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Rückblende: Thin Lizzy – ›Dancing In The Moonlight (It‘s Caught Me In Its Spotlight)‹

thin lizzy badSie hatten einen Gitarristen zu wenig und Page, May und Blackmore ließen sich (wie erwartet) nicht blicken. Also machten Thin Lizzy eben zu dritt weiter, setzten alles auf ein Bassriff von Phil Lynott – und erschufen ein melodisches Juwel.

Im September 1976 besuchten Phil Lynott und Scott Gorham die jährliche Leserpoll-Feier des „Melody Maker“, um den Preis für die „Besten Newcomer“ entgegenzunehmen. Eine Ehrung, die die beiden eher be­­fremdlich fanden, schließlich hatten sie schon drei Jahre zuvor mit ›Whiskey In The Jar‹ ih­­ren ersten Top-10-Hit in Großbritannien ge­­landet und gerade die Arbeit an ihrem bevorstehenden siebten Album JOHNNY THE FOX beendet. Doch sie spiegelte wider, wie weit Thin Lizzy in jenem Jahr mit JAILBREAK in das Bewusstsein des Mainstream-Publikums vorgedrungen waren. Für eine Band, deren bisherige Karriere mit vielen Momenten enttäuschter Hoffnungen gespickt war, lag die Herausforderung nun darin, auf diesen Durchbruch aufzubauen.

Ihr Manager Chris O‘Donnell hatte Tony Visconti als den Mann auserkoren, der die Gruppe endlich nach vorne bringen sollte. Dank seiner Arbeit mit T. Rex und David Bowie hatte der New Yorker Produzent gerade einen Lauf. Als O‘Donnell dann auch noch ein Interview las, in dem Visconti sich wunderte, warum Thin Lizzy noch immer kein Album aufgenommen hatten, das ihre Live-Power einfängt, trat er mit ihm in Kontakt, um zu fragen, ob er daran interessiert sei, diesen Umstand endlich zu korrigieren. Sie einigten sich darauf, dass Lynott und Gorham nach der „Melody Maker“-Zeremonie in seinem Good-Earth-Studio in Soho vorbeischauen würden, um neue Demos zu präsentieren, die für ihre achte Platte vorgesehen waren.

Visconti war von dem neuen Material be­­eindruckt, ebenso wie von ihrem charismatischen, gesprächigen Anführer. „Er war Prince Charming“, erzählte er dem Lynott-Biografen Graeme Thomson. „Voller En­­thu­­siasmus, sehr aufgeschlossen und freundlich. Er wollte der Band zum Erfolg verhelfen und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Alle Songs waren geschrieben und offensichtlich auch schon einstudiert. Sie waren in Top-Form.“

„Es war so ein wichtiges Album für uns“, sagt Gorham heute. „Wegen all der Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen hatten, mussten wir das Ruder rumreißen oder wir würden untergehen.“

Aus steuerlichen Gründen – eine Nebenwirkung ihres erhöhten „Rockstar“-Status – mussten sie außerhalb von Großbritannien aufnehmen. Im Mai 1977 kamen sie im Sounds Interchange Studio in Toronto an, beflügelt von einer großen US-Tournee als Vorgruppe von Queen. Gary Moore war zum zweiten Mal ausgestiegen und der langjährige Gitarrist Brian Robertson war nach einer Barschlägerei noch immer im Exil, was die Absage einer vorhergehenden Tour durch die USA erzwungen hatte. Also beschloss Lynott, das neue Album als Trio einzuspielen, in dem der Kalifornier Gorham sämtliche Gitarrenparts übernehmen würde. Im Hinterkopf behielt Lynott außerdem noch die Idee, dass Freunde wie Brian May, Jimmy Page und Ritchie Blackmore zu Gastauftritten vorbeischauen würden, doch aus dieser eher wirklichkeitsfremden Vorstellung wurde nichts.

Nach einer Woche schien Thin Lizzy aber nicht nur ein Gitarrist abzugehen, sondern bald auch ein Produzent. Visconti hatte mit dem Abbruch der Sessions gedroht und zu O‘Donnell gesagt: „Ich kann mit diesen Typen nicht arbeiten. Sie sind sturzbesoffen.“ Der Manager flog umgehend nach Toronto, um die Situation zu bereinigen und alle Beteiligten zu überzeugen, dass sie an etwas sehr Besonderem arbeiteten. „Es ist eine tolle Platte, sie ist fantastisch“, sagte er. „Und übrigens, das ist die Single – ›Dancing In The Moonlight‹.“

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Die jazzig-schwingende, fingerschnippende Geschichte einer Teenage-Romanze in den Straßen von Süd-Dublin – der Brennpunkt dessen, was einmal zum Album BAD REPUTATION werden sollte – wurde Scott Gorham und Schlagzeuger Brian Downey anfangs einfach nur als simple Basslinie präsentiert, wie sich Ersterer erinnert: „Phil sagte: ‚Ich habe da diesen Groove … Was denkst du?‘ Und ich antwortete: ‚Yeah, das ist ziemlich cool, das gefällt mir‘. Ich hatte auch einen Groove in meinem Kopf, der anders war, als er ihn spielte – meiner war härter, seiner etwas ausgelassener. Aber er bestand darauf, dass seine Version kommerzieller wäre. Da sagte ich: ‚Okay, ich richte mich nach dir, du hattest in der Vergangenheit auch den richtigen Riecher‘.“

Trotz anfänglicher Bedenken hinsichtlich der früheren Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Ge­­genspieler Robertson passte sich Gorham schnell an und blühte auf. Seine Westcoast-Harmonien brachten eine gewisse Leichtigkeit in Lynotts neue Komposition und bereicherten sie mit Farben und Schattierungen, ohne das zentrale Bassriff zu übertünchen. Der Geniestreich des Produzenten bestand aber darin, den Supertramp-Saxofonisten John Helliwell an Bord zu holen, um den melodischen Kontrapunkt zu Lynotts luftigen Vocals zu setzen.

