Titelstory: Fleetwood Mac – Die größte Seifenopfer der Rockgeschichte
Mit RUMOURS wurden Fleetwood Mac 1977 zu Megastars, doch das Album, das mehr als 40 Millionen Käufer fand, ist nicht nur für Hits wie ›Go Your Own Way‹ bekannt, sondern auch für die zerbrechenden Beziehungen zwischen Stevie Nicks und Lindsey Buckingham sowie dem Ehepaar John und Christine McVie. Über all die Jahrzehnte hinweg fungierte einer stets als Vermittler, Versöhner und letztlich als Kleber, der das sich häufig verändernde Line-up der Band zusammen hielt: Mick Fleetwood. Im großen Interview mit CLASSIC ROCK lässt er die Geschichte von Fleetwood Mac Revue passieren, von den Anfängen mit Peter Green bis zu dem von ihm für den legendären Bandgründer initiierten All-Star-Tribute-Event 2020.
Cheap Trick: Zander und Nielsen über ihren neuen Kreativschub
Die Optimisten aus Illinois „hatten nichts von alledem geplant“, doch weit im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz erleben Cheap Trick einen neuen, späten Kreativitätsschub.
Kate Bush: Die Geschichte ihrer bahnbrechenden „Tour Of Life“
Natürlich hatte es schon zuvor aufwendige Live-Produktionen gegeben, doch Kate Bushs „The Tour Of Life“ war etwas völlig anderes. Diese atemberaubende, bahnbrechende Kombination aus Musik, Tanz, Theater und mehr war ihre erste Tournee – und ihre letzte.
Greta Van Fleet: Im Auge des inneren Friedens
Zwischen dem gefeierten Debütalbum ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY und dem neuen THE BATTLE AT GARDEN’S GATE liegen gut zweieinhalb Jahre ausgiebigen Tourens und der erstaunlich rapide Aufstieg in die erste Liga der Rockmusik. Auf ihrer zweiten Platte haben sich Greta Van Fleet bedeutend weiterentwickelt. Sie kehren den allzu klassischen Rockriffs bewusst den Rücken und verflechten ihre zunehmend intensiver werdenden Arrangements mit kunstvoller Optik und gesellschaftlich relevanten Aussagen. Es wird deutlich, dass die vier jungen Männer aus dem beschaulichen Frankenmuth ihre Schwingen ausbreiten und den erdigen Rock’n’Roll ihrer Anfangstage zurücklassen wollen, um nach dem großen Mehr zu streben. Im Interview mit CLASSIC ROCK skizziert Drummer Danny diese Entwicklung nach und verrät, worin das Geheimnis von Greta Van Fleet begründet liegt.
Pete Townshend: Der Suchende
Ende der 70er zwang ein Wirbelsturm aus Punk, persönlichen Problemen und Tragödien Pete Townshend, sein Leben und seine Karriere neu zu bewerten. Eines der Ergebnisse war sein Solo-Meisterwerk EMPTY GLASS.
Wer glaubt, man könne auf der Gitarre nichts Neues mehr machen, sollte sich diesen Mann merken.
Ein Beitrag aus CLASSIC ROCK #100
Tosin Abasi hielt einmal fest, die Gitarre sei „das Skateboard unter den Instrumenten“ – das stimmt, und nur wenige junge Saitenhelden haben so viele Tricks auf Lager wie er. Groß geworden Anfang der 90er in der Szene von Washington, D.C., wurde die markante Technik des US-Nigerianers am Scheideweg zwischen Hair Metal und Grunge geformt. Er erinnert sich, wie er in seinem örtlichen Musikladen Unterrichtsvideos auslieh, mit denen er seine Highspeed-Fähigkeiten verbessern wollte („Auf dem Cover war immer ein Typ mit einer Ibanez und riesiger Frisur“), doch dann verfiel er gänzlich den Psychosen von Pearl Jam, Nirvana und Soundgarden. „Das war die erste Musik, die ich hörte, die emotional wirklich komplex war.“ 2009 stieg sein Stern am Firmament als Mastermind der US-Prog-Metal- Instrumentalisten Animals As Leaders, doch Abasi hatte keinen Eddie Vedder, Kurt Cobain oder Chris Cornell, um den Emotionen hinter seinen Songs eine Stimme zu geben. Stattdessen verließ sich dieses mächtigste aller Trios auf eine überirdische Art musikalischer Begabung, um ausgeklügelte Klanglandschaften zu weben und alles, von erster Liebe bis zu blinder Wut, auszudrücken, ganz ohne einen Frontmann.
