0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1313

Death Cab For Cutie

0

Death Cab For Cutie 2011a @ Danny ClinchKinder des Grunge

Als Teenager war Ben Gibbard Zeitzeuge der Grunge-Explosion. Heute ist der 34-jährige ein erfolgreicher Sänger und Gitarrist, wohnt mit einem Hollywood-Star unter der Sonne Kaliforniens und singt die Nationalhymne bei Baseballspielen – wenn man ihn lässt.

Er ist das, was man einen gemachten Mann nennt: Mitte 30, mit dem gut gefüllten Bankkonto von mehreren Millionen verkaufter Alben, einem schicken Häuschen in Los Feliz, das er sich mit Filmstar-Gattin Zooey Deschanel („Per Anhalter durch die Galaxis“) teilt, regelmäßigen Soundtrack-Engagements zu Blockbustern wie „Twilight“ oder (aktuell) „Arthur“, sowie Auftritten bei den Heimspielen seines Lieblings-Baseballvereins, den San Francisco Giants, bei denen er die Nationalhymne schmettert. „Ich bin so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben, und das gebe ich offen zu. Ich erlebe viele wunderbare Sachen, mit denen ich nie gerechnet hätte“, so der baumlange, blasse Schlacks in Karohemd und Jeans.

Was sich – natürlich – auch in seiner Musik niederschlägt, nämlich auf dem siebten Album CODES AND KEYS. Ein Werk, bei dem Gibbards Quartett zum ersten Mal Keyboards, Klavier und Streicher einsetzt, sich an grenzenlos optimistischen Texten vergeht und den nerdigen Indie-Rock vergangener Tage mit Annäherungen an Brian Eno, Radiohead und Pink Floyd versieht. „Das Problem ist nur, dass uns viele Fans diese Entwicklung scheinbar nicht zugestehen. Sie wollen, dass wir für immer die kleine Studentenband aus Bellingham bleiben und vor 200 Leuten in irgendwelchen Bars spielen. Aber weißt du was: Darauf habe ich keine Lust mehr. Ich will von meiner Musik leben und in einem vernünftigen Bett schlafen können. Wer das als Ausverkauf erachtet, der soll gefälligst woanders hingehen.“

Eine Reaktion, die von einem wunden Punkt hinter der fast schon erschreckend netten Fassade des Sängers/Gitarristen zeugt. Aus gutem Grund: Death Cab For Cutie (ein Song der Bonzo Dog Doo-Dah Band von 1967) sind bereits seit sieben Jahren bei einem Major unter Vertrag, haben mit ihren letzten zwei Alben (zumindest in den USA) Gold und Platin eingeheimst, die Top Ten der Billboard-Charts geknackt und füllen längst Mehrzweckhallen nebst Amphitheater. Und doch: Ihr Publikum verfolgt diese Entwicklung mit Skepsis. Weshalb sich Gibbard lange bei und mit Nebenprojekten wie The Postal Service, All-Time Quarterback, Pinwheel und Dntel ausgetobt hat: „Prinzipiell spiele ich mit jedem, der mir eine spannende Alternative zu Death Cab aufzeigt – zumindest in der Zeit, in der wir als Band nicht aktiv sind. Und das ist sehr wichtig, um einfach mal auszubrechen, etwas komplett anderes zu machen, um dann mit frischen Ideen zurückzukehren.“

Wobei Gibbard für die Zukunft auch nichts gegen eine Kollaboration mit Gitarren-Koryphäen wie etwa Peter Buck (REM), The Edge (U2) oder Dough Martsch (Built To Spill) einzuwenden hätte. „Das sind die Helden meiner Jugend, die mich erst dazu gebracht haben, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Sie waren keine Shredder und auch keine fürchterlichen Poser wie Cinderella oder Poison, sondern richtige Musiker, die alles für den Song an sich getan haben, nicht nur für ihr Ego.“ Wozu Gibbard – als echtes Kind des Grunge – natürlich auch Alice In Chains, Pearl Jam, Soundgarden und Nirvana zählt. „Das waren die Bands, mit denen ich aufgewachsen bin und deren Konzerte ich mir als Teenager angeschaut habe. Was soll ich sagen? Sie waren toll, und ihre Platten haben bis heute nichts von ihrer früheren Faszination verloren. NEVERMIND höre ich immer noch gerne – es ist einfach ein umwerfendes Album. Unfassbar, dass es schon 20 Jahre alt ist. Aber hey: Ich hoffe, dass die Leute in Zukunft genauso über unsere Songs reden werden. Das ist mein größter Wunsch.“ Wie bescheiden…

Marcel Anders

Lake Of Tears

0

Lake of Tears 2010Schwere Zeiten

Die Welt, in der wir leben, ist ein dunkler Ort. So sehen das auch Lake Of Tears – meistens jedenfalls. Im CLASSIC ROCK-Interview verrät Bandkopf Daniel Brennare, warum das so ist und warum man Grenzen manchmal einfach überschreiten sollte.

