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Motörhead: Neues Video zu ›I Got Mine‹

Der zweite Track vom Motörhead-Album LIVE AT THE MONTREUX FESTIVAL ist heute erschienen, ›I Got Mine‹, das als Single im Juni 1983 erstmals auf dem Album ANOTHER PERFECT DAY veröffentlicht wurde.

Aufgenommen wurde die Montreux Show am 7. Juli 2007 während der „Kiss Of Death“-Tour im legendären Auditorium Stravinski und überzeugt mit der Leistung  des perfekten und potenten Trios: Lemmy Kilmister, Phil Campbell und Mikkey Dee.

Am 16. Juni erscheint LIVE AT THE MONTREUX FESTIVAL auf Doppel-Vinyl und als Doppel-CD.

Def Leppard: Streich hart

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Def Leppard veröffentlichen DRASTIC SYMPHONIES, für das sie einige ihrer Klassiker mit dem Royal Philharmonic Orchestra neu aufgenommen haben. Sie luden uns in die Abbey Road Studios ein, um zu erleben, wie das Album Gestalt annahm.

Oft kommt das bei Joe Elliott nicht vor, doch einen kurzen Moment lang fehlen dem Sänger von Def Leppard die Worte. Er und die anderen vier Mitglieder der Band – die Gitarristen Phil Collen und Vivian Campbell sowie Schlagzeuger Rick Allen und Bassist Rick „Sav“ Savage – stehen auf heiligem Boden hier im Studio 1 in der Abbey Road, wo die Beatles einst einige ihrer besten Songs einspielten. Doch diese ist keine gewöhnliche Aufnahmesession für Def Leppard. Sie sind nicht hier, um zu spielen, sondern um zuzusehen. Dafür befinden sie sich auf einem Balkon hoch über dem Boden des Studios. Unter ihnen, in ordentlichen Reihen platziert, sind die Musiker des Royal Philharmonic Orchestra. Und als das Orchester die Melodie eines der größten Leppard-Hits spielt, ›Love Bites‹, formt Elliott mit dem Mund ein schweigendes „Wow“. Es ist ein Wintertag Anfag 2022 und Def Leppard haben uns in die Abbey Road eingeladen, um die Entstehung dessen zu bezeugen, was Joe als „die ungewöhnlichste Platte, die wir je gemacht haben“ beschreibt. Sie heißt DRASTIC SYMPHONIES, und Sav meint mit einem Lächeln: „Das ist wirklich ziemlich drastisch. Sehr symphonisch. Und wir konnten es nicht wirklich ORCHESTRAL MANŒUVRES IN THE DARK nennen, nicht wahr?“

by Anton Corbijn

Auch andere Rockbands haben schon solche Projekte veröffentlicht. Zum einen Deep Purple, die 1969 ihrerseits das Royal Philharmonic Orchestra für CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA engagierten, für das der kultivierte Keyboard-Maestro Jon Lord einen Originalscore komponiert hatte, der dann in der Royal Albert Hall live dargeboten und aufgezeichnet wurde. Oder Metallica, die mit dem San Francisco Symphony Orchestra zwei Live-Alben einspielten, S&M und S&M2 (was eine Abkürzung für „Symphony And Metallica“ ist). Joe Elliott ist sich dessen bewusst, bezeichnet DRASTIC SYMPHONIES aber als ein ähnlich ambitioniertes Projekt: „Wir begeben uns hier auf Neuland, das andere Gruppen unserer Art aber schon mal besucht haben. Wir haben so etwas jedoch noch nie gemacht, und es ist interessant, wie weit wir dabei gegangen sind.“ Das Album enthält neue Versionen von 16 Songs mit Arrangements von Eric Gorfain, einem klassisch ausgebildeten Geiger und Komponisten, der schon mit Jimmy Page und Robert Plant, Neil Diamond, Demi Lovato und vielen weiteren gearbeitet hat.