„Da gibt es keinen Typen, doch wir kommunizieren Angstzustände mit Harmonien und Rhythmen.“ Abasi Gitarren spielen zu hören – vor allem auf dem überragenden THE JOY OF MOTION von 2014 – bedeutet, gängiges Wissen über Bord zu werfen, während der 38-Jährige seine angsteinflößende achtsaitige Ibanez-Signature-Gitarre mit allen zehn Fingern beackert, Modern-Jazz-Einflüsse wie Kurt Rosenwinkel durchblitzen lässt und mit seiner Zwei-Daumen-Slap-Technik, abgeguckt vom Funk-Bass-Meister Victor Wooten, fast noch den Schlagzeuger überflüssig macht. „Die Gitarre ist ein so fähiges Instrument, wenn es darum geht, wie richtig komplette Musik zu klingen“, sagte er auf der Website Reverb. Ihn als Shredder zu bezeichnen, wäre viel zu kurz gegriffen („Das scheint mir eine ziemlich wertlose Motivation zu sein“). Doch es spricht Bände über sein monumentales Können, dass er auf der „Generation Axe“-Tour von 2016 nicht nur mithalten konnte, sondern die Bühnenkollegen Steve Vai, Zakk Wylde und Nuno Bettencourt mühelos zu ungläubig starrenden Schuljungen degradierte, als er sein Saiten-Slapping der nächsten Generation präsentierte (den Clip findet man auf YouTube). Instrumentalgitarristen werden selten zu bekannten Größen, doch man sollte nicht gegen Abasi wetten.
Anspieltipp: ›Physical Education‹ (Animals As Leaders, THE JOY OF MOTION, 2014)
Zahlreiche Musiker gedenken Andy Gill auf einem bald erscheinenden Cover-Sampler.
Als Tribut an den verstorbenen Gitarristen Andy Gill erscheint am 4. Juni THE PROBLEM OF LEISURE: A CELEBRATION OF ANDY GILL AND GANG OF FOUR. Darauf covern Künstler wie Herbert Grönemeyer, die Idles, Tom Morello oder auch Flea und John Frusciante Songs der Band Gang Of Four. Hier kann das Album schon jetzt vorbestellt werden.
Herbert Grönemeyer über seine Songauswahl ›I Love A Man In Uniform‹ und seinen Freund Andy Gill: „Andy. Wie schreibt man über einen Freund, der sich mit seiner stoischen, warmblütigen Art in Deinem Herzen verankert hat, und der dann so plötzlich aus dem Leben gegangen wird. Andy Gill kochte so gut wie er Gitarre spielte, er trank gerne gut wie er dickköpfig und schnörkellos produzierte und wie er seinen trockenen Humor schliff. Seine Seele lebte punklinks und sein Stürmen und Drängen war unbeirrbar. Trotz alledem war er ein sanfter, stur loyaler Mensch. Er war einer der aussergewöhnlichsten Gitarristen in der Musikwelt mit einem unverwechselbaren Spiel, keiner hielt die Gitarre so wie er. Ich habe mit ihm das Lied „ Staubkorn/ The Dying Rays“ aufgenommen und dieses Lied beschreibt ihn, neben seinem hardcore Ungestüm, in seinem Facettenreichtum, in seiner sanften, nachdenklichen Art.
›I Love A Man In Uniform‹ haben wir als Song ausgewählt, weil es in seiner Songstruktur meiner Art zu schreiben ähnlich ist. Gleichzeitig war es der Reiz und Versuch, Andies Gitarrenspiel analog auf den Synthesizer zu übertragen und zu zeigen, wie perfekt und zeitlos seine Arpeggios auch im Elektrostil heute funktionieren. Andy klingt sehr tief nach und bei diesem Album dabei zu sein, ist ein grosses Geschenk und in seinem Sinne auch eine grosse Freude. Er fehlt sehr!“
In Detroit fing alles an. In jener Stadt wurde Vincent Damon Furnier geboren, in jener Stadt sollte er 1971 endlich mit seiner Band durchstarten. 50 Jahre später lässt Alice Cooper mit DETROIT STORIES den Geist dieser Hardrock-Metropole wiederaufleben.
Als Alice Cooper 1970 nach zwei wenig erfolgreichen Alben, die sie über Frank Zappas Label Straight Records veröffentlicht hatten, nach Detroit kamen, lenkte das Schicksal die Band mit geschickten Zügen in die Arme eines aufstrebenden Musikproduzenten namens Bob Ezrin, um schließlich kurz darauf mit LOVE IT TO DEATH erstmals kommerziellen Erfolg einzufahren. 50 Jahre später bereichert Alice Cooper die Menschheit nach wie vor mit seiner ins kollektive Gedächtnis der Rockwelt eingebrannten Vaudeville-Show, bei der das Kunstblut spritzt und Fans an Abenden ohne Enthauptung empört das Geld für ihre Tickets zurückverlangen würden. Doch nicht nur theatralisch gesehen hat Cooper keinen Funken an Irrsinn und Kreativität eingebüßt, auch musikalisch betrachtet, liefern er und Bob Ezrin nach wie vor relevante Werke ab.
Zuletzt bewiesen sie 2017 mit dem wohlig schaurigen PARANORMAL, dass aus ihren Hirnen noch ambitionierte Ideen fließen, die mehr wollen als einen verstaubten Platz im Plattenregal vollständigkeitsverliebter Die-Hard-Sammler. Und vier Jahre später bringen sie nun das meisterlich zu Ende, was sie 2019 mit der THE BREADCRUMBS EP angefangen haben: Auf 15 Songs widmen sie sich der Stadt Detroit, Cooper zufolge früher das Zentrum für Hardrock schlechthin. Das Album, das mit grandiosen Musikern aus der Szene wie Wayne Kramer von MC5 eingespielt wurde und neben eigenen Songs ein paar Cover enthält, klingt erstaunlich frisch, fast schon jugendlich. Es strotzt vor Energie, strahlt so etwas wie eine gewisse Dringlichkeit aus und lässt einen einmal mehr verwundert den Kopf schütteln ob des scheinbar nie versiegenden Quells an Kokolores im Kopf des Alice Cooper. Um über die Geschichte der Platte zu erzählen, lud der Meister des Schockrocks höchstpersönlich – noch zur Geisterstunde, um 00:30 Uhr – zum Telefonat.
