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Neuigkeiten zu: Bob Geldorf

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„Saint Bob“ ist dafür bekannt, LIVE AID zu or­-ga­nisieren, den Mächtigen ins Gewissen zu reden und den Hunger in Afrika zu bekämpfen. Nun hat er wieder ein Album am Start: HOW TO COMPOSE POPULAR SONGS THAT WILL SELL.

Bob, warum hast du nach neun Jahren Pause ein neues Album gemacht – und warum überhaupt wieder so etwas Triviales wie Rockmusik?
(lacht) Weil ich das Gefühl hatte, dass ich das tun muss. Und dass es nur so funktioniert – mit Musik. Denn mein großes Problem ist, dass ich eigentlich immer sagen kann, was ich will – egal, ob im Radio, Fernsehen oder wo auch immer. Nur: Wenn ich das tue, vergessen die Leute immer, dass ich ei-gentlich Musiker bin. Was bedeutet, dass es mir quasi nicht gestattet ist, einfach mal zu singen. Dabei ist das eine Notwendigkeit für jeden Menschen – auch für mich.

Von der Öffentlichkeit wirst du oft als rau, schroff und unhöflich empfunden…
Ich denke nicht, dass ich unhöflich bin – zumindest versuche ich, es nicht zu sein. Denn ich mag keine unhöflichen Menschen. Aber: Wut ist ein guter Motor, der einen antreibt. Und es gibt viele Dinge, über die man wütend sein sollte. Man muss schon komplett unsensibel sein, wenn man da nichts findest. Deshalb bin ich wütend.

Was bei dem Dauerbeschuss durch britische Medien, die dir fast täglich neue Unzu­läng­lich­keiten unterstellen, bestimmt nicht einfach ist. Wie gehst du damit um?
Das Tolle daran, 50 zu sein, ist: Mir kann alles egal sein. Die Leute können noch so sehr auf mir rumhacken – ich bin immer noch da und mache immer weiter. Ich habe die schlimmsten Dinge überlebt, die mir von den Medien vorgeworfen worden sind. Deshalb habe ich kein Problem damit, wenn die Journalisten das weiter tun.

Wie könnst du es mit deinem Gewissen vereinbaren, zum Beispiel 100.000 britische Pfund für einen einstündigen Vortrag zum Thema „Armut in Afrika“ verlangen?
Wann spreche ich denn bitte über die Armut in Afrika? Das tue ich nicht! Und wenn, würde ich doppelt so lange reden – und zwar kostenlos.

Wieso zahlt der Gutmensch Geldof keine Steuern in Europa, sondern unterhält eine Briefkastenfirma auf den Virgin Islands?
Doch, ich zahle Steuern in Großbritannien – und zwar den Höchstsatz.

Wie kannst du als Ire, der nicht Bürger des Commonwealth ist, überhaupt den Titel „Sir“ tragen?
Der reine Ehren-Ritterorden wird einem vom Botschafter oder Außenminister verliehen. Aber wenn es die Königin tut, ist man ein echter Ritter. Und ich bin von der Königin ernannt worden. Nur: Im Grunde ist das doch auch egal. Ihr könnt mich nennen, wie ihr wollt. Schließlich bin ich schon seit 1986 Ritter – über die Hälfte meines Lebens. Also: Kommt endlich darüber weg – so wie ich selbst auch.

Text: Marcel Anders

Neuigkeiten zu: Mike Tramp

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mike_tramp_atrrc_fotoNach über 30 Jahren im Business darf man schon auf sein Leben im Musik-Zirkus zurückbli-cken. Der ehe-malige White Lion-Fronter tut genau dies auf seinem aktuellen Album STAND YOUR GROUND.

Als „mein bestes Al-bum überhaupt, als mein Meisterwerk“ bezeichnet der 50-Jährige die neue Platte, die er ge-meinsam mit seiner aktuellen Gruppe The Rock‘n‘Roll-Circuz eingespielt hat, und gibt sich – be­schei­den, wie er nun mal ist – überrascht, erst so spät in seiner Laufbahn einige seiner zum Teil eindringlichsten, emotionalsten Stücke verfasst zu haben.

Der einstige White-Lion-Frontmann ist immer noch überaus hungrig aufs Musikmachen und blüht dank der intensiven Zusammenarbeit mit Søren Andersen, mit dem sich Tramp erneut die Produzenten-Credits teilt, richtiggehend auf. „Er hört all die Dinge in meinen Songs, die ich nicht erkenne“, lobt Tramp sein wohl wichtigstes Bandmitglied. „Wenn ich zum Beispiel einen einfachen a-Moll-Ak-kord anschlage, fragt er mich, warum ich denn keine None dazu spiele – ich tue es dann, und es klingt fantastisch! Wenn ich an einem Lied schon ewig herumwerkle und nicht weiterkomme, weiß Søren oft sofort, welcher Dreh dem Stück fehlt. Da-raus habe ich etwas gelernt: Ich muss auch mal loslassen können – zum Wohle des Songs.“

Die Tracks für den zweiten Longplayer mit den Jungs vom Rock‘n‘Roll-Circuz gingen dem Kopenhagener leicht von der Hand. Auf Experimente lässt sich Mike Tramp nicht mehr ein: „Die Songs kommen von Herzen. Ich will nichts erzwingen. Nach all dieser Zeit weiß ich, wo ich mein Bett gemacht habe.“ Zum Glück in Classic- und Hardrock-Gefilden.

Text: Lothar Gerber

Whitesnake

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Whitesnake2011promo1Die Fotos auf der Whitesnake-Homepage zeugen von einer entspannten Album-Produktion: Im Domizil von David Coverdale, wunderbar idyllisch gelegen in einem Waldgebiet direkt am Lake Tahoe in Nevada, haben Meister Coverdale, die Gitarristen Doug Aldrich und Reb Beach sowie die beiden Neuzugänge Michael Devin (Bass) und Brian Tichy (Schlagzeug), der zuletzt mit Foreigner auf Tournee war, ein fabelhaftes neues Album erarbeitet.

