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Start Blog Seite 315

Zeitzeichen: Lemmy Kilmister – The Wörld Is Yours

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Ein paar Monate, nachdem Lemmy rausflog, wurde er bei einem Pink-Fairies-Auftritt im Londoner Marquee gesehen. Als guter Freund der Band saß er am Clubeingang – ausgerechnet an der Kasse. Konnte das gut gehen? Nein, natürlich nicht. Er brannte mit den Einnahmen durch für ein „Dirty Weekend“ in Frankreich. Natürlich in weiblicher Begleitung. „Ich mag Girls, das ist mein Ding“, sagte der Rickenbacker-Liebhaber gern. „Ich habe herausgefunden, dass man Frauen dazu bringen kann, ihre Klamotten auszuziehen, wenn man eine Gitarre hat. Und die Hüllen fallen sogar noch schneller, wenn man auf der Gitarre auch spielen kann.“ Weil er als pointierte Anekdotenmaschine in regelmäßigen Abständen brillierte, wurde das System „Fabulieren mit Humor“ zu einem seiner Markenzeichen. In Interviews konnte Lemmy immer wieder zu großer Form auflaufen – und, einmal in Rage geredet, sparte „der Helmut Schmidt des Hardrocks“ selten mit Kritik. Tiraden gegen Politiker hat Mr. Kilmister in unzähligen Schattierungen ausgeteilt. Im Jahr 1995 sagte er in einem Interview: „Ich habe viele Politiker kommen und gehen sehen, und es waren immer die gleichen affektierten Scheißkerle, die Babys küssen und Bergarbeitern nach falschen Versprechungen die Hände schütteln. Ich stimme keinem Politiker zu, ich halte sie alle für Wichser“. War um Lemmy dann ausgerechnet Todd Singer man, einen Kommunalpolitiker aus Kalifornien, zu seinem Manager machte, ist ein echter Widerspruch in seinem Leben. Und davon gab es sogar einige – darunter ein paar sehr kuriose: Als Lemmy für NO MORE TEARS von Ozzy

Osbourne vier Songtexte schrieb (für ›Desire‹, ›I Don’t Wanna Change The World‹, ›Mama, I’m Coming Home‹ und ›Hellraiser‹) war das in monetärer Hinsicht ein beeindruckender Erfolg: „Ich habe damit mehr Geld verdient als in den kompletten 80ern mit Motörhead“. Aber schließlich wurde ein Leben mit einer Band nicht erfunden, um damit möglichst viel Geld zu machen. „Ein Privatflugzeug, eine Yacht oder ein Sportwagen haben nichts mit Rock’n’Roll zu tun“, betonte Lemmy stets. Er sah etwas anderes hinter den Dingen: „Es geht darum, deine Eltern zu empören, die ganze Nachbarschaft zu vergrätzen und Mädchen flachzulegen“. Es gibt auch Bands, bei denen er schon mal genauer hinsah: „Radiohead oder Coldplay sind keine Rockbands – das ist Sub-Emo-Zeug. Ich meine, die haben ganz gute Songs gemacht, das muss ich ihnen lassen. Aber das ist kein Rock’n’Rooll. Kilmister himself stellte sich in 40 Jahren Bandgeschichte und 22 Studioalben sechs Gitarristen und vier Schlagzeuger an seine Seite. Darunter so unterschiedliche Typen wie Saxon-

Drummer Pete Gill oder Thin- Lizzy-Gitarrist Brian Robertson. „Ich hatte eine klare Vorstellung davon, was ich mit der Band spielen wollte – es sollte wie bei MC5 sein: laut und brutal.“ Und weil Motörhead immer viel live spielten, konnte sich Lemmy auf den langen Busfahrten seinen Hobbys widmen – neben Sex, Drugs und dem Sammeln von Militärdevotionalien aus den Weltkriegen war das vor allem die gedruckte Dichtkunst. „Manchmal hänge ich an drei Büchern gleichzeitig. Ich mag vor allem den Impressionismus in der Literatur und Englisch ist die beste beschreibende Sprache der Welt. Man hat zehn verschiedene Worte , die das gleiche bedeuten, aber mit einem klitzekleinen Unterschied.“Wegen solcher Aussagen wurde er zum Liebling des Feuilletons, zu seinem Tod 2015 erschienen bewegende Nachrufe in den Kulturteilen vieler renommierter Tageszeitungen – sogar in der Apotheken-Umschau. „Wenn du zurückblickst, siehst du nur die guten Dinge, weil das Gehirn die schlechten ausblendet, um dir eine Pause zu gönnen. Jedenfalls sollte man nicht immer nach den perfekten Momenten Ausschau halten. Wenn man ein ‚ganz okay‘ bekommen kann, sollte man auf die Knie gehen und irgendwem danken.“ Viel besser kann man den Sinn des Lebens nicht auf den Punkt bringen.

