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Start Blog Seite 133

Werkschau: The Doors

Die kalifornische Band wird oft auf den Sensationswert ihres Sängers reduziert. Zu Unrecht. Let’s swim to the moon….

Rockbands aus den Sechzigern werden bekanntlich gerne zu Legenden stilisiert, bei den Doors kommt noch der James-Dean-Faktor erschwerend hinzu: der früh vollendete Sänger Jim Morrison in der Pose des Märtyrers, um dessen Tod sich Geheimnisse ranken. Der ansonsten geschätzte Regisseur Oliver Stone ließ sich 1990 gar zum Spielfilm „The Doors“ hinreißen, bei dem Val Kilmer in der Rolle Morrisons dann aber doch eher den Hippie-Kasper gab. All das zusammengenommen sorgt bis heute für Polarisation: Für die einen sind The Doors Ikonen, deren rätselhafter und fotogener Sänger dem Rock’n’Roll die Poesie einhauchte, für die anderen sind die vier Kalifornier eine komplett überschätzte Hippiekapelle mit allzu eitlem Frontmann.

Fakt ist: Die 1965 in Los Angeles gegründete Band betrat Neuland, und das ist immer gut. Morrison mochte vielleicht nicht gerade der geniale Dichterfürst sein, seine bildhaften, teils surrealen Texte erschlossen dem Rock der späten Sechziger aber tatsächlich neue Dimensionen. Und seine drei Begleiter? Gitarrist Robbie Krieger und Organist Ray Manzarek schrieben zweifellos gute Songs, fast bemerkenswerter waren allerdings ihre instrumentalen Eskapaden: Krieger, der Blues, Jazz und Flamenco mochte, kultivierte einen sehr eigenwilligen Stil, der selbst im „Alles-ist-möglich“ jener Jahre auffiel. Ray Manzarek, der mit einem Bass-Manual die Rolle des Bassisten gleich mit übernahm, sorgte ebenfalls für charaktervolle Klänge, während Schlagzeuger John Densmore gerne abgespeckte Latin-Rhythmen trommelte. Morrison changierte stets zwischen sanftem Crooner, ruppigem Blues-Shouter und exzessivem Rock-Tier, was ein paar weitere Facetten hinzufügte.

Als Stilisten mit ganz eigenem Sound gebührt den Doors also großer Respekt. Niemand klang so wie sie. Ihre musikalischen Qualitäten werden aber noch heute gerne von ihrem Sensationswert beschattet – und der geht eindeutig auf Morrisons Konto: ein wilder Mann mit lockigem Haar, der von Vatermord sang, sich offensiv die Birne zuknallte und auf einer Bühne in Miami angeblich den kleinen Jimbo aus der Lederjeans hängen ließ. Augenzeugen äußerten sich dazu allerdings stets widersprüchlich. Jedenfalls: Als Morrison 1971 in einer Pariser Badewanne sein Leben ließ, war es mit den Doors vorbei. Sie machten dennoch weiter. Bedauerlicherweise, denn das Feuer war erloschen.

Unverzichtbar

THE DOORS (1967)


Debütalben wohnt oft ein spezieller Zauber inne, und diesem hier ganz besonders. Nicht nur, weil mit ›Light My Fire‹ ihr größter Hit an Bord ist und mit dem epischen ›The End‹ eine der Erkennungsmelodien des Sixties-Rock: Hier spielt eine Band aus der amerikanischsten aller US- Städte und klingt dennoch ganz anders als der Rest: kein Folk, keine plakative Psychedelik, kein kraftmeiernder Elektro-Blues, dafür das lakonische ›Take It As It Comes‹, das chansonhafte ›The Crystal Ship‹ und Kurt Weills ›Alabama Song‹. ›End Of The Night‹ klärt, ob Morrison nun für die „süße Lust“ oder „die endlose Nacht“ geboren war: Gothic-Pop des Jahres 1967.

