Weiter geht es bei unseren wahren 100 besten Alben der 70er mit den Plätzen 80 bis 61. Dabei sind unter anderem Lou Reed, Heart, Sweet, Free und Boston.
80 SPLIT Groundhogs
LIBERTY, 1971
Auf ihrem knarzigen, aggressiven und unglaublich originellen vierten Album sahen die Groundhogs den immer glattgeleckteren Weg, auf den die britische Blues-Szene Anfang der 70er eingebogen war, und rannten in die entgegengesetzte Richtung. Was zudem ihren Anführer und Gitarristen Tony McPhee als einen der radikalsten und experimentierfreudigsten Musiker seiner Zeit etablieren sollte. Thematisiert wurde hier dessen einzige – und wenig erfreuliche – Erfahrung mit Drogen, als er einen „besonders starken“ Joint nicht vertrug. Das Ergebnis war eine vierteilige Suite, die sich als revolutionär erwies: Mit teils selbstgebauten Instrumenten und Effektgeräten erzeugte McPhee immer seltsamere Geräusche, die sich von melodischem Folk-Blues bis zu einzigartiger Experimentalmusik erstreckten. Ein erstaunliches Werk, das dennoch Platz 5 der britischen Albumcharts erreichte. Matthias Jost
Zeitzeugen:
„Wahrscheinlich das Interessanteste, musikalisch wie textlich, was die Band bislang abgeliefert hat.“ NME
79 DESOLATION BOULEVARD Sweet
RCA, 1974
Bevor sie ihr Schicksal den Songwritern und Hitfabrikanten Chinn und Chapman entrissen, waren Sweet noch als Lieferanten von Bubblegum-Pop-Singles bekannt. Mit ›Sweet Fanny Adams‹ wurden sie zu einer richtigen Hardrockband, die gegen jeden der seriöseren Namen jener Zeit bestehen konnte. Dave Ling
Zeitzeugen:
„Sweet hatten mit diesem Album viel zu verlieren. Wäre es ein Flop geworden, hätten sie äußerst dumm ausgesehen, doch dazu ist es nicht gekommen.“ Disc
78 TEENAGE HEAD
Flamin‘ Groovies
KAMA SUTRA, 1971
Mit einer ähnlichen Dynamik wie STICKY FINGERS von den Stones aus dem selben Jahr legten sich die Groovies aus San Francisco mit der „Besten Rock‘n‘Roll-Band der Welt“ auf dem Zenit ihres Könnens an – und machten laut Mick Jagger die bessere Platte. Ian Fortnum
Zeitzeugen:
„Das beste amerikanische Album, das ich dieses Jahr gehört habe, aber noch bemerkenswerter ist, dass TEENAGE HEAD nah daran kommt, das beste Hardrock-Album einer amerikanischen Rockband überhaupt zu sein.“ The Rag
77 LIVE Foghat
BEARSVILLE, 1977
Ein frühes Beispiel für das Phänomen, das als „groß in den Staaten, zuhause unbedeutend“ bekannt wurde. Foghat gründeten sich 1970 in London nach der Auflösung von Savoy Brown mit einigen derer Mitglieder, doch es war das Amerika der Arbeiterklasse, das ihren hochintensiven Boogie-Rock feierte, angetrieben von Rod Price an der Slide-Gitarre – einer der furiosesten, die man je gehört hatte. Dave Ling
Zeitzeugen:
„Dieses Album ist so frech, dass es Kiss wie eine Folkband klingen lässt.“ Circus
76 PARCEL OF ROGUES
Steeleye Span
CHRYSALIS, 1973
Nach dem Ausstieg der Folkhelden Martin Carthy und Ashley Hutchings (Fairport Convention) unterschrieben Steeleye Span aufgrund seiner Erfolge mit Pentangle und Ralph McTell bei Manager Jo Lustig. Ihr zweites Album unter seiner Ägide verband traditionelle Songs mit einem Motiv aus Robert Louis Stevensons Abenteuerroman „Entführt“ und drehte dabei das Rockelement deutlich auf. Ein Richtungswechsel, der sich für die Zukunft der Band als Geniestreich erweisen sollte. Jo Kendall
Zeitzeugen:
„Alte Songs, die so aufregend unter Strom stehen, dass sie zu platzen drohen.“ NME
75 THE CARS The Cars
ELEKTRA, 1978
Mit seiner Kombination aus Synthies und Gitarren war das Debüt der Cars so ziemlich die Blaupause für den New-Wave-Sound der USA. Die glatte Produktion tat ihr Übriges und brannte wie Eis auf den Hits ›My Best Friend‘s Girl‹ und ›Just What I Needed‹. Chris Roberts
Zeitzeugen:
„Die trendigen Wangenknochen und etwas synthetische, saubere, „Alles-schon-erlebt“-Pose einer Gruppe, die es bis ganz nach oben schaffen könnte. Oder hier stecken bleibt.“ NME
74 H TO HE, WHO AM THE ONLY ONE
Van Der Graaf Generator
CHARISMA, 1970
Diese Songs drehten sich um das Thema Isolation, und die Musik spiegelte dieses Gefühl ebenfalls wider. Wie schon auf ihren Vorgängerwerken gingen VDGG hier fast perverse künstlerische Risiken ein und wurden dafür mit schwachen Verkäufen und gemischten Kritiken belohnt. Doch über die Jahre ist ihr Status in der Prog-Szene stets gewachsen. Malcolm Dome
Zeitzeugen:
„Van Der Graaf Generator sollten eine der Gruppen mit den größten Erfolgschancen 1971 sein.“ Record Mirror
73 ARGUS Wishbone Ash
DECCA, 1972
Ende 1972 war es nicht Deep Purples MACHINE HEAD, VOL. 4 von Black Sabbath oder David Bowies ZIGGY STARDUST, das an der Spitze des „Sounds“-Leserpolls stand, sondern ARGUS von Wishbone Ash. Diese faszinierende, melodische Mixtur aus Heavy-Rock, Prog und Folk begeisterte mit einer cleveren Doppel-Leadgitarre, die für ihre Zeit bahnbrechend war, und steckte voller englischem Mystizismus. Die Atmosphäre wurde noch unterstrichen von dem rätselhaften Wächter auf dem von Hipgnosis entworfenen Cover, auch wenn das Bild tatsächlich in der Provence entstanden war. Geoff Barton
Zeitzeugen:
„Die Songs auf ARGUS haben Ähnlichkeiten mit The Who, Traffic, den Beatles und Yes und stecken voller Energie und einfach guter Gefühle.“ Rolling Stone
72 DON‘T LOOK BACK Boston
EPIC, 1978
DON‘T LOOK BACK wurde nach der Flutwelle des Lobs für das Multiplatin-Debüt unfairerweise übergangen, doch es war weit mehr als nur ein platter Abklatsch davon. Gitarrist und Mastermind Tom Scholz jammerte zwar später darüber, dass er zur Fertigstellung gedrängt wurde (trotz 1.000 Stunden im Studio), doch das Ergebnis erreichte trotzdem Platz 1 der US-Charts – im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Dave Ling
Zeitzeugen:
„DON‘T LOOK BACK ist keine Abkehr von, sondern eine Festigung des Sounds, den Boston auf ihrem umwerfenden ersten Album eingeführt haben.“ Rolling Stone
71 CHICAGO II Chicago
COLUMBIA, 1970
Zunächst als Chicago Transit Authority bekannt, strich der 14-beinige Koloss die Verkehrsbetriebe aus seinem Namen und fuhr fort mit diesem kraftvollen Doppelalbum, das Free-Jazz, hüftwackelnden R&B und eine sechsteilige Suite à la ABBEY ROAD beinhaltete. Der knackige Rocktrack ›25 Or 6 To 4‹ ist über die Zeit hinter die Sofakissen gerutscht, während die Band zu Softrock-Titanen mutierte, doch er erinnert an die rohe Live-Power dieser Herren. Jo Kendall
Zeitzeugen:
„Jedes Stück entwickelt sich in praktisch unbekanntes Terrain … Basie mit der Mehrheitsfähigkeit eines Cole Porter.“ Disc
Die 70er waren natürlich das großartigste Jahrzehnt in der Musik überhaupt. Ihr glaubt, die größten Klassiker jener Dekade zu kennen? Moment, nicht so schnell – hier sind die Alben, die WIRKLICH wichtig waren! (Achtung: LED- ZEP-IV-freie Zone!)
