Am 5. September 1985 feierte Queens extravaganter Frontmann Freddie Mercury seinen 39. Geburtstag im damaligen Tanzlokal „Old Mrs. Henderson“ in München. Die Rechnung des ausschweifenden Abends, die am Ende 82.500 DM betrug, wird am 6. September im Auktionshaus Sotheby’s in London versteigert. Bis zum 5. September kann das Zeitdokument dort noch angeschaut werden.
Diverse Szenen der wilden Kostüm-Feierei im angesagten Glockenbachviertel sind in Mercurys Musikvideo zu seiner Solo-Single „Living On My Own“ zu sehen.
Es gab großartige Festivals davor und danach, doch für einige magische Jahre in den 80ern und frühen 90ern pilgerten Bands und Fans auf ein Feld in der englischen Grafschaft Leicestershire. Dort war die Wiege des großartigsten Hardrock- und Metal-Festivals von allen, das auch bald Nachwuchs in Europa, den USA und sogar der Sowjetunion bekam. Dies ist die Geschichte des originalen Monsters Of Rock.
An einem regendurchnässten Samstag im Spätsommer 1980 veränderte sich die Welt. Oder zumindest jene Ecke der Welt, in der der Heavy Rock lebte. An jenem Tag, dem 16. August 1980, versammelten sich mehr als 40.000 jeansbekleidete Langhaarige auf einem Feld in den East Midlands und wohnten der Geburt eines Events bei, das eine äußerst wichtige Rolle für das folgende Jahrzehnt spielen würde: Monsters Of Rock.
Das war natürlich beileibe nicht der erste Mega-Gig unter freiem Himmel. Monterey, Woodstock, Isle Of Wight, Bath, Reading Rock And Blues Festival, Glastonbury Fayre, California Jam … alle hatten sich ihren Platz in der Geschichte verdient und ihre eigenen Legenden und Traditionen, Helden und Bösewichte hervorgebracht. Ebensowenig war es das erste Festival, das sich ausschließlich dem Hardrock oder seinem bissigen, ledernen Sprössling namens Heavy Metal widmete. Seit 1977 war das Day On The Green in San Francisco des Top-Veranstalters Bill Graham zur Bühne für Acts wie Aerosmith, Ted Nugent, AC/DC und Van Halen gewesen. Doch dieser neue Event in einem riesigen Kessel mitten auf einer Rennstrecke in der Nähe von Castle Donington, Leicestershire, eingeweiht von Ritchie Blackmores Rainbow als Headliner, war anders. Dies war das erste Open Air, das sich stolz als Rockfestival anpries, ein nie dagewesenes Stammestreffen, dessen Besucher per Auto, Bus, Zug und Motorrad aus allen Ecken des Landes und darüber hinaus anreisten.
Hätte das Monsters Of Rock nur dieses eine Mal stattgefunden, wäre sein Platz in der großen Mythologie des Metal schon gesichert gewesen. Doch die Geschichte sollte weitergehen. Das Festival kehrte im Jahr darauf zurück, und dem darauf, und dem darauf – und jedes Mal wuchs es, sowohl physisch, als auch in seiner Bedeutung. Über die nächsten eineinhalb Jahrzehnte wurde Monsters Of Rock – oder schlicht „Donington“, wie es die meisten Besucher nannten – zum wichtigsten Termin im Hardrock und Metal-Kalender, das Paralleluniversum-Äquivalent von Royal Ascot, Wimbledon oder dem, was seither aus Glastonbury wurde. In seinen 16 Jahren erlebte das Monsters Of Rock viele Triumphe und begleitete nicht nur die Reise des Heavy Metal, sondern definierte sie oft auch. Auf diesem Weg gab es ruhmreiche Momente ebenso wie (manchmal unfreiwillig) lustige, aber auch herzzerreißende Tragödien. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem letzten Hurra lebt sein Geist fort – im Download Festival, dem Wacken Open Air und zahlreichen anderen Events. Doch Donington war der Brunnen, ausdem alles andere entsprang. Dies ist die Geschichte des größten Rockfestivals aller Zeiten, erzählt von denen, die dabei waren.
Rainbow begannen die 80er als so etwas wie Popstars. Gitarrist und Mastermind Ritchie Blackmore hatte den ursprünglichen Sänger Ronnie James Dio durch den energischen Hawaiihemdträger Graham Bonnet ersetzt und den klassischen Sturm und Drang der Band in einen glatteren, chartfreundlicheren Sound verwandelt. Die Belohnung dafür waren zwei Top-10-Hits, ›Since You Been Gone‹ und ›All Night Long‹. Und was wäre die perfekte Art, das zu feiern? Natürlich eine riesige Party auf einem Acker im August.
Don Airey (Keyboarder, Rainbow): Wir hatten in der Newcastle City Hall gespielt und am nächsten Morgen saßen wir alle beim Frühstück, warteten auf den Tourbus und beschwerten uns, dass es keine großen Konzerte mehr gab. Cozy [Powell, Schlagzeuger] sagte: „Nun, warum stellen wir nicht unser eigenes Festival auf die Beine?“
Tim Parsons (Veranstalter, MCP Promotions): Ritchie Blackmore wollte die Tournee mit einer Open-Air- Show beenden. Paul Loasby war der Promoter von Rainbow und rief Maurice Jones an, meinen Seniorpartner bei MCP. Maurice fand Gefallen an der Idee.
Bernie Marsden (Gitarrist, Whitesnake): Maurice Jones war ein sehr bodenständiger Kerl aus den Midlands. Definitiv nicht so ein Typ wie Bill Graham.
