Zwischen dem 7. und 10. Juni fand 2023 das legendäre Sweden Rock Festival statt. Wie jedes Jahr konnte das ausverkaufte Event in Solvesborg auch heuer wieder mit zahlreichen Acts aus der Rock- und Metalwelt punkten. So standen diesmal Bands und Acts wie Iron Maiden, Def Leppard, Deep Purple, Mötley Crüe Airbourne, TNT, Thundermother, Lita Ford, Billy Gibbons, Blue Öyster Cult, Skid Row und mehr auf der Bühne. Unser Fotograf Frank C. Dünnhaupt war vor Ort und hat das Festival für euch festgehalten.
Wenn sein Name fällt, kriegen Schlagzeuger und Musikkenner funkelnde Augen: Stewart Copeland, bekannt für seine Virtuosität, gilt als einer der besten Rock-Drummer. Mit Sting und Andy Summers schrieb er ab 1977 mit The Police Rock-geschichte. Nach einer erfolgreichen, kurzzeitigen Reunion 2007 wandelt Stewart wieder auf Solopfaden, mit Soundtracks, Opern und neuerdings auch Orchestern: POLICE DERANGED FOR ORCHESTRA heißt das Spektakel – mit Copeland als Drummer und Dirigent
Stewart, die Klassik scheint es dir angetan zu haben. 2019 hast du erstmals in der Elbphilharmonie Hamburg gespielt, unterstützt von einem großen Orchester. Damals habe ich allerdings nur meine Filmmusik aufgeführt, Stücke aus „Wall Street“, „Talk Radio“ oder „Rumble Fish“. Der Sound in der Elbphilharmonie war beeindruckend, fantastisch!
Mit Hamburg verbindet dich auch die Police-Reunion 2007 beim „Live Earth“-Festival unter der Schirmherrschaft von Al Gore. Das war eine Benefiz-Show für den Klimaschutz. Das Thema ist heute brisanter denn je. Es war wichtig, dass wir damals für Awareness gesorgt haben und versuchten, den Klimawandel ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Das Problem ist nur, dass die Politik zu langsam, zu bürokratisch agiert und dabei noch zu sehr wirtschaftliche Interessen priorisiert. Das macht mich pessismistisch, obwohl ich lieber positiv in die Zukunft blicke …
Um was geht es bei POLICE DERANGED FOR ORCHESTRA? Die Tour heißt „Stewart Copeland’s Police Deranged for Orchestra“. „Deranged“, also geistesgestört, ist dabei ein Wortspiel, eigentlich müsste es „rearranged“ heißen. Bei den ersten Klassikshows hatte ich den Police-Hit „Don’t Stand So Close To Me“ nur kurz angespielt – als Instrumental, weil ich keinen Sänger hatte. Das Publikum hat die Nummer sofort lauthals gesungen. Da wurde mir klar, wie wichtig es ist, bekannte Songs im Programm zu haben. Die Leute reagieren auf „Roxanne“, „Message In A Bottle“ oder „Every Breath You Take“ viel emotionaler als auf neue Stücke. Sie wollen Hits und die kriegen sie jetzt.
Vom einstigen Trio Police zum 40-köpfigen Orchester. Interessant, dass du dabei nicht mit denselben Musikern unterwegs bist, sondern bei fast jeder Show mit anderen … Für Stingo wäre das ein feuchter Traum, wenn er nach jedem Gig seine Musiker feuern könnte! (lacht laut)
„Stingo“ hat schon vor Jahren Police-Songs mit Orchesterbegleitung gespielt. Steht ihr in Konkurrenz? Immer! In allem! Zwischen uns herrscht ewige Rivalität. Wir konkurrieren etwa beim Rollerskaten, beim Skifahren, beim Trinken – und selbst beim Pinkeln!
Seid ihr regelmäßig in Kontakt? Ja. Er hat mir zu meinem Grammy für [das New-Age-Album] DIVINE TIDES gratuliert und ich ihm zu seinem Geburtstag. Stingo ist jetzt 71, ein gutes halbes Jahr älter als ich, was ihn zu einem richtig alten Sack macht, hehe.
