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Start Blog Seite 134

Def Leppard: DRASTIC SYMPHONIES

Opulente Neuinterpretationen

Auf dem Papier klingt das Konzept von DRASTIC SYMPHONIES wie eine via Orchester aufgemotzte Greatest- Hits-Sammlung. In der Realität ist die 16 Tracks starke Kollektion allerdings eine extrem kreative Klangreise durch den Backkatalog der britischen Rocklegende. Logischerweise befinden sich im Aufgebot Megahits wie ›Hysteria‹ oder ›Pour Some Sugar On Me‹. Die meisten Stücke sind jedoch charmanterweise (zu Unrecht) weniger bekannte Kompositionen. Das eröffnende ›Turn To Dust‹ vom massiv unterbewerteten SLANG (1996) etwa entfaltet gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra und einem orientalischen Ensemble einen mächtigen Vibe. Das andere Extrem zeigt sich beim PYROMANIA-Klassiker ›Too Late For Love‹ (1983). Aus dem ohnehin schon knackigen Track wird in einer geschickten Kombination aus Spuren und Samples des Originals mit Streichern und neuem Arrangement ein potenzieller Sci-Fi-Blockbuster-Titelsong. Enorm spannend sind auch die an vielen Stellen verwendeten Vokal- beziehungsweise Gitarrenduette zwischen dem jungen und heutigen Joe Elliott respektive Phil Collen. DRASTIC SYMPHONIES rangiert auf künstlerisch höchstem Niveau mit Langzeitwirkung.

8 von 10 Punkten

Def Leppard
DRASTIC SYMPHONIES
MERCURY/UNIVERSAL

Def leppard DRASTIC SYMPHONIES

T.G. Copperfield & Ben Forrester: OUT IN THE DESERT

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Schaurig schön, gut gerockt und folky – diese Koop funktioniert

Er ist schon verdammt rührig, unser Tilo Preißer, aka T.G. Copperfield. Nach der letztjährigen Wildwest-Oper SNAKES & DUST veröffentlicht er jetzt schon wieder ein neues Album: OUT IN THE DESERT, bei dem er und seine Band gemeinsame Sache mit dem amerikanischen Southern-Rock-Musiker Ben Edwards machen. Die Rollenverteilung ist klar: T.G. Copperfield schreibt die Songs und singt – Ben Forrester ist für Gitarren-Soli zuständig. Kein schlechter Deal. So kann sich jeder auf seine Stärken konzentrieren. Denn auch wenn der in Ostbayern beheimatete Mental-Cowboy Copperfield ebenfalls ein ausgezeichneter Gitarrero ist, bringt Forrester eine neue Note ins Spiel. Einen Sound, der unüberhörbar von der Allman Brothers Band oder – wie bei ›Old Man On The Mountain‹ – von Derek Trucks geprägt ist. Als gemeinsame Klammer der elf neuen Tracks kann man eine gewisse Düsternis ausmachen. So heißt auch gleich mal der Opener unmissverständlich ›Born To Die‹. Zum Glück aber gelingen Copperfield im Refrain so herrliche Harmonieverbindungen, dass man sofort an Wiedergeburt glauben möchte. Einen Zyklus beschreibt auch das Album: Nach rockigem Beginn setzen in der zweiten Hälfte ruhige, akustische Tracks die Akzente. Klasse Job!

7 von 10 Punkten

T.G. Copperfield & Ben Forrester
OUT IN THE DESERT
TIMEZONE

Mike Tramp: Musikalischer und emotionaler Brückenschlag

Wenn ihm ein Thema zu trivial erscheint, merkt man das Mike Tramp sofort an. Nach einer White-Lion-Reunion brauche man sich gar nicht zu erkundigen – das hätten bereits viele Kollegen getan und die Antwort darauf laute immer: Nein, keine Reunion. Doch ein wenig Nachhakerei muss sich der sympathische Singer/Songwriter trotzdem gefallen lassen, wenn er nun auf SONGS OF WHITE LION die größten Hits seiner ehemaligen Band neu aufnimmt. Allem voran die Frage: Braucht’s das?