›Dancing In The Moonlight‹ wurde (als Doppel-A-Seite mit dem Titelstück des Albums) im Sommer 1977 im Zenit der Punk-Explosion auf die Radio-Playlisten gesetzt und fand mit einem funkelnden Gefühl der Nostalgie, einer Verspieltheit und einer Unschuld, die freudig gegen den Strom des Zeitgeists schwammen, viele Freunde. „Es schien ein großes Risiko zu sein und wir fragten uns, was die Fans wohl denken würden, denn es war so anders als alles, was wir bislang veröffentlicht hatten“, so Gorham. „Zum Glück liebten sie es.“

›Dancing In The Moonlight‹ erreichte in Großbritannien die Top 20, verhalf dem Album zu Platz 4, bis dato ihre beste Platzierung, und führte sie in den USA zurück in die Top 40. Es wurde zum Höhepunkt ihrer Live-Sets und wurde im folgenden Jahr auf dem umwerfenden Konzertmitschnitt LIVE AND DANGEROUS unsterblich gemacht. Selbst heute, fast vier Jahrzehnte später, ist es ein essenzieller Teil des Thin-Lizzy-Live-Erlebnisses.

„Das ist definitiv einer unserer coolsten Songs“, so Gorham. „Als wir ihn zum ersten Mal live spielten, konnte man sehen, wie alle mitsangen, also wussten wir, dass er einen Nerv getroffen hatte. Der Song entspricht dieser Vorstellung, die alle von Phil haben – dieser romantische, freche Typ –, und wurde zu einem der Lizzy-Eckpfeiler schlechthin. Er hatte wohl recht, was dieses Arrangement betraf … aber meine Version wäre genauso cool gewesen.“

Steve Earle: Lieder vom verlorenen Sohn

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Kann es einen traurigeren Anlass für ein Platte geben? Mit J.T. erhalten die Lieder des im August verstorbenen Songwriters Justin Townes Earle ihr Tribute-Album – von seinem Vater Steve.

Sie hatten noch telefoniert, am Nachmittag des 20. August. Schließlich war Justin Townes Earle kürzlich erst aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der 38-jährige Songwriter war noch arg mitgenommen von einer starken Lungenentzündung, die sogar eine Operation erfordert hatte. Aber auch ein anderes, ewiges Problem war in den Vormonaten wieder aufgebrochen, ein Problem, das sich durch die Familie Earle zieht wie eine Erbkrankheit: der Substanzmissbrauch. Alle Unterstützung habe er dem Sohn noch versprochen, so erzählte Steve Earle der New York Times. „Lass mich nicht derjenige sein, der dich begräbt.“

Steve Earle war ja selbst kein Heiliger. Er hatte alles mitgenommen, damals, als er in den späten 80ern, frühen 90ern als wilder Neuling des Country und Folkrock gefeiert wurde – denn der Ausdruck „Americana“ war noch nicht erfunden worden. Wie sein Vorbild und Mentor Townes van Zandt tauchte er voll ein in den selbstzerstörerischen Strudel aus Alkohol, Kokain und Heroin. Auf Platz 1 in den Country-Charts und Grammy-Nominierungen folgten Verurteilungen für Drogen- und Waffenbesitz. Ein Gefängnisaufenthalt 1993 war der Tiefpunkt, aber auch die Wende. Steve wurde clean. Ab 1994 eroberte er seinen Status als Galionsfigur seines Genres zurück. Wichtiger: Nun baute er eine Beziehung zu seinem 12-jährigen Sohn Justin Townes auf. Aus dessen Leben war er verschwunden, als der Bub drei war.

Früh zeigte sich, dass der Junge das Talent seines Vaters geerbt hatte. Aber auch die Probleme: Schon als Teenager kämpfte Justin Townes erstmals gegen die Sucht. Es folgte ein jahrelanger Kreislauf aus Entzug und Rückfall, der „J.T.“ aber nicht hinderte, erst Mitglied der Band des Vaters zu werden und sich bald als Songwriter, der u. a. mit zwei Americana Music Awards gefeiert wurde, selbstständig zu machen. War das Verhältnis zum Vater je komplett geheilt? Nun, alleine die Titel des Albumzyklus’ SINGLE MOTHERS/ABSENT FATHERS (2014/15) des Jüngeren deuten bleibende Narben an. Dennoch, so Steve zur NYT: „Ich hatte zu niemand sonst eine solche Verbindung. Er war mein Erstgeborener, wir machten das Gleiche – und wir beide hatten diese Krankheit“.

Am 20. August nahm Justin Townes das Schmerzmittel Fentanyl ein, wohl nicht wissend, dass dies bei Kokain-Usern auch in kleinen Mengen sofort zur Überdosis führen kann. Mit dem Album J.T. verneigt sich der trauernde Vater vor den Songs seines Sohnes. „Es war der einzige Weg, den ich kenne, um auf Wiedersehen zu sagen.“

Jonathan Jeremiah: Trans-Europa-Trip

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A SOLITARY MAN war 2011 ein voller Erfolg. Seitdem verfeinert Jonathan Jeremiah seinen sanften Stil kontinuierlich. HORSEPOWER FOR THE STREETS überrascht mit Energieschüben und zeigt, wie gut die Zusammenarbeit mit anderen Völkern funktionieren kann. Jonathan trägt das Internationale seit seiner Geburt in sich, sein Vater kam aus Indien, seine Mutter aus Irland. Er hat Songs über Brüssel und Rosario geschrieben, viele deutsche Fans lieben seine U-Bahn-Story auf GOOD DAY. Dieses Mal fing alles in Frankreich an. „Ein Freund hatte sich in der Nähe von Bordeaux ein Haus gekauft, wir konnten dort ein paar Tage verbringen und an neuen Songs arbeiten. Es fühlte sich sehr romantisch, fast wie im Traum an. Dann kam der unerwartete Bruch durch COVID-19. Mir machten Musiker und Künstler allgemein Sorgen. Haben sie noch genug Geld? Ich schrieb ein Schlaflied, damit meine Kinder wegen des ständigen Sirenengeheuls nicht so beunruhigt sind.“

