0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1312

Lebenslinien: Nikki Sixx

0

Nikki Sixx 2011e @ Sixx A.M.
Mit Anfang 20 begann er seine Karriere bei Mötley Crüe, rund 30 Jahre später zählt er zu den Superstars der Rock-Szene. Und feiern kann er auch. Kein Wunder, dass Nikki Sixx etliche schillernde Rock-Persönlichkeiten kennengelernt hat – zumal Slash einer seiner besten Freunde ist und die Familie Osbourne direkt nebenan wohnt.

Wenn man den Terminkalender und die vielen Aktivitäten von Nikki Sixx ansieht, stellt man sich sofort zwei Fragen: Wie bewältigt der Mann all dies? Und woher nimmt er so viel Kreativität? Momentan reist er um die Welt, um sein Buch THIS IS GONNA HURT – MUSIC, PHOTOGRAPHY AND LIFE THROUGH THE DISTORTED LENS OF NIKKI SIXX vorzustellen. Nach dem 2008er-Bestseller THE HEROIN DIARIES: A YEAR IN THE LIFE OF A SHATTERED ROCK STAR sein zweites Werk, in dem Herr Sixx neben vielen Anekdoten auch seine Qualitäten als Fotograf unter Beweis stellt. Zusätzlich erschien mit dem Album THIS IS GONNA HURT Ende Mai der Soundtrack zum Buch, das er wiederum mit Sänger James Michael und Gitarrist DJ Asha als Sixx: A.M. aufgenommen hat. Seit Anfang Juni ist er mit Mötley Crüe, zusammen mit den New York Dolls und Poison, auf großer Nordamerika-Tournee. Und wenn er nicht gerade unterwegs ist, moderiert er jeden Abend seine Radiosendung „Sixx Sense“, in der er Gäste aus der Musik- und Show-Welt vorstellt und kleine Einblicke in das Leben als Rockstar gibt.

Bei so einem ereignisreichen Leben verwundert es nicht, dass Nikki Sixx im Laufe seiner Karrierejahre etliche Freundschaften geschlossen hat. Auch seine musikalischen Talente – vor allem seine Songwriting-Qualitäten – sind seit Jahrzehnten bei den Kollegen geschätzt. Er schrieb nicht nur die meisten Songs von Mötley Crüe, sondern komponierte unter anderem Lieder für Lita Ford oder Meat Loaf. Im CLASSIC ROCK-Interview plaudert er offen über seine Kumpels, seine Idole und ganz normale Nachbarn.

AEROSMITH

Ich bin mit den Mitgliedern von Aerosmith schon seit Jahrzehnten befreundet – ich weiß gar nicht mehr, wann wir uns genau kennen gelernt haben. Ich habe sie schon immer bewundert. 2006 waren wir endlich zusammen auf Tour – eine tolle Erfahrung! Wir haben viel Zeit gemeinsam im Tourbus verbracht. Die Jungs sind einfach fantastisch. Mit vielen Musikern kann man immer nur über Musik reden. Die wollen oder können sich gar nicht über andere Themen unterhalten. Aber bei Aerosmith ist das anders. Sie sind sehr offene und aufgeschlossene Menschen.

TRACII GUNS

Tracii und ich haben uns in den Achtzigern in Hollywood kennengelernt. Damals hingen alle Bands immer in denselben Clubs ab, Guns N’Roses, die L.A. Guns und eben auch wir. An dem Abend, an dem ich Tracii das erste Mal sah, erinnere ich mich gar nicht mehr so genau. Ich weiß nur, dass wir später zu mir nach Hause gefahren sind. Irgendwie endeten all diese Partys irgendwann bei mir daheim! (lacht)Tracii ist ein unglaublicher Gitarrist. Sein Stil hat mir schon immer gefallen, daher war klar: Mit ihm muss ich einfach irgendwann in einer Band spielen. Bei Brides Of Destruction hatten wir jedenfalls eine Wahnsinnszeit, und die Mischung aus rauem Punkrock und Heavy Metal-Härte war auch toll. Diese Zusammenarbeit war eine hervorragende Gelegenheit für mich, musikalisch etwas anderes zu machen und auch mal mit anderen Stilistiken zu experimentieren. Das hat mich sehr inspiriert.

OZZY OSBOURNE

Ich kenne Ozzy jetzt bereits seit 30 Jahren, und wir waren schon oft gemeinsam auf Tour. Vergangenes Jahr haben wir z.B. auf seinem Ozzfest gespielt. Außerdem ist er einer meiner direkten Nachbarn. Deswegen sehen wir uns zwangsläufig ziemlich häufig (lacht). Sharon und ich sind gute Freunde. Neulich kam sie zu mir herüber und meinte, dass sie gerne mal als Co-Moderatorin in meiner Radioshow auftreten möchte. Sie war ganz aufgeregt! Sharon hat mir verraten, dass sie in Zukunft weniger Zeit zu Hause verbringen möchte und aktiver sein will. Wir haben ein ganz normales Nachbarschaftsverhältnis – auch wenn man das vielleicht nicht glauben mag. Ich mag es, wenn mich Sharon oder meine anderen Nachbarn besuchen.

NEW YORK DOLLS

Wir sind gerade mit ihnen und Poison auf US-Tour. Man mag es kaum glauben, aber ich habe David Johanson erst vor kurzem das erste Mal getroffen, und von den anderen in der Band kannte ich bis zum Tourstart niemanden. Doch bisher waren alle sehr zuvorkommend und nett, daher freue mich schon sehr auf die vielen Aftershow-Gelage – wir werden sicher eine Menge Spaß haben.

ALICE COOPER

Alice ist einer der höflichsten, nettesten, toll-sten Menschen der Welt. Wir saßen einmal zu-sammen im Auto und fuhren zu Mick Mars nach Hause. Alice sprach über Jim Morrison. Auf einmal drehte er sich zu mir um und sagte: „Ich weiß, ich habe dir das noch nie gesagt, aber du erinnerst mich ein bisschen an Jim Morrison.“ Ich war erst einmal total baff und brachte dann nur die Worte heraus: „Ich hoffe, nur in Bezug auf seine guten Eigenschaften.“ Da mussten wir beide lachen. Man kann einfach immer mit Alice lachen, ohne dass es peinlich ist. Er ist wirklich ein verdammt guter Kerl.

PAUL RODGERS

Er war zu Gast in meiner Radiosendung „Sixx Sense“. Noch nie zuvor hat mich ein Mensch dermaßen überrascht. Ich hatte ihn vorher ja noch nie getroffen, bin aber natürlich mit seiner Musik groß geworden. Ich mochte Bad Company, Free, The Firm und auch seine Soloalben – und nicht zu vergessen: Queen! Er war an herausragenden Alben beteiligt, und so war ich schon etwas an-gespannt, bevor er ins Studio kam. Schließlich ist er ein echter Star. Doch es stellte sich heraus, dass er einer der umgänglichsten und offensten Menschen ist, die man sich vorstellen kann. Puh, da war ich wirklich froh drüber!

SLASH

Ich kenne Slash schon eine halbe Ewigkeit. Er ist einer meiner besten Freunde. Ich liebe den Kerl! Wir haben zusammen schon eine Menge durchgemacht. Slash ist jemand, auf den man immer zählen kann. Er ist immer für mich da. Immer wenn ich persönliche Probleme habe, rufe ich ihn an, um mich auszuheulen oder ihn um Rat zu fragen. Und wenn er Probleme hat, wendet er sich an mich. Dass man mit ihm verdammt coole Partys feiern kann, muss ich nicht extra erwähnen (lacht). Ich kann jedem nur wünschen, dass er so einen Freund findet. Wenn du ein junger Künstler bis, gibst du dich immer so lässig wie möglich – wie ein Rockstar eben. Aber du brauchst auch jemanden, der dir immer zur Seite steht. Und dieser Jemand ist für mich Slash.

MEAT LOAF

Ich habe ein paar Songs für ihn geschrieben, zum Beispiel ›Couldn’t Have Said It Better‹ von dem gleichnamigen Album oder ›The Monster Is Loose‹ von BAT OUT OF HELL III: THE MON-STER IS LOOSE. Meat ist immer unglaublich freundlich, wenn man ihm zufällig begegnet. Wir haben meist über Musik beziehungsweise unsere Zusammenarbeit gesprochen oder gemeinsam komponiert. Er ist in dieser Hinsicht schon extrem professionell. Aber unsere Beziehung beschränkt sich eben auch nur darauf. Ich bin ihm sonst auch nicht allzu oft begegnet. Viele Dinge erledigt zudem seine Frau für ihn, also habe ich meistens mit ihr gesprochen. Ich glaube, ich kenne seine Frau inzwischen besser als Meat Loaf selbst (lacht).

LITA FORD

Ende der Achtziger komponierte ich den Song ›Falling In And Out Of Love‹ für ihr Album LITA. Ich nahm nämlich gerade mit Mötley Crüe im selben Studio auf wie sie, sodass wir uns dort öfter über den Weg gelaufen sind. Eines Tages kam sie schließlich auf mich zu und fragte, ob ich nicht eine Songidee für sie hätte. Daraufhin entstand dann das gemeinsame Stück. Es macht mir immer Freude, mit anderen Künstlern zu arbeiten.

ROB HALFORD

Ich habe Rob kennengelernt, als wir zusammen auf Tour waren. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden und sind daher oft zusammen rumgehangen. Jeder Mensch braucht andere Menschen, die er bewundert und zu denen er aufblicken kann. Rob ist so eine Person für mich. Bevor man solchen Ikonen das erste Mal begegnet, stellt man sie sich immer auf eine bestimmte Art und Weise vor, stilisiert sie zum Helden. Und wenn man sie schließlich trifft, ist man total nervös und hat Angst, dass dieser Mensch, der für einen so wichtig ist, vielleicht einen schlechten Charakter hat oder einfach völlig anders ist, als man denkt. Bei Rob war zum Glück das Gegenteil der Fall. Er ist ein wundervoller Mensch: freundlich und locker. Und auch einer der lustigsten Menschen, die ich kenne. Zudem besitzt er eine der grandiosesten Stimmen, die es in der Rock- und Metal-Welt gibt.

