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Neuigkeiten zu: Rush

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Rush Press Shot[3]Am 21. Juli erscheint sein neues Buch in englischer Sprache: Neil Peart, im Hauptberuf Drummer bei Rush, hat aus seiner Reiseleidenschaft und der damit eng verbundenen Liebe zum Schreiben inzwischen ein zweites Standbein ge­­zimmert. „Far And Away: A Prize Every Time“ ist wie ein Tagebuch aufgebaut und beschreibt detailliert die Motorradtouren, die der kanadische Ausnahme-Drummer auf den nord- und südamerikanischen sowie europäischen Nebenstraßen unternommen hat. Nicht das Fahren, sondern das Erleben steht dabei im Mittelpunkt: „Ich schreibe über das, was ich fühle, wenn ich etwas Besonderes in der Natur sehe oder eine Ge-schichte höre, die mit der Historie eines bestimmten Ortes zu tun hat. Es ist ein sehr introspektives Buch.“ Momentan hat Peart jedoch wenig Zeit, über weitere Bike-Reisen zu grübeln. Zurzeit ist er noch mit Rush auf TIME MACHINE-Europatour, danach steht die Fertigstellung des neuen Studioalbums CLOCKWORK ANGELS auf dem Programm. Wie die Arbeiten vorangehen und was Peart von der neuen Vorgehensweise hält, zwischen den einzelnen Aufnahmen eine Pause für Live-Gigs einzulegen, lest ihr im großen Rush-Interview in der nächsten CLASSIC ROCK-Ausgabe.

Neuigkeiten zu: Dave Stewart

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Dave StewartEr hat eigentlich schon alles erreicht, was man in einem Musikerleben erreichen kann: Welthits und -tourneen zusammen mit Kollegin Annie Lennox unter dem Banner von Eurythmics, Erfolg als Solokünstler sowie Job-Abwechslung durch Auftragsarbeiten als Songwriter, Produzent und Filmkomponist. Nur eines hatte David A. Stewart bis vor kurzem noch nicht gemacht: ein 1a-Country-, Blues- und Roots-Rock-Album. Wie gesagt: Bis vor kurzem. Denn der Brite hat soeben mit seinem neuen Werk THE BLACKBIRD DIARIES Abhilfe geschaffen.

Aufgenommen hat es das 58-jährige Multitalent (und deswegen heißt die Scheibe auch so, wie sie heißt) in den Blackbird Stu­dios in Nashville, Tennessee. Viel Zeit hat Stewart dafür nicht gebraucht: Innerhalb von fünf Tagen und Nächten sind die zwölf Tracks zusammen mit Co-Produzent Mike Bradford sowie den Gaststars Stevie Nicks, Martina McBride, Colbie Caillat und The Secret Sisters auf Festplatte gerotzt geworden. Der gebürtige Sun­­derländer spricht dabei von einer „un­­glaublichen Session“: „Das war die beste Zeit, die ich je im Studio hatte. Ich habe die meisten Songs vor Ort geschrieben und direkt aufgenommen.“ Spontan und ungefiltert, ganz an­­ders als der Mainstream-Pop, den man sonst von ihm kennt. Doch damit nicht genug: Stewart wäre nicht Stewart, würde er sein sechstes Soloalbum nicht auf seine ganz eigene Art und Weise anpreisen: „Ich habe einen ungewöhnlichen Film über die Aufnahmeprozedur gemacht. Darin sind nicht nur alle Musiker zu sehen, ich verrate auch einige Songwriting-Geheimnisse – u.a. geht es dabei um eine bekannte Wahrsagerin und eine Hypnotiseurin, die beide zugestimmt haben, bei einer Session mit mir gefilmt zu werden.“ Man gönnt sich ja sonst nichts als ehemaliger Weltstar…

Status Quo

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Status-Quo_Press-Pictures_21Disziplin und Sturheit

Wer schon eine beinahe 50-jährige Karriere, etwa 118 Millionen verkaufte Tonträger und diverse Platinalben zustande gebracht hat, könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Doch Status Quo denken nicht einmal daran, kürzer zu treten. Ende Mai ist QUID PRO QUO erschienen, das 29. Studioalbum der britischen Rocker. Und die Band fühlt sich so frisch wie seit Jahren nicht mehr.

Francis Rossi, Bandchef von Status Quo, ist sichtlich gut drauf. Das verschmitzte Grinsen auf seinem Gesicht wird von Minute zu Minute breiter, und seine Augen blinzeln schelmisch. „Mir geht es wirklich gut“, betont der Musiker, der seit vergangenem Jahr den Adelstitel „Officer Of The British Empire“ tragen darf. „Die Sonne scheint, die Blumen blühen, da kann man sich doch nur des Lebens freuen. Der Frühsommer ist für mich immer die schönste und inspirierendste Zeit des Jahres.“ Wenn man Herrn Rossi betrachtet, glaubt man kaum, dass man einem Mann gegenüber sitzt, der die 60 bereits hinter sich gelassen hat und schon beinahe 50 Jahre im Musikbusiness aktiv ist. Er wirkt vergnügt und locker, hat immer einen Scherz parat. Auch bei der Frage nach seinem Erfolgsrezept muss er schmunzeln. „Wir haben einfach nie aufgehört. Trotz der vielen Höhen und Tiefen im Verlauf unserer Karriere hatten wir immer einen eisernen Willen. Aufgeben kam für uns nie in Frage.“

Dabei war die Band während der vergangenen Jahrzehnte vielen Veränderungen ausgeliefert. Trends kamen und gingen, und auch die geschäftliche Seite des Musikerdaseins hat sich radikal verändert. „In den Fünfzigern lief alles noch auf einem ziemlich naiven Niveau ab. Das merkt man schon allein an den Texten“, blickt Francis zurück und fängt dann plötzlich an zu singen: „The sun is out, the sky is blue, there are no clouds – so ging das damals. So einen Mist kannst du heute nicht mehr singen. Die Musik ist deutlich anspruchsvoller geworden.“ Auch Erfolg wird seiner Meinung nach heute anders definiert als früher. „Nur wer entsprechend viele Alben absetzt, ist ein Top-Act – so sehen das die meisten Leute. Außerdem zählt in erster Linie der schnelle Erfolg. Doch die wahre Herausforderung besteht nicht darin, erfolgreich zu werden, sondern erfolgreich zu bleiben. Wie viel Disziplin und harte Arbeit dahintersteckt, bemerkt aber kaum jemand.“

Disziplin und Professionalität zählen für den Musiker zu den wichtigsten Eigenschaften und Stärken eines Künstlers. „Das mussten wir auch erst lernen. Als wir noch sehr jung waren, traten wir bei der britischen TV-Sendung ‚Top Of The Pops‘ auf. Einer der Produzenten hat uns dabei dermaßen mies behandelt, dass wir danach nie wieder hin wollten. Das war kindisch. Man muss so professionell sein, solche Dinge ignorieren. Das kann ich jedem Nachwuchsmusiker nur raten.“

Man sollte auch nicht so viel darauf geben, was andere von einem denken – und auch nicht alles so ernst nehmen. „Ich habe 1977 einmal ein Interview in Deutschland gegeben. Nach einer Weile kam dann die Frage, welche Musik ich persönlich mag. Neben einigen anderen Künstlern er-wähnte ich damals auch ABBA“, erinnert er sich. „Der Interviewer war ganz verdutzt und fragte mich, ob ich gerade wirklich ABBA gesagt hätte. Und ich antwortete: ‚Ja, die schwedische Popband!‘ Nach dem Interview nahm mich ein Mitarbeiter unserer Plattenfirma beiseite und sagte: ‚Entschuldige, Francis, aber es ist nicht gut, wenn du zugibst, ABBA zu mögen. Das passt nicht zu deinem Image!‘ Ich erwiderte nur: ‚Scheiß auf mein Ima-ge!‘ Man sollte sich nie dafür schämen, was man mag und wer man ist.“

Und Francis Rossi ist vor allem eines: ein Vollblutmusiker. Vergangenen Mai veröffentlichte er sein zweites Soloalbum ONE STEP AT A TIME, und nun, ein knappes Jahr später, steht Status Quos QUID PRO QUO in den Läden. Man fragt sich wirklich, woher all diese Kreativität stammt. „Dass beide Alben so schnell hintereinander erschienen sind, hat vor allem mit Glück zu tun“, berichtet er lachend. „Ich musste mich bei meinem Soloalbum nicht lange mit dem Komponieren aufhalten, da abgesehen von einem Song alle Tracks schon seit Jahren existierten. Ich habe sie damals aufgenommen, weil ich umgezogen bin und mich an das Studio in meinem neuen Haus gewöhnen wollte. Meinem Manager und mir gefielen sie dann so gut, dass wir sie veröffentlichen wollten. Anders wäre es nicht möglich gewesen, beide Projekte in so kurzer Zeit an den Start zu bekommen.“

Durch diesen glücklichen Zufall fiel es ihm auch leichter, sich auf QUID PRO QUO zu konzentrieren. „Die erste Hälfte der Songs haben wir vor Weihnachten und die zweite Hälfte danach eingespielt“, erklärt Rossi. „Da wir schon seit Jahrzehnten Alben aufnehmen, wissen wir, wie der Hase läuft. Wir haben gelernt, dass es am besten ist, alles recht schnell über die Bühne zu bringen“, fasst er den Aufnahmeprozess zusammen und fügt verschmitzt hinzu: „Das ist ja schließlich unser Job.“ Doch auch alte Hunde können noch neue Tricks lernen. Die Verbissenheit, mit der Status Quo früher an die Songwriting-Arbeit herangegangen sind, gehört inzwischen der Vergangenheit an – es hat sich stattdessen eine gewisse Lockerheit breit gemacht. „Früher habe ich ein Album vor dem Mastering immer überall hin mitgenommen, es mir wieder und wieder angehört und analysiert“, erzählt er. „Doch dieses Mal wollte ich das nicht. Wir haben uns entschlossen, einfach im Studio Musik zu machen und es dann gut sein zu lassen. Dadurch strahlen die Lieder eine unverfälschte Energie aus – das gab es bei uns schon lange nicht mehr in dieser Form.“

Für Francis Rossi gehört QUID PRO QUO daher auch zu den abwechslungsreichsten Werken der Band-Karriere. „Es ist das erste Album, bei dem man die Tracks voneinander unterscheiden kann und nicht denkt, dass man einen einzigen, überlangen Song hört“, presst er unter lautem Lachen hervor. „Die Platte klingt frisch und dynamisch. Uns gefällt sie, und wir hoffen, dass die Leute sie auch mögen.“ Dann breitet sich ein weiteres schelmisches Grinsen über sein Gesicht aus, als er ergänzt: „Und wenn wir Glück haben, verdienen wir damit auch ein bisschen Geld.“
Womit wir auch schon beim Titel des neuen Albums wären – denn „Quid Pro Quo“ bedeutet, dass jemand eine Gegenleistung für seinen eigenen Einsatz bekommt. „In unserem Fall bedeutet das also so viel wie: Wir geben euch Musik – und ihr bezahlt uns dafür“, scherzt Rossi, setzt aber durchaus ernsthaft hinterher: „Das kann man ruhig aussprechen. Wenn wir ein Album veröffentlichen, hoffen wir natürlich auch, dass wir damit etwas verdienen.“ Das geht heutzutage allerdings nicht mehr ohne entsprechende Marketing-Strategie – was sich auch bis ins Quo-Lager herumgesprochen hat. „Das ist schon so, seit die Spice Girls ihre ersten Erfolge feierten“, sinniert Francis. „Viele Leute dachten damals, die Ladys wären die beste Pop-Band der Welt. Dabei waren sie eher mittelmäßig – im Gegensatz zu ihren erstklassigen PR-Kampagnen. So ist das auch bei Madonna. Ständig redet jeder darüber, wie toll es doch ist, dass sie sich immer wieder neu erfinden kann. Dabei färbt sie sich oft nur die Haare. Alles eine Frage der Promotion. Doch selbst wir müssen an solche Dinge denken, wenn wir ein neues Album veröffentlichen. Nun, vielleicht nicht gerade an unsere Haarfarbe, aber eben an viele andere Sachen…“