Guns N‘ Roses: Live-Debüt eines „neuen, alten“ Songs

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„Hier habt ihr ihn zuerst gehört, diesen neuen Song von Guns N‘ Roses„, meinte Axl Rose bei einer jüngsten Show in Boston, als er und seine Band einen Song namens ›Absurd‹ anstimmten. Was sich für einen kurzen Moment nach einem neuen Lied anhörte, wurde von Fans schnell als eine leicht abgeänderte Form des Tracks ›Silkworms‹ identifiziert, der bei den Sessions für CHINESE DEMOCRACY entstand.

Erstmals live gespielt wurde der Song vor circa 20 Jahren bei einer Show im „Hard Rock Hotel“ in Las Vegas, ein wenig später dann nochmal beim „Rock In Rio“-Festival.

https://youtube.com/watch?v=PcDZ8MUUt5o

In letzter Zeit ließen Mitglieder von Guns N‘ Roses immer mal wieder vereinzelte Kommentare zu neuem Material fallen. Slash meinte beispielsweise jüngst in einem Interview, dass er in einem Jahr sehr gerne neue Musik mit den Gunners veröffentlichen würde. Zuvor steht jedoch noch der Release einer neuen Soloplatte mit den Conspirators beim neu gegründeten Label Gibson Records an.

Fleetwood Mac: Lindsey Buckinghams Rauswurf als „Schädigung des Banderbes“

Im Jahr 2018 wurde Lindsey Buckingham bei Fleetwood Mac rausgeworfen. Als Gründe hierfür gab die Band damals an, dass Buckinghams Solo-Projekt zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Außerdem wäre es immer wieder zu Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten gekommen.

In einem Interview für den „WTF with Marc Maron“-Podcast sprach Buckingham jüngst über sein kommendes Soloalbum LINDSEY BUCKINGHAM und sein Zerwürfnis mit Fleetwood Mac. Der Gitarrist meinte in diesem Kontext: „Jeder würde sich darüber freuen, mich wieder in der Band zu sehen.“ Außerdem bezeichnete er seinen Rauswurf als „Schädigung des Banderbes. Wir haben 43 Jahre lang an diesem Erbe gearbeitet, es schwebte über den Dingen. Es stand für mehr als nur für Musik. Dadurch, dass wir das aufgrund menschlicher Schwächen, meine miteingeschlossen, zugelassen haben, haben wir dieses Erbe besudelt und ich denke, das ist eine Schande.“

Verborgener Schatz: Dust mit DUST

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Dust, DUST (1971), KARMA SUTRA, 150 Euro (UK-Pressung)

Die Mitglieder dieses New Yorker Powertrios sind eher bekannt für ihre Post-Dust-Aktivitäten. Drummer Marc Bell spielte erst noch bei Richard Hell And The Voidoids, bevor er ab 1978 als Marky Ramone auf den Bühnen dieser Welt trommelte. Sänger und Gitarrist Richie Wise produzierte unter anderem die ersten beiden Kiss-Platten, Bassist Kenny Aaronson machte Karriere als gefragter Sessionmusiker. Wenn man die Musikalität auf diesem Album hört, versteht man schnell, warum alle drei später für ihre jeweiligen Professionen gefeiert wurden.