WAITING FOR THE SUN (1968)


Das dritte Album der Doors ist die häufig unterschätzte Perle. Robbie Kriegers ›Spanish Caravan‹ inklusive Flamenco-Intro und Synthesizer-Experi­ment ist der perfekte Soundtrack für eine Fahrt durch die Sierra Nevada, und obwohl ›Summer’s Almost Gone‹ ziemlich schlicht ausgefallen ist, bringt es die Melancholie der ersten kühlen Septembernacht perfekt auf den Punkt. Faszinierend sind die Atmosphären, die auf diesem Album geschaffen werden, sei es bei ›Wintertime Love‹, dem aggressiven ›Five To One‹ oder ›The Unknown Soldier‹, für dessen Promofilm sich Morrison effektvoll erschießen ließ.

Wunderbar

STRANGE DAYS (1967)

The Doors Strange Days
So war das damals: Wenn eine Band erfolgreich war, dann wurde ganz schnell das nächste Album hinterhergeschoben. Ein liebloser Schnellschuss ist STRANGE DAYS aber dennoch nicht geworden, vielmehr wirkt es tatsächlich wie die konsequente Fortsetzung des Debüts. Beide Werke hätten auch als Doppelalbum erscheinen können, so groß sind die Ähn­lichkeiten. Wer THE DOORS liebt, der liebt auch STRANGE DAYS. Und sei es nur wegen ›Love Me Two Times‹, dem psychedeli­schen Titeltrack oder ›Moonlight Drive‹: „Let’s swim to the moon, honey….“. Eine Neuerung gab es allerdings auch: In ›Horse Latitudes‹ reüssierte Morrison als Rezitator.

L.A. WOMAN (1971)


Die Abschlussarbeit der Doors, ein reifes Werk, vom Blues inspiriert. Optisch hatte sich Morrison vom Leder-Beau zum bärtigen Trapper-Typen entwickelt, und auch stimmlich hatte sich einiges getan. Welch Ironie: Der jahrelange Alkoholexzess mochte seiner Leber massiv geschadet haben, sein Organ klang jetzt aber tatsächlich so, wie man es von einem Bluessänger erwartet: tief, rau und ein wenig brüchig. ›Love Her Madly‹ mochte Pop sein, der Titeltrack und ›Riders On The Storm‹ erstaunten mit leicht jazzigen Untertönen, zu Höchstform lief Mr. Mojo jedoch bei ›Cars Hiss By My Window‹ auf: Blues, extrem wirkungsvoll.

MORRISON HOTEL (1970)


Nach den Gebläse-Attacken von THE SOFT PARADE konzentrierten sich The Doors wieder auf ihr angestammtes Territorium, frisch bepflanzt mit ein paar Blues-Gewächsen. Geerntet wurde ein gelungenes Album mit bemerkenswerten Songs: ›Indian Summer‹ erinnerte noch an die Frühphase, doch ›The Spy‹, ›Ship Of Fools‹, und ›Queen Of The Highway‹ standen für jene Weiterentwicklung, die man sich bereits beim Vorgängerwerk gewünscht hätte. Der ›Roadhouse Blues‹ lieferte dann noch einen dieser goldenen Sinnsprüche des Rock’n’Roll: „I woke up this morning and I got myself a beer.“ Es war vermutlich nicht gelogen.

ABSOLUTELY LIVE (1970)


Als Live-Band waren The Doors spektakulär. Nicht immer, aber ziemlich häufig. Es hing ganz von der Verfassung ab, in der sich Morrison befand: An einem guten Tag war er der große Zeremonienmeister, doch wenn er zu viel getankt hatte, blieben manche Textzeilen eben ungesungen. Sofern er dann in die Improvisation abglitt, konnte das absolut faszinierend sein – oder an der Grenze zur Peinlichkeit. Weshalb das Doppelalbum ABSOLUTELY LIVE auch aus meh­reren Shows zusammengestellt wurde, die zwischen August 1969 und Juni 1970 in den USA über die Bühne gegangen waren. Ein solides Live-Album.

