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Tipp: Elder mit INNATE PASSAGE

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Surreale Welt

Wie immer auf einer Elder-Platte finden sich auch auf ihrem nunmehr sechsten Longplayer INNATE PASSAGE fünf Tracks. Allesamt fast selbstverständlich in Überlänge, der längste erreicht annähernd 15 Minuten. Nach dem letztjährigen Kollaborations-Album mit Kadavar unter dem Projektnamen ELDOVAR, A STORY OF DARKNESS & LIGHT, macht das in Berlin ansässige, aber aus Massachusetts stammende Quartett um Gitarrist/Sänger Nick DiSalvo (vervollständigt durch Bassist Jack Donovan, Gitarrist/Tastenmann Mike Risberg sowie den 2019 zur Formation gestoßenen neuen Drummer Georg Edert) wieder in altgewohnter Konstellation weiter. ›Catastasis‹ eröffnet INNATE PASSAGE fast schon mit einer betont hellen Perspektive und den bislang komplexesten Gesangsharmonien, die Elder bislang produziert haben. Neben DiSalvo ist auf INNATE PASSAGE mit Behrang Alavi (Samavayo) erstmals ein Gastsänger zu hören, der mit seiner Stimme die ohnehin schon gute Leistung von DiSalvo noch mehr herausstellt – DiSalvos Stimme ist selbstbewusster, mit mehr Präsenz und Reichweite als je zuvor gesegnet. Im Mittelteil von ›Coalescence‹ bieten Elder Opeth-würdige rhythmische Komplexität und Klavierdramatik, angefeuert von Heavy-Gitarren und verschlungenen Leads. Ob es die schreddende Lead-Stimme im Höhepunkt von ›Endless Return‹ ist oder der geduldige, fast mäandernde Aufbau zum Crescendo und Ausklingen von ›Merged in Dreams/Ne Plus Ultra‹, Elder sind so souverän wie nie zuvor.

9 von 10 Punkten

Elder
INNATE PASSAGE
STICKMAN

Elder Innate Passage

David Crosby & The Lighthouse Band: LIVE AT THE CAPITOL THEATRE

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Spiritueller Jazz-Folk mit geringem Nostalgiefaktor

Es ist bei all den Bootlegs und Live-Compilations von dubioser Herkunft ja schwer, den Überblick zu behalten, aber offenbar ist dieser Mitschnitt aus dem Capitol Theatre in New York von 2018 tatsächlich das erste offizielle Solo-Livealbum von David Crosby. Dafür ist der mittlerweile 81-Jährige allerdings ziemlich knauserig mit seinen Klassikern. Kein ›Wooden Ships‹, wie vom Publikum zwischendurch mal gefordert, kein ›Almost Cut My Hair‹, stattdessen kommen die ersten beiden Konzert-Drittel fast komplett von den damals jüngsten Platten LIGHTHOUSE, SKY TRAILS und HERE IF YOU LISTEN – aufgenommen mit den ungleich jüngeren Musikern Becca Stevens, Michelle Willis und Michael League vom Instrumental-Kollektiv Snarky Puppy, die als Lighthouse Band auch hier dabei sind. Nun sind die neuen Stücke durchgehend schön anzuhören – wohltemperierter, spirituell angehauchter Jazz-Folk –, ihnen fehlt aber die Dringlichkeit, das Überwältigungs-potenzial der Crosby&Nash-Kollaboration ›Carry Me‹ oder erst recht der CSNY-Kultsongs ›Déjà Vu‹ und ›Woodstock‹ am Ende des Sets. Sieht man’s andersrum, kann man Crosby freilich auch zugutehalten, dass er keine reine Nostalgie-Best-of-Show abzieht.

7 von 10 Punkten

David Crosby & The Lighthouse Band
LIVE AT THE CAPITOL THEATRE
BMG RIGHTS/WARNER

The Afghan Whigs: Die Flucht nach vorn

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Text: Tobias Wullert

„Wir waren sehr gute Freunde, gingen zusammen zu Basketballspielen, aßen zusammen zu Abend oder gingen wandern. Ich liebte Mark absolut.“ Das neue Jahr begann für Greg Dulli mit einem Schock. Im Februar 2022 verlor er mit Mark Lanegan nicht nur einen seiner besten Freunde, sondern auch einen kongenialen musikalischen Sparringpartner. Sie teilten sich bei Twilight Singers und Gutter Twins das Mikro und Lanegans unverwechselbar sonore Stimme ist auf zwei Songs des aktuellen Albums zu hören.