Der im Norden Londons beheimatete Musiker hat eine wunderbar warme Stimme. Begleitet wird sie dieses Mal mit mehr Schwung im Rhythmus und kraftvollem Choreinsatz. Aufgenommen wurde in einer Kirche in Amsterdam. Dort gibt es exzellenten Raumklang und genügend Platz für ein 20-köpfiges Streichorchester. „Vor dem Lockdown hatte ich in den Niederlanden ein paar tolle Liveauftritte mit der Amsterdam Sinfonietta. Daran wollte ich anknüpfen. In diesem Orchester gibt es keinen Dirigenten, man agiert rein auf der Gefühlsebene. Um den Musikern eine Idee zu geben, spielte ich ihnen etwas von Nick Drake vor. Deep Purple haben im Jahr 1969 ein Konzert mit einem Orchester in der Royal Albert Hall gegeben. Das ist für mich ein Musterbeispiel, wie man Rock, Folk und Klassik zusammenbringen kann.“ Scott Walker, Serge Gainsbourg und Terry Callier werden allgemein als Vorbilder genannt, wenn es um Jonathan geht. Doch angefangen hat bei ihm alles ganz anders.

„Ich stand zuerst auf Goth-Rock“, erinnert er sich. „Eine Band, die ich sehr mochte, war All About Eve. Sie hörten sich ein bisschen wie The Cure oder The Mission an, aber da war noch mehr. Durch diese Band entdeckte ich Fairport Convention und erkundete dann die Verbindung von Folk und Rock von Grund auf.“ Erweiterungen dieser Art sind immer möglich und müssen nicht zwangsläufig mit dem zu tun haben, was auf den Britischen Inseln zu Hause ist. „Ich habe während der Entstehung des neuen Albums etwas Zeit in der Nähe von Valencia verbracht. Es gibt da diese Flamenco-Clubs, in denen 50 oder 80 Leute zusammen tanzen, klatschen und singen. Etwas von dieser Atmosphäre habe ich übernommen.“ Auch ein Meister des Feingefühls braucht mal einen Temperamentsausbruch. So verscheucht er den Teufel, der Routine heißt.

Aerosmith: DRAW THE LINE oder: High Times

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Aerosmith Draw The LineNach dem durchschlagenden Doppel TOYS IN THE ATTIC und ROCKS schienen Aerosmith unaufhaltsam. Doch als die Arbeit an DRAW THE LINE begann, wurde nicht nur jedes Budget gesprengt – Drogen und Querelen stürzten die Band in einen Sinkflug, aus dem sie erst ein Jahrzehnt später wieder entkommen sollten.

Anfang 1977 lief es bestens bei Aerosmith. Die jüngste Single ›Walk This Way‹, mit einiger Verspätung aus TOYS IN THE ATTIC von 1975 ausgekoppelt, erreichte im Januar in den USA Platz 10. Und als sie Februar erstmals in Japan auftraten, erlebten sie eine Hysterie, die sie an die Beatlemania erinnerte. Es gab keine größere Rockband als Led Zeppelin auf dem Planeten, doch Aerosmith stiegen steil auf. Wie ihr Produzent Jack Douglas sagte: „Kiss waren ihre einzigen Konkurrenten, zumindest unter amerikanischen Rock-Acts.“

Doch als Douglas im Sommer 1977 die Arbeit am fünften Aerosmith-Album DRAW THE LINE in Angriff nahm, waren die Probleme innerhalb der Gruppe unübersehbar. Harte Drogen hatten die Doppelspitze aus Sänger und Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry fest im Griff. Wie Letzterer denkwürdig sagte: „Die Beatles nahmen das WHITE ALBUM auf, nicht war? Nun, DRAW THE LINE war unser ‚Blackout Album‘.“

Die Platte entstand aus dem schieren Chaos und wurde zum Wendepunkt im Leben von Amerikas größter Rock‘n‘Roll-Band. Ihrer Veröffentlichung folgten zwei Jahre des Wahnsinns – beinahe tödliche Autounfälle, Zusammenbrüche auf der Bühne, Drogenwahn und Kämpfe zwischen ihren Ehefrauen und Freundinnen, was schließlich 1979 im schockierenden Ausstieg von Joe Perry gipfelte. Das Seltsamste daran ist, dass in diesen wilden Jahren, als die Band ihren dysfunktionalen Gipfel erreichte, einige ihrer besten Songs entstanden.

DRAW THE LINE wurde in einem riesigen Landhaus namens Cenacle aufgenommen, das sich auf einem 100 Morgen großen Anwesen in einer entlegenen Ecke des Bundesstaats New York in der Nähe des Dorfs Armonk befand. Es gehörte damals einem Psychiater, der das alte Gebäude in ein Heim für problematische Jugendliche umbauen wollte. „Stattdessen“, scherzte Aerosmith-Bassist Tom Hamilton, „bekam er uns.“

Als die Band im Juni dort ankam, hatte Jack Douglas mit seinem Team ein mobiles Aufnahmestudio im Erdgeschoss eingerichtet. Schwere Kabel verliefen zwischen den einzelnen Zimmern. Für die zusätzliche natürliche Atmosphäre wurde Joey Kramers Schlagzeug in der Kapelle aufgenommen, während Joe Perrys Equipment in einem begehbaren Kamin aufgestellt wurde. Die Schwierigkeit für Douglas bestand darin, die Band in eine Arbeitsroutine zu bringen. Perry gab später zu: „Wir waren Drogensüchtige, die ein bisschen Musik machten, statt Musiker, die ein bisschen mit Drogen experimentierten.“ Und das war nicht ihre einzige gefährliche Angewohnheit. Sie lieferten sich auf den Landstraßen um das Anwesen Rennen in ihren Ferraris und Porsches und spielten auch noch mit Schusswaffen herum, nachdem Perry kurz zuvor sein privates Arsenal um ein halbautomatisches Thompson-Maschinengewehr erweitert hatte.

