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Journey

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Journey 2011 (1)Reisebgleitung

Wann und wo Journey auch auftauchen: Die Superlative sind nie weit. So ist ›Don’t Stop Believin’‹ nicht nur ein Mega-Hit und Radio-Dauerbrenner, sondern bis dato auch der Song mit den meisten (kostenpflichtigen) Downloads weltweit. Auf diesen virtuellen Lorbeeren ruhen sich die Rocker aber nicht aus: Sie wollen es mit ihrem neuen Album ECLIPSE an allen Verkaufsfronten wissen.

Die lange Reise, die hinter Journey liegt, hätte kaum bunter und ereignisreicher sein können. Es gibt nur wenige Erfahrungen, die die amerikanische Mainstream-Band nicht gemacht hat. Und die allermeisten davon sind positiv: Dank der mehr als 75 Millionen verkaufter Tonträger nagen ihre Protagonisten heute nicht gerade am Hun-gertuch, Hits wie ›Wheels In The Sky‹, ›Don’t Stop Believin’‹ oder ›Suzan­ne‹ sind nach wie vor Stammgäste in Radiosendern rund um den Globus, ihre Stücke zieren Film-Soundtracks ebenso wie Charts-Listen. „Aus künstlerischer Sicht gibt es für mich keine unerfüllten Wünsche mehr“, sagt Jonathan Cain folgerichtig. Der Keyboarder ist verantwortlich für zahlreiche Hits und zudem wichtigster Texter der Gruppe: „Ich habe in meinem Leben mehr erreicht, als ich jemals zu träumen wagte. Wenn morgen Schluss wäre, würde ich nicht in Gram versinken, sondern mit Stolz auf die vergangenen Jahr-zehnte zurückblicken.“

Cain stieß 1980 zu Journey, nur wenig später gelang der Gruppe mit ESCAPE (1981) ihr bis heute erfolgreichstes Studioalbum. Dank seiner ambitionierten Texte, seiner Fähigkeit, einen atmosphärischen Gegenpol zu den rockigen Riffs von Gitarrist Neal Schon zu bilden, und seiner schlichtweg wunderbar einfühlsamen Balladen obliegt ihm heute ein spezielles Vetorecht innerhalb der Band. Ein Trumpf, den er allerdings nur selten ausspielen muss. „Meistens sind wir uns einig, wenn es um die Zukunft der Gruppe geht“, beteuert Cain und widerspricht damit Gerüchten, dass der Veröffentlichung des jüngsten Journey-Opus ECLIPSE harte Richtungskämpfe vorausgegangen seien.

Mehr als anderthalb Jahre schraubten und feilten vor allem Cain und Schon an den neuen Songs – mit dem Ergebnis, dass die feinfühligen Töne des Keyboarders in den Hintergrund traten, während sich Gitarrist Schon nach Herzenslust austoben konnte. Konkret: Balladen sucht man auf ECLIPSE mehr oder minder vergeblich, dagegen gibt es Rock-Nummern in Hülle und Fülle. „Das war so abgesprochen und bereits von mir abgesegnet, noch bevor Neal und ich mit dem Songwriting anfingen“, behauptet Cain, der gleichzeitig zugeben muss, dass die neue Scheibe „rauer, härter und auch ein wenig primitiver“ klingt als die beiden Vorgänger GENERATIONS (2005) und RE- VELATION (2008). Zudem muss er einräumen, dass einigen Fans die softe Seite der Gruppe sicherlich fehlen wird, aber, so der Keyboarder, dafür gäbe es schließlich die vielen älteren Balladen der Bandgeschichte. „Wer es ruhiger mag, wird mit Stücken wie ›What I Needed‹ oder ›Turn Down The World Tonight‹ bestens bedient. Man muss doch nicht auf jedem Album dieselbe Mischung anbieten.“

Zumal kein Zweifel daran besteht, dass ECLIPSE vitaler und spontaner als die meisten der bisherigen Veröffentlichungen klingt – eine logische Konsequenz dieser Arbeitsweise. Denn anstatt die Rohfassungen der Ideen bis ins kleinste Detail auszuarbeiten, gingen Journey (nach einer langen Kompositionsphase) direkt ins Studio. „So eine Entscheidung ruft natürlich immer ein Für und Wider hervor, denn so manche Feinheiten entstehen nun einmal erst, wenn man sich intensiv mit den Arrangements befasst. Andererseits waren die Ideen, die Neal und ich am Computer erarbeitet hatten, so stark, dass wir es bewusst drauf ankommen lassen wollten. Es ist nie einfach, das richtige Konzept einer Scheibe zu finden – doch das Aller­wichtigste ist, dass man überhaupt ein Konzept hat. Um es auf den Punkt zu bringen: Neal wollte diese Richtung einschlagen – und ich war damit einverstanden, und zwar zu 100 Prozent.“

ECLIPSE ist in Cains Haus in Kalifornien entstanden, ein weiteres Jour­ney-Album wird dort nicht mehr aufgenommen werden – nur wenige Wochen nach der finalen Session ist das Anwesen verkauft worden, Cain zog mit seiner Familie endgültig um nach Nashville in Tennessee. Sein „Wild­­horse Studio“ ist somit Legende, wie der Keyboarder pragmatisch begründet: „Meine Frau und meine Kinder lieben Tennessee, und beide Häuser zu behalten, wäre einfach zu teuer gewesen.“

Rockfans wird die neue Scheibe zweifellos gefallen, denn auch wenn nur wenige wirklich ruhige Momente auszumachen sind, festigen Journey da­­rauf erneut ihren Ruf, nie etwas Halbgares abzuliefern. Was immer unter ihrem Namen in die Öffentlichkeit entlassen wird, erreicht ein Höchstmaß an kompositorischem und technisch-handwerklichem Niveau. Das gilt auch in Sachen Gesang – so gab es bei der Truppe bisher nur Top-Stimmen zu hören, wenngleich nicht alle gleichermaßen prägend waren. Auf die erfolgreichen Jahre mit dem außergewöhnlichen Steve Perry, der Journey nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht gab, folgten einige Über­gangsjahren mit Jeff Scott Soto oder dem glücklosen Steve Augeri. Der „neue“ Mann, der Ende 2007 zu Journey stieß, hat sich jedoch voll etabliert: Der Filipino Arnel Pineda konnte mit innovativen Ideen und jeder Menge Selbstbewusstsein frischen Wind ins Bandgefüge bringen, wie Cain be­­stätigt: „Arnel ist ein toller Typ, den man gern um sich hat. Er ist in allem, was er tut, ungemein authentisch – ein ehrlicher, spiritueller Mann, der sich in dieser kurzen Zeit erstaunlich entwickelt hat. Für ihn sind sogar unsere Klassiker neu, insofern singt er sie mit einer Leidenschaft, als kämen sie ge­­rade frisch aus dem Studio. Das tut uns und dem älteren Material natürlich ausgesprochen gut.“ Cain vergleicht Pineda mit einem Ferrari, der – je nach Gang und Drehzahl – jedes Tempo mitgeht. Und dann bemüht er einen noch passenderen Vergleich: „Arnel kann wie ein Engel singen und schon im nächsten Moment wie ein Löwe brüllen. Er ist einfach in jeder Situation ein Top-Frontmann!“

