Rockig und trotzig gibt sich der 72-jährige Walter Trout, wenn er in Metaphern seine Sicht auf eine Welt besingt, die seine Generation in den 60s zu einem besseren Ort machen wollte. Zwischen Wut und Besänftigung lässt er seine Gitarre unverblümt zu uns sprechen, indem er seine Strats von Fender und Delaney geradewegs in seinen Mesa Boogie Mark IV spielt. Dabei wahrt Trout, den wir für seine unvergleichliche Mischung aus kraftvoll-ungestümer sowie hochpräziser Gitarrenarbeit lieben, immer einen zuversichtlichen und konstruktiven Duktus. Wo ein Neil Young garstig wird oder sich 90 Prozent aller Bluesrocker in Gefiedel verlieren, haben Songs wie ›Broken‹ mit Beth Hart, ›Courage In The Dark‹ oder ›No Magic (In The Street)‹ Tiefe, Selbstreflexion und jede Menge Seele. ›Love Of My Life‹ und ›Heaven Or Hell‹ gehen als spannende Kunstwerke durch, während ›I’ve Had Enough‹ mit Dee Snider und ›Bleed‹ richtige Rocker sind. ›Talkin’ To Myself‹ versprüht auf nostalgische Weise die Aufbruchsstimmung der Hippie-Ära. (Philip Opitz)
Früher mag die Herkunft eines Acts eine große Rolle gespielt haben. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, der umfassenden Verfügbarkeit jeglicher Musik, scheint sie an Bedeutung verloren zu haben. Bester Beleg: Jesper Lindell aus dem schwedischen Brunnsvik. Schon die ersten Akkorde des Openers ›One Of These Rainy Days‹ auf BEFORE THE SUN klingen authentisch nach Americana, nach Muscle Shoals und Stax- Horns und einem gut gelaunten Van Morrison während dessen Frühphase. Tolle Musik, toller Künstler! Das gilt nicht nur für den Opener, sondern für alle zehn Tracks des im eigenen Studio entstandenen Albums. Mit welchem Kaliber man es bei Jesper Lindell zu tun hat, zeigt sich ganz besonders im letzten Stück: ›Do Me In‹ ist schon jetzt eine der tollsten und ergreifendsten Soul-Balladen des Jahres. Respekt!
Zunächst einmal gebührt dem 79-jährigen Sänger und legendären Songwriter ein Lob dafür, dass er nicht einfach seine eigenen Hits (und all die unzähligen, die er für die Hollies, Whitney Houston, Tina Turner, Celine Dion, Aretha Franklin, Glen Campbell, Julio Iglesias, Willie Nelson, Bonnie Tyler, Ace Of Base, Air Supply, Chicago, Heart, die Carpenters oder Starship geschrieben hat) noch einmal neu aufgenommen hat. Stattdessen ist Albert Hammond ins Studio gegangen und hat für sein erstes Album seit fast 20 Jahren 17 ganz neue Songs produziert. Und ja, sie erreichen nicht unbedingt die Klasse von ›The Air That I Breeze‹ oder ›It Never Rains In Southern California‹, aber ein Künstler wie er mit einer gut 50-jährigen Karriere braucht und muss keinem mehr etwas beweisen. Und man hört den ganz klassisch ohne neumodischen Schnickschnack aufgenommenen Stücken das hohe Songwriting-Niveau an, ohne dass sie bemüht oder angestrengt klängen. Denn was hier so scheinbar mühelos daherkommt, verrät eine harmonische Raffinesse wie auch eine poetische Kraft, mit schnörkellosen Worten Herz und Hirn der Zuhörer zu erreichen – etwa bei ›The American Flag‹, wo er mit Google und Co abrechnet.