Die Tage und Nächte verstrichen in einem fast permanenten Rauschzustand: „Wir waren im Cenacle so richtig drauf“, sagte Tyler, dessen wüste Stimmungsschwankungen davon abhingen, was gerade durch seine Adern floss. Mal schnupfte er dicke Lines Kokain, dann schluckte er haufenweise Beruhigungsmittel, vor allem das hypnotisch wirkende Tuinal. Bei einem dieser nächtlichen Abstürze zogen er und Kramer um 5 Uhr morgens los, um mit .22er-Gewehren auf Bierdosen zu schießen, doch Tyler verlor mit der Waffe in der Hand das Bewusstsein, bevor ein einziger Schuss abgefeuert wurde. Perry nahm unterdessen Heroin, trank White Russians zum Frühstück und lief „mit gläsernen Augen“ durchs Haus, wie sich Douglas erinnerte.

Da Tyler und Perry sich komplett zugedröhnt teils tagelang in ihren Zimmern im zweiten Stock verbarrikadierten, war die Band laut Hamilton „in zwei Hälften geteilt.“ An den meisten Abenden arbeitete nur das Trio aus ihm, Kramer und Gitarrist Brad Whitford an Songs. Tyler blieb in seinem Zimmer und kämpfte mit den Texten, während Perry bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er sich doch mal blicken ließ, kaum ein paar zusammenhängende Noten spielen konnte. Laut Douglas war er „ein totales Wrack.“ Perry leugnete das nie. Zu jener Zeit, sagte er, „war Steven und mir schon längst alles scheißegal.“

Nach sechs Wochen war das Album immer noch nicht fertig und Konzerttermine standen an. Die Band kehrte in ihre Heimat Boston zurück – wobei es angesichts ihres Zustandes bei zwei von ihnen großes Glück war, dass sie überhaupt lebendig ankamen. Kramer war mit etwa 210 km/h unterwegs, als er am Steuer seines Ferrari einschlief und in die Leitplanke krachte. Er kam mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus, wurde aber bald darauf mit einer genähten Wunde entlassen. Der sündhaft teure Ferrari erlitt einen Totalschaden. Auch Perry war viel zu schnell unterwegs, als er die Kontrolle über seine Corvette verlor und damit eine Zivilstreife rammte. Er trug keine Verletzungen davon, und wie er später reichlich amüsiert feststellte, nahm ihn der Polizist netterweise in ein Dunkin‘ Donuts in der Nähe mit.

Für andere wäre das vielleicht ein Weckruf gewesen, doch nicht für Perry. Während einer kurzen Auszeit zuhause konsumierte er Opium, das er zu Kugeln rollte, die er im Ganzen schluckte, trank edle Weine, als wären sie Wasser, und stellte immer wieder sein Glück auf die Probe in „einer Reihe von Autounfällen“, wie er es selbst beschrieb. Auf Tour ging der Wahnsinn unvermindert weiter. Die Roadcrew musste für eine Kettensäge für Perry einpacken, damit er Hotelmobiliar zerlegen konnte.

Motörhead: Das faustdicke Ende einer Ära

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Es war das letzte Album des legendären „Three Amigos“-Line-ups – und nicht sein bestes. Selbst Lemmy sagte, IRON FIST sei „schlechter als alles, was wir je gemacht haben“. Es markierte das Ende der Goldenen Ära der Band.

Lemmy sollte für den Rest seines Lebens auf die Zeit nach Motörheads krönendem Meisterwerk NO SLEEP ’TIL HAMMERSMITH von 1981 zurückblicken und protestieren, dass es nicht seine Schuld war, dass sie es nie übertreffen konnten. „Das Problem ist, dass man ein Livealbum, das direkt auf Platz eins eingestiegen ist, nicht toppen kann“, sagte er. „Ich meine, was kann man da tun? Man kann nicht noch ein Livealbum veröffentlichen. Und man kann als Nächstes auch kein Studioalbum machen, denn das war der Livemitschnitt, auf den die Leute fünf Jahre lang gewartet hatten, oder? Also waren wir gefickt. Wir hätten das beste Studioalbum aller Zeiten machen können und wären immer noch gefickt gewesen. Allerdings machten wir das nicht, sondern IRON FIST.“


Tatsächlich wollte oder erwartete niemand noch eine Liveplatte. Was die Fans von Motörhead stattdessen erwarteten, war ein neues Album, das so gut war wie die drei davor: jene unheilige Dreifaltigkeit aus OVERKILL, BOMBER und ACE OF SPADES. Was niemand kommen sah, war IRON FIST – zwölf Tracks mit spärlicher Inspiration und Verve, dafür aber überladen mit Arroganz und Unzufriedenheit. Genau die Art von hastig zusammengeschustertem, außer Kontrolle geratenem und unter keinem guten Stern stehendem Machwerk, das die Ereignisse im Vorfeld seiner Entstehung praktisch garantierten.