Wie stehen die Chancen für ein erneutes Police-Revival? Sehr gut! Wirklich! Ich bin da echt total optimistisch! Ich würde sagen, die Chance liegt bei etwa einem Prozent! Nein, im Ernst: Während der Klassikshows habe ich mich zwar neu in die Police-Hits verliebt, aber das Beste ist, sie ohne die beiden anderen Knallköppe [wörtlich: sons of bitches] zu spielen. Ich habe wirklich nichts als Liebe und Respekt für Sting und Andy in meinem Herzen, aber wir sind uns immer dermaßen auf die Nüsse gegangen, warum sollten wir uns das noch mal antun? Sting wird genießen, dass ihm der Drummer nicht andauernd Kopfschmerzen bereitet. Wir sind Freunde und wollen diese Freundschaft nicht gefährden.
Zurück zur Klassik: Wie funktioniert das Zusammenspiel mit immer neuen Musikern? Ganz einfach: Orchestermusiker sind Vollprofis, Vollblutmusiker durch und durch. Die „Orchs“, wie ich sie nenne, können im Gegensatz zu vielen Rockmusikern Noten lesen. Wenn sie ein Notenblatt vorgelegt bekommen, spielen sie die Musik exakt so – Note für Note. Bei den Konzerten in Deutschland werden übrigens die Prager Philharmoniker dabei sein.
Ein Vollblutmusiker war auch dein Freund Taylor Hawkins, der im Frühjahr 2022 überraschend verstarb. Taylor war großartig, so voller Leben. Und ein ewiger Fanboy, obwohl er selbst ein Star war und mit den Foo Fighters Stadien ausverkaufte. Sein Tod hat mich schockiert, niemand konnte damit rechnen. Mit Taylor, Neil Peart, Charlie Watts und Ginger Baker sind in letzter Zeit einige große Schlagzeuger von uns gegangen. Charlie und Ginger hatten ein gesegnetes Alter, Neil war bekanntlich todkrank. Man gab ihm nach der Krebs-Diagnose noch ein Jahr und er machte zwei daraus. Einmal meinte er zu mir: „Mein Haltbarkeitsdatum ist längst abgelaufen!“ Letztlich konnte Neil aber in Frieden und Würde aus dem Leben scheiden. Taylor dagegen wurde mitten aus dem Leben gerissen. Ich traf ihn das letzte Mal ausgerechnet auf Neil Pearts Trauerfeier. Sein Tod ist unfair! Alle mochten Taylor, er war mit all seinen Musikhelden befreundet und mein „brother of the stick“.
Im September hast du bei beiden Memorial-Konzerten gespielt. Taylors Sohn Shane soll dich zu Tränen gerührt haben. Hat er! Die Konzerte in London und Los Angeles waren hochemotional. Plötzlich drummte dieser 15-jährige Junge ganz tapfer zur Foo-Fighters- Nummer „My Hero“ und gedachte so seines Dads. Da blieb kein Auge im Stadion trocken.
Du hast das Schlagzeug mit 13 für dich entdeckt. Wie kam’s? Ich war generell ein Spätzünder und ziemlich zurückhaltend. Aber als ich das erste Mal auf ein Drumkit eindrosch, fühlte ich mich plötzlich wie ein 400 Kilo motherfuckin’ Silberrücken-Gorilla! (lacht) Das erste Schlagzeug meines Lebens hatte ich in einer Zeitschrift gesehen, rotfunkelnd, von Slingerland. „Wow! I want!“ war mein erster Gedanke. Mein Vater Miles war früher selbst Musiker gewesen und fand es klasse, dass ich mich dafür interessierte, er organisierte sofort Unterricht. Dabei habe ich gemerkt, wie der gewaltige Sound der Drums mein eigenes Ego um ein vielfaches vergrößerte. Ich war völlig geflasht. Und bin es bis heute.
Schlagzeugspielen scheint auch jung zu halten. Absolut, ja. Es hält jung – und gleichzeitig treibt es einen in den Wahnsinn
Heute vor elf Jahren starb Jon Lord. In Gedenken an diesen großen Rockorganisten gibt es heute einen Auftritt von Deep Purple zu sehen.