Don Airey: Cozy kannte die Leute, die die Rennstrecke von Donington Park leiteten. Er rief sie an, und einen Tag später war Donington gebucht.
Rob Halford (Frontmann, Judas Priest): Uns war durchaus bewusst, dass dies das erste Festival seiner Art in Großbritannien sein würde, insofern war das eine große Sache. Bei allen vorangegangenen Festivals im Land waren Bands aus allen Genres aufgetreten, das war also das erste, das sich explizit auf eine Stilrichtung konzentrierte. Als wir davon erfuhren, war unsere erste Reaktion, dass wir gerne dabei wären.
Tim Parsons: Den Namen hatte uns Peter Mensch gegeben, der gerade das Management für AC/DC übernommen hatte. Er schlug ihn Maurice vor: Monsters Of Rock. Das klang großartig.
Biff Byford (Frontmann, Saxon): Als sie uns fragten, ob wir bei Monsters Of Rock auftreten wollten, hatten wir keine fucking Ahnung, was das war.
Der Termin für das erste Monsters Of Rock wurde festgelegt: 16. August 1980. Das Timing hätte kaum besser sein können – die NWOBHM nahm Fahrt auf und alte wie neue Rockfans verlangten nach einem Event nur für sich. Sein Erfolg war jedoch keineswegs garantiert. Die Organisatoren mussten 30.000 Karten verkaufen, nur um die Kosten zu decken.
Tim Parsons: Etwa eine Woche vor dem Festival hatten wir etwa 20.000 Tickets verkauft und es sah so aus, als stünden wir vor einem Desaster. Doch in dieser letzten Woche verdoppelten sich die Verkäufe dann buchstäblich.
Andy Copping (Rockfan und späterer Download-Festival-Chef): Für mich als Teenager, der auf Rockmusik stand, war das unglaublich. Ich hatte unzählige Konzerte besucht, aber plötzlich war da dieses Event, das speziell auf mich zugeschnitten war.
Tim Parsons: In den Tagen davor hatte es geregnet, wir hatten also einen Fluss unter der Bühne, bevor es überhaupt losging.
Paul Loasby (Veranstalter des Monsters Of Rock): Die Regenmenge war unfassbar. In der Nacht davor ging ein Monsun über Castle Donington nieder, ich saß mit einer Flasche Scotch in meiner Hand um vier Uhr morgens da und dachte: „Das ist die größte Katastrophe in der Geschichte des Rock’n’Roll und ich werde alles verlieren“. Nicht, dass ich irgendetwas hatte, aber ich würde es verlieren.
Tim Parsons: Wir standen am Morgen der Show auf und wussten nicht, was passieren würde.
Andy Copping: Wir fuhren zu sechst in einem offenen Land Rover hin. Als wir dem Gelände näherkamen, war da ein Wegweiser, auf dem „Pop-Festival“ stand. Wir waren richtig wütend. Ein Polizist stand neben dem Schild und wir beschimpften ihn: „Das ist kein Pop-Festival, das ist ein ROCK-Festival!“
Neal Kay (DJ, Heavy Metal Soundhouse): Ich moderierte das erste MOR. Ich war nervös, weil ich noch nie vor so einem großen Publikum gestanden war. Doch als ich dann auf diese riesige Bühne hinausging, waren die ersten zehn Reihen alles Mitglieder des Soundhouse.
Andy Copping: Die Bühne war im Wesentlichen kaum mehr als ein Baugerüst, über dessen Seiten riesige Tücher mit dem Rainbow-Albumcover gehängt worden waren. Das fand alles in der Mitte der Rennstrecke statt, und am hinteren Ende war natürlich dieser gigantische Dunlop-Reifen.
David Ellefson (Bassist, Megadeth): Ich weiß noch, wie ich als Junge Fotos aus Donington sah, und da war immer dieser Dunlop-Reifen. Für mich war das wie das Kronjuwel des Geländes. Neben Rainbow bestand das Line-up des allerersten Monsters Of Rock aus Judas Priest, den Scorpions, den kanadischen Rockern April Wine, Saxon sowie den New Yorker Bands Riot und Touch.
Mark Mangold (Songwriter/Keyboarder, Touch): Wir hatten natürlich großen Respekt vor dem, was da passierte, aber niemand konnte vorhersagen, was für eine Geschichte dieses Event begründen sollte. Erst Jahre später wurden wir darauf hingewiesen, dass wir tatsächlich die erste Band waren, die beim ersten Donington auftrat.
Andy Copping: Es gab diesen berühmten Vorfall mit dem Bassisten von Touch und einer Biene …
Doug Howard (Bassist, Touch): Ich hatte an der Seite der Bühne eine offene Bierflasche stehen und irgendwie war da eine Biene hineingeraten. Ich nahm einen großen Schluck, ohne die Biene bemerkt zu haben. Sie stach mich und ich hatte eine schwere allergische Reaktion.
Andy Copping: Die beste Band in diesem ersten Jahr? Das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Saxon, den Scorpions und Judas Priest.
Biff Byford: Als wir auf diese Bühne gingen, hatten wir 100.000 Platten verkauft. Ich vermute, 99 % der Leute im Publikum hatten WHEELS OF STEEL. Der Jubel, als wir da rausliefen, war unglaublich. Als ich hinterher von der Bühne kam, dachte ich: „Macht das mal besser“. Das war ein großartiger Gig.
