen würde. „Für uns war das ein ordentlicher Albumtrack, mehr nicht. Dass es eine Single sein könnte, wäre uns nie in den Sinn gekommen!“

Was dann geschah, war ein glücklicher Zufall, als das fertige ›The Boys Are Back In Town‹ ein Eigenleben entwickelte. „Wir waren 1976 in den USA auf Tour. Wir hatten dort noch keine Fanbase und noch überhaupt keinen Erfolg. Doch zwei Radio-DJs in Louisville, Kentucky, hörten JAILBREAK und fingen an, es in ihren Sendungen zu spielen. Sie liebten vor allem ›The Boys Are Back In Town‹ und ließen es mehrmals am Tag laufen. Dann fingen die Leute an, die Sender anzurufen und nach dem Song zu verlangen. Und schließlich nahmen es auch andere Radiosender ins Programm auf spielten es oft. Plötzlich war es überall. Anscheinend hatten sich die USA in diese Nummer verliebt.“

Dann beschloss Thin Lizzys US-Label Mercury, ›The Boys Are Back In Town‹ als Single zu veröffentlichen. „Wenn man sich anhört, was das Label heute sagt, behaupten sie natürlich, der Single-Release sei allein ihre Idee gewesen. Dabei war es die Unterstützung der Radiosender in ganz Amerika, die sie dazu zwang.“ Doch trotz der Begeisterung dieser DJs glaubte die Band selbst unfassbarerweise immer noch nicht an den Track, wie Gorham amüsanterweise gesteht: „Eines Abends kam Chris O’Donnell auf der US-Tournee in unsere Garderobe und sagte: ‚Nun, Jungs, es sieht so aus, als hätte wir da eine fette Hitsingle in der Hand‘. Wir entgegneten nur: ‚Hmm, vielleicht sollten wir den Song in unsere Setlist aufnehmen‘. Unglaublich, dass wir das damals nicht mal live spielten. Man kann sich immer darauf verlassen: Musiker machen es falsch!“

Der Erfolg von ›The Boys Are Back In Town‹ veranlasste die Band aber nie dazu, auf der Suche nach einem weiteren Hit die Formel einfach zu wiederholen. „Sicher, das Label machte ein bisschen Druck, aber das hätte für uns nie funktioniert. Jedes unserer Alben war anders, und wir waren nicht die Art von Band, die einem Schema folgte, egal wie erfolgreich es uns gemacht hätte. Ich denke, das ist es, was die wahren Fans an Thin Lizzy liebten – wir waren wirklich einzigartig. Aber so blieb es uns natürlich auch verwehrt, ein Massenpublikum zu begeistern wie Styx oder Journey zu jener Zeit. Das war mit ein Grund dafür, dass wir in den USA nie ein großer Name wurden. Das wichtigste, was wir als Musiker ›The Boys Are Back In Town‹ zu verdanken hatten, war, dass wir weiter Platten machen und unseren Stil weiterentwickeln konnten.

JAILBREAK war unser drittes Album für das Label gewesen und alles hing davon ab. Hätte es sich nicht verkauft, hätten wir sicher unseren Vertrag verloren – und wer weiß, was dann passiert wäre? Doch ›The Boys Are Back In Town‹ sorgte dafür, dass sich das Album verkaufte und wir weitermachen konnten. Wir haben dieser Single viel zu verdanken, und der Weitsicht von Chris O’Donnell und dieser DJs in Louisville, die etwas darin sahen, das uns als Band entgangen war.

John Paul Jones im Interview: „Alles ging Schlag auf Schlag“

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Led Zeppelin live

Er hat mit den Yardbirds, Marc Bolan, den Stones, R.E.M. und den Butthole Surfers gearbeitet. Und natürlich mit Led Zeppelin Weltruhm erlangt. Doch John Paul Jones ist auch heute noch auf der Suche nach kreativen Herausforderungen. Zeitweise fand er diese bei Them Crooked Vultures und einem Opern-Projekt über die skandalträchtige Schauspielerin Anna Nicole Smith, die 2007 verstorben ist.