Auch der Titel, HOW DO YOU BURN?, stammt aus einem Gespräch zwischen Dulli und Lanegan. Frei übersetzt fragte ihn der ehemalige Screaming-Trees-Sänger eines Tages „Für was brennst du? Was turnt dich an?“ Der Kopf der Afghan Whigs hatte darauf eine klare Antwort: „Platten aufnehmen, das turnt mich an “, sagt Greg, der schon als Teenager in Hamilton, Ohio anfing, Songs zu schreiben. „Meine Inspiration ist ziemlich einfach. Ich liebe es, Songs zu schreiben. Eine leere Seite fordert mich heraus und es fasziniert mich, dass aus dem
Nichts etwas entsteht.“ Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch HOW DO YOU BURN? „Wenn ich das Album im Nachhinein höre, stellt es für mich eine Flucht dar. Es gab dieses seltsame Gefühl der Unsicherheit. Angst und Verwirrung. Und zu dieser seltsamen Zeit ein Album zu machen, war ein Weg, all dem zu entkommen.“ Beim Opener ›I’ll Make You See God‹ steigen die Afghan Whigs gleich zu Beginn aufs Gaspedal. „Es ist einer dieser Songs, die sagen, ,Geht mir aus dem Weg‘, und die einzige Stelle, wo man ihn platzieren konnte, war ganz am Anfang.“

Aufgrund der Pandemie entstand das Album in unterschiedlichen Studios. „Wir waren nicht alle getrennt, ich, Patrick Keeler und Christopher Thorn waren im selben Studio.“ Für Dulli war diese Situation nicht ganz neu, POWDER BURNS von den Twilight Singers wurde ebenfalls remote aufgenommen. Damals lebte Dulli in New Orleans und die Stadt war durch die Folgen des Wirbelsturms Katrina von der Außenwelt abgeschnitten. „Damals kamen nicht viele Leute rein oder raus aus New Orleans und ich musste meine Tracks übers Internet verschicken.“ Neben Lanegan griff auch Multitalent Van Hunt wie schon beim Comeback-Album DO TO THE BEAST von 2014 zum Mikrofon, wie Greg begeistert berichtet: „Van ist die Geheimwaffe auf dem Album. Seine Performance auf ›Jyia‹ und ›Take You There‹ hat die Songs noch einmal in eine andere Richtung gedreht. Sie waren gut, aber Van hat aus ihnen phänomenale Tracks gemacht. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig er für das Album war. Mark hat auch bei diesen Songs mitgesungen, aber du fühlst ihn mehr, als du ihn hörst.“ Spricht man Greg Dulli auf seine frühen Einflüsse an, kommt er bei einer Band besonders ins Schwärmen: „Die Leute verwundert es immer, aber bis heute liebe ich Lynyrd Skynyrd. Großartige Songs, fantastische Songwriter und grandiose Musiker, besonders Gitarrist Steve Gaines spielte so gut, wie ich es nie mehr gehört habe. Aber auch er starb mit Ronnie und Cassie in diesem Flugzeug. Eine großartige Rock’n’Roll-Band.“ Auch bei der Frage, mit wem er denn gerne in Zukunft einmal zusammenarbeiten wolle, muss er nicht lange überlegen: „Jimmy Page. Schon als Teenager wollte ich das und ich glaube, wenn ich es weiter sage, geht dieser Wunsch auch irgendwann in Erfüllung. Du musst große Träume haben.“ Im Herbst geht es auf Tour. „Es macht einfach so viel Spaß, wieder mit seinen Freunden unterwegs zu sein und all das, was man früher für selbstverständlich hielt – die Busfahrten, das Proben, jede Kleinigkeit – zu erleben. Ich komme jetzt auch zu jedem Soundcheck – was früher oft nicht der Fall war –, denn ich will nichts verpassen.“

Plattensammler: Bruce Hornsby über seine Lieblingsalben

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Bruce Hornsby Lieblingsalben
Sich mit seiner eigenen Arbeit Gänsehaut verpassen: Das dürften nur die wenigsten Künstler im Laufe ihrer Karriere schaffen. Bruce Hornsby – Klaviervirtuose, Songwriter und Erschaffer des 80er-Jahre-Hits ›The Way It Is‹ – erklärt selbstbewusst, dass ihm Selbiges mit seinem aktuellen Album mehrmals gelungen ist. Welche Platten ihn während des kreativen Entstehungsprozesses maßgeblich beeinflusst haben, verriet uns der studierte Musiker und Piano-Nerd in einem charmanten Telefon-Interview.