Tim Parsons: Ich werde nie vergessen, wie Klaus Meine von den Scorpions huckepack auf die Bühne getragen wurde wegen seiner Ballettschuhe und dem Matsch. Ein ziemlich schräges Bild.
Klaus Meine (Frontmann, Scorpions): Ah, 1980. Das war ganz schön nass, nicht wahr?
Don Airey: Ich weiß noch, wie Judas Priest zu ihrem Soundcheck ankamen und so Rock’n’Roll aussahen – Lederjacken, unrasiert, sie hatten nicht geschlafen. Sie machten ihren Soundcheck und Ritchie sagte zu mir: „Wow, wir sollten nicht zu selbstgefällig werden“. Sie waren einfach umwerfend.
Tim Parsons: Rob Halford wollte sein Motorrad auf der Bühne haben, doch es gab irgendein Problem damit, sicherzustellen, dass es kein Benzin im Tank hatte, und all dieser Scheiß.
Andy Copping: Ich war besessen von Ritchie Blackmore, besessen von Rainbow. Aber ihre Show war eher durchschnittlich.
Don Airey: Es war eine grandiose Show.
Graham Bonnet (Frontmann, Rainbow): Wir hatten keine Ahnung, dass so viele Leute gekommen waren. Wir hatten vielleicht bestenfalls 10.000 erwartet. Dann ging ich auf die Bühne, blickte ins Publikum und sah … verdammt! Das müssen 60.000 Leute oder so gewesen sein. Überhaupt kein Druck …
Don Airey: Beim Soundcheck am Vortag hatte Cozy gesagt, er werde die größte Explosion loslassen, die je auf einer britischen Bühne zu hören war. Er jagte sämtliche Kegel seiner Anlage hoch. Und das war erst die Probe. Am nächsten Tag konnte er sie dann nicht verwenden, weil sie die Anlage erst reparieren mussten. Am Abend der Show war es also eine verhältnismäßig kleine Explosion im Vergleich zu dem, was geplant war.
Graham Bonnet: Die Leute reden immer noch von meiner Percy-Edwards-Improvisation [ein berühmter Vogelsang-Pfeifer, den Bonnet während der Rainbow-Show nachahmte]. Sie fragen mich, warum ich das tat. Ich habe keine fucking Ahnung! Das kam mir einfach so in den Sinn und ich brachte das einfach, ohne darüber nachzudenken. War das albern? Ja, sehr albern. Aber das war auch der Charme dieser Veranstaltung. Da war dieser Frontmann einer Heavy-Rock-Band, und er trug ein Hawaiihemd. Danach würde nie mehr irgendetwas albern wirken.
Andy Copping: Wir gingen nach vorne, um uns Rainbow anzusehen, und einer meiner Kumpels sagte: „Sieh mal, hinter dir“. Wir drehten uns um und den ganzen Hügel hinauf waren hunderte Lagerfeuer. Das war wie in „Game Of Thrones“.
Biff Byford: Dies war die neue Generation des Heavy Metal. Es war unsere Musik – fresst das!
Acht Jahre ist es her, dass Girlschool ihr letztes Album GUILTY AS SIN veröffentlicht haben, nun endlich legt die wohl coolste Girlband aller Zeiten pünktlich zum 45-jährigen Jubiläum ihr neues WTFORTYFIVE? vor und klingt darauf so angriffslustig wie eh und je. Im Interview erklärt Gitarristin Jackie Chambers gut gelaunt, warum sie und ihre Kolleginnen Kim McAuliffe, Denise Dufort und Tracey Lamb nicht genug vom Rock’n’Roll kriegen können.
Jackie, warum acht Jahre Pause zwischen der letzten und der neuen Platte?
Das fragen viele. Zwischen 2015 und 2017 promoteten wir GUILTY AS SIN, im Jahr 2018 haben wir dann langsam darüber nachgedacht, an neuem Material zu arbeiten. Anfang 2020 kam Covid um die Ecke, also haben wir uns dazu entschieden, zu warten bis alles wieder halbwegs normal läuft und dann warteten wir eben auch noch unser 45. Jubiläum ab. (lacht) Die Aufnahmen liefen dann eher nach dem Motto „last minute“, wie immer bei uns. Während der Pandemie hatte ich schon einige Songs und Riffs zuhause geschrieben, sie dann mit Kim geteilt und in Zoom-Meetings besprochen. Letzten Dezember waren wir dann zwei Wochen im Studio, da haben wir sogar noch einige der Texte fertig geschrieben. (lacht) Im Grunde mag ich so eine Herangehensweise lieber, da fängt man spontan noch vieles ein und kann nicht alles zerdenken.
Joe Stump ist auf einem Song zu hören. Generell kommt ihr mit Alcatrazz gut aus, oder?
Wir sind beim selben Label und haben den selben Manager, also spielten wir einige Shows zusammen und verstanden uns richtig gut. Auf Tour nahmen wir im Hotelzimmer einige Backing-Vocals für Alcatrazz auf, also wollten wir sie im Gegenzug auch auf unserem Album haben. Joe hatte ein Riff für uns, doch wir wollten, dass er selbst mitspielt – das virtuose Trillern oben drüber, das ich mit meinem Chuck-Berry-Style gar nicht spielen kann. (lacht) Wahrscheinlich wird er uns auf der kommenden gemeinsamen Tour bei ›Are You Ready?‹ auch mal auf die Bühne folgen.
Außerdem habt ihr Biff Byford, Phil Campbell und Duff McKagan für ein Cover des Motörhead-Songs ›Born To Raise Hell‹ angeheuert.