Einst angetreten, um die Byrds und Jimi Hendrix mit Britishness zu kombinieren, haben sich die von Nick Saloman streckenweise als Ein-Mann-Projekt geführten The Bevis Frond seit den 80ern zur britischen Indie-Institution entwickelt. Gerade bei uns ist die Band aus London aber noch immer ein ziemlicher Geheimtipp. Das liegt eher nicht an mangelnder musikalischer Zugänglichkeit und garantiert nicht an fehlendem Talent. FOCUS ON NATURE, der Titel legt es nahe, behandelt – unter anderem zumindest – eines der Themen unserer Zeit: die Klimakrise. „Something better happen right now, and brother if it doesn’t, well we’re all going down in a blaze of irreversible errors“, prophezeit Saloman im Song ›Heat‹. ›Happy Wings‹ ist ein sarkastischer Seitenhieb auf die Fast-Food-Industrie. Musikalisch hat die 75 Minuten lange Platte so ziemlich alles, was The Bevis Frond ausmacht. Die elegant angeraute Stimme, die Haken schlagende und virtuos verzerrte Sologitarre, 60s-Psychedelia, süße Melodien, zwischenzeitliche Punk-Energieschübe und Underground-Gerumpel mit Außenseiter-Attitude. Für dieses Jahr hat das Independent-Label Fire Records die Saloman-Doku „Little Eden“ angekündigt, im April spielt er mit Band in Deutschland. Gute Gelegenheit für eine Neu- oder Wiederentdeckung.
THE MANDRAKE PROJECT ist das siebte Soloalbum von Bruce Dickinson und erscheint 19 Jahre und vier Maiden-Platten nach seinem letzten Alleingang TYRANNY OF SOULS. Mit an Bord ist wieder sein treuer musikalischer Gefolgsmann Roy-Z. Laut Schöpfer selbst handle es sich nicht um ein Konzeptalbum, das die Story der zugehörigen Comic-Reihe genau nacherzählt. Viel mehr gehe es um Macht, Missbrauch, Identität, Leben und Tod, verpackt in Mythologie, Sci-Fi und ein bisschen William Blake. Eröffnet wird mit ›Afterglow Of Ragnarok‹, dessen ominöses Anfangsgeplänkel sich in einem modernen Metalriff auflöst und im Chorus auf eingängigen Goth Rock umschwenkt. Im Video zum Song wird Dr. Necropolis vorgestellt, eine der Hauptfiguren aus den Comics. Das folgende ›Many Doors To Hell‹ bleibt in dieser Schiene und erinnert mit seiner stampfenden Kick und dem tanzbaren Riff an Songs wie ›Dance Macabre‹ von Ghost. Danach verweben Dickinson und Roy-Z in ›Rain On The Graves‹ protometallischen Heavy Rock mit bombastischer Horror-Orgelei und irrem Bösewichtgelächter. ›Resurrection Men‹ dann erweist sich als schwerer, düsterer Southern Rock, wie ihn Dickinson und Smith schon in Maidens ›The Writing On The Wall‹ von SENJUTSU präsentierten – hier mit Western-Outro und knarzig-doomigem Sabbath-Zwischenteil. Ein für Maiden-Fans besonders spannender Track ist ›Eternity Has Failed‹, ein Song, den Dickinson schon vor Jahren geschrieben und dann für den Opener ›If Eternity Should Fail‹ von BOOK OF SOULS abgetreten hat. Seine Version, eingeleitet von Klapperschlangen, Regenmacher und Panflöte, kann zum perfekten Vergleich in direktem Wechselspiel mit der Maiden-Adaption genossen werden. Wenn es auf dieser ausgezeichneten, dramatischen, aufregend arrangierten, abwechslungsreichen Platte von Gesangswunder Bruce Dickinson einen Durchhänger gibt, dann das etwas fade geratene ›Face In The Mirror‹ – nicht etwa, weil der Track ruhig ist, sondern weil der omnipräsente Refrain nicht ganz mit dem Rest mithalten kann. Im abschließenden knapp zehnminütigen Epos ›Sonata (Immortal Beloved)‹ ziehen Dickinson und Roy-Z nochmal alle Register. Chapeau, die Herren!
Februar/März 1967: David Garrick führt die deutschen Charts mit ›Dear Mrs. Applebee‹ an.