Warum hast du dich dazu entschlossen, der Stadt Detroit nach all diesen Jahren mit einem Longplayer Tribut zu zollen? Zu allererst wurde ich natürlich dort geboren. Und außerdem ist es das Zuhause des Hardrock. Los Angeles hatte die Doors, San Francisco Grateful Dead und New York war sehr sophisticated. Detroit hingegen liegt in der Mitte des Landes, eine industriell geprägte Gegend. All die Künstler damals – Alice, Iggy, MC5, Ted Nugent, Bob Seger – waren purer, sehr gitarrenlastiger Hardrock. Und ich dachte mir, wenn wir schon ein echt hartes Album aufnehmen würden, dann sollten wir das in Detroit tun. Wir schrieben die Songs dort, wir nahmen die Songs dort auf. Und all die Musiker stammen aus Detroit.
1970 hast du erstmals mit Bob Ezrin in Detroit zusammengearbeitet. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Warum entstehen die DETROIT STORIES erst jetzt? Das war, ehrlich gesagt, eher eine spontane Eingebung. Bob und ich arbeiten immer gerne mit Konzepten. Wir hatten vor, zwölf Hardrock-Songs zu schreiben, als wir uns plötzlich dachten: Warte mal eine Sekunde, wo kommt der Hardrock denn her? Aus Detroit! Warum also nicht alles in dieser und über diese Stadt machen? Über Charaktere und Typen schreiben, die mir dort begegnet sind, mit Musikern von dort kollaborieren, die ich seit den 70ern gut kenne? Johnny Bee von Mytch Rider & The Detroit Wheels und natürlich Wayne Kramer, der heute besser spielt als je zuvor! Mark Farner von Grand Funk Railroad ist mit an Bord. Alles ausgezeichnete Leute!
Hardrock und Detroit gehören also zusammen. Ist dieses Heavy-Element für dich der Kernaspekt der damaligen lokalen Szene? Absolut. Als wir in den 70ern dorthin zurückzogen, spielten an einem normalen Wochenende Iggy & The Stooges, Alice Cooper und The Who im Grande Ballroom. (lacht) Das war ein ganz normales Line-up zu jener Zeit. Detroit war damals ein wirklich heißer, verschwitzter, wichtiger „place to be“ für den Rock’n’Roll. Das Gegenteil von kultiviert. Diese Zeit ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, weil die Shows so viel Spaß gemacht haben. Wir fühlten uns zuhause.
Formt da eher die Musik die Stadt oder die Stadt die Musik? Ich denke, es ist sehr ungewöhnlich, dass in Detroit zwei grundverschiedene Genres so groß waren. Es gab Motown, das Mutterschiff des Soul, sowie Rhythm’n’Blues auf der einen und uns mit unserem Heavy Rock auf der anderen Seite. Wenn wir live spielten und ich ins Publikum schaute, stand da ein Smokey Robinson oder Stevie Wonder, weil sie die Rockshows echt mochten. Und am nächsten Tag hingen wir bei ihren Konzerten ab. Da gab es kein Schwarz-Weiß-Denken, es ging nur um die Musik.
Du sagst von dir selbst, nicht in der Vergangenheit zu leben. Aber haben diese Rückschau und das Thema nicht ein bisschen Nostalgie ausgelöst? Das ist zwiegespalten. Wir haben in Royal Oak aufgenommen, einem Vorort von Detroit, wo alle meine Tanten und Onkel wohnten und noch wohnen. (lacht) Also war da schon ein bisschen Nostalgie involviert. Andererseits muss man sagen, dass diese Gefühle bei meinen Mitmusikern wohl stärker aufkamen … Ansonsten behandelten wir diese Platte als brandneuen Gegenstand. Wir wollten nicht rückwärts gehen, sondern lediglich den Vibe dieser Stadt einfangen.
Auch textlich ist dieses Album stark. Besonders witzig finde ich Songs wie ›Independence Dave‹ oder ›I Hate You‹. Wie kommst du denn auf sowas? Letzterer entstand zusammen mit der ursprünglichen Alice-Cooper-Band, genauso wie ›Social Debris‹. Viele Bands hassen sich wirklich, wenn sie sich auflösen. Da gibt es Schlammschlachten und Gerichtsverfahren und weiß der Geier was. Bei uns war das nie der Fall. Als wir uns auflösten, haben wir uns nicht scheiden lassen, sondern sind einfach getrennte Wege gegangen. Über all die Jahre hinweg haben wir stets Kontakt gehalten und immer mal wieder miteinander gearbeitet. Wir waren niemals Feinde. Aber als wir für dieses Album zusammen arbeiteten, haben wir uns irgendwann darauf geeinigt, einen Song namens ›I Hate You‹ aufzunehmen und jeder sollte einen Vers über den anderen schreiben. Wir nehmen uns alle gegenseitig auf die Schippe, doch am Ende geht es eigentlich darum, dass wir sauer sind, weil [unser Leadgitarrist] Glen [Buxton] uns verlassen musste und diese Leerstelle auf der Bühne hinterließ. Weißt du, er war unser Keith Richards. Als er starb, klang die Band einfach nie mehr so wie zuvor. Im Endeffekt hassen wir uns in dem Song so sehr, dass wir damit zeigen, wie sehr wir uns mögen.