Nur über eines wollen sie nicht nachsinnen: die Rock-Rente. Die „alten Säcke“, wie Francis die Band lachend beschreibt, haben nämlich keine Lust auf Ruhestand. „Solange wir Spaß an der Musik haben und sie zumindest ein paar Leuten gefällt, werden wir weitermachen“, sagt er. „Wir sind stur. Ich möchte einfach nicht kürzer treten. Ab einem gewissen Alter muss man zwar mehr auf sich achten und sich fit halten. Aber im Grunde ist jeder doch nur so alt, wie er sich auch selbst macht.“

Simone Bösch

AC/DC

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AC/DC 1976Die Unkaputtbaren

38 Jahre, 15 Alben und über 200 Millionen verkaufter Tonträger. AC/DC sind die dienstälteste und erfolgreichste Heavy-Truppe der Welt. Und das werden sie noch eine ganze Weile bleiben. Denn an Rücktritt, Rente und Rollstuhl denken Angus Young und Brian Johnson noch lange nicht, wie CLASSIC ROCK in London erfuhr.

Das „Connaught“-Hotel passt zu AC/DC wie das berühmte Last Minute-Tor zum FC Bayern: Ein gediegener Luxusschuppen im Stadtteil Mayfair, in dem schon Winston Churchill seine Zigarren paffte – und in dem Angus und Brian heute eine Schachtel Filterlose nach der anderen killen. Natürlich bei Earl Grey Tee und kunstvoll geschichteten Sandwiches in der mondänen Grosvenor Suite. „Hi, me son, how the fuck ya doin‘?“, lautet die herzliche Begrüßung des Sängers, der erst mal Tee für den Gast aus Deutschland ordert, und auf ein kleines, bleiches Männchen verweist, das sich mit krächzender Stimme als „Hi, I’m Angus“ vorstellt – ca. 1,55 Meter lebende Rockgeschichte in Turnschuhen, Jeans und T-Shirt, der Scheitel schon reichlich licht und mit einem Akzent, der eine Mischung aus Schottisch, aus-tralischem Englisch und Kisuaheli sein muss – sprich: Man muss sich verdammt anstrengen, um den 56-Jährigen zu verstehen.

Dabei sind die beiden Riff-Oldtimer bester Laune: Seit einem halben Jahr, sprich seit Abschluss der BLACK ICE-Tour im Oktober 2010, haben sie offiziell Urlaub, den sie ungeniert für ihre Hobbys nutzen. Angus gestaltet großflächige Gemälde in seinem Atelier in Aalten, an der deutsch-holländischen Grenze. Öffentlich zu sehen sind die Werke allerdings nicht – er hält sie bewusst unter Verschluss. „Ich will die Leute damit nicht verletzen“, winkt er ab. „Das ist wirklich nur eine persönliche Sache – etwas, das ich zur Entspannung tue.“ Ganz anders sein quirliges Gegenüber mit der Reibeisenstimme und dem kehligen Lachen: Das strotzt geradezu vor Tatendrang und vor allem vor Mitteilsamkeit. Schließlich fährt der leidenschaftliche Automobilsammler in diesem Jahr wieder Rennen in Le Mans, Silverstone, Spa, Daytona und – wenn er es zeitlich schafft – sogar bei den australischen V8 Super Series, wofür er sich eigens ein weiteres historisches Rennmobil zugelegt hat. Einen raren Lola T70i von 1965, der 250.000 Dollar kostete und zudem komplett restauriert werden musste. Doch wirklich wettkampftauglich – das musste Johnson beim ersten Testlauf feststellen – ist sein Traummobil immer noch nicht. „Ich habe es vor ein paar Wochen in den USA ausprobiert und bin mit 240 km/h in die erste Kurve gegangen. Plötzlich kam mir das Lenkrad entgegen. Und zwar mitsamt der Verankerung. Ich habe geschrieen wie ein kleines Mädchen, bin aber einen halben Meter vor der Mauer zum Stillstand gekommen. Das war wahnsinniges Glück! Im Nachhinein stellte sich heraus, dass irgendein Trottel vergessen hatte, die Schraube anzuziehen. Sehr professionell, oder?“

Ganz im Gegensatz zu ihm, der Trainingsstunden bei Ex-Weltmeister David Coulthart nimmt, einen eigenen Rennstall besitzt und am liebsten unter dem Künstlernamen Giancarlo Ferrari antritt: „Das ist mein offizieller Name für Autorennen – weil er die Weiber wahnsinnig beeindruckt. Und schließlich fährt keiner schneller als ich. Außerdem klingt Brian Johnson nur halb so gut, oder?“ Was bei ihm für einen Lachflash, bei Angus hingegen für Stirnrunzeln sorgt: „Giancarlo What?“ Also muss Brian erst mal erklären, wieso, weshalb, warum, was beim Gitarristen für ein trockenes: „Du verdammter Autonarr!“ sorgt, ehe Brian den finalen verbalen Torpedo abschießt: „Im Grunde sind meine Karren genauso wie Frauen: Sie haben Lampen, viel Gepäck und sind teuer.“

Womit das Thema auch beendet werden muss, andernfalls findet der 63-Jährige mit der Schiebermütze nämlich kein Ende. Überhaupt scheint es bei AC/DC Standard zu sein, dass sich alles in die Länge zieht. Jüngstes Beispiel dafür: die BLACK ICE-Tour, die über zwei Jahre gedauert hat – obwohl das eigentlich gar nicht so geplant war. Doch der Erfolg gibt dem australisch-britischen Quintett recht: Die Tournee ist als erfolgreichste Konzertreise der Rockgeschichte in die Annalen eingegangen: Während der 20 Monate haben AC/DC vor über fünf Millionen Menschen gespielt und dabei einen Gewinn von 441,6 Millionen US-Dollar eingerifft. Eine Summe, die Angus regelrecht verlegen macht. „Natürlich ist es schön, ein angeneh-mes Leben zu führen. Aber hey, wir machen das nicht wegen der Kohle, und wir sind auch nicht geil auf den Applaus! Wir erledigen einfach unseren Job. Und der besteht darin, überall zu spielen, wo man uns sehen will und dabei stets die bestmögliche Show abzuliefern.“

Die allerdings, und das hat erstmals für gesteigerten Fan-Unmut und eine entsprechende Petition an die Band gesorgt, allabendlich aus denselben Songs, denselben Gimmicks sowie denselben Sprüchen bestand. Doch während sich Brian zu einem wenig diplomatischen „Die können mich mal!“ hinreißen lässt, bemüht sich Angus um eine versöhnliche Erklärung: „Ich verstehe nicht, was diese Leute von uns erwarten. Es ist schon rein technisch nicht möglich, jeden Abend alles umzustellen, weil bei unseren Shows alles komplett durchgeplant ist. Zudem wir allen Fans dasselbe bieten – und nicht plötzlich irgendwo nur B-Seiten oder ein bestimmtes Album am Stück spielen. Dann fühlen sich diejenigen, die zu diesem speziellen Gig kommen, zu Recht verschaukelt – weil sie nicht das bekommen, was sie sich gewünscht haben. Viele derjenigen, die mehrere Shows einer Tournee besuchen, erwarten einfach zu viel. Ich finde es zwar toll, wenn jemand ein fanatischer Anhänger der Band ist und uns öfter live sehen will. Aber er sollte dennoch besser warten, bis wir irgendwann mal zehn Abende hintereinander im selben Venue auftreten und dann wirklich variieren können.“

Ob das je geschieht und wie das aussehen könnte, lässt Angus offen. Aber er ist sich der Tatsache bewusst, dass die Präsentation kompletter Backkatalog-Werke durchaus dem Zeitgeist entspricht und auch im Falle von AC/DC Sinn und Spaß machen würde. „Ich hätte nichts dagegen“, gibt Brian zu Protokoll. „Wir müssten allerdings ziemlich lange dafür proben, weil wir viele Songs gar nicht mehr drauf haben. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich einige Sachen von BACK IN BLACK oder FOR THOSE ABOUT TO ROCK überhaupt noch hinbekomme – weil die nicht so leicht zu singen sind.“ Womit er der Hoffnung auf eine entsprechende Umsetzung zum 30. Geburtstag des Albums im Herbst erst einmal einen Dämpfer verpasst.

Denn momentan, daran lassen die gestandenen Herren keinen Zweifel, geht es ihnen erst einmal um LIVE AT RIVER PLATE, ein knapp zwei-einhalbstündiges Souvenir der jüngsten Südamerika-Tour, das ihre Auftritte in der argentinischen Hauptstadt dokumentiert – drei Nächte vor jeweils 66.000 Hardcore-Fans, die das ehrwürdige „Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti“ in einen Moshpit verwandelt haben und Brian daher von „einer unfassbaren Atmosphäre“ und „den besten Fans der Welt“ sinnieren lässt – bis Angus trocken einwirft: „Ich habe davon nicht viel mitbekomme, sondern mich auf meine Gitarre konzentriert und meine Schuhe angestarrt – wie ich das immer tue.“

Was er so meint, wie er es sagt. Genau wie die folgenden Ausführungen: „Ich habe mir Buenos Aires ganz genau angesehen, bin überall zu Fuß hingelaufen und konnte dabei das beste Steakhaus der Stadt ausfindig machen“. Worauf er stolzer zu sein scheint als auf dokumentierte Fan-Aussagen der Marke „Angus ist mein Gott und AC/DC meine Religion“, die sich im Bonusmaterial der DVD finden. „Ach, das ist doch nur ein nettes Kompliment, mit dem jemand seine Begeisterung zum Ausdruck bringen will. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass derjenige weiß, was er da sagt – oder dass man irgendwann eine Kirche für uns baut. Obwohl das natürlich nett wäre: The Church Of St. Angus. Klingt doch gut, oder?“

Eine Bodenständigkeit, die sich – bei allem Geld und Ruhm – auch privat niederschlägt. Denn abgesehen von Brians Autotick sind die Multimillionäre der Inbegriff von Bodenständigkeit und fast erschreckend normal. Sei es, weil sie sich in Luxushotels und Nobelrestaurants deplatziert fühlen, Brian und Ehefrau Brenda auf Campingausflüge nach Turtle Beach in Florida schwören („Das Beste, was es gibt!“), und Angus gar nicht daran denkt, sein Errocktes mit beiden Händen auszugeben. „Ich kaufe mir höchstens mal ein paar Lautsprecher oder ein altes Mischpult. Also Sachen, die ich zum Arbeiten brauche – aber sicher keine Luxusartikel.“ Was Brian mit einem anschaulichen Beispiel bestätigt: „Ich habe versucht, ihn zum Kauf eines Cabrios zu überreden. Erst wollte er wissen, was das kostet. Als ich ihm den Preis genannt habe, meinte ich noch: „Für 20.000 mehr bekommst du auch eines mit Dach.“ Er darauf: ‚Ich kaufe doch kein halbes Auto!‘ Dabei könnte ihm das eigentlich völlig egal sein.“

Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Wie geht es weiter? Die Antwort ist denkbar einfach und unspektakulär: „Malcolm und ich arbeiten an neuen Stücken, aber ich habe keine Ahnung, wann die fertig werden. Ich hoffe, dass es nicht so lange dauert wie beim letzten Mal.“ Denn nur dann, so Brian, könnte sein Alter zum Problem werden. Ansonsten fühle er sich fit wie ein Stier und möchte möglichst schnell zurück auf die Bühne: „Warum aufhören, wenn es gerade so nett ist?“, setzt er an. „Wir haben die Zeit unseres Lebens – und die wollen wir noch ein bisschen genießen!“ Was einer Kampfansage gleicht: Die Ära AC/DC ist längst nicht zu Ende – zum Glück.

