Ich liebe es, wenn erfahrene Musiker wissen, wie ein perfekter Song geschrieben, arrangiert und eigespielt wird. Die Schweizer Ellis Mano Band hat gleich zehn solcher ausgeruht-perfekten Songperlen auf ihren Zweitling gepackt. Blues ist hier der Kitt, die Band spielt ihn, aber auch jazzigen Soul und Classic Rock amerikanischer Prägung mit Leichtigkeit. Müßig zu erwähnen, dass Sänger Chris Ellis ein Ausnahmetalent darstellt, bei dem ein bisschen Jimi Hendrix mitklingt. Höhepunkt des Albums ist wohl ›Keep It Simple‹, ein forscher Schleicher mit West-Coast-Touch, perfekt geeignet zum Autofahren und dabei sinnieren.
›Johnny & Susie‹ ist ein weiterer Höhe punkt Marke Boymeets-girl-Story. Alle Beteiligten haben neben der Band Jobs im Musikbiz, arbeiten als Tour- und Studiomusiker oder als Tontechniker auf volles Risiko. Ein Kauf von AMBEDO als Rockfan jeglicher Couleur ist also eine goldrichtige Entscheidung und eine Win-win-Situation für beide Seiten!
Ellis Mano Band, AMBEDO, JAZZHAUS RECORDS/IN-AKUSTIK
Als legasthenischer Schulabgänger und aufstrebender Schlagzeuger kam er im London der Swinging Sixties an. Dort entdeckte er eine Welt aus Blues, Alkohol, Frauen und den Welterfolg mit Fleetwood Mac. Doch selbst nach einem halben Jahrhundert unglaublicher Musik ist seine bedeutendste Errungenschaft vielleicht, dass er die größte Seifenoper der Rockgeschichte am Laufen hält. Im großen Interview mit CLASSIC ROCK: Mick Fleetwood.
Man würde nie vermuten, dass Mick Fleetwood eine Hauptrolle in besagter Rock’n’Roll-Seifenoper spielt. Vielleicht liegt es am gemächlichen Lebenswandel des hawaiianischen Inselparadieses, wo er lebt, oder der generellen Zwangsentschleunigung aufgrund der Pandemie, doch ein Gespräch mit dem Mitbegründer und Schlagzeuger von Fleetwood Mac ist so entspannend wie eine Hängematte in einer Tropenbrise. Die konfliktreiche Geschichte der Band steht dabei im krassen Gegensatz zu seiner geselligen Art, sie zu erzählen. Das sollte uns natürlich nicht überraschen. Fleetwood ist sicher kein Unschuldslamm, doch seine beständige Präsenz als Schiedsrichter, Friedenshüter und Unterhändler in Geiselnahmen – immer zur Hand, um seine launischeren Bandkolleg*innen vom Rand des Abgrunds zurückzuholen oder die Fuhre auf Kurs zu halten, wenn alles verloren schien – ist der Grund, dass Fleetwood Mac mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert überdauert und einen Katalog von 17 Studioalben zu verbuchen haben.
Fleetwood mag der Groove sein, und zusammen mit Bassist John McVie ist er gleichsam der Kleber. Geboren im Juni 1947 als Michael John Kells Fleetwood, wuchs er als Sohn eines Jagdfliegers der Royal Air Force auf der ganzen Welt auf. Die Schulzeit war jedoch Folter für einen Teenager, dessen unbestreitbare Intelligenz nicht kompatibel mit traditionellen akademischen Anforderungen war. Heute bezeichnet er seinen Umzug nach London mit 15 als sein Erwachen. Er ist bestimmt ein weitaus talentier terer Trommler, als er je zugeben würde, und bekam seine Chance, als sein Mentor, der unübertroffene Gitarrist Peter Green, ihn für John Mayall’s Bluesbreakers entdeckte und ihm dann 1967 anbot, mit ihm Fleetwood Mac ins Leben zu rufen. Die Band lieferte zügig zwei der besten Alben des britischen BluesBooms ab – das selbstbetitelte Debüt von 1968 sowie den Drittling THEN PLAY ON von 1969 – und schien für einen schnellen Aufstieg bestimmt zu sein. Doch Chart hits wie ›Albatross‹ und ›Oh Well‹ beschleunigten Greens psychische Probleme und der Gitarrist stieg 1970 aus, eine Folge von Ruhm, LSD und unbekannten Schwierigkeiten in seiner Kindheit.