6. April 1979: Die Polizei nimmt Lou Reed nach einem Auftritt mit tumultartigen Ausschreitungen in der Offenbacher Stadthalle fest.
Unter schlechten Voraussetzungen startete Lou Reed anlässlich der LP THE BELLS im April 1979 seine dritte Deutschland-Tour. Aufgeschwemmt und unkonzentriert kämpfte er sowohl mit einer schweren Amphetamin- wie auch Alkoholsucht. Schwer zu schaffen machte ihm die Trennung von seiner transsexuellen Lebensgefährtin Rachel Humphreys. Seit seiner Kindheit und Jugend auf Long Island litt er an Panikattacken und Gemütsschwankungen, die homophile Neigung ihres Sprösslings ließen die Reeds mit Elektroschocks therapieren. Mit Blechbläser Marty Fogel, Schlagzeuger Michael Suchorsky, Bassist Ellard „Moose“ Boles, Keyboarder Michael Fonfara sowie den Gitarristen Chuck Hammer und Stuart Heinrich gastierte Lou Reed am 6. April 1979 in der Offenbacher Stadthalle. In der voll bestuhlten Örtlichkeit und mit vielen nicht mehr ganz nüchternen GIs im Publikum war nach der knapp einstündigen Verspätung der Band die Stimmung von Anbeginn an aufgeheizt. Sauber lieferten Reed und Co. mit einem Mix aus Soul, Funk und Jazz ab.
Noch beim zweiten Song brannte das Deckenlicht. Teile der Besucherschar machten lautstark darauf aufmerksam. Volle Pappbecher flogen. Reed drohte, dass Ruhestörer den Saal verlassen müssten, dann verließ er erbost die Bühne. Nach etwa 30 Minuten kehrte er zurück und setzte sein Set rund eine Stunde lang fort. Wieder flogen Bierbecher und Kippen Richtung Bühne. Reed stoppte abermals die Show. Ein Tumult entstand, in dessen Verlauf Reed eine junge Frau gewaltsam anging; es flogen erste Gegenstände, kurze Zeit später verließen sämtliche Musiker endgültg die Bühne. In Rage geratene Fans griffen sich Stühle und donnerten diese auf die Bühne. Aberhunderte demolierter Sitzgelegenheiten türmten sich auf und davor, zogen Teile des Equipments in Mitleidenschaft. Dann marschierte die von der MP flankierte Polizei ein und führte Lou Reed ab – es war Anzeige gegen ihn erstattet worden. Gegen das Gerücht, Mr. Reed hätte eine Nacht im Gewahrsam der Polizei auf einer Wache in Heusenstamm verbracht, stand die Tatsache, dass er gegen eine Sicherheitsleistung von 1.000 DM wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.
Wir werfen einen Blick auf die genialsten Bluesrock-Stücke. Einige davon sind bestens bekannt, doch keine Angst: Für Überraschungen ist gesorgt!
›Lightning Bolt‹ GRAVELTONES, 2013
Man denke zurück an 2013, als Royal Blood noch nicht in aller Munde waren, und man erinnert sich vielleicht an dieses australische Duo – ein aufregend kreischender Sänger mit Vogelnestfrisur und ein stämmiger Schlagzeuger mit schicken Hosenträgern. Gemeinsam katapultierten sie den rohsten und doch eingängigsten Bluesrock zurück in unser Bewusstsein, just als wir dachten, mit den Ende der White Stripes sei alles untergegangen. Dieses feurige Highlight öffnete die Tür für die „neue“ neue Welle des Bluesrock, die folgen sollte.
›Outlaw Angel‹ JOANNE SHAW TAYLOR, 2014
Als Teenager-Gitarrenwunderkind war Taylor fest unter dem Begriff „das neue Gesicht des Blues“ abgespeichert. Doch seitdem hat sie sich im Wesentlichen in Großbritanniens First Lady des Bluesrock im 21. Jahrhundert verwandelt – und in die britische Antwort auf Joe Bonamassa, unabhängig von Geschlechterrollen. Schon lange ist klar, dass Taylor eine verdammt gute Gitarristin ist, die noch dazu über eine kehlige, Motown-inspirierte Stimme verfügt. Doch auf diesem harten, bissigen Shuffle vom 2014er Album THE DIRTY TRUTH ließ sie ihren Blues so richtig rocken. Ihr Held Stevie Ray Vaughan wäre stolz gewesen.