Marcel Anders

Jeff Beck

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Jeff Beck 2011 @ Robert Essel NYCDie Liebe zum Spiel

Der Lieblingsgitarrist aller Gitarristen spricht darüber, wie es ist, David Bowie zum Fan zu haben, den Rolling Stones eine Absage zu erteilen und einer Ikone wie Les Paul Tribut zu zollen.

Er marschiert mit großen Schritten in das Londoner Büro seines Managers. Abgesehen von zusätz­lichen Lebenserfahrungs­furchen, die sich in seine ohnehin schon markanten Gesichtszüge radiert haben, sieht er genauso aus wie bei dem letzten Treffen mit CLASSIC ROCK. Man merkt Beck an, dass ihn der (Grammy-)Erfolg des letztjährigen Albums EMOTION & COMMO­TION, dem ersten nach siebenjähriger Abstinenz, sichtlich beflügelt. Gerade ist seine Live-DVD/-CD ROCK’N’ROLL PARTY: HONOURING LES PAUL – LIVE zu Ehren von Les Paul erschienen, zudem bahnt sich eine Reunion mit Rod Stewart an. Beck ist offenbar in der Stimmung für Kollaborationen, wie die 2010er-„Together & Apart“-Show mit Eric Clapton beweist. Die Zusammenarbeit mit Stewart soll eine US-Tour umfassen, wahrscheinlich gehen die beiden auch gemeinsam ins Studio. Fest steht also: Trotz seiner 66 Jahre ist der Brite noch immer offen für neue Abenteuer.

Jeff, du hast gerade drei weitere Grammys abgeräumt: zwei für EMOTION & COMMOTION und einen für THE IMAGINE PROJECT, für das du u.a. mit Herbie Hancock und Pink ›Imagine‹ von John Lennon gecovert hast. Dir scheinen „Rote Teppiche“ zu gefallen?
Award-Verleihungen sind super, wenn man netzwerken möchte. Wer nicht kommt, über den wird auch nicht geredet – er gerät schnell in Vergessenheit. Letztes Jahr war ich zusammen mit Imelda May bei den Grammys – sie hat ja auf ROCK’N’ ROLL PARTY gesungen. 2011 war ich für insgesamt sechs Awards nominiert, also bin ich wieder hingegangen. Schließlich hat das ja durchaus eine Bedeutung, zu einer solchen Veranstaltung ein-geladen zu werden – die Juroren würdigen die Songs und damit auch die Mühe, die ich mir beim Komponieren gebe. Einmal kam ich mit einigen Kumpels zur Award-Show – und war felsenfest davon überzeugt, einen Preis zu gewinnen. Doch als ich unsere Plätze sah, war mir klar, dass ich leer ausgehen würde – sie hatten uns in den oberen Zuschauerrängen eingepfercht. Und siehe da: Im Umschlag stand dann auch der Name „Carlos Santana“, nicht „Jeff Beck“.

Was machst du eigentlich mit deinen Awards?
Ich besitze acht Stück, die alle auf dem Klavier meiner Mutter stehen. Einige habe ich für wirklich obskure Tracks bekommen, die nur wenige Leute kennen. Aber das ist letztlich egal. Die Grammys sind die Oscars des Musikgeschäfts, und ich hoffe daher immer, dass sich meine Alben dank der Preise ein bisschen besser verkaufen.

Du wechselt ständig das Genre – mal bevorzugst du klassische Musik, dann wieder Rockabilly oder Fusion. Bist du auch privat ein rastloser Mensch?
Absolut. Der Klang von Musik fasziniert und bewegt mich. In einer Minute ärgere ich mich über irgendeinen Müll, doch schon im nächsten Moment heul ich wie ein Schlosshund, nur weil ge- rade Christine Johnsons Version von ›You’ll Never Walk Alone‹ läuft. Warum? Und warum liebe ich ›Nessun Dorma‹ so sehr? Oder Ravels ›Pavane Pour Une Infante Défunte‹? Oder die fünfte Sinfonie von Mahler? Das Schöne an meinem Be- ruf als Musiker ist, dass ich alles machen kann, was ich will. Ich bin nicht auf Rock festgelegt, sondern nehme mir auch die Freiheit, z.B. etwas von Puccini zu spielen. Das habe ich schon sehr früh klargestellt. Die Leute können nicht von mir erwarten, dass ich irgendwas im Stil von Led Zeppelin mache. Das füllt mich nicht aus. Und ich möchte auch nicht die 20. Neuauflage von Guns N’Roses sein.

Du wollest vor einiger Zeit mal mit einem Orchester zusammenspielen. Wie ist da der Stand der Dinge?
Bislang gab es nur Kurzauftritte, doch ich träume von einem Konzert mit 100 Musikern. Am besten in der „Royal Albert Hall“ in London, mit Waldhörnern und dem ganzen Käse. Liebend gerne auch im „Madison Square Garden“ in New York oder der „Hollywood Bowl“ in Los Angeles. Das Problem an der Umsetzung solch monumentaler Visionen ist, dass man diese Hallen Jahre im Voraus buchen muss. Doch sollte mich mein Manager eines Tages anrufen und sagen: „Jeff, jemand hat abgesagt, der Termin ist frei, leg los!“, dann nehme ich das sofort in Angriff.

Erinnerst du dich an den 3. Juli 1973?
Oh Gott, ja! Das war der letzte Abend der ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS-Tour, für die David Bowie mich als Gitarristen rekrutieren wollte. Doch ich sagte ab, und so engagierte er Mick Ronson. Danach sagte Bowie immer, dass er jetzt seinen eigenen Jeff Beck hätte… Jedenfalls kam ich bei der Show für drei Songs als Gast mit auf die Bühne. Irgendjemand in der Band hatte an dem Tag Geburtstag, und ich dachte, ich wäre eine Art Maskottchen, quasi ein Geschenk. Aber Bowie war tatsächlich ein großer Fan. Er ließ den kompletten Gig mitfilmen, und die Kameras zoomten bei ›The Jean Genie‹ direkt auf mein Wah-Wah-Pedal, das ich gerade mit meinen dreckigen, weißen Plateauschuhen be­dien­te. Ich bin an die Decke gegangen, als sie mir im Nach-hinein sagten, dass sie meinen Auftritt in dem Film zeigen wollten. Also habe ich mich gewei-gert, die Freigabe zu unterzeichnen. Aber Bowie sagte mir: „Du könntest genauso gut unterschrei-ben. Im ‚Triple XXX‘-Theater in der 42. Straße zeigen sie sowieso schon eine Bootleg-Version davon – und du siehst nicht alberner aus als ich!“ Das Teenie-Geschrei an diesem Abend war unglaublich. So etwas habe ich seitdem nie wieder erlebt.

Denkst du nicht, dass du dich mit Schminke und Hosenanzug gut in Bowies Band gemacht hättest?
Nee. Und ich bin niemand, der ständig irgendwelchen Gruppen, Organisationen oder eben Bands beitritt. Dabei gab es genug Angebote: Selbst Pink Floyd wollten mich, aber sie trauten sich nicht mal, mich direkt zu fragen. Die Rolling Stones haben auch mal angeklopft (als sie auf der Suche nach einem Ersatz für Mick Taylor waren – Anm.d. Red.). Und zuge­geben: Es war zur dama­ligen Zeit ja wirklich verlockend, und ich habe auch ernsthaft drüber nachgedacht. Doch am Ende interes­sierte ich mich doch mehr für mein Projekt mit Billy Cobham (Jazz-Drummer aus Panama, Anm.d.Red.) und Jan Hammer (tsche­chischer Jazz/Fu- sion-Pianist, Anm.d.Red.). Außerdem wollte ich nicht mein Leben damit verbringen, ›Brown Su- gar‹ zu spie­len. Die besten Stones-Platten gab es schon – und das ist vor allem Mick Taylor zu verdanken. Er gab ihnen viel, hatte einen ganz eigenen Stil. Außerdem kam ich mit der lockeren Arbeitseinstellung der Stones nicht klar. Während der Proben bekam ich Mick Jagger kaum zu Gesicht. Und wenn er doch mal da war, hat irgendjemand anders Scheiße gebaut. Ich war dort, um zu arbeiten, und sie fragten: „Sollen wir nach Las Vegas rüberdüsen? Oder nach Barbados?“ Nein, nein. Ich hätte ihnen gerne Disziplin verabreicht – und zwar flaschenweise. Es muss so laufen: erst die verdammte Arbeit, dann das Vergnügen.

Dein neues Album ist ein Tribut an die unlängst verstorbene Gitarrenlegende Les Paul. Was bedeutet er dir?
Eine Menge. Traurigerweise ist er zu früh von uns gegangen, um dieses Album noch hören zu können. Les Paul war ein enormer Einfluss für mich. Ich habe seine Alben geschätzt und all seine tonalen Variationen faktisch absorbiert. Seine Musik bleibt unvergessen, es ist weit mehr als ein primitives Rock’n’Roll-Ding. Er hatte einfach Klasse! Seine Bendings auf der Gitarre waren vorzülich, seine Läufe fabelhaft. Obendrein harmonierte er perfekt mit seiner Sängerin Mary Ford. Imelda May kriegt das auf den Tribute-Songs übrigens ebenso gut hin. Diese Ära erinnert mich an eine Zeit der Unschuld, als es noch täglich neue, auf-regende Musik gab. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich gedacht, dass ich jemals meine Heimat Surrey verlassen würde. Damals war es das Größte für mich, Vinyl zu kaufen – und damit die Schulmädchen im Ort zu beeindrucken.

Max Bell

Jethro Tull

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Jethro TullDer Ruhm des Vagabunden

Landstreicher, Geister, religiöser Wahn und die Globalisierung: Vor 40 Jahren avancierten Jethro Tull dank ihres prophetischen Meisterwerks AQUALUNG zu weltweit anerkannten Stars. CLASSIC ROCK-Autor Dom Lawson sprach mit Ian Anderson über die schwere Geburt eines Klassikers.