Hinzu kommt, dass die neuen Stücke auf Pineda zugeschnitten sind: ECLIPSE ist ein Werk mit saftigen Rock-Direktiven und nur wenigen Pop-Elementen. Im Zuge der Veröffentlichung touren Journey jetzt weltweit durch die größten Hallen – im Juni sind sie auch hierzulande zu Gast. Und wo mancher Act nach den langen Live-Jahren nur (noch) wenig Freude am Reisen verspürt, dreht Jonathan Cain erst richtig auf. „Ich freue mich riesig darüber, dass wir Journey zu einer unverwechselbaren Marke im Rock-Ge-schäft machen konnten. Das hat viele Vorteile für uns. Ich wollte immer schon überall hinreisen und nicht nur durch Amerika, Kanada und Japan touren. Das ist nun möglich. Ich liebe es, nach São Paulo, Manila, Dublin oder Prag zu fliegen, dort zu spielen und mitzuerleben, mit welcher Hin­gabe die Fans unsere Songs abfeiern. Ist es nicht unglaublich, dass wir ir­­gendwo in Südamerika auf eine Bühne steigen und die Zuschauer dann jedes einzelne Wort von ›Mother Father‹ mitsingen? Jedes einzelne Wort! Unfassbar!“ An solchen Abenden erfüllen sich Cains sehnlichste Wün­sche: „Es gibt nichts Wundervolleres, als Musik zu komponieren, die das Pub­­likum direkt ins Herzen trifft. Falls mir das mit Neal auch bei den neuen Songs von ECLIPSE gelungen sein sollte, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden.“

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn das Album ist zweifellos eine hochklassige AOR-Scheibe. Und wie lautet noch gleich der Titel eines der besten Songs von ECLIPSE – ›Anything Is Possible‹? Ja, diesem Credo werden Journey in der Tat gerecht.

Matthias Mineur

Ian Gillan & Tony Iommi

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Ian Gillan, Tony Iommi portraits @ Soho House(Who Cares)

Der Deep Purple-Frontmann und der Black Sabbath-Gitarrist über ihre erneute
Zusammenarbeit, den Bau einer Schule und die Tatsache, dass zwischen ihnen persönlich noch nie so etwas wie Rivalität bestanden hat.

Nein, wir schreiben nicht mehr das Jahr 1983. Obwohl sich zwei Menschen zum CLASSIC ROCK-Doppelinterview eingefunden haben, die seit dieser Zeit nicht mehr unbedingt miteinander assoziiert werden: Ian Gillan (links im Bild) und Tony Iommi. Um Black Sabbath beziehungsweise deren 1983er-Werk soll es heute jedoch nicht gehen. Die Gitarrenlegende und der Ausnahmesänger sprechen über ein ganz anderes Projekt: Who Cares. Unter diesem Namen haben die beiden soeben eine Single veröffentlicht, deren Erlös dem Bau einer Musikschule im armenischen Gyumri zu Gute kommt. Gyumri, die zweitgrößte Stadt Armeniens, liegt in der Nähe von Spitak, einem Ort, der am 7. Dezember 1988 von einem schweren Erdbeben fast vollständig zerstört wurde. Viele Bewohner, die sich aus den Trümmern retten konnten, leben heute in Gyumri. Im Rahmen von „Rock Aid Armenia“ halfen Gillan und Iommi bereits 1989 mit der Beteiligung an einer Tribute-Version von ›Smoke On The Water‹ mit, Gelder für den Wiederaufbau der gebeutelten Region zu sammeln. Nun haben sie sich erneut zusammengetan, um Hilfe zu leisten. Mit von der Partie sind weitere Gast-Stars, die ebenfalls einen unentgeltlichen Riff-Beitrag zu den beiden aktuellen Single-Tracks ›Out Of My Mind‹ und ›Holy Water‹ leisten wollten: Jason Newsted (ehemals Metallica) hat sich beteiligt, ebenso Ex-Purple-Kollege Jon Lord, Iron Maiden-Drummer Nicko McBrain und auch HIM-Gitarrist Linde Lindström. Im Kern besteht Who Cares jedoch aus Iommi und Gillan – und wie es aussieht, wird es nicht bei dieser einen gemeinsamen Veröffentlichung bleiben. Das zumindest deutet das Duo im CLASSIC ROCK-Interview an…

Wie ist das Projekt Who Cares zu Stande gekommen?
Ian Gillan: Tony und ich waren gemeinsam in Gyumri, um eine Auszeichnung in Empfang zu nehmen. Die Ehrung war für unseren früheren Einsatz ge-dacht, als wir im Rahmen von „Rock Aid Armenia“ Geld für die Bedürftigen in der Region gesammelt haben. Ich erinnere mich noch gut an den Trip, denn ich reiste persönlich nach Spitak, um mir vor Ort einen Eindruck zu machen, wie schlimm die Lage wirklich war. Insgesamt hatten damals rund 25.000 Menschen ihr Leben verloren, und circa eine Million waren von heute auf morgen obdachlos geworden – mitten im Kaukasus, noch dazu im Winter. Diesen Schock merkte man den Leuten noch immer an. Ich nahm daher einige bleibende Erinnerungen mit nach Hause und verarbeitete das Gesehene schließlich in einem Song namens ›Pictures Of Hell‹ (erschienen auf Gillans 2009- er-Soloalbum TOOLBOX, Anm.d.Red.). Schließlich klagte mir der Bürgermeister von Gyumri sein Leid. Er sagte: „Ian, es gibt hier keine Musik mehr. Niemand singt oder spielt bei Hochzeiten, die Jugendlichen lernen kein Instrument mehr, seit die Musikschule bei dem Beben zerstört worden ist.“ Ich antwortete ihm: „Wenn ihr wieder so weit seid, dass ihr Musik ertragen könnt und euch wirklich der Sinn da-nach steht, eine neue Schule zu bauen, werde ich alles daran setzen, euch zu helfen.“ Tony und ich kamen daraufhin auf die Idee, Who Cares aus der Taufe zu heben. Für uns war das die perfekte Gelegenheit, endlich einmal wieder zusammenzuarbeiten – zumal wir uns beide gerne an unsere gemeinsame Zeit während Sabbaths BORN AGAIN-Phase zurückerinnern.