AIRBOURNE

Ich vergöttere diese Jungs einfach: ihre Musik, aber vor allem ihre unerschöpfliche Power. Sie sind authentisch, und so klingen auch ihre Lieder. Bisher hatte ich nur ganz kurz die Gelegenheit, mit ihnen zu quatschen, aber ich hoffe, dass ich die Jungs noch öfter treffen werde. Es macht einfach Spaß mit ihnen!

BLACKIE LAWLESS

Als ich mit etwa 17 Jahren nach L.A. kam, um professionell Musik zu machen, musste ich mich erst einmal mit diversen Jobs durchgeschlagen. Ich habe unter anderem in einem Schnapsladen gearbeitet und Staubsauger via Telefon verkauft. Eines Tages entdeckte ich eine Anzeige in einer Zeitung. Die Band Sister suchte einen Bassisten. Ich bekam den Job. Der Chef der Gruppe hieß Blackie Lawless. Wir haben damals viel zusammen gemacht, und ich finde, dass er ein herausragender Songwriter ist. Seine Stücken strahlen stets eine Menge Energie und Kraft aus.

Simone Bösch

Michael Schenker

0

Michael Schenker - 4 By Ami Barwell - highDer deutsche Top-Gitarrist spricht im CLASSIC ROCK-Interview über Kollaborationen mit seinen ganz persönlichen Helden, die Abstinenz vom Alkohol sowie sein Leben im „Tempel des Rock“.

Manchmal rutscht selbst gestandenen Journalisten das Herz in die Hose. So geschehen bei der Verleihung der CLASSIC ROCK-Awards in London. Michael Schenker soll in der Weltraumlobby des Londoner Metropolitan Hotels abgeholt werden – denn er wird von Alice Cooper einen Preis überreicht bekommen, und zwar nicht irgendeinen, sondern den „Marshall 11 Award“, der an Künstler geht, die den Rock’n‘Roll ohne Rücksicht auf Verluste (aus-)gelebt haben. Doch der Saitenvirtuose, der durch seine Arbeit für die Scorpions, UFO und die Michael Schenker Group zur Legende geworden ist, ist unauffindbar. Wo steckt er nur? Handy raus, Schenker anklingeln. Auf die Frage, wo er sich denn gerade befindet, kommt die schockierende Antwort. „An der Bar!“ Der Herzschlag setzt für einen Moment aus. Schließlich ist gemeinhin bekannt, dass Schenker lange Zeit mit dem Dämon Alkohol gekämpft hat. Schnell hin. Doch dann die Erleichterung: Ein schlank und gesund aussehender Michael Schenker lehnt an der Theke und schlürft einen schaumigen Cappuccino. Puh.

Michael, du hast im Laufe deiner Karriere zahlreiche Preise bekommen, nicht nur von CLASSIC ROCK, auch von zahllosen anderen Magazinen. Welche Bedeutung hat das für dich?
Ehrlich gesagt ist mir nie bewusst gewesen, dass meine Musik eine so große Wirkung auf die Menschen hat. Für mich stellt sich das so dar: Ich erschaffe gerne etwas, anstatt nur herumzusitzen und mir Sorgen über die schlimmen Dinge zu machen, die in der Welt passieren. Im Grunde habe ich in meiner eigenen kleinen Welt gelebt, seitdem ich mich vor 30 Jahren entschieden habe, nicht wieder bei den Scorpions einzusteigen und stattdessen die Michael Schenker Group zu gründen. Jetzt eine Auszeichnung für mein Lebenswerk und auch meinen Lebensstil zu bekommen, fühlt sich so an, als ob ich endlich mein Examen abgelegt hätte.

Du hast in deiner Karriere mehrfach Bands verlassen, die kommerziell sehr erfolgreich waren. Woher nimmst du diesen Mut?
Seit ich Ende der Siebziger zum ersten Mal bei UFO ausgestiegen bin, habe ich nie versucht, groß rauszukommen, sondern einfach mein Ding gemacht. Aber seit kurzem verspüre ich den Drang, meine Kreativität stärker auszuleben. Wenn man heutzutage auf Festivals geht, sieht man, dass sich etliche Musiker-Generationen auf ein und derselben Bühne tummeln. Manchmal kommen Musikern zusammen, die jeweils aus fünf unterschiedlichen Rock-Jahrzehnten stammen. Meiner Meinung nach haben Led Zeppelin die Grundmauern für den „Rock-Tempel“ gebaut, auf die dann etliche andere Bands immer mehr und mehr Ziegel geschichtet haben. Jetzt bauen wir gerade am Dach. Mal sehen, was weiter mit dem „Tempel“ passiert.

Glaubst du, dass das Dach ausgebaut wird?
Ich weiß auch nicht, wo das hinführt. Technische Entwicklungen und Trends spielen dabei eine große Rolle. Die Musiker stimmen mal hoch, dann wieder runter, spielen auf zwei Saiten, spielen auf verstimmten Gitarren – und das alles nur, um etwas anders zu machen.

Das hast du nicht nötig – und hast so den 30. Geburtstag der Michael Schenker Group im vergangenen Jahr ziemlich klassisch gefeiert: mit einer ausgiebigen Tournee…
Ja, und es hätte nicht besser laufen können. Simon Phillips, unser erster Schlagzeuger, spielte mit uns in Japan, Chris Slade war in Europa dabei, und Carmine Appice trommelte in den Staaten. Es war unglaublich und eine große Ehre für mich, denn ich kann mich daran erinnern, als 16-Jähriger ein Konzert von Beck, Bogert & Appice gesehen zu haben.

Wie war es, all die MSG-Klassiker wie ›Armed And Ready‹, ›Cry For The Nations‹ noch einmal aufzugreifen?
Das sind Singalongs. Hin und wieder darf ich dabei auch ein Solo beisteuern, was immer ein kleines Abenteuer ist. Es macht Spaß, die Stücke zu spielen, und unsere Fans scheinen sie gerne zu hören.

Welche Pläne hast du für deine weitere Zukunft?
Ich habe ein Soloalbum mit einigen Stargästen in der Mache und bei Bob Rock angefragt, ob er es produzieren will. Außerdem habe ich einen neuen Manager: Bob Ringe, der auch Zakk Wylde und Leslie West betreut. Er konzentriert sich jetzt mit seiner Firma Survival Management auf uns drei. Genau so etwas brauchst du, wenn du auf dich allein gestellt bist. Dann musst du dich mit allen Ereignissen selbst herumschlagen.

Gibt’s sonst noch was?
Es besteht die Möglichkeit, dass die Michael Schenker Group die Scorpions nächsten Sommer auf einer Tour durch die Vereinigten Staaten supportet. Außerdem klappt dort vielleicht auch eine Konzertserie mit UFO durch die Houses Of Blues.

Wie steht’s mit deiner Alkoholabstinenz? Immer noch nüchtern?
Ja, allerdings.

Und du hast keine Probleme, auch nicht mit Pete Way in deinem Umfeld?
Das spielt keine Rolle. Man muss sich einfach für sich selbst entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Ohne Alkohol spiele ich viel besser. Und mir geht es auch besser. Warum also sollte ich den Stoff wieder anrühren?

Du hast vor einigen Monaten zusammen mit deinen neuen Band-Kollegen Hermann Rarebell und Pete Way mit Brighton geprobt, wo auch Phil Mogg von UFO wohnt. Hast du ihn getroffen?
Das ist das Tollste: Pete ist einmal aus dem Proberaum gestiefelt – und wem begegnet? Richtig, Phil Mogg, der gerade mit seinem Hund Gassi ging. Daraufhin besuchte uns Phil im Studio und schaute bei den Rehearsals zu. Sein Kommentar: „Ihr spielt ›Rock Bottom‹ zu schnell!“ Der hat doch keine Ahnung! (lacht)

Geoff Barton

Neuigkeiten zu: Rush

0

Rush Press Shot[3]Am 21. Juli erscheint sein neues Buch in englischer Sprache: Neil Peart, im Hauptberuf Drummer bei Rush, hat aus seiner Reiseleidenschaft und der damit eng verbundenen Liebe zum Schreiben inzwischen ein zweites Standbein ge­­zimmert. „Far And Away: A Prize Every Time“ ist wie ein Tagebuch aufgebaut und beschreibt detailliert die Motorradtouren, die der kanadische Ausnahme-Drummer auf den nord- und südamerikanischen sowie europäischen Nebenstraßen unternommen hat. Nicht das Fahren, sondern das Erleben steht dabei im Mittelpunkt: „Ich schreibe über das, was ich fühle, wenn ich etwas Besonderes in der Natur sehe oder eine Ge-schichte höre, die mit der Historie eines bestimmten Ortes zu tun hat. Es ist ein sehr introspektives Buch.“ Momentan hat Peart jedoch wenig Zeit, über weitere Bike-Reisen zu grübeln. Zurzeit ist er noch mit Rush auf TIME MACHINE-Europatour, danach steht die Fertigstellung des neuen Studioalbums CLOCKWORK ANGELS auf dem Programm. Wie die Arbeiten vorangehen und was Peart von der neuen Vorgehensweise hält, zwischen den einzelnen Aufnahmen eine Pause für Live-Gigs einzulegen, lest ihr im großen Rush-Interview in der nächsten CLASSIC ROCK-Ausgabe.

Neuigkeiten zu: Dave Stewart

0

Dave StewartEr hat eigentlich schon alles erreicht, was man in einem Musikerleben erreichen kann: Welthits und -tourneen zusammen mit Kollegin Annie Lennox unter dem Banner von Eurythmics, Erfolg als Solokünstler sowie Job-Abwechslung durch Auftragsarbeiten als Songwriter, Produzent und Filmkomponist. Nur eines hatte David A. Stewart bis vor kurzem noch nicht gemacht: ein 1a-Country-, Blues- und Roots-Rock-Album. Wie gesagt: Bis vor kurzem. Denn der Brite hat soeben mit seinem neuen Werk THE BLACKBIRD DIARIES Abhilfe geschaffen.