›Blood Stop And Run‹ KILL IT KID, 2014
In einer Zeit, in der andere aufsteigende Blueser sich lieber bei einer moderneren Gitarrenhelden-Formel bedienten, ließ sich dieses britische Quartett von wesentlich älteren Größen wie Blind Willie McTell (der ihnen auch ihren Namen spendierte) inspirieren. Heute ist das ziemlich geläufig, aber vor ein paar Jahren waren sie damit noch Pioniere. Und kraftvoller als auf diesem brodelnden Hybriden aus rootsy Stimmung und elektrifizierten Klängen der Gegenwart war dieser Ansatz selten zu hören. Die Gründer, Chris Turpin und Stephanie Ward, haben inzwischen das akustisch ausgerichtete Duo Ida Mae gegründet, doch wir werden immer eine Schwäche haben für ihr elektrisches Baby, das dazu beitrug, den echten, frühen Blues wieder ins Bewusstsein der Rockwelt zurückzuholen.
›Blackbite‹ DAN PATLANSKY, 2014
Jahrelang war Dan Patlansky nur in seiner Heimat Südafrika ein Begriff, die nun wirklich nicht für ihre Bluesrockszene bekannt ist. Dort brachte er in Blues-Clubs von Stevie Ray Vaughan inspirierte Gitarrenheldentaten auf die Bühne. Doch dann erreichte dieser furiose Quantensprung von seinem siebten Album DEAR SILENCE THIEVES auch Ohren im Ausland und mehr Menschen begannen, zuzuhören. Gesang à la Lenny Kravitz und eine ordentliche Portion Funk finden in diesem 12-Takt-Gerüst zusammen und zeigen, wie charismatisch Bluesrock sein kann. Seither hat Patlansky zwei weitere gelungene Studioalben veröffentlicht, doch für uns bleibt dies sein bester Moment.
›Ain’t No Forgettin’‹ GILES ROBSON, 2015
Die Blues-Mundharmonika ist nicht tot, Giles Robsons tiefe Lungen auf diesem frenetischen Instant-Klassiker sind der Beweis. Das Bassdonnern am Anfang von ›Ain’t No Forgettin’‹ ist ›Ace Of Spades‹ äußerst ähnlich, und diese Energie läßt kein bisschen nach, wenn der Brite das süchtig machendste Mundharmonikasolo seit Jahren abfeuert. Angeblich schrieb Robson diese Melodie, nachdem Stax-Legende Steve Cropper ihn dazu ermutig hatte, sich „Geld-Licks“ einfallen zu lassen. Wenn es irgendeine Gerechtigkeit gibt, dann wird dieser Song ihm bis ans Ende seiner Tage die Rechnungen bezahlen.
›Human‹ RAG’N’BONE MAN, 2016
Rory Graham war jahrelang in Brightons HipHop-Szene aktiv ge wesen, bevor er die gewinnbringende Erfolgsformel entdeckte – beatlastiger Blues mit tieftönendem Gesang –, die sein Debüt HUMAN von 2017 in die Stratosphäre katapultierte. In einer hochglanzpolierten und quantisierten Welt wirkte das geisterhafte Stampfen des Titelstücks wie eine Lomax-Feldaufnahme und diese urgewaltige Stimme in einer Szene aus kieksenden Winzlingen wie ein Klang tief aus der Erdkruste. Der herzerwärmende Beweis dafür, dass der Blues immer noch wachsen und die Charts erobern kann.
›Blues Of Desperation‹ JOE BONAMASSA, 2016
Einmal abgespeckt und in einen Anzug gesteckt, verwandelte sich Joe Bonamassa in einen überragenden, wenngleich bisweilen etwas „glatten“ Bluesstar. Dann entdeckte er 2016 wieder die rockige Seite seiner Blues-Interpretation (die er inzwischen über 13 Studioalben und gefühlt mehrere Dutzend Live-Mitschnitte, Sampler und Kollaborationen kultiviert hat). Was zwar keine allzu große Überraschung war, schließlich war klassischer Rock à la Led Zeppelin und Deep Purple schon immer Teil seiner DNA gewesen, doch das Titelstück seiner zwölften Platte ist einer seiner stärksten, rockigsten Momente überhaupt und injiziert eine willkommene Dosis Härte und treibenden Swagger in seinen oft etwas glatten, modernen Stil.
›Plastic Hamburgers‹ FANTASTIC NEGRITO, 2018
Xavier Amin Dphrepaulezz (was unmöglich auszusprechen ist, also kennt man ihn eher als Fantastic Negrito) ist mit das Aufregendste, was dem Blues seit vielen Jahren widerfahren ist. Der 51-jährige Amerikaner verbindet äußerst effektiv frühen Blues mit HipHop, Rock, Soul, Funk und Prince-meets-Hendrix-meets-Tupac-Genialität. Die Single von seinem jüngsten Album ist dabei der bisherige Höhepunkt. Ach ja, seine turbulente Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-und-zurück-und-wieder-zurück-Geschichte ist so gut, dass man sie für erfunden hält. Doch sie ist wahr!
›Mother Rebel‹ JOYOUS WOLF, 2019
Wer sagt, die Kids von heute würden sich nicht für den Blues oder Rock interessieren? Diese jungen Kalifornier tun das definitiv! Sie haben ihren Stil selbst als „wütenden Blues“ bezeichnet, und das passt perfekt – vor allem bei diesem Highlight von ihrer EP PLACE IN TIME. ›Mother Rebel‹ quillt nicht über vor dem Feuer des 21. Jahrhunderts UND einem lasziven Blues-Swagger, es zeugt auch von genau jener Art von unmittelbarem, frischem Wind, die den Classic Rock so sympathisch in die Gegenwart transportiert. Ihr bevorstehendes Debütalbum wird die wahre Prüfung sein, aber diese Nummer muss man auf jeden Fall gehört haben.