Die UK-Pressung von DUST hat ein Sleeve-Design, das bei Sammlern sehr gefragt ist, wobei das originale Artwork aus den USA dem kantigen, harten, bluesigen und psychedelischen Sound der Band
mehr entspricht. Eindeutige Einflüsse aus dem Vereinigten Königreich sind hörbar – Bands wie Hard Stuff, Deep Purple und Sabbath fallen einem ein – aber alles in allem ist der Vibe definitiv amerikanisch und Dust reihen sich nahtlos in eine Reihe mit Untergrund-Ikonen wie Highway Robbery, Truth & Janey, Sir Lord Baltimore, Bang, Cactus und Captain Beyond.

https://youtube.com/watch?v=7JMQMD94YCE

›Chasin’ Ladies‹ ist eine klassische Früh-Metal-Perle, ›Goin Easy‹ ein sleaziger Stoner-Blues-Acid-Jam,
›Love Me Hard‹ höchst befriedigend mit seinem stampfenden Beat, der so typisch ist für die Zeit damals. Aber vor allem der 10-minütige Mini-Trip ›From A Dry Camel‹ löst lysergische Glücksgefühle aus. Die Wah-Wah-Gitarren locken einen hinein in diese seltsame Erzählung, die coole Effekte und erstklassige musikalische Fertigkeiten vereint. Jedes der Mitglieder spuckt Feuer ab dem Mittelteil, vor allem Aaronsons fluide Basslines und Improvisationen sind nicht von dieser Welt. Dust veröffentlichten den großartigen Nachfolger HARD ATTACK im Jahr 1972, bevor sie sich auflösten. (Lee Dorian)

ZZ Top: Erstes Konzert nach Dusty Hills Tod

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Am 30. Juli spielten ZZ Top ihre erste Show ohne Mitbegründer und Bassist Dusty Hill in Tuscaloosa. Hill war zwei Tage zuvor am 28. Juli im Alter von 72 Jahren gestorben, wie seine Band bei Social Media bekannt gab.

Bereits am 18. Juli musste Dusty Hill aufgrund von Hüftproblemen die gerade laufende Tour verlassen. Sein Gitarrentechniker Elwood Francis vertrat ihn auf Dustys Wunsch und wird auch in Zukunft die vier Saiten bei ZZ Top bearbeiten. In Gedenken an Hill wurde dessen Cowboyhut bei der Performance des letzten Songs, ›Tush‹, auf dem Mikrofonständer neben Billy Gibbons aufgebahrt, da dieser Track von Hill gesungen wurde.

Dass Elwood Francis auch gleich noch den passenden Bart mitbringt, um die Konstellation der zwei Männer mit Bart und Frank Beard, den Mann ohne Bart, aufrechtzuerhalten, sei reiner Zufall und ein Produkt des Lockdowns, so Gibbons in einem jüngsten Interview.

Die größten unveröffentlichten Alben aller Zeiten: DEF LEPPARD

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Def Leppard 2Als sich Def Leppard mit Jim Steinman zusammentaten, erwarteten sie Großes. Was sie bekamen, war eine riesige Essensrechnung.

Als Def Leppard im Sommer 1984 zum ersten Mal Jim Steinman trafen, gab er ein emphatisches Motto aus: „Ich glaube, wir können zusammen wunderschöne Musik machen.“ Steinman hatte gerade als Produzent des vierten Def-Leppard-Albums unterschrieben: der Nachfolger des Sechs-Millionen-Sellers PYROMANIA. Die Band hatte schon mit der Arbeit daran begonnen und mehrere Demos auf einer einfachen Vierspur-Maschine aufgenommen.
Der selbstbewusste New Yorker hatte einen großen Ruf als Schöpfer eines der größten Rockalben aller Zeiten: Meat Loafs BAT OUT OF HELL. Als er in Dublin ankam, um die fünf Mitglieder der Band in dem Haus zu treffen, das sie sich in der St. Helens Road 1 im Viertel Booters Town teilten, drehte er mächtig den Charme auf.