Willkommen zu unserem monumentalen Countdown der WAHREN 100 besten Alben der 70er – die Auswahl für echte Kenner.
Die Regeln sind einfach: 1. Ein Album pro Act. Ja, wir wissen, dass Zeppelin, AC/DC und Bowie schon allein genug tolle Platten gemacht haben, um die komplette Liste zu füllen, aber das wäre doch langweilig. Wir geben den anderen auch eine Chance. 2. Die berühmtesten Alben sind tabu. Muss die Welt wirklich noch mal etwas über PARANOID lesen? Nein. Dies sind die unbesungenen Klassiker und verkannten Juwelen. Überraschungen garantiert! 3. DIE Wahl muss gerechtfertigt werden.
Wieso sollten euch diese Werke interessieren? Wir sagen es euch!
Alles klar? Gut. Bitte hereinspaziert …
100 IN FOR THE KILL!
Budgie
MCA, 1974
Das vierte Album des walisischen Trios von Bassist und Sänger Burke Shelley, Gitarrist und Sänger Tony Bourge sowie Schlagzeuger Pete Boot war ein Feuerball aus reiner Proto-Metal-Energie. Stücke wie ›Crash Course In Brain Surgery‹ und ›Zoom Club‹ groovten so eigenartig wie effektiv und festigten Budgies Ruf unter den folgenden Generationen von Metalheads. Damals galt die Band als uncool, doch dieses Werk war eine so kraftvolle wie überzeugende Ansage. Malcolm Dome
Zeitzeugen:
„Es gibt hier nichts, was die Fantasie befeuert, sie wird nur pulverisiert. Eine Platte voller spastischer, torkelnder Riffs und kindischer Vocals.“ Melody Maker
99 CLEAR SPOT Captain Beefheart
REPRISE, 1972
Nachdem er den Rock an seine äussersten Grenzen getrieben hatte, suchte Captain Beefheart den Erfolg, indem er sich mit dem Doobie-Brothers-Produzenten Ted Templeman zusammentat. Gemeinsam erschufen sie die kurz-und-knappe, absolut anhörbare, aber doch einzigartig fremde Gumbo-Wut von CLEAR SPOT. Der Höhepunkt war das umwerfende ›Big Eyed Beans From Venus‹. Verkauft hat es sich trotzdem nicht. Kris Needs
Zeitzeugen:
„Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass Beefheart endlich sein volles Potenzial als Vollgas-Rock‘n‘Roller ausschöpft.“ Creem
98 NORTHWINDS David Coverdale
PURPLE, 1978
Coverdales zweites Soloalbum kam dem erdigen Blues und Soul viel näher als alles, was er je mit Deep Purple gemacht hatte. Zudem wurde es zur Blaupause für seine Musik in der frühen Bluesrock-Phase von Whitesnake. Aufgrund mangelnder Promotion wurde es damals aber kaum wahrgenommen. Malcolm Dome
Zeitzeugen:
„Acht griffige Rocksongs, von Balladen zu härteren Stücken. [Coverdale] singt mit vollem Einsatz und jeder Menge raukehliger Feuerkraft.“ Record Business
97 THE GODZ
The Godz
RCA, 1978
Das Debüt von The Godz, produziert von Grand-Funk-Railroad-Schlagzeuger Don Brewer, war primitiver, auf das absolute Minimum reduzierter US-Hardrock. Gitarrist Eric Moores Riffs dominieren, während die charmant proletenhafte Bikerhymne ›Gotta Keep A Runnin‘‹ Twisted Sister wie Muse klingen lässt. Alle sagen, der Rock‘n‘Roll sei tot – doch der Rock‘n‘Roll der Godz ist alles andere als das! Geoff Barton
Zeitzeugen:
„Sie wurden schon mit Grand Funk verglichen, doch ich finde sie besser, tighter und mehr in der Tradition des guten alten Arschtret-Rock.“ Sounds
96 MËKANÏK DËSTRUKTÏẀ KOMMANDÖH
Magma
A&M, 1973
Auf dem dritten Album führte der Schlagzeuger und Komponist Christian Vander sein französisches Ensemble beherzt an die Grenzen der Prog-Jazz-Exzentrik. Dabei musste man Vanders mythische Sprache Kobaïan nicht beherrschen, um diese sinfonische Sci-Fi-Saga zu verstehen – das explosive-polyrhythmische Verschmelzen von Swingle Singers, Carl Orff und Metal genügte völlig. Produziert wurde das Album vom ehemaligen Yardbirds/Stones-Impresario Giorgio Gomelsky und war zudem der Ursprung des obskuren Prog-Subgenres Zeuhl. Jo Kendall
Zeitzeugen:
„Sich das anzuhören, bedarf einiger geistiger Anpassung und eines Überdenkens musikalischer Werte …
dies ist Musik aus den Sphären.“ Melody Maker
95 STRAY DOG
Stray Dog
MANTICORE, 1973
Diese Texaner waren wirklich außergewöhnlich, denn sie wurden sowohl von ZZ Tops Billy Gibbons als auch ELPs Greg Lake unterstützt. Auf diesem wilden Debüt fand sich ein brandheißes Cover der ZZ-Top-Nummer ›Chevrolet‹, während es auf ELPs eigenem Label Manticore erschien. Das Highlight ist zweifellos ›Rocky Mountain Suite (Bad Road)‹, ein knockentrockener Heavy-Blues, angetrieben von WG „Snuffy“ Waldens furioser Gitarre. Doch Stray Dog warfen bald das Handtuch und „Snuffy“ verkroch sich Richtung Hollywood, um Scores für Fernsehserien wie „The West Wing“ zu machen. Geoff Barton