Der frühe Gitarrist Jeremy Spencer brannte bald darauf ebenfalls aus, was die Tradition der instabilen Lineups bei Fleetwood Mac etablierte. Doch die Band machte weiter durch eine unterbewertete Übergangszeit, in der Gitarrist Danny Kirwan auf verlorenen Kleinoden wie BARE TREES von 1972 seine Stimme fand, bevor auch er abhob, sich weigerte, auf die Bühne zu gehen, und von Fleetwood persönlich gefeuert wurde. Dann kam der Megastarruhm. Der melodische Rock auf RUMOURS von 1977 fand mehr als 40 Millionen Käufer, doch das Album ist gleichermaßen für Hits wie ›Go Your Own Way‹ bekannt wie für die zerbrechen den Beziehungen zwischen Stevie Nicks und Lindsey Buckingham sowie dem Ehepaar John und Christine McVie. Das RUMOURS-Lineup fand im letzten Jahrzehnt wieder für Konzerte zusammen, doch die Wunden waren offensichtlich immer noch nicht verheilt: Buckingham wurde 2018 gefeuert, und die Gründe dafür variieren, je nachdem, wen man fragt. Durch all das hat Mick Fleetwood immer weitergespielt, zuletzt bei einem All-Star-Tribute-Event für Peter Green im London Palladium nur wenige Tage, bevor Covid19 zuschlug. Einige Monate nach dem Tod des Gitarrengottes im vergangenen Juli erscheint es jetzt als Livealbum und Film. Außerdem wird aktuell die zweite große Hochphase der Band mit der Neuauflage von Fleetwood Macs LIVE-Album von 1980 zu neuer Aufmerksamkeit geführt. Ein guter Zeitpunkt, um auf Fleetwoods 73 Jahre zurückzublicken. Und man könnte sich keinen angenehmeren, redseligeren Gesprächspartner wünschen.
Was für Kindheitserinnerungen hast du? Ich war als Kind schwer legasthenisch und war in Sachen akademischer Leistung eine totale Null. Da war ich völlig nutzlos. Ich beherrsche bis heute nicht das Alphabet. Wenn man mich mit einer Pistole bedrohen und mich fragen würde: „Wo steht vom S aus gesehen das R?“, könnte ich das nicht beantworten. Aber ich fühlte mich sicher nie minderwertig, denn mein Vater und meine Mutter gaben mir nie dieses Gefühl. Daran dachten sie nicht mal. Sie unterstützten all ihre Kinder immer zu 100 Prozent. Wir wurden tatsächlich alle Künstler. Wir waren eine Familie, wo man zur Tür hineinkam und von meinem Vater umarmt wurde. Ich erinnere mich an die erste Begegnung von meinem Vater mit John McVie, da gab er ihm auch eine feste Umarmung. John sagte zu mir: „Das verwirrte mich, von einem Mann umarmt zu werden“. Ich erwiderte: „Wirklich? Dein Vater umarmt dich nie?“
Wie kam das Schlagzeug in dein Leben? Ich denke, meine Eltern waren einfach nur froh, dass ich irgendetwas machte, statt nur ein totaler Versager in der Schule zu sein. Ich hatte mir auf dem Dachboden selbst das Trommeln beigebracht, indem ich zu Platten von Cliff Richard, Buddy Holly und solchen Sachen mitspielte. Ich ging mit 15 von der Schule, und es war wundervoll von meinen Eltern, dass sie mir ihren Segen gaben, als ich nach London zog, mit einem seltsamen kleinen Drumkit und dem Traum, Schlagzeuger zu werden. Nichts ließ mich glauben, dass ich das überhaupt schaffen könnte. Doch als ich dort ankam, war ich glücklich wie ein Schwein in der Scheiße.
