Joe Satriani denkt seit jeher um die Ecke und ist, obwohl sein Backkatalog inzwischen 18 Studioalben umfasst, nach wie vor einer der kreativsten Köpfe im Musikbiz. Das grenzenlose THE ELEPHANTS OF MARS untermauert diesen Fakt.
Es ist das erste Mal in Joe Satrianis Karriere, dass auf ein Album keine Tour sondern direkt eine weitere LP folgt. Eigentlich sollte die Scheibe nach SHAPESHIFTING (2020) Satchs erstes Werk mit ausschließlich regulären Songs inklusive Gesang werden. Wie in vielen Fällen änderte sich aufgrund der COVID-19-Pandemie auch hier der „Schlachtplan“ und der „Godfather Of Instrumental Rock“ kündigte Ende 2021 seinen bisher vielschichtigsten Output mit dem abgefahrenen Titel THE ELEPHANTS OF MARS an. „Manchmal beginnen coole Projekte mit einem simplen Einfall. Ich habe in der Kompositionsphase für den damals noch unbetitelten SHAPESHIFTING-Nachfolger an einem Song gewerkelt. Urplötzlich ist mir ein absolut verrückter Gitarrensound eingefallen, der super in das 90er-Retro-Industrial-Arrangement gepasst hat. Als ich mit der Idee gespielt habe, ist daraus mehr und mehr eine Art Science-Fiction- Soundtrack geworden. Nachdem die Instrumentierung fertig war und ich ein Demo für die späteren Studiosessions aufgenommen hatte, ist mir urplötzlich eine kleine Storyline zur Musik mit auf einem fernen Planeten herumlaufenden außerirdischen Android-Elefanten eingefallen. Dieser technische Aspekt hat die transparente und sehr spartanische Struktur der ungefähr drei Minuten langen Aufnahme perfekt widergespiegelt. Gemeinsam mit meinem Produzenten und Keyboarder Eric Caudieux ist der spätere Titelsong auf 5:22 min aufgestockt worden. Dabei hat Eric ein Riff, das ich ihm irgendwann mal mit meinem iPhone aufgenommen habe, über mein Vorab-Arrangement gelegt und so das straighte Solo noch weiter in den Fokus gerückt. Kurzerhand habe ich den Basisnamen des Demos beibehalten und die Elefanten auf den Mars angesiedelt. ›The Elephants Of Mars‹ war ab diesem Zeitpunkt nicht nur der Titelsong, sondern hat mit seinem nach allen Richtungen offenen Vibe die Ausrichtung der gesamten Platte beeinflusst.“ Ein wichtiger Schlüsselfaktor in der Entstehung von THE ELEPHANTS OF MARS war wie eigentlich immer der Faktor Zeit. Ohne jegliche Live-Verpflichtungen und eine strikte Deadline im Hinterkopf konnte Joe seinen Mitmusikern größtmöglichen Freiraum für ihre Parts einräumen.
„Normalerweise sind meine Kollegen genau wie ich immens beschäftigt und haben immer einen vollen Terminplan. Wenn du dann auf einmal nicht mehr reisen kannst und aufgrund der COVID-19-Beschränkungen Studiosessions ausschließlich über die Datenautobahn stattfinden, kannst du dich auf deine Takes viel besser einlassen. Ich glaube, dass sie alle deswegen noch kreativer als sonst arbeiten konnten und das Maximum aus ihren Beiträgen gekitzelt haben.“ Neben dem Kernelement Musik ist THE ELEPHANTS OF MARS ein absolut chices Gesamtkunstwerk. Satriani legt nicht nur in seinem zweiten Leben als erfolgreicher Maler größten Wert auf stimmige Artworks. „Seit vielen Jahren kollaboriere ich für meine Plattencover und das Design meiner Scheiben mit einer Company namens Meat And Potatoes zusammen. Sie sind ultra breitgefächert aufgestellt und liefern absolut stylische Designs für High-End-Produkte, Hotelketten oder eben Musiker. Der Eigentümer, Todd Gallopo, und ich haben, egal ob mit Chickenfoot oder solo, richtig tolle Projekte verwirklicht. Nachdem er von mir den fertigen Mix von ›The Elephants Of Mars‹ aus seinem Mailpostfach gefischt hatte, hat es nur etwas über eine Stunde gedauert und ich bin mit der finalen Plattenhülle komplett vom Hocker gerissen worden. Die Grafikelemente, die hier zu sehen sind, funktionieren nicht nur auf einem Medium, sondern auch auf kleinsten Dingen wie Gitarrenplektren oder riesigen Videowalls.“
Montag, 04:30 Uhr. Der Wecker klingelt erbarmungslos, man hangelt sich halbgar aus dem Bett, klaubt im Halbschlaf Klamotten, Schuhe und Kaffee zusammen, geistert im Auto gen Flughafen München und steigt schließlich um 10:30 Uhr leicht vernebelt am Hauptbahnhof in Birmingham aus. It’s raining cats and dogs. Eine kleine Erfrischung, ein müder Blick in den Spiegel und eine Taxifahrt später sitzt man den Sheepdogs in deren schicken Nightliner in Strümpfen gegenüber (es herrscht eine strenge No-Shoe-Policy im Bus) und unterhält sich entspannt über Gott und die Welt, vor allem aber über den anstehenden Gig, der die UK-Tour der kanadischen Band zündet und in einer coolen Location in den Suburbs von Birmingham stattfinden wird. „Mal sehen, wie eingerostet wir sind. Das ist ja unsere erste Tour nach zwei Jahren Pandemiepause“, scherzen Bassist Ryan und Frontmann Ewan mit leicht angespanntem Blick auf die nun anwesende Journalistin, welche die Ereignisse des Abends in diesem Magazin niederschreiben wird. Da man die Band, die ihren Sound selbst simpel als „Goodtime Rock’n’Roll“ beschreibt, schon mehrmals live erleben durfte, macht man sich selbst jedoch absolut keine Sorgen um Unbeweglichkeitserscheinungen wie Rost oder knirschende Scharniere. Gegen 19:00 Uhr finden sich die ersten Menschen im The Castle and Falcon ein. Die musikalischen Einleitung des Abends heißt Andrew Cushin, der sich alleine mit Akustikgitarre die Seele aus dem Leib singt. Die Ansagen des Singer/Songwriters können nicht wiedergegeben werden, da der Newcastle-Akzent des Herren sogar den Einheimischen im Publikum Verständigungsprobleme bereitet.