Schon nach dem Eröffnungsriff und der ersten Textzeile des Titeltracks von Jethro Tulls viertem Album ist klar: Hier erwartet den Hörer eines der kraftvollsten und einprägsamsten Progrock-Statements aller Zeiten. 40 Jahre hat der Millionenseller AQUALUNG nun auf dem Buckel, doch die reichlich unappetitliche Geschichte über diesen keuchenden, schmuddeligen und ziemlich zotteligen Landstreicher strotzt noch immer vor Vitalität und musikalischer Potenz. AQUALUNG hat die Jahrzehnte bestens überstanden. Ohne Songs wie ›Locomotive Breath‹, ›Cross Eyed Mary‹, ›Wond’ring Aloud‹ und ›My God‹ wäre der Progrock-Kanon wesentlich ärmer, obwohl Jethro Tull geburtsbedingt immer zu den Außenseitern des Genres zählen: Beim Progrock sind sie eher durch einen glücklichen Zufall gelandet, mit den anderen Genre-Größen verbindet sie nicht allzu viel. AQUALUNG ist im Grunde ein klassisches Rock-Album, das seine Magie nie verloren hat und Jethro Tulls individuellen Stil bis heute definiert.

Ian Anderson hat sich ebenfalls gut gehalten: Gesund, elegant gekleidet und eloquent wie immer, haben ihm die letzten 40 Jahre, in denen er fast durchgehend kreativ tätig war, trotz mancher Zipperlein offenbar weniger zugesetzt als der Mehrheit seiner Altersgenossen. Die 63 Jahre sieht man ihm jedenfalls nicht an. Und da seine Begeisterung fürs Musikmachen bis heute anhält, spricht nichts dagegen, dass er noch mit 70 aktiv sein wird: ein Vollblutmusiker, der noch immer zündende Ideen hat. Anderson ist zudem auch kein Nostalgiker, der mit feuchten Augen die guten alten Zeiten stets aufs Neue wiederaufleben lässt. Auf die Frage, ob sich AQUALUNG für ihn tatsächlich wie ein 40 Jahre altes Album anfühlt, antwortet er spontan: „Nun, manche Songs sind tatsächlich im Jahr 1971 verhaftet geblieben, weil wir sie nur selten live gespielt haben. Drei oder vier der Stücke etwa sind erst in den letzten zwei, drei Jahren zum ersten Mal aufgeführt worden. Andere Songs hingegen gehören seit Urzeiten zum Programm. Da ›Aqualung‹ und ›Locomotive Breath‹ so etwas wie ständige Begleiter sind, ist es schwer für mich, in Jahrzehnten zu denken. Ich erin-nere mich bei diesen Liedern eher an die 30, 40 Stunden, die vergangen sind, seit ich sie zuletzt gespielt habe. Es ist schwierig für mich, diese Songs von meiner momentanen Situation abzukoppeln und in einem historischen Kontext zu betrachten. Wenn man auf Tour ist und diese Stücke jede Nacht spielt, empfindet man sie nicht als Artefakte mit historischem Charakter. Das gilt auch für die meisten anderen Songs, denn immerhin handeln sie von gesellschaftlichen Realitäten.“

Das Verhältnis des Progrock zur Realität war häufig eher distanziert und komplex, nicht zu-letzt deshalb, weil ein musikalisches Ethos regierte, das abenteuerlustig in ferne Welten lugte und Fiktionales bevorzugte. Wenn in ›Aqualung‹ beschrieben wird, wie der Antiheld unter „de-cember’s foggy freeze“ leidet, wenn der damals noch jugendliche Anderson in ›Wind Up‹ mit der institutionalisierten Kirche hadert, dann wird der Unterschied klar: AQUALUNG ist ein Album, das tief in der echten Welt verankert ist.

„Aus diesem Grund haben die Songs dem Zahn der Zeit ganz gut widerstanden“, so Anderson, „sie sind noch immer relevant. Ich erinnere mich da-ran, was mir durch den Kopf ging, als ich den Text zu ›Locomotive Breath‹ schrieb: Es ging um die Überbevölkerung. Es ist selbst heute nicht hundertprozentig politisch korrekt, sich über die zunehmende Globalisierung, die Bevölkerungs-explosion oder das Anwachsen von Industrie und Kommerz zu äußern – doch genau davon handelt Song. Der Zug rast immer weiter führerlos durch die Lande, und man fühlt sich hilflos, weil man ihn nicht mehr stoppen kann. In 40 Jahren werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, und es gibt wenig Hoffnung, dass sie alle ernährt werden können. Was Wasser, Nahrung und die Qualität der Luft angeht, kommen wir jetzt schon nicht mehr zurecht, obwohl die Sieben-Milliarden-Grenze noch nicht erreicht ist. Nichtsdestotrotz beuten wir die Ressourcen des Planeten immer weiter aus, ohne langfristigen Plan. ›Locomotive Breath‹ befasst sich mit genau diesem Thema.“

Ebenso präzis in Sachen Botschaft ist ›Aqualung‹, der Titeltrack des Albums. Das Lied ist weit mehr als das ironische Porträt eines Penners, der „Stücke seines zerbrochenen Glücks ausspuckt“ – nämlich eine echte Herzenssache für Ian Anderson: ein indirekter, aber aufrichtiger Aufruf zur Nächstenliebe. „›Aqualung‹ handelt von Obdachlosen“, so Anderson, „aber was noch wichtiger ist: von unserer Reaktion auf ihre Existenz. Die Reaktionen all derer, die sich glücklich schätzen dürfen, ein Heim, womöglich ein wenig Wohlstand und Glück, eine Familie, Freunde und Unterstützung zu haben. Es geht um unsere Gefühle wie Schuld und Abscheu, unsere Unbeholfenheit und Verwirrung, all die Dinge eben, die offenbar werden, wenn man uns mit Obdachlosen konfrontiert. Egal, ob es dieser Tramp im Sinne von Chaplin ist, der auch das Artwork ziert, oder ein 17-jähriger Krimineller, der drogensüchtig ist, sich prostituiert oder was auch immer. Obdachlosigkeit unterliegt längst einem demografischen Wandel. Als ich jung war, hatten Vagabunden eine andere gesellschaftliche Stellung. Sie mochten obdachlos sein, besaßen aber eine gewisse Würde. Heute be-trachtet man sie eher als soziale Bedrohung, die viel stärker als damals Schuldgefühle und auch eine gewisse Unbeholfenheit hervorruft.“
Im Gegensatz zu so vielen anderen Alben, die zur Blütezeit des Progrock in den frühen siebziger Jahren entstanden sind, ist AQUALUNG ein er-staunlich prophetisches Werk. Dass Anderson den Titeltrack seit 40 Jahren überall auf der Welt live spielt, brachte ihn ganz automatisch dazu, dessen Text-Botschaft immer wieder aufs Neue zu überdenken: „Ich habe das schon so oft erlebt. Man sieht jemanden, der offensichtlich dringend Hilfe braucht, und seien es nur ein paar Münzen – doch man blendet seine Existenz ganz einfach aus. Wenn man in der Schlossallee residiert, in dieser Welt des Überflusses, wenn man einen vom Kommerz getriebenen Lebensstil verfolgt, dann hört man auf, diese Leute wahrzunehmen. Das ist die Erkenntnis, die ich mit AQUALUNG verbinde – nicht die zwölf Millionen verkaufter Exemplare oder was auch immer. Einige Songs des Albums berühren mich noch heute, wenn ich sie singe – und auch, wenn ich über sie rede. Es ist ganz leicht, einen Song wie ›Aqualung‹ zu performen und die Essenz zu fühlen. Die ständige Wiederholung schmälert das Erlebnis keineswegs.“

Musikalisch betrachtet, markiert AQUALUNG nicht nur einen Meilenstein in der Entwicklung von Jethro Tull, sondern des gesamten Rock-Genres. Tulls erste drei Alben, THIS WAS (1968), STAND UP (1969) und BENEFIT (1970), waren fantasievolle, aber letztlich doch auch konventionelle Werke, die noch massiv im damals populären Bluesrock verhaftet waren. Zwar unterschieden sich Jethro Tull dank Andersons Flötenspiel bereits damals von ihren Mitstreitern, aber erst auf AQUALUNG fand die Band ihren eigenen Stil. Und der hatte viel zu tun mit der noch jungen Prog-Szene, deren Klanglandschaften Bands wie King Crimson und Pink Floyd geprägt und verfeinert hatten. AQUALUNGs Erfolg kann man zum Teil gewiss der Art und Weise zuschreiben, wie das Album die Lücke zwischen einfachen, kraftvollen Riffs, Experimentierlust und stilistischer Fremdgeherei schloss (was später als Kernelement des Progrock wahrgenommen werden sollte).

Anderson hat seine eigene Theorie darüber entwickelt, warum gerade diese Songsammlung als Tulls Meilenstein gefeiert wird: „Es gab damals jede Menge brillanter Songwriter, die uns als Vorbilder dienten. Die Frühphase von Simon & Garfunkel und Bob Dylan, dann das so genannte Folk-Revival in den USA bis hin zu Leuten wie Bert Jansch, die Songs über Heroin und den Tod verfassten. Der wunderliche, leicht philosophisch angehauchte Roy Harper übte ebenfalls einen großen Einfluss aus, nicht nur auf mich, auch auf andere Musiker. Wir schulden ihm eine Menge, denn er lehrte uns Geradlinigkeit und Simplizität. Ich höre seine Musik noch heute. Sie erinnert mich ständig daran, dass weniger auch mehr sein kann, sei es musikalisch oder textlich.“

Mit verändertem Line-up, bestehend aus Gi-tarrist Martin Barre, Keyboarder John Evan, dem neuen Bassisten Jeffrey Hammond und Schlagzeuger Clive Bunker (für den es das letzte Tull-Album werden sollte), begann die Band ihre Ar-beiten an AQUALUNG. Neu war auch der An-satz: Man ging mit besten Vorsätzen und wesentlich ambitionierter als bisher ans Werk – vor allem was die musikalischen Möglichkeiten be-traf, die es kollektiv abzurufen galt.