Anhörbar

THE SOFT PARADE (1969)


Im Prinzip ist es ja lobenswert, dass sich The Doors weiterentwickeln wollten, doch mit seinen Streichern und Bläsern wirkt THE SOFT PARADE ein wenig unausgegoren. Was auch dem Zeit­geist anno 1969 geschuldet ist, etwa dem aufkommenden Jazz­rock der Marke Blood, Sweat & Tears. Und natürlich auch dem Verdikt, irgendwie „progressiv“ sein zu müssen. Der Titelsong hatte jedenfalls nicht annähernd die Kraft und Originalität anderer epischer Doors-Stücke und wirk­te trotz spannender Momente konstruiert. Aber das Album hat auch sein Gutes: den rhythmisch unkonventionellen ›Shaman’s Blues‹ etwa, oder auch das leicht exzentrische ›Runnin’ Blue‹.

Sonderbar

AN AMERICAN PRAYER (1978)


Streng genommen kein Doors-Album, sondern das Solodebüt von Jim Morrison – erschienen sieben Jahre nach seinem Tod. Der Hype um seine Person nahm Ende des Jahrzehnts wieder zu, weshalb man auf die glorreiche Idee verfiel, den toten Dichter einfach wieder auszugraben: AN AMERICAN PRAYER enthält alte Aufnahmen, auf denen Morrison seine Gedichte rezitiert. Ein bisschen Musik dazu gepackt, und fertig war das neue Album. Wer Morrisons Poeme unbedingt genießen will, sollte sie einfach lesen. Es besteht aber kein Grund, sie sich vom Maestro erzählen zu lassen, umspielt von kitschigen Keyboardklängen.

Video der Woche: Cher ›Just Like Jessie James‹

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Heute feiert eine Ikone der Pop Kultur Geburtstag: Cher wird stolze 77 Jahre alt.

Cher, gebürtig Cherilyn Sarkisian, ist ein wahres Multitalent. 1965 wurde sie mit dem Duo Sonny & Cher mit dem Megahit ›I Got You Babe‹ bekannt. In den 1980er Jahren startete sie zudem eine erfolgreiche Schauspielkarriere, erst am Broadway, dann auf der großen Leinwand. 1988 erhielt sie für ihre Rolle in „Mondsüchtig“ den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Der Musik blieb sie jedoch immer treu und gewann zahlreiche Grammys.

Der Song ›Just Like Jesse James‹ zu unserem Video der Woche stammt aus ihrem 1989 veröffentlichten Album HEART OF STONE. Geschrieben wurde er von Desmond Child (er schrieb auch zahlreiche Songs für Kiss, Bon Jovi und Alice Cooper) und Diane Warren (sie komponierte auch für Aerosmith und Celine Dion). Während der Song weltweit Charterfolge feierte, gab Cher zu, ihn selbst nicht sonderlich zu mögen. Nichts desto trotz ist ›Just Like Jesse James‹ ein herausragender Song und zurecht unser Video der Woche:

AC/DC: Happy Birthday, Phil Rudd!

Heute wird Phil Rudd 69 Jahre alt. Nach den Turbulenzen der letzten Jahre hat sich der Drummer wieder gefangen und ist wieder bei AC/DC dabei.

Vor seinem Wiedereinsteig machte Phil Rudd mit diversen Skandalen und Pöblereien auf sich aufmerksam. Zwischen 1975 und 2014 trommelte der bodenständige Kerl – mit kurzer Zwischenpause – bei den australischen Hard Rock-Legenden und sorgte für die unverkennbare Rhythmus-Maschinerie bei AC/DC.

Dann jedoch brach das Chaos los: Rudd wurde beschuldigt, Morde an zwei Personen in Auftrag gegeben zu haben. Auch wenn dieser Prozess aufgrund mangelnder Beweislage abgebrochen werden musste, hatte er einen Rauswurf bei AC/DC zur Folge. Außerdem gab es da noch weitere Anzeigen bezüglich Drogenbesitzes, einen neunmonatigen Hausarrest und den Flop sein ersten, 2014 erschienenen, Soloalbums mit dem Titel HEAD JOB.