Wie viel Geld müsst ihr sammeln, um den Bau der Schule finanzieren zu können?
Ersten Schätzungen zufolge wird es rund eine Million Euro kosten, um die Sache ins Rollen zu bringen. Für armenische Verhältnisse ist das natürlich eine ganze Menge. Aber ich freue mich wirklich, dass wir dieses Musikschul-Projekt angehen – die Menschen werden wieder singen, lachen, tanzen, das ist eine gute Sache. Die staatlichen Stellen vor Ort unterstützen uns bei der Umsetzung, wo sie können – zudem ist gerade ein kalifornischer Architekt in Armenien eingetroffen, der sich der Sache annehmen wird. Wenn wir ausschließlich Arbeiter aus der Region beschäftigen und alles so vorangeht, wie wir uns das wünschen, ist es sogar realistisch, dass wir nur die Hälfte des Budgets ausgeben müssen und dann noch Geld über ist, um weitere Projekte anzuschieben.

Habt ihr die beiden neuen Songs speziell für diesen Anlass komponiert?
Tony Iommi: Ja, aber es bereitete uns keine große Mühe. Alles ging sehr schnell. Ian kam auf die Idee, das Projekt Who Cares zu nennen, und wenig später kam er auch schon mit einigen passenden Texten ums Eck. Wir waren beiden richtiggehend euphorisch und mit Feuereifer bei der Sache. Daher hatten wir die Stücke innerhalb weniger Tage fertig komponiert und arrangiert.

Ian Gillan: Ich glaube, das liegt daran, dass die Lieder uns so berühren, nicht nur rein musikalisch, sondern auch geistig. In ›Out Of My Mind‹ erzähle ich, welche schrecklichen Dinge die Menschen durchleben mussten, und ›Holy Water‹, das eigentlich ein Blues-Song ist, startet mit einem Intro, in dem ein Duduk zum Einsatz kommt, ein traditionelles armenisches Blasinstrument aus Holz. Ich hätte nie gedacht, dass es sich so wunderbar mit Tonys Gitarre ergänzen würde. Es leitet den Hörer in den Song hin und dann wieder hinaus, wirkt dabei wie ein Fluss, der sanft vorbeigleitet. Mit ›Holy Water‹ ist übrigens der Alkohol gemeint – es geht um einen Menschen, der seine Verzweiflung darin ertränkt.

Wenn man sich die Tracks anhört, hat man nie das Gefühl, dass ihr seit beinahe 30 Jahren nicht mehr zusammengearbeitet habt. Wie fühlt ihr euch angesichts der neu belebten Partnerschaft?
Ian Gillan: Es fällt mir leicht, mit Tony zu komponieren. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er einen charakteristischen Stil hat, auf den man sich ohne Probleme einstellen kann. Man hört ein paar Akkorde und weiß sofort, woran man ist und in welche Richtung die Texte gehen müssen, damit sie die Musik perfekt ergänzen. Und ich kann mir bei ihm stets sicher sein, dass der Song gut wird, eben weil Tony dafür bekannt ist, dass er einem Lied eine ganz eigene Note und Identität verleihen kann. Das ist doch genau das, wovon ein Sänger und Texter immer träumt – denn so wird die Arbeit zum Kinderspiel!

Tony Iommi: Wir mussten noch nicht mal im selben Raum sein, um uns zu ergänzen. Ian saß im Nebenzimmer und feilte an den passenden Zeilen, während ich dabei war, die Riffs in Form zu schnitzen. Dann kam er rüber, sang mir seinen Part vor – und alles passte zusammen.

Ian Gillan: Es macht Spaß, so zu arbeiten. Denn die simpelsten Ideen sind meist die besten – ich bin der Ansicht, dass die größten Hymnen aller Zeiten oft in nur 20 Minuten entstanden sind.

Ist nach dieser Single Schluss – oder plant ihr bereits eine weitere Kollaboration?
Ian Gillan: Wir haben darüber gesprochen, ja.

Tony Iommi: Es wäre toll, und wir hätten beide Lust darauf. Im Moment sind wir allerdings noch mit anderen Projekten beschäftigt, aber wenn wir wieder etwas mehr Luft haben, möchten wir an neuen Songs basteln. Denn es macht Spaß, und die Arbeit geht uns auch rasch von der Hand. Was will man mehr?

Bei eurer ersten Zusammenarbeit gab es Streit zwischen den Purple-Fans auf der einen und den Sabbath-Anhänger auf der anderen Seite. Wird sich das wiederholen?
Ian Gillan: Allein der Gedanke, dass zwischen allen erfolgreichen Rockbands notwendigerweise Rivalität herrschen muss, ist eine Schande. Denn zwischen Led Zeppelin, Deep Purple und Black Sabbath gab es sie nie. Zudem denke ich nicht, dass es diesmal Probleme geben wird. Ich bin und bleibe Teil von Purple, daran wird dieses Projekt sicher nichts ändern.

Tony Iommi: Außerdem sind das heute andere Zeiten. Niemand wird mehr als „Verräter“ abgestempelt, nur weil er mit jemandem zusammenarbeitet, der aus einer anderen musikalischen Ecke kommt. Dave Grohl ist das beste Beispiel dafür. Außerdem kann ein Musiker davon nur profitieren – der Austausch mit anderen Künstlern fördert die Kreativität.

Ian Gillan: Aber ganz ehrlich – bevor wir über weitere neue Songs reden, steht erst einmal etwas völlig anderes auf dem Plan, auf das ich mich schon sehr freue. Nämlich darauf, dass die Schule fertig gebaut ist, die Eröffnungsfeier ansteht und die Kinder mit ihren nagelneuen Instrumenten in der Hand für das Erinnerungsfoto posieren.

Mick Wall

Black Country Communion

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Black country Communion 2011e @ Christie GoodwinZweiter Frühling

Das Leben von Glenn Hughes ist eine emotionale und auch körperliche Achterbahnfahrt. Auf die Höhenflüge der Siebziger folgte der freie Fall. Doch mit Black Country Communion, der Allstar-Gruppe mit Hughes, Gitarrist Joe Bonamassa, Drummer Jason Bonham und Keyboarder Derek Sherinian, geht es nun wieder steil bergauf. Neuer Energiespender für den Gipfelsturm ist dabei der Nachfolger zum letztjährigen Debüt, der den schlichten Titel „2“ trägt.