›Heart Breaker‹ BEAUX GRIS GRIS & THE APOCALYPSE, 2019
Gitarrist Robin Davey war zuvor bei den Bluesrockern The Hoax und hatte sich auch schon mit Sängerin/Ehefrau Greta Valenti bei den punkbefeuerten Alternative/Garagenrockern Well Hung Heart zusammengetan. Für die neue Band Beaux Gris Gris & The Apocalypse (und ja, Dr. John hatte eventuell etwas mit diesem Namen zu tun) kehren sie so genial heißblütig wie knackig zum Blues zurück – zu hören auf dem besten Stück ihres neuen Albums LOVE AND MURDER. Wer das aufregende, ultracoole Gesicht des modernen Bluesrock sehen will, der findet es genau hier.
Wir werfen einen Blick auf die genialsten Bluesrock-Stücke. Einige davon sind bestens bekannt, doch keine Angst: Für Überraschungen ist gesorgt!
›Baby Did A Bad Bad Thing‹ CHRIS ISAAK, 1996
Mit einem pulsierenden Echo-Lick, das an ZZ Tops ›La Grange‹ erinnert, und Isaaks goldenem Crooning tief im Dreck, war ›Baby Did A Bad Bad Thing‹ ein Ein-Akkord-Groove, dem maximale Atmosphäre entlockt wurde. Schon bevor das erotische Video auf MTV alle Zweifel ausräumte (und ein Remix des Songs von Stanley Kubrick als Begleitmusik für eine Sexszene in seinem Film „Eyes Wide Shut“ von 1999 ausgewählt wurde), strotzte das Stück des Kaliforniers nur so vor feuchtem Voyeurismus. „Es geht um jemanden, der böse, verkorkst und schlecht ist, aber den man trotzdem begehrt“, erklärte Isaak.
›Stop Breaking Down‹ THE WHITE STRIPES, 1999
Ganz der Purist wie man ihn kennt, wusste Jack White nicht mal etwas vom Stones-Cover dieser Nummer und bediente sich für das Debüt der White Stripes 1999 direkt beim Original („Wir coverten Robert Johnson – ich wusste gar nicht, dass das auch auf EXILE war“). Das Duo aus Detroit zögerte dabei nicht, diesen Standard von 1937 quer durch das Studio zu prügeln, und zwar mit einem primitiven Beat, einem kaum gestimmten Slide-Break und Vocals, die scheinbar in ein kaputtes Mikrofon geplärrt worden waren. Wer das damals hörte, wusste, dass die White Stripes riesig werden würden.
›Road Runner‹ AEROSMITH, 2004
Aerosmith waren nicht die ersten, die sich dieses Songs annahmen: Jeder, von den Beatles bis zu The Clash, hatte sich schon einmal an Bo Diddleys unkaputtbarem 12-Takt-Stampfer von 1960 versucht. Doch wo die meisten ihn mit Samthandschuhen anfassten, war diese Neuinterpretation vom 2004er Blues-Covers-Album HONKIN’ ON BOBO grandios überdreht, von Steven Tylers Zeremonienmeister-Heulen („Ladies and gentlemen, step right up!“) bis hin zu Joe Perrys Hair-Metal-Gitarre. Der ultimative Soundtrack wenn man vorhat, eine Frau zu verlassen.
›Electric Worry‹ CLUTCH, 2007
Clutch stehen augenscheinlich eher für „DC-Hardcore-Punk und Stoner-Grooves“ als für „Oldschool-Blues“. Doch Neil Fallons Grollen und seine Darbietung im Stil eines sich in Rage redenden Predigers war ebenso von Howlin’ Wolf und Robert Johnson beeinflusst wie von ihren näherliegenden, zeitgenössischen Idolen. Die frühen Stimmen der tiefsten Südstaaten ziehen sich durch den gesamten Backkatalog von Clutch, doch so direkt wie auf diesem aufgebluesten Live-Favoriten waren jene Einflüsse nie zuvor erkennbar gewesen. Und jetzt alle zusammen: „Bang bang bang bang!“, na-na-na-nana, „vamonos vamonos…“
›Peace Machine‹ PHILIP SAYCE, 2009
„Who the fuck is this guitar player?“, fragte Jon Bon Jovi einnmal das Publikum, als seine Vorgruppe von der Bühne ging – und das Titelstück auf Sayces Solodebüt von 2009 war alles, was wir als Erklärung brauchten. Losgetreten von einem Hendrix’schen Schauern, kocht die Nummer zu einer Instrumental-Tour-de-Force über, die elf Minuten lang alle möglichen Grenzen auslotet, ohne jemals eine Idee zu wiederholen. ›Peace Machine‹ erreicht Sphären, in die sich nicht mal Joe Bonamassa trauen würde.