Aufgenommen hat es das 58-jährige Multitalent (und deswegen heißt die Scheibe auch so, wie sie heißt) in den Blackbird Stu­dios in Nashville, Tennessee. Viel Zeit hat Stewart dafür nicht gebraucht: Innerhalb von fünf Tagen und Nächten sind die zwölf Tracks zusammen mit Co-Produzent Mike Bradford sowie den Gaststars Stevie Nicks, Martina McBride, Colbie Caillat und The Secret Sisters auf Festplatte gerotzt geworden. Der gebürtige Sun­­derländer spricht dabei von einer „un­­glaublichen Session“: „Das war die beste Zeit, die ich je im Studio hatte. Ich habe die meisten Songs vor Ort geschrieben und direkt aufgenommen.“ Spontan und ungefiltert, ganz an­­ders als der Mainstream-Pop, den man sonst von ihm kennt. Doch damit nicht genug: Stewart wäre nicht Stewart, würde er sein sechstes Soloalbum nicht auf seine ganz eigene Art und Weise anpreisen: „Ich habe einen ungewöhnlichen Film über die Aufnahmeprozedur gemacht. Darin sind nicht nur alle Musiker zu sehen, ich verrate auch einige Songwriting-Geheimnisse – u.a. geht es dabei um eine bekannte Wahrsagerin und eine Hypnotiseurin, die beide zugestimmt haben, bei einer Session mit mir gefilmt zu werden.“ Man gönnt sich ja sonst nichts als ehemaliger Weltstar…

Status Quo

0

Status-Quo_Press-Pictures_21Disziplin und Sturheit

Wer schon eine beinahe 50-jährige Karriere, etwa 118 Millionen verkaufte Tonträger und diverse Platinalben zustande gebracht hat, könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Doch Status Quo denken nicht einmal daran, kürzer zu treten. Ende Mai ist QUID PRO QUO erschienen, das 29. Studioalbum der britischen Rocker. Und die Band fühlt sich so frisch wie seit Jahren nicht mehr.

Francis Rossi, Bandchef von Status Quo, ist sichtlich gut drauf. Das verschmitzte Grinsen auf seinem Gesicht wird von Minute zu Minute breiter, und seine Augen blinzeln schelmisch. „Mir geht es wirklich gut“, betont der Musiker, der seit vergangenem Jahr den Adelstitel „Officer Of The British Empire“ tragen darf. „Die Sonne scheint, die Blumen blühen, da kann man sich doch nur des Lebens freuen. Der Frühsommer ist für mich immer die schönste und inspirierendste Zeit des Jahres.“ Wenn man Herrn Rossi betrachtet, glaubt man kaum, dass man einem Mann gegenüber sitzt, der die 60 bereits hinter sich gelassen hat und schon beinahe 50 Jahre im Musikbusiness aktiv ist. Er wirkt vergnügt und locker, hat immer einen Scherz parat. Auch bei der Frage nach seinem Erfolgsrezept muss er schmunzeln. „Wir haben einfach nie aufgehört. Trotz der vielen Höhen und Tiefen im Verlauf unserer Karriere hatten wir immer einen eisernen Willen. Aufgeben kam für uns nie in Frage.“

Dabei war die Band während der vergangenen Jahrzehnte vielen Veränderungen ausgeliefert. Trends kamen und gingen, und auch die geschäftliche Seite des Musikerdaseins hat sich radikal verändert. „In den Fünfzigern lief alles noch auf einem ziemlich naiven Niveau ab. Das merkt man schon allein an den Texten“, blickt Francis zurück und fängt dann plötzlich an zu singen: „The sun is out, the sky is blue, there are no clouds – so ging das damals. So einen Mist kannst du heute nicht mehr singen. Die Musik ist deutlich anspruchsvoller geworden.“ Auch Erfolg wird seiner Meinung nach heute anders definiert als früher. „Nur wer entsprechend viele Alben absetzt, ist ein Top-Act – so sehen das die meisten Leute. Außerdem zählt in erster Linie der schnelle Erfolg. Doch die wahre Herausforderung besteht nicht darin, erfolgreich zu werden, sondern erfolgreich zu bleiben. Wie viel Disziplin und harte Arbeit dahintersteckt, bemerkt aber kaum jemand.“

Disziplin und Professionalität zählen für den Musiker zu den wichtigsten Eigenschaften und Stärken eines Künstlers. „Das mussten wir auch erst lernen. Als wir noch sehr jung waren, traten wir bei der britischen TV-Sendung ‚Top Of The Pops‘ auf. Einer der Produzenten hat uns dabei dermaßen mies behandelt, dass wir danach nie wieder hin wollten. Das war kindisch. Man muss so professionell sein, solche Dinge ignorieren. Das kann ich jedem Nachwuchsmusiker nur raten.“

Man sollte auch nicht so viel darauf geben, was andere von einem denken – und auch nicht alles so ernst nehmen. „Ich habe 1977 einmal ein Interview in Deutschland gegeben. Nach einer Weile kam dann die Frage, welche Musik ich persönlich mag. Neben einigen anderen Künstlern er-wähnte ich damals auch ABBA“, erinnert er sich. „Der Interviewer war ganz verdutzt und fragte mich, ob ich gerade wirklich ABBA gesagt hätte. Und ich antwortete: ‚Ja, die schwedische Popband!‘ Nach dem Interview nahm mich ein Mitarbeiter unserer Plattenfirma beiseite und sagte: ‚Entschuldige, Francis, aber es ist nicht gut, wenn du zugibst, ABBA zu mögen. Das passt nicht zu deinem Image!‘ Ich erwiderte nur: ‚Scheiß auf mein Ima-ge!‘ Man sollte sich nie dafür schämen, was man mag und wer man ist.“

Und Francis Rossi ist vor allem eines: ein Vollblutmusiker. Vergangenen Mai veröffentlichte er sein zweites Soloalbum ONE STEP AT A TIME, und nun, ein knappes Jahr später, steht Status Quos QUID PRO QUO in den Läden. Man fragt sich wirklich, woher all diese Kreativität stammt. „Dass beide Alben so schnell hintereinander erschienen sind, hat vor allem mit Glück zu tun“, berichtet er lachend. „Ich musste mich bei meinem Soloalbum nicht lange mit dem Komponieren aufhalten, da abgesehen von einem Song alle Tracks schon seit Jahren existierten. Ich habe sie damals aufgenommen, weil ich umgezogen bin und mich an das Studio in meinem neuen Haus gewöhnen wollte. Meinem Manager und mir gefielen sie dann so gut, dass wir sie veröffentlichen wollten. Anders wäre es nicht möglich gewesen, beide Projekte in so kurzer Zeit an den Start zu bekommen.“

Durch diesen glücklichen Zufall fiel es ihm auch leichter, sich auf QUID PRO QUO zu konzentrieren. „Die erste Hälfte der Songs haben wir vor Weihnachten und die zweite Hälfte danach eingespielt“, erklärt Rossi. „Da wir schon seit Jahrzehnten Alben aufnehmen, wissen wir, wie der Hase läuft. Wir haben gelernt, dass es am besten ist, alles recht schnell über die Bühne zu bringen“, fasst er den Aufnahmeprozess zusammen und fügt verschmitzt hinzu: „Das ist ja schließlich unser Job.“ Doch auch alte Hunde können noch neue Tricks lernen. Die Verbissenheit, mit der Status Quo früher an die Songwriting-Arbeit herangegangen sind, gehört inzwischen der Vergangenheit an – es hat sich stattdessen eine gewisse Lockerheit breit gemacht. „Früher habe ich ein Album vor dem Mastering immer überall hin mitgenommen, es mir wieder und wieder angehört und analysiert“, erzählt er. „Doch dieses Mal wollte ich das nicht. Wir haben uns entschlossen, einfach im Studio Musik zu machen und es dann gut sein zu lassen. Dadurch strahlen die Lieder eine unverfälschte Energie aus – das gab es bei uns schon lange nicht mehr in dieser Form.“

Für Francis Rossi gehört QUID PRO QUO daher auch zu den abwechslungsreichsten Werken der Band-Karriere. „Es ist das erste Album, bei dem man die Tracks voneinander unterscheiden kann und nicht denkt, dass man einen einzigen, überlangen Song hört“, presst er unter lautem Lachen hervor. „Die Platte klingt frisch und dynamisch. Uns gefällt sie, und wir hoffen, dass die Leute sie auch mögen.“ Dann breitet sich ein weiteres schelmisches Grinsen über sein Gesicht aus, als er ergänzt: „Und wenn wir Glück haben, verdienen wir damit auch ein bisschen Geld.“
Womit wir auch schon beim Titel des neuen Albums wären – denn „Quid Pro Quo“ bedeutet, dass jemand eine Gegenleistung für seinen eigenen Einsatz bekommt. „In unserem Fall bedeutet das also so viel wie: Wir geben euch Musik – und ihr bezahlt uns dafür“, scherzt Rossi, setzt aber durchaus ernsthaft hinterher: „Das kann man ruhig aussprechen. Wenn wir ein Album veröffentlichen, hoffen wir natürlich auch, dass wir damit etwas verdienen.“ Das geht heutzutage allerdings nicht mehr ohne entsprechende Marketing-Strategie – was sich auch bis ins Quo-Lager herumgesprochen hat. „Das ist schon so, seit die Spice Girls ihre ersten Erfolge feierten“, sinniert Francis. „Viele Leute dachten damals, die Ladys wären die beste Pop-Band der Welt. Dabei waren sie eher mittelmäßig – im Gegensatz zu ihren erstklassigen PR-Kampagnen. So ist das auch bei Madonna. Ständig redet jeder darüber, wie toll es doch ist, dass sie sich immer wieder neu erfinden kann. Dabei färbt sie sich oft nur die Haare. Alles eine Frage der Promotion. Doch selbst wir müssen an solche Dinge denken, wenn wir ein neues Album veröffentlichen. Nun, vielleicht nicht gerade an unsere Haarfarbe, aber eben an viele andere Sachen…“

Nur über eines wollen sie nicht nachsinnen: die Rock-Rente. Die „alten Säcke“, wie Francis die Band lachend beschreibt, haben nämlich keine Lust auf Ruhestand. „Solange wir Spaß an der Musik haben und sie zumindest ein paar Leuten gefällt, werden wir weitermachen“, sagt er. „Wir sind stur. Ich möchte einfach nicht kürzer treten. Ab einem gewissen Alter muss man zwar mehr auf sich achten und sich fit halten. Aber im Grunde ist jeder doch nur so alt, wie er sich auch selbst macht.“

Simone Bösch

AC/DC

0

AC/DC 1976Die Unkaputtbaren

38 Jahre, 15 Alben und über 200 Millionen verkaufter Tonträger. AC/DC sind die dienstälteste und erfolgreichste Heavy-Truppe der Welt. Und das werden sie noch eine ganze Weile bleiben. Denn an Rücktritt, Rente und Rollstuhl denken Angus Young und Brian Johnson noch lange nicht, wie CLASSIC ROCK in London erfuhr.