Interessanterweise hatte auch Ian Anderson neue Entwicklungsmöglichkeiten für sich ent-deckt. So nahm er all seinen Mut zusammen und betrachtete AQUALUNG als ideales Vehikel, um mehr Selbstvertrauen als Songwriter und kreativer Leiter zu gewinnen: „Es war das erste Mal, dass ich mich traute, alleine ins Studio zu gehen, um dort einen Song vor mich hin zu klimpern. Dann kamen die Jungs dazu und ergänzten ihre Parts, aber die Songs waren zu diesem Zeitpunkt schon mehr oder minder fertig. Es brauchte nicht mehr viel, und sie begannen zu leben. Die Leute vergessen manchmal, dass einige der Lieder nicht von einer Rockband in vollem Galopp eingespielt worden sind, sondern nur aus Gesang und Aku-stikgitarre bestehen, also sehr reduziert klingen. Aber natürlich gab’s auch ein paar Rocker…“

Die Aufnahmen begannen im Dezember 1970 im Island Studio in der Londoner Basing Street. Bekanntermaßen waren damals auch Led Zeppelin im Hause, die im kleineren der beiden Studios gerade ihr kommendes Meisterwerk LED ZEPPELIN IV zusammenzimmerten. Led Zeps Aufnahmeraum beschreibt Anderson als den „besser klingenden“, der auch „viel leichter in den Griff“ zu bekommen war. „Das Gebäude war eine Kirche, und wir saßen quasi im Gewölbe fest – ein schrecklicher, kalter und vor allem stark hallender Raum. Es herrschte eine gespenstische Atmosphäre, die es einem nicht leicht machte, alleine dazusitzen und einen Song auf der Akustischen zu spielen. Ich musste mich erst innerlich darauf einstellen. Es gab auch ständig technische Probleme. Das Studio war ganz neu, ebenso das Aufnahme-Equipment. Da wurde haufenweise falsch verkabelt, die Geräte liefen nicht so, wie sie sollten, und wir hatten keine Ahnung, wie die Dinger klingen würden. Ein, zweimal wollten wir den anderen Raum benutzen, doch Led Zeppelin brachten ein Schloss an, das war’s dann.“

40 Jahre später ist AQUALUNGs Status als Meilenstein der Rockgeschichte eine ausgemachte Sache, doch wenn vor dem geistigen Auge Bilder auftauchen, in denen ein damals wildbärtiger An-derson gerade seine Flöte poliert, während Jimmy Page im Korridor vorbeispaziert, dann ist man geneigt zu glauben, dass bereits während der Aufnahmesessions der Atem der Geschichte durchs Studio wehte. War es für die Band absehbar, dass sie an einem enorm wichtigen Album arbeitete – oder betrachtete sie es nur als weitere Pflichtaufgabe auf dem Weg nach oben?
„Es war klar, dass es ein Top-oder-Flop-Werk war, das entweder unser erster Schritt in Richtung Weltkarriere sein oder uns um Jahre zurückwerfen würde.“ Anderson kichert rau, amüsiert vom Gedanken, dass sich die Glücksgöttin auch anders hätte entscheiden können: „Ich erinnere mich daran, wie wir dem Album den finalen Mix verpassten. Es war der letzte Studiotag. Um sechs Uhr morgens stolperte ich mit John Evan aus dem Studio, wir gingen zum Frühstück in ein Restaurant um die Ecke, während die Sonne aufging. Ich sagte zu ihm: ‚Ich hab keine Ahnung, was ich von der Platte halten soll. Glaubst du, dass sie okay sein wird?‘ Ich hegte wirklich massive Zweifel, ob AQUALUNG ein Schritt in die richtige Richtung war. Zudem befürchtete ich, dass das Album von der Kritik verrissen würde, was damals noch das Aus für eine Band bedeuten konnte. Es gab eben nur vier oder fünf Musikmagazine, und jedes davon würde uns eine ganze Seite widmen – mit Liebe oder Hass, je nach Standpunkt. Also konnten wir die Zeitungsstände in der Oxford Street nicht einfach ignorieren. Doch in England wurde das Album ganz gut aufgenommen, in einigen europäischen Ländern und in den USA schlug es sogar ein wie eine Bombe.“

Trotz ihrer traditionell großen und loyalen Fan-Gefolgschaft in Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent war es der Erfolg in den USA, der Tull in den Rang von Superstars erhob – zur Überraschung aller Beteiligten, Ian Anderson eingeschlossen. Tulls Pseudo-Konzeptalbum THICK AS A BRICK, das ein Jahr nach AQUALUNG erschien, landete auf Platz eins der amerikanischen Charts. Die Band, deren Selbstverständnis von einer gewissen Verschrobenheit geprägt war, wurde plötzlich als Rock-Act gehandelt, der die Stadien füllte. Noch dazu in einem Land, bei dem eine feindselige Reaktion der Einwohner nicht überrascht hätte: Einige der Texte auf AQUALUNG sprechen dem gottesfürchtigen Durchschnittsamerikaner sicher nicht gerade aus der Seele. Stücke wie ›My God‹ und ›Wind Up‹ hatten deutlich offenbart, dass Anderson willens war, ein paar unbequeme Fragen zu stellen, z.B. was den Glauben generell bzw. die Religion und ihren Einfluss auf die Massen angeht. Heutzutage würde sich wohl niemand mehr über die relativ zahmen Unmutsbekundungen aufregen, doch 1971 galten Tull als ziemlich radikale Band. Vor allem in jenen Teilen Amerikas, in denen der Schatten der Kirche alles und jeden erfasste.

„Innerhalb eines Jahres erregten wir in manchen Gegenden recht viel Aufsehen“, so Anderson, „was sicher den religionskritischen Passagen auf AQUALUNG geschuldet war. Im Süden verloren sie sogar ein wenig die Contenance, veranstalteten rituelle Album-Verbrennungen. Nun, wir hatten es kaum anders erwartet. Aber es gab nie direkte Konfrontationen oder gar Bedrohungen. Ich vermute, dass unser Management diese Dinge von uns fernhielt.“ Dass Anderson stellenweise auch missverstanden wurde, liegt auf der Hand: „Es ging mir ja nicht um die religiösen Werte, die in der Bibel vermittelt werden oder um die Rituale des Gottesdienstes. Das war unwichtig. Ich wollte, dass wir die Spiritualität in allen Menschen wahrnehmen, also auch im Va-gabunden aus ›Aqualung‹ und der ›Cross Eyed Mary‹, einer Prostituierten. Musik spielt dabei eine tragende Rolle – man denke nur an Gottesdienste. Ich versuchte, mit diesen Songs deutlich zu machen, dass Spiritualität keineswegs den ritualisierten Pomp benötigt, der in fast allen Kirchengemeinschaften der Normalfall ist – nicht nur in der christlichen, nebenbei bemerkt. Ich war damals 24 Jahre alt, hatte nie eine Universität besucht oder gar Philosophie studiert, sondern befand mich einfach auf der Suche.“

Dass Anderson ein so bahnbrechendes Werk bereits in jungen Jahren kreierte, hatte einen entscheidenden Vorteil: Songs wie ›Aqualung‹, ›My God‹ und ›Locomotive Breath‹ gehören seit Jahrzehnten zu seinem Repertoire, was ihm natürlich Gelegenheit gab, ihre Inhalte immer wieder zu hinterfragen. Mit anmaßendem Atheismus hat er wenig am Hut, stattdessen schwärmt er von alten Kirchengebäuden, diesem „wunderbaren Erbe an historischen Bauwerken“. Er ist davon überzeugt, dass der christliche Glaube die Menschen zusammenbringen kann (und sollte). In einem Punkt aber meldet er Bedenken an: „Wenn jemand behauptet, Gott gefunden zu haben und vom Glauben durchdrungen ist, weckt das den Zyniker in mir. Am liebsten würde ich sagen: ‚Was für ein Schwachsinn!‘, denn ich weiß, dass selbst respektable Kleriker Zweifel äußern – möglicherweise erst nach ein paar Gläsern Rotwein, die ihre Lippen lösen. Es gibt Tage, da befürchten sie, ihren Glauben verloren zu haben. Ein Kirchenmann sagte mal zu mir: ‚Glaube und Zweifel gehören zusammen‘, und es war erfrischend, das aus seinem Mund zu hören. Kirchenleute sollten ruhig zugeben, dass sie mal zu 50, mal zu 80, mal zu 90 Prozent an Gott glauben. Doch wenn sie behaupten, immer hundertprozentig sicher zu sein, dann geben sie sich einer Illusion hin. Ich würde gerne den Papst fragen, was er darüber denkt. Ich traf zwar einmal den Erzbischof von Canterbury, aber es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um mit ihm darüber zu sprechen. Zudem wäre interessant, ob jemand, der in der anglikanischen Kirche eine philosophisch und scholastisch herausragende Position hat, Zweifel am absoluten Glauben einräumen würde. Aber ich wäre sehr überrascht, wenn er es nicht täte.“

Doch zurück zu AQUALUNG, besser gesagt: seinem ikonischen Cover. Nach den eher exzentrischen Artworks der ersten drei Alben entschied sich die Band 1971 für eine Aquarellzeichnung, die den Vagabunden des Titelsongs darstellt – der zudem verdächtig an einen gewissen jungen Sänger und Flötenspieler erinnert. „Nun, es ist nicht mein Album-Cover“, stellt Anderson ein wenig schmallippig klar. „Ich mochte es nicht, aber Ter-ry Ellis, unser damaliger Manager, setzte seinerzeit alles daran, Chrysalis Records zu etablieren. Terry neigte dazu, Dinge in letzter Minute zu ändern, um allem seinen Stempel aufzudrücken. Das Cover des ersten Albums war meine Idee, bei der zweiten Platte setzte Terry dieses holzschnittartige Design durch, und auch das Aufstellbildchen ging auf sein Konto. Das Artwork von BE-NEFIT gefiel mir ebenso wenig. Während der Ent-stehungsphase von AQUALUNG entdeckte er ein Bild im Time Magazine. Das gefiel ihm, und er eruierte den Namen des Künstlers und beauftragte ihn, Entwürfe zu liefern. Wir probten gerade, als Terry mit diesem Typen auftauchte, der ein paar Fotos von mir schoss. Ich trug damals einen uralten Mantel, den ich schon seit den Anfangstagen von Jethro Tull besaß. Ich hielt es für keine gute Idee hielt, die Cover-Figur so aussehen zu lassen wie mich. Ich sang zwar ein Lied über diesen Typen – aber ich war nicht er.

Doch es kam, wie es kommen musste: Wir be-kamen schließlich dieses Artwork zu sehen, auf dem eine Figur abgebildet war, die mir ähnelte. Ich war nicht allzu glücklich und hielt das Bild zudem für ziemlichen Mist. Es war zwar lebendig gemalt, aber ich mochte die Farben nicht. Einfach schlecht. Das Artwork hatte weder den Biss noch die Klarheit, die ich mir gewünscht hatte. Ich mochte dieses Albumcover noch nie.“

VERWALTUNGSKUNST

Er gilt als die Schnittstelle zwischen der Band und der Außenwelt: Terry Ellis. Der Brite, der lange Jahre für Jethro Tull als Manager gearbeitet hat, verrät im CLASSIC ROCK-Interview Details und Anekdoten aus der Anfangszeit der Band.