Dementsprechend positiv äußert sich auch der Whitesnake-Frontmann selbst: „Wir hatten ein unglaublich kreatives und produktives Jahr, um zu schreiben und aufzunehmen“, fasst er die zurückliegenden zwölf Monate zusammen. Der Titel des Studio-Werks, dem mittlerweile elften in der Whitesnake-Historie, ist FOR-EVERMORE. Die Scheibe erscheint am 25. März und präsentiert 13 neue Stücke, die auf souveräne Weise Gegenwart und Vergangenheit miteinander kombinieren.

Im Opener ›Steel Your Heart Away‹ und dem coolen ›Whipping Boy Blues‹ wird sogar das Flair der kurzzeitigen Liaison zwischen Coverdale und Led Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page im Projekt Coverdale/Page Anfang der neunziger Jahre wieder zum Leben erweckt. Besonders Doug Aldrich, dem mit Abstand wichtigsten Partner Coverdales bei Whitesnake, liegen diese schweren Gitarren-Riffs, die britische Rock-Tradition mit Blues und orientalischen Einflüssen vermischen, besonders am Herzen.

Und es gibt durchaus noch weitere Überraschungen auf FOREVERMORE: In ›One Of These Days‹ und ›Fare Thee Well‹ greift sich Aldrich die Akustikklampfe und stimmt zwei Country-beeinflusste Songs an, während sich bei ›My Evil Ways‹ Whitesnake so temporeich zeigen wie kaum zuvor in ihrer langen Laufbahn. Die Nummer beginnt mit einem furiosen Schlagzeug-Part und erinnert im weiteren Aufbau dann an Zeppelins ›Black Dog‹. Andere Stücke wie ›All Out Of Luck‹, ›I Need You (Shine A Light)‹ oder die etatmäßige Ballade ›Ea- sier Said Than Done‹ bieten gewohnt vollwertige Schlangenkost. Den würdigen Abschluss dieser starken Scheibe bildet der siebenminütige Track ›Forevermore‹, ein ruhig beginnender und sich dann zum Monumentalepos aufbäumender Song mit geradezu hymnischem Charakter.

Produziert wurde FOREVERMORE von dem Dreigestirn Coverdale/Aldrich und Toningenieur Michael McIntyre. Die Drei nennen sich gerne Los Bros Brutalos, also die brutalen Brüder was man aber zumindest was den Sound angeht – nicht übermäßig ernst nehmen sollte.

Wanda Jackson

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Sie war die Geliebte von Elvis, die erste Frau in der Männer-Domäne Rock‘n‘Roll und die Glamour-Queen des Country. Jetzt wagt die 73-jährige Musik-Pionierin ein Comeback – mit Hilfe von White Stripes-Chef Jack White.

Wanda, Hand aufs Herz: Wusstest du, wer Jack White ist, bevor ihr gemeinsam THE PARTY AIN’T OVER aufgenommen habt?
Nun, nicht wirklich. Ich hatte zwar von den White Stripes gehört, und mir war klar, dass Jack populär ist. Aber das war’s dann auch.

Wie despotisch ist er als Label-Boss?
Oh, er hat mich ziemlich unter Druck gesetzt. (lacht) Aber wahrscheinlich brauchte ich das auch. Ich wusste zunächst nicht, was er von mir wollte und bin mit ziemlich gemischten Gefühlen an die Sache rangegangen. Aber sobald ich erkannte, dass er meinen Stil nicht verändern, sondern einfach die Energie der jungen Wanda Jackson wollte, konnte ich das auch liefern. Aber natürlich ist er ein Sklaventreiber und ein Perfektionist. (lacht wieder)

Wobei THE PARTY AIN’T OVER dein gesamtes Stil-Spektrum abdeckt – von Rockabilly bis Country und zurück. Eine Art Werkschau?
Das ist es, was er im Sinn hatte – aber mit frischem Material, statt einfach meine alten Hits aufzuwärmen. Und was ist passiert? Er hat mich ins 21. Jahrhundert katapultiert. Denn irgendwie war ich ja in den Fünfzigern verloren.

Und Bob Dylan hat dir persönlich nahe gelegt, sein ›Thunder On The Mountain‹ zu covern?
Na ja, Jack und er sind Freunde. Er rief Dylan daher an und fragte: „Ich nehme Wandas Album auf – welchen deiner Song soll sie probieren?“ Bob darauf: „›Thunder On The Mountain‹ – unbedingt!“

Ist dir klar, welchen Ruf Amy Winehouse hat, deren ›You Know I’m No Good‹ du auch coverst?
Ich habe gehört, sie soll ein schlimmer Finger sein. (lacht) Und wir haben den Texte zu ›I’m No Good‹ auch ein bisschen entschärft. Die zweite Strophe konnte ich so nicht singen. Ich werde jetzt nicht verraten, worum es da geht – das sollen die Leute selbst herausfinden. Aber Jack hat einen Stift aus der Tasche gezogen und mir in zehn Minuten einen neuen Text geschrieben. Das hat mich wirklich umgehauen.

Verfolgst du aktuelle Trends in der Popmusik – also Lady Gaga und Co.?
Als ich Lady Gaga das erste Mal sah, dachte ich, das sei ein Witz. Bis ich sie singen hörte. Da habe ich erkannt, was für ein Riesentalent sie ist. Sie provoziert natürlich. Aber wahrscheinlich muss sie das auch, um sich durchsetzen zu können. Denn heute musst du um jeden Preis auffallen – sonst wirst du komplett übersehen.

Hat man dasselbe auch über dich gesagt?
Das ist gut möglich. Denn auch ich war in meinen kleinen Kleidern, die schulterfrei und sehr figur­betont waren, ziemlich provokant. Zumindest für die damalige Zeit…

PJ Harvey – Krieg den Palästen

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PJ Harvey 2010 (3)_rasterVon wegen Schöngeist, Romantikerin und Poetin: Auf ihrem neuen Werk LET ENGLAND SHAKE zieht Polly Jean Harvey in den Krieg – gegen ein Land, das nur noch ein Schatten seiner Selbst ist, von korrupten Politikern beherrscht wird und eine Geschichte aus Blut, Schweiß und Tränen aufweist. CLASSIC ROCK stellte die radikalisierte Musikerin zur Rede.

