Die EP IN THE REINS gehört zu den weniger bekannten Veröffentlichungen im Katalog beider Bands. Sie erschien 2005 auf dem kleinen amerikanischen Label Overcoat Recordings. Das erneute Zusammentreffen von Calexico und Iron & Wine kommt überraschend, wenn man bedenkt, wie erfolgreich der Weg beider Acts seitdem war. In ›What Heaven’s Left‹ spürt man, wie natürlich sich der Folk von Sam Beam und der Desert-Noir-Sound von Joey und John Convertino ineinander schmiegen. ›Father Mountain‹ ist der eingängigste Song. Amüsiert folgt man Beams Erzählung über Papas Villa in den Bergen und was er dort mit seiner Teresa vorhat. In der dreiteiligen ›Bitter Suite‹ und im etwas kurzen Instrumental ›Outside El Paso‹ stecken spannende spielerische Ansätze. Mehr Vorstöße in Areale jenseits der Ballade hätten diesem Album gutgetan. Mit ›A History Of Lovers‹ hatten sich die hier Beteiligten bei ihrer ersten Zusammenkunft damals wie die Traveling Wilburys gefühlt. So ein klarer Popverweis fehlt auf YEARS TO BURN leider.
7/10
Calexico/Iron & Wine
YEARS TO BURN
CITY SLANG/ROUGH TRADE
Lukas Nelson ist ein vielbeschäftigter Mann. Seit 2015 haben er und Band drei Platten zusammen mit Neil Young aufgenommen, regelmäßig musiziert er mit seinem berühmten Vater Willie, zuletzt steuerte er den Soundtrack zum Kinohit „A Star Is Born“ mit Lady Gaga und Bradley Cooper bei. Jetzt hat Nelson mit Promise Of The Real in Los Angeles elf neue Songs – plus zwei Bonustracks – eingespielt. Dabei gibt der schmissige Roots-Rock von ›Bad Case‹ den Ton vor. Der Refrain bleibt sofort im Ohr, die Energie und auch die knarzende Stimme erinnern an Tom Petty. Der Titelsong, in dem Nelson dazu rät, die Nachrichten abzustellen und sich lokal zu engagieren, das Beste für die Leute zu tun, die man liebt, schlägt neben einigen anderen Stücken in dieselbe Kerbe. Dagegen erinnert ›Where Does Love Go‹ mit Lalala-Chören an Roy Orbison, das stolpernde ›Save A Little Heartache‹ geht mit schönem Gitarrensolo in Richtung Funk. Aus der Reihe fällt der schwere Bluesrock von ›Something Real‹. Und ›Stars Made Of You‹ mit seinem Synthesizer. Das klingt ein bisschen kitschig, aber nicht unangenehm. Neben Gastauftritten von Sheryl Crow oder Kesha darf Willie Nelson in ›Civilized Hell‹ eine Strophe singen, Neil Young spielt bei der akustischen Fassung von ›Turn Off The News‹ Harmonium. Als eines seiner Vorbilder nennt Lukas Nelson in einem Presse-Statement übrigens The Band. Zu deren ganz großen Alben ist noch ein bisschen Luft, aber Promise Of The Real sind ja noch lange nicht am Ende angekommen.
7/10
Lukas Nelson & Promise Of The Real
TURN OFF THE NEWS (BUILD A GARDEN)
CONCORD/UNIVERSAL
Der gläubige Musiker widmet sich DEM Thema schlechthin
Ein monumentales Thema, eine Vision, ein großartiger Musiker/Komponist, zehn volle Jahre Entwicklung, dazu eine Plattenfirma mit der notwendigen finanziellen Unterstützung und namhafte Gäste wie unter anderem Ted Leonard (Spock’s Beard, Enchant), Nick D’Virgilio (Spock’s Beard, Big, Big Train), Jake Livgren (Protokaw) oder Matt Smith (Theocracy): Tausendsassa Neal Morse (Ex-Spock’s Beard, Transatlantic) hat ein Meisterwerk produziert. Inspiriert von der weltweit erfolgreichsten Rockoper „Jesus Christ Superstar“, hat der Amerikaner eine Art zeitgemäße Aufarbeitung mit neuen inhaltlichen Aspekten vorgenommen. So opulent wie die Materie ist JESUS CHRIST THE EXORCIST auch künstlerisch. Mit Hilfsmitteln von Progressive Rock und klassischen Querverweisen erzählt Morse in 25 (!) Kapiteln die Geschichte von Gottes Sohn aus einer neuen, ungewöhnlichen Perspektive, mit Judas als Spielverderber, Jerusalem und Gethsemane als Orte geschichtsträchtiger Handlungen, aber auch mit Maria und dem Teufel, dem letzten Abendmahl und der Kreuzigung, also mit allem, worüber uns die Bibel berichtet. Wird JESUS CHRIST THE EXORCIST einen neuen (musikalischen) Kult um den Heiland auslösen? Eine Frage, die sich Morse selbst sicherlich nicht gestellt hat. Ihm ging es nur um eine Chronik, die es neu aufzuarbeiten galt, und für die der gläubige Christ zu Recht der Auserwählte ist.