Nach einer kurzen Umbaupause kommen endlich die Headliner des Abends auf die eher übersichtlich proportionierte Bühne und eröffnen ihr Set mit ›Rock And Roll (Ain’t No Simple Thing)‹, dem Titelstück ihrer jüngsten EP. Von da an können die Sheepdogs eigentlich nichts verkehrt machen. Die Retro-Herren in feinstem Zwirn pflügen durch ihren großartigen Katalog und werden trotz tänzerischer Zurückhaltung des Publikums nach jedem abgeschlossenen Song mit Applaus überhäuft. Vor allem bei den Hits ›I’ve Got A Hole Where My Heart Should Be‹, ›Nobody‹, ›Feeling Good‹ und ›I Don’t Know‹ ist die Freude bei den Zuschauer*innen groß, das Solo-Battle zwischen Frontmann Ewan, Gitarrist Jimmy Bowskill und Organist (und auch Posaunist) Shamus im Zwischenteil von ›Bad Lieutenant‹ wogt durch den eigenen Körper wie warmer Kakao. Eine ähnliche Wirkung erzielen die wundervollen Twin-Gitarren-Parts, genauso wie die teilweise vierstimmigen Gesangsmelodien, die die Liveperformance dieser Truppe auf ein anderes Level heben. Auch zwei brandneue und niemals zuvor live gespielte Songs bringen die kanadischen Zuckerstücke in Form der aktuellen Single ›Find The Truth‹ und dem funky ›Scarborough Street Fight‹ mit.
Die Wirkung der Tracks soll so schon einmal angetestet werden und was kann man sagen? Natürlich funktionieren auch diese Singles, weil sie sich in dem für die Band typischen Netz aus Classic-, Roots- und Southern Rock und Soul-Attitüde wunderbar entfalten, zu 100 % nach Sheepdogs klingen und die Seele tanzen lassen. Binnen eineinhalb Stunden schafft es diese Truppe, zwei Jahre Pandemie-Pein und die akute Angst vor einer Kriegseskalation zumindest kurzzeitig zu eliminieren und ausschließlich positive Schwingungen auszusenden. Zwei Tage später schrieb Frontmann Ewan noch eine kurze Nachricht: „Ich wünschte, du wärst gestern in Leeds dabei gewesen. Es war wirklich gut. Vielleicht waren wir am Montag doch noch etwas rostig.“ Wenn das rostig war, liebe Sheepdogs, dann ist unrostig wahrscheinlich gar nicht auszuhalten mit nur einem Menschenherz.
Eines ist sicher: Wenn ein Rock ’n‘ Roller weiß, wie man anständig einen draufmacht, dann Rolling Stones-Gitarrist Ronnie Wood. Kein Wunder, dass er sich stets in Gesellschaft anderer Party-Liebhaber befand: von Jeff Beck, Keith Richards oder Rod Stewart über Keith Moon bis hin zu Axl Rose und John Belushi – sie alle feierten mit ihm. Details? Aber sicher doch, Mr. Wood erinnert sich für uns…
JIMI HENDRIX
Wir wohnten zusammen in einem Haus in Holland Park, das Pat Arnold gehörte. Jimi besaß einen Hund namens Snoopy. Der hatte die dumme Angewohnheit, ständig überall hinzukacken. Pat gefiel das gar nicht, daher stellte er Jimi vor die Wahl: „Entweder das Tier verschwindet hier – oder ihr verzieht euch beide!“ Hendrix meinte darauf nur: „Was hältst du davon, wenn ich gehe – und du meinen Hund behältst? Ich muss sowieso raus hier, weiterziehen, etwas Neues erleben.“ Und das war’s dann.
Jimi eignete sich perfekt für eine Wohngemeinschaft: Er war ein überaus ruhiger, zurückhaltender Zeitgenosse. Kiffte viel und regte sich nie über irgendetwas auf. Stattdessen saß er herum und spielte Gitarre. Dabei wechselte er ständig die Position, denn er konnte alles beidhändig spielen, war also weder ein klassischer Rechts- noch Linkshänder. Ich konnte es kaum fassen – denn wenn ich versuchte, auf einer Linkshänder-Gitarre eine Melodie nachzuspielen, hörte es sich an, als würde ein Kleinkind in die Saiten hauen. Wir hocken oft zusammen und jammten auf unseren Akustikklampfen, da war viel klassisches Blues-Zeug dabei. Manchmal wärmte er sich bei diesen Sessions auch für eine Show auf. Dann mäkelte er immer an seiner Stimme herum: „Ich kann sie nicht leiden“, sagte er stets. Ich beruhigte ihn, indem ich ihm antwortete: „Mach dir keinen Kopf – dein Gitarrenspiel reißt ohnehin alles wieder raus!“
Jimi war ein wirklich netter Kerl, und zwar zu allen Leuten. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Er verließ das „Ronnie Scott’s“ – Arm in Arm mit einem Mädchen. Ich rief ihm noch „Gute Nacht!“ hinterher. Als ich am nächsten Morgen hörte, was passiert war, brach ich sofort in Tränen aus. Es war unbegreiflich…
RONNIE LANE
Er war ein Supertyp. Dann allerdings entschloss er sich, mit der Freundin seines besten Freundes durchzubrennen und sich auf einer abgelegenen Farm in Wales niederzulassen. Dabei hatte er doch Sue. Er, Sue und ihr Hund Molly, das war ein perfektes Gespann – zumindest in meinen Augen. Doch eines Tages kam er zu mir nach Hause und sagte: „Ich werde Sue verlassen. Und ich verlasse auch die Band.“ Ich konnte es nicht glauben und meinte nur: „Was? Guter Witz, haha…“ Denn immer wenn es Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gruppe gab, drohte irgendeiner von uns mit seinem Ausstieg. Das war normal – und hatte oft auch einen heilenden Effekt. Wir lachten darüber, und die Sache war gegessen.