Das gute Stück wurde 2016 aufgrund der vorhergehenden Probleme erneut veröffentlicht und mit einer folgenden Tour promoted. Nachdem es längere Zeit wieder ruhiger um Rudd geworden war, kehrte der Schlagzeuger 2018 mit seinem Live-Programm BACK TO THE BEAT zurück auf die Bühnenbretter dieser Welt, auch in Deutschland gab es einige Shows zu sehen.

Zum jüngsten AC/DC-Album POWER UP von 2020 dann die Nachricht, die viele Fans erleichtert aufatmen ließ: Rudd ist wieder an seinem gewohnten Platz am Schlagzeug zurück. Happy Birthday, Phil!

Yes: MIRROR TO THE SKY

Als ob Jon Anderson und Rick Wakeman noch immer dabei wären

Natürlich hat der Zahn der Zeit auch an der wohl einflussreichsten Progrock-Formation oder Musikgeschichte genagt und für notgedrungene Umbesetzungen gesorgt. Dass Yes anno 2023 dennoch immer noch so klingen wie vor 50 Jahren, ist wahrhaft erstaunlich und liegt natürlich vor allem an Sänger Jon Davison, der stimmlich dem legendären Jon Anderson wie ein Ei dem anderen ähnelt. Hinzu kommt die Einsicht der Beteiligten, dass vermeintlich zeitgemäße Experimente nichts für diese Band sind. Die Fans wollen Neuauflagen von CLOSE TO THE EDGE (1972) oder TalES FROM TOPOGRAPHIC OCEANS (1973). Mit MIRROR TO THE SKY wird ihnen dieser Wunsch erfüllt. Mehr noch als auf dem Vorgänger THE QUEST (2021) besitzen die neuesten Stücke zeitlosen Charme, sind verspielt und – natürlich – immer auch ein wenig kitschig. Also genau so, wie man es von Yes gewohnt ist. Im Umkehrschluss klingen vor allem die vier längeren Tracks – allein der Titelsong dehnt sich über nahezu 14 Minuten aus – wie vom Himmel gefallen, aus anderen Sphären stammend, wie warmer Anachronismus in einer ansonsten friedlosen, unsteten Welt. Yes anno 2023 sind Yes pur!

8 von 10 Punkten

Yes
MIRROR TO THE SKY
INSIDEOUT/SONY

Samantha Fish & Jesse Dayton: DEATH WISH BLUES

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Abgedrehter Bastard-Garage-Blues

Samantha Fish, eine etablierte junge Blues-Gitarristin, und Jesse Dayton, Beruf Country-Musiker, haben zusammen eine Platte gemacht. Hört sich erstmal stinknormal an. Doch Fish, die schon früh selbstbewusst aus dem Blues-Caravan- Peepshow-Zirkus ausbrach, ist seitdem ziemlich verhaltensauffällig. Stylt sich wie Marilyn Monroe, singt wie eine Rock-Emanze und hat das etwas angeschimmelte Blues-Hospiz längst hinter sich gelassen. Und Jesse Dayton wird zwar in Country einsortiert, hat aber schon viel abgedrehten Scheiß mit Rob Zombie gemacht und auch schon als
Vorband für die Supersuckers gespielt. Beide wollten jetzt, Jahre nach einer lustigen EP mit Coversongs, mal wieder etwas zusammen machen. Und hoppla, was kommt dabei heraus? Mal wieder abgedrehter Scheiß! An den Reglern saß nämlich Garagenrock-Papst Jon Spencer, der dafür
sorgte, dass der Wunsch der beiden nach einem kratzbürstigen Werk in Erfüllung ging. Ich bin ja eigentlich immer dabei, wenn musikalisch gegen den Strich gebürstet wird – und die beiden frisch gebackenen Toxic-Twins haben das auch prima hingekriegt –, leider leidet der rote Faden aber an dem crazy little thing called „Album“. Ihr Plan: Jeder Track sollte den Blues als Grundlage haben, um dann in verschiedene Genres abzudriften. Happy End: Nach 20 Durchläufen steht man schließlich auf diese originelle Hallo-Wach-Pille! Anspieltipps: ›Settle For Less‹ (Rock, yeah!) und ›Down In The Mud‹ (weird funky Blues).