Polly, bislang hast du dich in deinen Texten eher mit dir selbst befasst. Jetzt wendest du dich plötzlich weltlichen, politischen Themen zu. Wie kommt’s?
Weil ich das Gefühl hatte, dass es für mich als Songwriterin höchste Zeit ist, Themen wie Krieg oder Politik anzugehen. Dinge, bei denen ich bisher dachte, ich hätte nicht die Fähigkeit, sie in Songs zu verpacken. Denn das richtig hinzukriegen, ist eine heikle Balance. Und ich habe erst jetzt das nötige Selbstbewusstsein: eben weil ich seit 20 Jahren Stücke schreibe und merke, dass ich beim Einsatz der Sprache immer besser werde.

Wenn du dir das moderne England anschaust, was siehst oder fühlst du?
Ich denke, meine Gefühle zu England sind ähnlich wie die, die viele Leute im Hinblick auf ihre Heimat haben. Damit meine ich, dass wir alle bestimmte Dinge lieben und hassen. Und es eine überaus schmerzhafte Erfahrung sein kann, mitzuerleben, was dort und in der Welt passiert – in allen Bereichen.

Sprich: Worum geht es dir konkret?
Als Songwriter ist es das Wichtigste, etwas zu präsentieren und damit die Fantasien der Menschen zu beflügeln. Dabei ist es eigentlich egal, was ich denke, und gegen wen sich meine Kritik richtet. Viel entscheidender ist es, Ideen vorzulegen, die relevant sind, und das auch mal auf ironische Art und Weise zu tun, wodurch sie eine ganz andere Bedeutung gewinnen. Ansonsten überlasse ich es dem Hörer, daraus zu machen, was er will.

Während du den Zusammenhang von Macht, Krieg und Tod betonst?
Keine Frage. England wurde auf dem Blut seiner Bewohner errichtet – und nicht auf der Nettigkeit und Weitsicht seiner Herrscher.

In den Stücken greifst du eine Reihe von historischen Kriegsschauplätzen auf – etwa die alliierte Invasion auf die türkische Halbinsel Gallipoli von 1915. Was hat es mit dieser speziellen Schlacht auf sich?
Das Album besteht aus vielen kleinen Reisen und führt durch viele verschiedene Gebiete. Wobei ich mich nicht auf den ersten Weltkrieg be-schränke. Sondern es bewegt sich weiter bis zur Gegenwart – bis zum Krieg im Irak. Und es führt an Orte wie Afghanistan oder Russland. Wobei sich ›On Battleship Hill‹ auf Gallipoli und den Ersten Weltkrieg bezieht. Denn mir ging es darum, die Zeitlosigkeit des Kriegs darzustellen und wie er sich ständig wiederholt. Also, dass wir uns als Menschen in einem Kreis aus Streit und Versöhnung befinden. Dass bei allem, was passiert, auch immer ein Wechsel und ein Heilungsprozess stattfinden.

Wobei Soldaten Täter oder Opfer sind?
Ich denke, jeder sollte dazu eine individuelle Meinung haben. Aber es ist natürlich wichtig, eine mentale Saat auszulegen – damit sie bei den Leuten bestimmte Gedanken oder Reaktionen auslöst. Denn wir sollten nie die Hoffnung aufgeben, dass die Welt vielleicht doch noch ein fairer Ort wird. Das ist alles, was man tun kann. Nämlich an Dinge glauben, die einem wichtig sind, zu ihnen stehen und versuchen, jeden Tag die bestmögliche Person zu sein, die man sein kann.

Vom Persönlichen zum Allgemeinen, vom Kleinen zum Großen?
Daran glaube ich. Eben, dass Veränderungen in deinem täglichen Leben beginnen – und bei der Art, wie du andere Leute behandelst. Das hat direkte Auswirkungen auf alles in deiner Umgebung. Es löst eine Lawine aus. Und die brauchen wir. Denn es ist wirklich so, dass wir in merkwürdigen Zeiten leben. Ich meine, der Zugang zur Macht verschiebt sich ständig. Und es passiert jeden Tag etwas Neues, Aufregendes. Etwas, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Wie die skurrile WikiLeaks-Geschichte, bei der geheime Daten an die Weltöffentlichkeit gelangen – und dem Seitenbetreiber alles Mögliche angehängt wird, um ihn ruhig zu stellen?
Richtig. Und ich verfolge das sehr genau. Denn diese Geschichte, die sich da vor unseren Augen eröffnet, ist wirklich wahnsinnig aufregend.

Du hast den Titelsong des Albums bei einer BBC-Sendung präsentiert, bei der auch der damalige Premier Gordon Brown Gast war.
Das war wunderbar. Andrew Marr ist ein bedeutender politischer Journalist. Er hat sonntags eine eigene Fernsehshow, die von Millionen Menschen gesehen wird. Und er hat mich eingeladen, darin aufzutreten. Also in derselben Sendung, in der Gordon Brown interviewt wurde. Was unfassbar war. Einer der absoluten Höhepunkte meiner Karriere – eben ›Let England Shake‹ direkt vor ihm zu performen, der damals noch unser Premierminister war. Und das eine Woche vor den Wahlen.

Demnach bist du für seine Abwahl mitverantwortlich?
Das würde ich natürlich gerne von mir behaupten. (lacht) Aber ich habe ihn bei der Gelegenheit ja nicht mal getroffen. Es war jede Menge Security im Studio, und uns wurde gesagt, dass wir uns von ihm fernzuhalten haben. Was schade war. Hätte mich interessiert, was er über den Song denkt.

Woran arbeitest du, wenn du nicht komponierst bzw. live auftrittst?
An einem Projekt mit Seamus Murphy, einem sehr interessanten Fotografen. Wir drehen Kurzfilme zu jedem Song des Albums. Und ich werde in den nächsten Wochen einen Dokumentarfilm zusammenstellen, der hoffentlich vor der Tournee erscheint. Nämlich eine Reise durch England und durch die Songs. Also praktisch eine visuelle Ergänzung zur Musik.