Diesmal jedoch war alles anderes – Ronnie meinte es ernst. „Ich gehe wirklich“, betonte er. Das war sein letzter Besuch. Danach ging es gesundheitlich rapide bergab mit ihm. Die Multiple Sklerose kommt in Schüben, es ging schneller und schneller. Wir versuchten, ihm zu helfen – Rod und ich erkundigten uns nach allen möglichen Therapien, Behandlungen mit Schlangengift, Sitzungen in Unterdruck-Tanks, alles Mögliche. Aber nach einer Weile war klar, dass wir im Grunde nichts tun konnten.
ROD STEWART
Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, verbrachten wir einen wunderbaren Abend zusammen. Er lud mich und meine Freundin zu sich nach Hause ein. Rod besitzt ein luxuriöses Anwesen in Hollywood, mit viel Pomp – ganz so, wie man sich das vorstellt bei einem Rockstar. Im Garten stehen jede Menge Skulpturen und Säulen herum, es gibt etliche Springbrunnen usw. Er liebt es eben, seinen Reichtum zu zeigen. Daher fragt er mich auch immer nach meiner Meinung zu seiner Bilder-Sammlung.
Er liebt präraphaelitische Gemälde und will immer eine Bestätigung von mir haben, dass seine neueste Errungenschaft auch wirklich so toll ist, wie er denkt. Ich sagte dann stets: „Rod, kauf einfach, was dir selbst gefällt – du weißt doch am besten, ob etwas deinen ästhetischen Ansprüchen entspricht oder nicht…“
JEFF BECK
Er ist immer noch ein Spielkind, das es liebt, alles Mögliche auszuprobieren. Als ich ihn neulich angerufen habe, fragte ich ihn: „Hey, Jeff, hast du nicht Lust, mir einige deiner neuesten Tricks beizubringen?“ Er freute sich tierisch: „Aber sicher doch, ich brenne darauf!“ Jeff experimentiert ständig, und es macht mir immer wieder Freude, ihn zu besuchen, weil ich dann wieder Lust bekomme, mein Gitarrenspiel zu verbessern und etwas Neues zu lernen. Früher, zu Zeiten der Jeff Beck Group, war er wahnsinnig schüchtern – ebenso wie Rod übrigens. Immer wenn wir nicht allein auftraten, sondern gemeinsam mit einem anderen Gitarristen wie BB King oder Albert King, sagte er zitternd: „Nein, ich kann da nicht rausgehen.“
Dann verschwand er, weil er dachte, er sei nicht gut genug, um mit ihnen mitzuhalten. Rod war ähnlich drauf. Er wollte sich immer hinter den Verstärkern verstecken und von dort aus singen. Mir war das fremd – ich sagte zu den beiden: „Warum geht ihr nicht einfach da raus und habt eine gute Zeit?“ Bei den Faces hat das schließlich wunderbar funktioniert. Niemand zerbrach sich mehr den Kopf über Dinge, die vielleicht passieren könnten. Denn im Grunde besteht immer das Risiko, dass etwas schief geht.
Manchmal tritt etwas Unerwartetes ein, manchmal nicht. Doch gerade darin besteht doch der Spaß – und das Publikum weiß das auch zu schätzen. Die Leute wollen nichts Poliertes, Aalglattes. The Faces haben sich diese Attitüde bis heute bewahrt, zumindest im Kern.
Die Anonymität hinter der Maskerade gehört schon länger der Vergangenheit an, dem Kult um Ghost konnte diese kleine Realitäts-watsche jedoch nichts anhaben. Dass Tobias Forge als unein-geschränktes Mastermind hinter dem popkulturellen satanischen Spektakel steckt, das aktuell von Papa Emeritus IV angeführt wird, war den meisten Fans eh schon lange vorher klar. Nach einigen Rechtsstreitigkeiten mit diversen „nameless Ghouls“ alias Ghost-Musikern konnte sich Forge während der Pandemie zur Genüge sammeln, um nun sein fünftes Werk auf die Menschheit loszulassen. IMPERA reiht sich nahtlos ein in den qualitativ hochwertigen Katalog der Band und illustriert das Schaffen eines Künstlers, der mit Fachwissen, Beobachtungsgabe und einem untrüglichen Talent für Arrangements und Melodien nicht bereit ist, das von ihm selbst gesetzte Niveau-Level auch nur einen Millimeter nach unten zu verschieben. Im Interview mit CLASSIC ROCK erklärt der schwedische Musiker unter anderem, warum sein letztes Album PREQUELLE gar nicht so prophetisch ist, wie es heute in Zeiten einer globalen Pandemie scheint, an welchen Maßstäben sich grandioses Songwriting in seinem Kosmos messen muss und warum alles einem ewig währenden Zyklus aus Wiederholungen unterliegt.
Ihr tourt gerade durch die Staaten. Wie fühlt sich das an? Es fühlt sich sowohl fantastisch als auch surreal an. Natürlich sind einige der Routinen anders als vorher. Aber wir sind eine ziemlich erwachsene Band, wir sind keine Partytiere, also hält sich die Unerträglichkeit der Covid-Beschränkungen für uns in Grenzen. Trotzdem bin ich absolut dafür, das öffentliche Leben wieder hochzufahren, genauso wie ich total pro Impfen bin. Wenn der kulturelle Betrieb wieder aufgenommen wird, wird es im Großen und Ganzen besser für die Gesellschaft sein. Ich glaube, dass mehr Menschen durch die Maßnahmen als durch Covid-19 leiden.
Und wie läuft es sonst? Trauen sich die Menschen wieder ganz normal raus? Viele noch nicht. Unter diesen Umständen betrachtet würde ich meinen, dass die Tour wirklich phänomenal läuft. Aktuell spielen wir im Durchschnitt in 5.000er Hallen, wenn wir einen richtig guten Tag erwischen, bekommen wir vielleicht mal eine Venue für 10.000 Gäste voll. Wir sind eine Band, die erst vor wenigen Jahren aus den Clubs herausgewachsen ist, man springt aber nicht gleich von 2.000 Leuten zu 20.000 Leuten. Man hangelt sich von einem ausverkauften, größeren Club zu kleineren Indoor-Arenen. Wir befinden uns also aktuell auf solch einem Terrain.