Das „Connaught“-Hotel passt zu AC/DC wie das berühmte Last Minute-Tor zum FC Bayern: Ein gediegener Luxusschuppen im Stadtteil Mayfair, in dem schon Winston Churchill seine Zigarren paffte – und in dem Angus und Brian heute eine Schachtel Filterlose nach der anderen killen. Natürlich bei Earl Grey Tee und kunstvoll geschichteten Sandwiches in der mondänen Grosvenor Suite. „Hi, me son, how the fuck ya doin‘?“, lautet die herzliche Begrüßung des Sängers, der erst mal Tee für den Gast aus Deutschland ordert, und auf ein kleines, bleiches Männchen verweist, das sich mit krächzender Stimme als „Hi, I’m Angus“ vorstellt – ca. 1,55 Meter lebende Rockgeschichte in Turnschuhen, Jeans und T-Shirt, der Scheitel schon reichlich licht und mit einem Akzent, der eine Mischung aus Schottisch, aus-tralischem Englisch und Kisuaheli sein muss – sprich: Man muss sich verdammt anstrengen, um den 56-Jährigen zu verstehen.

Dabei sind die beiden Riff-Oldtimer bester Laune: Seit einem halben Jahr, sprich seit Abschluss der BLACK ICE-Tour im Oktober 2010, haben sie offiziell Urlaub, den sie ungeniert für ihre Hobbys nutzen. Angus gestaltet großflächige Gemälde in seinem Atelier in Aalten, an der deutsch-holländischen Grenze. Öffentlich zu sehen sind die Werke allerdings nicht – er hält sie bewusst unter Verschluss. „Ich will die Leute damit nicht verletzen“, winkt er ab. „Das ist wirklich nur eine persönliche Sache – etwas, das ich zur Entspannung tue.“ Ganz anders sein quirliges Gegenüber mit der Reibeisenstimme und dem kehligen Lachen: Das strotzt geradezu vor Tatendrang und vor allem vor Mitteilsamkeit. Schließlich fährt der leidenschaftliche Automobilsammler in diesem Jahr wieder Rennen in Le Mans, Silverstone, Spa, Daytona und – wenn er es zeitlich schafft – sogar bei den australischen V8 Super Series, wofür er sich eigens ein weiteres historisches Rennmobil zugelegt hat. Einen raren Lola T70i von 1965, der 250.000 Dollar kostete und zudem komplett restauriert werden musste. Doch wirklich wettkampftauglich – das musste Johnson beim ersten Testlauf feststellen – ist sein Traummobil immer noch nicht. „Ich habe es vor ein paar Wochen in den USA ausprobiert und bin mit 240 km/h in die erste Kurve gegangen. Plötzlich kam mir das Lenkrad entgegen. Und zwar mitsamt der Verankerung. Ich habe geschrieen wie ein kleines Mädchen, bin aber einen halben Meter vor der Mauer zum Stillstand gekommen. Das war wahnsinniges Glück! Im Nachhinein stellte sich heraus, dass irgendein Trottel vergessen hatte, die Schraube anzuziehen. Sehr professionell, oder?“

Ganz im Gegensatz zu ihm, der Trainingsstunden bei Ex-Weltmeister David Coulthart nimmt, einen eigenen Rennstall besitzt und am liebsten unter dem Künstlernamen Giancarlo Ferrari antritt: „Das ist mein offizieller Name für Autorennen – weil er die Weiber wahnsinnig beeindruckt. Und schließlich fährt keiner schneller als ich. Außerdem klingt Brian Johnson nur halb so gut, oder?“ Was bei ihm für einen Lachflash, bei Angus hingegen für Stirnrunzeln sorgt: „Giancarlo What?“ Also muss Brian erst mal erklären, wieso, weshalb, warum, was beim Gitarristen für ein trockenes: „Du verdammter Autonarr!“ sorgt, ehe Brian den finalen verbalen Torpedo abschießt: „Im Grunde sind meine Karren genauso wie Frauen: Sie haben Lampen, viel Gepäck und sind teuer.“

Womit das Thema auch beendet werden muss, andernfalls findet der 63-Jährige mit der Schiebermütze nämlich kein Ende. Überhaupt scheint es bei AC/DC Standard zu sein, dass sich alles in die Länge zieht. Jüngstes Beispiel dafür: die BLACK ICE-Tour, die über zwei Jahre gedauert hat – obwohl das eigentlich gar nicht so geplant war. Doch der Erfolg gibt dem australisch-britischen Quintett recht: Die Tournee ist als erfolgreichste Konzertreise der Rockgeschichte in die Annalen eingegangen: Während der 20 Monate haben AC/DC vor über fünf Millionen Menschen gespielt und dabei einen Gewinn von 441,6 Millionen US-Dollar eingerifft. Eine Summe, die Angus regelrecht verlegen macht. „Natürlich ist es schön, ein angeneh-mes Leben zu führen. Aber hey, wir machen das nicht wegen der Kohle, und wir sind auch nicht geil auf den Applaus! Wir erledigen einfach unseren Job. Und der besteht darin, überall zu spielen, wo man uns sehen will und dabei stets die bestmögliche Show abzuliefern.“

Die allerdings, und das hat erstmals für gesteigerten Fan-Unmut und eine entsprechende Petition an die Band gesorgt, allabendlich aus denselben Songs, denselben Gimmicks sowie denselben Sprüchen bestand. Doch während sich Brian zu einem wenig diplomatischen „Die können mich mal!“ hinreißen lässt, bemüht sich Angus um eine versöhnliche Erklärung: „Ich verstehe nicht, was diese Leute von uns erwarten. Es ist schon rein technisch nicht möglich, jeden Abend alles umzustellen, weil bei unseren Shows alles komplett durchgeplant ist. Zudem wir allen Fans dasselbe bieten – und nicht plötzlich irgendwo nur B-Seiten oder ein bestimmtes Album am Stück spielen. Dann fühlen sich diejenigen, die zu diesem speziellen Gig kommen, zu Recht verschaukelt – weil sie nicht das bekommen, was sie sich gewünscht haben. Viele derjenigen, die mehrere Shows einer Tournee besuchen, erwarten einfach zu viel. Ich finde es zwar toll, wenn jemand ein fanatischer Anhänger der Band ist und uns öfter live sehen will. Aber er sollte dennoch besser warten, bis wir irgendwann mal zehn Abende hintereinander im selben Venue auftreten und dann wirklich variieren können.“

Ob das je geschieht und wie das aussehen könnte, lässt Angus offen. Aber er ist sich der Tatsache bewusst, dass die Präsentation kompletter Backkatalog-Werke durchaus dem Zeitgeist entspricht und auch im Falle von AC/DC Sinn und Spaß machen würde. „Ich hätte nichts dagegen“, gibt Brian zu Protokoll. „Wir müssten allerdings ziemlich lange dafür proben, weil wir viele Songs gar nicht mehr drauf haben. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich einige Sachen von BACK IN BLACK oder FOR THOSE ABOUT TO ROCK überhaupt noch hinbekomme – weil die nicht so leicht zu singen sind.“ Womit er der Hoffnung auf eine entsprechende Umsetzung zum 30. Geburtstag des Albums im Herbst erst einmal einen Dämpfer verpasst.

Denn momentan, daran lassen die gestandenen Herren keinen Zweifel, geht es ihnen erst einmal um LIVE AT RIVER PLATE, ein knapp zwei-einhalbstündiges Souvenir der jüngsten Südamerika-Tour, das ihre Auftritte in der argentinischen Hauptstadt dokumentiert – drei Nächte vor jeweils 66.000 Hardcore-Fans, die das ehrwürdige „Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti“ in einen Moshpit verwandelt haben und Brian daher von „einer unfassbaren Atmosphäre“ und „den besten Fans der Welt“ sinnieren lässt – bis Angus trocken einwirft: „Ich habe davon nicht viel mitbekomme, sondern mich auf meine Gitarre konzentriert und meine Schuhe angestarrt – wie ich das immer tue.“

Was er so meint, wie er es sagt. Genau wie die folgenden Ausführungen: „Ich habe mir Buenos Aires ganz genau angesehen, bin überall zu Fuß hingelaufen und konnte dabei das beste Steakhaus der Stadt ausfindig machen“. Worauf er stolzer zu sein scheint als auf dokumentierte Fan-Aussagen der Marke „Angus ist mein Gott und AC/DC meine Religion“, die sich im Bonusmaterial der DVD finden. „Ach, das ist doch nur ein nettes Kompliment, mit dem jemand seine Begeisterung zum Ausdruck bringen will. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass derjenige weiß, was er da sagt – oder dass man irgendwann eine Kirche für uns baut. Obwohl das natürlich nett wäre: The Church Of St. Angus. Klingt doch gut, oder?“

Eine Bodenständigkeit, die sich – bei allem Geld und Ruhm – auch privat niederschlägt. Denn abgesehen von Brians Autotick sind die Multimillionäre der Inbegriff von Bodenständigkeit und fast erschreckend normal. Sei es, weil sie sich in Luxushotels und Nobelrestaurants deplatziert fühlen, Brian und Ehefrau Brenda auf Campingausflüge nach Turtle Beach in Florida schwören („Das Beste, was es gibt!“), und Angus gar nicht daran denkt, sein Errocktes mit beiden Händen auszugeben. „Ich kaufe mir höchstens mal ein paar Lautsprecher oder ein altes Mischpult. Also Sachen, die ich zum Arbeiten brauche – aber sicher keine Luxusartikel.“ Was Brian mit einem anschaulichen Beispiel bestätigt: „Ich habe versucht, ihn zum Kauf eines Cabrios zu überreden. Erst wollte er wissen, was das kostet. Als ich ihm den Preis genannt habe, meinte ich noch: „Für 20.000 mehr bekommst du auch eines mit Dach.“ Er darauf: ‚Ich kaufe doch kein halbes Auto!‘ Dabei könnte ihm das eigentlich völlig egal sein.“

Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Wie geht es weiter? Die Antwort ist denkbar einfach und unspektakulär: „Malcolm und ich arbeiten an neuen Stücken, aber ich habe keine Ahnung, wann die fertig werden. Ich hoffe, dass es nicht so lange dauert wie beim letzten Mal.“ Denn nur dann, so Brian, könnte sein Alter zum Problem werden. Ansonsten fühle er sich fit wie ein Stier und möchte möglichst schnell zurück auf die Bühne: „Warum aufhören, wenn es gerade so nett ist?“, setzt er an. „Wir haben die Zeit unseres Lebens – und die wollen wir noch ein bisschen genießen!“ Was einer Kampfansage gleicht: Die Ära AC/DC ist längst nicht zu Ende – zum Glück.