Die meisten Tracks basieren auf den Original-Masteraufnahmen, zu denen dann die Orchesterparts hinzugefügt wurden. Es gibt Hits, aber auch weniger bekannte Stücke, das älteste ist von 1981. Am Ende eines langes Tages bei Abbey Road erklärt Joe Elliott nach getaner Arbeit die Methode und das Denken hinter dieser Platte: „Es geht darum, diese Lieder zu erweitern. Größtenteils werden unsere Backingtracks da so weit reduziert, dass das Orchester wirklich glänzen und im Vordergrund stehen kann, denn das ist schließlich der Sinn der Sache. Doch das sind nicht einfach nur unsere Greatest Hits, über die wir ein Orchester gelegt haben, als würde man Butter auf eine Scheibe Toastbrot schmieren. Mit diesem Album wollten wir das, was wir in der Vergangenheit als Rocksongs gemacht hatten, glorifizieren, es episch machen.“ Frühling 2023. Etwas über ein Jahr nach dieser Session bei Abbey Road – ein Jahr, in dem alle bei Def Leppard und in ihrem Umfeld DRASTIC SYMPHONIES streng geheim gehalten haben – dürfen Joe und Sav endlich freimütig und im Detail über das Werk und seine Entstehung sprechen. Wir unterhalten uns über Zoom mit ihnen – Joe ist in Dublin, Sav in Sheffield. Als Erstes verrät Sav, dass die Idee dazu nicht aus der Band kam: „Ich glaube, es war unsere Plattenfirma, die das vorschlug“, gesteht er. „Und Plattenfirmen sind nun mal Plattenfirmen, also wollten sie einfach unsere Greatest Hits mit Streichern. Doch als der Startschuss fiel, gingen wir es nach richtiger Def-Leppard-Manier an. Da stürzt man sich zu 100 Prozent rein.“

Joe stimmt ihm zu: „Es stand nie auf meiner ‚bucket list‘, ein Album mit einem Orchester zu machen, doch daraus ist jetzt ein weiteres dieser seltsamen Dinge entstanden, die wir gemacht haben – wie eine Show mit Taylor Swift oder ein Duett mit Countrysängerin Alison Krauss oder Tim McGraw. Noch etwas, das für uns abseits der Norm liegt.“ Als das Projekt erstmal lief, war der erste und wichtigste Prozess die Songauswahl. „Wir mussten unbedingt sicherstellen, dass wir die richtigen Stücke hatten“, so Joe. Einige davon standen sofort fest, etwa die Balladen ›Have You Ever Needed Someone So Bad‹ und ›When Love And Hate Collide‹, das ja auch schon in der Originalversion Streicher beinhaltet. Andere logische Kandidaten waren ein paar weniger bekannte Albumtracks: ›Gods Of War‹, ›Paper Sun‹, ›Turn To Dust‹, ›Love‹ und ›Kings Of The World‹. „Das sind epische Songs, also fanden wir, dass man da mit der Orchestrierung wirklich in die Vollen gehen konnte, weil sie schon im Original so bombastisch klingen.“

Doch schon am Anfang der Arbeit mit Eric Gorfain wurde klar, dass einige ihrer größten Lieder – die Rockhymnen – in diesem Kontext nicht funktionieren. Gorfain kam erstmals in die Umlaufbahn von Def Leppard, als er Phil Collen bei der Produktion der Platte SHOCK von Tesla (2019) half und mit Joes anderer Gruppe Down’n’Outz an deren THIS IS HOW WE ROLL arbeitete. „Eric spielte als Junge Schlagzeug zu unserem Zeug“, verrät Joe. „Er ist ein Rocker, der im Orchesterbereich tätig ist, statt jemand, der aus der Klassik kommt, sich mal am Rock’n’Roll versuchen will, aber ihn nicht wirklich versteht. Er wusste genau, was uns vorschwebte, vor allem, nachdem er zuvor schon mit Phil und mir zusammengearbeitet hatte. Doch als wir provisorische Orchesterfassungen der großen Rock-nummern wie ›Photograph‹ und ›Rock Of Ages‹ machten, klang das furchtbar! Also sagten wir: ‚Nein, das machen wir nicht. Es muss funktionieren oder es kommt nicht auf die Platte.‘“