Vier Jahre nach MOONS AND MUSHROOMS (2007) erblickt nun das neue Studioalbum ILLWILL von Lake Of Tears das Licht der Welt. Eine verdammt lange Zeit in einer Musikwelt, die so schnelllebig ist wie nie und in der Alben am Fließband produziert werden. Doch es gibt vor allem zwei Gründe, warum sich die Schweden so viel Zeit gelassen haben. Der erste ist ein rein künstlerischer. „MOONS AND MUSHROOMS entstand damals einfach viel zu überhastet“, erklärt Daniel. „Die Hälfte der Songs haben wir erst eine Woche vor den Aufnahmen fertiggestellt. Deswegen sind wir im Nachhinein sehr unzufrieden damit. Wir wollten uns dieses Mal richtig viel Zeit geben. Dadurch konnten wir uns auf Feinheiten konzentrieren, die einen Song erst lebendig machen. Songs sind wie guter Wein: Sie müssen reifen. Und das haben wir bei ILLWILL zugelassen.“

Der zweite Grund für die lange Abwesenheit der Band ist ein persönlicher. Vor drei Jahren erkrankte Daniel an Leukämie und musste sich zunächst auf seine Genesung konzentrieren. „Als ich die Diagnose erhielt, sagte mein Arzt, es bestünde eine 20-prozentige Chance, dass ich sterben werde“, schildert der Sänger den dramatischen Moment. „Das hat mich natürlich erst einmal aus der Bahn geworfen. Als ich im Krankenhaus lag, dachte ich viel nach – über das Leben und die Dinge, die mir wichtig sind. Diese Erfahrung hat sich natürlich auch auf das Album ausgewirkt.“

Schon der Titel, der übersetzt soviel wie Feindseligkeit bedeutet, deutet an, dass ILLWILL viel von den negativen Erfahrungen reflektiert, die die Band während der vergangenen Jahre gemacht hat. „Der Titel zeigt, wie schlecht und grausam die Welt sein kann. Sie schenkt dir das Leben, nimmt es dir aber auch wieder“, erklärt Daniel nachdenklich.

Das Album selbst ist typisch für die Schweden: Es klingt unverkennbar nach Lake Of Tears und ist doch wieder anders als seine Vorgänger. „Man muss sich immer weiterentwickeln und darf keine Angst davor haben, Grenzen zu überschreiten. Musik muss auch für einen selbst immer interessant bleiben“, beschreibt Daniel seine Herangehensweise ans Songwriting. „Wir haben in jüngster Zeit die alten Thrash- und Black Metal-Platten wiederentdeckt, die uns früher musikalisch erheblich beeinflusst haben. Dadurch ist das neue Album insgesamt härter und rauer geworden. Wir wollten schon lange etwas schnellere Songs schreiben, und jetzt war die Zeit reif dafür.“

Mit ›House Of The Setting Sun‹ befindet sich aber auch ein ruhiges Stück auf ILLWILL, das sich sehr am klassischen Siebziger-Rock orientiert. „Wir alle mögen Bands wie Pink Floyd, und das schon seit vielen Jahren“, erzählt Daniel. „Während der Songwriting-Phase tauchen ein paar Riffs auf, die in diese Richtung gingen. Und nachdem wir uns vorgenommen hatten, keinen Song zu verwerfen, nur weil er nicht ins Gesamtbild zu passen scheint, haben wir an dieser Idee weitergearbeitet. Und ich finde, dass es ein toller Song geworden ist.“
Haben die Schweden etwa vor, sich nun ganz und gar dem klassischen Rock zu verschreiben? „Wer weiß?“, grinst Daniel. „In unseren Köpfen spukt schon länger die Idee herum, dass wir mal ein richtig langsames Album aufnehmen könnten. Vielleicht wird das nächste oder übernächste voll von solchen Songs sein.“

Simone Bösch

Black Stone Cherry

0

BSC__9442_JL_EDIT_LRBlick zum Horizont

Aller guten Dinge sind drei. Mit ihrem Drittwerk BETWEEN THE DEVIL AND THE DEEP BLUE SEA wollen Black Stone Cherry nicht nur den Sprung nach ganz oben schaffen, sondern auch einigen Seelenballast loswerden, der sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat.

Manche Fans wollen immer auf dem Laufenden sein, was ihre Idole angeht. Black Stone Cherry machen sich das zu Nutze. Sie verpacken daher auch auf ihrem neuen Album viel Persönliches in ihren Texten. Das hat zwei Vorteile. Erstens: Sie werden nicht gestalkt, schließlich sind eh alle Infos öffentlich. Und zweitens: Sie können negative Erfahrungen direkt aufarbeiten.

So ist z.B. der überlange Titel eine Anspielung auf vergangene Widrigkeiten – entlehnt aus der Seefahrer-Sprache. Bei Segelschiffen wird nämlich die Fuge zwischen zwei Planken der Außenhaut als „Devil“ bezeichnet. Wenn ein Matrose Reparaturen an dieser Stelle durchführen musste, befand er sich in einer gefährlichen Lage, um die ihn kein Kollege beneidete. „Als unser Gitarrist Ben Wells diesen Spruch zitierte, traf das bei uns allen einen Nerv“, berichtet Sänger und Gitarrist Chris Robertson. „Denn auch wir mussten im vergangenen Jahr vieles machen, das uns gar nicht passte.“ Zudem birgt dieser Satz das Dilemma, die Wahl zwischen zwei Alternativen zu haben, die beide nicht unbedingt vorteilhaft sind. Auch das kennt die Band zur Genüge. So freuten sich Chris, Ben, John-Fred Young (Drums) und Jon Lawhon (Bass) nach etlichen Monaten eigentlich darauf, wieder mehr Zeit mit ihren Lieben verbringen zu können. Doch funktioniert hat das nur bedingt „Es war zwar schön, wieder zu Hause zu sein. Aber eben auch ungewohnt. Zudem hatten wir nicht richtig frei, sondern absolvierten auch immer wieder einige Gigs in den Staaten. Das führte dazu, dass wir hin- und hergerissen waren zwischen den beiden Dingen, die wir am meisten lieben“, ergänzt Schlagzeuger Young.