Darf man fragen, was PJ Harvey privat hört?
Ich habe schon lange keine neue Musik mehr gekauft. Außer Sampler mit traditionellem Folk aus Aserbaidschan, China und Kambodscha. Aber ganz allgemein tendiere ich dazu, ältere Musik zu hören – weil es nicht viele Sachen von zeitgemäßen Künstlern gibt, die ich mag.

Wie kommt man an Musik aus Aserbaidschan?
Durch Recherche und das Studieren von traditionellen Folk-Texten. Das sind Dinge, die mich als Songwriter interessieren – einschließlich der Geschichte dieser Songs.

Marcel Anders

Hurtsmile

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Die momentane Pause bei Extreme nutzt Sänger Gary Cherone, um gemeinsame Sache mit seinem engsten Blutsverwandten zu machen.

„Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich etwas zusammen mit meinem Bruder Mark auf die Beine stellen würde“, erklärt Gary Cherone, Frontmann der seit 2004 reaktivierten US-Rockband Extreme. Es ist die Vorgeschichte der Newcomer Hurt­smile, deren gleichnamiges Debütalbum seit Ende Januar in den Läden steht. Mark Cherone wirkte be­reits partiell bei Tribe Of Judah mit, einer Gruppe, die Bruder Gary im Jahr 2001 während der Extreme-freien Zeit formiert hatte. Ab 2007 nahmen Hurtsmile dann erste konkrete Konturen an. „Ich musste unsere Pläne aber wegen des Ex­treme-Comebacks zunächst ein wenig hinten anstellen, aber als Nuno (Bettencourt, Gitarrist von Extreme – Anm.d.A.) nach unserem aktuellen Album SAUDADES DE ROCK (2008) und den Konzerten mit Rihanna touren konnte, griff ich Hurtsmile sofort wieder auf.“

Zusammen mit Freunden, mit denen die Cherone-Brüder schon in der Vergangenheit gelegentlich gejammt hatten, entstand eine neue Gruppe, die stilistisch nicht allzu weit von Extreme entfernt ist und in punkto Gitarrendominanz, Gesangsharmonien und kompositorischer Vielfalt durchaus ähnliche Züge trägt. „In einer Band hängt alles von der Art der Zusammenarbeit ab“, sagt Gary Cherone, der Ende der Neunziger kurzzeitig (und auch relativ erfolglos) Sänger von Van Halen war, „deswegen entstehen allein schon durch die andersgeartete Besetzung klangliche Unterschiede zu Extreme. Insgesamt sind Hurtsmile etwas rauer als Extreme.”

Vermutlich auch deshalb gibt es keinerlei Animositäten oder Eifersüchteleien zwischen Cherones beiden Bands, ganz im Gegenteil: „Nuno hat uns immer unterstützt und sich auch absolut positiv über das geäußert, was er bislang gehört hat. Und Pat und Figg (Pat Badger, Bass; Kevin Figueiredo, Schlagzeug – Anm.d.A.) waren sogar im Studio zu Gast, als wir das Album aufnahmen. Sie alle stehen total auf die Hurt­smile-Songs.“

Cherone ist also mächtig stolz auf das Debüt und plant bereits eine flächendeckende Amerika-Tournee, die er am liebsten auch auf Europa ausdehnen möchte. Allerdings dürfte dieses Unterfangen terminlich nicht ganz einfach zu realisieren sein, denn seine Hauptgeldgeber planen bereits für 2011: „Es wird definitiv neue Extreme-Songs geben – voraussichtlich sogar ein komplettes Studioalbum. Wenn alles glatt geht, dann noch in diesem Jahr.“

Rush

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Rush 2007 (8)Kommen zurück auf die europäischen Bühnen – und zwar mit einer Jubiläums­show: Die Progrocker feiern den 30. Geburtstag von MOVING PICTURES mit einem speziellen Set, das alle Stücke des Erfolgsalbums enthält. Geddy Lee spricht mit CLASSIC ROCK über die aktuelle Tour, blickt aber vor allem zurück auf die aufregende Zeit, in der das Jubiläumswerk entstand.

Nach 30 Jahren verblasst so manche Erinnerung. So ergeht es auch Geddy Lee, als er sich in den Sessel fallen lässt, um mit CLASSIC ROCK über MOVING PICTURES zu sprechen. Wie war es doch gleich, damals im Spätsommer 1980, als Rush sich am Stony Lake in Ontario ein Haus gemietet haben, um dort in aller Ruhe an den Songs feilen zu können? Ist ›Tom Sawyer‹ früher eingespielt worden als ›The Camera Eye‹, oder war es doch umgekehrt? Geddy Lee denkt lange nach, aber er kommt einfach nicht drauf. Und nein, diese Gedächtnislücke ist nicht bedenklich, denn Rush waren schließlich noch nie große Partygänger – mit zu vielen Exzessen während der Aufnahmen hat das also nichts zu tun. Vielmehr ist das Ganze ein Zeichen für etwas völlig anderes: nämlich für Rushs Konstanz, ihre Normalität.

In seiner Entstehungsgeschichte unterscheidet sich MOVING PICTURES nicht großartig von seinen Vorgänger- bzw. Nachfolgealben. Und dennoch: Irgendetwas Besonderes muss passiert sein – sonst wäre die Platte nicht derart erfolgreich geworden. Geddy Lee denkt weiter nach. Und sagt schließlich: „Ganz ehrlich, ich kann gar nicht glauben, dass das alles schon 30 Jahre zurückliegt. Und damals, als MOVING PICTURES auf den Markt kam, hatten wir auch nicht das Gefühl, einen Meilenstein erschaffen zu haben. Wir dachten einfach, dass wir eine weitere, gute Platte eingespielt hätten. Doch mit den Jahren erkannten wir, dass MOVING PICTURES einen Wendepunkt in unserer Karriere markierte. Wir haben uns weiterentwickelt, und zwar sowohl in Bezug auf die inhaltliche Ebene als auch auf die musikalische. Heute sagen viele Fans, dass Rush sich mit MOVING PICTURES neu erfunden haben, sie betrachten die Platte als eine Art ‚Wiedergeburt‘. Aber das sehe ich nicht so. Für mich war die Veränderung nicht abrupt, sondern ein schleichender Prozess. Interessanterweise wollten wir zum damaligen Zeitpunkt gar kein Studioalbum machen, sondern eine Liveplatte. Aber ein Freund riet uns davon ab. Er meinte: ‚Euer Stil ist nicht mehr derselbe wie früher. Ihr solltet euch wirklich überlegen, ob es nicht schlauer wäre, neue Songs zu schreiben. Denn wenn ihr jetzt alte Stücke für eine Livescheibe aufnehmt, klingen die ganz anders als im Original!‘ Wir dachten darüber nach und kamen zu dem Schluss, dass er recht hatte. Und so machten wir uns daran, MOVING PICTURES zu komponieren.“