7 von 10 Punkten

Samantha Fish & Jesse Dayton
DEATH WISH BLUES
ROUNDER RECORDS/CONCORD/UNIVERSAL

Def Leppard: DRASTIC SYMPHONIES

Opulente Neuinterpretationen

Auf dem Papier klingt das Konzept von DRASTIC SYMPHONIES wie eine via Orchester aufgemotzte Greatest- Hits-Sammlung. In der Realität ist die 16 Tracks starke Kollektion allerdings eine extrem kreative Klangreise durch den Backkatalog der britischen Rocklegende. Logischerweise befinden sich im Aufgebot Megahits wie ›Hysteria‹ oder ›Pour Some Sugar On Me‹. Die meisten Stücke sind jedoch charmanterweise (zu Unrecht) weniger bekannte Kompositionen. Das eröffnende ›Turn To Dust‹ vom massiv unterbewerteten SLANG (1996) etwa entfaltet gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra und einem orientalischen Ensemble einen mächtigen Vibe. Das andere Extrem zeigt sich beim PYROMANIA-Klassiker ›Too Late For Love‹ (1983). Aus dem ohnehin schon knackigen Track wird in einer geschickten Kombination aus Spuren und Samples des Originals mit Streichern und neuem Arrangement ein potenzieller Sci-Fi-Blockbuster-Titelsong. Enorm spannend sind auch die an vielen Stellen verwendeten Vokal- beziehungsweise Gitarrenduette zwischen dem jungen und heutigen Joe Elliott respektive Phil Collen. DRASTIC SYMPHONIES rangiert auf künstlerisch höchstem Niveau mit Langzeitwirkung.

8 von 10 Punkten

Def Leppard
DRASTIC SYMPHONIES
MERCURY/UNIVERSAL

Def leppard DRASTIC SYMPHONIES

T.G. Copperfield & Ben Forrester: OUT IN THE DESERT

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Schaurig schön, gut gerockt und folky – diese Koop funktioniert

Er ist schon verdammt rührig, unser Tilo Preißer, aka T.G. Copperfield. Nach der letztjährigen Wildwest-Oper SNAKES & DUST veröffentlicht er jetzt schon wieder ein neues Album: OUT IN THE DESERT, bei dem er und seine Band gemeinsame Sache mit dem amerikanischen Southern-Rock-Musiker Ben Edwards machen. Die Rollenverteilung ist klar: T.G. Copperfield schreibt die Songs und singt – Ben Forrester ist für Gitarren-Soli zuständig. Kein schlechter Deal. So kann sich jeder auf seine Stärken konzentrieren. Denn auch wenn der in Ostbayern beheimatete Mental-Cowboy Copperfield ebenfalls ein ausgezeichneter Gitarrero ist, bringt Forrester eine neue Note ins Spiel. Einen Sound, der unüberhörbar von der Allman Brothers Band oder – wie bei ›Old Man On The Mountain‹ – von Derek Trucks geprägt ist. Als gemeinsame Klammer der elf neuen Tracks kann man eine gewisse Düsternis ausmachen. So heißt auch gleich mal der Opener unmissverständlich ›Born To Die‹. Zum Glück aber gelingen Copperfield im Refrain so herrliche Harmonieverbindungen, dass man sofort an Wiedergeburt glauben möchte. Einen Zyklus beschreibt auch das Album: Nach rockigem Beginn setzen in der zweiten Hälfte ruhige, akustische Tracks die Akzente. Klasse Job!