Er war die große Konstante im Line-Up von Deep Purple. Von 1968 bis 2002 saß Jon Lord hinter der Hammond Orgel und prägte den Sound der Rockgrößen maßgeblich.
Am 09. August 2011 teilte er während einer Tour seines Jon Lord Blues Projects der Öffentlichkeit mit, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt sei. Daraufhin sagte er alle weiteren Konzerte ab und begab sich in Behandlung. Doch am Ende konnte er die Krankheit nicht besiegen.
Am 16. Juli 2012 starb er an deren Folgen und einer Lungenembolie in einem Londoner Krankenhaus – nur wenige Tage nachdem sein letztes Album CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA fertiggestellt wurde. Er wurde 71 Jahre alt.
›Child In Time‹ (erschienen auf DEEP PURPLE IN ROCK im Jahr 1970) zählt zu den berühmtesten Rocksongs überhaupt. Als Protestlied gegen den Krieg in Vietnam und den kalten Krieg entwickelte es sich in den nächsten zwei Jahrzehnten zur inoffiziellen Hymne der osteuropäischen Freiheitsbewegung. Zudem ist es geprägt von Lords außergewöhnlichem Orgelspiel.
Girlschool: Gangleben. Auf Platte rockten sie echt hart, sorgten zusammen mit Motörhead für Chaos auf Tour und scherten sich nur um eines: die Musik.
Natürlich gab es andere Girlgroups, aber keine von ihnen konnte auch nur ansatzweise mit Girlschool mithalten, einer der wichtigsten britischen Rockbands überhaupt. Klar, Janis Joplin hatte diese Nuss bereits geknackt: Sie war nicht hübsch genug, um bloß als weiteres, süßes Püppchen abgestempelt zu werden. Janis mit der Stimme eines mächtigen Löwenmännchens und ihrer texanischen „Fick dich“-Haltung wurde als „one of the boys“ gesehen – was nicht wirklich dem großen Kompliment entspricht, als welches es im Steinzeitalter der 60er ursprünglich gemeint war. Dann gab es da Grace Slick von Jefferson Airplane, die erste Person, die das Wort „Motherfucker“ im Fernsehen aussprach, die erste Frau, die die Faust der „Black Power“-Bewegung am Ende eines Fernsehauftritts in die Luft reckte. Aber Grace war ein ehemaliges Model und sogar die bärtestreichelnden Typen der poetischen Hippiebewegung von North Beach bekamen einen Ständer wegen ihr. Sie war verheiratet mit dem Drummer ihrer vorherigen Band und hatte sich danach gleich Paul Kantner geangelt, den Gitarristen von Airplane. Grace war cool, aber sie war irgendwie immer noch „die Alte“ von irgendwem.
Girlschool, die ich zum ersten Mal im Jahr 1980 traf, waren völlig anders. Sie kamen als echte Gang rüber, sie waren nicht die Freundin von irgendwem. Sie waren auch nicht einfach nur bei den Jungs dabei, obwohl man mit viel Glück und wenn man genug mit ihnen unterwegs war, vielleicht bei den Mädchen dabei sein durfte. „Wir hatten viele tolle, männliche Freunde wie die Typen von den UK Subs“, erzählt Sängerin, Gitarristin und Mitgründerin Kim McAuliffe heute. „Aber wir haben nie versucht, wie sie zu sein, wir wollten uns nicht an irgendwelche Männer anpassen. Wir waren einfach alle Musiker, wir versuchten, wir selbst zu sein.“ Das war gar nicht so einfach wie es sich anhören mag, damals in den späten 70ern, als die Band gegründet wurde. Zu einer Zeit, bevor Aids und die alternative Szene richtig groß wurden. Es gab da die Band Fanny, die nur aus Frauen bestand.