Je länger Lee über die damalige Zeit nachsinnt, desto mehr Erinnerungen kehren zurück. Als Erstes taucht die Umgebung wieder vor seinem geistigen Auge auf, der See, an den das gemietete Haus an-grenzte, aber auch der Ort Morin Heights, in dem (das inzwischen geschlossene) „Le Studio“ lag, wo Rush MOVING PICTURES vollendeten. Dort, in dieser von Bergen flankierten Kleinstadt in Quebec, war die Band bereits für PERMANENT WAVES untergekommen – und sie sollte auch bis 1994 regelmäßig zurückkehren. „Die Landschaft faszinierte uns“, be-schreibt Lee seine Eindrücke. „Wir wohnten alle zusammen in einem kleinen Haus, das in der Nähe des Studios lag. Der Weg dorthin führte durch einen Wald, und ich weiß, dass ich mich immer herrlich entspannen konnte, wenn ich nach getaner Arbeit allein zurückmarschiert bin. Zudem lag das Studio direkt am See, es sah einfach umwerfend aus. Und es hat mich definitiv inspiriert. Manche Leute wundern sich zwar darüber, dass in so einer ruhigen, abgeschiedenen Gegend eine Hardrock-Platte entstehen kann, aber für uns war das kein Widerspruch, ganz im Gegenteil.“

Und doch: Gerade diese besondere Atmosphäre, diese Ruhe und Ausgeglichenheit, spiegelt sich in den Songs von MOVING PICTURES wider. Das Offensichtliche, Vordergründige verschwand Anfang der Achtziger nach und nach aus Rushs Musik, an seine Stelle trat das Erdige, Subtile, Unterschwellige. Man könnte es auch so formulieren: Die Sturm-und-Drang-Phase neigte sich dem Ende zu. Als MOVING PICTURES entstand, waren Geddy Lee und Gitarrist Alex Lifeson 27, Drummer Neil Peart 28 Jahre alt. Es ging Rush nicht mehr darum, Led Zeppelin nachzufolgen (wie auf FLY BY NIGHT oder CARESS OF STEEL) oder sich in immer vertracktere musikalische oder lyrische Höhen hinaufzuschwingen – das hatten sie mit 2112, A FAREWELL TO KINGS oder HEMISPHERE bereits erfolgreich und exzessiv getan. Nun wollten sie etwas Neues ausprobieren, den Weg weitergehen, den sie mit PERMANENT WAVES eingeschlagen hatten: Ihr Progrock durfte komplexe Arrangements enthalten, aber eben nicht nur. Rush und Radio – diese beiden Dinge sollten sich nicht ausschließen: Der Erfolg von ›Spirit Of Radio‹ und ›Freewill‹ gab ihnen Recht. PERMANENT WAVES knackte die Top 5 der US-Billboard-Charts.

Doch obwohl sich das Trio durch die weltweite Zustimmung in seiner Haltung bestärkt sah – einen konkreten Plan, wie’s nun weitergehen sollte, hatten die Kanadier nicht. Es gab nichts, keine übrig gebliebenen Song-Ideen vom letzten Album, keine Melodien, die spontan bei einem Soundcheck entstanden waren und die man hätte ausbauen könnten. „Wir mussten komplett bei Null anfangen. Das war auch der Grund, weshalb wir nicht umgehend nach Morin Heights ins Studio gefahren sind, sondern uns erst am Stony Lake in Ontario eingemietet haben. Es gab schließlich keine Songs, die wir hätten einspielen können – die mussten wir erst noch schreiben!“, berichtet der Sänger, Bassist und Keyboarder.

„Also setzten wir uns von Montag bis Freitag hin, um zu jammen und so Ideen zu entwickeln. Übers Wochenende fuhren wir dann alle nach Hause. Auf diese Art und Weise sind eigentlich all unsere früheren Platten entstanden – erst Ende der Achtziger, als wir begannen, mit Peter Collins zu arbeiten, gab es richtige Demos. Vorher brauchten wir das nicht. Wir spielten die Songs einfach so lange, bis wir sie alle draufhatten. Dann wussten wir, dass wir gut genau vorbereitet waren, um ins Studio zu gehen. Dort ging dann alles recht schnell. Wir nahmen die Stücke auf, änderten noch ein paar Kleinigkeiten, das war’s dann. Obwohl, jetzt wo ich so drüber nachdenke, fällt mir ein, dass es auch schon bei MOVING PICTURES Demoaufnahmen gab. Ganz zu Beginn der Arbeit an dem Album haben wir mit unserem damaligen Produzenten Terry Brown in den ,Phase One‘-Studios in Toronto an irgendeinem der ersten MO-VING PICTURES-Songs gearbeitet. Ich weiß nur immer noch nicht, ob es nun ›Tom Sawyer‹ oder doch ›The Camera Eye‹ war. Na ja, es ist eben doch schon 30 Jahre her…“