Als Terry Ellis, zukünftiger Manager und Produzent von Jethro Tull, der Band erstmals über den Weg lief, firmierte sie noch unter einem anderen Na-men. „Ich hatte Mitte bis Ende der Sechziger eine Konzertagentur mit Chris Wright, sie hieß Ellis-Wright. Wir buchten vornehmlich Bluesbands. Chris entdeckte diese achtköpfige Gruppe aus Blackpool, die sich damals „The John Evan Smash“ nannte und deren Chef Ian Anderson war. Wir holten die Band nach London und machten sie mit dem Gitarristen Mick Abrahams bekannt.“

Übrig blieben nach kurzer Zeit Anderson, Abrahams, Bassist Glenn Cornick und Schlagzeuger Clive Bunker. Sie tauften sich in Jethro Tull um und übertrugen Ellis das Management. „Die Verbindung zwischen der Band und mir wurde enger, weshalb ich auch die Rolle des Produzenten übernahm. Ich sah meine Aufgabe Anfang der Siebziger aber in erster Linie darin, der Band den organisatorischen Kram abzunehmen.“

Nach drei gemeinsamen Alben wollte sich Ellis daher aus der Produktion von AQUALUNG weitgehend heraushalten, da er damals mit anderen Dingen alle Hände voll zu tun hatte: „Gemeinsam mit Chris Wright lancierte ich damals gerade das Chrysalis-Label, weshalb die Band ohne mich mit den Aufnahmen begann. Doch dann rief mich Ian an und meinte, dass er bei der Produktion Hilfe brauche.“

Ellis betrachtet AQUALUNG noch heute als Meisterwerk: „Es ist mein Lieblingsalbum von Jethro Tull, ich liebe die Kombination aus akustischem Material und ausschweifenden Rocksongs. Das Stück ›Mother Goose‹ ist etwas ganz Besonderes und bringt auf den Punkt, warum mir die Band damals so viel bedeutete.“ Für ein Konzeptalbum hielt er AQUALUNG dagegen nie: „Um ehrlich zu sein, behauptete das damals auch niemand. Mir kam das auch nie in den Sinn, denn ich wusste ja, dass es keines war.“

VERPACKUNGSKUNST

Trotz Andersons Einwänden avancierte das Cover von AQUALUNG zu einem der beliebtesten und bekanntesten Artworks der frühen Progrock-Ära. Als das Album 1971 erschien, brachten die Fans Burton Silvermans Bild umgehend mit Jethro Tulls Musik in Verbindung. Der Cover-Künstler erinnert sich in CLASSIC ROCK an die Gestaltung von Jethro Tulls berühmtester Plattenhülle.

Burton Silverman möchte unbedingt mit einem Mythos aufräumen – nämlich mit dem, dass die Figur auf AQUALUNG auf der Person Ian Anderson basiert: „Nein, es ist definitiv nicht Ian. Sondern ich selbst. Ich begann mit einem Selbstporträt und entwickelte es schließlich in eine fiktionale Richtung weiter.“ Als Silverman den Auftrag für das Cover annahm, hatte er mit Rock’n’Roll nicht viel am Hut. „Es war Terry Ellis, der mich kontaktierte. Damals hatte ich eine Menge Illustrationen für das Time Magazine und Esquire an-gefertigt, und ich schätze, dass das der Grund war, warum ich ausgewählt wurde. Die Band bezahlte mir also einen Flug nach London, wo ich bei den Proben zuhörte und mit den Musikern über das Konzept diskutierte.“ Da er kein Fan von Rockmusik war, empfand Silverman Jethro Tulls Performance als ziemlich schrecklich – und als viel zu laut. „Ich war damals mit meinen 42 Jahren schon zu alt dafür. Sie hatten sechs sehr lau-te Verstärker, die alles um mich herum quasi in die Luft sprengten. Eine außergewöhnliche Erfahrung.“ Dennoch sagte er zu, den Auftrag zu übernehmen.

„Die Innenseite enthielt eine Karikatur der Band, die sich in einem kirchlichen Ambiente daneben benahm. Auf der Rückseite prangte der Charakter aus ›Aqualung‹, ein heruntergekommener Bettler. Ich fand, dass das Frontcover wunderbar zum Inhalt der Songs passte.“

Silverman wurde während des bitterkalten Jahreswechsels 1970/71 im Londoner Cumberland Hotel untergebracht, woran er sich noch heute gut erinnert. „Ich stamme aus New York, bin Kälte also gewohnt. Doch selbst für mich war es wirklich unangenehm. Ich fing mir eine böse Erkältung ein, als ich in meinem Hotelzimmer an den Bildern arbeitete.“

Auch wenn Silverman im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zu einem hochgeschätzten Künstler avanciert ist, gilt er vielen vor allem als der Mann, der das Cover von AQUALUNG kreiert hat. „Es entwickelte eine Art Eigendynamik. Ich habe aufgegeben, die Leute zu zählen, die mich nur deshalb kennen. Es ist dieses Werk, das meinen Ruhm begründet – was mich ehrlich gesagt ein wenig nervt, denn ich habe noch viele andere Bilder geschaffen.“ Und noch et-was missfällt dem leise sprechenden 83-Jährigen: dass er keinen Penny von der Riesensumme gesehen hat, die sein Artwork über all die Jahre generiert hat. „Es gab keinen schriftlichen Vertrag, sondern lief per Handschlag mit Terry Ellis. Ich verkaufte ihm für eine vergleichsweise geringe Summe die Rechte an dem Bild.
Doch über die Jahre wurde das Artwork immer wieder für alle möglichen Dinge verwendet – Klopapier ausgenommen.“

Silverman erklärt, dass seine Vereinbarung mit Ellis nur das LP-Cover eingeschlossen habe, sonst nichts. Um am Erfolg seines Artworks doch noch beteiligt zu werden, schrieb er vor einigen Jahren einen Brief an Ian Anderson. „Mir war aufgefallen, dass es inzwischen auf allerlei Merchandising-Artikeln verwendet worden war. Also fragte ich Ian, quasi von Künstler zu Künstler, ob ich dafür ein Extrahonorar bekommen könnte. Doch alles, was ich von ihm erhielt, war eine knappe Mitteilung, dass Jethro Tull die alleinigen Rechte besäßen und ich keine weiteren Ansprüche hätte.“

Was den Verbleib von zwei der drei Bilder be-trifft, kann Silverman eine seltsame Geschichte er-zählen: „Vor etwa zwei Jahren rief mich jemand aus Florida an und verlangte 1.000 US-Dollar für das Original des Frontcovers. Er erwähnte auch, dass sein Schwager das Original der Cover-Rückseite besäße und fragte, ob ich bereit sei, eines davon oder sogar beide Bilder zu kaufen. Ich hielt den Preis für überteuert und wusste auch nicht, ob es tatsächlich die Originale waren. Der Typ behauptete, seine Mutter hätte die Bilder in einem Londoner Hotelzimmer gefunden, was nun wirklich schräg ist: Was hatte sie in diesem Zimmer zu suchen – und warum sind die Bilder nicht bei der Hotelverwaltung abgegeben worden? Dann änderte er seine Geschichte und behauptete, seine Mutter hätte die Bilder als ‚kleines Geschenk‘ erhalten. Aber von wem? Die ganze Geschichte bleibt mysteriös, denn als ich fragte, ob er mir die Bilder zur Prüfung der Echtheit zusenden würde, brach er den Kontakt ab. Ich hatte zugesagt, für den Transport zu zahlen und eine Erklärung zu unterzeichnen, dass ich die Bilder nur kurz prüfen und dann zurückschicken würde. Es ist mir leider nicht gelungen, Terry Ellis zu kontaktieren, um herauszufinden, wo die Originale sind. Das Bild der Innenseite scheint jedenfalls verschollen zu sein.“

The Cars

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The_Cars_General_Shot_Band__2_COLOR_credit_Mark_SeligerKlassischer Neustart

Wie keine andere US-amerikanische Band schafften die Cars in den Siebzigern und Achtzigern den Brückenschlag zwischen New Wave und Stadionrock. Nach 24 Jahren Pause rollen sie nun wieder los…

Ric Ocasek war schon mehr als nur leicht genervt: Wann immer der schlaksige Schöpfer von Klassikern wie z.B. ›Drive‹, ›Magic‹ und ›Shake It Up‹ in den letzen 20 Jahren ein Interview gab, kam unweigerlich die Frage nach einer potenziellen Reunion seiner Band. Allein, es war dem Gründer, Sänger und Songschreiber der Cars lange Zeit nicht danach. Ganz im Gegensatz zu seinen einstigen Mitstreitern Benjamin Orr (Vocals, Bass), Elliott Easton (Gitarre), David Robinson (Drums) und Greg Hawkes (Keyboard). Die mussten war-ten – bis sie sich im Herbst 2009 alle miteinander in den Milbrook Studios in New York wiederfanden.

Es muss sich surreal angefühlt haben, doch Easton wiegelt ab: „Es war ein bisschen, wie wenn man mit alten Freunden oder Verwandten nach vielen Jahren wieder zusammensitzt. So nach 15 bis 20 Minuten Auftauphase macht jeder wieder genau die Bemerkungen oder Witzchen, die man schon früher von ihm kannte.“ Ein Umstand trübte die Wiedersehensfreude aber erheblich: Der Bassist und zweite Leadsänger fehlte – Benjamin Orr war 2000 an Krebs gestorben. „Das ist der einzige Aspekt, der wirklich schlimm ist an der ganzen Sache. Ich für meinen Teil vermisse ihn fürchterlich. Und mein Eindruck ist, dass es den anderen ähnlich geht.“

Wenn aber jetzt alles wieder so Friede-Freude-Eierkuchen ist, warum hat man sich denn dann einst auf dem Höhepunkt des kommerziellen Erfolgs getrennt? Eastons gewundene Antwort hört sich nach dem alten Problem an, dass junge Bands oft einfach an den gewaltigen Anforderungen zerbrechen, wenn sie sich plötzlich im Big Business bewähren müssen: „So eine Band ist ein zerbrechliches Gebilde. Im einen Moment ist es für alle noch eine tolle Sache dazuzugehören, am nächsten Morgen wachst du auf, und für keinen stimmt es mehr richtig. Plötzlich war das Stresslevel hoch und der Spaß weg. Und wir spielten alle definitiv nicht wegen des Geldes bei den Cars. Man hätte es der Musik sofort angehört, wenn wir nicht mehr mit Leidenschaft bei der Sache gewesen wären. Im Rückblick finde ich, dass unser Split überhaupt nicht zwingend notwendig war! Eine kleine Auszeit hätte es auch getan.“

Stattdessen wurden es 24 Jahre – eine Zeit, in der Ric Ocasek mit eigenen Alben Erfolge feierte und sich auch als Produzent (u.a. für Weezer, No Doubt, Bad Religion) einen Namen machte. Easton „überwinterte“ unter anderem in der Band von Brian Wilson, bei Creedence Clearwater Revisited und startete dann 2006 mit Todd Rundgren eine Unternehmung, die ihm erheblichen Unmut von Seiten seines früheren Bandleaders einbrachte: Unter dem Namen New Cars gingen Easton, Hawkes und Rundgren mit alten Rundgren-Songs und Cars-Hits auf Tournee, veröffentlichten ein Live-Album – ohne allzu große Gegenliebe von Seiten des Publikums übrigens. „Stimmt. Und auch Ric war davon überhaupt nicht begeistert, aber sein Ärger war auch bald verflogen, nachdem wir die Sache wieder beerdigt hatten“, räumt Easton ein.

