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Start Blog Seite 1377

The Dead Weather – SEA OF COWARDS

DeadWeatherDer White Stripes-Chef mit widerspenstigem Blues- und Garagen-Rock, der gerade nicht auf den Dancefloor will.

Ein beachtliches Tempo legen die Herrschaften vor: Album Nummer zwei nur knapp zehn Monate nach dem Release des Debüts. Aber was soll man machen, wenn die Ideen sprudeln und die White Stripes wie auch die Queens Of The Stone Age bald ins Studio gehen, die nächstmögliche Veröffentlichung der jetzt aktuellen Songs sich folglich um zwei Jahre verschoben hätte? Eben, drum: auf den Markt damit.

Danke dafür, denn SEA OF COWARDS rumpelt so rotzfrech und verquer daher, dass das Ohropax qualmt und sich kräuselt. Ultimative Hits aka Tanzflächenfüller? Fehlanzeige. Jedoch begeht genau jener einen Fehler, der nach ihnen sucht. Schließlich ist nicht überall, wo Jack White draufsteht, eine ›Seven Nation Army‹ drin (vor allem wenn dieser „nur“ am Drumset sitzt). Bei den falschen Erwartungen an den Erstling, HOREHOUND, lag dieser Hund bereits begraben. Aber The Dead Weather sind viel mehr als die dritte Band des White-Stripes-Chefs und Bond-Song-Schreibers. Das Licht der übrigen Mitglieder der Nashviller Garagen-Rock-Formation wurde dadurch unter den Scheffel gestellt. Auf SEA OF COWARDS kristallisiert sich nun heraus, dass der hauptamtlich bei den Queen Of The Stone Age beschäftigte Gitarrist Dean Fertita den größten Input liefert (ohne der The-Kills-Frontfrau ­Alison Mosshart und Raconteurs-Basser Jack Lawrence damit zu nahe treten zu wollen). Vieles erinnert an die letzte Queens Of The Stone Age-Platte, auch an Them Crooked Vultures und Led Zeppelin.

Im Gegensatz zu jenen Blues-Rock-Ikonen, die gerne mal voll aufs Gaspedal drücken und unverhohlen gerade Kopfnicker-Riffs raushauen, bleibt es bei The Dead Weather im verspielten Bereich. Licks beherrschen weitgehend das Geschehen, hier und da sorgen elektronische Sperenzchen für etwas Abwechslung. Etwas mehr Song-Orientierung und vielleicht mal ein unwiderstehlicher Refrain wären nicht verkehrt. Aber da sind sie schon wieder: die falschen Erwartungen.

Godsmack – THE ORACLE

Review_Godsmack_The_Oracle_Front_1200x1200„Here we go“: Zeitreise zurück in die Hochzeit des New Metal.

Unglaublich, aber wahr: Godsmack haben sich neu erfunden. Die Bostonians spielen mittlerweile eine explosive Mischung aus treibendem Calypso-Electro, ausuferndem Psychedelic Metal à la The Mars Volta und individualistischem Singer/Songwriter-Rock aus dem Hause Okkervil River. Zu abwegig? Zu schön, um wahr zu sein? Und deshalb: frei erfunden?

Genau! Bei den Mannen um Sully Erna tendiert der Innovationsdrang nun mal traditionell gegen Null. Vier Jahre Auszeit bedeuten nicht automatisch ein Überdenken des bisher so gut funktionierenden Erfolgsschemas. Und so alternativ-rockt der Vierer weiter unbeirrt durch die Landschaft, als spielte er anno 2001 zusammen mit Papa Roach und Tool auf einer Bühne bei „Rock im Park“. Alice-In-Chains-, Disturbed-, Creed-, James-Hetfield-Zitate und Phrasengedresche („Love, hate, sex, pain/it’s complicating me sometimes“) inklusive.

Macht aber irgendwie sogar Laune. Unglaublich, aber wahr. Überraschungen allerdings sehen anders aus.

Norman Palm – SHORE TO SHORE

PalmNormanRoots Music, modern interpretiert: der Folk-Wunderknabe der Stunde.

Norman Palm verzaubert die Indie-Kids von London bis Tokio mit seinem federleichten Songwriting. Vor zwei Jahren veröffentlichte er sein schlicht SONGS betiteltes Debüt. Der Clou: In einem 200-seitigen Buch wurden die Stücke in Bildern festgehalten. Da der Kunststudent damals kein Label fand, weil das Projekt sehr teuer war – „und die Musikindustrie sehr pleite“ –, brachte er das ambitionierte Werk auf dem eigenen Label Ratio Records heraus.