Fanny waren echt, aber trotz der Unterstützung von Seiten der Kritiker schafften sie es nie in die Charts. Nur der Punk, der einige sehr coole weibliche Künstler hervorbrachte wie beispielsweise die bahnbrechende Frauenband The Slits, näherte sich daran an, mit Stereotypen zu brechen. Als Girlschool also um 1980 des Weges kamen, waren die Hoffnungen auf Erfolg nicht sehr groß, obwohl die Gruppe als Support von Motörheads „Overkill“-Tour 1979 alles gab. Das änderte sich jedoch, als ihr auf Krawall gebürstetes Debütalbum DEMOLITION erschien, das sich anhörte, als würden Thin Lizzy auf Motörhead und das verrückteste Mädchen der ganzen Schule treffen. Die, vor der alle ein wenig Angst haben. Auf ihren treibenden Tracks wie ›Emergency‹ und ›Demolition Boys‹ klangen Girlschool nicht als würden sie dir die Augen auskratzen, sondern eher so, als würden sie dir in die Eier stiefeln und dein Bier klauen. „Wir alle trugen Jeans und Leder – echtes Zeug, keine Kostüme. Das war unsere Straßenkluft. Es ging nur um die Musik. Nach dem Motto: Wenn du auf diesem Level nichts mit uns anfangen kannst, dann fick dich“, lacht McAuliffe. Was im Umkehrschluss jedoch nicht heißt, dass Girlschool keinen Sexappeal hatten.
Der manifestierte sich vor allem in Kelly Johnson, der auffallenden zweiten Sängerin und Gitarristin. Als DEMOLITION 1980 erschien, wurde Johnson gerade mal 22 Jahre alt, war somit ein Jahr älter als McAuliffe und um einiges blonder, größer und hübscher. „Über Nacht wollte die Presse auf einmal nur noch mit Kelly sprechen und über sie schreiben“, erinnert sich Status-Quo-Manager Simon Porter, der damals als Promoter für Girlschool arbeitete. „Nicht nur die Musikpresse – die Band war quasi jede Woche in ,Kerrang!‘ oder ,Sounds‘ – aber auch in der überregionalen Presse. Klar ging es da nur um dieses Schockmoment, dass da Mädels in einer Rockband spielten, als wären Außerirdische gelandet. Aber hauptsächlich ging es da immer um Kelly, weil sie die gutaussehende Blondine war. Jeder hatte was für sie übrig.“
Porter betont jedoch, dass sowohl Johnson als auch McAuliffe und die beiden anderen Mitglieder – Sängerin und Bassistin Enid Williams und Schlagzeugerin Denise Dufort – obwohl sie sich immer dessen bewusst waren, was die Boulevardpresse wollte, diesen Faktor nie als ihr einziges Verkaufsargument sahen. „Auf Fotos sahen Kelly und Kim großartig zusammen aus. Du weißt schon, die dunkle Lady und der blonde Feger, und sie spielten diese Rollen gut und gerne“, sagte Porter. „Am Ende jedoch ging es ihnen jedoch nur darum, wie gut sie als Musikerinnen waren. Ich war damals auch für die Werbung für Motörhead zuständig und meiner Ansicht nach hatten Girlschool mehr Potenzial, was einen längerfristigen Erfolg betraf. Wenn es sie heute noch gäbe, wären sie riesengroß. Sie waren ihrer Zeit voraus.“ McAuliffe stimmte dem zu: „Kelly war natürlich sehr fotogen und erhielt sehr viel Aufmerksamkeit. Aber das war okay für uns, weil es ihr nie zu Kopf stieg. Kelly war eine sehr schüchterne Person, sehr freundlich und bedächtig. Jemand, mit dem man gut zurecht kam.“ Doch während die Band schnell lernte, mit dieser Art von unerwarteter Aufmerksamkeit umzugehen, betont McAuliffe vehement, dass sie nie das klassische Groupie-Phänomen erlebt haben, obwohl sogar die unansehnlichsten männlichen Bands regelmäßig Groupies hatten.
„Alle Fans waren in Kelly verliebt, aber sie hatte einen Freund, als wir langsam bekannt wurden“, erklärt sie. „Und sie mochte One-Night-Stands sowieso nicht. Keine von uns. Wir verachteten diesen Teil des Tourens eher. Alle männlichen Bands, mit denen wir unterwegs waren, egal ob als Headliner oder Support, waren irgendwie in die Groupie-Szene verwickelt. Damals gab es wirklich schreckliche Dinge zu sehen. Mädchen, die mit Handschellen an Heizungen gekettet waren, während die Typen sie be- und ausnutzten. Manchmal ließen sie die Frauen einfach dort hängen, während sie sich abwechselten. Das war schockierend. Also wenn überhaupt, dann waren wir total gegen diese Seite des Business. Ich erinnere mich an dieses eine Mal in Amerika: Nach einer Show versuchten zwei Kerle an der Regenrinne hoch und in mein Hotelzimmer zu klettern. Ich öffnete das Fenster und schrie sie an: Was denkt ihr eigentlich, was ihr da tut? Haut ab!“!
