Motörhead: Das faustdicke Ende einer Ära

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Motörhead: Das faustdicke Ende einer Ära

Es war das letzte Album des legendären „Three Amigos“-Line-ups – und nicht sein bestes. Selbst Lemmy sagte, IRON FIST sei „schlechter als alles, was wir je gemacht haben“. Es markierte das Ende der Goldenen Ära der Band.

Lemmy sollte für den Rest seines Lebens auf die Zeit nach Motörheads krönendem Meisterwerk NO SLEEP ’TIL HAMMERSMITH von 1981 zurückblicken und protestieren, dass es nicht seine Schuld war, dass sie es nie übertreffen konnten. „Das Problem ist, dass man ein Livealbum, das direkt auf Platz eins eingestiegen ist, nicht toppen kann“, sagte er. „Ich meine, was kann man da tun? Man kann nicht noch ein Livealbum veröffentlichen. Und man kann als Nächstes auch kein Studioalbum machen, denn das war der Livemitschnitt, auf den die Leute fünf Jahre lang gewartet hatten, oder? Also waren wir gefickt. Wir hätten das beste Studioalbum aller Zeiten machen können und wären immer noch gefickt gewesen. Allerdings machten wir das nicht, sondern IRON FIST.“


Tatsächlich wollte oder erwartete niemand noch eine Liveplatte. Was die Fans von Motörhead stattdessen erwarteten, war ein neues Album, das so gut war wie die drei davor: jene unheilige Dreifaltigkeit aus OVERKILL, BOMBER und ACE OF SPADES. Was niemand kommen sah, war IRON FIST – zwölf Tracks mit spärlicher Inspiration und Verve, dafür aber überladen mit Arroganz und Unzufriedenheit. Genau die Art von hastig zusammengeschustertem, außer Kontrolle geratenem und unter keinem guten Stern stehendem Machwerk, das die Ereignisse im Vorfeld seiner Entstehung praktisch garantierten.

Gitarrist „Fast“ Eddie Clarke sagte: „IRON FIST war am schwersten, denn uns gingen die Ideen aus und wir waren immer ausgelaugter.“ Laut Eddie war Schlagzeuger Phil „Philthy Animal“ Taylor mehr als die anderen von den Auswirkungen des Ruhms betroffen. „Auch Lemmy war nicht er selbst …“ In der Tat hatte Lemmy begonnen, sein Ego etwas zu sehr zu befriedigen. Als Motörhead 1981 ihre bis dato
größte Show spielten – als Headliner unter sechs Bands beim Heavy Metal Barn Dance in der Bingley Hall in Stafford –, kippte er nach der Hälfte ihres Auftritts um und das Konzert wurde vorzeitig beendet.
„Lemmy war drei Tage lang wach geblieben und hatte Wodka getrunken“, sagte ein immer noch angepisster Clarke. „Er hatte den ganzen Tag Mädels gefickt und da waren 12.000 Kids in dieser brechend vollen Halle, die auf uns warteten. Den ganzen Tag hatten mir Leute Koks-Lines angeboten, aber ich hatte nur ein einziges Heineken getrunken, weil ich für diese Show in Form sein wollte. Nach 55 Minuten unseres Sets verschwand Lemmy plötzlich nach hinten und brach auf der Bühne zusammen. Ich und Phil waren stinksauer. ‚Du hast uns hängen lassen, du Wichser!‘ Und er sagte: ‚Dass ich drei Nächte durchgemacht habe, hat nichts damit zu tun.‘ Nein, natürlich nicht!“ Ironischerweise bekam der Auftritt eine euphorische Rezension im Melody Maker, dessen Autor ihn für wunderbares Theater hielt. „Ich sagte zu Phil: ‚Plötzlich sind wir die grandioseste Liveband. Letzte Woche nannten sie uns noch Fotzen‘“, meinte Lemmy dazu. Mick Farren, der Lemmy seit seinen Hawkwind-Tagen kannte und Songs mit ihm geschrieben hatte, kommentierte: „Wir benahmen uns alle äußerst schlimm. Wir nahmen alle viel zu viele Drogen. Lemmy nahm mehr Speed als jeder andere Mensch, den ich je gesehen habe. Wir hätten es wahrscheinlich verdient, ins Gefängnis zu gehen.“