Ursula Oppens
ELLIOT CARTER, THE COMPLETE PIANO MUSIC (2008)

Oppens Plays Carter
Ein Album einer großen Klaviervirtuosin mit zehn Stücken darauf. Eines davon namens ›Caténaires‹ ist eine Art Per­petuum-Mobile-Stück, sehr schnell und schwer zu spielen. Ich musste es wirklich lange üben, dafür macht der Lernprozess sehr viel Spaß. Diese Komposition beeinflusste sowohl ›The Blinding Light Of Dreams‹ als auch den Mittelpart von ›Take You There Misty‹.

Joe Cocker
MAD DOGS & ENGLISHMEN (1970)

Joe Cocker Mad Dogs And Englishmen
Ich liebte Joe Cocker schon immer und tue es bis heute. Wenn ich eine Platte auf eine einsame Insel mitnehmen müsste, dann diese. Besonders das Stück ›Blue Medley‹ wartet mit einer Akkordfolge auf, die mich jedes Mal wieder umhaut, weswegen ich den Song ›Meds‹ um diese Akkorde herum geschrieben habe. Leon Russell übrigens, der diese Band angeführt hatte, ist einer meiner Helden und wurde später mein Freund. Letztes Jahr habe ich an seiner Beerdigung eine Grabrede gehalten.

Pierre-Laurent Aimard
LIGETI ÉTUDES (1996)

Pierre Laurent Aimard Ligeti Etudes
Das hier ist seine Interpretation eines der monumentalsten Piano-Werke des 20. Jahrhunderts, zumindest was klassische Musik betrifft: Die Études des großartigen, ungarischen Komponisten Ligeti. Der Titeltrack meines Albums ist maßgeblich hiervon beeinflusst und auch ›The Blinding Light Of Dreams‹. Man hört den Tritonus, den „diabolus in musica“, also den Teufel in der Musik.

The Beatles
REVOLVER (1966)


Ich bin ein Fan der späteren Beatles, ab RUBBER SOUL haben sie irgendwie mehr Tiefe und Seele erreicht. Auf meinem Album ist ein Song namens ›White Noise‹. Der wiederum hängt mit einem Cue zusammen, den ich für einen Film ge­­schrieben habe. Ich betitele meine Cues in Gedenken an ihre Inspirationsquelle und der Cue, den ich dann ›White Noise‹ nannte, war vorher „Eleanor Supreme“. Eben weil er musikalisch etwas von ›Eleanor Rigby‹ hatte, gleichzeitig aber auch die Anfangsmelodie stark vom großartigen John-Coltrane-Stück ›Love Supreme‹ beeinflusst ist. Die Beatles und Coltrane, schwer zu toppen.

Stevie Wonder
SONGS IN THE KEY OF LIFE (1976)

Stevie Wonder Songs In The Key Of Life
Eigentlich muss ich hier noch ein sechstes Album, nämlich Princes GREATES HITS, hineinschmuggeln. Mein Song ›Voyager One‹ bezieht sich auf einen Cue, den ich für einen Spike-Lee-Film ge­­schrieben habe. Der Streifen begleitete ein Basketball-Videospiel und ich war mir nicht sicher, wie ich da etwas beisteuern sollte. Sollte ich jetzt plötzlich irgendeine Art von Rap oder Hip-Hop machen? Nein, das wäre nicht möglich gewesen. (lacht) Also besann ich mich auf alten R&B aus den 70er-Jahren. Mein Drummer sollte zu ›I Wish‹ spielen und ich nahm diese Spur und schrieb einen Song dazu. Und voila: ›Voyager One‹ (lacht). Erst später fiel mir der Prince-Vibe des Stücks auf.

Plattensammler: Little Steven verrät uns seine Lieblingsalben

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little stevenAls Solokünstler erfolgreich, Gitarrist in Bruce Springsteens E Street Band und seit Neuestem Mitglied der Hall Of Fame von New Jersey: So wird‘s gemacht! Welche Musik Steven Van Zandt aka Little Steven zu seinen Taten inspiriert hat? Er hat‘s uns verraten.

The Temptations
THE BEST OF THE TEMPTATIONS
(1995)

Best Of The Temptations
Starten wir mit dem, was ich für das beste Album aller Zeiten halte. Auch wenn es ein bisschen geschummelt ist, weil es eine Best Of ist. Wenn man alles zusammennimmt, die Kompositionen, die Performance, die Arrangements, den Sound, dann haben die Temptations die großartigsten Platten überhaupt gemacht. Es gab sieben oder acht überragende Acts bei Motown, doch sie waren die Nummer 1. Viele meiner String- und Bläserarrangements sind von ihnen beeinflusst. Dazu hatten sie fünf Lead-Sänger, die alle gut waren, auch wenn David Ruffin mein Favorit ist. Einer der besten Sänger aller Zeiten.