Eine Spanne von drei Dekaden zu überblicken, bedeutet nicht nur eine Herausforderung für das persönliche Erinnerungsvermögen, sondern ist in der Tat auch eine Zeitreise. Das wird besonders deutlich, wenn man einen Blick auf die Texte von MOVING PICTURES wirft. Schon früher, z.B. bei ›Anthem‹, ›2112‹, ›Freewill‹ oder ›The Trees‹, hatte Schlagzeuger und Texter Neil Peart sich auf die Arbeit der in Russland geborenen, aber in den USA wirkenden jüdischen Autorin und Philosophin Ayn Rand (1905-1982) bezogen. Ihre Theorie des Objektivismus ist umstritten und wird – je nach Standpunkt – dem rechten politischen Lager zugerechnet (allerdings vor allem im angloamerikanischen Raum). Rush und insbesondere Peart gerieten daher zahlreiche Mal in Erklärungsnot, wenn sich jemand die Mühe machte, eine Diskussion über dieses Thema vom Zaun zu brechen. Die Wahrheit ist freilich: Geddy Lees Eltern sind polnische Juden, die in den Konzentrationslagern von Dachau und Bergen-Belsen interniert waren, dies jedoch überlebten. Schon allein deswegen ist eine Zuordnung der Band in dieses Lager schlicht absurd.
Hinzu kommt, dass sowohl Rands Werke (und dabei insbesondere „An-them“ (1938), „The Fountainhead“ (1943) und „Atlas Shrugged“ (1957)) als auch Rushs Alben im Kontext der damaligen Geschehnisse zu betrachten sind. Als MOVING PICTURES entstand, stand das von George Orwell so düster beschriebene 1984 erst noch bevor. Die Mauer existierte noch real, ebenso der Ostblock, und auch der Kalte Krieg war längst nicht Geschichte. Die Worte, die Peart im Sommer 1980 niederschrieb, entstanden in einem Klima, das von Furcht und Misstrauen gegenüber dem Anderen, dem Fremden geprägt war.

„Neil hat im Lauf der Rush-Karriere einige Texte geschrieben, mit denen ich nicht besonders glücklich war“, setzt Geddy Lee an, „aber das war hauptsächlich am Anfang der Fall. Zur Zeit von MOVING PICTURES gab es nur einige wenige Zeilen, die mir nicht gefielen, der größte Teil seiner Lyrics war hervorragend. Wir arbeiten immer nach demselben Muster: Neil schreibt etwas, er zeigt es mir dann, ich lese den Text durch und mache Anmerkungen an den Stellen, die ich nicht verstehe oder die ich anders formulieren würde. Wir sprechen dann darüber, und er nimmt die Zettel wieder mit nach Hause und arbeitet das Ganze entsprechend um.

Das Gute an Neil ist: Er geht sehr ergebnisorientiert vor. Will sagen: Sein Ziel ist es, einen passenden Text zu schreiben. Wenn das aber partout nicht funktioniert, zum Beispiel weil die Worte und die Musik sich nicht ergänzen, dann ist er nie beleidigt, sondern zuckt mit den Schultern und macht etwas Neues.“
Die Texte zu MOVING PICTURES stammen allesamt von Neil Peart – einzige Ausnahme: die Lyrics zu ›Tom Sawyer‹, die aus einer Kollaboration mit Pye Dubois stammen (kanadischer Dichter, u.a. Texter der Band Max Webster – Anm.d.Red.). Dubois’ ursprünglichem Porträt eines modernen Rebellen fügte Peart einen weiteren Aspekt hinzu: den Kampf zwischen dem Wunsch nach ewiger Freiheit und den Zwängen der Gesellschaft.

„Jedes Mal wenn ich an MOVING PICTURES denke, kommt mir als Er-stes ›Tom Sawyer‹ in den Sinn“, sagt Lee lachend. „Der Song hat uns alle Türen geöffnet, war in Filmen zu hören, in TV-Shows, einfach überall. Dabei sah es zunächst so aus, als würde nie etwas draus werden. Denn im Studio haben wir uns endlos mit dem Stück herumgeplagt. Alle an-deren Tracks entwickelten sich viel schneller, nur ›Tom Sawyer‹ bereitete uns Kopfzerbrechen. Ständig hatten wir das Gefühl, dass noch irgendetwas Wichtiges fehlte. Doch am Ende der Aufnahmen war es der Song, den wir alle am besten fanden. Ein weiterer Beweis dafür, dass man nie im Vorfeld sagen kann, ob etwas funktioniert oder nicht. Man muss es einfach ausprobieren und sehen, wie weit man kommt.“

Wie weit die Band in ihrer Entwicklung gekommen war, zeigt sich in ›Tom Sawyer‹ wohl am deutlichsten. Der Song verfügt über ein komplexes, bis ins letzte Detail durchdachtes Arrangement. Doch er ist auch zugänglich, insbesondere durch einen Riff, der sich bereits beim ersten Hören im Gehirn festsetzt und diesen Platz nie wieder verlässt. Doch MOVING PICTURES ist kein Album, das auf einem einzigen Hit beruht. Lee versüßt ›Red Barchetta‹ mit unglaublichen Eröffnungsharmonien. ›YYZ‹ ist eines der wenigen Instrumentals der Rock-Geschichte, die nicht als Beiwerk, sondern als eigenständiger Song wahrgenommen werden, während ›Limelight‹ be-weist, dass Rush nicht nur den Prog beherrschen, sondern auch im Poprock Großes leisten können. Und dann ist da natürlich noch ›The Camera Eye‹, elf-minütiges MOVING PICTURES-Herzstück und Gänsehaut-Epos, das vom düsteren, brodelnden ›Witch Hunt‹ und der Reggae-Electronica-Fusion ›Vital Signs‹ abgelöst wird.

„Wir haben nie wieder einen Song wie ›The Camera Eye‹ geschrieben. Das Epische hat uns während der Aufnahmen auch gar nicht gefallen. Wir hatten das Gefühl, dass der Track zu lang war und sich die einzelnen Themen zu oft wiederholten. Wahrscheinlich hatten wir einfach nicht genug Abstand – denn sonst wäre uns sicherlich aufgefallen, dass gerade dadurch ein ganz besondere Atmosphäre erzeugt wird.