„Wir saßen alle im Wohnzimmer und tranken Tee“, erinnert sich Frontmann Joe Elliott, „und Jim sagte: ‚Ich habe eure Demos gehört. Ich steh total drauf, Mann!‘ Es war dieser typische amerikanische Bullshit.“ Gitarrist Phil Collen war beeindruckt von manchen Dingen, die Steinman sagte. „Er sprach davon, Phil Spectors ‚Wall Of Sound‘ zu rekreieren und dabei Def Leppard treu zu bleiben. Das klang, als könnte es ziemlich cool werden. Doch als Steinman große Töne spuckte, läuteten die ersten Alarmglocken in Joe Elliotts Kopf. „Jim war ein lustiger Typ, sehr exzentrisch“, so Elliott, „aber du könntest dich auch 20 Minuten mit Charles Manson zusammensetzen und hinterher denken, hey, der ist gar nicht so übel. Und schon bei diesem ersten Treffen wurde uns klar, dass Jim in einem komplett anderen Orbit als wir war. Ich bekam dieses unwohle Gefühl.“ Doch es war zu spät. Der Vertrag war schon abgeschlossen: Steinman war ihr Mann. Das Ergebnis war einer der teuersten Fehler in der Geschichte des Rock’n’Roll.

Jim Steinman war nur acht Wochen lang Produzent von Def Leppard, bevor sie seinen Vertrag annullierten. Keine der Aufnahmen, die mit ihm entstanden, wurden je veröffentlicht. Erst nachdem er durch „Mutt“ Lange ersetzt worden war, konnten sie endlich das Album fertigstellen, das sie HYSTERIA nennen sollten. Für Def Leppard war die Arbeit mit Jim Steinman ein Desaster. „Wir dachten, wir hätten den Ferrari“, so Collen, „aber tatsächlich hatten wir einen gebrauchten Golf.“

Die Wahrheit ist, dass sie ihn nie als Produzent gewollt hatten. Sie hatten geplant, wieder mit Lange zu arbeiten, dessen Einfluss auf ihren Sound als Produzent und Co-Songwriter so wichtig war, dass sie ihn als „sechstes Mitglied“ ansahen. Doch im April 1984, nachdem Lange mehrere Stücke mit ihnen in Dublin geschrieben hatte, sagte er ihnen, er sei zu erschöpft, um ihr neues Album zu produzieren, nachdem jahrelang ununterbrochen gearbeitet und Hitalben für AC/DC, Foreigner und The Cars sowie eben für Def Leppard gemacht hatte. „Als Mutt uns damit überrumpelte, hatten wir eine Notfallsitzung“, so Elliott. Die Band traf sich mit ihren Managern Peter Mensch und Cliff Burnstein. „Wir waren verzweifelt“, gesteht er. „Wen zum Teufel holst du dir, um Mutt Lange zu ersetzen?“

Roxy-Music/Sex-Pistols-Produzent Chris Thomas und Trevor Horn, einst Mitglied bei The Buggles und Yes sowie Produzent von Frankie Goes To Hollywood, wurden angefragt. Beide sagten, sie seien zu beschäftigt. Auch Phil Collins wurde kurzzeitig in Betracht gezogen. Cliff Burnstein war es dann, der Steinman vorschlug. Seine Logik hatte jedoch einen Fehler: Steinman hatte zwar die Lieder auf BAT OUT OF HELL geschrieben, produziert worden war es jedoch von Todd Rundgren. „Steinman war kein Produzent“, so Elliott. „Darauf wies ich hin. Aber weil Mutt ein Produzent war, der auch beim Songwriting und den Arrangements mithalf, dachte Cliff, dass wir eher beim Songwriting als beim Klang der Platte Hilfe brauchten. Da lag er falsch. Doch damals war Steinman die einzige Option, die wir hatten, also engagierten wir ihn.“ Als Steinman eingestellt wurde, bat Elliott Lange um Rat, der ihm sagte: „Versucht es – und wenn es nicht funktioniert, schmeißt den Typen raus.“ Elliott lacht, wenn er über diesen Ratschlag nachdenkt. „Das ist genau das, was dann passierte, denn Steinman war weniger als nutzlos!“