Marcel Anders

Jeff Beck

0

Jeff Beck 2011 @ Robert Essel NYCDie Liebe zum Spiel

Der Lieblingsgitarrist aller Gitarristen spricht darüber, wie es ist, David Bowie zum Fan zu haben, den Rolling Stones eine Absage zu erteilen und einer Ikone wie Les Paul Tribut zu zollen.

Er marschiert mit großen Schritten in das Londoner Büro seines Managers. Abgesehen von zusätz­lichen Lebenserfahrungs­furchen, die sich in seine ohnehin schon markanten Gesichtszüge radiert haben, sieht er genauso aus wie bei dem letzten Treffen mit CLASSIC ROCK. Man merkt Beck an, dass ihn der (Grammy-)Erfolg des letztjährigen Albums EMOTION & COMMO­TION, dem ersten nach siebenjähriger Abstinenz, sichtlich beflügelt. Gerade ist seine Live-DVD/-CD ROCK’N’ROLL PARTY: HONOURING LES PAUL – LIVE zu Ehren von Les Paul erschienen, zudem bahnt sich eine Reunion mit Rod Stewart an. Beck ist offenbar in der Stimmung für Kollaborationen, wie die 2010er-„Together & Apart“-Show mit Eric Clapton beweist. Die Zusammenarbeit mit Stewart soll eine US-Tour umfassen, wahrscheinlich gehen die beiden auch gemeinsam ins Studio. Fest steht also: Trotz seiner 66 Jahre ist der Brite noch immer offen für neue Abenteuer.

Jeff, du hast gerade drei weitere Grammys abgeräumt: zwei für EMOTION & COMMOTION und einen für THE IMAGINE PROJECT, für das du u.a. mit Herbie Hancock und Pink ›Imagine‹ von John Lennon gecovert hast. Dir scheinen „Rote Teppiche“ zu gefallen?
Award-Verleihungen sind super, wenn man netzwerken möchte. Wer nicht kommt, über den wird auch nicht geredet – er gerät schnell in Vergessenheit. Letztes Jahr war ich zusammen mit Imelda May bei den Grammys – sie hat ja auf ROCK’N’ ROLL PARTY gesungen. 2011 war ich für insgesamt sechs Awards nominiert, also bin ich wieder hingegangen. Schließlich hat das ja durchaus eine Bedeutung, zu einer solchen Veranstaltung ein-geladen zu werden – die Juroren würdigen die Songs und damit auch die Mühe, die ich mir beim Komponieren gebe. Einmal kam ich mit einigen Kumpels zur Award-Show – und war felsenfest davon überzeugt, einen Preis zu gewinnen. Doch als ich unsere Plätze sah, war mir klar, dass ich leer ausgehen würde – sie hatten uns in den oberen Zuschauerrängen eingepfercht. Und siehe da: Im Umschlag stand dann auch der Name „Carlos Santana“, nicht „Jeff Beck“.

Was machst du eigentlich mit deinen Awards?
Ich besitze acht Stück, die alle auf dem Klavier meiner Mutter stehen. Einige habe ich für wirklich obskure Tracks bekommen, die nur wenige Leute kennen. Aber das ist letztlich egal. Die Grammys sind die Oscars des Musikgeschäfts, und ich hoffe daher immer, dass sich meine Alben dank der Preise ein bisschen besser verkaufen.

Du wechselt ständig das Genre – mal bevorzugst du klassische Musik, dann wieder Rockabilly oder Fusion. Bist du auch privat ein rastloser Mensch?
Absolut. Der Klang von Musik fasziniert und bewegt mich. In einer Minute ärgere ich mich über irgendeinen Müll, doch schon im nächsten Moment heul ich wie ein Schlosshund, nur weil ge- rade Christine Johnsons Version von ›You’ll Never Walk Alone‹ läuft. Warum? Und warum liebe ich ›Nessun Dorma‹ so sehr? Oder Ravels ›Pavane Pour Une Infante Défunte‹? Oder die fünfte Sinfonie von Mahler? Das Schöne an meinem Be- ruf als Musiker ist, dass ich alles machen kann, was ich will. Ich bin nicht auf Rock festgelegt, sondern nehme mir auch die Freiheit, z.B. etwas von Puccini zu spielen. Das habe ich schon sehr früh klargestellt. Die Leute können nicht von mir erwarten, dass ich irgendwas im Stil von Led Zeppelin mache. Das füllt mich nicht aus. Und ich möchte auch nicht die 20. Neuauflage von Guns N’Roses sein.

Du wollest vor einiger Zeit mal mit einem Orchester zusammenspielen. Wie ist da der Stand der Dinge?
Bislang gab es nur Kurzauftritte, doch ich träume von einem Konzert mit 100 Musikern. Am besten in der „Royal Albert Hall“ in London, mit Waldhörnern und dem ganzen Käse. Liebend gerne auch im „Madison Square Garden“ in New York oder der „Hollywood Bowl“ in Los Angeles. Das Problem an der Umsetzung solch monumentaler Visionen ist, dass man diese Hallen Jahre im Voraus buchen muss. Doch sollte mich mein Manager eines Tages anrufen und sagen: „Jeff, jemand hat abgesagt, der Termin ist frei, leg los!“, dann nehme ich das sofort in Angriff.

Erinnerst du dich an den 3. Juli 1973?
Oh Gott, ja! Das war der letzte Abend der ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS-Tour, für die David Bowie mich als Gitarristen rekrutieren wollte. Doch ich sagte ab, und so engagierte er Mick Ronson. Danach sagte Bowie immer, dass er jetzt seinen eigenen Jeff Beck hätte… Jedenfalls kam ich bei der Show für drei Songs als Gast mit auf die Bühne. Irgendjemand in der Band hatte an dem Tag Geburtstag, und ich dachte, ich wäre eine Art Maskottchen, quasi ein Geschenk. Aber Bowie war tatsächlich ein großer Fan. Er ließ den kompletten Gig mitfilmen, und die Kameras zoomten bei ›The Jean Genie‹ direkt auf mein Wah-Wah-Pedal, das ich gerade mit meinen dreckigen, weißen Plateauschuhen be­dien­te. Ich bin an die Decke gegangen, als sie mir im Nach-hinein sagten, dass sie meinen Auftritt in dem Film zeigen wollten. Also habe ich mich gewei-gert, die Freigabe zu unterzeichnen. Aber Bowie sagte mir: „Du könntest genauso gut unterschrei-ben. Im ‚Triple XXX‘-Theater in der 42. Straße zeigen sie sowieso schon eine Bootleg-Version davon – und du siehst nicht alberner aus als ich!“ Das Teenie-Geschrei an diesem Abend war unglaublich. So etwas habe ich seitdem nie wieder erlebt.

Denkst du nicht, dass du dich mit Schminke und Hosenanzug gut in Bowies Band gemacht hättest?
Nee. Und ich bin niemand, der ständig irgendwelchen Gruppen, Organisationen oder eben Bands beitritt. Dabei gab es genug Angebote: Selbst Pink Floyd wollten mich, aber sie trauten sich nicht mal, mich direkt zu fragen. Die Rolling Stones haben auch mal angeklopft (als sie auf der Suche nach einem Ersatz für Mick Taylor waren – Anm.d. Red.). Und zuge­geben: Es war zur dama­ligen Zeit ja wirklich verlockend, und ich habe auch ernsthaft drüber nachgedacht. Doch am Ende interes­sierte ich mich doch mehr für mein Projekt mit Billy Cobham (Jazz-Drummer aus Panama, Anm.d.Red.) und Jan Hammer (tsche­chischer Jazz/Fu- sion-Pianist, Anm.d.Red.). Außerdem wollte ich nicht mein Leben damit verbringen, ›Brown Su- gar‹ zu spie­len. Die besten Stones-Platten gab es schon – und das ist vor allem Mick Taylor zu verdanken. Er gab ihnen viel, hatte einen ganz eigenen Stil. Außerdem kam ich mit der lockeren Arbeitseinstellung der Stones nicht klar. Während der Proben bekam ich Mick Jagger kaum zu Gesicht. Und wenn er doch mal da war, hat irgendjemand anders Scheiße gebaut. Ich war dort, um zu arbeiten, und sie fragten: „Sollen wir nach Las Vegas rüberdüsen? Oder nach Barbados?“ Nein, nein. Ich hätte ihnen gerne Disziplin verabreicht – und zwar flaschenweise. Es muss so laufen: erst die verdammte Arbeit, dann das Vergnügen.