Für sein zweites Album, SHORE TO SHORE, hat der knapp 30-Jährige, der zwischen Berlin und Mexico City pendelt, auf opulente Beigaben verzichtet. Zehn Songs, 40 Minuten, mehr braucht es nicht, um ein Grinsen ins Gesicht des Zuhörers zu zaubern. Die Stücke zeichnen sich durch scheppernde Mini-Beats, melancholische Melodien und elektronische Spielereien aus. Lediglich Palms markante, leicht nasale Stimme ist auf Dauer etwas anstrengend. Dennoch: ein wunderschönes, sehr modernes Folk-Album.

Danzig – DETH RED SABAOTH

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DanzigDie Schwarte kracht endlich wieder höllisch hymnisch.

Im Fall von David Bowies beiden letzten Veröffentlichungen bemühten die Experten gerne die Einschätzung, dies sei jeweils Bowies beste Platte seit SCARY MONSTES AND SUPER CREEPS. Was das bitteschön – bis auf den Horror-Hauch im Albumtitel – mit Danzig zu tun hat? Ganz einfach: Für DETH RED SABAOTH lässt sich eine analoge Behauptung aufstellen. Denn das neunte Studioalbum des bösen Elvis ist tatsächlich sein bestes nach DANZIG IV von 1994. Zwar nicht von Rick Rubin, sondern von Chef Glenn höchstpersönlich Hand-am-Schritt-produziert, sitzen melodiöses Muskelspiel, das markante, tiefe Gruft-Geheul und die Finster-Stimmung fast wieder so stramm wie einst. Das Gitarrenspiel von Prongs Tommy Victor glänzt im metallischen Mondlicht, und die Rhythmusfraktion aus dem zum Bass konvertierten Steven Zing (Samhain) und Schlagzeuger Johnny Kelly (Type O Negative) macht dämonischen Druck.

Noch viel schöner aber ist, dass Danzig hier endlich wieder durchgängig die Hymnen-Hantel schwingt. Egal ob breitbeinig balladesk wie beim grandiosen, in der Strophe an ›Sweet Dreams (Are Made of This)‹ erinnernden ›Rebel Spirits‹ oder beim harten Eröffnungs-Rocker ›Hammer Of The Gods‹ – nahezu jeder Song strotzt vor fetten Fleischerhaken-Hooks. Wie sein Schöpfer ein kleines teuflisches Meisterwerk.

Anathema – WE’RE HERE BECAUSE WE’RE HERE

1293979444Die Briten bleiben sich und ihrem Stilwechsel treu.

Mit ihren ehemaligen Mit-Wegbereitern der britischen Death/Doom- und Gothic Metal-Bewegung, My Dying Bride und Paradise Lost, hat Anathemas Sound schon lange nicht mehr viel gemein. Nunmehr im Progressive Rock-Ambiente angesiedelt, heißen die Referenzen eher Pink Floyd, Jeff Buckley und vielleicht sogar Coldplay. Melancholisch träumerische Pop-Harmonien, Piano-Tupfer und unbrüchig fragile Flächigkeit finden sich somit auch auf Anathemas achtem Album.

Mit einem Mix von Porcupine Trees Steven Wilson zur klanglichen Königsklasse veredelt, beweist WE’RE HERE BECAUSE WE’RE HERE, dass sich das ewig lange Warten auf den Nachfolger des genialen A NATURAL DISASTER aus dem Jahre 2003 gelohnt hat. Vincent Cavanaghs Gesang harmoniert durchgehend herzergreifend mit dem von Sängerin Lee Douglas, das stimmungsvolle Songwriting schmiegt sich behutsam, aber eindringlich ins Ohr, und auch atmosphärisch ziehen Anathema die richtigen emotionalen Register. Ein Album wie gemacht für den Strandspaziergang im warmen Schauer eines verregneten Urlaubstages.

Nevermore – THE OBSIDIAN CONSPIRACY

NevermoreEine Herausforderung für Nachwuchsmusiker: Wer diese Songs nachspielen kann, bekommt sein Diplom!

Die Schaffenspause von Nevermore, aus der die zwei exzellenten Soloalben von Sänger Warrel Dane und Gitarrist Jeff Loomis hervorgegangen sind, hat der Band offenkundig nicht geschadet. Ganz im Gegenteil: Während Loomis endlich seine technische Versiertheit in voller Pracht ausleben – und Dane sich als Sänger und Songschreiber nachhaltig profilieren durfte, konzentrieren sie sich nun wieder frei von jeglichen Eifersüchteleien auf den vielschichtigen Progressive Metal ihrer Hauptgeldquelle.