Wenn wir kurz auf PREQUELLE zurückblicken: Zwei Jahre vor Beginn der Pandemie hast du ein Album über die mittelalterliche Pest veröffentlicht. Wie denkst du heute darüber? Statistisch gesehen war es eigentlich klar, dass eine Pandemie kommen musste. Das Leben generell und vor allem die Geschichte funktionieren sehr zyklisch. Alles bewegt sich in Kreisen, irgendwie ist alles schon einmal passiert, auch wenn es sich in neuen Formen und Farben präsentiert. Das letzte Mal ist so etwas vor 100 Jahren mit der Spanischen Grippe geschehen. Heutzutage wollen wir gerne glauben, dass historische Ereignisse völlig ihrer eigenen Zeit angehören. Wir wollen denken, dass die Menschen damals barbarisch waren, blöd und religiös, wir hingegen heute alles wissen und alles können, weil wir den Zenit der Zivilisation erreicht haben. (lacht) Das ist ein großer Irrtum. Wir fallen der Vorstellung anheim, dass die Zukunft und die Welt, wie sie existiert, nicht fluide sind.
PREQUELLE war dein bisher größter Erfolg. In welcher Gefühlslage warst du, als du mit IMPERA angefangen hast? Tatsächlich war ich in einem komplett anderen Mindset als zu PREQUELLE-Zeiten. Damals ging es mir sehr schlecht, während IMPERA fühlte ich mich sehr gut, obwohl die Welt absolut nicht in Ordnung war. Abgesehen davon ist es schwer zu sagen, wann ich wirklich mit einer neuen Platte beginne, weil ich ständig schreibe. Ich verwende Bruchstücke und Ideen von früher, ich fange nie mit einem weißen Blatt Papier an. Als wir im März 2020 unsere letzte Show spielten, war Corona etwas, das ich in den Nachrichten gesehen hatte. Wie wahrscheinlich viele westlich geprägte Menschen habe ich festgestellt, dass das Ganze weit weg ist und mir nichts weiter dabei gedacht. Ich flog von Mexiko nach Hause, richtete mir ein Studio ein und wollte dann fünf Tage die Woche loslegen. Drei Monate für das Songwriting, dann Auf- nahmen im Sommer. Doch schnell wurde klar, dass es so nicht gehen würde. Irgendwann trafen wir uns also nur noch mittwochs, weil ich mir dachte: „Das hier dauert wer weiß wie lange, ich genieße jetzt also besser die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen kann“. Ich war die letzten zehn Jahre schließlich immer weg. Im Grunde hatte ich nach den letzten Shows eh schon für ein Jahr ohne Tour vorausgeplant. Ich weiß, dass ich da privilegiert war, denn viele Menschen litten, entweder aus finanziellen Gründen oder weil sie plötzlich zuhause sein mussten. Viele waren alleine oder sie fanden sich in ihrem Zuhause mit einem Fremden konfrontiert. Aber meine Familie und ich haben das gut hinbekommen, wir genossen es. Klar habe ich zwischendurch viel gearbeitet, trotzdem war das eher, als wäre ich ein Vater, der einen Bürojob hat. Für mich war das sehr erfrischend, auch wenn ich weiß, dass sich das für manche provokativ anhören mag. Es war schön, nirgendwo hin zu müssen, einfach mal nichts zu tun zu haben.
Aus welchen Quellen schöpfst du, wenn du textest? Ich schreibe viel darüber, was ich sehe, höre und lese. Wobei ich gestehen muss, dass ich immer weniger lese, es gibt heute schließlich alles als Hörbuch. Zudem kommt ein Großteil meiner literarischen Kenntnisse aus Filmen. Ich habe die „Ilias“ nicht gelesen, aber ich habe „Jason und die Argonauten“ und Fi lme über Joyce geschaut, ich kenne die Erzählung, die Themen. Was ich damit eigentlich sagen will: Ich konsumiere unglaublich viel Historisches, Filme und Nachrichten. Das in Kombination inspiriert mich dazu, auf meine Umwelt zu reagieren. Im Kontext von Ghost bedeutet das, dass es mich kickt, darauf hinzuweisen, wie ähnlich sich die Gegenwart und die Vergangenheit sind. Die Parallelen sind frappierend.
Denkst du während des Songwritings schon über die Live-Tauglichkeit der Lieder nach? Auch auf IMPERA sind wieder Stücke wie ›Darkness At The Heart Of My Love‹, deren Dramaturgie wie für die Bühne geschneidert scheint. Normalerweise ist dieses Element immer enthalten, ja. Der erste kreative Funke ist meistens eine sehr intuitive Angelegenheit. Ab INFESTISSUMAM würde ich sagen, dass es eine Korrelation zwischen dem Sound an sich und dem Live-Moment in meinen Gedankenmustern gibt. Das ist wahrscheinlich relativ normal bei Künstlern. Wenn du irgendwann mehr Zeit auf der Bühne verbringst als im Proberaum, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du Songs schreibst, die live gut funktionieren. Bühnentaugliche Stücke zu komponieren ist ein wichtiger Teil meines Jobs. Doch auch heute noch trage ich Kämpfe aus, ich schreibe versehentlich immer noch Nummern, die live nicht wirklich funktionieren.
Findest du, dass das dann auch einer der integralen Bestandteile einer guten Komposition ist? Wenn ich in meinem Kopf meine Musikbibliothek durchgehe – und da ist alles dabei, von Chart-Stoff bis hin zu Death Metal – haben alle guten Stücke gewisse Dinge gemein: Muster, die sich dramaturgisch gesehen enthusiastisch entwickeln. Es geht beim Songwriting im Grunde ja nur darum, dass ein Muster dem nächsten folgt, sich auf unerwartete Art und Weise entfaltet, doch wenn man es hört, macht es Sinn. Ich persönlich als ein Aficionado von Prog und teilweise sehr bösem Extreme Metal aus den 80ern mag es, die Hörerschaft ein wenig reinzulegen. Nik Kershaw zum Beispiel landete einen Hit mit ›The Riddle‹. Bei genauem Hinhören ein seltsamer Song: Eine eigentümliche Struktur, komische Akkordfolgen, aber da die simple Melodie alles so gut zusammenhält, können sich die meisten Menschen an sie erinnern. Je mehr „al dente“ die Nummer ist, desto einfacher muss die Melodie gehalten werden. Als Mensch, der ständig schreibt, muss ich sagen: Es ist immer eine Herausforderung. Das Interessante daran ist, dass jeder Song dir als Erschaffer ein neues Rätsel aufgibt, es ist ein neuer Mordfall, ein neues Geheimnis, das man entschlüsseln muss. „Wie bringe ich das verständlich rüber? Wie finde ich eine Lösung?“ Ich bin im Prinzip eine Ansammlung von kleinen Details, bei denen ich mir immer die Frage stelle, wie ich sie verständlich präsentieren soll.