The Rolling Stones
12 x 5
(1964)

Rolling Stones 12x5
Bei den frühen Werken der Stones wie der Beatles muss man zwischen den englischen und den amerikanischen Versionen unterscheiden, denn es finden sich verschiedene Lieder darauf. Das meiste auf 12×5 wurde in den Chess-Studios in Chicago aufgenommen, in vielerlei Hinsicht ist es für mich das erstaunlichste Album aller Zeiten. Die Art, wie sie ihre Einflüsse absorbiert und für sich selbst als Songwriter genutzt haben, ist außergewöhnlich. ›Good Times, Bad Times‹ klingt wie ein traditioneller Blues-Track, als wäre er von John Lee Hooker, Lightnin‘ Hopkins oder Son House. Aber geschrieben haben ihn Mick Jagger und Keith Richards.

The Beatles
HELP!
(1965)

Beatles Help
SGT. PEPPER‘S war wohl der wichtigste Moment, das wichtigste Album der Rockgeschichte. Aber wenn ich mir eins von ihnen aussuchen müsste, das ich mir wieder und wieder anhöre, dann ist das vermutlich HELP! oder vielleicht auch BEATLES FOR SALE. Eine ganz knappe Entscheidung, hm, mal schnell die Songs im Kopf durchgehen… Nein, es muss HELP! sein. Das Schöne an BEAT­LES FOR SALE ist, dass es ihr Everly-Brothers-Ding war, fast durchweg gibt es zweistimmige Harmoniegesänge. Aber wenn man beide Song für Song durchgeht, wird es dann letztendlich doch von HELP! ausgestochen.

Jeff Beck
TRUTH
(1968)

Jeff Beck Group Truth
Die Jeff Beck Group hat zwei Sachen gemacht, dir für mich zählen: TRUTH und BECK-OLA. Ich nehme das erste, denn es war einfach so aufregend, als es herausgekommen ist. Es hat eine neue Beziehung zwischen Sänger und Gitarrist etabliert und so gewissermaßen den Weg für den späteren Hardrock freigemacht. Zwar gab es schon Roger Daltrey und Pete Townshend oder auch die Kinks. Aber im Zusammenspiel von Jeff Beck und Rod Stewart lag etwas, das zu Aerosmith und all den anderen 80er-Gruppen führte. Beck war immer mein Lieblingsgitarrist, er denkt auf verrückte Weise, das mag ich. Und kaum zu glauben, dass Stewart weiß ist, er singt wie Sam Cooke.

The Byrds
TURN! TURN! TURN!
(1965)

Byrds Turn Turn Turn
Dieses Album hatte alles, was ihr Debüt hatte – und mehr. Gene Clark war damals gerade noch Teil der Byrds, er war der Hauptsongwriter, selbst wenn Roger McGuinn den Sound der Gruppe definierte. McGuinn spielte eigentlich eine akustische 12-String-Gitarre, bis er sich „A Hard Day‘s Night“ anschaute und entdeckte, dass George Harrison eine elektrische nutzte. Die Byrds verhalfen verschiedenen Genres zur Geburt: Zuerst erfanden sie Folk-Rock, dann machten sie Country-, Psychedelic- und Jazz-Rock populär. Ihre zweite Platte enthält einige von Clarks größten Tracks, und ›Turn! Turn! Turn!‹, ein Pete-Seeger-Stück, ist eine der besten Singles überhaupt.

Werkschau: The Beatles

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Beatles US AlbenDas Alte Testament der Popkultur: Alben, die in jede gut sortierte Rock-Sammlung gehören. Widerspruch ist zwecklos.

Über keine andere Rockband ist so viel geschrieben worden, wie über die Beatles. Keine hat so viele Platten verkauft und derartige Massen von jungen Menschen inspiriert, selbst ein Instrument in die Hand zu nehmen. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, bedient von vier halbwegs gleichberechtigten Individuen: Erst mit den Fab Four nahm die klassische Rockband Gestalt an, denn davor gab es nur Sänger und ihre dezent im Hintergrund agierenden Begleitcombos. Und: The Beatles faszinieren noch heute, mehr als 60 Jahre nach ihren Anfängen in Hamburg und über 50 Jahre nach ihrem Ende im Streit.