Dein neues Album ist ein Tribut an die unlängst verstorbene Gitarrenlegende Les Paul. Was bedeutet er dir?
Eine Menge. Traurigerweise ist er zu früh von uns gegangen, um dieses Album noch hören zu können. Les Paul war ein enormer Einfluss für mich. Ich habe seine Alben geschätzt und all seine tonalen Variationen faktisch absorbiert. Seine Musik bleibt unvergessen, es ist weit mehr als ein primitives Rock’n’Roll-Ding. Er hatte einfach Klasse! Seine Bendings auf der Gitarre waren vorzülich, seine Läufe fabelhaft. Obendrein harmonierte er perfekt mit seiner Sängerin Mary Ford. Imelda May kriegt das auf den Tribute-Songs übrigens ebenso gut hin. Diese Ära erinnert mich an eine Zeit der Unschuld, als es noch täglich neue, auf-regende Musik gab. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich gedacht, dass ich jemals meine Heimat Surrey verlassen würde. Damals war es das Größte für mich, Vinyl zu kaufen – und damit die Schulmädchen im Ort zu beeindrucken.

Max Bell

Jethro Tull

0

Jethro TullDer Ruhm des Vagabunden

Landstreicher, Geister, religiöser Wahn und die Globalisierung: Vor 40 Jahren avancierten Jethro Tull dank ihres prophetischen Meisterwerks AQUALUNG zu weltweit anerkannten Stars. CLASSIC ROCK-Autor Dom Lawson sprach mit Ian Anderson über die schwere Geburt eines Klassikers.

Schon nach dem Eröffnungsriff und der ersten Textzeile des Titeltracks von Jethro Tulls viertem Album ist klar: Hier erwartet den Hörer eines der kraftvollsten und einprägsamsten Progrock-Statements aller Zeiten. 40 Jahre hat der Millionenseller AQUALUNG nun auf dem Buckel, doch die reichlich unappetitliche Geschichte über diesen keuchenden, schmuddeligen und ziemlich zotteligen Landstreicher strotzt noch immer vor Vitalität und musikalischer Potenz. AQUALUNG hat die Jahrzehnte bestens überstanden. Ohne Songs wie ›Locomotive Breath‹, ›Cross Eyed Mary‹, ›Wond’ring Aloud‹ und ›My God‹ wäre der Progrock-Kanon wesentlich ärmer, obwohl Jethro Tull geburtsbedingt immer zu den Außenseitern des Genres zählen: Beim Progrock sind sie eher durch einen glücklichen Zufall gelandet, mit den anderen Genre-Größen verbindet sie nicht allzu viel. AQUALUNG ist im Grunde ein klassisches Rock-Album, das seine Magie nie verloren hat und Jethro Tulls individuellen Stil bis heute definiert.

Ian Anderson hat sich ebenfalls gut gehalten: Gesund, elegant gekleidet und eloquent wie immer, haben ihm die letzten 40 Jahre, in denen er fast durchgehend kreativ tätig war, trotz mancher Zipperlein offenbar weniger zugesetzt als der Mehrheit seiner Altersgenossen. Die 63 Jahre sieht man ihm jedenfalls nicht an. Und da seine Begeisterung fürs Musikmachen bis heute anhält, spricht nichts dagegen, dass er noch mit 70 aktiv sein wird: ein Vollblutmusiker, der noch immer zündende Ideen hat. Anderson ist zudem auch kein Nostalgiker, der mit feuchten Augen die guten alten Zeiten stets aufs Neue wiederaufleben lässt. Auf die Frage, ob sich AQUALUNG für ihn tatsächlich wie ein 40 Jahre altes Album anfühlt, antwortet er spontan: „Nun, manche Songs sind tatsächlich im Jahr 1971 verhaftet geblieben, weil wir sie nur selten live gespielt haben. Drei oder vier der Stücke etwa sind erst in den letzten zwei, drei Jahren zum ersten Mal aufgeführt worden. Andere Songs hingegen gehören seit Urzeiten zum Programm. Da ›Aqualung‹ und ›Locomotive Breath‹ so etwas wie ständige Begleiter sind, ist es schwer für mich, in Jahrzehnten zu denken. Ich erin-nere mich bei diesen Liedern eher an die 30, 40 Stunden, die vergangen sind, seit ich sie zuletzt gespielt habe. Es ist schwierig für mich, diese Songs von meiner momentanen Situation abzukoppeln und in einem historischen Kontext zu betrachten. Wenn man auf Tour ist und diese Stücke jede Nacht spielt, empfindet man sie nicht als Artefakte mit historischem Charakter. Das gilt auch für die meisten anderen Songs, denn immerhin handeln sie von gesellschaftlichen Realitäten.“

Das Verhältnis des Progrock zur Realität war häufig eher distanziert und komplex, nicht zu-letzt deshalb, weil ein musikalisches Ethos regierte, das abenteuerlustig in ferne Welten lugte und Fiktionales bevorzugte. Wenn in ›Aqualung‹ beschrieben wird, wie der Antiheld unter „de-cember’s foggy freeze“ leidet, wenn der damals noch jugendliche Anderson in ›Wind Up‹ mit der institutionalisierten Kirche hadert, dann wird der Unterschied klar: AQUALUNG ist ein Album, das tief in der echten Welt verankert ist.

„Aus diesem Grund haben die Songs dem Zahn der Zeit ganz gut widerstanden“, so Anderson, „sie sind noch immer relevant. Ich erinnere mich da-ran, was mir durch den Kopf ging, als ich den Text zu ›Locomotive Breath‹ schrieb: Es ging um die Überbevölkerung. Es ist selbst heute nicht hundertprozentig politisch korrekt, sich über die zunehmende Globalisierung, die Bevölkerungs-explosion oder das Anwachsen von Industrie und Kommerz zu äußern – doch genau davon handelt Song. Der Zug rast immer weiter führerlos durch die Lande, und man fühlt sich hilflos, weil man ihn nicht mehr stoppen kann. In 40 Jahren werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, und es gibt wenig Hoffnung, dass sie alle ernährt werden können. Was Wasser, Nahrung und die Qualität der Luft angeht, kommen wir jetzt schon nicht mehr zurecht, obwohl die Sieben-Milliarden-Grenze noch nicht erreicht ist. Nichtsdestotrotz beuten wir die Ressourcen des Planeten immer weiter aus, ohne langfristigen Plan. ›Locomotive Breath‹ befasst sich mit genau diesem Thema.“

Ebenso präzis in Sachen Botschaft ist ›Aqualung‹, der Titeltrack des Albums. Das Lied ist weit mehr als das ironische Porträt eines Penners, der „Stücke seines zerbrochenen Glücks ausspuckt“ – nämlich eine echte Herzenssache für Ian Anderson: ein indirekter, aber aufrichtiger Aufruf zur Nächstenliebe. „›Aqualung‹ handelt von Obdachlosen“, so Anderson, „aber was noch wichtiger ist: von unserer Reaktion auf ihre Existenz. Die Reaktionen all derer, die sich glücklich schätzen dürfen, ein Heim, womöglich ein wenig Wohlstand und Glück, eine Familie, Freunde und Unterstützung zu haben. Es geht um unsere Gefühle wie Schuld und Abscheu, unsere Unbeholfenheit und Verwirrung, all die Dinge eben, die offenbar werden, wenn man uns mit Obdachlosen konfrontiert. Egal, ob es dieser Tramp im Sinne von Chaplin ist, der auch das Artwork ziert, oder ein 17-jähriger Krimineller, der drogensüchtig ist, sich prostituiert oder was auch immer. Obdachlosigkeit unterliegt längst einem demografischen Wandel. Als ich jung war, hatten Vagabunden eine andere gesellschaftliche Stellung. Sie mochten obdachlos sein, besaßen aber eine gewisse Würde. Heute be-trachtet man sie eher als soziale Bedrohung, die viel stärker als damals Schuldgefühle und auch eine gewisse Unbeholfenheit hervorruft.“
Im Gegensatz zu so vielen anderen Alben, die zur Blütezeit des Progrock in den frühen siebziger Jahren entstanden sind, ist AQUALUNG ein er-staunlich prophetisches Werk. Dass Anderson den Titeltrack seit 40 Jahren überall auf der Welt live spielt, brachte ihn ganz automatisch dazu, dessen Text-Botschaft immer wieder aufs Neue zu überdenken: „Ich habe das schon so oft erlebt. Man sieht jemanden, der offensichtlich dringend Hilfe braucht, und seien es nur ein paar Münzen – doch man blendet seine Existenz ganz einfach aus. Wenn man in der Schlossallee residiert, in dieser Welt des Überflusses, wenn man einen vom Kommerz getriebenen Lebensstil verfolgt, dann hört man auf, diese Leute wahrzunehmen. Das ist die Erkenntnis, die ich mit AQUALUNG verbinde – nicht die zwölf Millionen verkaufter Exemplare oder was auch immer. Einige Songs des Albums berühren mich noch heute, wenn ich sie singe – und auch, wenn ich über sie rede. Es ist ganz leicht, einen Song wie ›Aqualung‹ zu performen und die Essenz zu fühlen. Die ständige Wiederholung schmälert das Erlebnis keineswegs.“

Musikalisch betrachtet, markiert AQUALUNG nicht nur einen Meilenstein in der Entwicklung von Jethro Tull, sondern des gesamten Rock-Genres. Tulls erste drei Alben, THIS WAS (1968), STAND UP (1969) und BENEFIT (1970), waren fantasievolle, aber letztlich doch auch konventionelle Werke, die noch massiv im damals populären Bluesrock verhaftet waren. Zwar unterschieden sich Jethro Tull dank Andersons Flötenspiel bereits damals von ihren Mitstreitern, aber erst auf AQUALUNG fand die Band ihren eigenen Stil. Und der hatte viel zu tun mit der noch jungen Prog-Szene, deren Klanglandschaften Bands wie King Crimson und Pink Floyd geprägt und verfeinert hatten. AQUALUNGs Erfolg kann man zum Teil gewiss der Art und Weise zuschreiben, wie das Album die Lücke zwischen einfachen, kraftvollen Riffs, Experimentierlust und stilistischer Fremdgeherei schloss (was später als Kernelement des Progrock wahrgenommen werden sollte).