Sav erklärt mit einem Schulterzucken: „Ich weiß, dass das jetzt für gewisse Leute etwas technisch klingen mag, aber wenn ein Song in Moll geschrieben wurde, ist es leichter, Streicherparts einzufügen und melodischer zu sein. Doch bei ›Photograph‹ und ›Rock Of Ages‹, die absolut Dur-lastige Stücke sind, klingt eine orchestrale Fas- sung einfach ein bisschen launisch oder sogar wie eine Parodie. Letztlich hängt es von der Natur des Songs ab. Wir wussten, dass wir in den Abgrund stürzen konnten, wenn wir die falschen Sachen auswählten. Und deshalb ist dieses Album so cool, denn wir haben uns nicht nur die Hits herausgepickt. Wir entschieden uns für die Stücke, die wirklich passen für Streicher und all die Dramatik.

Metallica: So sah es bei ihrer Show in Hamburg aus

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Am 26. und am 28. Mai haben Metallica im Hamburger Volksparkstadion zwei komplett unterschiedliche Sets gespielt. Mit im Gepäck hatten die Metal-Legenden ihr neues Album 72 SEASONS. Unser Fotograf Frank C. Dünnhaupt war am 26. Mai vor Ort und hat die Show für euch bidlich festgehalten. Im Vorprogramm hatten Metallica The Architects und Mammoth WVH dabei.

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Die Setlist vom 26. Mai:

Creeping Death
Harvester of Sorrow
Leper Messiah
Until It Sleeps
72 Seasons
If Darkness Had a Son
The Call of Ktulu
You Must Burn!
Welcome Home (Sanitarium)
The Unforgiven
Wherever I May Roam
Moth Into Flame
Battery
Whiskey in the Jar
One
Enter Sandman

Jetzt lesen: Metallica – Die ganze Geschichte der Metal-Legenden auf 148 Seiten!

Def Leppard & Mötley Crüe: München, Königsplatz (28.05.23)

Glam Munich up!

Im Grunde beehrt die Münchener der erste offizielle Sommertag, als man an jenem Samstag bei strahlendem Sonnenschein gen Königsplatz pilgert. Viel kann eigentlich gar nicht schief gehen. Majestätisch zwischen der Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlung gelegen, hatte man hier im Zentrum von Isar-Athen schon einige grandiose Konzerte (Black Sabbath, 2014) und einige, vor allem Sound-technisch, eher so halb gelungene Shows (Aerosmith, 2017) erlebt. Man ist also sehr gespannt auf die fulminante Mischung, die am 28. Mai auf dem Programm steht. Mötley Crüe und Def Leppard befinden sich schließlich gerade auf großer Co-Headlinertour – leider haben sie die beiden anderen Acts ihrer „The Stadium Tour“, nämlich Poison und Joan Jett & The Blackhearts, nicht mitgebracht. Genau als die blendende Sonne hinter der Bühne verschwindet, legen Mötley Crüe um 19:30 Uhr los.

Nach einem langen Intro, das schließlich in einem News-Flash gipfelt, der Musik als letzte Hoffnung des Planeten Erde preist, kommen Tommy Lee, Nikki Sixx, Vince Neil und der Neue an der Gitarre, John 5, auf die Bühne, um ›Wild Side‹ anzustimmen. Als eigentlicher Crüe-Fan hält man erst einmal die Luft an, schließlich sind die Sunset-Strip-Legenden eine echte Überraschungstüte, was die Qualität ihrer Shows betrifft. Allen voran Vince Neil sorgt mit seinen, nennen wir es einmal freundlich ausgedrückt, stimmlichen Schwankungen immer wieder für Ärger und Lacher in der Rockwelt. An diesem Tag ist der gute Vince okay bei Stimme, er klingt, wie er eben klingt – vergisst jedoch weder seine Texte, noch versucht er sich an Schreien, die er eh nicht meistern kann. Diese Aufgaben und viele weitere Vocal-Parts überlässt er den beiden sexy inszenierten Tänzerinnen bzw. Sängerinnen, die im Grunde die halbe Show auf der Bühne oben alleine schmeißen. (Zitat meines Nebenmannes: „Hoffentlich bekommen die genauso viel Gage wie Mötley Crüe.“)