Doch wer glaubt, das neue Album wäre eine Sammlung melancholischer Trauermärsche, irrt gewaltig. Bereits die erste Single ›White Trash Millionaire‹ zeigt, dass es für Black Stone Cherry kein Problem darstellt, komplexere Themen appetitlich zu verpacken. In besagtem Stück spiegelt sich nämlich ein Teil ihrer Lebensphilosophie wieder, wie John-Fred verrät: „Es geht darum, mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Und in diesem Zusammenhang geht es uns auch darum, die Kultur der Südstaaten in ein positiveres Licht zu rücken. Denn aufgrund ihrer dunklen Vergangenheit wird sie von vielen zu Unrecht verurteilt.“ Ganz so ernsthaft, wie der Trommler das ausformuliert, ist der Song aber nicht gedacht, wie Chris relativierend hinzufügt: „Im Kern ist das Stück dennoch ein Sommerlied, das schlicht Spaß macht.“

Eine Gratwanderung, die nicht allen Bands gelingt. Doch die vier Kentuckians sind mutig – sie wagen den Balanceact auf ihrer dritten Scheibe gleich mehrmals. So hätte auch ›Can’t You See‹, ein Cover der Marshall Tucker Band, durchaus in die Hose gehen können. Doch Angst vor einem möglichen Versagen hatten Black Stone Cherry nicht – schließlich ist der Song bereits des Öfteren in ihrem Live-Repertoire gewesen. Auf Initiative ihres Labels hin trauten sie sich nun auch an eine Studioversion heran. „Wir steckten gerade mitten im Songwriting-Prozess, als diese Idee aufkam“, erinnert sich Young. „Also probierten wir ein bisschen rum. Die erste Variante klang beinahe wie das Original, aber letztlich wollten wir das Ganze ein bisschen härter haben.“ Härter ist zwar nicht zwangsläufig besser, aber im Fall von Black Stone Cherry gilt hier die Ausnahme von der Regel. Die Version behält die Seele des Originals, verleiht ihr aber zugleich mehr Kraft. Zudem fügt sich der Track so besser ins Gesamtbild von BETWEEN THE DEVIL AND THE DEEP BLUE SEA ein – denn alle Songs klingen jung und frisch.

Eine Tatsache, die auch Chris Robertson gefällt: „Nach dieser Platte würde es mich nicht einmal stören, wenn wir danach nie wieder ein Album aufnehmen könnten. Denn es ist uns gelungen, eine Scheibe einzuspielen, die all das in sich vereint, was Black Stone Cherry momentan ausmacht.“

Benedikt Mekelburg

Queensryche

0

Queensryche 2011bDie Chaos-Theorie

Worin bestehen die Unterschiede zwischen Geoff Tate und Bill Gates – sind sie nur durch die Gene bestimmt oder spielen die Erziehung, das Elternhaus und die Freunde der Jugend eine ebenso wichtige Rolle? Der QUEENSRÿCHE-Sänger geht auf DEDICATED TO CHAOS, dem neuen Studioalbum der Progressive-Metal-Ikonen aus Seattle, unter anderem dieser Frage nach.

Risikoscheu oder ängstlich waren Queensrÿche noch nie. Mehr als nur einmal in ihrer mittlerweile 30 Jahre andauernden Karriere brach die Progressive Metal-Band aus Seattle mit Konventionen, ließ sich trotz hochgesteckter Erwartungen nicht von ihrem eigenwilligen Weg abbringen oder machte das genaue Gegenteil von dem, was kommerziell vernünftig gewesen wäre. Speziell Frontmann Geoff Tate, einer der charismatischsten und ungewöhnlichsten Sänger dieser Szene, sucht permanent nach Herausforderungen, neuen Zielen, Inspirationen.

Vor vier Jahren hätte er sich aber fast übernommen: Queensrÿche hatten beschlossen, ein Album über die Kriegshistorie ihres Heimatlandes zu schreiben, also: Zweiter Weltkrieg, Vietnam, Irak, Afghanistan, eine lange Leidensgeschichte von Gewalt, Verlust und Zerstörung. „Es war das erste Mal, dass ich Texte schrieb, die nicht von mir selbst handeln, sondern von Soldaten“, erklärt er. „Damit betrat ich absolutes Neuland.“ Um wirklich tief in die Materie einzutauchen, führten er und seine Kollegen zahlreiche Gespräche mit Soldaten, ließen sich strategisch-politische Zusammenhänge erklären und versuchten so, die Hintergründe zu verstehen. Das, was Tate & Co dabei erfuhren, war zum Teil schockierend und offenbarte den Musikern die gesamte Brutalität der Gefechte. „Das Thema war unglaublich emotional für mich“, sagt Tate, der zwar selbst nie gedient hat, dessen Vater aber ein hochrangiger Soldat war. Er geriet an seine psychische Belastungsgrenze, musste deshalb mitten in den Vorbereitungen zu den AMERICAN SOLDIER-Aufnahmen eine Pause einlegen und seine „Batterien neu aufladen“.