Anderson hat seine eigene Theorie darüber entwickelt, warum gerade diese Songsammlung als Tulls Meilenstein gefeiert wird: „Es gab damals jede Menge brillanter Songwriter, die uns als Vorbilder dienten. Die Frühphase von Simon & Garfunkel und Bob Dylan, dann das so genannte Folk-Revival in den USA bis hin zu Leuten wie Bert Jansch, die Songs über Heroin und den Tod verfassten. Der wunderliche, leicht philosophisch angehauchte Roy Harper übte ebenfalls einen großen Einfluss aus, nicht nur auf mich, auch auf andere Musiker. Wir schulden ihm eine Menge, denn er lehrte uns Geradlinigkeit und Simplizität. Ich höre seine Musik noch heute. Sie erinnert mich ständig daran, dass weniger auch mehr sein kann, sei es musikalisch oder textlich.“

Mit verändertem Line-up, bestehend aus Gi-tarrist Martin Barre, Keyboarder John Evan, dem neuen Bassisten Jeffrey Hammond und Schlagzeuger Clive Bunker (für den es das letzte Tull-Album werden sollte), begann die Band ihre Ar-beiten an AQUALUNG. Neu war auch der An-satz: Man ging mit besten Vorsätzen und wesentlich ambitionierter als bisher ans Werk – vor allem was die musikalischen Möglichkeiten be-traf, die es kollektiv abzurufen galt.

Interessanterweise hatte auch Ian Anderson neue Entwicklungsmöglichkeiten für sich ent-deckt. So nahm er all seinen Mut zusammen und betrachtete AQUALUNG als ideales Vehikel, um mehr Selbstvertrauen als Songwriter und kreativer Leiter zu gewinnen: „Es war das erste Mal, dass ich mich traute, alleine ins Studio zu gehen, um dort einen Song vor mich hin zu klimpern. Dann kamen die Jungs dazu und ergänzten ihre Parts, aber die Songs waren zu diesem Zeitpunkt schon mehr oder minder fertig. Es brauchte nicht mehr viel, und sie begannen zu leben. Die Leute vergessen manchmal, dass einige der Lieder nicht von einer Rockband in vollem Galopp eingespielt worden sind, sondern nur aus Gesang und Aku-stikgitarre bestehen, also sehr reduziert klingen. Aber natürlich gab’s auch ein paar Rocker…“

Die Aufnahmen begannen im Dezember 1970 im Island Studio in der Londoner Basing Street. Bekanntermaßen waren damals auch Led Zeppelin im Hause, die im kleineren der beiden Studios gerade ihr kommendes Meisterwerk LED ZEPPELIN IV zusammenzimmerten. Led Zeps Aufnahmeraum beschreibt Anderson als den „besser klingenden“, der auch „viel leichter in den Griff“ zu bekommen war. „Das Gebäude war eine Kirche, und wir saßen quasi im Gewölbe fest – ein schrecklicher, kalter und vor allem stark hallender Raum. Es herrschte eine gespenstische Atmosphäre, die es einem nicht leicht machte, alleine dazusitzen und einen Song auf der Akustischen zu spielen. Ich musste mich erst innerlich darauf einstellen. Es gab auch ständig technische Probleme. Das Studio war ganz neu, ebenso das Aufnahme-Equipment. Da wurde haufenweise falsch verkabelt, die Geräte liefen nicht so, wie sie sollten, und wir hatten keine Ahnung, wie die Dinger klingen würden. Ein, zweimal wollten wir den anderen Raum benutzen, doch Led Zeppelin brachten ein Schloss an, das war’s dann.“

40 Jahre später ist AQUALUNGs Status als Meilenstein der Rockgeschichte eine ausgemachte Sache, doch wenn vor dem geistigen Auge Bilder auftauchen, in denen ein damals wildbärtiger An-derson gerade seine Flöte poliert, während Jimmy Page im Korridor vorbeispaziert, dann ist man geneigt zu glauben, dass bereits während der Aufnahmesessions der Atem der Geschichte durchs Studio wehte. War es für die Band absehbar, dass sie an einem enorm wichtigen Album arbeitete – oder betrachtete sie es nur als weitere Pflichtaufgabe auf dem Weg nach oben?
„Es war klar, dass es ein Top-oder-Flop-Werk war, das entweder unser erster Schritt in Richtung Weltkarriere sein oder uns um Jahre zurückwerfen würde.“ Anderson kichert rau, amüsiert vom Gedanken, dass sich die Glücksgöttin auch anders hätte entscheiden können: „Ich erinnere mich daran, wie wir dem Album den finalen Mix verpassten. Es war der letzte Studiotag. Um sechs Uhr morgens stolperte ich mit John Evan aus dem Studio, wir gingen zum Frühstück in ein Restaurant um die Ecke, während die Sonne aufging. Ich sagte zu ihm: ‚Ich hab keine Ahnung, was ich von der Platte halten soll. Glaubst du, dass sie okay sein wird?‘ Ich hegte wirklich massive Zweifel, ob AQUALUNG ein Schritt in die richtige Richtung war. Zudem befürchtete ich, dass das Album von der Kritik verrissen würde, was damals noch das Aus für eine Band bedeuten konnte. Es gab eben nur vier oder fünf Musikmagazine, und jedes davon würde uns eine ganze Seite widmen – mit Liebe oder Hass, je nach Standpunkt. Also konnten wir die Zeitungsstände in der Oxford Street nicht einfach ignorieren. Doch in England wurde das Album ganz gut aufgenommen, in einigen europäischen Ländern und in den USA schlug es sogar ein wie eine Bombe.“

Trotz ihrer traditionell großen und loyalen Fan-Gefolgschaft in Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent war es der Erfolg in den USA, der Tull in den Rang von Superstars erhob – zur Überraschung aller Beteiligten, Ian Anderson eingeschlossen. Tulls Pseudo-Konzeptalbum THICK AS A BRICK, das ein Jahr nach AQUALUNG erschien, landete auf Platz eins der amerikanischen Charts. Die Band, deren Selbstverständnis von einer gewissen Verschrobenheit geprägt war, wurde plötzlich als Rock-Act gehandelt, der die Stadien füllte. Noch dazu in einem Land, bei dem eine feindselige Reaktion der Einwohner nicht überrascht hätte: Einige der Texte auf AQUALUNG sprechen dem gottesfürchtigen Durchschnittsamerikaner sicher nicht gerade aus der Seele. Stücke wie ›My God‹ und ›Wind Up‹ hatten deutlich offenbart, dass Anderson willens war, ein paar unbequeme Fragen zu stellen, z.B. was den Glauben generell bzw. die Religion und ihren Einfluss auf die Massen angeht. Heutzutage würde sich wohl niemand mehr über die relativ zahmen Unmutsbekundungen aufregen, doch 1971 galten Tull als ziemlich radikale Band. Vor allem in jenen Teilen Amerikas, in denen der Schatten der Kirche alles und jeden erfasste.

„Innerhalb eines Jahres erregten wir in manchen Gegenden recht viel Aufsehen“, so Anderson, „was sicher den religionskritischen Passagen auf AQUALUNG geschuldet war. Im Süden verloren sie sogar ein wenig die Contenance, veranstalteten rituelle Album-Verbrennungen. Nun, wir hatten es kaum anders erwartet. Aber es gab nie direkte Konfrontationen oder gar Bedrohungen. Ich vermute, dass unser Management diese Dinge von uns fernhielt.“ Dass Anderson stellenweise auch missverstanden wurde, liegt auf der Hand: „Es ging mir ja nicht um die religiösen Werte, die in der Bibel vermittelt werden oder um die Rituale des Gottesdienstes. Das war unwichtig. Ich wollte, dass wir die Spiritualität in allen Menschen wahrnehmen, also auch im Va-gabunden aus ›Aqualung‹ und der ›Cross Eyed Mary‹, einer Prostituierten. Musik spielt dabei eine tragende Rolle – man denke nur an Gottesdienste. Ich versuchte, mit diesen Songs deutlich zu machen, dass Spiritualität keineswegs den ritualisierten Pomp benötigt, der in fast allen Kirchengemeinschaften der Normalfall ist – nicht nur in der christlichen, nebenbei bemerkt. Ich war damals 24 Jahre alt, hatte nie eine Universität besucht oder gar Philosophie studiert, sondern befand mich einfach auf der Suche.“

Dass Anderson ein so bahnbrechendes Werk bereits in jungen Jahren kreierte, hatte einen entscheidenden Vorteil: Songs wie ›Aqualung‹, ›My God‹ und ›Locomotive Breath‹ gehören seit Jahrzehnten zu seinem Repertoire, was ihm natürlich Gelegenheit gab, ihre Inhalte immer wieder zu hinterfragen. Mit anmaßendem Atheismus hat er wenig am Hut, stattdessen schwärmt er von alten Kirchengebäuden, diesem „wunderbaren Erbe an historischen Bauwerken“. Er ist davon überzeugt, dass der christliche Glaube die Menschen zusammenbringen kann (und sollte). In einem Punkt aber meldet er Bedenken an: „Wenn jemand behauptet, Gott gefunden zu haben und vom Glauben durchdrungen ist, weckt das den Zyniker in mir. Am liebsten würde ich sagen: ‚Was für ein Schwachsinn!‘, denn ich weiß, dass selbst respektable Kleriker Zweifel äußern – möglicherweise erst nach ein paar Gläsern Rotwein, die ihre Lippen lösen. Es gibt Tage, da befürchten sie, ihren Glauben verloren zu haben. Ein Kirchenmann sagte mal zu mir: ‚Glaube und Zweifel gehören zusammen‘, und es war erfrischend, das aus seinem Mund zu hören. Kirchenleute sollten ruhig zugeben, dass sie mal zu 50, mal zu 80, mal zu 90 Prozent an Gott glauben. Doch wenn sie behaupten, immer hundertprozentig sicher zu sein, dann geben sie sich einer Illusion hin. Ich würde gerne den Papst fragen, was er darüber denkt. Ich traf zwar einmal den Erzbischof von Canterbury, aber es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um mit ihm darüber zu sprechen. Zudem wäre interessant, ob jemand, der in der anglikanischen Kirche eine philosophisch und scholastisch herausragende Position hat, Zweifel am absoluten Glauben einräumen würde. Aber ich wäre sehr überrascht, wenn er es nicht täte.“