Glenn Hughes liebt feinen Zwirn. Sich man sich die ständig wechselnde Garderobe des britischen Rockstars an, so ahnt man, welche Massen an Hosen, Hemden, Anzügen, Shirts, Schuhen und Accessoires sich in seinem Kleiderschrank im kalifornischen Städtchen Rancho Palos Verdes befinden müssen. Shopping steht ganz oben auf seiner Prioritäten-liste, wenn er die Städte dieser Welt bereist. Dabei bevorzugt Hughes Geschäfte, die Mode mit jugendlichem Flair führen. Denn sein wichtigstes Look-Kriterium lautet: Lässt er mich jünger aussehen? Doch nichts von dem, was heute seine Gestalt ziert, erreicht nur ansatzweise das legendäre Outfit bei seinem wohl berühmtesten Auftritt auf dem Ontario Speedway in Los Angeles am 6. April 1974. Deep Purple präsentieren sich bei ihrer damaligen Show im Rahmen des „California Jam“ in bester Mark III-Besetzung und begeistern durch eine mitreißende Performance. Doch der Star des Abends ist nicht etwa Sänger David Coverdale, der im Jahr zuvor in einer englischen Boutique entdeckt und unter großem Medientamtam zum neuen Purple-Frontmann deklariert wurde. Star ist diesmal auch nicht Ritchie Blackmore, obwohl der exzentrische Gitarrist als Höhepunkt der Show seine Gitarrenanlage abfackelt. Nein, Star dieser Nacht ist Glenn Hughes: mit wallender Mähne, weißem Bass und schneeweißem Anzug und nacktem Oberkörper. Die Art, wie er sich bewegt, die Wucht seines Bass-Spiels, sein Gesang, sein Charisma: Hughes ist der personifizierte Sex, das perfekte Sinnbild für das, was Rockmusik in den Siebzigern bedeutet.

Das alles liegt über 37 Jahre zurück. Und doch: Es gibt einen direkten Bezug zwischen jenem „California Jam“-Auftritt und der neuen Scheibe von Black Country Communion. Hughes ist zum ersten Mal seit damals wieder Mitglied einer echten Supergroup. Er sagt: „Als Solokünstler stand ich viele Jahre auf Funk und Soul, aber diese Musikrichtungen sind nichts für riesige Bühnen, sie gehören in kleine, schwitzige Clubs. Mit Black Country Communion dagegen kehre ich jetzt in die Rock-Arenen zurück. Im Grunde genommen bin ich mit dieser Band wieder bei meinen Anfängen angekommen. Es ist wie damals im Jahr 1974, eine Heimkehr. Ich konnte mich innerlich gar nicht dagegen wehren, wieder in einer richtigen Rockband zu spielen – es musste einfach passieren. Das Erstaunlichste daran: Es fühlt sich an wie die natürlichste Sache der Welt.“

Hießen die Kollegen damals Blackmore, Coverdale, Jon Lord und Ian Paice, gehören zu Black Country Communion der US-Blues-Wundergitarrist Joe Bonamassa, Schlagzeuger Jason Bonham, Sohn des unvergessenen Led Zeppelin-Trommlers John Bonham und inzwischen selbst eine echte Persönlichkeit, sowie Derek Sherinian, der bei Dream Theater zu Ruhm gekommen und unter anderem mit Kiss oder Alice Cooper musiziert hat. „Ja, es ist in der Tat eine Allstar-Besetzung“, weiß Hughes, „aber keine in der Art wie damals bei Purple. Denn wir sprechen miteinander, buchen uns nicht in verschiedenen Hotels ein und lassen uns auch nicht in eigenen Limousinen durch die Gegend chauffieren.“ Der Seitenhieb auf Ritchie Blackmore ist unüberhörbar.

Dass es dennoch hinter den Kulissen zunächst mächtig schepperte, bevor aus der Idee Black Country Communion tatsächlich eine aktive Band werden konnte, hängt wohl tatsächlich mit dem juristischen Hickhack um die Na-mensrechte zusammen und nicht mit persönlichen Animositäten der Protagonisten. Das unterstreicht Hughes jedenfalls nachdrücklich: „Wir mögen uns, zocken gerne Playstation, lieben alle guten Kaffee und lachen über dieselben Witze. Jeder geht freundlich und respektvoll mit den anderen um. Derek ist mittlerweile auch Ehemann und Vater, Jason und ich wiederum teilen das Schicksal, schwere Alkoholiker gewesen zu sein. Das alles verbindet.“

In der Tat: Sowohl Bonham als auch Hughes rühren heutzutage keinen Tropfen an. Dass beide dennoch zu Suchtverhalten neigen, merkt man im täglichen Leben: Jason Bonham schüttet massenweise Cola in sich hinein. Während andere ihren Männerdurst auf der Bühne mit kohlensäurefreiem Wasser löschen, steht am Bonham-Drumkit immer eine ganze Batterie Cola-Flaschen, literweise abgepackt. Und Hughes? Der Adrenalinspiegel in seinem Körper ist auch weiterhin konstant hoch, zwar ohne Zuhilfenahme von Drogen oder Alkohol, jedoch unterstützt durch eine unbändige Willens- und Antriebskraft. Irgendwelche chemischen Hilfsmittel? Nun, zumindest sind keine bekannt.
Nachweisbar dagegen ist die Vorreiterrolle, die Hughes in dieser Band spielt. Das hängt natürlich auch mit den vielfältigen Beschäftigungen seiner Mitstreiter zusammen – vor allem Bonamassas Solokarriere brummt wie ein wildgewordener Bienenschwarm –, aber auch mit der unerbittlichen Konsequenz, die Hughes an den Tag legt. Als im September letzten Jahres unter vernehmbarem Blätterrauschen das Debütalbum BLACK COUNTRY COMMUNION erschien, hatte er in Gedanken schon den nächsten Schritt getan. Und als zu Weihnachten Bonamassa, Sherinian und Bonham bei Hughes anklopften, um mit ihm über die Ausrichtung und das Timing der zweiten Scheibe zu sprechen, war er es, der die Messlatte festlegte. „Es geht um Songs, Songs und immer wieder Songs“, sagt er, „sich auf den Lorbeeren auszuruhen, war noch nie mein Ding. Ich muss hundertprozentig hinter einem Album stehen können. Bewusst etwas Halbgares zu veröffentlichen, käme mir nie in den Sinn. Nach einer solch starken Scheibe wie unserem Debüt fragten wir uns also: ,Können wir es schaffen, einen weiteren Albumklassiker zu schreiben?‘“