7 von 10 Punkten

T.G. Copperfield & Ben Forrester
OUT IN THE DESERT
TIMEZONE

Mike Tramp: Musikalischer und emotionaler Brückenschlag

Wenn ihm ein Thema zu trivial erscheint, merkt man das Mike Tramp sofort an. Nach einer White-Lion-Reunion brauche man sich gar nicht zu erkundigen – das hätten bereits viele Kollegen getan und die Antwort darauf laute immer: Nein, keine Reunion. Doch ein wenig Nachhakerei muss sich der sympathische Singer/Songwriter trotzdem gefallen lassen, wenn er nun auf SONGS OF WHITE LION die größten Hits seiner ehemaligen Band neu aufnimmt. Allem voran die Frage: Braucht’s das?

Die Antwort darauf lautet „Ja“, obwohl sich Tramp bis zuletzt selbst nicht sicher war über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens: „Ich löste White Lion auf, weil der Grunge anrollte und unser Label sich nicht mehr für uns interessierte. Stell dir vor, nach der Trennung rief unser Management nicht mal an! Für mich war das also eine klare Sache. Abgesehen von ein paar unglücklichen Ausrutschern, bei denen ich wieder in die White-Lion-Welt schlitterte, bin ich seit 1996 solo unterwegs. Doch die Leute wollen immer White Lion hören, es schien, als würde mich meine Vergangenheit nicht gehen lassen wollen. Obwohl meine Tourband und ich gar nicht darauf ausgelegt sind, weil wir eher wie Tom Petty & The Heartbreakers klingen, performten wir einige dieser Songs live. Richtig fühlte sich das jedoch nie an. Das ist jetzt anders, auch wenn das hier natürlich nicht White Lion ist – diese Band bestand aus Vito Bratta und Mike Tramp. Für mich aber ist SONGS OF WHITE LION ein sinnvoller und angenehmer Weg, auch wenn es sich anfangs anfühlte, als würde man an der Tür der Exfrau klopfen.“ Womit Mike Tramp, neben der fast schon therapeutischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit, einen springenden Punkt anspricht, der manchen Fans ein Dorn im Auge sein dürfte – White Lion auf Platte ohne das genuine Gitarrenspiel von Vito Bratta: „Ich verstehe, wenn manche Leute das nicht hören wollen. Ich arbeitete lange mit Gitarrist Marcus Nand, ein großer Vito-Fan, an diesem Projekt und sagte ihm: Du musst Brattas Gitarrenparts eigentlich original übernehmen, jedoch in einer anderen Tonlage – gar nicht so leicht umzusetzen. Als ich dann dazu sang, fühlte es sich plötzlich an, als käme ich nachhause.“ Vor allem jener Gefühlszustand des Ankommens ist einer der Hauptgründe für die Neuaufnahmen der alten Lieder, mit SONGS OF WHITE LION schlägt Tramp für sich eine sinnvolle Brücke zwischen seinem früheren und heutigen Ich: „Jetzt fühlt es sich endlich so an, als wären der Mann, den ich im Spiegel sehe und der, der aus den Lautsprechern kommt, dieselbe Person. Ich habe zwei Seiten vereint“, so der dänische Künstler beschwingt. Ein letztes Argument für die neue Platte ist die Anpassung der Songs an Tramps aktuelle stimmliche Möglichkeiten: „Rock’n’Roll hat sich selbst vorgemacht, unsterblich zu sein. Das ist ein Irrtum, den ich schon früh entdeckt habe. Man muss versuchen, elegant zu altern – sich optisch und stimmlich an neue Lebensabschnitte anzupassen. Einige meiner Kollegen können ihr früheres Ich nur schwer loslassen, in manchen Fällen mutet das wie ein Comedy-Act an, fast schon traurig. Wenn ich mit SONGS OF WHITE LION demnächst auf die Bühne gehe, soll das eine Show sein, die eine Geschichte von früher erzählt und nicht eine, die verbissen an der Vergangenheit festhält.“