Der 11. August 1984 war Steinmans erster Tag im Produzentensessel in den Wisseloord-Studios in Hilversum, Holland. An seiner Seite arbeitete Neil Dorfsman, den Collen als „fucking brillanten Toningenieur“ bezeichnet. Doch von Anfang an sah Elliott Ärger am Horizont. „Wir wärmten uns an diesem ersten Nachmittag auf. Wir spielten eine lockere, Stoneseske Version von ›Don’t Shoot Shotgun‹ – nur das Riff und einen Teil der Melodie. Wir hatten noch nicht mal den Refrain. Und Steinman sagte: ‚Ich glaube, das haben wir im Kasten‘. Wir sahen einander alle an und Phil sagte: ‚Wir haben noch nicht mal unsere Instrumente gestimmt!‘ Und Steinman erwiderte: ‚Yeah, aber es hat Vibe.‘ Das war kein gutes Zeichen.“

Von da an ging es bergab. In den folgenden Tagen schlug Steinman einige Songtitel vor, darunter ›Use It Or Lose It‹. „Was er für einen guten Titel hielt, fanden wir scheiße“, so Collen. „Seine Ideen schienen etwas abgedroschen. Vielleicht war es ein Klassending. Es war offensichtlich, dass wir viel mehr ’street‘ als er waren. Jims Sachen waren etwas theatralisch, was super ist, aber halt nicht zu uns passt. Wir waren auf komplett entgegengesetzten Wellenlängen.“ Diese kulturelle Kluft zeigte sich bei einer weiteren von Steinmans Ideen. Für das geradeaus rockende ›Run Riot‹ schlug er Schnörkel im Stil von BAT OUT OF HELL vor. „Er wollte einen Synthesizer draufpacken“, so Elliott. „Da-da-da-da-da- da…wie Rick Wakeman auf ›Siberian Khatru‹ von Yes. Unserer Meinung nach hätte man keine schlechtere Idee haben können.“

Über acht Wochen arbeiteten Steinman und Def Leppard an sieben Stücken. Neben ›Don’t Shoot Shotgun‹ und ›Run Riot‹ waren das ›Animal‹, ›Women‹, ›Gods Of War‹, ›Love And Affection‹ – die es sämtlich auf die finale Version von HYSTERIA schafften – sowie ein Stück namens >Love Bites<, das später als – I wanna be your Hero – umgeschrieben wurde ,,Das waren Rohfassungen“, erklärt Collen. „Sie klangen… okay. Aber wir hatten sechs Millionen Einheiten von PYROMANIA verkauft, also wollten wir für den Nachfolger nicht weniger tun, sondern mehr.“ Elliott: „Wir wollten kein PYROMANIA II machen, sondern ein Meisterwerk der Produktion und des Songwritings. Wir wollten kein Album auf den Markt werfen, das genauso klang wie alles andere, das in diesem Jahr 1985 rauskam.“

Jim Steinman verstand Def Leppard einfach nicht so, wie Mutt Lange das tat. „Von Mutt bekamen wir diesen Fluss von Ideen und Inspiration“, so Collen. „Und darauf warteten wir bei Steinman. Und es passierte nie. Mutt will etwas Spektakuläres erschaffen – fast wie eine dritte Dimension, wo Gnus majestätisch vorbeiziehen… Steinman kam einfach rein und ließ uns aufnehmen. Und was er aufnahm, war nur gewöhnlich. Es klang nicht mal so gut wie unsere ursprünglichen Demos.“

Noch frustrierender für die Band war der Eindruck, dass Steinman sich nicht komplett auf den Job konzentrierte. „Wir kamen um 11 ins Studio“, erinnert sich Elliott. „Steinman stolperte um 3 hinein, weil er die Nacht aufgeblieben war, um BAT OUT OF HELL II zu komponieren. Er gab uns nicht seine ganze Aufmerksamkeit.“ Elliott behauptet außerdem, dass Steinman eine riesige Rechnung für Essen anhäufte. „Er sah sich eine Speisekarte an und bestellte eins von allem. Jeden Abend gab es auf unsere Kosten ein fucking Festbankett.“ Als Steinman dann noch Teppiche von höherer Qualität im Studio verlangte, hatte Elliott endgültig genug. Er sagte dem Rest der Band: „Wir sollten den Produzenten auswechseln, bevor wir den fucking Teppich auswechseln.“