Zeitzeugen:
„Ihr Promenadenmischung-Rock klingt mit jeder Sekunde noch räudiger und zotteliger.“ Sounds
94 TUBEWAY ARMY
Tubeway Army
BEGGARS BANQUET, 1978
Gary Numans Debütalbum präsentierte die DNS des heißesten Acts von 1979 – eine Faszination für Philip K Dick, chronisch gestörtes Sozialverhalten und Storytelling à la Ziggy Stardust – und übergoss primitiven Synth-Punk mit beeindruckender Gitarrenarbeit. Jo Kendall
Zeitzeugen:
„Simple und rohe Projektionen der Zukunft.“ NME
93 TAGO MAGO
Can
UNITED ARTISTS, 1971
Unverständliche Texte, kaum nachvollziehbare Strukturen und epische Grooves stellten sicher, dass TAGO MAGO Can nicht zu Chartstürmern machte. Doch die abstrakte Genialität und der halluzinogene Artrock markierten eine verwegene neue Form von deutschem Expressionismus. Rob Hughes
Zeitzeugen:
„Ich habe nicht den Eindruck, dass in dieser Musik auch nur ein Hauch des Geistes von Rock‘n‘Roll steckt.“ Melody Maker
92 NO OTHER
Gene Clark
ASYLUM, 1974
Die 1973er-Reunion der Byrds bescherte Clark auch einen Solovertrag mit Asylum Records. Leider verstand das Label dieses Country-Rock-Meisterwerk mit metaphysischen Texten und psychedelischen Gospel-Einflüssen nicht und machte kaum Werbung dafür. Rob Hughes
Zeitzeugen:
„Die veredelte Essenz von allem, was Clark mit The Byrds und als Solokünstler je gemacht hat.“ Sounds
91 III
Santana
CBS, 1971
Auf III zogen Santana sämtliche Latin-Rock-Register und holten den erst 17-jährigen Neal Schon ins Boot, um knackige Licks über frei fließende Kreuzrhythmen zu bomben. Der Höhepunkt auf diesem US-Nr.-1-Album war ›Everybody‘s Everything‹. Jo Kendall
Zeitzeugen:
„Man hört sich Santana nicht nur an. Man steigt in den Rhythmus ein und macht mit.“ Rolling Stone
Der Fund einer mächtigen Waffe löst einen Krieg auf dem Planeten Acheron aus. Spieler finden sich inmitten unbarmherziger Schlachten zwischen den Armeen des Kriegsherrn Gorgutz, der Eldar-Runenprophetin Macha und des Space Marines Gabriel Angelos wieder. Ob man die Space Marines, die Eldar oder die Orks steuert – DAWN OF WAR III bietet feinste, mit Rollenspiel-Bestandteilen gespickte Echtzeitstrategie. Im Vergleich zu früheren Teilen fallen die Kriegsmaschinen abermals größer aus. Gleiches gilt für neue Superfähigkeiten, die dem Weltall-Spektakel die bislang epischsten und spektakulärsten Momente bescheren. Auch die taktische Vielfalt und die Erweiterungsmöglichkeiten haben deutlich zugenommen, was zu noch längeren, unerbittlicheren Kämpfen führt. Da die drei Fraktionen völlig individuelle Eigenschaften, Vor- und Nachteile bieten, die Aufgabenpalette von klassischen Verteidigungs-/Eroberungsgefechten und Massenschlachten bis hin zu Schleich-/Suchaufträgen und vielem mehr reicht und der Umfang der Welt nochmals angestiegen ist, lässt sich selbst nach mehrmaligem Durchspielen immer wieder etwas Neues entdecken. Auch in Gemeinschaft, denn abseits der Kampagne bietet die Software einen süchtig machenden Online-Koop-Modus.
WARHAMMER 40.000: DAWN OF WAR III
PC
SEGA/VÖ: 01.01.
Die Silvesternacht hat Spuren hinterlassen? ZZ Top verraten in unserem „Video der Woche“ ihren Tipp: ›Cheap Sunglasses‹!
Manch einem dürfte an diesem Neujahrsmorgen der Kopf brummen. Doch im Bett liegen zu bleiben, geht gar nicht. Das wussten ZZ Top bereits 1979, als ihr Album DEGÜELLO erschien. Darauf befand sich die spätere Single ›Cheap Sunglasses‹, in der uns Billy Gibbons mit einer seiner vielen Weisheiten bereicherte:
„When you wake up in the morning and the light is hurt your head/The first thing you do when you get up out of bed/Is hit that street a-runnin‘ and try to meet the masses/And go get yourself some cheap sunglasses“
In diesem Sinne: Seht hier ZZ Top mit ›Cheap Sunglasses‹ im „Rockpalast“ 1980 … und dann los!
Und hier sind sie, die Top 10 der 50 besten Alben 2016 u.a. mit Iggy Pop, Nick Cave, Metallica, The Marcus King Band und The Rolling Stones.