Sogar als sie mit ihrem zweiten Album HIT AND RUN von 1981 in die Top 5 einstieg, machte die Band nur wenig Anstalten, um sich besser zu verkaufen. Klar, Johnson posierte jetzt in silbernen Hosen, während McAuliffe einen roten Minirock trug. Aber man befand sich schließlich in der neuen Ära der NWOBHM mit heißen Acts wie Def Leppard und Saxon – Farben waren angesagt, obwohl sie natürlich nach wie vor an die klassischen Codes Denim und Leder gebunden waren. „Wir wurden gefragt, ob wir uns selbst als Feministinnen sehen“, erzählt McAuliffe. „Ich denke, Kelly und ich sahen uns schon so. Aber wir hatten nie das Gefühl, da jetzt ein großes Ding draus machen zu müssen. Unsere Art von Feminismus ging eher dahin, seinen Arsch hochzukriegen, rauszugehen und zu tun, was immer man will. Uns ging es nicht darum, die Regeln zu ändern. Eher nach dem Motto: Tu’s einfach, egal, was andere denken.“
Johnson dachte sogar mit Sicherheit so. Für sie war es völlig in Ordnung, dass Girlschool und Motörhead in der Show „Top Of The Pops“ zusammen als Headgirl auftraten, um ›Please Don’t Touch‹, ihre gemeinsame Hitsingle von ST. VALENTINE’S DAY MASSACRE, zu spielen. Damals teilte sie sich die Frontrolle mit Lemmy. Genauso entspannt zeigte sie sich auch, was ihre offen ausgelebte Bisexualität betraf. „Kelly outete sich nie im eigentlichen Sinne“, erinnert sich McAuliffe.
Dieser Tage ist Marky Ramone, seit 1978 Drummer und quasi Letztüberlebender der Punkursteinmetze RAMONES, mit seiner Show auf Tour durch Europa. Bei seinem Halt in München traf sich Marc Bell aus Brooklyn, wer er früher war, vor dem Auftritt mit CLASSIC ROCK im Backstage-Bereich, um über frühe Helden und geliebte Musik zu sprechen und sich über noch immer aktuelle Rivalen Luft zu machen. Doch zuvor drehte er den Frage-Antwort-Spieß erst Mal um.
Hast du Mike Love interviewt? Leider nicht. Ihn würde ich wahnsinnig gerne mal treffen. Er ist absolut sympathisch, ein großartiger Typ. Ich meine, er ist ein Beach Boy. Sie haben die Beatles beeinflusst. Oder sagen wir, sie beeinflussten sich gegenseitig. Sie pflegte eine, nicht unbedingt Rivalität, eher eine coole Kameradschaft.
Und wie fühlt es sich jetzt für dich an, wenn diese großen Beach Boys einen Ramones-Song covern? Nun klar, es ist ein guter Sommer-Song; „Rockaway Beach“ – Beach – die Beach Boys. Das ergibt also schon mal Sinn. Weißt du, viele Leute covern Songs und dabei spielt es keine Rolle, wer sie sind. Wenn sie ein Stück reizt, dann tun sie das eben. Und die Beach Boys haben es getan. Auf eine andere, ihre Weise. Das ist der Beach-Boys-Style. Niemand ist jemals besser als irgendwer. Jeder hat seinen eigenen Stil.