Danach ging es Schlag auf Schlag. Hughes machte sich umgehend an die Arbeit. Er berichtet, wie er nächtelang an neuen Ideen feilte, Fragmente in seinem kleinen Studio im ersten Stock des Hauses aufnahm und wieder löschte, Arrangements austüftelte und wieder verwarf. „Meine Frau lag schon im Bett, als ich mit dem Komponieren begann. Ich hatte also Ruhe vor dem üblichen Alltags-Durcheinander – so konnte ich immer schon am besten arbeiten.“
Zehn der insgesamt zwölf Stücke stammen von ihm, ein weiterer (›The Battle For Hadrian’s Wall‹) kommt von Joe Bonamassa, der zwölfte Track (›Save Me‹) entstand im Studio – als Gemeinschaftsprojekt aller Bandmitglieder inklusive Produzent Kevin Shirley. Dies zeigt, dass bei Black Country Communion trotz Hughes’ Vormachtstellung ein gesundes Demokratieverständnis vorherrscht: „Jeder hatte bei allen Songs volles Mitspracherecht, sogar unser Produzent Kevin. Denn natürlich darf der Hauptkomponist aus seiner Führungsrolle keinen Anspruch auf Exklusivität ableiten – jede Stimme zählt gleich viel. Manchmal gewinnt man dabei, manchmal verliert man. So ist das eben. Aber ich konnte stets mit dem Endergebnis leben, und das ist mir wichtig.“ Als „Vater“ dieser Produktion bezeichnet sich Hughes allerdings nicht, er geht diplomatischer vor: „Sagen wir es mal so: Ich bin derjenige, der die Black Country Communion-Flagge trägt.“

Dass der Mann ein erstklassiger Songschreiber ist, wissen seine Fans, er hat es im Laufe der Jahrzehnte mehrfach bewiesen. In seinen Kompositionen mischen sich rhythmische Raffinesse mit famosen Melodien, Blues mit Rock, Tiefgang mit Struktur. Und sogar etwas Soul und Funk schimmern durch, vor allem im Hinblick auf seine Gesangspassagen. Hughes trägt jede Textzeile voller Inbrunst vor, wohl auch deshalb, weil sie (in Ausschnitten) tatsächlich über reale Ereignisse seines Lebens berichten. Und zwar vor allem die aus den harten Zeiten. „Die Achtziger waren eine dunkle Periode für mich, aber es gab auch schon früher schlimme Moment“, gesteht Hughes. Er gibt zu, dass er lange Zeit unter dem dramatischen Ende von Purple-Interims-Gitarrist Tommy Bolin gelitten hat. Dessen Drogentod im Dezember 1976 war ein Schock für ihn. „Ich schwöre bei Gott, dass ich keine Ahnung davon hatte“, sagt er noch heute. Vielleicht auch deshalb, weil er sich mehr für Bolins Freundin Karen Ulibarri interessierte (die er später heiratete, von der er sich aber Jahre später wieder scheiden ließ). Doch er behauptet: „Als es Tommy immer schlechter ging, bat er mich, auf Karen aufzupassen. Ich folgte seinem Wunsch. Ich denke, dass Karen und ich eigentlich nicht füreinander bestimmt waren, aber es passierte dann schließlich doch.“

Viele in ihrem Umfeld hatten die Tragödie kommen sehen, die Frage im Purple-Camp lautete eigentlich nur: Wen wird es letztendlich treffen – Bolin oder Hughes? Wie hatte David Coverdale auf dem Album COME TASTE THE BAND (1975) in der Nummer ›Dealer‹ seine Gruppenmitglieder öffentlich gewarnt: „If you fool around with the dealer, remember soon, you’ll have to pay, he’ll creep behind you like a hunter just to steal your soul away.“
Diese finsteren Jahre mit vielen Fehlern und voller Selbstzweifel hat sich Hughes auf dem neuen Black Country Communion-Album von der Seele schreiben wollen – und er konnte dies zudem mit einer minimalen Kurskorrektur verbinden. „Die einzige klitzekleine Schwäche unseres Debüts ist, dass einige Texte der rauen Gangart der Musik nicht vollends gerecht geworden sind. Manches war zu ‚bunt‘ formuliert“, findet er heute, gut acht Monate nach Veröffentlichung. „In den neuen Songs passt diese Mischung besser zusammen.“ Hughes spricht insbesondere vom Track ›Little Secret‹, der ge-nau die oben genannte Problematik aufgreift und die eigenen Verfehlungen thematisiert. Mehr als in dieser Nummer, so der Brite, könne man kaum über ihn und sein früheres Leben erfahren. Und auch sonst sei BLACK COUNTRY COMMUNION 2 in jeder Zeile absolut offen und ehrlich. Man glaubt es ihm, insbesondere angesichts der fabelhaften Gesangsleistungen, die authentischer kaum sein könnten.

Natürlich hofft Hughes nun insgeheim, dass zu den vielen Gold-Schallplatten, die er in seiner Purple-Ära bekommen hat, noch weitere dazukommen. Schließlich liebt er Auszeichnungen – nicht ohne Grund hat er extra einen Innenarchitekten damit beauftragt, das Innere seines Anwesens so zu gestalten, dass die Awards bestens zur Geltung kommen. Doch Black Country Communion haben tatsächlich das Potenzial dazu: Die Qualität der Songs stimmt, hinzu kommen ihr sagenhafter Ruf und die geradezu überbordenden Talente – daraus könnte sich richtig Kapital schlagen lassen. Ob es dann so viel wird, dass sich Hughes zum zweiten Mal in seinem Leben leisten kann, 50.000 US-Dollar dafür auszugeben, dass sein Rolls Royce das seltene L.A.-Kennzeichen „GH1“ bekommt, sei dahingestellt. Doch zum Glück sind auch jene Zeiten vorbei, in denen er – sturzbetrunken und bar jeglicher Selbstachtung – auf Aftershow-Partys versucht hat, ›Smoke On The Water‹ auf dem Klavier zu spielen. Eine neue Ära ist angebrochen, und Glenn Hughes will das Beste daraus zu machen. Und zwar mit wilder Entschlossenheit.

Matthias Mineur

Neuigkeiten zu: Arctic Monkeys

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Die Arctic Monkeys haben bei der Arbeit zum vierten Album SUCK IT AND SEE nicht nur zu neuer Selbstsicherheit gefunden, sondern auch neue Saiten aufgezogen.