Das ist uns erst im letzten Sommer wieder bewusst geworden, denn im Rahmen der MOVING PICTURES-Tour nah-men wir ›The Camera Eye‹ erstmals seit über 25 Jahren wieder in unser Set auf. Die Leute liebten den Song! Ich muss allerdings auch zugeben, dass wir ihn etwas gekürzt haben, aber nur um eine knappe Minute. Denn als wir uns auf die US-Show vorbereiteten, hörten wir uns das Stück an und kamen überein, dass einige Passagen auf der Albumversion einfach zu langatmig sind. Die haben wir zusammengestrichen.“

Das wäre zur Zeit der MOVING PICTURES-Aufnahmen noch nicht so einfach möglich gewesen. ProTools? Fehlanzeige. Doch vor technischen Problemen waren Rush deswegen keineswegs gefeit. Aus diesem Grund landeten die Bänder nämlich einige Tage später als geplant im Briefkasten der Plattenfirma. „Als wir mit dem Mix beschäftigt waren, ging plötzlich alles schief. An einigen Stellen waren auf einmal Sounds zu hören, wie vorher nicht da waren, an anderer Stelle fehlte irgendwas. Wir suchten stundenlang nach dem Fehler, konnten aber nichts finden. Also schlug unser Produzent Terry Brown vor, den Laden zu schließen und einen Techniker aus England kommen zu lassen. Es stellte sich schließlich heraus, dass eine Leitung falsch angeschlossen war und zu-dem eine so hohe Luftfeuchtigkeit im Studio herrschte, dass wir Probleme hatten, die Höhen richtig einzustellen. Nun, am Ende ging es dann doch.

Zudem hatte es einen großen Vorteil: Wir stellten alles manuell ein, jeder von uns war beteiligt, es fummelten also acht Hände zeitgleich auf dem Board herum. Eine aufregende Sache! So etwas erlebt man heute nicht mehr, da wird alles am Computer eingestellt, fertig. Dabei lieben wir es, uns die Hände schmutzig zu machen!“

Das aktive Mitmachen, Mitentscheiden, Dabeisein ist etwas, das Rush seit jeher wichtig war und auch heute noch ist. Sie sind in jeden Produk-tionsschritt involviert, wollen die Kontrolle über das Gesamtwerk be- und erhalten. Das war auch bei MOVING PICTURES so. Da die Band – und allen voran Neil Peart – etwas erschaffen wollte, das stark cineastische Züge trägt, ein Album, bei dem die Musik dazu da ist, die Texte klanglich umzusetzen und so nacherlebbar zu machen, war auch das Artwork von immenser Bedeutung. „Neil hatte die Idee für den Titel der Platte, und da er die Texte verfasste, wollte er, dass diese auch im Covermotiv umgesetzt werden. Er hat daher unserem Grafikdesigner Hugh Syme eine Rohfassung der Lyrics gegeben, um ihm einen Eindruck davon zu vermitteln, in welche Richtung er gehen wollte. Hugh hat sich dann Gedanken dazu gemacht und alle weiteren Schritte mit Neil abgesprochen. Nachdem die beiden sich einig waren, kamen sie zu Alex und mir, um uns ihre Vorschläge zu unterbreiten.

Ich mag die drei Ebenen des Bildes. Diese Mehrdeutigkeit, mit der auch der Titel MOVING PICTURES spielt. Einmal die Bilder, die aus dem Gebäude getragen werden, dann das alte Ehepaar, das in Tränen ausbricht, weil es die Tasche fallen lassen hat. Und schließlich die Filmcrew auf der Rückseite beim Dreh. Alle bewegt bzw. bewegen etwas – im Englischen ist das Wort ‚to move‘ ja mehrdeutig. Zudem freue ich mich auch heute noch darüber, dass wir damals den Schritt gewagt und kein weiteres Fantasy- oder SciFi-Bild mehr als Cover verwendet haben. Es war wirklich höchste Zeit, damit aufzuhören. Zumal es bei uns eigentlich immer schon so war, dass die Optik der Musik entsprechen sollte. Und da sich unser Sound verändert hatte, musste sich logischerweise auch die visuelle Umsetzung ändern.“

Die konsequente Art, mit der Rush an ihre eigene Erneuerung herangingen, verschaffte ihnen nicht nur neuen Zulauf von Fans aus dem Mainstream-Sektor, sondern nötigte auch der eingeschworenen Fan-Gemeinde Respekt ab. Und doch hatte der Erfolg auch seine Schattenseiten. Die ersten Wolken waren bereits vor MOVING PICTURES aufgezogen – speziell Neil Peart hatte enorme Schwierigkeiten, mit dem Ruhm klarzukommen. Er hasste es, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen – ein Problem, das er im Song ›Limelight‹ thematisiert. „Keiner von uns braucht das Rampenlicht. Wir haben keine besonders ausgeprägten Egos. Aber während Alex und ich es locker nehmen, wenn Fans auf uns zukommen und ein Autogramm wollen oder mit uns sprechen möchten, schafft es Neil einfach nicht, sich zu entspannen. Das war früher ganz schlimm, inzwischen ist es deutlich besser geworden. Was vielleicht auch daran liegt, dass wir dazu übergegangen sind, in solchen Momenten einfach herumzualbern. Das entspannt die Situation enorm.

Aber um auf ›Limelight‹ zurückzukommen: Es ist schon eine ziemliche Dreistigkeit, dass wir auf der einen Seite ein erfolgreiches Album aufnehmen wollen, das sich bitte millionenfach verkaufen soll – und dann ein Stück draufpacken, das von den negativen Seiten des Star-Daseins handelt. Ziemlicher Widerspruch, oder? Aber so ist das eben oft in einer Band…“

Speziell Neil Peart ist ein Meister darin, wenn es darum geht, etwas Unerwartetes zu tun. Das war früher so – und hat sich bis heute nicht geändert. Denn während Geddy Lee und Alex Lifeson endlich das bereits für 2010 geplante neue Studioalbum fertigstellen wollten, gierte Peart förmlich nach einer Tournee, wie der Sänger berichtet: „Die Idee, MOVING PICTURES komplett auf die Bühne zu bringen, stammt nicht von mir. Ich wollte lieber Songs schreiben. Doch Neil hatte Feuer gefangen, gab einfach nicht nach. Schließlich kam irgendjemand darauf, dass wir doch beides miteinander kombinieren könnten. Erst ein paar Songs aufnehmen, dann live spielen, dann wieder zurück ins Studio, daraufhin eine weitere Tour. Alle waren begeistert, also entschieden wir, dass wir es genau so machen wollten.