10 Neil Young
EARTH
Reprise/Warner
Umweltschützer-Neil hat wieder zugeschlagen. Sein jüngstes Live-Album handelt von kapitalistischer Gier und der damit einhergehenden Zerstörung des Planeten durch den Menschen. Zu hören gibt es Songs von den 70ern bis heute, von ›After The Gold Rush‹ über ›Love And Only Love‹ (28 Minuten!) bis zu ›The Monsanto Years‹. Zwischen die Lieder sind summende Bienen, schnatternde Gänse und muhende Kühe gemischt. Anspieltipp: ›Vampire Blues‹
09 Pretenders
ALONE
BMG/Warner
„Von all meinen Alben liebe ich dieses am meisten“, verriet Chrissie Hynde vor Kurzem. Auch wenn das dem ein oder anderen Langzeitfan nicht gefallen dürfte, ist das natürlich ihr gutes Recht. Denn das zehnte Pretenders-Album steht ganz in der Tradition der New-Wave-Institution. Gemeinsam mit Dan Auerbach von den Black Keys ist Hynde eine ins Ohr gehende Mixtur aus Punk, 50s-Twang und Pophit gelungen. Anspieltipp: ›Holy Commotion‹
08 The Pretty Reckless
WHO YOU SELLING FOR
Universal
Vermutlich eine der größten Überraschungen im Gesamtjahres-Ranking liefern The Pretty Reckless, war es doch lange viel zu einfach, sie als Möchtegern-Rockstar-Hobby eines schauspielernden Models abzutun. Doch Taylor Momsen ist mehr als ein 23-jähriges „Gossip Girl“ und WHO YOU SELLING FOR beweist, dass ihre Liebe zum Classic Rock aufrichtig und mehr als ein „trendy“, „punky stylisches“ Band-Shirt bei H&M ist. Stimme, Songs und Sound sind hier beinahe auf dem Niveau ihrer Idole. Anspieltipp: ›Back To The River‹ (feat. Warren Haynes)
07 Santana
SANTANA IV
Santana IV Records/Alive
Nach III kommt IV – oder ein Abstecher zur CARAVANSERAI, gefolgt von 19 weiteren Studioalben. Aber im April 2016 war es tatsächlich soweit: Nach 45 Jahren ließ Carlos Santana mit alten Amigos, namentlich Neil Schon, Michael Shrieve, Michael Carabello und Gregg Rolie, den klassischen Band-Sound wieder auferstehen. Ein gelungenes Comeback, erfolgreich noch dazu – in Deutschland war Platz 5 der Charts drin.
Anspieltipp: ›Anywhere You Want To Go‹
06 The Jayhawks
PAGING MR. PROUST
Sham/Alive
Nach fünf Jahren Pause sind die Jayhawks zurück. Und wenn man sich ihr neues Werk anhört, muss man sagen: Die Wartezeit hat sich gelohnt. Noch immer vereinen Sänger Gary Louris und Kollegen wie keine Zweiten sonnige Americana mit gescheiten Texten und perfekten Popmelodien. Das Ergebnis: Songperlen wie ›Lovers Of The Sun‹, ›Quiet Corners & Empty Spaces‹ und ›Isabel‘s Daughter‹. Tracks zum Träumen. Anspieltipp: ›Quiet Corners & Empty Spaces‹
05 The Marcus King Band
THE MARCUS KING BAND
Concord Records
Jeder Vertreter der Redaktion vergibt seine Punkte und am Ende wird ausgezählt. Das Ergebnis: eine absolut verdiente wie (auch für uns) erfreulich unerwartete Nummer fünf! Nicht eine der seit Jahrzehnten in olympische Höhen glorifizierten Stadionbands, sondern ein 20-Jähriger mit seiner nach ihm benannten Combo hat es unter die Top 5 geschafft. Rock is dead? Keineswegs! Dies ist der gerade einmal zweite Studioanlauf eines schier übermenschlich beseelten Soul-Boys, der seinen Stil aus Funk, Jazz, Psychedelic Rock, Country und Americana schon jetzt gefunden hat. Mit virtuosen Instrumentalkünsten, die ihre Ausprägung bei King zwischen einem angejazzten Jeff Beck und einem psychedelischen Carlos Santana gefunden haben, verlieren sich er und seine Band zwar immer wieder in ausufernden Soli, nie aber benötigt man den Abschluss eines musiktheoretischen Studiums, um diese auch genießen zu können. Auf 13 nie abfallenden Nummern bewahrt Marcus King mit seiner ausgereiften, hoch energetischen und zugleich emotional zerbrechlichen Stimme eine tief geerdete Authentizität, die sich einem jeden nur ansatzweise empfindenden Wesen erschließen muss: „Es ist mir gelungen, endlich das in die Musik zu packen, was ich schon länger in meinem Herzen fühlte“, so King im Interview mit CLASSIC ROCK. Davon war im Vorfeld der Arbeiten an THE MARCUS KING BAND auch das langjährige Mitglied der Allman Brothers, Warren Haynes, begeistert. Der übernahm für den Nachwuchs mit Freuden das Amt des Produzenten und war schließlich erkennbar daran beteiligt, das der jungen Truppe gegebene kreative Spektrum umzusetzen: Ein Funk-Opening bei ›Ain’t Nothin‘ Wrong With That‹ in James-Brown-Manier, die halbakustische Folk-Ballade ›The Man You Didn’t Know‹, das astreine Honky-Tonk-Lamento ›Guitar In My Hand‹, das sphärische Beat-Stück ›Self-Hatred‹ mit Unterstützung von Derek Trucks, der bluesige Southern Rocker ›Virginia‹ mit Haynes persönlich an der Gitarre und sogar ›Thespian Espionage‹, eine Fusion-Komposition mit Querflöten-Impro … alles geboten bei unserem „King des Jahres“!
Anspieltipp: ›The Man You Didn’t Know‹
Paul Schmitz
04 Iggy Pop
POST POP DEPRESSION
Caroline/Universal
Ach, Iggy. Es dürfte wirklich nur wenige Künstler geben, deren Kultstatus, Bekanntheitsgrad und schlichter Coolness-Faktor in so einem krassen Missverhältnis zu ihrem kommerziellen Erfolg stehen. Wem sonst schlägt bei alleiniger Nennung des Namens so eine Woge des Wohlwollens entgegen – die sich aber nie in einem echten Bestseller niederschlug? War es nicht endlich an der Zeit, dass James Newell Osterberg mal so richtig die Ernte einfährt? Umso mehr in dem Jahr, in dem er vom Tod seines Mentors und Förderers David Bowie so gebeutelt war?
Wie wir nun wissen, ging die Rechnung auf. Dabei half sicher auch, dass Mr. Pop andeutete, es würde sich um sein letztes Album handeln. Vor allem aber konnte er auf so prominente wie tatkräftige Unterstützung zählen. Kein Geringerer als Queens-Of-The-Stone-Age-Supremo Josh Homme griff der Punk-Legende unter die Arme, und das nicht allein: Er brachte nicht nur seinen QOTSA-Mitstreiter Dean Fertita mit, auch Arctic-Monkeys-Drummer Matt Helders stieß zum Team. Wodurch POST POP DEPRESSION eine Art Multi-Generationen-Supergroup-Projekt wurde – auf dem dennoch trotz aller Starpower nur Iggy selbst regierte.