Die Crüe zockt sich bei Kaiserwetter und ganz guter Laune des Publikums durch Klassiker wie ›Shout At The Devil‹ und ›Too Fast For Love‹, auch ›Live Wire‹ und ›Looks That Kill‹ sind zu hören sowie das jüngste ›The Dirt‹, das passend zum gleichnamigen Netflix-Erfolg erschienen war. Danach folgt ein Solo von John 5, der Mick Mars an der Gitarre ersetzt, nachdem sich selbiger jüngst mit seinen übrigen Bandkollegen aufs heftigste zerstritten hat. Oder sie sich mit ihm, das weiß man nicht so genau. Die Crüe ohne Gründungsmitglied Mars ist natürlich nicht dasselbe, jedoch erledigt John 5 seinen Job ehrlich solide. Dass der Mann spielen kann, ist eh klar, als angenehm erweist sich obendrauf sein zurückhaltender Bühnenhabitus. Nach dieser offenkundigen Verschnaufpause für Vince Neil – vorher hatte ihm bereits Nikki Sixx bei einem eher unherzlichen Fan-Meet-And-Greet auf der Bühne ein wenig Zeit verschafft, ebenso wie das ewige Kind am Drumset, Tommy Lee, der mit viel Überredungskunst wenigstens zwei Damen im Publikum dazu bringen konnte, „a set of titties“ zu zeigen – geht es weiter mit einem Medley aus Gary Glitter, ›Smokin In The Boys Room‹, den Sex Pistols und den Ramones, bevor Tommy Lee am Piano dann den Schmachtfetzen ›Home Sweet Home‹ anstimmt.

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Fotos: Markus Werner

Es folgen weitere Hits, ein paar überdimensionierte Bühnen-Gimmicks wie riesengroße Cyborg-Frauen-Puppen zu ›Girls Girls Girls‹ – danach verabschiedet sich die Crüe mit ›Kickstart My Heart‹ von der Bühne. Ein im Grunde solider Auftritt, irgendwie aus der Zeit gefallen, aber trotzdem mit Daseinsberechtigung, mit etwas undifferenziertem Klangbild. Während des gesamten Sets wurde der Sound von einem seltsamen Dröhnen unterlagert, Lees Bassdrum war zwar prägnant zu hören, jedoch klang das ganze Set immer mal wieder wie vom Winde verweht. Auffallend war dies vor allem im direkten Vergleich zu Def Leppard, deren Sound glasklar, differenziert und gleichmäßig über den Königsplatz wehte. Spitze Zungen um einen herum behaupteten, Def Leppard hätten vielleicht nur den besseren Backing Track aufgelegt – doch zur Verteidigung beider Bands sei gesagt, dass zwar wohl mit Backing Tracks gearbeitet wurde, jedoch eher subtil unterstützend, sodass wirklich genügend Live-Flair ins Publikum schwappte.

Joe Elliott und Co. in schneidigem Zwirn eröffneten mit ›Take What You Want‹ vom jüngsten Album DIAMOND HALOS und führten durch ein zauberhaftes, Balladen-geschwängertes Set. 17 Songs gab die Sheffielder Kult-Band insgesamt zum Besten und präsentierte sich dabei ganz unprätentiös auf einer absolut cleanen Bühne, lediglich die Leinwände wurden nebst Live-Übertragungen mit zu den Songs passenden Visuals bespielt, einige Laser schnitten durch die Nacht. Unter Sternenhimmel in der Dunkelheit Tracks wie ›Love Bites‹, ›Promises‹, ›Bringin‘ On The Heartbreak‹ oder das übergroße ›Hysteria‹ zu hören, brachte vor allem die Paare um einen herum in romantische Stimmung. Leichtes Rock’n’Roll-Schlagergarten-Flair und das ist nicht negativ gemeint. Der Rest des Publikums war zwar positiv angetan, so richtig ausgeflippt ist die Menge am Königsplatz aber nicht, weder bei Mötley Crüe noch bei Def Leppard – Joe Elliott wiederholte seine sympathischen „Are you having fun, munich?“-Fragen teilweise dreimal, bis ihm etwas jubelnde Resonanz entgegenschlug.