John Paul Jones fühlt sich pudelwohl in seiner Rolle als Rock-Veteran. Er ist seit weit mehr als 50 Jahren im Musikgeschäft aktiv – im Alter von 14 trat er erstmals mit der Tanzkapelle seines Vaters auf, danach ging er mit den Shadows auf Tour und hat seit 1964 mit Größen wie den Yardbirds, Donovan, Marc Bolan, Cat Stevens, Marianne Faithfull, Tom Jones oder den Walker Brothers zusammengearbeitet. Sogar die Rolling Stones nutzten sein musikalisches Talent – sie buchten ihn für das Streicher-Arrangement ihrer 1967er-Single ›She’s A Rainbow‹.

Seinen Stammplatz im Riff-Olymp sicherte sich John Paul Jones schließlich ein Jahr später, indem er mit Jimmy Page Led Zeppelin gründete. Jones hielt sich dabei stets vornehm zurück: Im Vergleich zum schillernden Jimmy Page, dem gottgleichen Robert Plant oder dem tosenden John Bonham wirkte der Bassist und Keyboarder nie so, als ob er das Rampenlicht genießen würde. Und doch war er für Led Zeppelin von unschätzbarem Wert, denn er prägte den charakteristischen Sound der Band.

Auch nach dem Aus von Zeppelin hat sich John Paul Jones die Liebe zur musikalischen Innovation bewahrt. Er liebt es, mit unterschiedlichen Künstlern zu kollaborieren. So hat er inzwischen auch mit R.E.M., Peter Gabriel, Ben E. King, den Butthole Surfers, Heart, den Datsuns und Sonic Youth gerockt. 2009 standen Them Crooked Vultures im Mittelpunkt. Jones freute sich riesig darüber, dass ihm von seinen zwei Kreativ-Partnern so viel Respekt entgegengebracht wird. „Je älter ich werde, desto mehr Freiheiten bekomme ich“, kommentiert er lachend. „Denn die Leute denken, dass ich ganz genau wisse, was ich zu tun habe. Also wagen sie es nicht, irgendeinen Einwand anzubringen. Also mache ich einfach, was ich will.“

Das war am Anfang deiner Karriere noch ganz anders. Seit 1962 bist du im Hauptberuf Musiker – und hast zu Beginn bereits als Sessionmusiker und Arrangeur für Andrew Loog Oldham oder Mickie Most gearbeitet. Wie kam der Kontakt zu Stande?
Ich hing als 17-Jähriger immer in der Archer Street im Londoner Stadtteil Soho ab. Jeden Montag trafen sich dort alle möglichen Musiker. Eines Tages sah ich, dass Jet Harris auch da war. Ich hatte ihn schon ein paar Mal dort erspäht, mich aber nie getraut, ihn anzusprechen – denn er war damals ein großes Vorbild für mich. Doch schließlich fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, ob er nicht einen Bassisten gebrauchen könnte. „Nein, tut mir leid“, antwortete er, zeigte aber auf ein paar andere Leute und sagte: „Aber die Jungs da drüben suchen jemanden!“ Es stellte sich heraus, dass es sich um die Jazz-Rocker The Jett Blacks handelte. Ich stellte mich vor, und wir vereinbarten, uns zu einer Session in ihrem Proberaum zu treffen. Harris kam auch vorbei, um sich das Ganze anzuhören. Damals war er gerade dabei, mit Tony Meehan The Shadows aus der Taufe zu heben. Und ich scheine ihn ziemlich beeindruckt zu haben, denn nach der Probe meinte er: „Hey, du bist an Bord – aber bei meiner Band!“ So kam es, dass ich den Jett Blacks zwar einiges zu verdanken habe, obwohl ich eigentlich nie Mitglied der Gruppe war.