Um dennoch die Vertragsmodalitäten ihrer Plattenfirma zu erfüllen, schob die Band eilig ein Übergangsalbum mit Coversongs ein, das 2007 erschienene TAKE COVER. Erst danach fühlte sich Tate wieder fit genug, um am Kriegsthema weiterzuarbeiten. AMERICAN SOLDIER erschien im Frühjahr 2009 und dürfte (neben Tates Seelenstriptease auf dem Klassiker OPERATION: MINDCRIME) das intensivste Werk seiner Musikerlaufbahn sein. Im Anschluss an die Veröffentlichung spielten Queensrÿche Shows in amerikanischen Militärbasen, zudem bereiste der Sänger im Sommer vergangenen Jahres den Irak. „Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen, diese Erfahrungen haben mein Leben verändert“, betont er heute. War er seinerzeit geschockt? „Nun, zumindest rannte ich dort permanent mit weit aufgerissenen Augen herum.“

Einige dieser Eindrücke hängen ihm auch gut ein Jahr später noch nach. Zudem war Tate zeitlebens ein nachdenklicher Mensch – er hasst Oberflächlichkeit und Ignoranz, möchte dieser Welt mehr geben als nur Plattitüden, Lippenbekenntnisse oder halbgare Zeugnisse seiner überbordenden Kreativität. Deswegen schrieb er OPERATION: MINDCRIME und AMERICAN SOLDIER, und deswegen hat er nun auch das aktuelle Album DEDICATED TO CHAOS in Angriff genommen. „AMERICAN SOLDIER war ein politisches Werk, während sich die neue Platte mehr um soziale Fragen dreht“, erklärt der Queensrÿche-Frontmann den Ansatz des zwölften Studioalbums. Tate unternimmt darauf den Versuch, die kausalen Zusammenhänge bestimmter Handlungsmuster zu erklären, also gewissermaßen die Frage zu beantworten: Warum eigentlich machen wir Dinge so, wie wir sie machen?

„Man muss etwas von der Welt gesehen haben, um sie zu verstehen“, lautet Tates Credo. „Ich bin aufgrund meines Berufs in der glücklichen Lage, viel reisen und mir andere Kulturen anschauen zu können. Für dieses hautnahe Erleben gibt es keinen gleichwertigen Ersatz, da kann man noch so viele Bücher über ein fremdes Land gelesen haben. Wer in seinem Leben immer am gleichen Ort geblieben ist, wird diese Welt nie verstehen können.“

Und was genau hat er bis dato komplett durchdrungen in Bezug auf die Welt, die Menschen und auch sich selbst?

„Nun, eines wird mir im Laufe der Jahre immer klarer: Letztendlich prägt uns das Umfeld, in das wir
hineingeboren worden sind. Ich meine: Bill Gates hätte nie zu dem werden können, was er heute ist, wenn er als Teil einer sozialen Randgruppe aufgewachsen wäre. Gates startete sein Leben in einer privilegierten Schicht. Man muss das wissen, um seinen Erfolg erklären zu können. Sein Vater war wohlhabend, er genoss die beste Erziehung, die man sich vorstellen kann. Nur so konnte er sich zu dem entwickeln, was er heute ist. Ich dagegen stamme aus der Mittelklasse, ein Leben wie das, was Bill Gates heute führt, kann ich mir nicht einmal im Traum vorstellen. Zwischen ihm und mir bestehen riesige kulturelle Unterschiede, obwohl wir aus demselben Land beziehungsweise Kulturkreis stammen.“

Für Tate schließt sich damit automatisch die Frage an: Wenn sich schon er und der Chef von Microsoft derartig fremd sind, wie sollen dann Menschen aus Schwellenländern die Denk- und Verhaltensweisen der westlichen Hemisphäre überhaupt nur annähernd verstehen können?

Ein interessanter Ansatzpunkt, der möglicherweise zur Annäherung unterschiedlicher Gruppierungen führen könnte, wenn jemand die richtigen Erkenntnisse daraus gewinnt. Doch Lösungsmöglichkeiten bietet DEDICATED TO CHAOS bewusst nicht. „Nur das Leben selbst beantwortet die wichtigen Fragen unserer Existenz“, übt sich der Amerikaner in philosophischen Aussagen. Er, der viel vom Leben weiß, weit herumgekommen ist in der Welt, der staunend durch China und verstört durch den Nahen Osten reisen konnte, und der – obwohl bereits geschätzte 20 Millionen verkaufte Tonträger schwer – niemals selbstzufrieden geworden ist. Tate (beziehungsweise die gesamte Band) hätte sich auf den eingeheimsten Lorbeeren ausruhen können. Es wäre ein Leichtes gewesen, einfach den auf EMPIRE eingeschlagenen Weg fortzusetzen und damit sicherlich noch weit mehr Platten zu verkaufen. Doch darum geht es Tate nicht: „Musik ist nicht dazu da, sich irgendwo in einer Nische gemütlich einzurichten. Sie soll Grenzen aufbrechen, neue Horizonte öffnen – und sie darf nie berechenbar sein.“ Aus diesem Grund haben Queensrÿche ein weiteres Mal ihre Stilmittel verändert. Waren es auf AMERICAN SOLDIER vor allem die Interview-Einspielungen, die der Musik ihr kuscheliges Flair nahmen, änderte die Band diesmal vor allem musikalische Strukturen. „Es gibt kein Gesetz, das bestimmte Akkordfolgen vorschreibt“, erklärt er, „doch viele Muster schleifen sich bei einer Band, die so lange dabei ist wie wir, irgendwann automatisch ein. Daher war es an der Zeit, alles zu hinterfragen, neu zu bewerten und manchmal eben auch zu verändern.“ Und genau das haben Queensrÿche auf DEDICATED TO CHAOS getan. Neben allen sonstigen Veränderungen, versteht sich… “

Thorsten Zahn

Hammerfall

0

Hammerfall 2011aKurskorrekturen


Auf INFECTED herrscht wieder der Geist der frühen Tage, behauptet Bassist Fredrik Larsson. Tatsächlich werden sich Hammerfall auf alte Stärken besinnen müssen, um ihre Top-Position zu halten.