Wo ist dir das am besten gelungen? (überlegt lange) Ich weiß es nicht. Ich beurteile meine Lieder ja nicht nach kommerziellem Erfolg. Ich habe ja auch gefragt, welcher deiner Songs dem, was du gerade erklärt hast, am nächsten kommt. Okay, einer, der meine hohen Standards an Integrität, Ästhetik und Kommerzialität in eine gute Balance bringt, ist wohl ›Cirice‹. Das Stück ist al dente, nicht zu trivial auf die zwölf. Während ›Square Hammer‹ beispielsweise eher Ramones-artig ist. Der sollte unbedingt sehr direkt werden. Als ich den 2015 geschrieben habe, war ich irgendwie genervt davon, dass all unsere Songs immer so kompliziert waren. Ich wollte etwas, das sofort reinfährt, so etwas wie ›The Passenger‹. Danach habe ich immer mal wieder Lieder in dieser Art geschrieben, ›Dance Macabre‹ beispielsweise. Ich muss auch sagen, dass ›Kiss The Go-Goat‹ eine coole Nummer ist. Auch wenn sie sehr konventionell klingt, ist sie das nicht wirklich. Sie hat beispielsweise nur einen Vers und mehrere Refrains, total seltsam. (lacht) So ein Lied würde man eher für einen Film oder einen Werbespot schreiben. Das sehe ich als Pluspunkt an dem Track, weil es eigentümlich ist.
Warum hast du dich dazu entschieden, IMPERA mit so einem ungewöhnlich fröhlich klingenden Track wie ›Kaisarion‹ zu eröffnen? Mal abgesehen vom Text … Ich wollte das Album mit einem euphorischen „Ruf zu den Waffen“ beginnen. Vorher hört man ja noch ›Imperium‹, das wie eine Art Nationalhymne klingen soll, mit Fanfaren und allem Drum und Dran. Wenn du dir den Text von ›Kaisarion‹ hingegen ansiehst, entspricht dieser überhaupt nicht dem Vibe des Songs. Das sind die düstersten, bittersten Lyr ics, die ich jemals geschrieben habe
25 Platten hat Pete Agnew, Bassist und einzig verbliebenes Gründungsmitglied von Nazareth, inzwischen mit seiner Kombo gemacht. SURVIVING THE LAW heißt der jüngste Streich der Band, die aktuell aus Pete, seinem Sohn Lee, Gitarrist Jimmy Murrison und Sänger Carl Sentance besteht. Im Interview mit CLASSIC ROCK gibt sich das schottische Urgestein locker und freundlich und beantwortet mit seinem manchmal nur schwer zu dechiffrierenden Akzent alle Fragen zu dem neuen, 14 Songs starken Album.
Pete, wie hast du die Pandemie verbracht? Ach, nur damit, verrückt zu werden. (lacht) Und ich hatte viel Zeit, um Songs zu schreiben. Im Endeffekt sammelst du schon Ideen für das nächste Album, sobald das alte im Kasten ist. Das wurde nun verstärkt. Alleine in den ersten sechs Monaten hatte Jimmy mir zwölf Demos geschickt, du kannst dir vorstellen, wie es um seine psychische Gesundheit stand. Wir bündelten all unsere Energie im Songwriting. Trotzdem war das am Ende etwas langweilig für mich, ich bin es gewohnt, unterwegs zu sein.
Woraus habt ihr in diesen isolierten Zeiten kreativ geschöpft? Eigentlich fliegen mir auf Reisen viele Ideen zu, wir sind immer in Bewegung und das stimuliert mich. Bei SURVIVING THE LAW ging das nicht, ich saß daheim im Studio. Die Situation war also sehr anders. Das ist nicht absichtlich eine Pandemieplatte geworden, aber die aktuellen Umstände beeinflussen dein Schaffen. Wenn du sechs Monate im Knast sitzt, wird deine Musik das widerspiegeln. Und fast war es ja ein bisschen wie im Gefängnis. Von meiner Seite kamen deswegen viele Vorschläge, die introspektiver waren als sonst. Als es ans Aufnehmen ging, passten meine Ideen nicht so gut zur Atmosphäre des anderen Materials. Der einzige Track aus dieser Reihe auf dem Album ist ›You Made Me‹, weil er sofort allen gefiel. Das ist unsere 25. LP, ich habe die Vocals zu dem Song an meinem 75. Geburtstag aufgenommen. Das erschien mir passend.
Dass die Umstände das Album beeinflussen, hört man auch an Tracks wie ›Strange Days‹ oder ›Waiting For The World To End‹. Absolut, es geht teilweise schon etwas düsterer und auch sehr heavy zu. Die beiden Songs entstanden lustigerweise unabhängig voneinander, einer stammt von Lee, einer von Jimmy. Darin zeigt sich einmal mehr, wie stark das Außen das Bandinnere beeinflusst.
Wer hatte die Idee für den Titel? Das war ich. Jeden Tag werden hunderte von Gesetzen durchgeboxt. Das bekommt man gar nicht mit, trotzdem muss man sich daran halten. Mit dem Brexit und der Pandemie hat sich das verstärkt, wir als Band müssen Vieles beachten. Deep Purple veröffentlichten ja TURNING TO CRIME und ich dachte mir nur: Bei uns ist es ähnlich, wir versuchen, diesen Gesetzesdschungel zu überleben.