9/10
Neal Morse
JESUS CHRIST THE EXORCIST
FRONTIERS/SOULFOOD
Schon das Cover ist ulkig: Chis Shiflett, hauptberuflich Gitarrist bei den Foo Fighters, gibt den Willie Nelson während seiner Outlaw-Phase – Rauschebart, T-Shirt, Jeans, Bandana. Anstatt Willies heißgeliebter „Trigger“-Akustikgitarre hat sich Shiflett allerdings eine E-Gitarre, eine Fender Telecaster, um den Hals gehängt. Unter Strom steht dieser Mann ohnehin. Und wie! Vermutlich hat man Nashvilles ehrwürdiges RCA Studio A – Produzent Dave Cobbs angestammte Wirkungsstätte – noch nie einem derartigem Dezibelgewitter ausgesetzt. Und wahrscheinlich wurde in dem Gemäuer auch noch nie so herzerfrischend gerockt, wie es Shiflett und seine Spießgesellen – eine Horde von Nashvilles Session-Musikern – hier machen. Nicht selten präsentiert der Foo Fighter richtig deftigen, breitbeinigen Stadionrock. Gleich der Opener ›Liar’s Word‹, gibt davon eine Kostprobe. Das nachfolgende ›This Ol’ World‹ spinnt den dicken Zwirn weiter, eine Gitarrensalve jagt die nächste, Pedal-Steel-Ass Paul Franklin sorgt für dezente Country-Tupfer. Noch mehr erinnert sich Shiflett daran, dass er ja in Nashville verweilt, bei dem köstlich altmodischen Country-Rocker ›The One You Go Home To‹. Bei so viel Anachronismus muss man sich fragen: Meint der das wirklich ernst? Oder ist das alles nur eine herrliche Parodie? Doch das fragen sich die Leute ja auch schon seit Ewigkeiten bei Dwight Yoakam.
9/10
Chris Shiflett
HARD LESSONS
EAST BEACH RECORDS/THIRTY TIGERS/AL!VE
Gerade unterhält man sich noch unschuldig mit Kollegen und Freunden, da brüllt plötzlich ein unbekannter Mann auf der Bühne ein unkontrolliert lautes „Einen großen Applaus für Tokyo“ ins Mikrofon. Die Ohren schlackern, das Herz springt vor Schreck zwei Etagen höher und man ist sich sicher, dass einen die Ansage dieses Herrn gerade mindestens fünf Lebensjahre gekostet hat. Die Show der deutschen Hard-Rocker um Gründungsmitglied Robby Musenbichler geht dann dafür relativ unspektakulär über die Bühne, vor allem nach der Darbietung ihres kleineren Hits ›Tokyo‹ pendelt sich der Puls schnell wieder im normalen Bereich ein. Leider ist der Sound der Vorband nicht wirklich rund und man fragt sich, ob der Tontechniker gerade auf dem Mischpult eingeschlafen ist und dabei versehentlich alle Höhen und Mitten runtergeregelt hat oder ob vielleicht nicht doch irgendwo ein kleiner, feixender Blackmore steht und der Vorband den Bass auf Wummerstufe stellt.
Als dann die jüngste Inkarnation von Rainbow gegen 21:20 auf die Bühne kommt, ist der Mischer scheinbar wieder aufgewacht, klanglich ist nämlich bei Blackmore und Konsorten alles im Lot und der Gitarrenmeister wird von seinen treuen Anhängern unter frenetischem Applaus in München willkommen geheißen. Putzig sieht er aus in seiner inzwischen als Standard geltenden Kluft aus schwarzer Tunika, Leggings und Stiefelchen, die Strat praktikabel über seinem deutlich erkennbaren Bäuchlein festgeschnallt. Zwar gilt er nach wie vor als schwieriger Charakter, in Bayern ginge Blackmore vielleicht als der perfekte ‚Grantler‘ durch, doch schon zwischen dem Opener ›Spotlight Kid‹ und dem folgenden ›I Surrender‹ vom 1981 erschienenen DIFFICULT TO CURE grätscht er gleich mal elegant vor den ersten Reihen seines Publikums und wirkt dabei wirklich gut gelaunt.