Alex Turner gab sich bislang in Interviews meist sehr schüchtern und zurückgezogen. Das hat allerdings nicht geschadet, sondern passte wunderbar zum Image der Arctic Monkeys: Die Indierrocker gelten als cool, witzig, verschroben und ein bisschen geheimnisvoll. Ähnlich wie es sich bei den Strokes verhält, nur dass die Sheffielder Combo nicht dieser gewisse Hauch der Arroganz umweht. In den Pressege­sprächen zum aktuellen Album SUCK IT AND SEE dürfen die Schreiberlinger jedoch einen anderen, neuen Turner erleben. „Heute fühle ich mich im Angesicht von Journalisten auf jeden Fall wohler als noch vor ein paar Jahren”, sagt der Frontmann der seit ihrem 2006er-Debüt WHAT-EVER PEOPLE SAY I AM, THAT’S WHAT I’M NOT stets heiß gehandelten Band und blickt ein wenig auf das vergangene Quartal und die Arbeiten an der vierten Platte der Monkeys zurück: „Wir hatten eine tolle Zeit dabei, aber vor allen Dingen verstehe ich inzwischen ein bisschen besser, wie das Business läuft und warum die Leute so an uns in­teressiert sind.”

Dieser Tage geht es um SUCK IT AND SEE, das deutlich zugänglicher ausgefallen ist als das Vorgängerwerk HUM­BUG (2009), den Alex Turner, Jamie Cook (Gitarre), Matt Helders (Drums) und Nick O’Malley (Bass) auf Einladung von Queens Of The Stone Age-Regent Josh Homme in der Mojave-Wüste eingespielt, dabei die unerschöpflichen Möglichkeiten des Stoner Rock ausgelotet und ihre sperrigsten Tracks ersonnen haben. „Dieses Mal wollten wir es einfach simpler halten”, betont Turner. „Auf HUMBUG haben wir eine ziemliche Menge Gitarrenspuren und Overdubs untergebracht, was damals auch richtig war. Bei SUCK IT AND SEE wollten wir jedoch Song-­orientierter zu Werke gehen. Diesen Weg hatten wir bisher immer versucht zu vermeiden, weil er schon so oft begangen worden ist. Aber es gibt auch Gründe, warum meist auf diese klassischen Songstrukturen zurückgegriffen wird. Also haben wir einfach andere Wege gefunden, anders zu klingen.”

Im Nachhinein ernteten die Arctic Monkeys sogar einigen Zuspruch für ihr ambitioniertes Drittwerk. Wie sie erzählen, haben ihnen auf Tournee viele Fans beteuert, wie toll die Platte sei. Dieses positive Feedback direkt vom Endverbraucher hat vermutlich auch zum derzeitigen Selbstbewusstsein der Briten beigetragen. „HUMBUG hat mich gelehrt, dass alles, was wir spielen, immer nach uns klingen wird”, zieht Turner als Fazit. „Also haben wir uns gesagt: Von nun an können wir alles machen. Wir haben gelernt, ein bisschen mehr loszulassen.”

Die neue Lockerheit macht sich auch im melo­diöseren Vortrag Turners am Mikro bemerkbar. Schwang im Sprech- und Schreigesang des heute 25-Jährigen seit dem ersten Langspie­ler des Quartetts immer eine gewisse Wut mit, legt er nun einen akzentuierten, melodieverliebten Gesangstil an den Tag und klingt weit weniger zornig. „Wahrscheinlich bin ich das auch, aber es käme bestimmt nur Murks heraus, wenn wir versuchen würden, so rabiat zu klingen wie früher”, meint Turner.

Auf SUCK IT AND SEE ist denn auch Indie-Pop und -Rock zu hören, und zwar der in der guten Tradition von altge­dienten Formationen wie den Beach Boys, Leonard Cohen, den Stone Roses, Violent Femmes, frühen Wee­zer und John Cale. Einen nicht unwichtigen Anteil am vergleichsweise fluffigen gegenwärtigen Soundgewand der Arctic Monkeys hat eine für Gitarristen eher peinliche Errungenschaft, was Turner durchaus bewusst ist. „Das hört bestimmt richtig blöd an, aber wir haben gerade erst angefangen, die oberen drei Sai­ten zu benutzen. Bislang haben wir aus­schließlich auf den unteren drei Saiten gespielt”, gesteht er. „Dadurch haben sich uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet, wir klingen heller und auch deutlich erhabener.”

Ergeben haben sich die frischen musikalischen Op-tionen bei ersten Proben der von Turner verfassten Stücke gemeinsam mit seinem Gitarristen-Konterpart Jamie in New York, wo Alex von Sommer 2009 bis Sommer 2010 ein Jahr mit seiner Freundin gelebt hat. Dabei ertönten aus Versehen ein paar Mal offene Saiten, was den beiden aller­dings gefiel: „Wir kamen zu dem Schluss: ,Hey, das können wir bringen!’ So haben wir unseren Gitarrensound aufpoliert.”

Womit der Zeitpunkt gekommen wäre, uns endlich mit dem Albumtitel zu beschäftigen. SUCK IT AND SEE soll keine Beleidigung sein, übersetzt heißt es nämlich einfach: Probieren geht über Studieren.

Lothar Gerber

Neuigkeiten zu: TV On The Radio

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TV On The RadioDer Schock sitzt noch tief: Kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums NINE TYPES OF LIGHT ist Bassist Gerard Smith (r.) an Krebs gestorben. Die Band trauert.

Es ist ein Szenario, das zu den schlimmsten ge-hört, die man sich als Musikgruppe ausmalen kann: Ein Bandmitglied stirbt, kurz da­nach er-scheint eine neue Platte – und eine ausgedehnte Tour steht auch noch vor der Tür. So geschehen im Jahr 2003 mit The Mars Volta, als deren Soundtüftler/-techniker Jeremy Ward einer Heroin-Überdosis erlag. Dieses Schicksal blieb auch TV On The Radio nicht erspart: Ihr Bassist Gerard Smith verlor am 20. April seinen „tapferen Kampf gegen den Lungenkrebs – wir vermissen ihn fürchterlich”, wie es die dadurch (zumindest vorübergehend) zum Quartett ge­schru­m­pfte Formation über ihre Web­site verlauten ließ.

Nach fünf abgesagten Konzerten Ende April begaben sich die New Yorker Anfang Mai jedoch wieder auf Tournee, natürlich um das fünfte Studioalbum NINE TYPES OF LIGHT ihren Fans vorzustellen – aber mit Sicherheit auch, weil TV On The Radio um die reinigende, kathartische Wirkung der Live-Auftritte sowie des (Trauer-)Austausches mit der Anhängerschaft wissen.