Erhält eure neue Musik dieselben Chancen wie die Hits aus den Blütezeiten? Nein, auf gar keinen Fall. Wir sind Nazareth, eine alte Band, und so sind wir im Denken der Menschen verankert. Wenn man unsere neue Musik ohne Vorwissen hören würde, wäre das vielleicht anders. Aber hey, ich beschwere mich nicht darüber. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich immer noch Alben machen darf. Das hier ist Nummer 25, stell dir das nur mal vor! Und ich spreche mit einer deutschen Journalistin darüber, so ver bockt habe ich es also wohl nicht!
Ich finde es bemerkenswert, dass ihr immer noch so hungrig und gut drauf seid. Das liegt daran, dass wir uns auf jedes neue Abenteuer freuen. Jede Tour, jeden Termin im Studio. Wir gehen nie zurück, wir versuchen immer, uns nach vorne zu bewegen. Es gibt keine Grenzen, deswegen bleibt es spannend. Wir wissen vorher nie, wie ein neues Album klingen wird.
Vieles von dem, was uns New Wave, Progressive Rock, Punk und EBM beschert haben, geht mittelbar und unmittelbar auf die Kölner Sound-Avantgardisten zurück. Immer im Epizentrum des CAN’schen Klangtreibens: Komponist und Arrangeur IRMIN SCHMIDT.
Albumtitel, die so manchem Kenner der Rockmusik den Speichel im Mund zusammenfließen lassen: MONSTER MOVIE, TAGO MAGO, EGE BAMYASI, SOON OVER BABALUMA, LANDED, FLOW MOTION, allesamt Can-Veröffentlichungen und mithin Klassiker deutscher Rockgeschichte. Unbestritten ist, dass die Kölner Klangvisionäre Can zwischen 1968 und (mit Unterbrechung) 1989 einige der bedeutendsten und einflussreichsten Alben der Rockannalen veröffentlicht haben. „Ich sah Sonic Youth auf dem Sonar Festival in Barcelona und verstand sofort, weshalb Sonic Youth uns mögen“, erzählt Irmin Schmidt, einer von vier Can-Musikern und als ausgebildeter Komponist und Arrangeur auch einer ihrer wichtigsten Köpfe. „Die Show hat mir sehr gefallen, vor allem die zweite Hälfte des Konzerts, als Sonic Youth ein einstündiges Stück anstimmten und eine ähnliche improvisatorische Experimentierfreudigkeit an den Tag legten, die auch wir bei Can immer als essentiellen Bestandteil unserer Musik angesehen haben. Ich will jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass wir Sonic Youth Can verstanden haben, das wäre pure Arroganz, aber mitunter erkennt man zumindest Teile unserer Handschrift. Das freut mich dann jedes Mal sehr.“
Irmin Schmidt ist Mitte 70. Vor nunmehr 50 Jahren hat er eine umfassende klassische Ausbildung als Pianist, Dirigent und Komponist genossen. Er hat bei Karlheinz Stockhausen und György Sándor Ligeti gelernt und Zeit seines künstlerischen Schaffens klassische Neue Musik mit Rock und Jazz zu einem aufregenden Hybrid zusammengefügt. Seine kompositorischen Fertigkeiten zeigen sich aufgrund seines vorbildhaften Arbeitsethos mittlerweile in unzähligen Werken. Schmidt: „Meine Mutter hat mir früh schon eingebläut: ‚Wenn du Musiker werden willst, gehört dazu ein gerütteltes Maß an Disziplin.’ Ich bin halt Preuße und halte es ganz ähnlich wie Strawinsky: Von 7 Uhr bis 12 Uhr wird komponiert, dann gibt es eine Mittagspause, anschließend kümmert man sich um die Post.“
Schmidt kann nach eigenen Angaben auf Knopfdruck kreativ sein und wird auch deshalb von vielen Fernsehsendern, die es mit Kultur und Bildungsauftrag ernst meinen – also eben nicht RTL, SAT1, PRO7 und ähnliche Konsorten – regelmäßig für Soundtracks und Titelmelodien engagiert. Zu seinen wichtigsten Filmkompositionen gehören die Musiken in „Rote Erde“ und „Messer im Kopf“. Schmidt nennt beide Fernsehproduktionen „Eckpfeiler meines Schaffens, aber dennoch bei weitem nicht alles, was mir als wichtig und gelungen erscheint.“
Legendär ist Schmidt in Rockmusikkreisen insbesondere durch seine Mitgliedschaft bei Can. Can waren der Inbegriff des guten Geschmacks. Will man die Kölner Band und ihr musikalisches Selbstverständnis begreifen, so muss man sich neben der Arbeitsweise und dem daraus resultierenden Produkt immer auch den Anspruch der Musiker Schmidt, Jaki Liebezeit, Michael Karoli und Holger Czukay vor Augen führen. Drummer Liebezeit, der im Januar 2017 starb, formulierte seine Vorstellungen etwa in folgender Phantasie: „Mir schwebt vor, eines Tages solche Musik zu machen, die auch von Marsmenschen verstanden wird“. Bassist Holger Czukay umschrieb seine kreativen Visionen mit den Worten: „Irgendwo fügen sich alle Dinge oder alle Geräusche zusammen, zu einer Symphonie. Musik hat etwas mit Geist zu tun, ist eine geistige Sprache.“ Can waren unüberhörbar Intellektuelle, die mit völlig neuen und innovativen Vorstellungen weit mehr verkörperten, als die Rockmusik-Szene bis dato gekannt hatte. Sie artikulierten als Idee die Weiterentwicklung vorhandener musikalischer Strukturen, wollten zukunftsorientierte Klänge machen, gewissermaßen Musik fürs nächste Jahrtausend.