Klar hört man die einzigartigen Robo-Riffs des Wüstenwikingers Homme heraus, doch sobald dieses unverwechselbare Timbre erklingt, diese wissende, verlebte Stimme, die trotzdem noch so lasziv, dynamisch und angriffslustig sein kann wie eh und je, ergibt man sich ihr voll und ganz, taucht ein in diese dunklen Geschichten, in der Wehmut, Melancholie und ein schelmisches Augenzwinkern nie weit voneinander entfernt sind. Die wilde Energie der Stooges durfte man hier natürlich nicht mehr erwarten, doch wie nur wenige Platten transportiert POST POP DEPRESSION eine Qualität, die so viele gerne für sich beanspruchen, ohne sie je wirklich zu erreichen: Authentizität. Iggy Pop ist eben nicht das „real wild child“, sondern vor allem eines: the real deal. Dass er es damit 2016 endlich mal in die Top 10 gleich mehrerer Länder schaffte, war einer der dünn gesäten Lichtblicke in diesem fatalen Jahr. Anspieltipp: ›Paraguay‹ Matthias Jost
03 Metallica
HARDWIRED… TO-SELF-DESTRUCT
Universal
Kein Album in diesem Jahr wurde so herbeigesehnt wie dieses. Acht Jahre haben Metallica gebraucht, um ihr zehntes reguläres Studiowerk fertig zu stellen, das schürt so einige Erwartungen. Dass sie so einiges in petto hatten zeigt HARDWIRED… TO-SELF-DESTRUCT eindrucksvoll. Denn dort vereinen sie alle musikalischen Phasen der Band zu einem Großen Ganzen. ›Hardwired‹ ist ein Trash-Kracher der alten Schule, kompromisslos und direkt. ›Atlas, Rise!‹ schafft noch Raum für Melodien und ausgiebige Gitarrensoli. Hier liefert Hetfield eine seiner stärksten stimmlichen Leistungen ab, wenn er den Titan in bedrohlichem Ton beschwört. ›Now That We’re Dead‹ ist eine eingängige Hymne, ›Moth Into The Flame‹ der modernste Song mit krachender Strophe und melodischem Refrain. Mit ›Dream No More‹ und ›Halo On Fire‹ schließen Metallica die erste CD mit düsterer Stimmung ab. ›Confusion‹ ist die brachiale Eröffnung von CD Nummer zwei. Danach bringt ›ManUNkind‹ beide Gesichter der Band, das brutale und zarte, in ein perfektes Gleichgewicht. ›Here Comes Revenge‹ steht in der düster verzweifelten Tradition von ›The Unforgiven‹ und ›Thorn Within‹, während ›Am I Savage‹ wie eine Hommage an Megadeth und damit ihren ehemaligen Gitarristen Dave Mustaine wirkt. Bei ›Murder One‹ greifen sie ein bisschen in Richtung ›Enter Sandman‹, mit ›Spit Out The Bone‹ beenden sie HARDWIRED… so kompromisslos wie sie es begonnen haben. Eine solide Sache, wobei man klar betonen muss, dass die zweite Hälfte des Albums die stärkere ist. Größter Wermutstropfen ist jedoch ihr schlechtes Händchen in Sachen Produktion. Dieses Mal wählte man Greg Fidelman, der bei DEATH MAGNETIC die rechte Hand von Rick Rubin war – und es vielleicht auch hätte bleiben sollen. Der Schlagzeugsound klingt wie ein billiger Drumcomputer, Trujillos Bass ist meist nur zu erahnen und auch Hetfield klingt oft leise und schwachbrüstig – allgemein ist der Sound sehr ausgedünnt. Schade, denn alles in allem ist HARDWIRED… ein tolles Album geworden. Wie hätte es wohl erst klingen können, wenn man die Regler ein bisschen anders gedreht hätte? Anspieltipp: ›ManUNkind‹ Simone Müller
02 Nick Cave
SKELETON TREE
Bad Seeds/Rough Trade
„You fell from the sky/Crash landed in a field“, singt Nick Cave in ›Jesus Alone‹, einem geisterhaft wabernden Songgebet, das sein 16. Album mit den Bad Seeds eröffnet. Es fällt schwer, diese Verse nicht auf die tragische Begebenheit zu beziehen, die über diesem Werk liegt: Im Juli 2015 verlor Cave seinen 15-jährigen Sohn Arthur, als der nach Experimenten mit LSD von einer Klippe stürzte. Selbst wenn die Aufnahmen schon in Gang waren, viele der Lieder schon geschrieben, ist die Platte nicht isoliert von diesem Unglück zu denken. Auch wegen des begleitenden Films „One More Time With Feeling“, der in kargen Schwarzweiß-Bildern die musikalische Atmosphäre von Trauer und Ratlosigkeit aufnimmt.
Dennoch darf nicht vergessen werden, dass SKELETON TREE, jenseits von Caves persönlichem Verlust, ein ästhetisches Erzeugnis ist, ein Kunstwerk, das sich mit allgemeingültigen Themen wie Verlust, Orientierungslosigkeit, dem verzweifelten Ringen um Hoffnung und dem Bedürfnis nach Liebe beschäftigt. Wenn auch auf sehr intime Art und Weise. Caves cooler Sarkasmus, seine dandyhafte Attitüde sind weniger präsent als zu vergangenen Zeiten, seine Stimme klingt sanft, bisweilen brüchig und um Stärke ringend. Und auch die rumpelnde Rockmusik, zu der seine Bad Seeds fähig sind, sucht man vergebens. Es gibt Gitarren zu hören, das schon, und auch analoge Instrumente wie Piano und Streicher. Doch fließen diese ein in einen Strom aus elektronischem Wabern und Brizzeln, für den der geniale Warren Ellis verantwortlich ist.