Biff von Saxon und Phil von Motörhead kennen wir schon ewig, wir haben viele gemeinsame Tourneen gespielt. Duff kenne ich nicht persönlich, doch Slash und er sind große Girlschool-Fans. Also fragte Kim, ob er Lust hätte, Bass auf diesem Song zu spielen – und er sagte zu. Bei dem Cover ist echt viel los, alle spielen zusammen. Und ich liebe diesen Song, mein Lieblingstrack von Motörhead.
Trotz der 45 Bandjahre auf dem Buckel klingt ihr noch frisch und hungrig. Wie geht das?
So sind wir nun mal. Wenn wir im Studio sind, mieten wir uns zu viert ein Haus, hängen gemeinsam ab und haben eine richtig gute Zeit in unserer kleinen Girlschool-Blase. (lacht) Wenn wir Songs schreiben, bleibt das Ego außen vor. Außerdem lieben wir alle Musik. Es ist in meinem Blut, ich liebe es, Songs zu schreiben. Deswegen hatte ich bisher auch immer zwei Bands am Laufen: wenn ich mit Girlschool Pause habe, bin ich mit meinem Projekt Syteria unterwegs. Wir lieben, was wir tun. Einen anderen Grund für das Musiker-Dasein gibt es auch gar nicht, man macht schließlich kein Geld mehr damit. Es geht darum, zu spielen, Fans zu treffen, die Menschen, die deine Songs mitsingen. Das ist unbezahlbar.
Wie schätzt du die Rolle von Girlschool in der Rockmusikhistorie ein?
Für mich hat es nie eine Rolle gespielt, dass ich als Frau Gitarristin bin, ich habe es aber in den Reaktionen der anderen bemerkt. Viele Frauen erzählen uns, dass sie sich wegen uns getraut haben, ein Instrument zu lernen. Das ist toll. Es gibt immer mehr Musikerinnen und das wichtigste ist: Sie werden langsam ernst genommen, nicht mehr als „Gimmick“ behandelt.
Er ist wohl einer der besten britischen Blues-Gitarristen seiner Generation, ein rastloser Geist, hin und hergerissen zwischen der ewigen Suche nach dem süßesten Ton auf seinem Instrument und der Akzeptanz der Tatsache, dass die Feinmotorik mit fortschreitendem Alter nachlässt. Snowy White war bei Thin Lizzy, befreundet mit „Greeny“ alias Peter Green und spielte mit Roger Waters auf der Berliner Mauer – trotz seiner Errungenschaften scheute er das Rampenlicht und hatte nie etwas übrig für hedonistischen Rock’n’Roll-Ausschweifungen. Einzig und allein der Blues trieb ihn an. Und die Überzeugung, nur noch das zu tun, was er will. Nach dieser Maxime lebt der Künstler seit seinem Album NO FAITH REQUIRED von 1996.
Snowy, NO FAITH REQUIRED erscheint nun als Neuauflage auf Vinyl. Warum jetzt?
Weil es mein Lieblingsalbum ist. Die Platte, die mir am meisten bedeutet. Außerdem haben wir bei meinem letzten Album gemerkt, dass sich Vinyl derzeit gut verkaufen lässt. Das spielt natürlich auch eine Rolle. Hinzu kommt, dass NO FAITH REQUIRED noch nie zuvor auf Vinyl erschienen ist und ich schon immer eine LP davon besitzen wollte – im Grunde ist die Neuauflage also auch ein bisschen egoistisch motiviert. (lacht) Erst vor zwei Monaten habe ich mir nach langer Zeit wieder einen Plattenspieler gekauft und es bereitet mir sehr große Freude, meine Sammlung durchzuhören und die Cover zu betrachten.
Warum ist NO FAITH REQUIRED dein Lieblingsalbum?
Vor allem, weil ich so viele gute Erinnerungen damit verknüpfe. Es war die erste Platte, bei der ich mit meinen White Flames zusammenarbeitete, mit Juan Van Emmerloot und Walter Latupeirissa. Im Studio sagte ich zu den Jungs: ‚Vergesst die Plattenfirmen, vergesst das Radio. Ich möchte einfach ein paar Dinge loswerden, die mir auf dem Herzen liegen und mit euch zusammen spielen.‘ Wir hatten eine so gute Zeit zusammen, ich war am Zenit meines Gitarrenspiels, die Texte bedeuten mir etwas. Ich verknüpfe dieses Album mit zahlreichen positiven Gefühlen, es veränderte meine Haltung gegenüber der Musik. Wenn du eine Hit-Single machst, kommt sehr viel Druck von außen. Du sollst immer noch einen drauf legen. Ich kam dann an einen Punkt, an dem ich mir sagte: ‚Snowy, du schlägst gerade den falschen Pfad ein.“ Ich hatte keine Lust mehr auf den Zirkus und tat fortan nur noch, was mir Freude bereitete. Das habe ich mir beibehalten.
Die Themen von damals beschäftigen dich heute noch. Man hörte schon auf NO FAITH REQUIRED deine Snowy-typische Rastlosigkeit heraus. Wie geht es dir inzwischen damit?
Ich bin immer noch so rastlos wie damals. Ich habe immer das Gefühl, auf der Suche zu sein. Ich denke auch, dass ich das eine perfekte Album noch nicht erschaffen habe – und es auch nie erschaffen werde, weil es so etwas ja im Grunde nicht gibt. Ich gehe immer noch wach durchs Leben, achte darauf, wie man meine Erfahrungen in Musik übersetzen kann. Ich habe lediglich eine andere Herangehensweise – ich bin etwas entspannter, weil ich heute niemandem mehr was beweisen muss und natürlich auch wegen des Alters. Heutzutage bin ich zufrieden damit, ein wenig Gitarre in meinem Home Studio zu spielen, etwas Geschmackvolles, und dann wieder zu ruhen. Ich muss nicht mehr auf etwas hinarbeiten.