Benannt nach einem britischen Schauspieler, Bühnenautor, Produzenten und Theatermanager us dem 18. Jahrhundert, startete der entweder als Philip Darrell Core oder aber als Darrell Philip Corré 1945 im nordenglischen Liverpool geborene Vokalist David Garrick seine Sangeskarriere im Schulchor. Sein schon in jungen Jahren beachtlicher Tonumfang zeigte auch nach dem Stimmbruch eine gehörige Oktavenbreite. Ersten Auftritten im legendären Cavern Club seiner Heimatstadt, wo er parallel zu gecoverten Beat-Songs auch Opern-Auszüge schmetterte, was ihm den Beinamen „The Opera Singer“ einbrachte, folgte tatsächlich ein Stipendium der klassischen Gesangsausbildung in Mailand. Bei einem Heimatbesuch via London lief David Garrick Kinks-Manager Robert Wace über den Weg. Wace überredete ihn zu einer Popkarriere, beschaffte umgehend einen Vertrag mit dem Label PYE samt Hausproduzent und A & R-Manager John Schroeder. Während die Singles ›Go‹ und ›One Little Smile‹ beide 1965 floppten, enterte die dritte kleine Scheibe ›Lady Jane‹, ein Stones-Cover, 1966 immerhin die UK Top 30 – in den Niederlanden reichte es gar bis Rang fünf. Noch im gleichen Jahr entstand ebenfalls unter Schroeders Ägide eine dritte Single: ›Dear, Mrs. Applebee‹, ein in Europa untergegangener Ohrwurm von US-Singer/Songwriter Flip Cartridge alias Wiliam Meshel.
Raffiniert instrumentiert mit Banjo und Bläsersektion auch im Original, klang Garricks Version noch einen Zacken poppiger – ein europaweiter Hit, platzierte sich ›Dear, Mrs. Applebee‹ hierzulande Anfang 1967 wochenlang auf der Poleposition. Mit weiteren Singlescheiben, darunter ›I‘ve Found A Love‹, ›Please Mr. Movingman‹, ›A Certain Misunderstanding‹, ›Don‘t Go Out Into The Rain‹, ›Ave Maria‹, ›Unchained Melody‹, ›Rainbow‹ und ›A Little Bit Of This (And A Little Bit Of That)‹ gelangen zwar recht ansprechende Beat-Oden, denen aber nur moderater Erfolg zuteil wurde. Diverse auf Deutsch interpretierte Songs wie ›Hey Mr. Möbelmann‹, ›Lieber Dr. Eisenbart‹ und ›Rüdesheim liegt nicht an der Themse‹ konnten den Abstieg nicht aufhalten. In späteren Dekaden trat der stets modisch wie aus dem Ei gepellte Damenliebling häufig bei Oldie-Abenden auf. David Garrick starb 67-jährig im Jahr 2017 auf der Halbinsel The Wirral, im Nordwesten Englands.
Mark Ronson hat es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht, Foreigner in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ zu bringen. Seit die Band in die Liste der möglichen Nominierten aufgenommen wurde, hat Produzent Ronson zahlreiche Rockstars dazu gebracht, sich für die Aufnahme von Foreigner auszusprechen. Unter den Künstlern befinden sich Josh Homme, Dave Grohl, Jack Black, Chad Smith und Slash.
Auf die Nachricht, dass Foreigner noch nicht in der Hall Of Fame sind, hat Sir Paul McCartney in einer Videobotschaft mit einem überraschten „What the fuck?“ reagiert. Der kurze Videoclip wurde in der vergangenen Ausgabe von „The Tonight Show“ mit Jimmy Fallon abgespielt. Dort war Mark Ronson zu Gast und erklärte ausführlich, warum ihm dieses Thema so am Herzen liegt.
Mick Jones, Gründer und (aus gesundheitlichen Gründen) ehemaliger Gitarrist von Foreigner, ist Ronsons Stiefvater. Schon seit längerem kämpft Jones (79) mit gesundheitlichen Problemen. Mark Ronson würde seinem Stiefvater mit der verdienten Aufnahme in die Hall Of Fame gerne eine Freude machen. 2024 stehen Foreigner zum ersten Mal auf der Liste der möglichen Nominierten.
Mit THE INCREDIBLE UNIVERSE gibt es ein neues Werk der deutschen Krautrock-Legende Guru Guru. Ihr Kopf und Schlagzeuger Mani Neumeier findet seine wichtigsten Inspirationen im Garten.