Der Grund dafür ist schnell erklärt: Die vier Liverpooler haben die Grundlagen geschaffen, sie sind quasi das Alte Testament der Popkultur, die Wiege diverser Genres vom Britpop bis zum Progrock. Und vor allem: Der Großteil ihrer Songs funktioniert noch heute, repräsentiert außerdem die Trias kluges Songwriting, intelligente Produktion und das lobenswerte Bestreben, künstlerisch neue Ufer zu erreichen.

Was dann auch ein Problem aufwirft, zumindest für diese Rubrik, in der gemeinhin Gutes von Schlechtem getrennt wird. Denn so richtigen Mist haben die Beatles eigentlich zu keiner Zeit produziert; selbst die vermeintlich schwächeren Werke in ihrem Repertoire sind zumindest interessante Zeitgeistdokumente und haben zudem oft genug Songs an Bord, die über jeden Zweifel erhaben sind. Weshalb die Auswahlkriterien in diesem Fall auch nicht rein qualitativer Natur sein können, sondern sich vielmehr an den heutigen Hörgewohnheiten orientieren.

Unverzichtbar

Revolver (1966)


Brillante Songs mit großer stilistischer Bandbreite, dazu eine Atmosphäre, die so ganz dem 66er-Zeitgeist entsprang: Beat war passé, die Hippie-Kultur jedoch noch nicht ganz angekommen. Das Ergebnis war Rock mit leicht psychedelischer Schräglage und experimentellen Untertönen. Von allen Beatles-Album hat REVOLVER die Jahre am besten überdauert, ›Tomorrow Never Knows‹, ›Taxman‹, ›I’m Only Sleeping‹ und ›She Said She Said‹ funktionieren noch heute bestens. Auch Paul McCartney, oft als Balladier missverstanden, lieferte Großes ab: ›Eleanor Rigby‹ etwa, ›For No One‹ und die Soul-Adaption ›Got To Get You Into My Life‹.

Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)

beatles
Die Erfindung des Prog-Rock, exzellent in Szene gesetzt: Allein ›A Day In The Life‹ lohnt die Anschaffung, doch auch der Rest des Albums überwand Genregrenzen auf spielerische Art. Der Titeltrack und ›Lucy In The Sky With Diamonds‹ sind Psychedelic-Rock, bei ›Fixing A Hole‹ klimpert das Cembalo, und die Harfe hielt mittels ›She’s Leaving Home‹ Einzug in den Pop. Auch wunderbar eigenartig: die Klangcollagen bei ›Being For The Benefit Of Mr. Kite‹ und die Indien-Reise ›Within You Without You‹. Ein Meisterwerk der Hippie-Kultur, deren Motto lautete: Alles ist erlaubt.

Wunderbar

Rubber Soul (1965)


The Beatles hatten Dylan gehört, Marihuana entdeckt und die Nase voll von konventionellen Junge-trifft-Mädchen-Texten. Was in einem Werk kulminierte, das man als Geburt des Pop-Albums bezeichnen kann: weitgehend stringent und größer als die Summe seiner Teile. Lennon, aufgrund Beatlemania und privater Malaisen in der Krise, lieferte Großes wie ›In My Life‹ und ›Norwegian Wood‹ ab, der Grundton des Albums war zwar folkig, doch auf ›Drive My Car‹ klangen The Beatles so funky wie nie zuvor. Wichtig: Die UK-Ausgabe ist das Original, US-Ableger Capitol machte daraus ein völlig anderes Album.

The Beatles (1968)


Das berühmteste Doppelalbum der Popgeschichte: Die Verpackung ist schlicht, der Inhalt aber ein wahres Füllhorn unterschiedlichster Pop-Spielarten. Das Spektrum reicht vom folkigen ›Blackbird‹ bis zum Hard Rock ›Helter Skelter‹, von ›Yer Blues‹ bis zum avantgardistischen ›Revolution #9‹. All das ist größtenteils wunderbare Musik, doch der Beigeschmack des „Weißen Albums“ ist dennoch ein wenig bitter. Denn statt einer an einem Strang ziehenden Band waren jetzt vier Individuen am Werke, denen der Sinn zunehmend nach Emanzipation stand. Künstlerisch wertvoll, aber der Anfang vom Ende der Beatles.