Ein Telefonat zwischen ihm und Ocasek habe dann den Neustart ins Rollen gebracht: „Ich rief eigentlich nur an, um mal wieder ein bisschen zu quatschen, und er erzählte mir, dass er diese neuen Songs geschrieben hatte und nicht recht wüsste, was er mit ihnen anfangen sollte. Da hab ich ihm gesagt: ‚Warum machen wir nicht einfach wieder eine Cars-Platte?‘“ Bei Ocasek hört sich das leicht anders an: „Ach, ich hatte irgendwie einfach die Schnauze voll von unserer Pause, ich wollte die Vergangenheit ruhen lassen. Ich hatte all diese schönen Songs fertig und dachte: ‚Warum hole ich nicht die anderen Jungs dazu? Wir probieren es einfach mal zu viert und sehen, was dabei herauskommt. Tja, dann fingen wir mit den Proben an – und es klang vom ersten Moment an einfach großartig!“

Allerdings war für das neue Baby namens MOVE LIKE THIS noch ein prominenter Geburtshelfer nötig, wenn auch weniger aus musikalischen Gründen. Jacknife Lee (The Hives, Snow Patrol) produzierte das Album, denn, so Ocasek: „Wäre nicht klug gewesen, wenn ich das übernommen hätte – da wäre die ganze versöhnliche Stimmung zwischen uns schnell wieder gekippt, wenn ich Greg, David oder Elliott hätte sagen müssen: ‚Spiel das noch mal anders, das klingt scheiße!‘ oder ‚Mach hiervon bitte etwas weniger‘! Es sind ja eh schon alle Songs von mir.“
Seit 6. Mai ist MOVE LIKE THIS nun in den Läden, erste Konzerte werden die Cars bis zum Erscheinen dieser Ausgabe von CLASSIC ROCK auch bereits gespielt haben. Und „indirekt“ wird auch Benjamin Orr mit von der Partie sein: „Bens Frau hat vor einiger Zeit sein ganzes Musikequipment verkloppt. David bekam das mit und hat sofort ein paar seiner Bässe gekauft. Die benutzten wir bei den Aufnahmen für das Album und auch live!“

Christian Stolberg

Das Universum des Rick O.
Cars-Chef Ric Ocasek lässt tief blicken: Im CLASSIC ROCK-Gespräch mit Marcel Anders erklärt der 62-Jährige, was gute Musik ist – und was nicht.

ANDY WARHOL

„Wir waren Freunde, da ich oft in seiner Fac­tory abgehangen bin. Irgendwann habe ich ihn ge­fragt, ob er Lust hätte, das Video zu ›Hello Again‹ zu drehen. Er war so begeistert, dass er gleich noch darin mitgespielt hat – als Barkee-per. Er hat seine ganzen skurrilen Freunde in diesen wahnwitzigen Klamotten zusammengetrommelt, seine Position hinter einem Tresen eingenommen – und sie während des ganzen Drehs nicht verlassen. Er hat da den ganzen Tag in seinem Tuxedo gestanden und war stolz wie Oscar. Es war wirklich ein seltsamer Anblick.“

JIMMY PAGE

„Natürlich ist er ein toller Gitarrist. Das will ich auch gar nicht bestrei-ten. Aber im Grunde hat er alles, was er macht, von irgendwelchen armen, alten Bluesjungs geklaut. Jimmy Page hat also lediglich eine fremde Kultur imitiert – und sich dafür als Held feiern lassen. Aber so ist das nun mal… “

DEVO

„Die einzige Band aus unserer Zeit, von der ich behaupten kann, dass sie in Würde gealtert ist und außerdem immer noch tolle Mu- sik macht. Also kein Vergleich zu A Flock Of Seagulls, Billy Idol und Blondie.“

MUTT LANGE

„Eigentlich müsste ich ihm dankbar sein, weil seine Produktion maßgeblichen Anteil am Erfolg von HEARTBEAT CITY hatte, weil wirklich alles perfekt klang. Nur: Er war leider so unglaublich langsam und machte mich damit wahnsinnig. Manchmal hat er zwei Tage an etwas gebastelt, das sich dann genauso anhörte wie vorher.“

CAPTAIN BEEFHEART

„Ich bin großer Fan. Dabei stehe ich weniger auf TROUT MASK REPLICA, sein bekanntestes Album, als auf CLEAR SPOT. Ich finde, es unterstreicht seine Genialität erst richtig.“

SNOW PATROL

„Ich kenne die Jungs zwar nicht persönlich, aber ich mag ihre Platten, die ohne Zweifel zu den best produzierten Al- ben der jüngeren Rockmusik-Historie zählen. Weshalb wir uns auch für Jacknife Lee als Produzenten entschieden ha-ben. Wir haben ihn quasi dort abgeworben.“

TED NUGENT

„Ach bitte… Es ist doch einfach nicht zu glauben: Der Typ gebärdet sich wie ein gottverdammter Idiot, mit all seinen Waffen und den ganzen to-ten Tieren. Deshalb ist er auch der perfekte Sprecher für die Tea Party-Bewe­gung – da kann er den Redneck geben und bekommt für seinen Schwachsinn auch noch Applaus.“

WEEZER

„Ich mag die Jungs und ihre Musik. Was nicht heißt, dass sie pflegeleicht wären. Mit Rivers Cuomo zurecht zu kommen kann ziemlich schwierig sein. Warum? Weil er sich nichts sagen lässt. Und wer immer von sich behauptet, er hätte ein Weezer-Album produziert, der lügt: Das macht alles Rivers.“

LADY GAGA

„Ich würde wahnsinnig gerne ein Album mit ihr produzieren. Sie ist sehr kreativ, experimentiert oft und ist immer offen für neue Sa­-chen. Deshalb wäre es garantiert ein Heiden­spaß, ein paar schräge Songs mit ihr aufzunehmen.“

TODD RUNDGREN

„Mag sein, dass er ein toller Keyboarder ist. Aber seine Idee, vor ein paar Jahren als ,The New Cars’ zu touren, war einfach lächerlich. Das waren er und zwei Jungs aus der Band, die mit den alten Songs um die Häuser gezogen sind – und sich richtig zum Horst gemacht haben. Zwar für gu-tes Geld, aber auf Kosten ihrer Reputation.“

Queens Of The Stone Age / Josh Homme

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Queens-of-the-stone-age-2Die Leiden des Josh H.

Vier Jahre nach dem letzten Studioalbum ERA VULGARIS lässt ein neuer QOTSA-Longplayer weiter auf sich warten. Stattdessen legt der Regent der Königinnen, JOSH HOMME, das 1998er- Debüt neu auf, geht auf Selbstfindungs-Tournee, betreibt gezielte Abrechnung mit seinem Ex-Label und preist die Vorzüge homoerotischer Männerfreundschaft.

Josh Homme ist neben Dave Grohl der wohl vielbeschäftigste Mann im Rock-Geschäft. Das Gründungsmitglied der Stoner-Pioniere Kyuss war soeben mit den Queens Of The Stone Age live im CLASSIC ROCK-Land unterwegs, promotet gerade die jüngst erschienene Neuauflage des Debüts QUEENS OF THE STONE AGE und legt zudem erste Hand an die Songs des neuen Studio­albums, das im Frühjahr 2012 auf den Markt kommen soll. Außerdem hat er bereits Ideen für ein zweites Werk der Supergroup Them Crooked Vultures in der Hinterhand. Dort tobt er sich gemeinsam mit Grohl und Led Zeppelin-Ikone John Paul Jones aus. Und all das, obwohl er gerade alles andere als schöne Monate hinter sich hat: Bei einer Routine-Knie-OP im Herbst vergangenen Jahres hörte sein Herz auf zu schlagen, er konnte gerade noch wiederbelebt werden, musste aber mehrere Wochen pausieren und erholte sich nur mühsam von dem Eingriff. Inzwischen ist der Familienvater aber wieder wohlauf und auf der Bühne anzutreffen…

Josh, warum eine Tour, auf der du ausschließlich Material vom ersten Queens Of The Stone Age-Album spielst?
Da gibt es eine nette kleine Vorgeschichte. Nämlich meine gesundheitlichen Probleme vom letzten Jahr. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich hatte eine harte Zeit, und es hat ewig gedauert, bis ich wieder gesund war. Ich lag fast drei Monate nur im Bett und musste all diese psychologischen Phasen durchlaufen. Ich hatte ständig irgendwelche wirren Gedanken. Wobei ich fast so weit war, dass ich keine Musik mehr machen wollte.

Wie bitte? Das haben wir jetzt aber schon falsch verstanden, oder?
Na ja, das Leben auf Tour gefällt mir weniger und weniger. Es gibt so viele andere Dinge, die ich im Grunde viel lieber tun würde. Richtiges Touren, also überall dort auftreten, wo man dich sehen will, ist eine extrem langwierige Sache. Was mir erst bewusst geworden ist, als ich im Krankenhaus lag. Und deshalb wollte ich damit aufhören – und mit der Musik. Ich hatte vor, mich mehr um meine Familie zu kümmern und endlich das erste Album wiederzuveröffentlichen. Denn das wollte ich schon lange machen, habe aber nie die Zeit dazu gefunden. Also bin ich ins Studio, um die Platte neu zu mastern, habe letztlich aber kaum etwas geändert. Sie hat das gewisse Etwas, ist nicht so laut wie andere Alben und auch nicht so fett produziert. Doch das Nostalgische an ihr machte mich nachdenklich. Ich sinnierte darüber nach, wo ich gerade stehe, wie ich dahin gelangen konnte, und dass ich schon vor dem Queens-Debüt überlegt hatte, komplett mit der Musik aufzuhören.

Du meinst nach dem Ende von Kyuss und den Screaming Trees, als du einfach müde und ausgepowert warst?
Stimmt. Ich war an einem ganz ähnlichen Punkt. Und wieder hat sich dieses Album als eine Art Heilmittel erwiesen. Ich stehe auf Zeichen, z.B. Schilder, Omen, solche Sachen eben. Ich denke, man muss der Welt einfach eine gewisse Aufmerksamkeit schenken, um seinen Platz darin zu erkennen. Und alle Hinweise, die ich damals wahrgenom­­men habe, gaben mir unmissverständlich zu verstehen: Komm ein biss­­chen runter, lass alles ruhiger an-gehen und beachte auch die kleinen, einfachen Dinge um dich herum.

Dieses Album war ein Teil davon – damals wie heute. Und so fing ich an, es zu Hause zu zu hören. Immer und immer wieder. Irgendwann meinten die anderen: „Wir wollen anfangen, neue Songs zu schreiben.“ Und ich darauf: „Sorry, Jungs, aber momentan fühle ich mich gerade ziemlich leer. Können wir nicht einfach ein bisschen touren? Und zwar mit dem ersten Album – also genau so, wie es ist?“

Was schon eine merkwürdige Frage war, wenn man bedenkt, was ich gerade über das Touren gesagt habe. Doch dann fingen wir an zu proben und waren so konzentriert bei der Sache, dass wir nebenbei auch schon an neuen Sachen gebastelt haben. Insofern ist das der Grund, warum wir jetzt erneut mit dem Debüt auf Tour gehen: um uns als Band wieder zusammenzufinden und frische Inspiration zu sammeln.

Und so seid ihr zur klassischen Rockband geworden, die konzeptionell geschlossene Album-Shows spielt, also den ganzen Abend damit verbringt, eine einzige Platte runterzuprügeln?
(lacht) Warum nicht? Ich habe gesehen, wie Cheap Trick das gemacht haben. Die sind mit ihren ersten drei Alben aufgetreten, haben an drei Abenden hintereinander je eine Platte komplett aufgeführt. Woran ich als Fan einen Heidenspaß hatte. Denn diese Alben waren so toll – und ich konnte jeden einzelnen Song mitsingen und wusste immer, was als Nächstes kommt. Obwohl: Was die Queens betrifft, kann es auch anmaßend sein, zu glauben, unser erstes Album ließe sich einfach so in einem Rutsch durchspielen. Denn manchmal bringen wir ein Stück daraus, und die wenigsten Leute im Publikum erkennen es. Aber egal: Das ist es, was wir hier und jetzt tun. Und bislang waren die Shows fantastisch. Genau wie das Publikum. Es ist eine ganz andere Stimmung, als sie normalerweise bei unseren Konzerten herrscht – obwohl es dieselben Leute sind.