Gitarrist „Fast“ Eddie Clarke sagte: „IRON FIST war am schwersten, denn uns gingen die Ideen aus und wir waren immer ausgelaugter.“ Laut Eddie war Schlagzeuger Phil „Philthy Animal“ Taylor mehr als die anderen von den Auswirkungen des Ruhms betroffen. „Auch Lemmy war nicht er selbst …“ In der Tat hatte Lemmy begonnen, sein Ego etwas zu sehr zu befriedigen. Als Motörhead 1981 ihre bis dato
größte Show spielten – als Headliner unter sechs Bands beim Heavy Metal Barn Dance in der Bingley Hall in Stafford –, kippte er nach der Hälfte ihres Auftritts um und das Konzert wurde vorzeitig beendet.
„Lemmy war drei Tage lang wach geblieben und hatte Wodka getrunken“, sagte ein immer noch angepisster Clarke. „Er hatte den ganzen Tag Mädels gefickt und da waren 12.000 Kids in dieser brechend vollen Halle, die auf uns warteten. Den ganzen Tag hatten mir Leute Koks-Lines angeboten, aber ich hatte nur ein einziges Heineken getrunken, weil ich für diese Show in Form sein wollte. Nach 55 Minuten unseres Sets verschwand Lemmy plötzlich nach hinten und brach auf der Bühne zusammen. Ich und Phil waren stinksauer. ‚Du hast uns hängen lassen, du Wichser!‘ Und er sagte: ‚Dass ich drei Nächte durchgemacht habe, hat nichts damit zu tun.‘ Nein, natürlich nicht!“ Ironischerweise bekam der Auftritt eine euphorische Rezension im Melody Maker, dessen Autor ihn für wunderbares Theater hielt. „Ich sagte zu Phil: ‚Plötzlich sind wir die grandioseste Liveband. Letzte Woche nannten sie uns noch Fotzen‘“, meinte Lemmy dazu. Mick Farren, der Lemmy seit seinen Hawkwind-Tagen kannte und Songs mit ihm geschrieben hatte, kommentierte: „Wir benahmen uns alle äußerst schlimm. Wir nahmen alle viel zu viele Drogen. Lemmy nahm mehr Speed als jeder andere Mensch, den ich je gesehen habe. Wir hätten es wahrscheinlich verdient, ins Gefängnis zu gehen.“

Das wäre auch fast passiert, als die Band im Vorfeld der Veröffentlichung von IRON FIST im April 1982 in eine Reihe von Razzien verwickelt war. Die erste und gravierendste ereignete sich nach vier Aben den im Hammersmith Odeon in London, als Drogenfahnder bei allen drei Bandmitgliedern zu Hause Hausdurchsuchungen durchführten. „Wie sich herausstellte, waren die Bullen bei jeder der Hammersmith-Shows gewesen“, erinnert sich ihr ehemaliger Manager Doug Smith. „Sie hatten sogar am Merch-Stand T-Shirts gekauft, um wie echte Fans zu wirken. Und dann rannten um sechs Uhr morgens nach der letzten Show 26 Polizeibeamte meine Tür ein – sie brach aus den Angeln. Weitere 70 fuhren zu dem Hotel, in dem die Crew wohnte. Sie stürmten auch Lemmys Wohnung, doch er war nicht dort. Wie immer kam er ungeschoren davon, weil er im St. Moritz Club in Soho an den Spielautomaten war, sich Lines durch die Nase zog und soff. Am nächsten Morgen sagte er dann: ‚Oh, ich wusste von all dem nichts, Doug.‘“


Abseits der Bühne gab es zudem wachsende Unstimmigkeiten über Geld. Die Band fand, dass sie mit NO SLEEP gerade ein Nummer-eins-Album gelandet hatte und folglich reich sein sollte. Trotzdem bekamen sie alle nach wie vor einen Wochenlohn von 250 Pfund ausbezahlt. Trotz ausverkaufter Konzerte in Großbritannien und ganz Europa weist Smith darauf hin, dass „die Mehrheit aller Tourneen nicht viel Geld einbrachte. Das Merchandising brachte viel Geld ein. Als die Band in echte Schwierigkeiten geriet, lieh die Merch-Firma ihr 36.000 Pfund, die sie nie wieder sah. Eddie meckerte ständig: ‚Doug, was ist mit all dem Merchandising-Geld passiert?‘ ,Eddie, du hattest es.‘ ‚Nun, wir haben nie etwas davon gesehen.‘ ,Nein, ihr habt nie etwas davon gesehen. Wir haben nur eure fucking Rechnungen bezahlt!‘“ Doug hatte Motörhead „beschützt“: „Sie hatten immer Geld, um auf Tour zu gehen.“ Und das war das Einzige, was Lemmy wichtig war. „Lemmy interessierte sich nicht wirklich für Geld. Nur für das, was er in der Tasche hatte. Solange er einen unbegrenzten Betrag für Maschinen oder was auch immer ausgeben konnte …“ Und jenes „was auch immer“ waren natürlich Speed und Whisky.


Eddie wollte davon jedoch nichts wissen und drohte mehr als einmal, die Band zu verlassen. Laut Lemmy passierte das fast wöchentlich. Er erinnerte sich, wie Eddie mal auf Tour in Frankreich „ausstieg“. Die Labelbosse flogen panisch in einem gecharteten Flugzeug ein und brachten Eddie schließlich davon ab. „Und das sehr gegen seinen Willen“, wie Lemmy stirnrunzelnd sagte. „Das einzige, was sie ihm nicht versprachen, war mehr Geld. Hätte er nur ein bisschen Hirn gehabt, hätte er darauf bestanden.“
Doug berichtet von einem Vorfall in Los Angeles, als Eddie ihn anrief und vor Wut tobte. „Er zeterte: ,Die fucking Band hat den Gig ohne mich verlassen! Ich hatte keinen fucking Wagen, um zum Hotel zurückzukommen! Ich musste mir ein fucking Taxi nehmen und der Fahrer versuchte, mich zu entführen und nach Mexiko zu verschleppen! Ich verlasse die Band!‘ Ich atmete tief durch und sagte dann sehr ruhig: ,Eddie, ich verstehe das alles, aber bei meiner Frau haben gerade die Wehen eingesetzt.‘ Und er antwortete: ‚Oh, sorry, dann verlasse ich die Band eben nächste Woche …‘“