Abbey Road (1969)


ABBEY ROAD wurde nach LET IT BE aufgenommen, aber früher veröffentlicht. Harrison, als Songwriter gereift, steuerte den Engtanz-Knüller ›Something‹ und das elegante ›Here Comes The Sun‹ bei, für Neuklang sorgen ein Moog-Synthesizer sowie die B-Seite des Albums: Da die einst gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Lennon und McCartney lahmte, entschied man sich, ihre Song-Fragmente zu einer Art Kollage zu verknüpfen, was auch bestens funktionierte. ABBEY ROAD mit seinem ikonengleichen Cover-Artwork betört mit intensiven Momenten – etwa Lennons hypnotischem ›I Want You (She’s So Heavy)‹.

Help! (1965)


Das letzte Album der Beatles-Frühphase und der Soundtrack zum zweiten Kinofilm der Liverpooler: Der kraftvolle Titelsong, das rhythmisch unorthodoxe ›Ticket To Ride‹ und Lennons folkiges ›You’ve Got To Hide Your Love Away‹ sorgen für Abwechslung auf hohem Niveau, und zum Abschluss lassen die Beatles mit Larry Williams’ Rock’n’Roll ›Dizzy Miss Lizzy‹ noch einmal die Sau raus. Häufig unterschätzt, aber enorm hörenswert: Das vom E-Piano getriebene ›The Night Before‹, ›Another Girl‹ mit seinen Country-Anklängen und der herzhaft-schwungvolle Britfolk ›I’ve Just Seen A Face‹.

Anhörbar

A Hard Day’s Night (1964)


Anhörbar? Aber allemal: Der Soundtrack zum gleichnamigen Kino-Debüt der Beatles ist die Essenz dessen, was die Beatlemania der frühen sechziger Jahre befeuert hatte: Pop-Melodien, dargebracht aber mit Rock’n’ Roll-Attitüde und wunderbarem, meist mehrstimmigem Gesang. John Lennons Einfluss war bei diesem Album signifikant, seine Rocker der Marke ›When I Get Home‹ und ›I’ll Cry Instead‹ atmen Countryrock-Flair. Zudem: Allein schon der Anfangsakkord des Titeltracks ist legendär – und George Harrison ließ hier erstmals die zwölfsaitige Rickenbacker-Gitarre scheppern.

Beatles For Sale (1965)


Gewiss nicht das spektakulärste aller Beatles-Alben, aber eines mit zweifellos wunderschönen Momenten: Etwa, wenn sich ›Eight Days A Week‹ mit originellem Gitarrenarrangement anschleicht und wieder von dannen macht, wenn George Harrison beim Solo zu ›I’m A Loser‹ ganz Rockabilly-mäßig seine Gretsch-Gitarre sprechen lässt, wenn sich beim Walzertakt von ›Baby’s In Black‹ bierseliges Liverpooler Kneipenfeeling breit macht oder ›I Don’t Want To Spoil The Party‹ auf den Punkt bringt, wie ein knackiger, unprätentiöser Popsong aufgebaut sein sollte – und in kurzer Zeit alles sagt, was gesagt werden musste.

Let It Be (1970)


Das Album, das den Beatles den Todesstoß versetzte: Man changierte zwischen betont schlicht und herzhaft gehaltenen Rocksongs sowie vollfetten Balladen, doch da man mit dem Ergebnis – und Paul McCartneys Führungsansprüchen – nicht zufrieden war, gab es Streit – und man engagierte den exzentrischen Produzenten Phil Spector. Der blies einige Stücke orchestral auf, was das Album allerdings nicht zwangsläufig besser machte. ›Get Back‹ und ›Across The Universe‹ faszinieren noch immer, und wer Spectors sirupdicke Produktion nicht mag, dem sei die abgespeckte Ur-Version LET IT BE NAKED empfohlen.

Sonderbar

Yellow Submarine (1969)


Der von Grafiker Heinz Edelmann kreierte Zeichentrickfilm gleichen Namens ist eine Pop-Art-Ikone ohne Wenn und Aber, der dazugehörige Soundtrack vereint allerdings Licht und Schatten: Die erste Seite mit – streckenweise enorm progressiven – Beatles-Songs (›Only A Northern Song‹, ›It’s All Too Much‹) macht Spaß, den Rest des Albums bestritt jedoch Produzent George Martin mit seinem orchestralen Film-Score: nett, aber nicht unbedingt zwingend. Was dann doch wieder für dieses Album spricht, ist das grandiose ›Hey Bulldog‹. Ein klasse Song, der eigentlich auf keinem Beatles-Sampler fehlen darf….