Was ist dir wichtig dieser Tage?
Gesund zu bleiben. Ich bewege mich regelmäßig und achte auf mich. Alle um mich herum verabschieden sich und ich würde gerne noch etwas hier bleiben. Erst ging mein guter Freund Greeny, dann vor kurzem Jeff Beck. Ich konnte es gar nicht glauben. Er war einer der Besten! Naja, ich versuche also, länger zu leben als alle anderen. (lacht)
Am 9. August verstarb Robbie Robertson, Gitarrist der legendären Kombo The Band, im Alter von 80 Jahren. Mit unserem Video der Woche wollen wir diesem großartigen Musiker Tribut zollen.
Mit ihren gewaltigen Soulsongs prägten The Band die amerikanische Popmusik. Als Gitarrist und Songwriter war Robbie Robertson maßgeblich am Sound der kanadischen Gruppe beteiligt.
Aus seiner Feder stammt auch ›Up On Cripple Creek‹, einer ihrer größten Hits. Robertson selbst sagte einmal über den Song: „Ich hatte einige Ideen für ›Up On Cripple Creek‹ als wir uns noch in Woodstock bei den Aufnahmen zu MUSIC FROM BIG PINK befanden. Danach ging ich nach Montreal und meine Tochter wurde geboren. Wir waren schon in Woodstock eingeschneit worden und auch in Montreal war es sehr kalt. Also flogen wir nach Hawaii, um ein bisschen Wärme abzubekommen und mit den Arbeiten an unserem zweiten Album zu beginnen. Während dieser Reisen hatte ich immer wieder ein Bild im Kopf: Einen Mann, der in seinem Truck quer durchs Land fährt. Wo ich letztendlich den Song dann geschrieben habe, weiß ich allerdings nicht mehr…“
Am 29. August 1981 legten 38 Special auf der Tour zu ihrem vierten Album WILD-EYED SOUTHERN BOYS einen der wichtigsten Auftritte ihrer Karriere auf die Bretter der Loreley. Knappe 42 Jahre später erinnern sich Don Barnes und Donnie Van Zant (beide Gesang, Gitarre) mit LIVE AT ROCKPALAST 1981 an diesen unvergesslichen Abend in St. Goarshausen.
Don und Donnie, es ist eine wirklich coole Überraschung, dass Donnie heute trotz seines Ausstiegs bei 38 Special 2013 bei diesem Interview dabei ist. Sehen wir hier die ersten Schritte einer Reunion?
Don Barnes: Uns beiden gehört die Marke 38 Special. Seit Donnies Rücktritt sind wir in ständigem Kontakt und verwalten die Geschicke der Band – egal ob es Konzerte oder Veröffentlichungen wie jetzt von LIVE AT ROCKPALAST 1981 sind. Alles wird im Team entschieden, um unsere Songs, die so vielen Leuten etwas bedeuten, am Leben zu halten.
Donnie Van Zant: Ich kann leider nach wie vor nicht zurück auf die Bühne. Mein damaliger Grund, die Stage-Boots an den Nagel zu hängen, ist leider immer noch präsent. Eine Nervenverletzung innerhalb meiner Ohren macht es mir seit damals unmöglich, mit 38 Special zu rocken. Deswegen freut es mich umso mehr, an diesem CLASSIC ROCK-Interview über eine unserer legendären Shows teilzunehmen.
Der „Rockpalast“-Gig auf der Loreley in St. Goarshausen ist nun schon fast 42 Jahre her – warum erscheint LIVE AT ROCKPALAST 1981 erst jetzt?
Don Barnes: Den Startschuss für dieses Projekt hat unser deutsches Label abgegeben. Zuvor ist bereits der Auftritt von The Outlaws veröffentlicht worden – da mussten wir natürlich nachziehen. Bis jetzt geistern ja nur ein paar alte, von Fans digitalisierte Aufnahmen davon auf YouTube herum, die dem Konzert aufgrund ihrer schlechten Audio- und Videoqualität nicht gerecht werden. Ich kann mich noch genau daran erinnern, was das für ein aufregender Tag war. Wenn du als Musiker aus Florida plötzlich in dieser komplett anderen Welt bist, am Rhein entlangfährst und schließlich auf dem Plateau am legendären Loreley-Amphitheater ankommst, spürst du unweigerlich, dass hier etwas ganz Besonderes im Gange ist.
Nach welchen Kriterien habt ihr die Setlist für den 29. August 1981 zusammengestellt?
Donnie Van Zant: Don und ich wollten das Publikum auf eine knackige Reise durch unsere bis dato stärksten Hits mitnehmen. Wir konnten nur elf Songs spielen und mussten die Stimmung im Zuschauerraum auf einem konstanten Hoch halten. Wenn beispielsweise zwischen den Stücken ein Gitarrenwechsel anstand, lag es an Don und mir, die Fans kurzerhand mit witzigen Ansagen oder Ähnlichem zu unterhalten. Ich denke, wir haben an diesem Sommertag einen echt guten Job abgeliefert, denn nicht nur die Gruppe, sondern auch die Zuhörer waren nach den gut 75 Minuten total ausgepowert.