Marky, welche Alben begleiten dich zur Zeit besonders auf dieser Tour? Ein Album, das ich wirklich liebe ist THE LONIOUS MONK QUARTET WITH JOHN COLTRANE AT CARNEGIE HALL. Was für eine Jazz-Platte! Wie sie spielen! Niemand kommt da nur annähernd heran. Wenn du mich nach einem Rockalbum fragst: WHO’S NEXT. Und an neuen Künstlern, finde ich die Gallows richtig gut. Die haben starkes Zeug. Ich lege mich nicht auf ein Genre fest. Wenn du das tust, lernst du nichts dazu. Das ist das Problem dieser „Punk-Puristen“. Die wollen ihre kleine Welt nicht verlassen.
Ist es nicht besonders seltsam, dass es auch im Punk solche engstirnigen Leute gibt? Als die Szene geboren wurde, damals in Max’s Kansas City und im CBGB’s, da machten doch alle dieser „Punkbands“ völlig unterschiedliche Musik. Absolut! Blondie klingen nicht wie die Ramones, die Ramones klingen nicht wie die Heartbreakers, Patti Smith klingt nicht wie die Talking Heads, die wiederum klingen nicht wie Television.
Wie kann man dann überhaupt sagen, was Punkrock ist und was nicht? Nun, im Zweifelsfall hör‘ dir die Ramones an.
Gute Antwort! Das ist Punk.
Apropos: Es kam da neulich zu einem offenen Schlagabtausch zwischen dir und Johnny Rotten von den Sex Pistols, bei dem er dich ununterbrochen angegriffen hat. Warum ist er so? Weil er verbittert ist. Ich blieb bei diesem Vorfall lange cool, aber am Ende nicht mehr. Da habe ich ihn erwischt. Alle anderen (neben Marky und John Lydon nahmen auch noch Duff McKagan, Henry Rollins und L7-Sängerin Donita Sparks an der Podiumsdiskussion statt, Anm. d. Red.) haben einen Scheiß gesagt, sie saßen nur da wie die Lämmer. Okay, also musste ich etwas sagen. Es ist doch einfach so, dass sich die Sex Pistols ihr gesamtes Image von Richard Hell abgeschaut hatten und dann von Vivien Westwood frisiert und angezogen wurden. Sie waren wie eine Punk-Boyband. Also sagte ich: „Johnny, wenn Richard und die Ramones nicht gewesen wären, würdest du heute irgendwo Fish and Chips verkaufen.“ Und na ja, es stimmt doch. Als ich dann noch anmerkte, dass Glen Matlock die Hits geschrieben hatte und Sid Vicious der Star wurde, da flippte er aus. „Du Wichser, du Wichser!“ (lacht) Er muss einem ja leid tun. Er war betrunken. Ich war auch kein Engel in der Vergangenheit, aber er ist ein wenig zu weit abgerutscht.
Das ist doch irgendwie schade. Könnte man nicht einfach gut miteinander auskommen nach all den Jahren? Ja klar, ich habe ihm nichts getan. Ich saß nur da und plötzlich fängt er an nur Scheiße zu labern. Und Glen mag ich sehr, aber eben mehr als die anderen der Sex Pistols.
Hat sich John dir gegenüber schon immer so verhalten? Nein. Ich glaube, vieles daran ist nur aufgesetzte Effekthascherei. Das mag ja ganz süß gewesen sein, vor vierzig Jahren, aber doch nicht von einem fettleibigen Nielpferd, das von Butter vor Cholesterin trieft. Ich wartete nur darauf, dass er aufstehen und zu mir rüber kommen würde. Dann hätte ich eine Ausrede gehabt. (lacht) Das wäre 1,2,3 gegangen. Und dann hätte er mich vermutlich verklagt. Da waren ja überall Handys und Kameras. Alleine mit ihm in einem leeren Raum, das wäre etwas anderes gewesen… Aber nein, so möchte ich nicht denken, wirklich nicht. Wir sind ja nicht in der Army, wir sind im Musik-Business.