Was passierte dann?
Alles ging Schlag auf Schlag. Ich war bei vielen Aufnahmesessions mit dabei und sah den Leuten bei der Arbeit zu. Schließlich hat mich jemand gefragt, ob ich nicht mithelfen könnte, einen Song umzuarrangieren. Ich war zunächst unsicher, erinnerte mich dann aber an einen Leitsatz meines Vaters: „Lehne nie ein Jobangebot ab!“ Also sagte ich zu. Bevor ich mit der Arbeit begann, rannte ich in einen Buchladen und kaufte mir einen Ratgeber mit dem Titel „Forsyth’s Orchestration“. Denn natürlich hatte ich so etwas noch nie zuvor gemacht und keine Ahnung, wie ich es anpacken sollte. Zudem lief das Ganze auch anders ab als heute. Wir hatten zwei bis drei Sessions pro Tag, und meistens war nicht klar, welcher Musiker überhaupt für welches Stück gebucht war. Das stellte sich im Grunde immer erst dann heraus, wenn derjenige in der Tür stand. Außerdem sind die Gesangsspuren früher parallel zu den Instrumental-Parts aufgenommen worden. Die Sänger standen in einer kleinen, abgetrennten Box und konnten die anderen Musiker nur durch ein kleines Glasfenster sehen.

Waren die Musiker damals rein technisch gesehen besser als heute?
Das würde ich so nicht sagen. Viele Leute behaupten, dass jemand, der mit Samplern arbeitet, nichts drauf hat, weil er kein Instrument spielt. Das stimmt ja so nicht. Denn sonst könnte jeder Mensch losgehen, sich ein paar Turntables oder einen Sampler besorgen und damit ein absolutes Hammeralbum produzieren. Aber das funktioniert nicht. Denn es geht bei der Komposition eines guten Songs nicht allein um die Technik, sondern um das Gespür für die Musik, den passenden Sound und das richtige Arrangement. Ob jemand Gitarre spielen kann oder nicht, ist dabei zweitrangig.

Einer der ersten Künstler, für die du gearbeitet hast, war Nico. Erinnerst du dich noch daran?
Oh ja. Und zwar insbesondere deshalb, weil sie ihren Sohn Ari dabei hatte – er verbrachte Stunden damit, das Studio in seine Einzelteile zu zerlegen. Ein absolutes Chaoskind! Nico sang gerade eine Version von ›Blowin’ In The Wind‹ ein – eine ziemlich ungewöhnliche Version sogar. Ich war zwar nur für die Testaufnahmen zuständig, wusste aber dennoch nicht, was ich tun sollte. Denn sie klang so ganz anders als alles, was ich bisher gehört hatte. Außerdem war ich ziemlich eingeschüchtert von ihr. Nicos imposante Erscheinung tat das Übrige dazu – sie überragte mich um einen ganzen Kopf!

Lief es bei der Arbeit an ›She’s A Rainbow‹ von den Stones besser?
Die Sessions selbst schon. Aber es hat ziemlich genervt, dass ich ständig auf irgendein Band-Mitglied warten musste. Das lief so ab: Ich kam montags ins Studio. Niemand da. Also fragte ich mich, ob wohl morgen jemand auf­tauchen würde. Am Freitag bekam ich schließlich einen Anruf, dass es nächste Woche losgehen könne. Und so ging es immer und immer weiter.

Anfang 1968 hast du Donovan bei ›Hurdy Gurdy Man‹ unterstützt. Gerüchte besagen, dass neben dir, Donovan und dem Toningenieur Eddie Kramer auch Jimmy Page und John Bonham mit von der Partie waren. Stimmt das?
Nein, Jimmy war nicht mit dabei. Ich spielte Bass, Alan Parker Gitarre, Clem Cattini Schlagzeug und Donovan Akustik-Gitarre. Eddie Kramer sollte das bestätigen können, denn er hat die Session aufgenommen und außerdem auch während der Recordings einige Bilder geschossen. Ich weiß, dass der arme Clem Probleme hatte, das zu beweisen, als es um die Royalties ging. Niemand wollte ihm glauben, dass er der Drummer war. Doch das ist die Wahrheit – und ich muss es wissen, denn ich habe ihn schließlich gebucht!