Man spürt euren Hunger nach einer perfekten Show während LIVE AT ROCKPALAST 1981 zu jeder Sekunde.
Don Barnes: Hunger ist hier wirklich der absolut richtige Begriff. Wir sind glücklicherweise mit einem – im positiven Sinne – unendlichen Konkurrenzdenken gesegnet. Wenn es deine oberste Prämisse ist, auf einem Festival die absolut beste Band zu sein, schaltest du automatisch ein paar Gänge höher und gehst an die Grenzen des Machbaren. Kurzum wollten wir auf der Loreley die Bühne – metaphorisch gesprochen – in Schutt und Asche legen. Führt man sich noch die anderen Rockpalast-Acts wie Thin Lizzy, Nine Below Zero oder die genannten The Outlaws vor Augen, ist dieser Gedankengang nur zu verständlich.
Donnie Van Zant: Vor der Gründung von 38 Special haben wir in unserer Heimat Jacksonville alle Shows unserer Lieblingsbands besucht. Sie spielten ihre Lieder durch die Bank so perfekt wie auf den Platten. Was uns neben der Musikalität immer enorm aufgefallen ist: dass eine mitreißende Performance dem Ganzen die entscheidende Würze verleiht. Don und ich haben dabei einen wichtigen Fakt gelernt: Du musst – egal wo und wann du auftrittst – die Herzen der Fans immer wieder auf’s Neue für dich erobern.
Don Barnes: Als Künstler bist du der Gastgeber einer Party. Selbst über vier Dekaden nach dem Loreley-Gig kommen ehemalige US-Soldaten, die damals in Deutschland stationiert waren, zu mir und erzählen mit leuchtenden Augen, dass dieser Gig das beste Konzert ihres Lebens war. Solche
Statements machen mich enorm stolz und untermauern für mich die Wichtigkeit einer offiziellen Veröffentlichung von LIVE AT ROCKPALAST 1981.
Donnie Van Zant: Ein weiteres gewichtiges Puzzleteilchen ist das „Boot Camp“, durch das uns mein älterer Bruder Ronnie geschickt hat. Wir haben mit 38 Special sehr oft im Vorprogramm von Lynyrd Skynyrd gespielt. Er kam beispielsweise kurz bevor wir auf die Bühne gingen zu uns und erwähnte mit einem Grinsen im Gesicht: „Ich hoffe, ihr rockt heute Abend richtig gut – wenn nicht,
trete ich euch danach in den Arsch.“
Don Barnes: Ich denke nach wie vor, dass er uns einschüchtern wollte, damit wir Skynyrd nicht die Show stehlen. In der Retrospektive hat uns Ronnie echt viel gelehrt und das Beste in uns an die Oberfläche befördert.
Wegen eurer Livequalitäten gibt es auf LIVE AT ROCKPALAST 1981 keinerlei im Studio nachbearbeitete Passagen zu hören.
Donnie Van Zant: Es ist Gang und Gäbe, ein paar Dinge, die auf der Bühne nicht gesessen haben, nachzubearbeiten. Als Don und ich die Aufnahmen zu Beginn des Projekts das erste Mal seit vielen Jahren wieder hörten, war uns sofort klar, dass das Material in seinem Originalzustand perfekt den Geist dieses Konzerts widerspiegelt.
Don Barnes: Ein Livemitschnitt sollte nicht wie von einer Maschine intoniert klingen. Klar verspielt man sich hier und da mal, aber hey, das ist doch nur menschlich und macht ehrliche, handgemachte Musik einfach unverwechselbar
Kurz zur Genese dieser Platte, die natürlich vollkommen typisch ist für Neil Young: Von 1974 bis 1977 aufgenommen und bereits testweise auf Vinyl gepresst, entschied sich der Songwriter dann doch dagegen, sie in dieser Form herauszubringen. Warum auch immer genau. Stattdessen erschienen die Lieder verteilt auf andere Veröffentlichungen. Auf AMERICAN STARS ’N BARS, auf RUST NEVER SLEEPS, ja sogar erst auf FREEDOM oder noch später auf Kompilationen oder Live-Mitschnitten. Im Zuge von Youngs Archiv-Reihe erschient das Album jetzt erstmals offiziell so, wie damals einmal vorgesehen. Und was soll man viel sagen: Die Songs darauf sind natürlich phänomenal. ›Pocahontas‹, der alles wegschmetternde Allzeitklassiker ›Like A Hurricane‹ (später genial von Roxy Music gecovert), ›Sedan Delivery‹, ›Too Far Gone‹, ›Look Out For My Love‹. Das in seiner Ausweglosigkeit erschütternde ›Powderfinger‹ ist hier in einer frühen akustischen Version enthalten, ›Hold Back The Tears‹ unterscheidet sich im Text von späteren Fassungen. Allein am Klavier hört man Young auf der hübschen Ballade ›Stingman‹. Wertvoll ist CHROME DREAMS vor allem als Zeitdokument und wegen der teils kaum bekannten Erstversionen mancher Stücke. Wem es allein um die Lieder an sich geht, der entdeckt freilich wenig Neues.