Die Zeiten haben sich im Musikbusiness grundlegend geändert – und mit ihnen auch die Philosophie und die Einstellung zur Arbeit: Als Hammerfall im Jahr 2009 ihr siebtes Studioalbum NO SACRIFICE, NO VICTORY veröffentlichten, stöhnten viele über den allzu glatten Sound der Scheibe (obwohl diese nichtsdestotrotz in hohe Charts-Regionen kletterte). Es schien, als hätte die Band all jene Qualitäten, die ihnen 1997 zum Durchbruch verholfen haben, komplett vergessen. Damals kam GLORY TO THE BRAVE in den Handel, eigentlich kein klassisches Debüt, sondern ein zum offiziellen Release aufgebretzeltes Demo. Produktionstechnisch kam die Platte kaum über Amateur-Niveau hinaus, überzeugte aber dennoch – und zwar dank ihrer unglaublichen Vitalität und Geradlinigkeit. Hammerfall agierten seinerzeit antizyklisch: Kein Mensch wollte Mitte der Neunziger traditionellen Heavy Metal hören. Doch die Schweden spielten ihn ohne Hemmungen – und rannten auch noch voller Inbrunst in veralteten Klamotten herum. „Es war absolut uncool, Heavy Metal zu mögen. Man tat gut daran, nicht zu erwähnen, dass man ihn sogar selbst spielt“, erinnert sich Bassist Fredrik Larsson, „Doch verdammt, wir trugen mit Stolz Nieten und Leder! Die Leute haben schnell kapiert, dass wir es ernst meinten und keine Comedy-Gruppe waren. Wir zogen unser Ding durch, weil das genau die Art Musik war, mit der wir aufgewachsen sind.“

Das ging lange Jahre gut, doch mit NO SACRIFICE, NO VICTORY gelangten Hammerfall vor zwei Jahren an einen Wendepunkt ihrer Karriere: Die Songs klangen zu durchschnittlich, die Produktion war perfekt, aber völlig leblos. „Schon die Alben vor NO SACRIFICE, NO VICTORY hörten sich viel zu überladen an“, sagt Larsson heute, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht Teil der Band war. „Es gab viel zu viele Sound-Schichten, die einfach übereinander gestapelt wurden, sodass am Ende alles zu flach klang, viel zu geschliffen. Die Ecken und Kanten fehlten. Auf dem Debüt hatten wir noch das Problem, dass wir unser Temperament kaum zügeln konnten, doch je größer das Produktionsbudget wurde, umso mehr rückte ein möglichst perfektes Ergebnis in den Fokus.“ Man hört es Larsson an: Er, der auf dem Debüt zu hören ist und seit 2007 wieder bei Hammerfall rockt, weiß, dass es Zeit für eine Umkehr war.

Die hat das schwedische Quintett mit ihrer neuesten Veröffentlichung INFECTED offenbar vollzogen. Die Scheibe entstand überwiegend in Eigenregie, für den Mix ging es schließlich in die USA. „Wir haben all dieses tolle Studio-Equipment in unserem Proberaum stehen. Daher wäre es reinste Geldverschwendung, es nicht zu nutzen“, sagt Larsson, „außerdem kennt sich Pontus (Norgren, Gitarrist der Band, Anm.d.A.) bestens damit aus. Daher war die aktuelle Produktion überaus entspannt. Die einzige Unsicherheit bestand darin, dass wir nicht wussten, ob wir wirklich ein gutes Resultat abliefern können, das den Ansprüchen der Fans gerecht wird. Schließlich handelt sich um eine offizielle Veröffentlichung, nicht bloß um ein intern herumgereichtes Demo.“

INFECTED soll also eine Art Neubeginn sein, eine Abkehr vom Schlendrian, der sich in den zurückliegenden Jahren eingeschlichen hat. Jetzt, so Larsson, ist sich die Band endlich wieder ihrer eigentlichen Berufung bewusst. „Als ich vor vier Jahren zu Hammerfall zurückkehrte, waren die Jungs etwas zu bequem und selbstzufrieden. Sie dachten, sie könnten den Elan ihrer Jugend durch ihre gesammelten Erfahrungen wettmachen.“ Ein Irrtum, wie die Musiker heute wissen. Denn eine Metal-Band, die sich auf ihren Lorbeeren ausruht, verliert schnell den notwendigen Biss, wie auch Larsson bestätigt: „Diese Musik lebt immer noch von Begeisterung, vom Hunger und von unbedingter Leidenschaft.“

Matthias Mineur

Symphony X

0

Symphony XStarke Wehen

Mit ihrem jüngsten Album ICONOCLAST setzen SYMPHONY X mehr denn je auf Eigenständigkeit. Marktforscher hätten ihnen allerdings mehr Dringlichkeit empfohlen.