In London warst du in allen möglichen Bands. Erinnerst du dich an deine erste Begegnung mit Peter Green und wie sie deinen Kurs beeinflusste? Wir waren alle zusammen in der Band Peter B’s Looners. Peter Bardens, der Arme, hatte bei meiner Schwester angeklopft, weil er mich in der Garage trommeln gehört hatte. Das war meine erste Chance. Davor hatte ich noch nie auch nur einmal mit irgendjemandem gespielt. Also war ich in der Band, und dann verloren wir unseren Gitarristen. Greeny hatte ein kurzes Engagement bei John Mayall’s Bluesbreakers gehabt, als Eric Clapton nach Nordafrika zog. Doch Eric kehrte zurück und wollte seinen Job wiederhaben. Das war der Punkt, an dem Peter in diesen kleinen Proberaum im East End kam.
Was hast du von Peter Green als Gitarrist gehalten? Nun, da muss ich gleich etwas gestehen, nämlich meinen ersten Fehler. Wir hatten schon ein paar andere Gitarristen ausprobiert, aber wir hatten von Greeny gehört. Er kam mit seiner Les Paul in einem kleinen braunen Kasten herein, fast wie ein Cellokoffer. Er stöpselte ein und ich weiß noch, wie ich zu Peter Bardens sagte: „Ich denke nicht, dass er gut genug ist. Er spielt immer wieder dasselbe“. Was ich da hörte, war natürlich die Schlichtheit von Peters Spiel. Aber ich war beunruhigt und dachte: „Wird er all diese Songs in drei Tagen lernen können?“ Zum Glück hatte Peter Bardens mehr Durchblick und sagte gleich: „Mick, du liegst falsch. Dieser Type hat Stil und seinen Klang, und er ist verdammt funky“. Klar bekam Greeny den Job. Und in den nächsten paar Wochen musste ich mich anstrengen, um mitzuhalten, wie nie wieder in meinem Leben. Am Ende stand ich nur noch mit offener Kinnlade da und dachte: „Oh Scheiße!“ Natürlich ist die Ironie der Geschichte, dass ich Peter Greens größter Verfechter wurde. Gott sei Dank hat mich also damals jemand abgewatscht und mir gesagt, die Klappe zu halten.
Du, Peter und John McVie wart alle bei John Mayall’s Bluesbreakers. Yeah. Sie hatten Aynsley Dunbar, einen unglaublichen Schlagzeuger, technisch überragend. Als Greeny dann sagte, dass er mich für die Bluesbreakers wollte, sagte ich: „Was meinst du? Das kann ich nicht!“ Doch Greeny sagte sehr schnell: „Genau deshalb wollen wir dich – weil du es nicht kannst“. Peter Green hatte dieses Motto, das wir, vor allem John und ich, bis heute als Blaupause verwenden. Er sagte immer: „Weniger ist mehr“. Und das war es, was er in mir sah.
Lange dauerte es aber nicht, bis Mayall dich feuerte. War das gerechtfertigt? Oh, definitiv. Es ist kein Geheimnis, dass John McVie und ich zu viel tranken. Er wurde ein paar Mal für seine mangelnde Kontrolle entlassen. Aber weil er ein so großartiger Bassist ist, nahm John Mayall ihn immer wieder zurück. Wir beide waren jedoch zu viel des Guten. Mayall war der erste Typ, der richtig organisiert war. Er sagte einem, an welcher Ecke man warten sollte, wenn er einen abholte. „Sei besser da, verspäte dich nicht.“ Man wurde immer bezahlt – er hatte kleine Lohnpäckchen. Er kümmerte sich um einen. Es war, als wäre man Teil einer Bruderschaft unter einem Schulrektor. Ich erinnere mich, wie ich auf dem Rücksitz des alten Lieferwagens saß. Ich wusste, dass ich zu viel Mist gebaut hatte. An einem Abend war ich wirklich betrunken gewesen und dachte: „Jetzt ist es für mich sicher gelaufen“. Ich hatte den Plan für die Gigs der nächsten zwei Wochen, auf dem ich Notizen gemacht hatte. Unter einen der Gigs schrieb ich: „Ich bin gefeuert“. Und so kam es auch, fast genau an dem Tag. Ich zeigte das Mayall sogar im Van und sagte: „Ich bin wohl geliefert, oder?“ Und natürlich war das auch der Fall. Ich war also nicht sehr lang bei John Mayall.
Es ist eine Weile her, seit Journey ihr letztes Studioalbum veröffentlichten, genauer gesagt zehn Jahre. Jetzt gibt es einen neuen Song: ›The Way We Used To Be‹.