Eine eigentlich naheliegende Auszeit stand wohl auch deshalb nicht zur Debatte, da sich die fünf Brooklyner erst vor zwei Jahren nach der weltweiten Gastspielreise zum Vorgänger DEAR SCIENCE eine Pause verordnet hatten. „Hätten wir damals direkt wei­tergemacht, wäre das Projekt in einem Blutbad ge-endet”, erinnert sich Sänger Tunde Adebimpe, halb im Scherz, halb im Ernst. „Wenn es einem auf Tour schlecht geht, sind dafür nicht unbedingt die Bandkollegen verantwortlich; man sollte eben – sofern man keiner nomadischen Sippe angehört – einfach nicht so eng aufeinander gepfercht gemeinsam reisen. Tourneen sind wirklich ein seltsames soziales Experiment – obwohl jeder Außenstehende denkt, dass man die ganze Zeit eine Party feiert.” Klar: Die verkopf­te Art-Rock-, New-Soul-, HipHop-, Funk- und Indie-Pop-Kapelle TV On The Radio schließt sich auf Achse tagtäglich ab – wer hätte so was denn ernsthaft geglaubt…

Viel realistischer dagegen muten die Zustände an, die laut den Musikern in Los Angeles geherrscht haben, wo sie NINE TYPES OF LIGHT aufgenommen und damit zum ersten Mal überhaupt für eine CD-Produktion ihren natürlichen Lebensraum New York verlassen haben. Schlagzeuger Jaleel Bunton gefällt L.A. zwar im Grund sogar, aber: „Wenn es dort so etwas wie ein Künstlerviertel gibt, eine Ge-gend, in die man sich zurückziehen kann, dann waren wir im exakten Ge-genteil davon.” Das Studio von Programmierer/Gitarrist/Produzentenguru David Andrew Sitek, der 2010 eine Luftveränderung brauchte und mal eben an die Westküste der USA um­gezogen ist, liegt am Rand von West Hollywood, unweit des Rodeo Drive, der Einkaufs- und Flaniermeile von Be­verly Hills. Es muss ein einziger C-Promi-Auflauf gewesen sein: „Ne-benan in einem Café haben sie in verschiedenen Ecken gleich zwei Reality-Sendungen ge­dreht”, berichtet Adebimpe. „In gewisser Weise hat es uns dieser Zirkus aber auch leichter gemacht, uns total auf die Platte zu konzentrieren.”

Das Werk ist die bislang wohl ruhigste, optimistischste und damit zugänglichste Veröffentlichung von TV On The Radio. Ihr hohes Niveau halten die Amerikaner darauf problemlos und erweitern ihre Bandbreite mit einigen Liebesliedern sogar um eine Songgattung, der sie bislang ausgewichen sind. Live singt sie Adebimpe im Geiste bestimmt für Gerard Smith.

Lothar Gerber

Neuigkeiten zu: Hugh Laurie

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Ihm fehlt es an nichts — und trotzdem spielt er auf seinem ersten Album LET THEM TALK den Blues. Warum? Weil „Dr. House“-Gesicht Hugh Laurie diese Musik liebt.

Bruce Willis und Keanu Reeves haben es getan, Jared Leto und Jan Josef Liefers tun es gerade, und Kevin Costner ebenfalls: All diese Schau-spieler versuchen beziehungsweise haben sich mit unterschiedlichem Können, Ernst und Erfolg als Musiker versucht. In diese sicherlich reichlich unvollständige Liste reiht sich nun „Dr. House” ein. Hugh Laurie, der Darsteller des hum­peln­­­den und gerne mal über die Maßen zynischen Diagnostik-Spezialisten, hat jüngst mit LET THEM TALK ein Album veröffentlicht, auf dem der Brite 15 Klassiker des New Orleans Blues neu in-terpretiert. „Durchaus gewagt”, lautet das land­läufig gefällte Urteil, dessen sich Laurie durchaus bewusst ist: „Als man bei mir nachfragte, ob ich eine Platte aufnehmen möchte, habe ich zuerst abgesagt.”

Zwar hat der Brite zum ersten Mal mit acht Jahren Klavierunterricht bekommen und setzt sich heutzutage je- de freie Minute ans Piano, aber so gut, dass es für eine Studioaufnahme reichen würde, ist er wohl gar nicht. Sagt er zumindest (ganz bescheiden) selbst: „Ich habe nur aus dem Grund zugesagt, da ich diese Musik vereh­re.”

Diese Musik – das sind auf LET THEM TALK unter anderem Stücke von Louis Armstrong, Lead Belly, Memphis Slim, Snooks Eaglin, Sister Rosetta Tharp, Ray Charles und Dr. John. Als Kind und Jugendlicher verleibte er sich zudem das Werk von Gitarristen à la Lightnin’ Hopkins, Bo Diddley und Muddy Waters ein sowie von Pianisten wie Jelly Roll Morton, Allen Toussaint und Pinetop Perkins. Mit seiner Vorliebe für den New Orleans Blues manövrierte sich Laurie allerdings ins Abseits, denn seine Bekann­ten standen eher auf Rock-Hausmannskost und Musiker wie David Bowie: „Ich war sehr einsam als Jugendlicher und hatte nicht viele Freunde, mit denen ich über den Blues reden konn­te. Was Musik an-geht, war ich ein seltsamer Einzelgänger.” Der 51-Jährige begibt sich mit seinem ersten Studioalbum also keineswegs aufs Glatteis, sondern bleibt sich selbst treu und macht nur das, was er sowie­so die ganze Zeit macht – nur eben nicht mehr privat, sondern öffentlich.

Zur Seite stand Laurie bei seinem Projekt der erfahrene Blues-Produzent Joe Henry und Studiomusiker wie Jay Bellerose (Drums) und Greg Leisz (Gitarre, Dobro, Mandoline). Die Albumaufnahmen waren für den in Oxford geborenen Hobbytastendrücker auch das erste Mal, das Zusammenspiel mit einer Band zu er-leben und zu gestalten. Bislang hatte Laurie noch nie in einer Blues-Combo gespielt: „Ich hätte es liebend gerne gemacht, aber leider ist mir diese Er­fah­rung verwehrt geblieben.”

Wenn­gleich ein derartiges Engagement wahrscheinlich auch ungewollte Konsequenzen, nämlich Live-Auftritte vor an­deren Menschen, mit sich gebracht hätte, denen der seit 1981 tätige Charaktermime lieber vorsorglich aus dem Weg ging: „Ich hatte nie das nötige Selbst­vertrauen, um vor Publikum Klavier zu spielen oder gar zu singen. Um diese Fähig­keit in mir zu entdecken, musste ich warten, bis ich 50 Jahre alt war.”