Die Antwort darauf lautet „Ja“, obwohl sich Tramp bis zuletzt selbst nicht sicher war über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens: „Ich löste White Lion auf, weil der Grunge anrollte und unser Label sich nicht mehr für uns interessierte. Stell dir vor, nach der Trennung rief unser Management nicht mal an! Für mich war das also eine klare Sache. Abgesehen von ein paar unglücklichen Ausrutschern, bei denen ich wieder in die White-Lion-Welt schlitterte, bin ich seit 1996 solo unterwegs. Doch die Leute wollen immer White Lion hören, es schien, als würde mich meine Vergangenheit nicht gehen lassen wollen. Obwohl meine Tourband und ich gar nicht darauf ausgelegt sind, weil wir eher wie Tom Petty & The Heartbreakers klingen, performten wir einige dieser Songs live. Richtig fühlte sich das jedoch nie an. Das ist jetzt anders, auch wenn das hier natürlich nicht White Lion ist – diese Band bestand aus Vito Bratta und Mike Tramp. Für mich aber ist SONGS OF WHITE LION ein sinnvoller und angenehmer Weg, auch wenn es sich anfangs anfühlte, als würde man an der Tür der Exfrau klopfen.“ Womit Mike Tramp, neben der fast schon therapeutischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit, einen springenden Punkt anspricht, der manchen Fans ein Dorn im Auge sein dürfte – White Lion auf Platte ohne das genuine Gitarrenspiel von Vito Bratta: „Ich verstehe, wenn manche Leute das nicht hören wollen. Ich arbeitete lange mit Gitarrist Marcus Nand, ein großer Vito-Fan, an diesem Projekt und sagte ihm: Du musst Brattas Gitarrenparts eigentlich original übernehmen, jedoch in einer anderen Tonlage – gar nicht so leicht umzusetzen. Als ich dann dazu sang, fühlte es sich plötzlich an, als käme ich nachhause.“ Vor allem jener Gefühlszustand des Ankommens ist einer der Hauptgründe für die Neuaufnahmen der alten Lieder, mit SONGS OF WHITE LION schlägt Tramp für sich eine sinnvolle Brücke zwischen seinem früheren und heutigen Ich: „Jetzt fühlt es sich endlich so an, als wären der Mann, den ich im Spiegel sehe und der, der aus den Lautsprechern kommt, dieselbe Person. Ich habe zwei Seiten vereint“, so der dänische Künstler beschwingt. Ein letztes Argument für die neue Platte ist die Anpassung der Songs an Tramps aktuelle stimmliche Möglichkeiten: „Rock’n’Roll hat sich selbst vorgemacht, unsterblich zu sein. Das ist ein Irrtum, den ich schon früh entdeckt habe. Man muss versuchen, elegant zu altern – sich optisch und stimmlich an neue Lebensabschnitte anzupassen. Einige meiner Kollegen können ihr früheres Ich nur schwer loslassen, in manchen Fällen mutet das wie ein Comedy-Act an, fast schon traurig. Wenn ich mit SONGS OF WHITE LION demnächst auf die Bühne gehe, soll das eine Show sein, die eine Geschichte von früher erzählt und nicht eine, die verbissen an der Vergangenheit festhält.“

Ghost: PHANTOMIME

Der Meister des Coverns verghostet wieder

Wenn Künstler*innen auf den Cover-Trichter kommen, stöhnt man oft auf. Meist sind die neuen
Versionen maximal nett anzuhören, so richtig zünden tun sie nur selten. Anders verhält sich das bei
Ghost: Schon auf dem Debüt OPUS EPONYMOUS hat Tobias Forge mit dem Cover von ›Here
Comes The Sun‹ eine völlig eigene Art des Adaptierens etabliert und fortan mit Cover-EPs wie IF
YOU HAVE GHOST oder POPESTAR für Furore gesorgt. Mit PHANTOMIME folgt ein weiterer
Cover-Streich, der sich ›See No Evil‹ von Television (ein schöner Tribut an den jüngst verstorbenen
Tom Verlaine), ›Hanging Around‹ der Stranglers, ›Phantom Of The Opera‹ vom Iron-Maiden-
Debüt, Tina Turners zum aktuellen Weltgeschehen passendes ›We Don’t Need Another Hero
(Thunderdome)‹ und Genesis‘ religionskritisches ›Jesus He Knows Me‹ vorknöpft. Während alle
Adaptionen gelungen sind, wirken die zwei letztgenannten am meisten verghostet und zeigen, dass
Musiknerd Forge ein Zaubermeister im Spiel mit betörendem Pop-Appeal, bombastischen Melodien
und Harmonien ist. Wenn Ghost covern, ist das nicht nur fast immer ein Hochgenuss, sondern auch
eine kleine Adelung des jeweiligen Songs.