An talentierten Newcomern mangelt es der Metal-Szene nicht. Auch die Neulinge Tailgunner wurden von vielen Anhängern schnell ins Herz geschlossen – schon die dritte Show der Combo in Liverpool war ausverkauft. Auf ihrem Debüt GUNS FOR HIRE bieten die fünf Briten (die jüngst zum Quartett geschrumpft sind) lupenreinen Heavy Metal, der auch in den 80ern hätte erscheinen können. Die Jungs klingen eigenständig, aber nie zu weit entfernt von den typischen Heavy-Metal Trademarks, denn melodische Leadgitarren und Bassläufe, schneidende Riffs und Double-Bass-Passagen gibt es hier zuhauf. Immer wieder fühlt man sich an Bands wie Iron Maiden, Helloween oder Jag Panzer erinnert, auch ein paar NWOBHM-Vibes und einige Thrash- und Power-Metal-Einfüsse schwingen mit. Lobenswert ist auch der halbhohe Gesang von Craig Cairns, der es schafft, gleichsam melodisch und aggressiv zu singen und mit catchy Hooklines überzeugt. Passend zum Sound klingt die Produktion angenehm ungeschliffen und hat einen gewissen 80s-Charme, ohne dabei drucklos oder dünn zu tönen. In der Tat, um den Nachwuchs muss sich die Metal-Gemeinde keine Sorgen machen.
Country, Folk, Rock’n’Roll: Lukas Nelson ist mit allen Wassern gewaschen
Lukas Nelson + POTR. Das nicht gerade sexy klingende Kürzel steht für seine treue Begleitband Promise Of The Real. In Wirklichkeit ist STICKS AND STONES aber natürlich ein Soloalbum von Willie Nelsons talentiertestem Spross – wie schon die Covergestaltung klar macht. Bärtig, langhaarig und mit Trapperhut blickt er einen aus, nun ja, etwas glasigen Augen an. Wieder zu viel gebechert? Könnte schon sein. Immerhin beichtet er gleich in zwei Stücken von Alkoholmissbrauch: in dem mit Southern-Rock-Elementen gewürzten ›Alcohallelujah‹, schräge Wortspiele inklusive – und anschließend, als Konter-Bier gegen den Kater, bei ›Every Time I Drink‹. Ein beschwipster Song, der Durst macht. Doch selbst für einen auf Hawaii lebenden Sunnyboy scheint nicht immer die Sonne – wie der introvertierte Selbstbezichtigungs-Folk von ›Lying‹ und das in seiner zuckersüßen Weinerlichkeit an Papa Willie erinnernde ›If I Didn’t Love You‹ belegen. Dazwischen liefert er: traditionellen High-Speed-Country auf ›Ladder Of Love‹, fast schon klassischen Retro-Rock’n’Roll bei ›Icarus‹, folkblumigen Southern Rock im Stil der Allman Brothers Band (während deren BROTHERS AND SISTERS-Phase) und Neil- Young-typische Melancholie auf ›All Four Winds‹. Das Glanzlicht setzt das beherzt bluesige Duett mit Lainey Wilson, ›More Than Friends‹. Gut gemacht, Lukas!
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Lukas Nelson + POTR STICKS AND STONES 6 ACE RECORDS/MEMBRAN
Weite heißt das neue, absolut passend betitelte, Projekt um Nicholas DiSalvo (Elder, Delving), Michael Risberg (Elder), Ingwer Boysen (High Fighter) und Ben Lubins (Lawns), das in Berlin und Hamburg als musikalisches Experiment seinen Ursprung fand. Entstanden sind die vier Songs bzw. Klanglandschaften innerhalb einer Woche, bei der sich alle versierten Teilnehmer zusammen mit ihren Instrumenten einsperrten und sich von ihrer Passion für Psychedelic und Krautrock, Jazz und atmosphärische Musik treiben ließen. Aufgenommen in den Big Snuff Studios beim Berliner Analog-Meister Richard Behrens empfanden die Musiker das, was nun unter dem Titel ASSEMBLAGE erscheint, als zu gut, um es nur bei einem einmaligen Stelldichein zu belassen. Und so war eine neue Band geboren. Dem Namen entsprechend hört man bei Weite sphärische Klanglandschaften, lange Instrumentals, die trotz fehlender Stimme und Texte über die Möglichkeit verfügen, im Innersten der Hörer*innen anzudocken, zu berühren, etwas aufzuschlüsseln. Sanfte Wogen, experimentelle Parts, mal hypnotische, oft ganz sanfte Grooves – und eben viel Weite. Das alles findet man in diesen 38 Minuten Spielzeit, die wie ein Traum vorüberziehen.