Und dann erst kamen wir auf den Gedanken, MOVING PICTURES in den Mittelpunkt der Show zu rücken. Schließlich ist es unser erfolgreichstes Album, jedenfalls in den USA. Und es enthält ›Tom Sawyer‹, eine Hymne, die jeder Rush-Fan vergöttert. Zudem ist ein Großteil der Stücke von MOVING PICTURES ohnehin ein fester Bestandteil unseres regulären Sets, also mussten wir uns nicht großartig bemühen und zig Lieder einstudieren, die wir ewig nicht geprobt hatten – abgesehen von ›The Camera Eye‹ gestaltete sich das recht einfach. Und durch die Nordamerika-Tour, die wir im vergangenen Sommer gespielt haben, ist uns erst richtig klar geworden, wie herausragend das Stück eigentlich ist und welche Emotionen es bei den Leuten hervorrufen kann. Es scheint, als hätten wir nach 30 Jahren endlich unseren Frieden mit dem Song geschlossen…“

MPcov_DeborahSamuel MP2DeborahSamuelMOVING PICTURES

Die beiden Fotografien sind vor dem Parlamentsgebäude von Ontario entstanden. Es steht im Queen’s Park in Toronto und wurde in den Jahren von 1886-1893 er-baut. Eines der Bilder, welche die Träger gerade transportieren, zeigt das Cover von Rushs 2112-Album. Für die Gestaltung des MOVING PICTURES-Artworks war Hugh Syme zuständig – gemeinsam mit der Fotografin Deborah Samuel hatte er das Shooting geplant und darin die verschiedenen Aspekte des englischen Begriffs „moving“ zu visualisieren versucht.

Long Distance Calling – Siebziger Signale

Long-Distance-CallingNach SATELLITE BAY und AVOID THE LIGHT mussten sich die Instrumentalrocker fragen lassen, ob ihr Konzept weiter aufgeht. Lange, Wellen schlagende Songs mit ab und zu einem Gastsänger, trägt das noch? Mit ihrem dritten Album brechen Long Distance Calling auf ins Ungewisse – und bleiben sich treu.

Im Urwald von Puerto Rico steht ein Radioteleskop. Die besten Tage der mit 305 Metern Durchmesser und 51 Metern Tiefe gewaltigen Schüssel liegen hinter ihr: Seit Pierce Brosnan in „Golden Eye“ und Jodie Foster in „Contact“ über die Reflektoren turnten, ist sie eher gammelig geworden. Zahllose Reflektorspiegel sind kaputt, durch den Asphalt bricht der Dschungel, und wenn sich nicht bald ein Sponsor findet, schließt der Betreiber die Anlage vielleicht noch in diesem Jahr. Damit würde auch das Radiosig­nal abbrechen, das seit 1974 von hier, von Arecibo aus, ins All geschickt wird. Die Botschaft soll Außerirdischen sagen, dass es uns gibt: ein Hallo von sehr weit weg. LONG DISTANCE CALLING eben.

Den rund um Münster beheimateten Instrumentalrockern liefert ›Arecibo‹ einen von sieben Songnamen auf dem schlicht LONG DISTANCE CALLING betitelten Album. Und wer denkt, Bands ohne Texte hätten es leichter, der irrt. „Die Songtitel schieben die Wahrnehmung ja bereits in eine bestimmte Richtung“, gibt Janosch Rathmer zu bedenken, der Schlagzeuger des Quintetts. „Von daher ist die Titelsuche fast genauso kompliziert wie die Erstellung kompletter Texte.“ Das übergreifende Space-Thema hatten die brachialen Filigrantechniker sich lang im Vorfeld gesetzt; alles andere wurde neu verhandelt.

Neu sind zum Beispiel die Funkanleihen: Wenn ›Into The Black Wide Open‹ hereinrollt, sieht man unwillkürlich „Die Straßen von San Francisco“ vor sich, und bei ›Figrin D’an Boogie‹ (einer liebenswert nerdigen Hommage an die Alien-Kapelle der Star Wars Cantina) vielleicht sogar eine orange-braun gemusterte Tapete. Dabei war es bloß eine Frage der Zeit, bis das Seventies-Faible bei ihnen durchschlug: „Wir haben fast alle zuvor Metal gespielt“, sagt Janosch, „und machen gerade dieselbe Erfahrung: Je älter man wird, je länger man sich mit Musik beschäftigt, desto sicherer interessiert man sich irgendwann für die Quellen. Man landet unweigerlich bei den Siebzigern und schließlich ein Stückchen weiter – beim Blues.“

Seine 70er-Ikonen heißen John Bonham, Bill Ward oder Billy Cobham (Mahavishnu Orchestra) und, auf die Band übertragen, Pink Floyd und Led Zeppelin. Eine Umorientierung ist das nicht: „Wir haben Long Distance Calling nie direkt im Postrock gesehen, sondern immer als instrumentale Rockband.“ Was einander kaum ausschließt, aber Long Distance Calling kullern tatsächlich auf neue Horizonte zu. „Vor allem wollten wir kurzweilig sein. Die Herausforderung für eine Band, die fast ohne Gesang arbeitet, besteht darin, die Hörer bei der Stange zu halten. Noch nie haben wir so viel und intensiv für eine Platte geprobt. Sie sollte anders und kompakter werden… was vielleicht nicht auf ganzer Linie geklappt hat“, lacht er und meint die Parts, wo Long Distance Calling dann doch wieder perlend ausuferten.

Auf Anhieb geklappt hat hingegen die Akquise seines Wunschkandidaten John Bush („einer der unterschätztesten Frontmänner im Rock/Metal-Bereich“) als Gastsänger auf ›Middleville‹. Der Armored Saint- und ehemalige Anthrax-Sänger stieß bei Janoschs Kollegen zunächst auf Skepsis – bis sie seinen Beitrag hörten. Bush hat selbst Text und Gesangslinien beigetragen und klingt im Ergebnis charismatisch und grungig – „wie Layne Staley, der die Töne trifft!“, freut Janosch sich. Und das ist doch mal eine gute Botschaft.