The Band waren ein Paradoxon. Vier der fünf Mitglieder waren Kanadier, und dennoch gelang es ihnen, einen ländlichen amerikanischen Mythos zu verkörpern wie niemand davor oder seither. Ihre Beschwörungen einer imaginären Vergangenheit wurzeln in einer Erzähltradition, die aus dem Country, Blues, R&B, Gospel, Soul und Rockabilly stammt. Ebenso erstaunlich ist, dass sie als öffentlichkeits-scheue Typen, getrieben hauptsächlich von ihrem Schaffensdrang, zu Superstars in ihrer Wahlheimat USA aufstiegen und sich mit einer der schillerndsten Rockshows aller Zeiten verabschiedeten. „Es war eine verrückte Reise, eine unglaubliche Reise“, erzählte Hauptsongwriter und Gitarrist Robbie Robertson uns 2019 im Rückblick auf die manchmal schwierige Laufbahn von The Band. „Und eine gefährliche Reise.“ Los ging es Anfang der 60er Jahre, als ein junges Quintett – Robertson, Schlagzeuger Levon Helm, Gitarrist Rick Danko, Pianist Richard Manuel und Organist Garth Hudson – noch unter dem Namen The Hawks durch die Spelunken und Bars in Kanada tingelte, und zwar als Backingband von Rockabilly Sänger Ronnie Hawkins. 1965 erfüllten sie dann dieselbe Funktion für Bob Dylan. Dieses Verhältnis führte zu zwanglosen Jamsessions in Woodstock (später als THE BASEMENT TAPES veröffentlicht), bevor The Band 1968 mit MUSIC FROM BIG PINK eigene Wege gingen. Das Album wurde zur Blaupause für ihre gesamte weitere Karriere: makelloses Zusammenspiel, heimelige Grooves und drei unverkennbare Leadstimmen.
Der Höhepunkt kam schon früh – das selbstbetitelte Werk von 1969 war der nahe zu perfekte Ausdruck ihrer kreativen Vision. Doch das hatte seinen Preis. Der riesige Erfolg der Platte brachte Ruhm und Wohlstand, aber auch die damit einhergehenden Selbstzweifel, Kontrollprobleme und eine (für mindestens drei Mitglieder) massive Drogensucht. Die folgenden Jahre liefen denn auch durchwachsen. Die bandinternen Verhältnisse waren zunehmend vergiftet, die Verkaufszahlen befanden sich im Sturzflug, doch man fand schließlich noch mal die Kraft für ein letztes Hurra im Studio: das hervorragende NORTHERN LIGHTS – SOUTHERN CROSS von 1975. Ein Jahr später folgte mit „The Last Waltz“ das letzte Konzert, ein riesiges Live Spektakel mit einer langen Liste berühmter Gäste. 1983 kam es zu einer Reunion, allerdings ohne Robertson. Drei Jahre später nahm sich Manuel, immer noch suchtgeplagt, das Leben. Die verbliebenen Mitglieder fanden Ende der 80er mit Aushilfsmusikern erneut zusammen und machten noch drei weitere Studioalben, bis sie 1998 nach JUBILATION endgültig den Schlussstrich zogen. „Zu unseren besten Zeiten waren wir wie niemand sonst auf der Welt, wir hatten etwas mit ganz eigener Identität und eigenem Charakter geschaffen“, so Robertson. „Und das war das Ziel, das wir uns gesetzt hatten.“
Unverzichtbar
MUSIC FROM BIG PINK CAPITOL, 1968
Das wagemutige Debüt, entstanden in Woodstock in dem titelgebenden Haus, schwamm konsequent gegen den damaligen Strom der Psychedelik. Die lose Spontaneität von THE BASEMENT TAPES wurde hier zu einer Neuinterpretation ländlicher amerikanischer Traditionen raffiniert. Bob Dylan malte das Bild auf dem Cover und war auch an drei Songs beteiligt, doch die überragenden Originale stellen alles andere in den Schatten. Robbie Robertsons ›The Weight‹, ›To Kingdom Come‹, ›Caledonia Mission‹ und ›Chest Fever‹ kündigten die Ankunft einer echten Songwriting-Macht an. Das Album wurde zu einem gewichtigen Einfluss für viele Zeitgenossen – angeblich veranlasste es sogar Eric Clapton dazu, Cream aufzulösen.
THE BAND CAPITOL, 1969
Der Nachfolger wurde an der Westküste aufgenommen, wo The Band die intime Atmosphäre von BIG PINK nachempfinden wollten, indem sie das Poolhaus von Sammy Davis Jr. in ein provisorisches Studio verwandelten. Heraus kam ein absolutes Meisterwerk. Robertson etablierte sich hier als Chef und besetzte seine Bandkollegen in Gesangsrollen, die perfekt zum Wesen der Songs passten, die tief in eine reiche, semi-mythologische Vergangenheit zurückreichen: Manuel brilliert auf ›Across The Great Divide‹, Helm war nie so stark wie auf dem Bürgerkriegs-Klagelied ›The Night They Drove Old Dixie Down‹. Eine makellose Mixtur aus Blues, Soul, R&B und mehr, eine eherne Referenz für alle Americana-Acts, die folgten.
Wunderbar
STAGE FRIGHT CAPITOL, 1970
Das geplante Konzert im Playhouse-Theater in Woodstock war von den örtlichen Behörden untersagt worden, die so bald nach dem Festival von 1969 eine weitere Hippie-Invasion fürchteten. The Band wandelten den Saal kurzerhand in ein Studio um. Doch was zunächst als positive Rock‘n‘Roll-Platte konzipiert war, nahm textlich eine dunklere Wendung, was einige der Probleme widerspiegelte, die sich in der Gruppe zu zeigen begannen – Helm, Danko und Manuel experimentierten mit Heroin. Die Songs waren jedoch oft grandios, vor allem das Titelstück mit heldenhaftem Gesang von Danko. Es drückte perfekt die Zweifel aus, die das Quintett über seinen neugewonnenen Ruhm empfand.