RESULTAT DER APO-GENERATION Entstanden war die legendäre Formation im Juli 1968, in einer Zeit also, die von großen politischen Unruhen in Europa geprägt war. Ein Jahr zuvor hatte sich in Deutschland die so genannte APO formiert, die Außerparlamentarische Opposition. Ihre Leitfiguren waren Rudi Dutschke, Rainer Langhans und Fritz Teufel. Can passten mit ihrem intellektuellen Ansatz in diese Epoche, sie waren musikalisch anspruchsvoll, akademisch vorgebildet und keineswegs Musiker im lediglich traditionellen Sinne. Ihre elektronischen Filigran-Improvisationen unterlagen stets dem laut Irmin Schmidt selbst auferlegten Anspruch, „allen gesellschaftlichen Zwängen entgegenzuwirken“. Kreatives Domizil der Musiker war über viele Jahre zunächst das Schloss Nörvenich in der Eifel, später dann das bandeigene „Inner Space Studio“ in einem alten Kino, 20 Kilometer außerhalb von Köln. Can waren Tüftler, Experimentalkünstler, die sich von keiner Seite in ihr avantgardistisches Konzept reinreden ließen und jedwede kommerziellen Aspekte stoisch ignorierten. In den ersten fünf Jahren begnügten sie sich zum Schrecken ihrer Schallplattenfirma bei Aufnahmen mit einer alten Zweispur-Bandmaschine des Herstellers Revox.
Erst 1974 rüstete man auf ein 16-Spur-Tonband um. Speziell in England avancierten Can schon früh zu absoluten Superstars, viele britische Bands waren unüberhörbar von ihnen inspiriert. Ultravox, Simple Minds und auch David Bowie bekannten sich immer wieder zu Can als großen musikalischem Einfluss. Es hatte durchaus geniale Züge, wenn Can via Weltempfänger und Morseapparat bei ihren Studioaufnahmen, besonders aber in ihren Konzerten, eine Symbiose aus handgemachter Musik und Kulturen-übergreifenden Radioeinspielungen herstellten. Dabei saß Czukay häufig an einer Morsetaste, über die er Rhythmus und Sequenz beeinflusste, um so quasi mit der ganzen Welt zu kommunizieren und zu musizieren. In dem Song ›Mystery‹ entwickelte er beispielsweise den Rhythmus aus dem Schrittmuster eines Menschen, der eine Treppe hochgeht. Die ersten Gehversuche der avantgardistischen Künstler erwiesen sich allerdings als kommerziell nur schwer vermittelbar.
Ihr in Eigenregie aufgenommenes Debütalbum MONSTER MOVIE war ein finanzielles Desaster. Keine Plattenfirma ließ sich zunächst für die experimentellen Klangcollagen begeistern, in einer Auflage von nur 600 Exemplaren brachten Can deshalb 1969 die Langspielplatte als Privatpressung heraus. Ein Jahr später klappte es dann doch noch mit einem Plattenvertrag, United Artists verpflichtete die Kölner auf mehrere Jahre hinaus. Ihr erster Sänger, der Amerikaner Malcolm Mooney, stand bereits Ende des Jahres kurz vor einem Kollaps und kehrte auf Anraten eines Psychiaters nach Amerika zurück. Dessen Nachfolger, der 21-jährige Japaner Kenji „Damo“ Suzuki, kam auf ähnlichem Wege zu Can, wie seinerzeit viele Newcomerbands ihre Sänger rekrutierten.
Holger Czukay erzählte später: „Ich saß mit Jaki in einem Café in München und sah Damo. Er schrie und betete irgendwie die Sonne an. Ich sagte zu Jaki: ‚Da kommt unser Sänger’. Ich ging zu Damo und fragte ihn: ‚Kannst du heute Abend zum Konzert kommen?’ Er sagte zu und kam direkt auf die Bühne. Es war ein wahnsinniges Konzert, zuerst sang Damo sehr beherrscht, es war alles sehr friedlich, er war sehr konzentriert. Dann sprang er wie ein Samurai-Kämpfer auf. Er nahm das Mikrophon in die Hand und schrie das Publikum an. Das Publikum wurde dermaßen nervös, die Leute fingen an, sich gegenseitig zu schlagen, es gab eine Prügelei und fast alle rannten raus. Es war ein herrliches Konzert.“
SPOON Nur selten jedoch trafen die Kölner trotz überragender Fähigkeiten wirklich den Massengeschmack. Ihre Musik funktionierte in einem elitären Kreis ernsthafter Musikliebhaber, die breite Öffentlichkeit indes verstand das künstlerische Anliegen der Gruppe kaum. Und selbst ›Spoon‹, einer ihrer größten Hits, wäre beinahe dem Unverstand seines Auftraggebers zum Opfer gefallen. Denn ›Spoon‹ war als Soundtrack zum Durbridge-Kriminalfilm „Das Messer“ entstanden und eigentlich eine durch die Filmszenen festgelegte Auftragsarbeit. Irmin Schmidt erinnert sich: „Der Film wurde im Winter 1971/72 gedreht. Ich schaute mir die ersten Einstellungen gemeinsam mit dem Regisseur an, besprach mit ihm die Dramaturgie und schrieb mir in Form einer Liste Szene für Szene auf. Im Studio dann erklärte ich – quasi wie ein Märchenerzähler – den Anderen diesen Film.
Nach diesen skizzierten Vorgaben schrieben wir den Song. Wir ahnten zunächst natürlich nicht, dass es ein großer Hit werden würde, aber wir fanden den Song schon gleich aufregend und sehr neuartig. Jaki hatte mit einer Rhythmusbox gespielt und sie außerordentlich trickreich eingesetzt. Der Groove ging los wie eine Maschine. Doch der Regisseur mochte das Stück nicht, er fand es zu unkommerziell. Er protestierte, sagte schließlich: ‚Ich distanziere mich von diesem Song!’ Doch Produzent Rohrbach (u.a. Das Boot) mochte ›Spoon‹, fand ihn toll.“ Zu Recht, denn der Durbridge-Krimi zog insgesamt 32 Millionen Zuschauer in den Bann, Can profitierten davon und landeten mit ›Spoon‹ einen Singlehit, der sich weltweit mehr als 200.000 mal verkaufte.