Es ist deshalb schwer, einzelne Stücke herauszugreifen. ›Rings Of Saturn‹ mit seinen futuristischen Soundsprengseln und seinem grandiosen Sprechgesang und das erhaben-flehende ›I Need You‹ sind vielleicht am eingängigsten. Auf ›Distant Sky‹ wird Cave von Sopranistin Else Torp begleitet. Und ganz am Ende steht mit dem überirdisch schönen Titelstück ein Moment der Katharsis. Als würde eine bleischwere Wolkendecke aufreißen und Licht in die Finsternis strahlen. „And it’s alright now“, singt Cave mehrmals. Es klingt wie ein Beginn, nicht wie ein Ende. Anspieltipp: ›Rings Of Saturn‹ David Numberger
01 The Rolling Stones
BLUE & LONESOME
Polydor/Universal
Seien wir ehrlich: Wenn eine altgediente Band, deren Eigenkompositionen in der Rockgeschichte Spuren von der Tiefe eines Canyons hinterlassen haben, ein Spätwerk mit Cover-Versionen präsentiert, dann verheißt das im Normalfall nichts Gutes. Der Verdacht: Liebesentzug. Genauer gesagt: Die Muse will nicht mehr küssen. Doch im Zusammenhang mit den Rolling Stones das Wort „Normalfall“ in den Mund zu nehmen, trägt selbstredend absurde Züge. Zum einen, weil sie niemandem, wirklich niemandem mehr beweisen müssen, dass sie Songs schreiben können. Zum anderen, weil sie vermutlich auch aus den mittelgrößten Hits der Bay City Rollers ein knackiges Album gezaubert hätten, denn auf Keith Richards‘ Bullshit-Detektor ist gemeinhin Verlass. Letzterer konnte bei BLUE & LONESOME aber ohnehin ausgeschaltet bleiben, die zwölf Vorlagen sind über alle Zweifel erhaben. Je zwei stammen von Willie Dixon und Little Walter, eine von Howlin‘ Wolf. Den Titelsong hat anno 1949 Memphis Slim verfasst, Magic Sam, Jimmy Reed und Buddy Johnson werden ebenfalls zitiert. Denn ob auf dem 23. Studioalbum der Rolling Stones ein potenzieller Single-Hit zu finden ist, geht mittlerweile wohl selbst Mick Jagger am hageren Hintern vorbei. Der Plan war ein anderer: Spaß zu haben. Und jenen Künstlern die Ehre zu erweisen, die einst zu verhindern halfen, dass aus dem Lehrersohn Jagger selbst ein Lehrer wurde, dass Charlie Watts bis zur Rente als Grafiker arbeitete und Keith Richards ein Amateurgitarrist blieb. Vermutlich gibt es weltweit ein paar Tausend Bands, die alte Blues-Nummern nachspielen, man könnte dieses Projekt als wenig originell abtun. Bis man Jaggers schnarrende Stimme und seine beseelte Blues-Harp hört, begleitet von diesem stoisch schlichten Schlagzeugspiel, das eher rollt als rockt, und von diesen beiden schartigen Gitarristen, denen die richtige Attitüde bis heute wichtiger ist als geschmeidige Virtuosität. Ist BLUE & LONESOME ihr letztes gemeinsames Album? Vielleicht. Hoffentlich nicht. Falls doch, ist es ein würdevoller Abgang. Anspieltipp: ›Commit A Crime‹ Uwe Schleifenbaum
Willkommen bei den Plätzen 20 bis 11 unserer 50 besten Alben 2016 inklusive Sting, Joe Bonamassa, Eric Clapton und Wolfmother.
20 Sting
57Th & 9TH
Interscope/Universal
Zum ersten Mal seit 13 Jahren verfasst Sting wieder ein – für seine Verhältnisse – rockendes Album, ohne Theater- oder sonstigem Konzepthintergrund. Und wir hören: Einige The-Police-Sounds und manches, das an den guten Solo-Pop-Sting erinnert. Nur einmal hat sich wohl sein Esoterikberater auf den Produzentenstuhl gestohlen. Sei’s drum! „So Gott will“, vergessen wir schnell ›Inshallah‹ und hören um so öfter ›50.000‹ und unseren … Anspieltipp: ›Petrol Head‹
19 Leonard Cohen
YOU WANT IT DARKER ´
Columbia/Sony
Dunkel, in der Tat – aber eben auch von zerbrechlicher Schönheit. Cohen raunt fast mehr, als dass er singen würde, und zwar mit einer Stimme, die scheinbar abgeklärt und spröde, aber zutiefst warmherzig über Gott, den Tod und die Liebe sinniert. Das Album erschien am 21. Oktober, am 7. November verließ uns Cohen für immer. YOU WANT IT DARKER ist der würdige Schlusspunkt einer wunderbaren Karriere. Anspieltipp: ›Treaty‹
18 Joe Bonamassa
BLUES OF DESPERATION
Provogue/Mascot/Rough Trade
Technisch immer perfekt, aber ein bisschen seelenlos – so könnte man seinen Blues beschreiben. Doch während viele im Alter immer mehr technische Finesse erlangen, gewinnt Bonamassa mit den Jahren vor allem an Gefühl und Leidenschaft. Die neuen Songs sind druckvoller und rockiger als gewohnt, mal dreckig, mal traurig. Auch stimmlich hat er enorme Fortschritte gemacht, schwankt zwischen Wut, Verzweiflung und heiserem Hauchen. Anspieltipp: ›Blues Of Desperation‹
17 Monster Truck
SITTIN‘ HEAVY
Provogue/Mascot/Rough Trade
Manchmal braucht man einfach Musik, die einen mitreißt und völlig in ihren Bann zieht. Monster Truck haben dieses einnehmende Wesen. Bei SITTIN‘ HEAVY muss man sich schon festhalten, um nicht vom Stuhl geblasen zu werden. Kompromisslos rocken die Kanadier durch ihren Zweitling, zitieren gekonnt Led Zeppelin, Thin Lizzy und Bad Company und kreieren daraus völlig unverkrampft ihren eigenen brachialen Sound. Anspieltipp: ›For The People‹
16 Sturgill Simpson
A SAILOR’S GUIDE TO EARTH
Atlantic/Warner
Für Fans von traditionellem und alternativem Country, die lange am Fließband-Pop aus Nashville (Stichwort „Bro-Country“) verzweifelten, fühlte sich 2016 verdammt gut an. Der „wahre“ Country schlug zurück. Zum einen festgemacht am anhaltenden Aufstieg von Chris Stapleton zum neuen Superstar des Genres. Sein 2015er-Album TRAVELLER steht inzwischen bei zwei Millionen verkauften Einheiten und bewies allen: Ein Markt für authentischen, niveauvollen Country ist sehr wohl vorhanden. Das Billboard-Magazin reagierte mit neuen „Americana/Folk“-Charts für das weite Feld zwischen Südstaatenrockern wie Blackberry Smoke, Veteranen wie John Prine und Neo-Folkies wie Bon Iver. Inzwischen gibt es Wochen, in denen dieses Segment den Country-Pop-Markt überholt. Neue Namen wie Margo Price, William Michael Morgan, Mo Pitney und Luke Bell starten mit Ur-Country durch – es herrscht Umbruchsstimmung wie in den frühen 90ern, als die Alternative-Bands Synthpop und Spandexmetal der 80er alt aussehen ließen.