NORTHERN LIGHTS – SOUTHERN CROSS CAPITOL, 1975
Das erste Album von The Band, das komplett von Robertson geschrieben wurde, und das erste, das sie in ihrem neuen Studio in Malibu aufnahmen, gebaut nach der Arena-Tournee mit Bob Dylan 1974. Die Highlights sind drei absolut unantastbare Klassiker: ›It Makes No Difference‹ mit einem von Robertsons besten Gitarrensoli und fantastischem Gesang von Danko, ›Ophelia‹ mit seinem wunderbar altmodischen Dixieland-Vibe und das exquisite ›Acadian Driftwood‹, das sich vor nichts in ihrem Katalog verstecken muss. Die drei Stücke wurden erst recht unsterblich, als die Gruppe sie im Jahr darauf beim legendären „The Last Waltz“ spielte.
THE BASEMENT TAPES COLUMBIA, 1975
Die Aufnahmen von Bob Dylan und The Band im Big Pink von 1967 wurden acht Jahre später endlich offiziell veröffentlicht. Aus den spontanen Sessions waren über 100 Songs hervorgegangen, die sich beim reichen Americana-Erbe aus Ur-Blues, Folk, Jazz und Country bedienten, um etwas Mächtiges, Elementares und wunderbar Seltsames zu kreieren. ›This Wheel‘s On Fire‹, ›Too Much Of Nothing‹ und ›You Ain‘t Goin‘ Nowhere‹ waren schon durch vorangegangene Coverversionen anderer Acts bekannt geworden und nahmen ihren Platz neben weniger vertrauten Höhepunkten ein. Der Kritiker Greil Marcus brachte es auf den Punkt, als er die Platte als den Inbegriff des „alten, schrägen Amerikas“ bezeichnete.
THE LAST WALTZ WARNER BROS., 1978
Mit ROCK OF AGES hatten sie 1972 ihren ersten Erfolg gewürdigt, doch ihr zweiter Live-Mitschnitt war die Siegerrunde um eine ganze Karriere. Der Soundtrack zu Martin Scorseses gleichnamigem Konzertfilm ist eine berauschende Mixtur aus Stimmungen und Stilrichtungen. Dazu kam eine Legion von Gästen, etwa der frühe Mentor Ronnie Hawkins, der ehemalige Arbeitgeber Bob Dylan und Zeitgenossen wie Neil Young, Joni Mitchell, Eric Clapton und mehr. Der euphorische Geist der Veranstaltung trieft aus jeder Rille, doch letztlich ist es Levon Helms bemerkenswerter Gesang auf dem schmerzhaften ›The Night They Drove Old Dixie Down‹, der hier allen die Schau stiehlt.
Anhörbar
CAHOOTS CAPITOL, 1971
Auf der vierten Platte sind die Bruchlinien offensichtlich. Das Hauptproblem war, dass Robertson immer mehr die Kontrolle übernahm. Die fehlende Kameradschaft zeigte sich in der Rastlosigkeit mehrerer Songs (vor allem ›Where Do We Go From Here?‹), doch letztendlich retteten ein paar Klassiker-Momente das Album. Danko und Helm teilen sich den Gesang auf dem majestätischen ›Life Is A Carnival‹, dem das überragende Bläserarrangement von Allen Toussaint Flügel verleiht. Dylans ›When I Paint My Masterpiece‹ ist ein subtiles Wunderwerk und der Woodstock-Nachbar Van Morrison liefert sich auf dem kernigen ›4% Pantomime‹ ein Duell mit Manuel. Es sollten vier Jahre vergehen, bis The Band ihre nächsten Originalkompositionen ablieferten.
JERICHO RHINO, 1993
In den 17 Jahren, seit sich The Band mit „The Last Waltz“ verabschiedet hatten, war so einiges passiert. Robertson war Anfang der 80er zugunsten einer Solokarriere und mehrerer Hollywood-Soundtracks ausgestiegen. Ein paar Jahre später folgte Manuels tragischer Selbstmord. Die verbliebenen Mitglieder taten sich für dieses Studio-Comeback in neuem Line-up mit einer ganzen Reihe prominenter Gäste zusammen. Manuel ist im Geiste dabei, denn sein altersweiser Gesang aus ›Country Boy‹ (zuvor von Sam Cooke und Don Williams aufgenommen) wurde aus abgebrochenen Sessions von 1985 herübergerettet. An anderer Stelle bewiesen The Band erneut ihr Talent für die Interpretation rootsiger Songs von Dylan, Springsteen, Willie Dixon, Muddy Waters und anderen.
Sonderbar
HIGH ON THE HOG RHINO, 1996
Ein wirklich schlechtes Album von The Band gibt es nicht, doch beim vorletzten nahmen sie es in Sachen Qualitätskontrolle etwas lockerer als davor. Hier verließen sie sich etwas zu sehr auf Cover, und Tracks wie ›The High Price Of Love‹, ›Ramble Jungle‹ (mit Gastgesang von Champion Jack Dupree) und ›Free Your Mind‹ sind alles andere als unverzichtbar. Das grauenhafte Artwork hilft auch nicht unbedingt – ein fieses, Zigarre schmauchendes Schwein zählt seine Geldbündel. Dafür ist ›She Knows‹, eine Live- Aufnahme von Richard Manuel aus dem Jahr 1986, ein bewegender Schatz, ebenso wie die Fassung von Dylans ›Forever Young‹, aufgenommen als Hommage an Grateful-Dead-Anführer Jerry Garcia, der während der Sessions verstorben war.