Mani, seit 55 Jahren gibt es Guru Guru, THE INCREDIBLE UNIVERSE ist bereits euer 34. Studioalbum. Wie hält man so lange durch? In meinem Fall ist sicherlich einer der Gründe, dass ich mit mir und meiner musikalischen Laufbahn im Reinen bin. Natürlich gab es Phasen, in denen ich damit gehadert habe, dass nicht noch mehr Zuschauer unsere Konzerte besuchen. Guru Guru sind ja nie ganz groß rausgekommen, aber auch nie völlig abgesackt. Wir haben uns in der Mitte gehalten und freuen uns über unsere treuen Fans. Ich denke, sie spüren, dass ich immer für sie da war.
Kannst du dir erklären, weshalb es nie zum ganz großen Durchbruch gereicht hat? Vielleicht hätte man noch präsenter, noch viel aktiver sein müssen. Mit etwas mehr Glück und deutlich mehr Energie hätte es womöglich sogar zu einem weltweiten Erfolg gereicht. Aber den haben damals ja auch andere deutsche Bands nicht geschafft, weder Birth Control noch Jane. Außer Udo Lindenberg ist es ja kaum einem aus der damaligen Zeit gelungen, wirklich zum Superstar zu werden.
Und was treibt dich trotzdem weiterhin an, regelmäßig neue Platten zu produzieren? Irgendwie packt mich immer wieder ein neuer Energieschub und mich beschleicht dann das Gefühl: Es wird mal wieder Zeit! Vorher sind schon die ersten vagen Songideen in meinem Kopf entstanden, viele kleine Skizzen, die sich dann zu einem großen Gesamtbild zusammenfügen.
Aber hast du nach so vielen Alben nie das Gefühl, dass du dich künstlerisch nur noch wiederholen könntest? Nein, überhaupt nicht. Die Musik von Guru Guru bestand immer schon aus unterschiedlichsten Facetten, von Rock über Funk bis zu Jazz oder auch World Music.
Weil auch deine musikalischen Vorbilder aus unterschiedlichen Genres stammen. Mein erstes großes Idol war Louis Armstrong, nachdem ich zuvor in meinem Elternhaus nur Schlager und Opern zu hören bekommen hatte. Anschließend habe ich das gesamte Buch von „Jazz Papst“ Joachim-Ernst Berendt durchgespielt. Ich mochte immer schon Elvin Jones, aber auch Jimi Hendrix. Na ja, und dann gibt es da auch noch ein großes Faible für afrikanische und indische Musik.
Und all das geistert in deinem Kopf herum, wenn du über neue Songs nachdenkst? Natürlich nicht so konkret, zumal ich nichts mit Noten mache. Ich sitze im Garten und lasse meine Gedanken schweifen. Dabei entsteht dann im Kopf zum Beispiel ein 6/8-Groove wie im neuen Stück ›Free Krautrock!‹. Oder ich sitze nachts draußen, sehe am Himmel eine Sternschnuppe und denke: Oh wie schön! Mitunter fällt mir dann eine spontane Textzeile ein wie „I missed so many shooting stars, I missed so many girls“, aus der dann auf unserem letzten Album ROTATE ja auch ein Song geworden ist.
Obwohl Guru Guru stets der Krautrock-Szene zugeordnet wurde, verblüffen eure Platten mit einer erstaunlichen handwerklichen und kompositorischen Qualität. Krautig geht es bei euch nur dann zu, wenn du es bewusst einsetzt, oder? Das liegt daran, dass ich immer die besten Musiker um mich scharen wollte. Ich habe mich nie nur in meinem regionalen Umfeld umgeschaut, sondern den Kontakt zu wirklich guten Instrumentalisten wie Hellmut Hattler, Ingo Bischof oder Jan Fride von Kraan gesucht. Daraus sind im Lauf der Jahre enge Freundschaften entstanden. Und natürlich haben wir uns auch selbst weiterentwickelt und sind technisch besser geworden.
Gleichzeitig greifst du mit ›Elektrolurch Mutation ’23‹ deinen größten Klassiker aus dem Jahr 1973 wieder auf. Dieser Song hat sich über die vielen Jahre sowieso ständig verändert, deshalb heißt er bei uns ja auch schon seit langem ›Mutation‹. Mein Ziel war es, ihn für THE INCREDIBLE UNIVERSE nicht komplett auf links zu drehen, aber mit frischen Sounds, leicht veränderten Sprüchen und etwas höherem Tempo für eine aktualisierte Variante zu sorgen. Ich finde, das ist uns gelungen.