Wenn wir diesen Vergleich weiterspinnen und Chris Stapleton mit Nirvana gleichsetzen, dann übernimmt Sturgill Simpson wohl die Rolle der Pixies. Der Nashville-Außenseiter war mit seinem 2014er-Album METAMODERN SOUNDS IN COUNTRY MUSIC sicherlich wegweisend für die aktuelle Entwicklung, um aber wirklich vom Mainstream in die Arme geschlossen zu werden, bleibt der Mann, über den Merle Haggard höchstpersönlich sagte „As far as I‘m concerned, he‘s the only one out there“, zu unbequem. Siehe Simpsons drittes Album: Anstatt seiner neuen Fanbase ihr Nu-Country-Wunschkonzert abzuliefern, gibt der Unberechenbare ihr was zu kauen. A SAILOR‘S GUIDE TO EARTH ist ein ausschweifendes Konzeptalbum, geschrieben für Sturgills Sohn, das soulige Bläser, Led-Zep-Rock und eine Zeitlupen-Nirvana-Coverversion mit prägnanten Lyrics voll cleverer Einsichten und bitterer Wahrheiten unter einen Hut bringt – und zwar keinen Cowboyhut. Henning Furbach Anspieltipp: ›Keep It Between The Lines‹
15 Eric Clapton
I STILL DO
Polydor/Universal
Experimente gibt‘s keine auf Gitarrenmeister Claptons 23. Album. Warum auch, der 71-jährige spielt, was er am besten kann: den Blues. Neben Eigenkompositionen finden sich Neuinterpretationen von Legendenkollegen wie Bob Dylan (›I Dreamed I Saw St. Augustine‹) und JJ Cale (›Can’t Let You Do It‹). Eine immer wieder auftauchende Ziehharmonika verleiht den Songs das Flair einer alten Seemannskneipe. Anspieltipp: ›Cypress Grove‹
14 MUDCRUTCH
2
WB/WARNER
Bevor Tom Petty mit den Heartbreakers durchstartete, hieß seine Band Mudcrutch – die seinerzeit allerdings nur Singles aufnahm. Alben entstanden erst im neuen Jahrtausend, das jüngste, 2, präsentiert Petty und Kollegen erwartungsgemäß im Byrds- (›The Other Side Of The Mountain‹) und Dylan-Modus (›Save Your Water‹), ergänzt um ländlich-luftigen Rock‘n‘Roll und gelegentliche Fuzz-Attacken. Hörenswert. Anspieltipp: ›Hope‹
13 Jeff Beck
LOUD HAILER
ATCO/Warner
Musik hält jung, der beste Beweis für diese These ist Jeff Beck, denn der 72-Jährige klingt auf seinem aktuellen Werk so frisch und ungestüm wie mit Mitte 20. Das liegt bestimmt daran, dass Beck während seiner Karriere stets seinen Horizont erweiterte und immer wieder sein gewohntes Fahrwasser verließ. Außerdem stellte er sich für LOUD HAILER eine jugendliche Band für Komposition und Ausführung zur Seite. Anspieltipp: ›Live In The Dark‹
12 Okta Logue
DIAMONDS AND DESPAIR
Virgin/Universal
Wenn es für eine Band aus Hessen keine deutsche, wohl aber eine englische Wikipedia-Seite gibt, sagt das schon mal etwas aus über ihr internationales Format, oder? Mit ihrem dritten Album zeigten sie jedenfalls eindrucksvoll, dass sie nicht nur Landes-, sondern auch Genregrenzen mühelos hinter sich lassen. Psychedelisch angehauchter, zeitloser Midtempo-Rock, der eingängig die Ohren umschmeichelt und doch in seiner ganz eigenen Welt lebt – einfach beeindruckend! Anspieltipp: ›Pitch Black Dark‹
11 Wolfmother
VICTORIOUS
Universal
Ganz geradlinig lief es in den letzten Jahren nicht für Andrew Stockdale. Um so erfreulicher, dass er sich mit VICTORIOUS gefangen hat und sein bestes Album seit dem selbstbetitelten Wolfmother-Debüt vor elf Jahren liefert. Dabei verließ sich Stockdale wieder auf das altbewährte – aber lange nicht so gelungen umgesetzte – Mittel messerscharfer Ohrwurm-Riffs und schrieb trotzdem so vielseitige Songs wie selten zuvor. Anspieltipp: ›Gypsy Caravan‹
Im dritten Teil unserer 50 besten Alben 2016 wollen wir euch die Plätze 30-21 vorstellen. Geschafft haben es unter anderem Davd Bowie, Brian Fallon, Steven Tyler und die Red Hot Chili Peppers.
30 Robert Pehrsson’s Humbucker
LONG WAY TO THE LIGHT
High Roller/Soulfood
Der umtriebige Schwede arbeitet sich weiter nach oben und zündet mit seinem zweiten Album ein echtes Feuerwerk des klassischen 70s-Rock. Knackig, kraftvoll und überaus unterhaltsam – Phil Lynott wäre stolz! Anspieltipp: ›Traveling Through The Dark‹
29 Katatonia
THE FALL OF HEARTS
Peacevile/Edel
Dem Dark Metal sind die Schweden zwar mittlerweile entwachsen, doch am wohlsten fühlen sie sich noch immer in der Dunkelheit. Ihr progressiver Sound auf Album Nummer zehn ist geprägt von düsteren Melodien, bedrohlichen Riffs und romantischer Melancholie. Anspieltipp: ›Serein‹
28 Steven Tyler
WE’RE ALL SOMEBODY FROM SOMEWHERE
Universal
Der „Demon Of Screamin’“ betritt den kommerziell ausgetrampelten Pfad des Pop-Country, schafft es aber, den befürchteten Ausverkauf zu vermeiden. Mit viel Liebe zur Musik und einer der größten Stimmen des Rock zeigt dieses Album wahren „Gypsy“-Geist. Anspieltipp: ›My Own Worst Enemy‹
27 The Chris Robinson Brotherhood
ANYWAY YOU LOVE, WE KNOW HOW YOU FEEL
Megaforce/H’ART
Der ältere der Robinson-Brüder macht unbeirrt weiter und nutzt seine Post-Crowes-Freiheit, um immer schön gemütlichen, sanft trippigen Feelgood-Blues zu produzieren. Völlig unkommerziell und deswegen umso besser. Anspieltipp: ›Leave My Guitar Alone‹
26 Red Hot Chili Peppers
THE GETAWAY
Warner
Mit Produzent Danger Mouse als kreativem Katalysator klingen die Chilis hier streckenweise ein wenig zu glattgeschliffen und poliert. Doch zwischendurch bricht immer wieder der gewohnte Charme der Band durch, groovy und frech. Anspieltipp: ›We Turn Red‹
25 Tedeschi Trucks Band
LET ME GET BY Concord/Universal