Ähnlich wie beim Vorgänger THIS GODLESS ENDEAVOR (2005) zaubern Nevermore auch auf THE OBSIDIAN CONSPIRACY höchst unterschiedliche Stimmungen aus dem Hut: Mal klingt die Scheibe nach Rush, um schon im nächsten Track derbe Thrash-Attacken zu Tage zu fördern. An Komplexität ist diese Band ohnehin kaum zu übertreffen, erstaunlicherweise schaffen es Nevermore dennoch, den roten Faden des jeweiligen Tracks niemals aus den Augen zu verlieren.

John Norum – PLAY YARD BLUES

JohnNorumMit seinem neuen Soloalbum verneigt sich der Europe-Gitarrist vor dem Bluesrock der siebziger Jahre.

Mittlerweile beginnt man zu verstehen, warum John Norum einst den schwedischen Dukatenesel Europe in dessen kommerziell erfolgreichster Pfase verließ, um sich künstlerisch anderweitig zu orientieren: 1986 waren Europe eine jener austauschbaren Hairspray-Bands im Windschatten von Bon Jovi, deren zwar eingängiger, aber immer auch ein wenig simpler Hard Rock die Massen bewegte. Während also Europe-Sänger Joey Tempest die Gunst der Stunde nutzte und den Rahm seines ›Final Countdown‹-Geniestreiches abschöpfte, entwickelte sich Norum als Solokünstler zu einem der weltbesten Bluesrock-Musiker mit einer glänzenden Reputation in Fachkreisen.

Dies dokumentiert er nachhaltig auch auf seinem jüngsten Soloalbum PLAY YARD BLUES, auf dem er sich stilistisch an seinen Idolen orientiert, ohne sich jedoch an ihnen künstlerisch zu vergehen. Voller Inbrunst latscht Norum auf Wahwah- und Fuzz-Pedal, reanimiert die farbenfrohen Siebziger, wirkt dabei aber weder angestaubt noch ewig gestrig. Ganz im Gegenteil: Joe Bonamassa, Gov’t Mule und Konsorten sei Dank, dass diese in den frühen Siebzigern von der britischen Bluesrock-Szene um Free dominierte Musikgattung zurzeit eine neue Blüte erlebt.

Vor diesem Hintergrund demonstriert der schwedische Vollblutmusiker, dass er nicht nur Songs von Thin Lizzy (›It’s Only Money‹), Mahogany Rush (›Ditch Queen‹) und dem Mountain-Protagonisten Felix Pappalardi (›Travel In The Dark‹) mit eigenem Drive und persönlicher Attitüde zu neuem Leben erwecken kann, sondern in deren Geiste auch eigene Kompositionen scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt. Erstaunlich sein profundes Songwriting, noch lobenswerter seine dunkle Stimme, die wie eine Mischung aus Gary Moore, Phil Lynott und Glenn Hughes klingt.

Against Me! – WHITE CROSSES

AgainstMeWCcoverVerzockt!

Schlagzeuger Warren Oakes ist kurz vor Beginn der Aufnahmen zum fünften Against Me!-Album ausgestiegen, um ein mexikanisches Restaurant zu starten. Im Nachhinein muss man sagen: eine weise Entscheidung. Denn von der Klasse des Vorgängers NEW WAVE (2007) ist das Quartett aus Gainsville, Florida, inzwischen Lichtjahre entfernt. Nicht etwa, weil Mastermind Tom Gabel seinen beißenden politischen Zynismus und seinen Hang zu großen, hymnischen Melodien verloren hätte. Sondern weil die Produktion, für die kein Geringerer als Altmeister Butch Vig (Nirvana, Smashing Pumpkins) verantwortlich zeichnet, schlichtweg zu glatt geraten ist. Die Folge: Einige der Stücke erinnern eher an Bon Jovi denn an The Clash – und stehen somit im krassen Gegensatz zum engagierten Inhalt.

Was sich auf der Bühne vielleicht mit einer Extraportion Power und Spielwitz kompensieren lässt. Auf Tonträger aber nur einen Schluss zulässt: Die Band hat hier aufs falsche (Produzenten-) Pferd gesetzt – und sich gewaltig verzockt.