Eine weitere Notfallsitzung wurde einberufen. Diesmal waren nur die fünf Bandmitglieder anwesend. „Das Problem war, dass Steinman nichts beitrug“, so Collen. „Und wenn du jemanden bezahlst, um dein Album zu produzieren, willst du, dass er besser ist als du – mindestens.“ Als die Sitzung vorbei war, wurden Mensch und Burnstein angerufen. Die Botschaft war: „Schmeißt diesen Typen raus!“

Mitte Oktober war Steinman weg. Neil Dorfsman ging mit ihm. Die Band stellte einen anderen Toningenieur ein, Nigel Green, der mit ihnen an PYROMANIA gearbeitet hatte. Sie nahmen mit Green bis zur Weihnachtspause auf, während da das Unvorstellbare passierte – Schlagzeuger Rick Allen verlor seinen linken Arm bei einem Autounfall an Silvester. Während Allen im Krankenhaus war, überredete er Lange, zurückzukehren und das Album fertigzustellen. Mit Lange wurde jedes Stück noch mal komplett neu aufgenommen. HYSTERIA erschien im August 1987 und wurde zum Riesenhit – dem größten Album in der Karriere von Def Leppard, das sich bis dato mehr als 20 Millionen mal verkauft hat.

Steinman bekam nie seinen neuen Teppich, aber seine Abfindung – laut Elliott „eine hohe sechsstellige Summe“. „Wir mussten eine Menge Platte verkaufen, um ihn auszuzahlen. Jim Steinman hat eine Menge Geld an Def Leppard für sehr wenig Arbeit verdient. Er ist in der Hinsicht ein ziemlicher Glückspilz.“

Fast 30 Jahre später hat Elliott immer noch eine Schachtel mit Kassetten, auf der „Hysteria: The Steinman Sessions“ steht. Und er hält es für beide Seiten besser, wenn diese Tapes ungehört bleiben. „Wir würden das Zeug nie veröffentlichen“, sagt er. „Nichts davon ist fertig. Es ist wie der schlechteste Bootleg, den du je gehört hast. Diese Tapes sind in meiner Bücherei weggesperrt. Und da werden sie auch bleiben.“

Meilensteine: Sonny & Cher

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1. August 1971: Das US-Popduo startet mit der TV-Show „The Sonny & Cher Comedy Hour“ durch.

Nach dem Durchbruch mit der US-Nummer-eins ›I Got You Babe‹ schwammen Sonny & Cher als in Schlaghosen, Pelzwesten und Blumenmusterblusen gehülltes Hippiepärchen par excellence noch eine ganze Weile auf einer internationalen Erfolgswoge. Komponist, Texter und Sänger Salvatore Phillip „Sonny“ Bono, Jahrgang 1935, Sohn italienischer Einwanderer und seit den Mittfünfzigern in der Showbranche aktiv, erwies sich als gewiefter Koordinator. Mit seiner 11 Jahre jüngeren und auch als Solistin aktiven Gattin Cherilyn „Cher“ Sarkisian gelangen ihm bis 1967 weitere von ihm verfasste Charterfolge.

Doch die Dollarmillionen verflogen so rasch wie sie über das ungleiche Duo hereingebrochen waren. Vor allem die selbstfinanzierten Kinoflopps GOOD TIMES (1967) und CHASTITY (1969) gingen an die Substanz. Zumal sich auch die Sangeskarrieren trotz exzellenter LPs wie Chers 3614 JACKSON HIGHWAY (1969) im freien Fall befanden. Im März 1969 kam Familiennachwuchs zur Welt. Bei Nachtclub-Engagements in Las Vegas erfolgte der Reset mit neuen Kunstfiguren: Cher gab die Clever-Schlaue, die mondäne Diva, Sonny den gutmütig untertänigen Empfänger ihrer derben Beleidigungen. Hinter den Kulissen kontrollierte Sonny akribisch sämtliche Aspekte.