Blues, Jazz, Rock und Gospel, lebendig und voller Herz: Tedeschi/Trucks und ihre Bigband sind allesamt hervorragende Musiker, doch spielerische Kompetenz und Klasse degeneriert hier nie zum Selbstzweck. Anspieltipp: ›Crying Over You/Swamp Raga For Holzapfel, Lefebvre, Flute And Harmonium‹
24 Rival Sons
HOLLOW BONES
Earache/Warner
Es sind Alben wie dieses, die den klassischen Rock am Leben erhalten: einerseits kraftvoll und bodenständig, andererseits stilistisch vielschichtig genug, um keinen Moment Langeweile aufkommen zu lassen. Anspieltipp: ›Thundering Voices‹
23 Brian Fallon
PAIN KILLERS
Universal
Der Gaslight-Anthem-Sänger beweist sein Songwriter-Talent auch ohne seine (beste Garagen-)Band (der Welt). Mit etwas weniger DIY-Hemdsärmel-Sound, dafür ausgereifter Nashville-Eingängigkeit, wagt er hier das genau richtige Maß an Perfektion. Anspieltipp: ›Nobody Wins‹
22 David Bowie
BLACKSTAR
Columbia/Sony
Die Nachricht vom Tod David Bowies traf vollkommen unerwartet ein. Konsequent hatte der Brite seine Krebserkrankung, von der er wohl schon seit beinahe zwei Jahren wusste, bis zum Ende vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Er wollte die Kontrolle behalten, über sein Leben, über seine Musik, bis zuletzt. Am 8. Januar 2016, Bowies 69. Geburtstag, ist BLACKSTAR erschienen, zwei Tage später war er tot. Dass der Mann, der die Idee des Pop, sich immer wieder neu zu erfinden und sterben zu müssen, um zu leben, wie kaum ein anderer verkörpert hatte, und der seine Kunstfigur Ziggy Stardust einst den „Rock And Roll Suicide“ vollziehen ließ, auch seinen eigenen endgültigen Abgang exakt geplant hatte, wurde erst im Nachhinein offenbar. „Sein Tod war nicht anders als sein Leben: ein Kunstwerk“, sagte Produzent Tony Visconti dazu. Vermutlich wusste Bowie bereits, dass er sterben würde, als er am Album arbeitete – es klingt jedenfalls wie ein Vermächtnis. Musikalisch findet sich viel von dem wieder, was ihn ausmachte, in zeitgemäßem Gewand. Seinen Ruf als Avantgardist und Experimentator hatte er sich über Jahrzehnte erarbeitet, und hier frönt er ihm wie lange nicht mehr. Wildes Geschwurbel trifft auf sich immer mal wieder daraus erhebende, federleichte Popmelodien, Jazzrock auf wüste Elektronik. Und über allem steht ein geradezu exzessiver Gebrauch des Saxofons. Verstörend ist das. Hart und zart zugleich.
Was die Texte betrifft, bleibt vieles, wie so oft bei Bowie, rätselhaft und schwer durchdringbar. ›I Can’t Give Everything Away‹, heißt ein Song, fast entschuldigend. Darin kommen die Worte vor: „Seeing more and feeling less/Saying no but meaning yes/This is all I ever meant/That’s the message that I sent.“ Eine Selbsterklärung, ein künstlerisches Bekenntnis? Wer weiß. In der Single ›Lazarus‹ findet sich eine Strophe, die sich ganz eindeutig mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen scheint: „Look up here, I‘m in heaven/I‘ve got scars that can‘t be seen/I‘ve got drama, can‘t be stolen.“ Und dann: „Everybody knows me now.“ Das ist wahr, und daran wird sich so schnell nichts ändern. David Numberger Anspieltipp: ›Lazarus‹
21 Rich Robinson
FLUX
Eagle Rock/Edel
Die Black Crowes sind endgültig vorbei, doch auch wenn Chris Robinson vielleicht bekannter ist, ist es Bruder Rich, der ihr Erbe mittlerweile überzeugender weiterführt, und zwar mit seinem bislang gelungensten Solowerk. Anspieltipp: ›Sleepwalker‹
Jeder Gitarrist besitzt sie – die „Go-To-Gitarre“, dieses eine Instrument, das zu einem Teil seines Körpers wird und Songideen, Riffs, Licks und Soli in Töne verwandelt. In unserer CLASSIC ROCK Technikserie STEEL STRING LEGENDS beleuchten wir die großen Gitarren der Rockgeschichte und ihre zu Weltruhm gelangten Spieler. Den Startschuss feuert kein Geringerer als der Erfinder des Rockgitarrensounds aus seinen Gibson ES Modellen: Mr. Chuck Berry!
Chuck Berry und seine Gibsons (hauptsächlich ES-335, ES-350, ES-355) vereint ein unsichtbares Band, das er bis heute von niemandem durchschneiden lässt. Dies musste sogar Keith Richards am eigenen Leib erfahren, als er sich „erdreistete“, einen Akkord auf einer von Chucks ES zupfen zu wollen: Der In St. Louis geborene Pionier verpasste Richards einen saftigen Kinnhaken mit den Worten „NIEMAND berührt meine Gitarren!“
Berry, der auch noch im hohen Alter von 88 Jahren 70 bis 100 Shows – immer mit lokalen PickUp Bands – pro Jahr absolviert, ging schon seit seiner Jugend einen eigenen, für einen farbigen Jungen in den Südstaaten noch nie da gewesenen Weg. Nach einem knapp dreijährigen Gefängnisaufenthalt und einer überstürzten Heirat inspirierte ihn das außergewöhnliche Auftreten und die Spieltechnik des ebenfalls afro-amerikanischen T-Bone Walker.
Ab diesem Zeitpunkt lief für Berry alles rasend schnell: Sein erster Plattenvertrag mit Chess Records und eine erste Billboard #1 mit ›Maybellene‹ legten den Grundstein für eine beispiellose Karriere.
Komischerweise bedachte Gibson Chuck Berry nie mit einem ES-Signaturemodell. Die vorgestellte 1963 ES-335 Block Reissue kommt wohl der Sechsaitigen, auf der Berry in den späten 50er Jahren seine zahllosen Rock‘n‘Roll-Standards komponierte, am nächsten. Der durch die Hollow-Body-Bauweise perkussivere, drahtigere Klang verhalf Chuck in einer Zeit, in der Gain bzw. Distortion noch reine Zukunftsmusik waren, in Kombination mit zwei dicken Verstärkern der Sorte Fender „Dual Showman Reverb“ zu seinem ganz speziellen Sound, der bis heute Gitarristen auf dem gesamten Globus inspiriert.