GESEGNETER RHYTHMUS Innerhalb kürzester Zeit etablierten sich Can in ganz Europa und galten nicht nur bei Insidern als extraordinäre Rockband, die geschickt (aber unbeabsichtigt) Kunst und Kommerz miteinander verschmelzen ließ. Im Februar 1972 gastierte die Gruppe vor 10.000 Zuschauern in der Kölner Stadthalle und fackelte ein mit Laserstrahlen, Akrobaten und Feuerwerkern bestücktes Bühnenspektakel ab. Sechs Wochen später startete die erste Englandtournee. Die britischen Gazetten überschlugen sich vor Begeisterung, fabulierten etwas von „gesegnetem Rhythmus“ und einer sich von britischen und amerikanischen Rockbands wohltuend unterscheidenden Genialität. Ihre damalige Popularität bescherte der Gruppe neben zahlreichen TV-Features auch die Einladung zur bundesdeutschen Fernsehsendung „Pop 75“. Das englische Musikmagazin „Melody Maker“ attestierte Can, „eine der fortschrittlichsten Bands dieses Planeten“ zu sein und lud die Gruppe in die britische TV-Sendung „Old Grey Whistle Test“ ein. Anschließend gab es sogar das Angebot, gemeinsam mit Pink Floyd auf Tournee zu gehen. Doch Can lehnten ab, da sie ihr Programm nicht kürzen wollten. Außerdem hielt vor allem Schmidt nicht sonderlich viel von der britischen Rockszene: „Wir hatten vor allem amerikanische Gruppen zum Vorbild, also James Brown, Sly Stone, Captain Beefheart, Zappa, Velvet Underground, Miles Davis, Jimi Hendrix, aber auch John Milton Cage oder Terry Riley. In England entdeckten wir nur wenig, was uns inspirierte.“
Im Herbst 1976 erschien FLOW MOTION, hierauf zelebrierten Can entgegen früherer, eher anarchistischer Arrangements überraschend eingängige Ton- und Rhythmusstrukturen, mit poppigen Themen im Disco-Beat oder zu Reggae- und Tangotakt. Mit der Singleauskopplung ›I Want More‹ gelang dem Quartett ein Top 20-Singlehit in England. Das gleiche Kunststück wiederholten die Kölner mit einer gleichlautenden Paraphrase von Opernkomponist Jaques Offenbachs ›Can Can‹, zu hören auf dem 78er-Album CAN. Durch den Bassisten Rosko Gee und den Percussionisten Reebop Kwaku Baah, die beide vordem der englischen Kultformation Traffic angehört hatten, bekam die Musik von Can ab 1977 einen deutlich stärker afrikanischen Einschlag. Doch bei den Kölnern begann es erstmals zu kriseln. Czukay wollte statt mit einem traditionellen Instrument lieber stärker mit Radio und Telefon experimentieren und diese Hilfsmittel in die Musik von Can integrieren. „Das Verhältnis zwischen den Musikern und dem Radio ist wirklich magisch“, orakelte er. Doch seine Mitmusiker konnten sich nicht so recht mit dem neuen Medium anfreunden, fühlten sich musikalisch bereits auf einem anderen Pfad.
„BEI UNS VERLIEF ALLES TELEPATHISCH“ Für OUT OF REACH (1978), übrigens ohne Holger Czukay aufgenommen, gab es dann auch erstmals laute Kritik seitens der Medien. Zudem ließen sich die beiden Neuzugänge nicht ins Selbstverständnis der übrigen Mitglieder integrieren. Getrennte Regelungen der Tantiemen waren im Bandgefüge vorher unbekannt gewesen, die Traffic-Profis bestanden jedoch darauf. In all den Jahren begleiteten sowohl nationale wie auch internationale Presseorgane nahezu jedes Album der Band mit uneingeschränkter Begeisterung, attestierten den Kölnern über Jahre immer wieder ihre Ausnahmestellung unter allen europäischen Rock-Acts. Wie beschrieb es Jaki Liebezeit einst so treffend: „Unser Ziel war es immer, mit der Musik die Körper in Bewegung zu bringen. Man muss zu ihr tanzen können.“ Und Karoli ergänzte: „Alles bei uns verlief telepathisch, wir dachten und fühlten quasi synchron.“
Allerdings: In den Verkaufszahlen wirkte sich diese Medienbegeisterung letztendlich nur sehr selten aus. Denn im Verhältnis zu ihrem unbestritten großen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Popmusik waren Can kommerziell überwiegend eher unterrepräsentiert. Ende Mai 1978 gab die Band in Lissabon vor 10.000 Zuhörern ihr vorerst letztes Konzert und pausierte anschließend bis 1986.
Für Keyboarder Irmin Schmidt ist all dieses weit mehr als nostalgisch verbrämte Vergangenheit, sondern Teil seines einzigartigen Lebenswerks. „Ich bin froh, dass ich 1937 geboren bin, auch wenn wir Anfang der Fünfziger bitterarm waren. Aber ich konnte in Paris Komposition studieren, ich war dabei, als Stockhausen die elektronische Musik für sich entdeckte, ich war dabei, als Rockmusik in den Siebzigern progressiv wurde. Ich war immer dort, wo gerade etwas Neues passierte.“
Happy Birthday John Fogerty! Das Mastermind von CCR wird heute 77 Jahre alt.
Wenn man an Creedence Clearwater Revival denkt, denkt man gleichzeitig sofort immer auch an John Fogerty. Keiner schrieb mehr Hits der Kalifornier als er. Doch auch ein Rockgigant wie Fogerty hat klein angefangen. 1959 tat er sich erstmals mit seinem Bruder Tom Fogerty (Gitarre), dem Bassistern Stu Cook und dem Schlagzeuger Doug Clifford zusammen, um gemeinsam zu musizieren. Sie nannten sich erst The Blue Velvets, dann The Golliwogs, doch der große Erfolg kam erst als Creedence Clearwater Revival.
Am 28. Mai 1968 machte sich Fogerty selbst ein Geburtstagspräsent zum 23. Lebensjahr. An diesem musikhistorischen Tag wurde nämlich das selbstbetitelte Debüt von CCR veröffentlicht. ›I Put A Spell On You‹ (im Original von Screamin‘ Jay Hawkins) war einer der Erfolgssongs des Albums. Er erreichte Platz 58 in den US Hot 100 Charts 1968.
Alan White, Schlagzeuger von Yes, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Das teilte seine Frau in folgendem Statement mit.
„Alan White, unser geliebter Ehemann, Vater und Großvater ist am 26. Mai mit 72 Jahren in seinem Zuhause in Seattle nach kurzer Krankheit verstorben.“ Er war seit 1972 Teil der Band. Ruhe in Frieden, Alan White.