Warum hast du dich dazu entschlossen, nicht mehr als Sessionmusiker zu arbeiten?
Ich nahm an einer „Muzak“-Session teil – das waren Aufnahmen für eine Firma, die sich auf die Beschallung von Geschäften spezialisiert hatte, klassische Fahrstuhl- und Kaufhausmusik eben. Just in dem Moment, in dem es anfing, Spaß zu machen, rief der Produzent: „Stopp, das geht jetzt aber zu weit! Ihr seid hier, um Musik aufzunehmen, die Leute unterhalten soll – nicht mehr und nicht weniger!“ Das war zu viel für mich. Ich habe es gehasst und fühlte mich total ausgebrannt. Es musste etwas passieren. Meine Frau hat das Ganze dann in die Hand genommen, denn sie war mein Gejammer leid. Sie zeigte mir eine Anzeige in einem Musikmagazin, in dem Jimmy Page inseriert hatte, weil er auf der Suche nach Leuten zur Gründung einer neuen Band war. Ich rief ihn an – und schon war ich an Bord. Anfangs fühlte es sich komisch an. Ich machte zwar Musik, die ich mochte, aber es war trotzdem etwas anderes als meine Arbeit als Sessionmusiker. Denn bei Zeppelin war ja nicht klar, ob wir je einen Cent mit der Band verdienen würden.

Was ja schließlich wunderbar funktioniert hat. Und nicht nur das Geld, auch der Ruhm sind dir bis heute geblieben. Zudem hast du in der Zeit nach Led Zep mit etlichen interessanten Künstlern gearbeitet, von R.E.M. und Brian Eno über die Butthole Surfers, Diamanda Ga-las bis hin zu The Datsuns. Wie kam’s?
Nun, hier kommen zwei Dinge zusammen. Erstens: Ich möchte mich nicht wiederholen, daher mag ich es, immer wieder mit anderen Menschen zusammenzukommen. Und zweitens: Die Musiker dieser Künstler unterscheidet sich nicht sonderlich voneinander – sie alle erfüllen mit ihren Songs nämlich das einzige Kriterium, das für mich zählt: Sie gefallen mir. Und natürlich lerne ich stets etwas Neues dazu, das ist mir wichtig. Ich würde sehr gerne mal mit Neil Young arbeiten. Er hat etwas sehr Spezielles, Einzigartiges an sich. Und er verändert sich ständig, das mag ich.

2009 warst du mit Them Crooked Vultures aber ganz gut ausgelastet. War die Band deiner Ansicht nach für Zeppelin-Fans eine Art Entschädigung dafür, dass nach der O2-Reunion-Show nichts weiter passiert ist?
Puh, keine Ahnung. Aber mal ehrlich. Wenn jemand Led Zeppelin liebt und die Musik auch live hören möchte, dann wird er mit einer der vielen hervorragenden Tribute-Bands glücklicher sein als mit Them Crooked Vultures. Und selbst wenn wir als Led Zeppelin nach dem Reunion-Gig auf Tour gegangen wären, hätte das nur wenig mit der Band zu tun, die wir in den Siebzigern waren. Selbst bei dem O2-Konzert haben wir die Songs nicht so gespielt wie früher. Nicht, weil wir es nicht gewollt hätten, sondern weil das einfach nicht mehr möglich ist. Meiner Ansicht nach hängt das damit zusammen, dass ein Mensch nicht aufhören kann, sich ständig weiterzuent­wickeln. Und immer, wenn man etwas Neues dazulernt, verändert sich automatisch auch das Alte. Das ist zumindest die romantische Vorstellung, die ich als Kreativer vertrete. Aber natürlich gibt es auch eine realistischere Wahrheit: Ich erinnere mich an viele Dinge oder Momente einfach nicht mehr. So einfach ist das. Als wir für die Reunion-Show geprobt haben, musste uns meist Jason Bonham auf die Sprünge helfen! Einmal spielten wir einen Song, und Jimmy und ich kamen nicht weiter. Wir wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Jason sagte schließlich: „Also, 1972 bei eurem Auftritt im ‚Forum‘ habt ihr das so gelöst. 1973 aber war es anders, da habt ihr diesen Part drangehängt…“ Bei ›For Your Life‹ ist sogar etwas noch Krasseres passiert. Ich war unsicher und meinte: „Leute, ich kann mich wirklich nicht entsinnen, wie ich das damals immer gemacht habe…“ Jimmy drehte sich zu mir um und pflichtete mir bei: „Mir geht es genauso. Sag mal, Jason, woran liegt das wohl?“ Er lachte nur und antwortete: „Na, ist doch klar. Ihr habt dieses Stück noch nie live ge­­spielt!“ Und er hatte recht. Es gibt genau eine einzige Version von dem Song: die Studioaufnahme.