Vor diesem desaströsen Hintergrund sollte dann das unheilvolle IRON FIST entstehen, das letzte Album des klassischen „Three Amigos“-Line-ups – und zweifellos das schlechteste.
„Eddie und Phil prügelten sich ständig“, erzählte Lemmy. „Einmal hatte ich sie gerade auseinandergebracht, weil es Zeit war, auf die Bühne zu gehen, und auf dem Weg die Treppe runter schlug Phil Eddie mit einem fucking Trommelstock auf den Kopf und es ging wieder los. In Glasgow wälzten sie sich auf dem Boden in den Aufzug. Die Türen gingen zu und sie prügelten sich immer noch. Bands sind zerbrechliche Konstrukte. Wenn sie nicht genug Geld bekommen, hält sie nicht viel zusammen außer Vertrauen. Und nur sehr wenige Bands vertrauen einander noch nach dem ersten Jahr. Alle sind auf ihren eigenen Vorteil aus. Und ich versuchte bei Motörhead, dagegen anzukämpfen. Ich wollte, dass wir als Band an das glaubten, was wir machten. Und dass wir eine Daseinsberechtigung haben. Jede großartige Band macht diesen Scheiß durch. Bei uns dauerte es nur einfach länger.“

RÜCKBLENDE: Dire Straits – ›Sultans Of Swing‹

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Dire Straits - Sultans Of SwingDer Auftritt einer hoffnungslos schlechten Jazzband in einem gähnend leeren Pub hatte die Dire Straits zu diesem Lied über Harry, Guitar George und ihre eigene herumkrebsende Band inspiriert. Der Startschuss für einen rasanten Aufstieg in den Rockolymp.

Kurz nach 18:00 Uhr am 13. Juli 1985 gingen die Dire Straits im Wembley Stadion als Teil von Live Aid auf die Bühne und spielten vor einem globalen TV-Publikum von unfassbaren 1,9 Milliarden Menschen. Angetreten zwischen U2 und Queen, fingen sie mit ›Money For Nothing‹ an – bei dem sich Sting zu ihnen gesellte – und ließen dann eine epische Ver­sion des Stücks folgen, das sie zu Superstars gemacht hatte: ›Sultans Of Swing‹. „Es war etwas Besonderes, Teil davon zu sein“, erinnert sich Bassist John Illsley. „Live Aid war für uns alle ein einmaliges Privileg. Eine wundervolle Erinnerung.“

Ihr Status als MTV-Titanen stand im krassen Gegensatz zum fast schon absurd bescheidenen Ursprung dieses Hits. Sänger/Gitarrist Mark Knopfler hatte den Song 1977 geschrieben, nachdem er sich eines verregneten Abends in einen leeren Pub geflüchtet und dort eine grauenhafte Jazzband gesehen hatte. Auch der offensichtliche Mangel an Talent sowie Publikum hielt deren Frontmann nicht davon ab, seinen Auftritt mit einem begrenzt euphorischen „Gute Nacht und vielen Dank. Wir sind die Sultans Of Swing“ zu beenden.

Wenigstens verließ Knopfler den Pub mit dem Keim einer Idee. Er kehrte in die Sozialwohnung im Stadtteil Deptford zurück, die er sich mit seinem Bruder David und Illsley teilte, und fing an, einen Song zu schreiben für die Band, die sie gerade gegründet hatten. „Wir hatten so gut wie nichts zum Leben und konnten noch nicht mal die Gasrechnung bezahlen“, so Illsley, der hinzufügt, dass der Name Dire Straits („schwere Zeiten“) nicht von ungefähr kam. „In dieser Wohnung hörte ich Mark zum ersten Mal eine Version von ›Sultans Of Swing‹ spielen, aber das war noch ein komplett anderes Lied.“ Selbst Knopfler fand, dass ihm etwas Feuer fehlte. Nachdem er aber genug Geld zusammengekratzt hatte, um sich eine Stratocaster von 1961 zu kaufen, entwickelte das Stück seinen schwelenden Blues-Groove.

„Eines Tages sagte er zu mir: ‚Erinnerst du dich noch an die Nummer, an der ich vor ein paar Tagen rumgewerkelt habe? Ich habe die Struktur komplett umgebaut.‘ Er spielte es und es klang gut. Das Ding ist ziemlich simpel, es ist die Spielweise, die es so faszinierend macht. Dieser rollende Rhythmus auf der Gitarre. Bass und Schlagzeug sind sehr einfach. Und natürlich ist es eine Geschichte. So ist das nun mal: Alle guten Songs haben eine Geschichte.“

„Es schlug unglaublich ein. Das sind die Wendepunkte, die dein Leben formen.“ (John Illsley)

Auf ›Sultans Of Swing‹ baute Knopfler die Ereignisse jenes Abends in die Erzählung ein. Während es draußen schüttet, spielt die Band drinnen Dixieland. Harry hat einen Job, aber er steht da oben und gibt alles. Genau wie Guitar George, der all die Akkorde weiß. „But it’s strictly rhythm/He doesn’t want to make it cry or sing/If any old guitar is all he can afford/When he gets up under the lights to play his thing.“ Währenddessen hängen ein paar Jugendliche in der Ecke rum. „Drunk and dressed in their best brown baggies and their platform soles/They don’t give a damn about any trumpet-playing band/It ain’t what they call rock and roll.“ Einen trostloseren Blick auf die triste Welt der Pubs in den 70ern kriegt man nirgends sonst zu hören.