›Hand Me Down Blues‹ VINTAGE TROUBLE, 2011
Kein Studio konnte bis dato auch nur annähernd den Thrill von Frontmann Ty Taylor einfangen, wie er sich live durch diesen euphorischen Knaller wirbelt. Ein gutes Beispiel für seine Qualitäten als Showman sieht man in einem Auftritt auf „Later TV“. Doch diese Fassung vom Debüt THE BOMB SHELTER SESSIONS von 2011 – mit messerscharfem Gesang, schneidenden Gitarren und Tribal-Schlagzeug – zeigt genug von dieser Energie, die den Kaliforniern dazu verhalf, dass sie ins Rampenlicht gerückt wurden. Ein entscheidender Faktor für ihre Ernennung zur „Best New Band“ bei der Classic Rock Roll Of Honour in jenem Jahr.
›Howlin‘ For You‹ THE BLACK KEYS, 2011
Man kann nicht über Bluesrock im 21. Jahrhundert sprechen, ohne die Black Keys zu erwähnen. Das Duo aus Ohio machte gewissermaßen dort weiter, wo die White Stripes aufgehört hatten, und waren eine zugängliche, hookreiche Alternative, mit der sich der Mainstream sofort anfreunden konnte. Und wie: Die Black Keys wurden in rasantem Tempo von Radio, Fernsehen und sonstigen kommerziellen Medien ins Herz geschlossen. ›Howlin’ For You‹ war nicht nur einer ihrer erfolgreichsten, sondern auch einer ihrer besten Songs. Er wurde zur Inspiration für zahllose weitere Bluesrocker und machte die Black Keys zu einer der ganz wenigen Rockbands, die im vergangenen Jahrzehnt tatsächlich auf nennenswerte Art Einzug in die Popkultur hielten.
›Keep On Swingin’‹ RIVAL SONS, 2012
Die meisten sehen sie schlicht als „moderne Classic-Rock-Band“, doch im Kern der Musik der Rival Sons steckt der Blues – von Scott Holidays Zeppelinbefeuerter Gitarre bis zu Jay Buchanans erdiger Mischung aus altem Soul und dem Heulen im Stil der Südstaaten-Prediger. Auf diesem Highlight vom grandiosen Album HEAD DOWN von 2012 kam all das so präzise und packend wie nie auf den Punkt. Kein Wunder, dass bis heute dieser Song häufig in der Setlist der Rival Sons auftaucht.
›Ain’t Messin‘ Around‹ GARY CLARK JR., 2012
Nicht ohne Hintergedanken entschied sich Clark für die sen Song als Opener seines Major-Debüts BLAK AND BLU von 2012. Soulgetränkt, mit einem Fuzz-Pedal-Lick in der Strophe und dem umgehend zum Klassiker aufsteigenden Falsett-Hook im Refrain, war dies Blues, zu dem man tanzen konnte – und eine Botschaft an die neuen Zahlmeister bei Warner, dass er, Clark, keine Berührungsängste mit Geld hatte. Glücklicherweise ging die Kommerzialität hier aber nicht zu Lasten der Glaubwürdigkeit. Der Leadgitarren-Break war zweifelsfrei das Werk eines jungen Meisters.
›Made Up Mind‹ TEDESCHI TRUCKS BAND, 2013
Der anstürmende Büffel auf dem Artwork zum zweiten Album des Soul-Blues-Kollektivs fand seine klangliche Entsprechung in diesem übellaunigen Opener – ein Moment der reinen Angriffslust von einer Band, die oft fälschlicherweise als schöngeistig dargestellt wird. Das knackig-fiese Lick im Intro bereitet den Boden mit der richtigen Stimme, und Susan Tedeschis Gesang gewinnt zusätzliche Gravitas durch die Erkrankung in der Familie, die über dieser Session hing. Derek Trucks mag in seiner Karriere schon technisch versiertere Soli gespielt haben, doch so beherzt zugestochen wie hier hat der Slide-Gott nie zuvor. Unsere Aufmerksamkeit war geweckt.
In den 80ern genossen sie Weltruhm, doch dann schubsten aufgeblasene Egos, ein intrigantes Management und ein Faible für ein bestimmtes weißes Pulver sie aus der Überholspur. Nach 45 Jahren stellen Krokus den Tourbus nun zum letzten Mal ab.
Es ist schwer, den Gipfel zu erreichen, aber glaub’s mir, dort zu bleiben ist noch viel, viel schwerer“, sagt Chris von Rohr. Als Mitbegründer von Krokus, einer Band, die es aus der Rock’n’Roll-Provinz namens Schweiz in den 80ern zu internationalem Platinsellerstatus brachte, weiß von Rohr mehr als die meisten Menschen über Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. Krokus schafften es entgegen allen Erwartungen, einige der besten Hardrock-Platten jener Dekade zu veröffentlichen, und genossen einen sehr kurzen Aufenthalt an der Spitze dieses Genres, bevor Größenwahn, überambitionierte Manager, Exzesse und kreativer Burnout sie wieder auf den absteigenden Ast schoben. Noch weniger war jedoch damit zu rechnen, dass die Bandmitglieder, älter und weiser, ihre Differenzen beigelegen und sich sowohl auf musikalischer als auch auf persönlicher Ebene wieder zusammentun würden. Nach einer Wiedergeburt im Herbst ihrer Karriere schreiben Krokus nun die letzten Kapitel ihrer außergewöhnlichen Geschichte mit einem würdevollen, zufriedenstellenden Abschied.