So groß wie in den zurückliegenden Monaten war die Chance einer Wachablösung wohl noch nie: Seitdem Schlagzeuger Mike Portnoy die Prog Metal-Fürsten Dream Theater mit Pauken und Trompeten verlassen und damit für Ratlosigkeit bei Plattenfirma, Management und Fans gesorgt hat, ist die Position des Szene-Olymps scheinbar unbesetzt. Die heißesten Anwärter auf eine legitime Thronfolge wären Symphony X, doch die denken gar nicht daran, in den Wettbewerb einzusteigen: „Ich habe unser Verhältnis zu Dream Theater noch nie als Konkurrenzsituation betrachtet“, erklärt Gitarrist Michael Romeo, „es gibt zwar sicherlich ein paar Ähnlichkeiten, aber insgesamt überwiegen die Unterschiede.“

Mittlerweile ist es ohnehin etwas zu spät, an der bisherigen Hierarchie zu kratzen – denn während das neue Symphony X-Opus ICONOCLAST ein ums andere Mal verschoben worden ist und erst jetzt, rund zehn Monate nach der ursprünglich geplanten Veröffentlichung, offiziell erscheint, haben Dream Theater bereits wieder Fahrt aufgenommen. Für Portnoy ist Mike Mangini gekommen, die Arbeiten am neuen Opus laufen bereits auf Hochtouren. „Für uns spielen all diese Überlegungen sowieso keine Rolle“, legt Romeo noch einmal nach. „Wenn wir auf Dream Theater schielen würden, müssten wir ja auch ein ähnliches Produkt abliefern. Doch davon kann bei ICONOCLAST ja keine Rede sein.“

Nun, das zumindest ist so eindeutig nicht. Symphony X zeigen sich anno 2011 durchaus auf Augenhöhe mit den Kollegen, kompositorisch und handwerklich sowieso. Was da an filigranen Fingerfertigkeiten und Virtuosität zu Tage tritt, hätte so oder ähnlich auch von den Herren Myung, Petrucci oder Rudess stammen können. Doch Romeo geht es um etwas ganz anderes: „Als ich anfing, die ersten Ideen für ICONOCLAST zu sammeln, fiel mir die Ähnlichkeit zu unserem Vorgängeralbum PARADISE LOST auf. Daher suchte ich nach einem neuen Ansatz, nach einer Idee, die sich von unseren bisherigen Scheiben abhebt. Es dauerte einige Zeit, bis ich das richtige Konzept gefunden hatte.“

Der Symphony X-Gitarrist charakterisiert das thematischen Zentrum von ICONOCLAST mit zwei Worten: mechanisch und künstlich. „Ich fing an zu experimentieren, den Song-Bruchstücken ein mechanisches Grundgerüst zu verpassen. Dann schickte ich ein paar Muster-Dateien zu meinen Bandkollegen und fragte sie nach ihrer Meinung. Ihre Reaktionen waren absolut positiv. Von da an war klar, dass die neuen Songs in diese Richtung gehen würden.“
Für Michael Romeo unterscheidet sich ICONOCLAST aber nicht nur in Sachen Grundidee von Scheiben wie eben PARADISE LOST (2007) oder THE ODYSSEY (2002), sondern zusätzlich auch in punkto Sound und Attitüde. „Wir probten die Songs vor dem Studiotermin absichtlich nicht allzu ausgiebig, um uns während der Aufnahmen noch Improvisationsmöglichkeiten offen zu halten. Wir wussten, dass wir den Stücken einen ganz eigenen Charakter verleihen müssen, einen Klang, der nicht so organisch ausfällt wie auf PARADISE LOST, sondern ein eher künstliches Flair hat. Man hört dies vielleicht nicht sofort, aber unterschwellig ist es stets vorhanden.“

Damit erklärt sich auch der Zeitverzug des Albums, obwohl Romeo bereits im Sommer 2009 mit dem Komponieren angefangen hatte: Es waren die langen Tage und Nächte im Studio, die letztendlich dazu führten, dass er das Veröffentlichungsdatum immer weiter nach hinten verschieben musste. Als verschwendete Zeit betrachtet Romeo die harte Songwriting- und Arrangement-Phase aber nicht: „Jeder Tag, ach, jede Stunde im Studio war es wert. Denn es geht mir ja nicht darum, eine andere Band zu übertrumpfen, sondern vielmehr unserer eigenen Geschichte etwas Neues hinzuzufügen. Und das wäre bei einem Schnellschuss kaum möglich gewesen.“

Matthias Mineur

Victory

0

Victory 2011Dickes Ende

Zwei Jahre lag das neue Victory-Album DON’T TALK SCIENCE im Tresor der Plattenfirma und staubte vor sich hin. Doch nun ist das Album endlich offiziell erhältlich. Doch es steht schon die nächste Hiobsbotschaft ins Haus: Es soll die letzte Veröffentlichung der deutschen Hard Rock-Institution sein.

Von einem tragischen Ende zu sprechen, wäre sicherlich zu pathetisch formuliert. Aber das öffentlich erklärte Aus der Hannoveraner Vorzeigerocker Victory hinterlässt ratlose Gesichter – und einige offene Fragen. Denn ihr aktuelles Abschiedswerk DON’T TALK SCIENCE ist die unbestritten beste Victory-Veröffentlichung seit den beiden legendären Scheiben CULTURE KILLED THE NATIVE (1989) und TEMPLES OF GOLD (1990), und sogar Gitarrist und Produzent Tommy Newton erklärt, dass sich „nun ein Kreis schließt, der Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger seinen Anfang genommen hat. Wir haben diesmal gar nicht erst versucht, modern zu klingen, sondern nur das gemacht, was die Fans seit jeher an uns geschätzt haben – geradlinigen Rock’n’Roll, der noch nie englisch oder deutsch klingt, sondern am ehesten amerikanisch. Deswegen auch der Albumtitel DON’T TALK SCIENCE. Er steht für das Motto: Mach’s nicht kompliziert, sondern einfach so, wie es früher war.“