8 von 10 Punkten

Ghost
PHANTOMIME
LOMA VISTA RECORDS

Foo Fighters: Neue Single ›Under You‹

Gerade eben haben die Foo Fighters eine neue Single mit dem Titel ›Under You‹ und somit einen weiteren Vorgeschmack auf ihr neues Album BUT HERE WE ARE veröffentlicht, das am 2. Juni erscheint.

Der Song wird von einem schlichten Lyric-Video begleitet, textlich befasst sich das Stück mit dem Verarbeiten eines persönlichen Verlustes. Bei Textzeilen wie „pictures of us sharing songs and cigarettes, this is how I’ll always picture you“ legen nahe, dass Dave Grohl in dem Song den Verlust seines Schlagzeugers und besten Freundes Taylor Hawkins verarbeit.

Außerdem haben die Foo Fighters für kommenden Sonntag ein kostenfreies Streaming-Event angekündigt. Hier wird die Band die neuen Songs spielen, Behind-The-Scenes-Material zeigen und außerdem „ein paar Überraschungen bereithalten“, wie es in der offiziellen Ankündigung heißt.

Ghost: Neues Cover von Iron Maidens ›Phantom Of The Opera‹

Am 18. Mai erscheint eine neue Ghost-EP mit dem Titel PHANTOMIME. Darauf covert die schwedische Band um Mastermind Tobias Forge Nummern von Iron Maiden, The Stranglers, Television und Tina Turner. Nach dem ersten Vorgeschmack, Forges Cover von Genesis’ ›Jesus He Knows Me‹, gibt es jetzt die verghostete Version von Iron Maidens ›Phantom Of The Opera‹ zu hören.

Das Original ist auf dem Debütalbum IRON MAIDEN vertreten, das 1980 veröffentlicht wurde. Damals stand noch Paul Di’Anno am Mikrofon, der heute übrigens Geburtstag hat.

King Gizzard & The Lizard Wizard: Neues Album angekündigt

Für den 16. Mai kündigen King Gizzard & The Lizard Wizard ihr neues Album an. Die Platte hat den vielleicht längsten Album-Titel der Welt, er lautet: PETRODRAGONIC APOCALYPSE; OR, DAWN OF ETERNAL NIGHT: AN ANNIHILATION OF PLANET EARTH AND THE BEGINNING OF MERCILESS DAMNATION.

Mit ihrem Konzeptalbum INFEST THE RAT’S NEST öffneten King Gizzard & The Lizard Wizard 2019 die Tür zum Thrash-Metal. Auf der neuen Platte verfolgen sie diesen heavy Ansatz weiter. Eine erste Single mit dem Titel ›Gila Monster‹ gibt es hier zu hören:

Die eigensinnigen Australier tauchen auf der neuen Platte tief in Fantasy-Universen ein. „Wir wollten die Geschichte in der realen Welt beginnen und sie dann in die Hölle schicken“, so Mackenzie. „Es geht um die Menschheit und um den Planeten Erde, aber auch um Hexen und Drachen und so Zeug“, lacht er. Textlich ist das Albbum oberflächlich gesehen lustig, aber tiefgründig, wenn man etwas genauer hinhört. Shakespeare und die Bibel waren definitiv Inspirationen für die Gestaltung einiger der Texte, die die schwarz-komödiantische und düster-zerstörerische Geschichte des Albums mit höchster Dramatik erzählen. Es ist wie eine zweite Stimme auf dem Album – sie taucht in jedem Song auf, und es sind Worte, die vor 500 Jahren oder vor 2.000 Jahren benutzt wurden“.

Flashback 1966: The Beach Boys PET SOUNDS

Seinerzeit wurde PET SOUNDS nie so ernst genommen wie Bob Dylans BLONDE ON BLONDE oder REVOLVER von den Beatles. Vielleicht lag es daran, dass die Beach Boys nicht deren Gegenkultur-Coolness hatten, oder auch an dem schlichten, kunstlosen Cover.

Heute jedoch gilt dieses Album nicht nur als ebenbürtig, sondern in manchen Kreisen sogar als überlegen. Zweifellos definierte es gemeinsam mit der ebenfalls bahnbrechenden Single ›Good Vibrations‹, die fünf Monate später folgte, einen äußerst ambitionierten Kurs für die Zukunft des Rock.
Für seinen Komponisten, den so fragilen wie kindlichen Brian Wilson, war es vielleicht ein Quantensprung, doch PET SOUNDS kam keineswegs von ungefähr. Wer den Katalog der Band genauer unter die Lupe nimmt, findet schon auf ›The Lonely Sea‹ vom 1963er Zweitling SURFIN‘ USA oder frühen Balladen wie ›The Warmth Of The Sun‹ und ›In My Room‹ Andeutungen jener opulenten, solipsistischen Traurigkeit.