Das TV-Special „Nitty Gritty Hour“ sowie ein Guest-Hosting bei „The Merv Griffin Show“ (beide 1970) machte CBS Programmchef Fred Silverman aufmerksam – er bot den beiden eine eigene TV-Show an: Nach Probeshows im Sommerprogramm startete „The Sonny & Cher Comedy Hour“ am 1. August 1971 und lief wie die Feuerwehr mit jeder Menge Gaststars. Pop-Eingängiges wie ›Gypsys, Tramps & Thieves‹ oder ›All I Ever Need Is You‹ eroberte die Charts. Vier Staffeln (mit insgesamt 67 Episoden) lang funktionierte es bis zur abrupten Absetzung am 29. Mai 1974 – das Paar ließ sich scheiden. Sie folgte mit „The Cher Show“, er mit „The Sonny Comedy Revue“. Wiedervereint kehrten dann beide mit „The Sonny & Cher Show“ (1976/77) zurück – doch das Momentum war verflogen.

Don Marco & die kleine Freiheit: Musikalische Patchwork-Familie

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Der Boss ist schuld. Als am 14. April 1981 die Familie eines amerikanischen Freundes Markus Naegele mit auf ein Konzert von Bruce Springsteen nimmt, ist es um den zu jenem Zeitpunkt schon seit fünf Jahren für Musik brennenden 14-Jährigen endgültig geschehen: Eine Gitarre muss her, Rockstar wird das erklärte Berufsziel.

Heute, 40 Jahre später, blickt der Wahlmünchner zurück auf eine bewegte Vergangenheit – allerdings nicht als Arenen füllender Guitar Hero, sondern als motivierter und bestens vernetzter Macher in der Kulturbranche. Die Musik hat sich der 54-Jährige zum Fulltimejob neben dem Fulltimejob (und Familie) auserkoren. Wenn Markus Naegele von seiner Musiksozialisation erzählt, von seiner in England erjagten Punk-Vinyl-Beute, vom mühseligen Erlernen des Gitarrenspiels und schließlich dem ersten richtigen Auftritt vor 200 Leuten, dann sieht man das Leuchten in seinen Augen und es wird einem schnell klar, warum er gar nicht anders kann, als an seinem Traum festzuhalten. GEHST DU MIT MIR UNTER ist nicht seine erste Platte, zuletzt spielte er bei den vielbeachteten Fuck Yeah.

Frustriert von fortlaufenden Line-up-Wechseln bei seinen bisherigen Bands hat er für sein Projekt Don Marco & die kleine Freiheit nun einen Ansatz gewählt, der auf ein klassisches starres Bandgefüge verzichtet. „Ich hatte einen Billig-Achtspurrekorder für 100 Euro, auf dem habe ich Skizzen festgehalten“, erzählt Naegele, der das Pseudonym Don Marco (sein alter DJ-Name) bewusst als Abgrenzung zu zurückliegenden Aktivitäten gewählt hat.

„Als ich genug Demos zusammen hatte, habe ich musikalische Freunde und Wegbegleiter gefragt, ob Interesse bestünde, die Songs mit mir einzuspielen.“ Das Feedback war überwältigend, Swans-Gitarrist Kristof Hahn zum Beispiel setzte sich ohne lange zu überlegen in den Flix Bus, um von Berlin zur viertägigen Aufnahmesession in die Bones Studios nach Niederding zu fahren. Noch mit im Boot: Tim Jürgens, Kevin Ippisch, Philip Bradatsch, Nick Buttermilch, Bonifaz Prexl, Stefan Kolbeck und Christof „King Brownie“ Hobein. „Die meisten kannten sich vorher nicht und der ganze Aufnahmeprozess war ein Experiment“, berichtet Naegele. „Ich bin ein Fan von Bands, die spontan und unter Druck im Studio frisch aufnehmen, bei denen vorher nicht schon alles komplett durcharrangiert und fast zu Tode gespielt wurde. Da kann man noch Sachen entdecken und sich gegenseitig motivieren. Und wenn wie bei uns ausschließlich Profis dabei sind, dann geht das auch in einem ordentlichen Tempo.“

Herausgekommen ist ein Album, auf dem Naegele all seine ihn prägenden, breitgefächerten Vorlieben hat einfließen lassen, von Glam-Rock zu Powerpop, früher NDW und New Wave zu bittersüßem Folk und Country. Eine echte Herzensangelegenheit.