Ein Rezept, das dieser Band hervorragend zu Gesicht steht. Die elf neuen Songs (plus zwei Covernummern) zeigen Victory von ihrer agilsten Seite, etwaige Auflösungstendenzen sind nicht einmal ansatzweise zu erahnen. Umso mehr stellt sich die Frage: Welche Not hat die Musiker getrieben, ihr liebstes Projekt ohne Vorwarnung einfach zu begraben? Es scheint, als hätten den Beteiligten diverse interne Probleme die Lust an der Band verhagelt. So weigerten sich die Verantwortlichen bei Victorys früherer Plattenfirma, das seit langem fertig gestellte Album auf den Markt zu bringen. Begründung: Ohne Tournee und entsprechendes Medieninteresse würde die Veröffentlichung verpuffen. Da aber Sänger Jioti Parcharidis seit geraumer Zeit gesundheitlich angeschlagen ist und daher nicht über einen längeren Zeitraum live auftreten kann, verstaubte die Scheibe in irgendeiner Schublade. Aber gerade Parcharidis kommt – und das kann man auf DON’T TALK SCIENCE deutlich hören – eine zentrale Rolle zu. Newton: „Victory hatten immer schon sehr gute Sänger, sei es Charly Huhn oder Fernando Garcia. Aber Jioti ist sicherlich der beste, denn er verbindet die Qualitäten von Huhn und Garcia: Er kann richtig rau klingen, aber auch sehr melodisch singen, ohne dass das Ganze nach Weichspüler klingt.“

Parcharidis’ Ausfall aber ist nur eines von mehreren Problemen, mit denen sich die Band herumschlagen muss. Die ohnehin prekäre Personalsituation bei Victory wird dadurch noch angespannter, dass Newtons Gitarrenkollege Herman Frank seit anderthalb Jahren fest bei Accept involviert ist. Er könnte seiner Band daher nur in begrenztem Umfang für Shows zur Verfügung stehen. Denn angesichts des immensen Erfolges, denn Accept zurzeit mit ihrem aktuellen Album BLOOD OF THE NATIONS einfahren, ist ein Ende dieser Verpflich-tungen noch gar nicht abzusehen.

Aber vielleicht sollte man Spekulationen über den vermeintlich unumstößlichen Endpunkt einfach vermeiden und DON’T TALK SCIENCE als das genießen, was es ist: rassiger Hard Rock, der dem Zuhörer zeigt, weshalb Victory vor 20 Jahren als wichtigster deutscher Riff-Exportartikel neben den Scorpions und Accept gehandelt wurden. „Wir haben uns nie um die hiesige Szene gekümmert, da unsere Band-Besetzung ja auch meistens international war. Außer-dem hatten wir ein US-amerikanisches Management, das darauf achtete, dass wir nicht zu Klonen von Helloween & Co. werden.“ Genau hier liegt vielleicht die Chance für DON’T TALK SCIENCE: Die Fans werden nicht zulassen, dass diese „undeutsche“ Band sang- und klanglos vom Markt verschwindet. Doch noch lässt Bassist Fargo-Peter Knorn die Frage nach der Zukunft der Band offen: „Warten wir’s einfach mal ab.“ Tun wir.

Mirko Windmüller

Lebenslinien Bobby Liebling

0

Bobby Liebling @ Mira BornEr ist clean, hat seinen Engel und auch Gott gefunden: Pentagram-Frontmann BOBBY LIEBLING ist der Letzte, der seine 40 Jahre Rock’n’Roll mit einem „Ich bereue nichts!“ abtut. Er bereut alles – außer der Musik seiner Band. Und eigentlich möchte er viel lieber über das neu gefundene Familienglück mit seiner 24-jährigen Frau Hallie reden. Und über seinen christlichen Glauben natürlich. Ein paar Details über seine frühere Party-Gesellschaft haben wir ihm dann doch entlocken können.

Er nahm so ziemlich jede Droge, derer er habhaft werden konnte: Die Legende besagt, dass Bobby schon 1964, also mit zarten zehn Jahren, das erste Mal LSD einwarf. Den größten Teil seines Lebens war er heroinabhängig. Wer sich an die Sechziger erinnern kann, hat sie nicht erlebt, heißt es – „aber die Seventies sind“, so Bobby, „trotz aller Sünden, die ich mir zu Schulde kommen ließ, einfach unvergesslich“.

Gene Simmons

Das war eine ziemlich seltsame Geschichte: Gene und Paul Stanley kamen extra nach Wa-shington, um Pentagram spielen zu sehen, weil Casa­blanca Records, das damalige Kiss-Label, an uns Interesse hatte. Sie betraten also unseren Proberaum, wir spielten ein paar Songs, und dann sagte Gene nur trocken: „Ihr habt keine Ausstrahlung.“ Wie auch? Das war ein verdammtes Kellerloch, in dem wir da hockten.

Ted Nugent

Wir waren bis Mitte der Siebziger sehr gute Freunde. Ich traf Ted zum ersten Mal 1968 in Washington D.C., als er noch ein Niemand war. An dieser Stelle muss ich ein Geständnis machen: Ich war früher das, was man ein Groupie nennt, minus den Teil, dass ich Sex mit Rockstars wollte. Ted stieg also in diesem Hotel ab, und wir fanden ihn, weil er sich unter dem Namen seines kleinen Bruders eingetragen hatte. Damals war gerade das THE AMBOY DUKES-Album erschienen. Er ließ mich und meine Kumpels tatsächlich in sein Zimmer und redete mit uns, danach sahen wir die Band drei Abende hintereinander. Die Shows kosteten zwei Dollar Eintritt! Jedenfalls waren wir danach regelmäßig per Post in Kontakt – ich war und bin ein besessener Briefeschreiber.

Rory Gallagher

Noch so jemand, den ich als „Groupie“ kennenlernte. Jedesmal, wenn er in der Gegend war, saßen wir zusammen und tranken. Der Mann konnte saufen – das hat ihn ja dann leider dann auch umgebracht.

