Aerosmith: DRAW THE LINE oder: High Times

Aerosmith Draw The LineNach dem durchschlagenden Doppel TOYS IN THE ATTIC und ROCKS schienen Aerosmith unaufhaltsam. Doch als die Arbeit an DRAW THE LINE begann, wurde nicht nur jedes Budget gesprengt – Drogen und Querelen stürzten die Band in einen Sinkflug, aus dem sie erst ein Jahrzehnt später wieder entkommen sollten.

Anfang 1977 lief es bestens bei Aerosmith. Die jüngste Single ›Walk This Way‹, mit einiger Verspätung aus TOYS IN THE ATTIC von 1975 ausgekoppelt, erreichte im Januar in den USA Platz 10. Und als sie Februar erstmals in Japan auftraten, erlebten sie eine Hysterie, die sie an die Beatlemania erinnerte. Es gab keine größere Rockband als Led Zeppelin auf dem Planeten, doch Aerosmith stiegen steil auf. Wie ihr Produzent Jack Douglas sagte: „Kiss waren ihre einzigen Konkurrenten, zumindest unter amerikanischen Rock-Acts.“

Doch als Douglas im Sommer 1977 die Arbeit am fünften Aerosmith-Album DRAW THE LINE in Angriff nahm, waren die Probleme innerhalb der Gruppe unübersehbar. Harte Drogen hatten die Doppelspitze aus Sänger und Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry fest im Griff. Wie Letzterer denkwürdig sagte: „Die Beatles nahmen das WHITE ALBUM auf, nicht war? Nun, DRAW THE LINE war unser ‚Blackout Album‘.“

Die Platte entstand aus dem schieren Chaos und wurde zum Wendepunkt im Leben von Amerikas größter Rock‘n‘Roll-Band. Ihrer Veröffentlichung folgten zwei Jahre des Wahnsinns – beinahe tödliche Autounfälle, Zusammenbrüche auf der Bühne, Drogenwahn und Kämpfe zwischen ihren Ehefrauen und Freundinnen, was schließlich 1979 im schockierenden Ausstieg von Joe Perry gipfelte. Das Seltsamste daran ist, dass in diesen wilden Jahren, als die Band ihren dysfunktionalen Gipfel erreichte, einige ihrer besten Songs entstanden.

DRAW THE LINE wurde in einem riesigen Landhaus namens Cenacle aufgenommen, das sich auf einem 100 Morgen großen Anwesen in einer entlegenen Ecke des Bundesstaats New York in der Nähe des Dorfs Armonk befand. Es gehörte damals einem Psychiater, der das alte Gebäude in ein Heim für problematische Jugendliche umbauen wollte. „Stattdessen“, scherzte Aerosmith-Bassist Tom Hamilton, „bekam er uns.“

Als die Band im Juni dort ankam, hatte Jack Douglas mit seinem Team ein mobiles Aufnahmestudio im Erdgeschoss eingerichtet. Schwere Kabel verliefen zwischen den einzelnen Zimmern. Für die zusätzliche natürliche Atmosphäre wurde Joey Kramers Schlagzeug in der Kapelle aufgenommen, während Joe Perrys Equipment in einem begehbaren Kamin aufgestellt wurde. Die Schwierigkeit für Douglas bestand darin, die Band in eine Arbeitsroutine zu bringen. Perry gab später zu: „Wir waren Drogensüchtige, die ein bisschen Musik machten, statt Musiker, die ein bisschen mit Drogen experimentierten.“ Und das war nicht ihre einzige gefährliche Angewohnheit. Sie lieferten sich auf den Landstraßen um das Anwesen Rennen in ihren Ferraris und Porsches und spielten auch noch mit Schusswaffen herum, nachdem Perry kurz zuvor sein privates Arsenal um ein halbautomatisches Thompson-Maschinengewehr erweitert hatte.

Die Tage und Nächte verstrichen in einem fast permanenten Rauschzustand: „Wir waren im Cenacle so richtig drauf“, sagte Tyler, dessen wüste Stimmungsschwankungen davon abhingen, was gerade durch seine Adern floss. Mal schnupfte er dicke Lines Kokain, dann schluckte er haufenweise Beruhigungsmittel, vor allem das hypnotisch wirkende Tuinal. Bei einem dieser nächtlichen Abstürze zogen er und Kramer um 5 Uhr morgens los, um mit .22er-Gewehren auf Bierdosen zu schießen, doch Tyler verlor mit der Waffe in der Hand das Bewusstsein, bevor ein einziger Schuss abgefeuert wurde. Perry nahm unterdessen Heroin, trank White Russians zum Frühstück und lief „mit gläsernen Augen“ durchs Haus, wie sich Douglas erinnerte.

Da Tyler und Perry sich komplett zugedröhnt teils tagelang in ihren Zimmern im zweiten Stock verbarrikadierten, war die Band laut Hamilton „in zwei Hälften geteilt.“ An den meisten Abenden arbeitete nur das Trio aus ihm, Kramer und Gitarrist Brad Whitford an Songs. Tyler blieb in seinem Zimmer und kämpfte mit den Texten, während Perry bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er sich doch mal blicken ließ, kaum ein paar zusammenhängende Noten spielen konnte. Laut Douglas war er „ein totales Wrack.“ Perry leugnete das nie. Zu jener Zeit, sagte er, „war Steven und mir schon längst alles scheißegal.“

Nach sechs Wochen war das Album immer noch nicht fertig und Konzerttermine standen an. Die Band kehrte in ihre Heimat Boston zurück – wobei es angesichts ihres Zustandes bei zwei von ihnen großes Glück war, dass sie überhaupt lebendig ankamen. Kramer war mit etwa 210 km/h unterwegs, als er am Steuer seines Ferrari einschlief und in die Leitplanke krachte. Er kam mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus, wurde aber bald darauf mit einer genähten Wunde entlassen. Der sündhaft teure Ferrari erlitt einen Totalschaden. Auch Perry war viel zu schnell unterwegs, als er die Kontrolle über seine Corvette verlor und damit eine Zivilstreife rammte. Er trug keine Verletzungen davon, und wie er später reichlich amüsiert feststellte, nahm ihn der Polizist netterweise in ein Dunkin‘ Donuts in der Nähe mit.

Für andere wäre das vielleicht ein Weckruf gewesen, doch nicht für Perry. Während einer kurzen Auszeit zuhause konsumierte er Opium, das er zu Kugeln rollte, die er im Ganzen schluckte, trank edle Weine, als wären sie Wasser, und stellte immer wieder sein Glück auf die Probe in „einer Reihe von Autounfällen“, wie er es selbst beschrieb. Auf Tour ging der Wahnsinn unvermindert weiter. Die Roadcrew musste für eine Kettensäge für Perry einpacken, damit er Hotelmobiliar zerlegen konnte.

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