Erst bei ›Pour Some Sugar On Me‹ kam richtig Schwung in die Bude, die dann auch bei den beiden letzten Tracks ›Rock Of Ages‹ und ›Photograph‹ halbwegs aufrecht erhalten werden konnte. Hätten Def Leppard ›Pour Some Sugar On Me“ als letzte Nummer gewählt, hätten sie wahrscheinlich noch mehr Abschiedsapplaus erhalten. Mit dem Versprechen, bald wieder nach Deutschland zu kommen, verabschiedeten sich Joe Elliott, Rick Savage, Vivivan Campbell, Phil Collen und der mehr als sympathische Rick Allen, der während des Sets immer wieder hinter seinem Drumset hervor gestrahlt hatte und hinterließen eine vielleicht nicht völlig euphorisierte, jedoch durchaus zufriedene Münchener Meute.

Jethro Tull: Die Zauberflöte

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Es gab eine Zeit Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre, als Ian Anderson begann, sich auf den Weltuntergang vorzubereiten. 1947 geboren, war er ein Kind des Kalten Kriegs und die Bedrohung nuklearer Auslöschung war in seinem Leben permanent präsent gewesen. „Es schien immer absolut möglich, dass all das vorbei sein könnte, bevor ich zum Mann werde“, sagt er. Die eskalierenden Spannungen zwischen Ost und West und die Tatsache, dass er wenige Jahre zuvor mit dreißig erstmals Vater geworden war, machten die Ängste des Sängers von Jethro Tull intensiver denn je. Dass Anderson und seine Familie nur ein paar Kilometer vom Hauptquartier der Royal Air Force in der Nähe von High Wycombe in der Grafschaft Buckinghamshire lebten, half auch nicht unbedingt. „Das war für die Russen auf jeden Fall eines der potenziellen Hauptziele. Ich war nicht das, was man einen Überlebenskünstler nennen würde, aber ich machte mir ernsthafte Gedanken über einen Fluchtplan, falls der schlimmste Fall einträte.“ Dieser Fluchtplan bestand in seinen Worten darin, so schnell wie möglich aus Buckinghamshire abzuhauen, wenn sich der Ernstfall abzeichnen sollte. „Da standen zwei vollgetankte Fahrzeuge und wahrscheinlich knapp 150 Liter Benzin auf Vorrat. Damals gestaltete sich der Waffenbesitz noch einfacher und ich hatte ein paar ziemlich heftige Geschütze, die ich auch nicht zu Hause zurückgelassen hätte.“

Zur atomaren Vernichtung kam es dann doch nicht, doch eine fiktive Version davon entfaltet sich auf dem 23. Album von Jethro Tull, dem von nordischer Mythologie inspirierten RÖKFLÖTE . Mehr als einmal beschwört Anderson Ragnarök herauf – die sehr lebhaft geschilderte, katastrophale Interpretation der Endzeit aus der „Edda“, jener Gedichtsammlung aus dem 13. Jahrhundert, in der Geschichten der nordischen Götter nacherzählt werden.„Dieser Tag der Abrechnung, das Endzeitszenario findet sich in vielen Religionen“, sagt er. „Als das Thema der Platte sich zu entfalten begann, zog es mich zu Ragnarök.“ Er hebt wissend eine Augenbraue. „Das ist ein sehr passendes Thema angesichts der Zeiten, in denen wir leben.“ E s ist 9:30 Uhr morgens, als Anderson auf dem Zoom-Bildschirm erscheint. Er sitzt in seinem Büro in dem Landhaus aus dem 18. Jahrhundert in der Grafschaft Wiltshire, in dem er seit fast 30 Jahren wohnt – Buckinghamshire hat er längst hinter sich gelassen. Er hätte schon vor einer halben Stunde anrufen sollen, doch durch einen Tippfehler seinerseits hat er sich die falsche Zeit eingetragen. Er ist griesgrämig und jammert, dass er momentan viel Zeit damit verbringt, Links für solche Gespräche zu kopieren. Er hatte geplant, mit seiner Frau zum Supermarkt zu fahren, doch das hat sich nun erledigt. „Ich plage mich jeden Tag mit so vielen Interviews herum“, sagt er gereizt. „Dabei sollte ich ein Musiker sein, der auf Tour geht. Na ja, es ist schön, gefragt zu sein.“