Das wäre auch fast passiert, als die Band im Vorfeld der Veröffentlichung von IRON FIST im April 1982 in eine Reihe von Razzien verwickelt war. Die erste und gravierendste ereignete sich nach vier Aben den im Hammersmith Odeon in London, als Drogenfahnder bei allen drei Bandmitgliedern zu Hause Hausdurchsuchungen durchführten. „Wie sich herausstellte, waren die Bullen bei jeder der Hammersmith-Shows gewesen“, erinnert sich ihr ehemaliger Manager Doug Smith. „Sie hatten sogar am Merch-Stand T-Shirts gekauft, um wie echte Fans zu wirken. Und dann rannten um sechs Uhr morgens nach der letzten Show 26 Polizeibeamte meine Tür ein – sie brach aus den Angeln. Weitere 70 fuhren zu dem Hotel, in dem die Crew wohnte. Sie stürmten auch Lemmys Wohnung, doch er war nicht dort. Wie immer kam er ungeschoren davon, weil er im St. Moritz Club in Soho an den Spielautomaten war, sich Lines durch die Nase zog und soff. Am nächsten Morgen sagte er dann: ‚Oh, ich wusste von all dem nichts, Doug.‘“


Abseits der Bühne gab es zudem wachsende Unstimmigkeiten über Geld. Die Band fand, dass sie mit NO SLEEP gerade ein Nummer-eins-Album gelandet hatte und folglich reich sein sollte. Trotzdem bekamen sie alle nach wie vor einen Wochenlohn von 250 Pfund ausbezahlt. Trotz ausverkaufter Konzerte in Großbritannien und ganz Europa weist Smith darauf hin, dass „die Mehrheit aller Tourneen nicht viel Geld einbrachte. Das Merchandising brachte viel Geld ein. Als die Band in echte Schwierigkeiten geriet, lieh die Merch-Firma ihr 36.000 Pfund, die sie nie wieder sah. Eddie meckerte ständig: ‚Doug, was ist mit all dem Merchandising-Geld passiert?‘ ,Eddie, du hattest es.‘ ‚Nun, wir haben nie etwas davon gesehen.‘ ,Nein, ihr habt nie etwas davon gesehen. Wir haben nur eure fucking Rechnungen bezahlt!‘“ Doug hatte Motörhead „beschützt“: „Sie hatten immer Geld, um auf Tour zu gehen.“ Und das war das Einzige, was Lemmy wichtig war. „Lemmy interessierte sich nicht wirklich für Geld. Nur für das, was er in der Tasche hatte. Solange er einen unbegrenzten Betrag für Maschinen oder was auch immer ausgeben konnte …“ Und jenes „was auch immer“ waren natürlich Speed und Whisky.


Eddie wollte davon jedoch nichts wissen und drohte mehr als einmal, die Band zu verlassen. Laut Lemmy passierte das fast wöchentlich. Er erinnerte sich, wie Eddie mal auf Tour in Frankreich „ausstieg“. Die Labelbosse flogen panisch in einem gecharteten Flugzeug ein und brachten Eddie schließlich davon ab. „Und das sehr gegen seinen Willen“, wie Lemmy stirnrunzelnd sagte. „Das einzige, was sie ihm nicht versprachen, war mehr Geld. Hätte er nur ein bisschen Hirn gehabt, hätte er darauf bestanden.“
Doug berichtet von einem Vorfall in Los Angeles, als Eddie ihn anrief und vor Wut tobte. „Er zeterte: ,Die fucking Band hat den Gig ohne mich verlassen! Ich hatte keinen fucking Wagen, um zum Hotel zurückzukommen! Ich musste mir ein fucking Taxi nehmen und der Fahrer versuchte, mich zu entführen und nach Mexiko zu verschleppen! Ich verlasse die Band!‘ Ich atmete tief durch und sagte dann sehr ruhig: ,Eddie, ich verstehe das alles, aber bei meiner Frau haben gerade die Wehen eingesetzt.‘ Und er antwortete: ‚Oh, sorry, dann verlasse ich die Band eben nächste Woche …‘“


Vor diesem desaströsen Hintergrund sollte dann das unheilvolle IRON FIST entstehen, das letzte Album des klassischen „Three Amigos“-Line-ups – und zweifellos das schlechteste.
„Eddie und Phil prügelten sich ständig“, erzählte Lemmy. „Einmal hatte ich sie gerade auseinandergebracht, weil es Zeit war, auf die Bühne zu gehen, und auf dem Weg die Treppe runter schlug Phil Eddie mit einem fucking Trommelstock auf den Kopf und es ging wieder los. In Glasgow wälzten sie sich auf dem Boden in den Aufzug. Die Türen gingen zu und sie prügelten sich immer noch. Bands sind zerbrechliche Konstrukte. Wenn sie nicht genug Geld bekommen, hält sie nicht viel zusammen außer Vertrauen. Und nur sehr wenige Bands vertrauen einander noch nach dem ersten Jahr. Alle sind auf ihren eigenen Vorteil aus. Und ich versuchte bei Motörhead, dagegen anzukämpfen. Ich wollte, dass wir als Band an das glaubten, was wir machten. Und dass wir eine Daseinsberechtigung haben. Jede großartige Band macht diesen Scheiß durch. Bei uns dauerte es nur einfach länger.“

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