Nun, da sich Laurie dazu durchgerungen hat, genießt er das Musikerleben allerdings sehr. Viel mehr als die Schauspielerei übrigens. Denn nun kann er endlich beruflich im Blues aufgehen: „Die Klänge, die Gefühle und die Geschichten auf dem Album bedeuten mir etwas. Mit der Musik verbindet mich mehr als mit den Rollen, die ich spiele. Ich liebe House, keine Frage, aber ich bin nicht er. Auf dem Album hingegen findet man ein Stück von mir.”

Lothar Gerber

Neuigkeiten zu: Black Label Society

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Beine hochlegen? Nicht mit Zakk Wylde. Der Hüne setzt aktuell zwei Projekte gleichzeitig um, so zum Beispiel das Akustikalbum THE SONG REMAINS NOT THE SAME.

Klar, der Titel ist als Verbeugung vor Led Zeppelin zu verstehen, einer von Zakk Wyldes Lieblingsbands. Aber auch als Warnung für diejenigen Hörer, die von der neuen Scheibe wie üblich Zakks röhrende und quietschende Gitarrensounds erwarten. Auf dem unlängst veröffent­lichten Album THE SONG REMAINS NOT THE SAME schlägt der 44-Jährige jedoch ruhige-re Töne an. So hat er u.a. Unplugged-Versionen von vier Songs des 2010er-Werks ORDER OF THE BLACK (›Overload‹, ›Parade Of The Dead‹, ›Riders Of The Dawn‹, ›Darkest Days‹) mit draufgepackt „Die Stücke sind richtiggehend umgearbeitet worden”, erklärt Wylde. „Bei ›Parade Of The Dead‹ z.B. haben wir sogar die Melodie ein wenig verändert. Das ist auch der Grund, warum die Platte so heißt, wie sie heißt – im Grunde basieren die neuen Stücke zwar auf ihren Brüdern, den harten Versionen. Doch das Einzige, was sie wirklich gemeinsam haben, sind die Texte.” Darüber hinaus hat der Black Label-Chef, der kürzlich einen Gastauftritt bei der TV-Show „American Idol” absolviert und dabei mit Kandidat James Durbin ›Heavy Metal‹ von Sammy Hagar performt hat, zahl­reiche Rock-Klassiker aus den Sechzigern und Siebzigern neu interpretiert, darunter Simon & Garfunkels ›Bridge Over Troubled Water‹, Black Sabbaths ›Juniors Eyes‹ und Blind Faiths ›Can’t Find My Way Home‹.

Im Gegensatz zu THE SONG REMAINS NOT THE SAME befindet sich ein anderes Werk erst in der Pipeline: das Buch „Bringing Metal To The Chil­dren: The Complete Berzerker’s Guide to World Tour Domination”, mit dem Wylde zahlreiche Erfahrungen aus seiner Karriere teilen will. „Ich und mein Kumpel Eric Hendrikx saßen herum und quatschten darüber, wie lächerlich das Musikgeschäft doch ist”, erinnert sich Wylde. „Mir fielen all diese saublöden Ge­schichten ein, aus der Zeit meiner ersten Auftritte mit 14 Jahren über die Ozzy-Ära bis heute. Im Musikbusiness triffst du eigent­lich nur Cartoon-Charaktere. Im Buch verarsche ich daher die Branche – und auch mich selbst. Wir bekommen die volle Breitseite ab.” Die Leser allerdings auch: Gleich zu Beginn müssen sie den „True Rocker Test” durchlaufen, um zu ermitteln, ob sie „wahre Rocker oder Vollidioten sind, die das Buch an je-manden abtreten müssen, der mehr Metal ist”. Erhältlich ist die 224 Seiten dicke Lektüre inklusive Anekdoten über wilde Nächte mit Rob Zombie, Eddie Van Halen und Dimebag Darrell ab Mitte September – zumindest in USA.

Neuigkeiten zu: Axxis

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AxxisDas waren noch Zeiten, als Plattenfirmen gegen Bootlegs vorgingen. Heutzutage scheinen von Fans erstellte Konzert­mitschnitte kein Streitthema mehr zu sein. Axxis setzen sogar auf den Charme dieser unverfälschten Live-Dokumente und bringen sie als offizielles Material heraus: und zwar in Form der DVD-Live-CD-Kombination „20 Jahre Axxis“.

Die Hardrocker kündigen das Paket als „offiziellen Bootleg“ an, für das sie extra ein eigenes Label Phonotraxx Publishing ins Leben gerufen haben. Wenn sich die investierte Arbeit lohnt, wollen Axxis künftige Studioalben eventuell ebenfalls selbst veröffentlichen, wie Frontmann Bernhard Weiß erklärt: „Die DVD ist ein Testballon, um herauszufinden, ob sich das Geschäftsmodell für uns angesichts der immer weiter stagnierenden Einkünfte in der Branche rechnet.“

Zunächst heißt es aber erstmal „abwarten und DVD kucken“. Die Eingebung, ein Bootleg zu produzieren und auf den Markt zu bringen, kam der nordrhein-westfälischen Combo, als ein langjähriger Axxis-Liebhaber bei ihnen anfragte, ob er den Gig zum 20-jährigen Bandjubiläum mitschneiden dürfe. Nachdem die Idee, Kopien dieser Aufnahme an-deren Fans im Internet anzubieten, großen Wirbel erzeugte, war klar: Daraus muss ein offizieller Release werden.

Darauf zu hören beziehungsweise zu sehen gibt es Axxis, wie man sie von ihren Live-Festen kennt und liebt: Weiß hält seine berüchtigten ausschweifenden Ansprachen, bei denen er gerne mal vom Hundertsten ins Tausendste kommt, und auch kleine Verspieler sind weder ka­schiert noch herausgeschnitten worden. „Bootlegs sind oft wunderschöne Mo­ment­aufnahmen“, findet Weiß, „weil sie nichts verfälschen, und man ein Konzert, an das man sich gerne zurückerinnern will, genauso nacherleben kann, wie es stattgefunden hat. Und es wird nichts im Studio nachbearbeitet, wie das bei offiziellen Live-Releases sonst immer der Fall ist.“ Im Ideal­fall bekommen die Axxis-Anhänger vor dem heimischen Flatscreen also das Gefühl, mittendrin gewesen zu sein bei der Jubiläumsshow am 13. Dezember 2009 in Bochum.

Lothar Gerber