Mick Jagger & Keith Richards

1978 absolvierten die Stones eine ihrer unangekündigten Tourneen unter dem Decknamen The Cockroaches: nur 1000er-Hallen statt Stadien. Ich war mit meinem Onkel bei der Show in New Jersey, am Ende saßen wir mit dem lokalen Veranstalter sowie Keith und Mick knapp drei Stunden zusammen und zogen uns Koks rein. Völlig sinnfrei – aber damals war ich so drauf. Rock’n’Roll in den Siebzigern war so dermaßen mit Drogen verseucht, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass nicht noch mehr von meinen Bekannten heute schon tot sind. Nach allen Gesetzen der Medizin jedenfalls dürfte ich längst nicht mehr leben, aber Gott hat es anders gewollt.

Andy Powell

Als 1972 ARGUS von Wishbone Ash erschien, war ich auf zwei Presse-Terminen eingeladen. Martin Turner und ich tranken acht Stunden lang, bis wir beide von den Stühlen kippten. Mein Held und bester Freund bei Wishbone Ash war aber immer Andy Powell, er ist der wahre „Vater“ der Flying V, noch vor Michael Schenker. Wishbone Ash und UFO sind bis heute meine absoluten Lieblingsbands, ich besitze alles, was sie je aufgenommen haben, in doppelter Ausfertigung – man weiß ja nie. Bis auf einen obskuren Techno-Soundtrack – der kostet gebraucht 480 US-Dollar, das kann ich mir nicht leisten.

Rob Halford

Auf der HELL BENT FOR LEATHER-Tour waren wir im Vorprogramm von Priest. Das Pikante ist, dass Pentagram 1975 vor den damaligen Verantwortlichen von Columbia Records, Sandy Pearlman, der zu dieser Zeit Black Sabbaths Manager war, und Murray Krugman, spielen durften. Sie fanden uns so gut, dass sie uns zu Demo-Aufnahmen einluden. Leider war ich damals ein ziemliches Arschloch und fing an, mich mit Murray zu streiten, also wurde das nichts. Statt uns nahmen Columbia damals Priest unter Vertrag – und jetzt sollten wir also vor denen spielen. Natürlich wollten wir es ihnen richtig zeigen! Es ging um zwei Shows, Rob hatte noch nie etwas von uns gehört und war erst zuckersüß. Er dachte wohl, dass wir eine der damals üblichen Cover-Bands als Support wären, aber als wir dann mit mehr Nieten und Leder als Priest auf die Bühne gingen, hinter uns riesige Marshall-Stacks, nur eigene Songs spielten und die Leute richtig abgingen, wurde er auf einmal sehr einsilbig – und sorgte dafür, dass wir am zweiten Abend nicht mehr spielen durften. Der Rest von Priest sah das lockerer: Geof O’Keefe, unser damaliger Schlagzeuger, schleppte K.K. Downing und Glenn Tipton in sein Haus ab, und wir betranken uns ordentlich.

Joey Ramone

1976, kurz nachdem das erste Ramones-Album erschien, eröffneten wir mit Pentagram für sie – und zwar in einem Restaurant, das gerade mal Platz für 50 Leute bot. Wir traten an drei Tagen hintereinander auf, und dummerweise haben wir jeden Abend Zugaben gespielt und die Ramones nicht – ich glaube, deswegen mochten sie uns nicht besonders.

Iggy Pop & Lou Reed

Wir lernten uns 1972 kennen nach einer Stooges-Show. Als ich in den Backstage-Raum kam, hatte er sich gerade die Erdnussbutter abgewischt… Iggy war immer ein Rieseneinfluss für mich, bei den frühen Pentagram-Sachen versuchte ich ganz angestrengt, so wie er zu klingen. Ich glaube, das hat ihn amüsiert, wir waren eine Zeitlang richtig gu- te Freunde. Über ihn lernte ich auch Lou Reed kennen. Eine Zeit lang habe ich immer auf Lous Wohnung aufgepasst, wenn er auf Tour war.

Robert Redford

Mit ihm habe ich gerade vor wenigen Tagen telefoniert, weil Sundance unseren Film LAST RIGHTS HERE gekauft haben und in diesem Herbst in die US-Kinos bringen wollen. Ursprünglich hatte das Sundance-Festival ihn noch abgelehnt, aber dann hat 9.14 Pictures, die Produktionsfirma, Robert überzeugt: Sie schickten ihm immer wieder Updates, wie der völlig upgefuckte Bobby Liebling endlich clean wurde, seine Frau traf, einen Sohn bekam… Er hat mir persönlich gratuliert!

Dick Wagner

Er ist für mich der Größte, leider kennen ihn die meisten Leute gerade mal wegen seiner Arbeit mit Alice Cooper. Ich bin ein großer Fan seiner Band The Frost, seit Ende der Sechziger sind wir gut befreundet. Ich habe kürzlich einen Brief von ihm bekommen – er hatte einen schweren Herzinfarkt und musste zudem eine Gehirn-Operation hinter sich bringen, sodass er nur langsam wieder auf die Beine kommt. Aber er produziert immer noch Bands. Dick ist wie ich: Er kann es einfach nicht lassen, selbst wenn der Tod schon an die Tür geklopft hat. Wir haben am gleichen Tag Geburtstag, 1973 fiel der auf eine von Lou Reeds ROCK N ROLL ANIMALS-Shows. Dick spielte damals Gitarre in der Band. Wir fanden das heraus, als ich ihn nach dem Gig ansprach. Es wurde noch eine recht heftige Nacht.

Gregor Arndt