Vor einer Woche hatte die Band die frohe Botschaft via Twitter verkündet. Und auch Live-Musik soll es wieder geben. In Las Vegas, wo die Band zuletzt im Winter 2019 gespielt hatte, treten sie auf dem iHeart-Radio-Music-Festival auf.
Ob mit der neuen Musik auch eine neue Platte zu erwarten ist, bleibt abzuwarten. Im März 2020 hatten Journey sich von Drummer Steve Smith und Bassist Ross Valory getrennt. Ersetzt wurden die Beiden durch Narada Michael Walden und Randy Jackson, der in den Achzigern bereits zwei Jahre Teil der Band war.
Schon der Eingangssatz klingt despotisch und gefährlich: „I am the god of hellfire – and I bring you: Fire!“ In den späten 60er wirkte die Single ›Fire‹ von The Crazy World Of Arthur Brown wie eine Formel aus den Tiefen des Undergrounds. Der charismatische Brown wurde 1942 in Whitby (Yorkshire) geboren. Der zweite Weltkrieg hinterließ in dieser kleinen Hafengemeinde nordöstlich von Leeds tiefe Wunden: „Meine Eltern haben noch Bombenangriffe der Deutschen mitbekommen“, sagt Arthur Brown und ergänzt: „In unserer Gegend sind dadurch viele Menschen gestorben, viele Häuser waren kaputt und eigentlich jeder war arm. Vielleicht gab es einmal in der Woche ein kleines Stückchen Fleisch für uns. Zum Nachtisch verteilten wir Zucker auf einem Stück Brot und dachten dann, was es doch für ein Luxus sei, dass es noch einen Dessert für uns gibt“.
Mit Anfang 20 kam der spätere Hawkwind-Kumpel nach London, um Jura und Philosophie zu studieren, doch die Musik spielte irgendwann die Hauptrolle. Am 8. Oktober 1967 hatte Brown, zusammen mit Jimi Hendrix, im Rahmen einer „John Peel Roadshow“ einen Gig im Londoner East End. Peel notierte dazu in seinem Tagebuch: „Brown spielte einen atemberaubenden Gig. Dieser seltsame Flammenhelm, irre! Dazu kommt er durch den Bühnenboden nach oben gefahren. Außerdem trägt er außergewöhnliche Kostüme in tausenden von Farben.“ Arthur Brown startete er im Jahr 1968 durch, sein Song ›Fire‹ avancierte in jenem Sommer zum Megahit und konnte sich in den Charts fast überall auf der Welt in den oberen Top 5 festsetzen. „In Amerika waren wir auf dem gleichen Label wie Hendrix“, erinnert sich Brown, „und als Jimi auf einer Promo-Tour viele Radiostationen besuchte, machte er Werbung für unsere Single.“ Auf das Feuer als lyrisches Element kam Brown durch einen philosophischen Ansatz: „Ich dachte an die innere Reise eines Mannes, der auf die Welt schaut und sieht, dass alles um ihn herum immer verrückter wird. Also beschließt er, nach elementaren Antworten zu suchen. Und um die Konditionierung der Gesellschaft zu durchbrechen, stürzt er sich ins Feuer. So kam ich auf die Figur des Gottes des Höllenfeuers.“
Für Brown, der lange vor Kiss und Alice Cooper mit bemaltem Gesicht auftrat (und daher als Godfather des Corpsepaint gilt), war immer schon der Show-Faktor besonders wichtig: „Wenn du dich auf der Bühne bewegst, dann ist das Theater. Aber es ist nicht so, dass ich morgens, wenn ich in den Spiegel schaue, denke: ,Ach, da ist er ja wieder, der God of hellfire‘.“ Als Anfang der 70er die Hauptbesetzung seiner Crazy-World-Crew auseinanderbrach, ging der Bandleader mit seiner Frau nach Ruanda und Burundi, wo er lokale Musikgruppen förderte. Ein paar Jahre später landete er in Austin, Texas, wo er in den frühen 80ern mit Jimmy Carl Black von den Mothers of Invention einen Handwerksbetrieb auf die Beine stellte – die beiden spezialisierten sich auf Fassadenrenovierungen und Hausanstriche. Für Brown gehört das alles zum Leben: „Die kleinen Glücksmomente stellen für mich das Göttliche dar, mehr ist das nicht. Du musst nur offen genug sein, um das zu begreifen.“
Morgen wollen Journey eine neue Single veröffentlichen. Heute gibt es schon den dazugehörigen Teaser.