Der Grund für die aktuelle Nachfrage ist RÖKFLÖTE, das nur gut ein Jahr nach THE ZEALOT GENE von 2022 erscheint, damals die erste Platte mit komplett neuem Material von Jethro Tull seit 1999. „Ich bin ein bisschen wie ein Regionalbus“, meint er, während die Gereiztheit zu verfliegen beginnt. „Man wartet 20 Jahre und dann kommen plötzlich zwei auf einmal.“ RÖKFLÖTE ist eine ordentliche Platte im Spätwerk von Jethro Tull. Der leicht wahnhafte, zottelhaarige Geist, der ihre frühen Klassiker befeuerte, ist darauf längst Vergangenheit, doch die sanftmütige Musik wird konterkariert von der textlichen Gravitas und Dichte, für die Anderson bekannt ist. War THE ZEALOT GENE noch von der Bibel inspiriert, die als Sprungbrett zu einer Auseinandersetzung mit dem Aufstieg des rechten Populismus oder dem immerwährenden Hang der Menschheit zu Konflikt und Krieg diente, wurzelt RÖKFLÖTE in einem völlig anderen, aber gleichermaßen abstrusen Glauben: heidnische nordische Mythologie. Jedes Lied beginnt mit einer Strophe, die eine der nordischen Gottheiten beschreibt, gefolgt von drei Strophen, die diese Figuren ins Heute versetzen. „Für mich ist das ein amüsanter Gedanke“, erzählt Anderson. Der Titel ist ein kleines Wortspiel. Zunächst war es als größtenteils instrumentales Flötenalbum mit dem beeindruckend wörtlichen Titel ROCK FLUTE konzipiert, bevor Anderson auf diese intensive thematische Reise ging, die ihn nach Walhalla führte. „Das ist ein Thema, von dem ich nicht mal ansatzweise fasziniert war“, sagt er lapidar über die textliche Inspiration zu der Platte. „Ich habe mich wahrscheinlich davon ferngehalten, weil es ein so fruchtbarer Boden für all diese Heavy-Metal- und Hardrock-Freak-Musiker ist, die über diese Welt fantasieren. Und da ich wusste, dass diese Mythologie Leute wie Heinrich Himmler angezogen hat, dachte ich, dass ich mich davon distanzieren sollte.“