„Wenn Fernando [von Arb] undich uns an diese Zeiten erinnern, fragen wir uns: ‚Was zum Teufel ist da passiert? Waren wir wirklich so durchgeknallt?‘“, sagt von Rohr und lacht. „Es gab Phasen, da konnte ich über dieses Kindergarten-Benehmen nur noch den Kopf schütteln“, fügt von Arb hinzu. „Die Kombination aus Erfolg und dem weißen Pulver war nicht gut – Schneesturm-Alarm!“
Krokus entstanden 1975 in Solothurn, zum Bandnamen inspiriert, nachdem von Rohr an einem Feld dieser bunten Blumen vorbeigefahren war, die passenderweise das Wort „rok“ enthalten. Die britische Musikpresse machte sich jahrelang einen Spaß daraus, geografische und botanische Kalauer darüber zu reißen, mit Überschriften wie „heavy petal“ oder „Alp is at hand“.
„Niemand wartete auf einen Haufen Rock’n’Roller aus dem Land des Käses, der Uhren und Banken, doch die Musik ist eine Universalsprache und wir folgten einfach unserem Traum“, so von Rohr.
Die Anfangsjahre der Band verliefen ziemlich planlos. Auf den drei Alben zwischen 1976 und 1978 – KROKUS, TO YOU ALL und PAIN KILLER – ließ sich noch keine eindeutige Richtung feststellen. „Wir hatten als ziemlich Prog-orientierte, experimentelle Band angefangen“, erklärt von Rohr, der zunächst Schlagzeuger der Gruppe war, bevor er auf TO YOU ALL – zugleich der Einstand für Gitarrist von Arb – ans Mikro wechselte. „Schrittweise tauchten wir aus der Ursuppe auf und fingen an, etwas aufzubauen, das besser zu uns passte.“
Doch die Unsicherheit blieb. In manchen Ländern wurde PAIN KILLER unter dem Titel PAY IT IN METAL verkauft, außerdem gab es je nach Markt fünf verschiedene Albumcover. Die Zeit war reif für ein wenig mehr Klarheit und eine definierte Stoßrichtung. „Die Scorpions hatten uns gezeigt, dass die Musik nicht so kompliziert sein musste. Schlichtheit ohne Banalität war der Schlüssel.“ Auch wenn von Rohr ein fähiger Frontmann gewesen sein mag, war er doch nicht der Sänger, den Krokus brauchten. Während die Suche nach einem neuen Mann am Mikro begann, machten sich von Rohr und von Arb an die Arbeit, um die Songs zu schreiben, die ihren Traum entweder Wahrheit werden lassen oder endgültig begraben würden. Jeder wurde aufwendig als Demo aufgenommen, feingeschliffen und, falls nötig, auseinandergenommen und neu konfiguriert, bevor der neue Sänger Henry Fries schließlich seine Vocals dazu beisteuern durfte. Doch dann schlug das Schicksal zu: Gerade als das Album bereit zur Veröffentlichung war, ließ Fries die Bombe platzen, dass er die Schweiz verlassen und ein neues Leben in Italien beginnen würde.
Einen Ersatz suchend, klopften Krokus bei dem gebürtigen Malteser Marc Storace an, den sie bei der Konkurrenz, der Schweizer Band Tea, gesehen hatten. Nach seinem Ausstieg bei Tea war Storace nach London gezogen, um eine Band namens Eazy Money zu gründen. Deren Song ›Telephone Man‹ war auf dem zweiten Teil des NWOBHM-Samplers METAL FOR MUTHAS zu hören. Tagsüber arbeitete Storace am Flughafen Gatwick und machte die Durchsagen für die Flüge.
„Tea hatten eigenartige Musik gemacht, aber Marcs Stimme war genial“, schwärmt von Rohr. „Wir wollten jemanden, der diese dritte Oktave treffen konnte, der hoch singen konnte, ohne dass es gezwungen klang. Es brauchte viel Überzeugungsarbeit, damit er zurück in die Schweiz zog, und bereit war, unsere Musik zu singen. Zumindest anfangs war es eine schwierige Beziehung zu ihm und es gab viel Streit.“
„Eazy Money standen kurz davor, einen Vertrag bei Chrysalis Records zu unterschreiben, und sie wollten uns nach Amerika schicken, um dort mit Genesis auf Tour zu gehen. Bei Krokus einzusteigen, bedeutete also, zweieinhalb Jahre Arbeit aufzugeben“, erklärt Storace heute und nennt die Fingerfertigkeit von Krokus-Gitarrist Tommy Keifer als entscheidenden Faktor. „Er spielte wie ein Gott“, sagt er. „Was Tommy da auf ›Fire‹ und ›Tokyo Nights‹ ablieferte, sind zwei der besten Gitarrensoli aller Zeiten. Ich weiß noch, wie ich zu meiner Frau sagte, dass dies eine Band war, bei der ich die nächsten zehn Jahre garantiert Arbeit haben würde. Und ohne angeben zu wollen, denke ich, dass mein Gesang seinen Teil dazu beigetragen hat, die Dinge auf ein neues Level zu heben.“