In dem kurzen Clip auf Instagram sieht man die animierte Band im Stadion, wie sie ein Konzert geben. ›The Way We Used To Be‹ scheint also darauf abzuzielen, wieder vor einem Publikum spielen zu können.
Midnight-Oil-Kopf Peter Garett über John Mayalls Klassiker
In Australien hatten wir diese Sache namens „Record Club“. Du konntest beitreten, indem du, sagen wir, fünf Dollar im Monat oder sowas gezahlt hast. Und jeden Monat wurden zwei oder drei Platten geliefert. Ich war vierzehn oder fünfzehn und John Mayalls THE BLUES ALONE war die erste Platte, die ich bestell-te. Ich weiß nicht mal, warum ich sie ausgesucht hatte, aber ich habe sie unglaublich geliebt.
Bis heute liebe ich alles von ihm. Er hatte eine Menge großartige Musiker, die mit ihm gespielt haben, eine Menge großartige, schwarze Musiker, obwohl er da fast alles selbst gespielt hat. Er hat so viel für das Comeback des Blues zur damaligen Zeit getan. Ihn zu hören, hat mich zu den Yardbirds und zu Cream geführt. Ich habe ihn in ganz besonderer Erinnerung, weil er, im Gegensatz zu den meisten großen Musikern, nach Australien kam. Und das nicht nur für einen Auftritt. Es war 1972, ich war Jurastudent an der Universität in Canberra und er und seine Band tauchten auf, um einen Musik-Workshop zu geben.
Da waren nur 20 Leute. Ich saß in der ersten Reihe, es war ein lebensveränderndes Ereignis! Dass er sich mit uns zusammengesetzt hat, war so inspirierend. Freddie Robinson war der Gitarrenspieler, ich liebte ihn. Da waren sie, diese 1a-Chicago-Blues-Musiker vor einem Haufen blassgesichtiger, kolonialaustralischer Kids, die sich dachten: „Was zum …?“
Der herrlich simple Videoclip zu ›On My Way To You‹, der ersten Single aus dem neuen Album BAD ACTING GOOD, zeigt ausschließlich den Varvara-Sänger. Mikko Kiri setzt sich an einen Tisch, gießt sich ein Glas Milch ein und verzehrt dazu ein mit Zucker bestreutes Stück Gebäck. „Das ist ein Posso. Die Dinger sind verdammt lecker“, lacht der Mann am anderen Ende unserer Zoom-Verbindung. Posso ist in der Heimat der Gruppe, im Südosten Finnlands, nahe der russischen Grenze, ein sehr beliebtes, mit Marmeladegefülltes und frittiertes Hefegebäck – anscheinend ähnlich unseren Berlinern, nur eben eher platt und deutlich größer. „Wir veröffentlichen auf unserem eigenen kleinen Label“, erklärt Gitarrist Toni Raukola, der sich ebenfalls in der Leitung befindet, um über die Entstehung von Longplayer Nummer fünf und offenbar über Süßgebäck zu sprechen.
„Wir hatten nicht allzu viel Budget zur Promotion des Albums. Um ehrlich zu sein, hatten wir gar keines“, lacht er. „Die restliche Band hat Mikko aber schon so oft einen Posso essen sehen, dass wir ihn uns eigentlich gar nicht mehr ohne einen davon in der Hand oder im Mund vorstellen können. Insofern lag es nahe, ihn einfach mal dabei zu filmen und daraus unser Video zu machen. Und da er immer mit vollem Mund redet, konnte er dann auch mal so singen, fanden wir …“›On My Way To You‹ ist einer von acht Songs auf dem locker schrammelnden Rock im 90er-Stil bietenden BAD ACTING GOOD.