Die Frage, was letztlich doch noch sein Interesse daran weckte, löst einen eloquenten, aber abschweifungsreichen Monolog aus, der seine Antipathien gegen den Geschichtsunterricht am Gymnasium („das einzige Fach, dessen Abschlussprüfung ich nicht bestanden habe“), einen langjährigen Groll gegenüber dem Lehrer in besagtem Fach („ein brutaler, schrecklicher kleiner Mann, genau wie Wladimir Putin“), das Schwänzen der Sonntagsschule, als er sieben war, indem er sich in einem Baum versteckte, während er einen Kilt trug („ein bisschen zugig, denn von mir als echtem Schotten erwartete man natürlich, keine Unterwäsche zu tragen“), und seine jugendliche
Faszination für „Religionen und Glaubenssyteme sowie die Kulturen, innerhalb derer sie in verschieden Teilen der Erde und an verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte operierten“, abdeckt. Letztere führte ihn schließlich zur nordischen Mythologie. „Ich kam zu dem Schluss, dass ich vielleicht etwas darüber lernen sollte“, sagt er ganz sachlich. „Mir gefiel wohl, dass es trotz all der Gottheiten im Pantheon immer noch eine grundlegende kosmische Kraft gibt, den Schöpfergeist.“ Sein Interesse an Religion und Glaube jeglicher Couleur ist an sich faszinierend. Er liebt das Konzept der Religion, kann sich aber nicht dem Aspekt des „Glaubens“ darin verschreiben. Oder wie er es so lebhaft formuliert: „Mir geht die Fähigkeit ab, mehr zu tun, als meine Hände sanft über die spirituellen Brüste gleiten zu lassen und nicht zu fest zu drücken, falls ich in den ganzen Akt hineingezogen werde. Es ist etwas, das mich schon immer interessiert hat, und wenn man älter wird, wächst wohl die Wahrscheinlichkeit, dass man sich über seine eigene Sterblichkeit Gedanken macht und wie das vielleicht alles viel zu bald vorbei sein könnte.“ Er grinst teuflisch. „Aber ich bin ziemlich fest entschlossen, dass Roger Waters zuerst geht.“

Video der Woche: Creedence Clearwater Revival ›Sweet Hitch-Hiker‹

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Happy Birthday John Fogerty! Das Mastermind von Creedence Clearwater Revival feiert heute seinen 78. Geburtstag.

Musikalische Genies sind oft keine einfachen Charaktere. Auf John Fogerty trifft dies zweifellos zu. Nachdem Creedence Clearwater Revival zwischen 1968 und 1971 kaum zu stoppen waren, zerbrach die Band immer mehr an Konflikten und kreativen Differenzen. Seine Bandkollegen sagten später, dass Fogerty sie beim Entstehungsprozess und den Aufnahmen zu PENDULUM (1970) wie Statisten behandelte. Anfang 1971 verließ sein Bruder Tom Fogerty schließlich die Band.

Doug Clifford, Stu Cook und John Fogerty nahmen danach nur noch ein weiteres Album auf: MARDI GRAS (1972). Darauf befinden sich Stücke, die die drei unabhängig voneinander geschrieben hatten. Eines davon ist ›Sweet Hitch-Hiker‹ aus der Feder von John Fogerty. Der Song war ihr neunter und zugleich letzter Top-Ten-Hit.

Legion Of The Damned: THE POISON CHALICE

Leichen pflastern ihren Weg

Manchmal übersieht man, dass die niederländische Metal-Szene nicht nur epischen Symphonic-Metal oder traditionell rumpelnden Death exportiert — und dann kommt mal wieder die Knüppel-aus-dem-Sack-Institution Legion Of The Damned als Erinnerung daher. Seit 17 Jahren ein Garant für bös dreinblinzelnden Thrash mit Extreme-Metal-Einschlag. Der mittlerweile achte Longplayer THE POISON CHALICE klingt nicht nach Stagnation, ganz im Gegenteil bolzt und holzt sich die Truppe mit durchgetretener Doublebass durch die zehn Tracks. Bereits der eröffnende Dreierschlag ›Saints In Torment‹, ›Contamination‹ und ›Progressive Destructor‹ pflügt einen leichengepflasterten Pfad, auf dem bis zum Ende durchmarschiert wird. Auch wenn die in Klang gegossene Raserei der Legion mittlerweile einen höheren Black-Metal-Anteil zuungunsten des Todesbleis und gelegentlich sogar Versatzstücke aus dem klassischen Heavy Metal bietet, wie im großartigen ›Savage Intent‹, bleibt der insgesamt recht geringe Abwechslungsfaktor ein (zumutbares) Manko und ändert nichts daran, dass THE POISON CHALICE derart spielfreudig, garstig und handwerklich überzeugend aus den Boxen tönt, dass man sich ein breites Grinsen, gepaart mit unbändigem Mähnenschütteln, nicht verkneifen kann. (Robert Helle)

7 von 10 Punken

Legion Of The Damned
THE POISON CHALICE
NAPALM/UNIVERSAL