Plattenladen-Challenge: Michael Monroe

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Text: Mark Beaumont

Die Türen des „Levykauppa Keltainen Jäänsärkija“ Plattenladens öffnen sich an einem frostigen Frühlingstag in Helsinki und herein weht ein Hurricane. Ein zuckender Hurricane mit schnellem Mundwerk mit einer ärmellosen Lederjacke, Schlangenlederstiefeln, verspiegelter Sonnenbrille und lackierten Nägeln. Während er in das Geschäft spaziert, checkt er seine platinblonde Mähne in einem kleinen Handspiegel, während einige Fans neben ihm herlaufen.„Bist du nicht von Hanoi Rocks? Ich kann es nicht glauben!“, keuchen sie und betteln nach einem Autogramm. Einer der Fans erzählt davon, vor kurzem von St. Petersburg nach Estland gezogen zu sein, „Wegen… du weißt schon.“ „Es ist nicht deine Schuld, dass euer Anführer ein Arschloch ist“, grinst Michael Monroe und meint weiter. „Hab einfach Spaß mit dem Rock’n’Roll, okay?“ Als Ex-Hanoi-Sänger, wiederauferstandener Finnenrock-Held und Jurymitglied bei „The Voice Of Finland“, passiert Monroe so etwas ständig. „Jaja“, plappert er drauf los. „Das ist schon okay, das ist Teil des Deals. Deswegen habe ich immer diese Karten dabei“, erklärt er und zieht vor-signierte Autogrammkarten aus der Innentasche seiner Jacke. „Die sind schon unterschrieben. Wenn ich hier an einer Straßenecke damit anfange, Autogramme zu geben, steht schnell eine Schlange von Anwohnern da. Aber das macht mir nichts. Jeder, der sich darüber beschwert, beliebt zu sein, erzählt Scheiße. Warum haben sie sich dann eine Karriere aufgebaut?“

Auf den Straßen der finnischen Hauptstadt – einer nahtlosen Fusion aus Business und Boheme, wo der Hafen mit Fischerbooten gefüllt ist und schicke Cocktails jeden Cent ihrer horrenden Preisschilder wert sind – wirkt Monroe wie ein verkehrsgefährdender Rock’n’Roll-Skandal, ein Stück Sunset Strip in Europa. Doch wie er so durch das „Yellow Submarine“ (so heißt der Laden übersetzt) wieselt, ist er plötzlich der König seines eigenen Glam-Rock-Machtbereichs. Der Shop – der viel Punk, New Wave, Rock, Prog und Metal führt – wurde 1989 gegründet und Hanoi Rocks sind in diese Wände eingraviert. In den Regalen neben der Tür ist eine Kopie von Monroes gefeiertem 2011er Album SENSORY OVERDRIVE, auf dessen Cover manikürte Fingernägel ein aufgerissenes Auge präsentieren. „Das ist mein Auge, wie es dazu gezwungen ist, den Weltuntergang mitanzusehen.“, so Monroe. Zwischen Black Sabbath, Misfits und The Who und neben The Renegades und den New York Dolls beherrschen Hanoi-Poster den Raum. Auf einem Regal ist sogar eine Hanoi-Weihnachtskarte aus dem Jahr 1983 zu sehen, auf denen die Band aussieht, wie Santa Claus nach einer Haarspray-Explosion. „Das da haben wir im Tavastia Club nebenan geschossen“, meint Monroe und zeigt auf sein junges Gesicht, das uns von einer Wand gegenüber anschaut. „Da hatte ich meinen zweiten Gig als Sänger, ich muss 17 gewesen sein.“ Was er diesem jungen Kerl wohl heute sagen würde? „Ich würde sagen: Mach weiter so, du bist auf dem richtigen Weg.“