An dessen Fertigstellung ging der Fünfer ähnlich relaxt heran wie an den Videodreh. „Wir haben alle Jobs neben Varvara“, berichtet Mikko, der– ebenso wie Toni – als regionaler Jugendbetreuer arbeitet. „Deshalb haben wir unsere bisherigen Platten immer nur an Wochenenden aufnehmen können. Und dann jeweils nur jeder für sich. Also die ersten beiden Wochenenden das Schlagzeug. Dann den Bass und so weiter. Das hat gefühlt ewig gedauert und war zudem wirklich nie ein großer Spaß. Zudem war es immer im Winter, weil wir im Sommer gern auf Festivals unterwegs sind. Wenn wir nicht selbst spielen, sind wir als Fans dabei.“
Dieses Mal war jedoch alles anders. Denn aufgrund der weltweiten Pandemie gab es keine Festivals und die geplante Tour im Camperbus von einem Open-Air zum nächsten fiel aus. „Da beschlossen wir, mit unseren im Laufe der letzten zwei Jahre entstandenen neuen Songs dieses Mal nicht bis zum Winter zu warten“, erinnert sich Toni. „Eine Superidee, wie sich herausstellte. “Mikko ergänzt: „Wir haben die Tracks im abgelegen Studiohausunseres anderen Gitarristen Tommi Muhli erstmals live mit allen fünf Jungs in einem großen Raum eingespielt. Wir dachten immer, dass wir dafür ewig üben müssten. Was für ein Trugschluss! Jeweils vier oder fünf Takes, dann war alles im Kasten und klingt auch noch viel organi-scher und spontaner. Wir sind superhappy mit BAD ACTING GOOD“.
Angesichts seiner überlebensgroßen Persönlichkeit und ulkigen Bühnenshow kann man Rick Nielsens musikalisches Talent leicht übersehen. Und der Cheap-Trick-Maestro war nie der Typ, der sich selbst lobt. „Ich bin ein Songwriter, kein Gitarrist“, sagte er kürzlich. „Ich wünschte, ich hätte vor 40 Jahren geübt, dann wäre ich mittlerweile wohl ziemlich gut.“ Doch davon sollte man sich nicht zum Narren halten lassen. Unter dem Cartoon-Look steckt ein außergewöhnlicher Gitarrist, dessen kühner, eloquenter Stil ein riesiges Spektrum von Licks, Trills und Slides abdeckt, die sich bei klassischem Pop, Glam und dem rifflastigen britischen Rock der späten 60er und frühen 70er bedienen. Und während sein nerdiges Image (Baseball-Cap mit hochgeklappem Schirm und Fliege) das genaue Gegenteil des gängigen Bildes von einem Gitarrengott ist, dient es gleichermaßen als parodistische Hommage an das gesamte Rockbusiness.
Nielsens Rolle als Klassenkasper beinhaltet auch, das Schwierige einfach aussehen zu lassen. Er versteht, dass es darum geht, Spaß zu haben. Und seine eigene Nische zu finden. „Ich wollte nie Jimmy Page oder Jeff Beck oder einer dieser großen Namen sein. Die sind ja schon belegt, also wuchs ich mit dem Bestreben auf, ich selbst zu sein.“ Er kann beneidenswert mühelos zwischen Lead und Rhythmus wechseln und ist gleichsam ein großer Experimentierer. Teilweise ist das einem schwindelerregenden Arsenal von Equipment zu verdanken, von Les Pauls über Fenders bis hin zu seinen geliebten Hamer-Gitarren, inklusive seines berühmten Modells mit fünf Hälsen. Als eifriger Gitarrensammler und Fan alter Verstärker hört er nie auf, Texturen, Klänge und Stimmungen zu erforschen. Bei Cheap Trick gibt es immer ein Überraschungselement: In einem Moment sind sie eine ungeschliffene Garagenband, im nächsten Powerpop-Adel. Dass Nielsen nicht die verdiente Anerkennung erhält, liegt vielleicht an seinen anderen kreativen Fähigkeiten. Als Hauptsongwriter der Band war es der produktive Nielsen, der Cheap Trick Ende der 70er zu Superstars machte. Ihren Gipfel erreichten sie mit ›Dream Police‹ und dem heldenhaften Livealbum AT BUDOKAN. All das bedeutet, dass er in doppelter Hinsicht prägend war – man frage nur berühmte Bewunderer wie die Foo Fighters, Kid Rock, Guns N’ Roses, Green Day, Pearl Jam, die Smashing Pumpkins und mehr.