TODAY! von 1965 wiederum beinhaltete auf der zweiten Seite eine Reihe von Stücken, die ausgeklügelte Harmonien und die Absicht erkennen ließen, reifere Themen als Surfen und Hot Rods wie sonst üblich zu behandeln. PET SOUNDS war jedoch ein Kraftakt komplexer Kreativität, teils orchestrale Ambition, teils Proto-Konzeptalbum. Ein Nervenzusammenbruch auf einem Flug von Los Angeles nach Houston im Dezember 1964 hatte Wilson dazu veranlasst, seine Kräfte statt Touren und Promotion auf unterhaltsamere Tätigkeiten wie Songwriting und das grenzenlose Potenzial des Studios zu konzentrieren.

Seine ersten Erfahrungen mit Marihuana und Halluzinogenen im folgenden Jahr verstärkten diesen Freiheitsdrang nur noch. Und jetzt, wo RUBBER SOUL von den Beatles noch in seinen Ohren hallte und sein Konkurrenzdenken angestachelt worden war, nahm er sich vor, das „großartigste Rockalbum aller Zeiten“ zu machen, wie er seiner Frau Marilyn versprach.


Zwei wichtige Schritte erlaubten es ihm, die Mini-Symphonien in seinem Kopf in eine prachtvolle Realität umzusetzen. Erstens vertraute er dem Werbe- und Songtexter Tony Asher die Aufgabe an, seine Gedanken über verlorene Unschuld und die Unwägbarkeit des Daseins zu übersetzen. Zweitens rekrutierte er die Spitzen-Sessionmusiker The Wrecking Crew, darunter Gitarrist Glen Campbell und Bassist Carol Kaye, die schon an Phil Spectors Wall Of Sound mitgewirkt hatten. Die Aufnahmen leitete der 23-jährige Wilson dann selbst.


Die daraus resultierenden Songs – ›Wouldn‘t It Be Nice‹, ›Don‘t Talk (Put Your Head On My Shoulder‹, ›I‘m Waiting For The Day‹, ›God Only Knows‹, ›I Just Wasn‘t Made For These Times‹ und ›Caroline, No‹ – waren perfekte Miniaturen hymnischer Magie, die mit andächtiger Klarheit die Sorgen und Wünsche eines Heranwachsenden an der Schwelle zum schmerzhaften Erwachsensein zum Ausdruck brachten
Und auch wenn der musikalische Beitrag der anderen Beach Boys hier deutlich geringer ausfiel, war PET SOUNDS doch immer noch ein Triumph mehrstimmiger Gesangsharmonien, der ohne Wilsons Brüder Dennis und Carl, seinen Cousin Mike Love, Al Jardine und Neuzugang Bruce Johnston sicher nicht möglich gewesen wäre. 2012 sagte Love, das Album sei das Werk eines Mannes, „der auf dem Zenit seines Könnens war … so Avantgarde war Pop nie wieder“, womit er zudem sein Image als der Böse in der Band widerlegte.


Und Wilson war noch nicht fertig. PET SOUNDS erreichte nach seiner Veröffentlichung im Mai 1966 zwar nur Platz 10 in den USA, doch jegliche Enttäuschung über diesen relativen Misserfolg verflog im Oktober mit dem Erscheinen von ›Good Vibrations‹. Mit seinen Tonartwechseln und einem kaleidoskopischen Mosaik von Klangfragmenten, die Wilson über acht Monate in diversen Studios erschuf, erweiterte es maßgeblich den Horizont der Rockmusik und stieß Türen auf für alle, die folgten. Es war das epische, euphorische Gegenstück zur glorreichen Melancholie von PET SOUNDS. Nur wie soll man dieses Lied beschreiben? Als die erste Psychedelic-Single? Acid-Bubblegum-Pop? Etwas völlig anderes? In seiner ganz eigenen, verschrobenen Art beantwortete Brian Wilson es selbst, als er gefragt wurde, ob ›Good Vibrations‹ ein bahnbrechendes Beispiel für progressiven Rock gewesen sei. „Ja“, erwiderte er lapidar, „das war es. (PL)

The Beach Boys, PET SOUNDS, CAPITOL RECORDS 16. Mai 1966