Dieses Poster löst eine Erinnerungswelle in ihm aus und er erzählt von seinen Tagen vor Hanoi Rocks, als er heimatlos auf den Straßen Stockholms mit seinen Bandkollegen Nasty Suicide und Sami Yaffa umher stromerte, die Kunst des Diebstahls perfektionierte oder Mädels klarmachte, nur um ihre Sofas und Kühlschränke nutzen zu können. Eigentlich ist der Rahmen des Nachmittags klar. Das Budget beträgt 60€, dafür soll Monroe Platten kaufen gehen. Was wir jedoch bekommen, ist eine Tour durch Monroes Leben, welche durch das Medium Vinyl erzählt wird. Sogar das Gebäude, in dem wir stehen, ist voller Erinnerungen. Im oberen Stockwerk waren einmal die Büros seines Managements und ein Fan hatte einmal ausgerechnet, dass er zwischen den frühen Hanoi-Tagen und den Reunion- bzw. Farewellshows im Jahr 2009 über 100 Shows im benachbarten Tavastia Club gespielt haben muss. „Wir spielten acht Shows in sechs Tagen. Ehrlich gesagt, war ich froh, als es vorbei war. Ich habe noch nie zuvor so schnell das Backstage verlassen wie damals nach dem letzten Song, da wollte ich einfach nur nach Hause. Aber im Tavastia sind tolle Shows garantiert, der Laden hat einen magischen Vibe, du kannst da drin gar nicht schlecht sein.“ Hinter jedem Plattencover in diesem Laden versteckt sich eine Anekdote, Monroe spricht mit Pathos und Ekstase und baut kleine, selbsterfundene Sprichwörter ein wie „Ich habe mit nichts angefangen und habe immer noch viel davon übrig.“ Als wir bei den Slade-Platten vorbeikommen, besprechen wir gerade Monroes Make-Up und er erinnert sich an seinen ersten Gig 1972, als er „acht oder neun war. Ich sah sie in einem Teenie-Magazin, dann live und war wie weggeblasen. Noddy Holder trug seinen Spiegel-Zylinder, sie waren laut wie die Hölle, danach hörte ich ein paar Tage nichts mehr, aber das war fantastisch.“

Led Zeppelin II

Der Anblick einer Compilation mit dem Titel BEST OF LEONARD COHEN erinnert ihn daran, wie er Leonard Cohen 1986 in Manhatten über den Weg lief, als er gerade seine künftige Frau besuchen wollte. „Es regnete, er trug eine Regenjacke und starrte mich an. Ich dachte mir nur: ‚Wer ist der Kerl? Der kommt mir doch bekannt vor?‘ Als ich bei Judy war, zog sie eine Platte aus dem Regal und fragte mich: ‚Kennst du Leonard Cohen?‘ Und ich darauf nur: ‚Den habe ich gerade auf der Straße gesehen.’“ Als er am Cover von LED ZEPPELIN II vorbeigeht, wird Monroe in die Zeiten seines musikalischen Erwachens zurückgeworfen, als sein Vater 1972 in einen Plattenladen ging und wissen wollte, was die Kids heutzutage denn so hören. Das Schicksal seines Sohns wurde an diesem Tag besiegelt.“Er kaufte Led Zeppelin, CCRs PENDULUM und LOVE IT TO DEATH von Alice Cooper. Wir waren völlig hin und weg, Alice sah wahnsinnig aus, auf dem Backcover hatte Neal Smith jene auftoupierte Frisur, die ich schon immer haben wollte.“

Flashback: ›Under Pressure‹ landet auf Platz 1

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Am 26. Oktober 1981 veröffentlichten Queen und David Bowie ›Under Pressure‹, knapp einen Monat später eroberte der Song die Spitze der Charts im UK. Eigentlich hätte David Bowie bei den Aufnahmesessions des Liedes ›Cool Cat‹ einige Background-Vocals beisteuern soll, während dieser Zusammentreffen im Studio in Montreux soll dann jedoch eher spontan als geplant ›Under Pressure‹ entstanden sein.

Eine andere Geschichte besagt, dass sowohl Queen als auch David Bowie im Oktober 1981 zufällig in Montreux waren. Der Schweizer Promoter Claude Nobs erzählt: „Wir hatten eine große Grillparty bei mir zuhause mit viel Wein, und das Wetter war wunderschön. Um Mitternacht sagte ich zu ihnen: ‚Wieso geht ihr nicht ins Studio und macht etwas zusammen?‘ Sie sahen mich an und sagten: ‚Was meinst du?‘ Und ich erwiderte: ‚Man bekommt Queen und David Bowie nicht oft zusammen, warum geht ihr also nicht ins Studio und seht mal, was ihr tun könnt?’“

Am nächsten Morgen war der Song fertig. Unterlegt von einer der genialsten Basslinien der Popgeschichte von John Deacon, stammte ein Großteil des Arrangements von Mercury, dessen euphorisierender Gesang perfekt zu Bowies passt, ihm aber spektakulär die Show stiehlt. Bowie wollte offenbar alles noch mal neu aufnehmen, doch Queens Sinn für das Spontane behielt die Oberhand.

Trotz allem hat Roger Taylor wohl Recht, wenn er sagt, dieses Stück mit David Bowie sei „eine der besten Sachen, die wir je gemacht haben.“ Es war das erste Mal überhaupt, dass sie mit einem anderen Künstler zusammengearbeitet hatten – und das zweite Mal, dass sie in Großbritannien Platz 1 erreichten.

Hier unsere brandneue Titelstory über David Bowie in der neuen Ausgabe von CLASSIC ROCK lesen.