Doch zurück zu AQUALUNG, besser gesagt: seinem ikonischen Cover. Nach den eher exzentrischen Artworks der ersten drei Alben entschied sich die Band 1971 für eine Aquarellzeichnung, die den Vagabunden des Titelsongs darstellt – der zudem verdächtig an einen gewissen jungen Sänger und Flötenspieler erinnert. „Nun, es ist nicht mein Album-Cover“, stellt Anderson ein wenig schmallippig klar. „Ich mochte es nicht, aber Ter-ry Ellis, unser damaliger Manager, setzte seinerzeit alles daran, Chrysalis Records zu etablieren. Terry neigte dazu, Dinge in letzter Minute zu ändern, um allem seinen Stempel aufzudrücken. Das Cover des ersten Albums war meine Idee, bei der zweiten Platte setzte Terry dieses holzschnittartige Design durch, und auch das Aufstellbildchen ging auf sein Konto. Das Artwork von BE-NEFIT gefiel mir ebenso wenig. Während der Ent-stehungsphase von AQUALUNG entdeckte er ein Bild im Time Magazine. Das gefiel ihm, und er eruierte den Namen des Künstlers und beauftragte ihn, Entwürfe zu liefern. Wir probten gerade, als Terry mit diesem Typen auftauchte, der ein paar Fotos von mir schoss. Ich trug damals einen uralten Mantel, den ich schon seit den Anfangstagen von Jethro Tull besaß. Ich hielt es für keine gute Idee hielt, die Cover-Figur so aussehen zu lassen wie mich. Ich sang zwar ein Lied über diesen Typen – aber ich war nicht er.

Doch es kam, wie es kommen musste: Wir be-kamen schließlich dieses Artwork zu sehen, auf dem eine Figur abgebildet war, die mir ähnelte. Ich war nicht allzu glücklich und hielt das Bild zudem für ziemlichen Mist. Es war zwar lebendig gemalt, aber ich mochte die Farben nicht. Einfach schlecht. Das Artwork hatte weder den Biss noch die Klarheit, die ich mir gewünscht hatte. Ich mochte dieses Albumcover noch nie.“

VERWALTUNGSKUNST

Er gilt als die Schnittstelle zwischen der Band und der Außenwelt: Terry Ellis. Der Brite, der lange Jahre für Jethro Tull als Manager gearbeitet hat, verrät im CLASSIC ROCK-Interview Details und Anekdoten aus der Anfangszeit der Band.

Als Terry Ellis, zukünftiger Manager und Produzent von Jethro Tull, der Band erstmals über den Weg lief, firmierte sie noch unter einem anderen Na-men. „Ich hatte Mitte bis Ende der Sechziger eine Konzertagentur mit Chris Wright, sie hieß Ellis-Wright. Wir buchten vornehmlich Bluesbands. Chris entdeckte diese achtköpfige Gruppe aus Blackpool, die sich damals „The John Evan Smash“ nannte und deren Chef Ian Anderson war. Wir holten die Band nach London und machten sie mit dem Gitarristen Mick Abrahams bekannt.“

Übrig blieben nach kurzer Zeit Anderson, Abrahams, Bassist Glenn Cornick und Schlagzeuger Clive Bunker. Sie tauften sich in Jethro Tull um und übertrugen Ellis das Management. „Die Verbindung zwischen der Band und mir wurde enger, weshalb ich auch die Rolle des Produzenten übernahm. Ich sah meine Aufgabe Anfang der Siebziger aber in erster Linie darin, der Band den organisatorischen Kram abzunehmen.“

Nach drei gemeinsamen Alben wollte sich Ellis daher aus der Produktion von AQUALUNG weitgehend heraushalten, da er damals mit anderen Dingen alle Hände voll zu tun hatte: „Gemeinsam mit Chris Wright lancierte ich damals gerade das Chrysalis-Label, weshalb die Band ohne mich mit den Aufnahmen begann. Doch dann rief mich Ian an und meinte, dass er bei der Produktion Hilfe brauche.“

Ellis betrachtet AQUALUNG noch heute als Meisterwerk: „Es ist mein Lieblingsalbum von Jethro Tull, ich liebe die Kombination aus akustischem Material und ausschweifenden Rocksongs. Das Stück ›Mother Goose‹ ist etwas ganz Besonderes und bringt auf den Punkt, warum mir die Band damals so viel bedeutete.“ Für ein Konzeptalbum hielt er AQUALUNG dagegen nie: „Um ehrlich zu sein, behauptete das damals auch niemand. Mir kam das auch nie in den Sinn, denn ich wusste ja, dass es keines war.“

VERPACKUNGSKUNST

Trotz Andersons Einwänden avancierte das Cover von AQUALUNG zu einem der beliebtesten und bekanntesten Artworks der frühen Progrock-Ära. Als das Album 1971 erschien, brachten die Fans Burton Silvermans Bild umgehend mit Jethro Tulls Musik in Verbindung. Der Cover-Künstler erinnert sich in CLASSIC ROCK an die Gestaltung von Jethro Tulls berühmtester Plattenhülle.

Burton Silverman möchte unbedingt mit einem Mythos aufräumen – nämlich mit dem, dass die Figur auf AQUALUNG auf der Person Ian Anderson basiert: „Nein, es ist definitiv nicht Ian. Sondern ich selbst. Ich begann mit einem Selbstporträt und entwickelte es schließlich in eine fiktionale Richtung weiter.“ Als Silverman den Auftrag für das Cover annahm, hatte er mit Rock’n’Roll nicht viel am Hut. „Es war Terry Ellis, der mich kontaktierte. Damals hatte ich eine Menge Illustrationen für das Time Magazine und Esquire an-gefertigt, und ich schätze, dass das der Grund war, warum ich ausgewählt wurde. Die Band bezahlte mir also einen Flug nach London, wo ich bei den Proben zuhörte und mit den Musikern über das Konzept diskutierte.“ Da er kein Fan von Rockmusik war, empfand Silverman Jethro Tulls Performance als ziemlich schrecklich – und als viel zu laut. „Ich war damals mit meinen 42 Jahren schon zu alt dafür. Sie hatten sechs sehr lau-te Verstärker, die alles um mich herum quasi in die Luft sprengten. Eine außergewöhnliche Erfahrung.“ Dennoch sagte er zu, den Auftrag zu übernehmen.

„Die Innenseite enthielt eine Karikatur der Band, die sich in einem kirchlichen Ambiente daneben benahm. Auf der Rückseite prangte der Charakter aus ›Aqualung‹, ein heruntergekommener Bettler. Ich fand, dass das Frontcover wunderbar zum Inhalt der Songs passte.“

Silverman wurde während des bitterkalten Jahreswechsels 1970/71 im Londoner Cumberland Hotel untergebracht, woran er sich noch heute gut erinnert. „Ich stamme aus New York, bin Kälte also gewohnt. Doch selbst für mich war es wirklich unangenehm. Ich fing mir eine böse Erkältung ein, als ich in meinem Hotelzimmer an den Bildern arbeitete.“

Auch wenn Silverman im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zu einem hochgeschätzten Künstler avanciert ist, gilt er vielen vor allem als der Mann, der das Cover von AQUALUNG kreiert hat. „Es entwickelte eine Art Eigendynamik. Ich habe aufgegeben, die Leute zu zählen, die mich nur deshalb kennen. Es ist dieses Werk, das meinen Ruhm begründet – was mich ehrlich gesagt ein wenig nervt, denn ich habe noch viele andere Bilder geschaffen.“ Und noch et-was missfällt dem leise sprechenden 83-Jährigen: dass er keinen Penny von der Riesensumme gesehen hat, die sein Artwork über all die Jahre generiert hat. „Es gab keinen schriftlichen Vertrag, sondern lief per Handschlag mit Terry Ellis. Ich verkaufte ihm für eine vergleichsweise geringe Summe die Rechte an dem Bild.
Doch über die Jahre wurde das Artwork immer wieder für alle möglichen Dinge verwendet – Klopapier ausgenommen.“

Silverman erklärt, dass seine Vereinbarung mit Ellis nur das LP-Cover eingeschlossen habe, sonst nichts. Um am Erfolg seines Artworks doch noch beteiligt zu werden, schrieb er vor einigen Jahren einen Brief an Ian Anderson. „Mir war aufgefallen, dass es inzwischen auf allerlei Merchandising-Artikeln verwendet worden war. Also fragte ich Ian, quasi von Künstler zu Künstler, ob ich dafür ein Extrahonorar bekommen könnte. Doch alles, was ich von ihm erhielt, war eine knappe Mitteilung, dass Jethro Tull die alleinigen Rechte besäßen und ich keine weiteren Ansprüche hätte.“

Was den Verbleib von zwei der drei Bilder be-trifft, kann Silverman eine seltsame Geschichte er-zählen: „Vor etwa zwei Jahren rief mich jemand aus Florida an und verlangte 1.000 US-Dollar für das Original des Frontcovers. Er erwähnte auch, dass sein Schwager das Original der Cover-Rückseite besäße und fragte, ob ich bereit sei, eines davon oder sogar beide Bilder zu kaufen. Ich hielt den Preis für überteuert und wusste auch nicht, ob es tatsächlich die Originale waren. Der Typ behauptete, seine Mutter hätte die Bilder in einem Londoner Hotelzimmer gefunden, was nun wirklich schräg ist: Was hatte sie in diesem Zimmer zu suchen – und warum sind die Bilder nicht bei der Hotelverwaltung abgegeben worden? Dann änderte er seine Geschichte und behauptete, seine Mutter hätte die Bilder als ‚kleines Geschenk‘ erhalten. Aber von wem? Die ganze Geschichte bleibt mysteriös, denn als ich fragte, ob er mir die Bilder zur Prüfung der Echtheit zusenden würde, brach er den Kontakt ab. Ich hatte zugesagt, für den Transport zu zahlen und eine Erklärung zu unterzeichnen, dass ich die Bilder nur kurz prüfen und dann zurückschicken würde. Es ist mir leider nicht gelungen, Terry Ellis zu kontaktieren, um herauszufinden, wo die Originale sind. Das Bild der Innenseite scheint jedenfalls verschollen zu sein.“