Dieser Eindruck zieht sich weiter durch das gesamte Set. Ritchie hat großen Spaß an dieser Show. Zwar hält er sich oft im Hintergrund auf und lässt seinen jungen Sänger mit der Dio-Stimme (Ronnie Romero) machen, zum richtigen Zeitpunkt jedoch interagiert er immer mal wieder mit dem Publikum, zum Beispiel als er es zum Singen des Riffs von ›Black Night‹ animiert. Das ist auch wichtig, schließlich ist man an diesem heutigen Abend einzig und alleine wegen Ritchie hier. Natürlich erledigen die anderen Künstler ihren Job und die ihnen zustehenden Soli äußerst solide, Keyboarder Jens Johansson war ja schon in den 90ern eine Weile mit an Bord und auch Ronnie Romero ist ein talentierter Sänger, aber im Endeffekt schaut man hier auf die immer noch fähigen Zauberfinger einer lebenden Legende, die ein wenig Unterstützung mitgebracht hat.
Neben den Rainbow-Überfliegern wie ›Stargazer‹, ›Since You’ve Been Gone‹, ›Long Live Rock And Roll‹, ›All Night Long‹ oder ›Man On The Silvermountain‹ gibt es auch einige Purple-Nummern zu hören, die Romero trotz stabiler Gesangsdarbietung irgendwie nicht ganz so gut stehen. Kurz vor Schluss macht sich Blackmore außerdem an ein rührendes Instrumental seiner Mittelalter-Truppe Blackmore’s Night. Während er bei ›Carry On…Jon‹ soliert, erscheinen auf der Leinwand hinter ihm bewegende Bilder aus Jon Lords und Blackmores gemeinsamer Vergangenheit. Immer wieder eine schöne Geste seinem ehemaligen Kollegen gegenüber.
Achja. Apropos Leinwand: Die Visuals der restlichen Show waren eher… nun ja, nennen wir es mal gewöhnungsbedürftig. Jeder erinnert sich bestimmt noch an alte Windows-Bildschirmschoner oder die visuellen Laser-Kunststücke, die der Windows-Mediaplayer früher beim Abspielen von Musik automatisch erstellte. So in etwa sah – wenn nicht gerade die Ausstrahlung von Cover-Artworks für Erholung sorgte – die visuelle Untermalung des Konzerts aus. Gestört hat das nicht, allerdings für das ein oder andere Schmunzeln gesorgt.
Nach ›Burn‹ verabschiedet sich die Truppe von der Bühne, kurz später kehrt Ritchie noch einmal wieder und wirft vorsichtig T-Shirts und CDs in die Menge, bevor er sich seine Gitarre ein letztes Mal umschnallt und das vielleicht größte Riff aller Zeiten anstimmt: Zuerst zupft er es noch im Stile eines Kinderlieds, dann greift er ordentlich in die Saiten und lässt ›Smoke On The Water‹ durch die Halle tönen. Und so wenig man diesen Song aufgrund seiner höchst penetranten Radio-Präsenz heute noch hören mag, so wird dieses eine geniale Riff von vielen genialen Ritchie-Riffs wohl mit ziemlicher Sicherheit die Jahrhunderte überdauern.
Nach vier Jahren Album-Pause sind sie wieder da. Auf ihrem neuen Werk RISE haben die Hollywood Vampires Alice Cooper, Johnny Depp und Joe Perry anders als beim Debüt fast alle Songs selbst geschrieben. Dazu gibt es Coverfassungen von David Bowies ›Heroes‹, ›People Who Died‹ von der Jim Carroll Band und Johnny Thunders’ ›You Can’t Put Your Arms Around A Memory‹.
Wir verlosen RISE dreimal auf Vinyl!