Im Juli 1977 waren die Dire Straits immer noch verzweifelt auf der Suche nach einem Plattenvertrag und buchten sich in einem winzigen Achtspur-Studio ein. Das Demo mit fünf Stücken, das daraus resultierte, inklusive ›Sultans Of Swing‹, schickten sie dann dem Radio-London-DJ Charlie Gillet. „Charlie flippte total darauf aus“, erinnert sich Illsley. „In seiner Sendung sagte er: ‚Ich werde das solange spielen, bis jemand diese Band unter Vertrag nimmt‘, was ziemlich mutig war. Zum Glück wurden wir dann tatsächlich gesignt. Damals konnte eine Person bei einem Radiosender noch wirklich etwas bewegen.“

Als ›Sultans Of Swing‹ auf Dauerrotation lief, nahmen die Plattenfirmen Notiz von diesem rumpelnden Bluesrock-Stück über eine miese Jazzband. Innerhalb von zwei Monaten hatten die Dire Straits bei Phonogram unterschrieben, die sie in die Basing Street Studios schickten, um ihr Debütalbum mit Produzent Muff Winwood und Toningenieur Rhett Davies aufzunehmen. Es gab da nur ein Problem, so Illsley: „Wir schafften es nicht, dass sich ›Sultans Of Swing‹ genauso gut anhörte wie auf dem Demo. Eine Zeitlang wurde sogar in Erwägung gezogen, die Demoversion als Single zu veröffentlichen.“

Letztlich nahmen sie aber doch noch eine Version auf, mit der alle zufrieden waren. ›Sultans Of Swing‹ erschien im Mai 1978 in Großbritannien und schlug keine besonders hohen Wellen. Doch dann kamen die Dinge in Bewegung. Das selbstbetitelte Album erschien im Oktober, verkaufte sich eher schleppend, erreichte aber in den Niederlanden Goldstatus. „Ich erhielt diesen Anruf von der Plattenfirma, dass wir 25.000 Alben verkauft hatten. Dann ging es in die Staaten und lief dort sehr gut. Die Radiosender spielten ›Sultans Of Swing‹ wie verrückt, und weil es in Amerika durchstartete, wurde es noch mal in Großbritannien veröffentlicht. Es breitete sich aus wie ein Waldbrand.“

Anfang 1979 war die Single auf beiden Seiten des Atlantiks in die Top 10 geschossen, ebenso wie das Album, dessen unspektakuläre Ästhetik und zeitloses Songwriting zu Verkäufen von mehr als sieben Millionen Einheiten führten. Plötzlich wurde Knopfler als größter britischer Gitarrist seit Clapton gefeiert, und selbst Dylan klopfte an und engagierte Knopfler und Schlagzeuger Pick Withers, um auf SLOW TRAIN COMING zu spielen. Die Dire Straits wurden schließlich eine der erfolgreichsten britischen Bands der 80er. Als sie 1992 die Gitarrengurte an den Nagel hängten, hatten sie 120 Millionen Platten verkauft.

„Man könnte sagen, dass ›Sultans Of Swing‹ das Lied war, das alles ins Rollen brachte“, so Illsley. „Es schlug unglaublich ein. Das sind die Wendepunkte, die dein Leben formen. Man sagt, wir hatten Glück, aber ich sage: Was ist schon Glück? Fakt ist, dass es ein verdammt guter Song ist, die Band war auch verdammt gut und wir arbeiteten verdammt hart. Und der einzige Weg, auf dem du irgendwas erreichen wirst, ist Einsatz. Wenn dir also so etwas widerfährt, ist es fantastisch. Mann, das war aufregend!“

Larkin Poe: Harmonie(n) im Überfluss

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Megan und Rebecca Lovell im Interview über ihr neues Album BLOOD HARMONY.

Rebecca und Megan Lovell sind funkelnde Sterne am Himmel einer modernen Blues- und Roots-Rock-Bewegung. Mit ihrem neuen Werk BLOOD HARMONY haben die talentierten Schwestern aus Georgia nun das vielleicht „most southern“ Album ihrer Karriere veröffentlicht. Nicht nur musikalisch gesehen, auch inhaltlich beschäftigen sich die beiden inzwischen in Nashville ansässigen Künstlerinnen darauf mit Heimat, Kindheitserinnerungen, familiärem Zusammenhalt und ihrer intensiven Schwestern-Verbundenheit: „Unsere Musik ist oft von einem gewissen Heimweh geprägt, wahrscheinlich, weil wir schon sehr früh ständig unterwegs waren. Und natürlich sind wir sehr stolz auf die Musik, die im Süden entstand, das hat sich schon immer in unserem Schaffen gespiegelt.“, so Sängerin und Gitarristin Rebecca nachdenklich. „Den Track ›Blood Harmony‹ habe ich für unsere Mutter geschrieben, eine Art vertonte Liebeserklärung. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die, wie meine Schwestern und ich mit ihr am Klavier sitzen und Harmoniegesänge übten. Als wir im Studio waren, besuchte uns Mama und sang bei den Harmonien für den Song mit, das war ein schöner Moment.“ Slide-Gitarristin und Sängerin Megan ergänzt: „Generell haben wir uns auf diesem Album von unserem gewöhnlichen Aufnahme-Prozedere entfernt. Als wir 2017 unser Label Tricki-Woo Records gründeten, machten wir alles selbst, programmierten die Drums, all das. Auf BLOOD HARMONY haben wir den Prozess geöffnet und mit Rebeccas Mann Tyler Bryant als Produzent gearbeitet – einem brillanten Künstler. Die Kommunikation zwischen Rebecca und mir funktioniert oft durch Gedankenübertragung, damit muss man als Außenstehender erst mal umgehen können. (lacht) Außerdem orientierten wir uns noch mehr am Vibe der 70er. Vieles wurde live aufgenommen, auch die Drums, die Platte versprüht mehr rohen Rock’n’Roll mit einem Hauch Nostalgie und repräsentiert so besser, was Larkin Poe auf der Bühne abliefert.“