Wenn du schon eine nostalgische Phase durchläufst: Wie kommt’s, dass du partout nichts mit der Kyuss-Reunion zu tun haben willst – und sei es nur als Spaßprojekt, um auf andere Gedanken zu kommen?
Auf keinen Fall! Ich glaube, was die meisten Leute nicht verstehen, ist, dass ich schon als 14-Jähriger bei Kyuss gespielt habe – und die Band auseinander gebrochen ist, als ich 21 war. Zwischen 14 und 21 verändert man sich als Mensch einfach sehr. Ich habe keine Lust, wieder Dinge zu machen, die ich mit 15 getan habe. Das ist nicht meine Art, selbst wenn ich Kyuss immer noch liebe. Aber ich will es genau so belassen, wie ich es in Erinnerung habe. Und wenn viele Leute es damals nicht gesehen haben, ist das ihr Pech. Ich mag es, wenn jemand sagt: „Kyuss sind legendär!“ Das bedeutet für mich: Der oder die hat uns nie erlebt – aber so sollte es auch bleiben, um diese Vorstellung nicht zu zerstören. Also: Ich bin wahnsinnig stolz auf Kyuss, aber ich muss nicht dafür sorgen, dass alle, die uns in den Neunzigern verpasst haben, jetzt noch mal einen lauwarmen Aufguss davon erleben. Daran möchte ich mich nicht beteiligen.

Und was hat dich veranlasst, mit Rekords Rekords dein eigenes Label zu starten? Bist du jetzt der große Plattenfirmen-Boss hinter einem monströsen Mahagoni-Schreibtisch?
Mein Büro existiert nur in meinem Kopf – und dort hat es goldene Wände, Multimillionen-Dollar-Kronleuchter und edle Ledermöbel. (lacht) Aber im Ernst: Ich habe das Label schon ewig, war aber immer so beschäftigt, dass ich nicht viel damit gemacht habe – bis halt auf die DESERT SESSIONS und die Eagles Of Death Metal-Alben. Insofern war der Name auch immer so etwas wie ein Qualitätsiegel. Sprich: Ich sehe Rekords Re­­kords als eine Art Gütesiegel, von dem die Leute ablesen können, dass sie etwas Besonderes in Händen halten. Wie zum Beispiel die Alben von Alain Johannes oder den Mini Man­sions. Die würden im heutigen Musikgeschäft geradezu untergehen, weil die Labels gar nicht mehr nach guten Songs suchen. Die schauen nur noch auf Facebook und MySpace und nehmen dann irgendwelche Leute mit wer weiß wie vielen Clicks unter Vertrag – selbst wenn die noch nie live gespielt haben. Das ist einfach krank.

Was das angeht, bist du also für den traditionellen, konservativen Weg. Bist du auch in politischer Hinsicht ein konservativer Mensch?
Sicher. Was soziale Fragen angeht, bin ich sehr liberal, aber ich denke nicht, dass die Regierung besser mit unserem Geld umzugehen weiß als wir selbst. Wenn die Regierung ein Unternehmen wäre, wäre es total pleite. Außerdem entwerfen sie im-mer neue Gesetze, ohne welche von den alten abzuschaffen. Im Grunde wünschte ich, die würden sich einfach aus meinem verdammten Leben heraushalten.

Denkst du darüber nach, dich der Tea Party-Bewegung anzuschließen, so wie Sarah Palin?
Ich glaube, ich bin sogar schlimmer als sie. Ich betrachte mich als gefallenen Liberalisten. In Amerika, dem Land der Freiheit, sind uns so gut wie alle Bürgerrechte weggenommen worden; die Leute rufen wegen jeder Kleinigkeit die Polizei. Wenn man eine Meinungsverschiedenheit mit einem Nachbarn hat, ruft der gleich die Cops, also eine dritte Partei, um zu vermitteln. Dadurch gibt man seine Kontrolle eigentlich an die kleine „Judge Judy“ ab (US-Gerichtssendung, ähnlich Barbara Salesch – Anm. d. Red.). An so etwas glaube ich nicht. Ich mag das so genannte „Establishment“ nicht.

Was geht dir sonst noch gegen den Strich?
Ich kann das heutige Schulsystem nicht ausstehen. Da lernst du ein bisschen was von allem – und schon sollst du ein Typ aus der Renaissance sein? Nein! Dann kannst du vielleicht Trivial Pursuit spielen, aber das war’s dann auch schon.

Besitzt du eigentlich eine Schusswaffe?
Klar. Ich besitze sogar sechs Waffen. Ich habe zum Beispiel ein klassisches Winchester Repetiergewehr – genau so eines, wie es die alten Cowboys hatten –, eine abgesägte Schrotflinte und eine 9mm Berretta Target, die einfach großartig ist.

Zu welcher würdest du greifen, wenn du einen Eindringling auf ­dei-nem Grundstück entdeckst?
Wahrscheinlich zu gar keiner. Man sagt: Wenn man selbst keine Waffe zieht, wird man auch nicht erschossen. Eigentlich. Ich komme aus der Wüste und bin mit Waffen groß geworden – ich wurde dazu erzogen, sie zu respektieren.

Glaubst du an Gott?
Absolut. Aber nicht an einen Mann mit einem schneeweißen Bart. Ich denke, wir leben in Symbiose mit der gesamten Welt und glaube, dass Gott alles ist, was wir nicht verstehen. Warum sind wir hier? Für mich ist die Antwort auf diese Frage, dass das egal ist – wir sind einfach hier. Ich versuche nicht zu verstehen, was man nicht verstehen kann.

Hattest du jemals ein Pro­blem mit Drogen?
Es war nie wirklich ein Problem. Ich habe es immer ge­­schafft, an welche ranzukommen. Bevor wir ›Feel Good Hit Of The Summer‹ (vom QOTSA- Album RATED R – Anm.d.Red.) veröffentlicht haben, hatte ich das Gefühl, ich würde mich selbst brandmarken. Aber dieses Lied war absolut keine Glorifizierung, auch wenn alle gleich gesagt haben: „Oh doch, das ist es!“ Es war manipulativ und lustig. Ich nehme mich selbst nicht allzu ernst, aber die Musik schon. Dieses Lied war eine perfekte Mischung aus beidem; zumindest für mich.

Zurück zu deiner Plattenfirma Rekords Rekords: Wen nimmst du als Nächstes unter Vertrag – deine Freunde von den Arctic Monkeys?
Eigentlich nehme ich niemanden unter Vertrag – ich lizenziere sie nur, und überlasse ihnen alle Rechte. Einfach, weil ich ihnen nicht antun will, was man mit mir gemacht hat. Und weil es mir nicht ums Geld geht. Ich will nur, dass diese Alben veröffentlicht werden – und Gehör finden. Genau das werden wir in Zukunft auch mit den Queens-Alben machen. Denn ich bin ja nicht mehr bei Universal. Was mich Jahre gekostet hat. Also: Keine Sklavenarbeit mehr für Jimmy Iovine (Gründer und Chef des Universal-Labels Interscope – Anm.d.R.). Er kann sich meinetwegen ganz auf „American Idol“ konzentrieren und sich selbst ins Knie ficken. Was er schon seit Jahren tut. (lacht)

Was erwartet uns beim nächsten Queens Of The Stone Age-Album – und wann fangt ihr damit an?
Sobald diese Tour vorbei ist – und wir noch fünf Festivals gespielt haben. Wir sind zum Beispiel Headliner auf der zweiten Bühne in Glastonbury. Und wir treten bei einigen kleineren Open Airs auf. Etwa in der Schweiz. Aber dann legen wir los. Ich denke, das Album wird in der ersten Hälfte des kommenden Jahres erscheinen.

Vorher wirst du noch zum zweiten Mal Vater…
Richtig. Mein zweites Kind ist gerade unterwegs. Und das ist das Beste, was es gibt. Ich habe kein größeres Ziel im Leben, als einfach der beste Daddy der Welt zu sein. Wobei ich mein Privatleben aber bewusst unter Verschluss halte, weil es für mich das Wichtigste ist. Und ich habe Angst, Fremde reinzulassen, da sie da nichts zu suchen haben. Denn das ist „meines“ – und nicht „unseres“.

Wie hat das Dasein als Vater dich als Person verändert?
Überhaupt nicht. Pepper Keenan (Sänger und Gitarrist bei Corrosion Of Conformity und Down – Anm. d. Red.) hat mir mal Folgendes gesagt: „Das ist der Fluch des Rock’n’Roll, Mann – du hast eine Tochter, und jetzt ist es Zeit, etwas zurückzugeben.“ Aber ganz ehrlich: Das ist das Beste überhaupt. Wenn ich ihr beibringen kann, dass sie kein Objekt sein muss, um et­­was wert zu sein, wenn ich ihr beibringen kann, gerne zu lernen, damit sie sich bei dem hervortun kann, was sie liebt, dann bin ich ein glücklicher Mann.

Was ist der beste Ratschlag, der dir jemals von jemand anderem gegeben wurde?
Mein Großvater hat immer gesagt: „Wenn du anders bist, wirst du mit Steinen beworfen. Also musst du eben lernen, Steine zu mögen.“

War die Entscheidung, Nick Oliveri bei den Queens rauszuwerfen, eine der schwierigsten, die du jemals treffen musstest?
Was da zwischen mir und Nick abgegangen ist, hatte nichts mit Musik zu tun. Ich habe die Wahr­­heit gesagt, und diese laut auszusprechen, war so schwer für mich, dass mich das hinterher für gut acht Monate aus der Bahn geworfen hat. Ich wollte nicht sagen, was vorgefallen war, weil ich befürchtete, es würde Nicks Ruf zerstören. Aber stattdessen kam ich wie ein irrer Egomane rüber. Nick ist irgendwie immer wieder darauf herum-geritten, was mich ziemlich verletzt hat. Also habe ich es letztendlich er-zählt. Nachdem ich es getan hatte, fühlte ich mich echt mies, weil das etwas ist, was man einem Freund nicht antun sollte.

Wieviel unternimmst du eigentlich dieser Tage noch mit deinem Buddy Dave Grohl – seht ihr euch regelmäßig?
Eigentlich kaum – weil wir beide wahnsinnig beschäftigt sind. Ich meine, wir haben in der Vergangenheit wirklich viel zusammen gemacht, sind mit unseren Motorrädern durch die Gegend gebrettert und haben gute Restaurants besucht. Aber jetzt, da er ein neues Album am Start hat und ich auf Tour bin, herrscht erst mal Funkstille. Deshalb wünsche ich mir manchmal auch, dass ich schwul wäre. Dann könnte ich nämlich die ganze Zeit Party machen und mit meinen Freunden abhängen.

Wirklich?
(lacht) Doch, das wäre bestimmt eine große Hilfe, um diesen ganzen Stress zu kompensieren, den das Arbeiten und Touren mit einer Rockband mit sich bringt. Eben im Sinne von: Einfach mal in eine andere Richtung gehen. Dabei kann man nur gewinnen. (lacht) Ich würde auch Leder-Hotpants und Federboa tragen.

Du wärest bestimmt eine imposante Erscheinung…
Meinst du? (prustet los) Na ja, jetzt muss ich erst mal zum nächsten Auftritt!

Marcel Anders & Paul Elliott