[contact-form-7 id=“87542″ title=“Hollywood_Vampires_Rise“](Teilnahmeschluss ist der 30.06.2019)
Anders als bei Bob Dylan weiß man bei Bryan Ferry, was man bekommt. Seine Konzerte haben seit Jahren dieselbe dunkel-schillernde Stimmung, er spielt die Lieder, die alle von ihm hören wollen, und er schaut dabei perfekt aus. Der Anzug ist weder zu weit noch zu eng, das Hemd ragt genau richtig weit unter den Jackettärmeln hervor, die diesmal fein gepunktete Krawatte ist weder zu straff noch zu locker gebunden. Turnschuhe wie die Stones sie heute bei ihren Auftritten tragen? Unvorstellbar. Die mittelbraunen Lederschuhe sind perfekt poliert.
Ein elegantes Winken, als er auf die Bühne im Circus Krone und dort direkt hinters Keyboard spaziert. Für ›In Every Dream Home A Heartache‹ vom zweiten Roxy-Music-Album FOR YOUR PLEASURE von 1973. Damals waren Ferry und Band gerade dabei, den Rock in die Avantgarde zu überführen. Sie griffen musikalische Muster der 50er, 60er und von davor ironisch auf, zerlegten sie in ihre Einzelteile und setzten die Schnipsel auf ihre ganz eigene geniale Weise neu zusammen – und damit das Pop-Konzept des „Remake/Remodel“ in Musik um. Sie waren die nicht weniger radikale, britische Antwort auf die amerikanischen Art-Rocker von Velvet Underground.
„Turnschuhe wie die Stones sie bei ihren Auftritten tragen? Unvorstellbar. Die mittelbraunen Lederschuhe sind perfekt poliert.“
Radikal ist Ferry heute nicht mehr. Eher verbreitet er die Grandezza eines in Würde gealterten Poppers. Er wiegt die Hüften im Rhythmus, tänzelt dezent. Dennoch wirkt er nicht unemotional. Der Applaus nach dem ersten Song ist tatsächlich außerordentlich, und da scheint er ehrlich gerührt, er blickt seine Begleitmusiker spitzbübisch an, führt die Hände an die Lippen und wirft dem Publikum Küsse zu. Fast wirkt er ein bisschen schüchtern.
Nach ›Every Dream Home‹ gehts erstmal weiter mit Roxy Music: ›Out Of The Blue‹ und ›The Space Between‹. In sein Soloschaffen startet Ferry mit ›The 39 Steps‹, ›Slave To Love‹ und dem Dylan-Cover ›Just Like Tom Thumb’s Blues‹. Die Stimme klingt hier und da ein bisschen zerbrechlich, aber dass er heutzutage mehr haucht als singt, weiß man bei Ferry seit Jahren. Dazu springen seine beiden Background-Sänger verlässlich bei.
Als sich dann so etwas wie, nein, nicht Langeweile, aber Routine einzustellen beginnt, kommt genau richtig das großartige ›If There Is Something‹ vom Debütalbum von Roxy Music daher. Mit wunderschönem Saxofon-Solo. Zum Schluss haut Ferry schlicht und einfach Klassiker auf Klassiker raus. ›More Than This‹, ›Avalon‹, ›Virginia Plain‹. Das sind nur ein paar. ›Jealous Guy‹, klar. Ganz am Ende ›Let’s Stick Together‹. Bryan Ferry wird wieder in den Circus Krone kommen. Er wird wieder dieselben Lieder spielen. Ich werd dabei sein.
Beach Boy Brian Wilson muss seine für Juni anstehenden Solo-Konzerte verschieben. Der Grund: Er fühle sich „psychisch labil“.
„Es ist kein Geheimnis, dass ich seit vielen Jahrzehnten mit einer psychischen Krankheit lebe“, so Wilson auf Facebook. Bereits in den 60ern setzten dem Chefdenker der Beach Boys Depression und Wahnvorstellungen zu.
Dennoch ist es ihm heute möglich, Songs zu schreiben und Konzerte zu geben. Nach einer kürzlichen Operation am Rücken habe er sich allerdings „komisch“ und „psychisch labil“ gefühlt, es sei „ziemlich unheimlich“ gewesen, erklärt Wilson.
„Wir wissen nicht genau, was die Ursache ist, aber ich weiß, dass es gerade nicht gut für mich ist, unterwegs zu sein.“ Deshalb hat er all seine für Juni angesetzten US-Shows seiner „Pet Sounds: The Final Performances“-Tour abgesagt.
Die Konzerte sollen aber nachgeholt werden. „Ich freue mich, wenn ich wieder gesund bin und alle später dieses Jahr sehe“, sagt Wilson. „Die Musik und meine Fans halten mich fit und ich weiß, dass ich das WIEDER überstehen kann.“