Trotz eben jener Nostalgie und der persönlichen Erfahrungen, die von Wärme, Zuneigung und Offenheit geprägt sind, sind sich Larkin Poe der schwierigen Geschichte des Südens und des Southern Rock bewusst und wollen Teil einer neuen, diversen, reflektierten Bewegung sein, die eine positive Botschaft in die Welt trägt: „Der Süden ist mit einem schweren Stück Historie belastet, auf das wir nicht stolz sind. Doch der einzige Weg ist, selbst der Wandel zu sein, den man sehen möchte. Wir schreiben aus einer südlichen Perspektive und weben unsere eigenen Ansichten hinein. Wir lieben die Kultur und Musik, die dort entstanden ist, die zu einem großen Teil dem schwarzen Amerika entspringt – es ist uns wichtig, diesen Künstlern Respekt zu zollen und diesen Teil der Vergangenheit zu ehren, jedoch nicht darin stecken zu bleiben. Als female fronted Southern Rock und Blues-Band können wir all dies miteinander vermengen und so hoffentlich etwas verändern.“, erklärt Rebecca und wägt dabei jedes ihrer Worte sorgfältig ab. Schnell merkt man, dass bei Larkin Poe die Harmonie eine übergeordnete Rolle spielt. Nicht nur wenn es darum geht, mehrstimmig zu singen, die eigenen Familienverhältnisse zu beschreiben oder Frieden zwischen der Vergangenheit und dem Jetzt zu schließen, auch das enge Band zwischen den beiden Schwestern basiert auf dem Wunsch nach Einklang: „Auch wir streiten, auch unsere Egos standen uns schon im Weg, auch wir traten manchmal in Konkurrenz zueinander, doch wir arbeiten jeden Tag an uns. Wir gehen respektvoll miteinander um, wir nutzen unsere lebenslange Verbundenheit und das damit einhergehende Wissen nicht aus, um uns zu verletzen. So eine Dynamik wollen wir nicht. Wir lieben einander und wollen gemeinsam wachsen – wir stecken viel Energie in unsere gesunde Beziehung.“, so die Lovell-Schwestern – wie auch sonst – einhellig.

Zeitzeichen: James Brown

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James BrownHandful Of Soul: Von ärmlichen Verhältnissen zum Soul-Olymp.

In bettelarmen Verhältnissen verbrachte James Brown seine Kindheit und Jugend. Er wurde am 3. Mai 1933 in einer Hütte, die aus einem einzigen Raum bestand, geboren. Seine Eltern trennten sich, als er vier Jahre alt war. Die Mutter verließ die Familie und James war den ganzen Tag über sich selbst überlassen, weil sein Vater immer arbeitete. „Ich glaube, wenn man als Kind so viel allein ist“, so sagte die Soul-Legende rückblickend in einem Interview, „dann wirkt sich das sehr stark aus.“ Niemand war für ihn da, keiner, mit dem er reden konnte. „Das hat mich für immer geprägt, das hat mich innerlich unabhängig gemacht. Ganz gleich, was mir später noch alles passierte – meine Zeit im Gefängnis, private Probleme, die Schikanen der Regierung – ich konnte mich immer in mich selbst zurückziehen.“

Mit sechs Jahren wurde James zu seiner Tante Minnie nach Augusta, Georgia, gebracht. Sie betrieb ein Bordell und der kleine James sah dort jede Menge Halbwelt: Glücksspiel, illegale Schnapsbrennereien und Prostitution. Als Jugendlicher tanzte er für kleines Geld, putzte Schuhe, sang in der Kirche und fing an zu stehlen. Ein paar mal schickten sie ihn von der Schule nach Hause, weil er nicht ordentlich gekleidet war. Klingt tragisch, und ja, im Vergleich zum Lebenslauf von Brown verblasst so manche Gangsterrapper-Biographie. Die Polizei erwischte ihn nach diversen Autoeinbrüchen und er wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. „Ich war erst ein paar Monate im Knast, da stellte ich dort ein Gospelquartett zusammen. Gospel zu singen ist eine Art Hilfe für die Seele und machte mich zufrieden.“ Es dauerte nicht lange und die anderen Jungs nannten den rhythmischen Sänger einfach nur Musicbox.

Seine Karriere nahm nach dem Freiheitsentzug ordentlich Fahrt auf. Anfang der 50er Jahre lernte James den Sänger Bobby Bird kennen und dieser nahm Brown in seiner Band The Avons auf. „Du brauchst Macht, um frei zu werden und Freiheit, um kreativ sein zu können“, so lautet die Formel von James Brown über seinen Antrieb, Musiker zu werden.

Mitte der 60er Jahre politisierte sich der Sänger: Er wurde Mitglied bei Bürgerrechtsorganisationen und trat in den Südstaaten nur dann auf, wenn schwarze und weiße Besucher nicht mehr (wie sonst üblich) nach Hautfarben getrennt im Publikum saßen. Was James Brown nicht unterstützte, waren bewaffneter Aufstand und gewalttätige Revolution. Das war nicht sein Ding. Als Martin Luther King 1968 er­­mordet wurde und deshalb Unruhen in den Großstädten befürchtet wurden, rief er in den Medien zur Mäßigkeit auf. „Tun wir nichts, was Dr. King nicht ehrt“, sagte Brown. Später im Jahr 1968 nahm er dann den Song auf, der eine der Hymnen dieser Zeit werden sollte: ›Say It Loud, I‘m Black And I‘m Proud‹