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J. Masics

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J Masics 2011 @ Timothy Herzog_bearb„Kauzig“ ist wohl der passende Begriff, wenn man J. Mascis mit einem Wort umschreiben möchte. Doch obwohl er alles andere als kommunikativ ist, hat er es weit gebracht – und zwar wohl gerade deswegen, weil er sich primär um seine Musik kümmert, nicht ums Netzwerken.

Text: Arno Frank

J. Mascis ist unbeschädigt. Er wirkt nur so, als sei er schwer traumatisiert von einem schicksalhaften Vorfall, den kein normaler Mensch sich vorzustellen vermag. Die in Ehren ergrauten Haare trägt er knapp über Schulterblattlänge, was ihn wie einen nerdigen jungen Bruder von Gandalf erscheinen lässt. Auf der Nase trägt der 45-Jährige meistens eine Brille von kolossaler Klobigkeit spazieren, und selbst in seinen Holzfällerhemden wirkt er bisweilen etwas aufgeschwemmt. Er spricht nicht. Er schweigt und baut in sein Schweigen manchmal Pausen ein, in denen er etwas sagt. Und wenn er et-was sagt, dann tut er das. Extrem. Also. Wirklich. Sehr. Sehr. Sehr. Laaaangsam. Und ohne wirklich etwas zu sagen: „People think I’m lazy because I talk so slow“, sagte er einmal in einem Interview. Und auf die Nachfrage, warum zum Teufel er denn so langsam rede, denkt J. Mascis sehr, sehr, sehr laaaange nach, bevor er antwortet: „I don’t know, I guess it’s because I’m lazy“.

Vielleicht wird er ja inzwischen deshalb als der Mann gefeiert, der über mehr als ein Jahrzehnt so einsam wie eisern die flackernde Fackel des E-Gitarren-Solos hochgehalten hat – in einer Zeit, als schon allein der Begriff „E-Gitarren-Solo“ zu einem unanständigen Schimpfwort verkommen schien. Ja, vielleicht war J. Mascis einfach nur zu faul, um jemals damit auf-zuhören. Es gibt, Van Morrison vielleicht ausgenommen, kaum einen zweiten Musiker, der unter Musikjournalisten so sehr als „Angstgegner“ gilt. Nicht, weil Mascis zynisch, aggressiv, sarkastisch, eitel oder schlicht blöde wäre. Sondern weil er jede Frage in einem Zustand habitueller Tiefenentspannung entgegennimmt, stundenlang darüber nachdenkt, um irgendwann ein „Ja“, ein „Nein“ oder ein entschiedenes „Ich weiß nicht“ auszuspucken. Manchmal auch nur ein Schulterzucken. Nicht, weil für ihn ein Interview ein Ringkampf wäre. Sondern weil er ein profundes Desinteresse an verbaler Kommunikation ausstrahlt. Ein J. Mascis – das J. steht für Joseph – lässt sich nicht auf interessante Gespräche ein und liefert auch keine Anekdoten. Was schade ist, denn er hätte einige zu erzählen.

Seine Karriere begann keineswegs mit einem Paukenschlag, sein Aufstieg war alles andere als steil und erinnerte weniger an eine Rakete als vielmehr an eine startende, vollbeladene Iljuschin: laut, langsam und bedrohlich nah am Boden der Tatsachen. 1984 spielte er mit seinem Schulkameraden Lou Barlow in der obskuren Hardcore-Punk-Band Deep Wound – Schlagzeug, nicht Gitarre. Beide gründeten eine Gruppe namens Dinosaur, was eine Hippie-Band gleichen Namens auf den Plan rief. In Anspielung auf das hohe Alter der klagenden Hippies (es handelte sich um die Gruppe des Texters von Grateful Dead) nannten sie sich fürderhin Dinosaur Jr. – und ähnlich wuchtig gingen sie auf ihren ersten Platten zugange. BUG und YOU’RE LI-VING ALL OVER ME lebten von knalligem Punk, scharfkantigem Metal, sämigem Noise und einer überraschend großen Portion handfester, folkgrundierter und mitsummbarer Melodien, die – hatte man sie unter den Schuttbergen aus Krach erst mal erkannt – den Hörer kaum mehr losließen.

Dinosaur Jr. jedenfalls war J. Mascis’ „Baby“. Ein Angebot, als Schlagzeuger bei Nirvana einzusteigen, lehnte er Ende der Achtziger ab. Zu wichtig war ihm inzwischen die E-Gitarre, eine Fender, und was sich damit alles anstellen ließ. In die neunziger Jahre schlichen sich Dinosaur Jr. dann schon ohne Bassist Lou Barlow, der sich seinem Projekt Sebadoh widmete, und auch ohne Schlagzeuger Murph. Die Band war ein Ein-Mann-Projekt geworden – und J. Mascis der eine Gitarrist, der vor dem Hintergrund von Drum’n’Bass und schmucklosem Grunge weiterhin unverdrossen seine Soli spielte. Bis er weit und breit als der „last guitarist standing“ galt, als der er heute verehrt wird.

Obwohl Dinosaur Jr. seit 2005 wiederversöhnt in Originalbesetzung musizieren und touren, veröffentlicht Mascis weiterhin Musik auf eigene Rechnung. Sein aktuelles Album SEVERAL SHADES OF WHY ist insofern ungewöhnlich, als er darauf erstmals auf seine ausdauernden Soli verzichtet. Entsprechend matt klingt es daher auch stellenweise, fast intim. Was fehlt, das sind die beredten, muskulösen und geradezu verplapperten, verblüffende Volten und Widerhaken schlagenden Soli. Im persönlichen Gespräch ist der Mann von einem aufreizend stoischen, beinahe schon depressiven Phlegma. An der Gitarre ist er das exakte Gegenteil. Vielleicht ist das ja sein Geheimnis: Beide Welten streng getrennt zu halten und dafür zu sorgen, dass die Energie nur der Stromgitarre zufließt – und nicht verschwendet wird an das Reden oder ein Nachdenken über die Stromgitarre. Ein solches Leben freilich hat seinen Preis, und J. Mascis hat ihn bezahlt. Der Mann ist ein Schrat. Beschädigt ist er nicht.

Clive Burr

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Hard Rock Cafe DVD Launch Party with Proceeds Benefiting the Clive Burr MS TrustDer Rhythmus des Lebens

Als Clive Burr 1982 bei Iron Maiden gefeuert wird, bricht eine Welt für ihn zusammen. Er denkt, dass es nicht schlimmer kommen kann. Doch dann wird bei ihm Multiple Sklerose diagnostiziert, und sein Leben ändert sich radikal. CLASSIC ROCK besucht den Drummer zu Hause in London.

Text: Lee Marlow

Es beginnt in seinen Händen, ausgerechnet. In seinen Händen, den wichtigsten Körperteilen, den Arbeitswerkzeugen. Zunächst ist es nur ein prickelndes Gefühl, nichts allzu Beunruhigendes. Eher unangenehm als schmerzhaft. Aber es will nicht aufhören. Mehr noch: Es wird stetig schlimmer. Clive Burr vermutet anfangs, dass das Kribbeln vom vielen Schlagzeugspielen komme. Schließlich prangt seit jeher der Spruch „Immer feste druff!“ als Schriftzug von seinen Drumsticks. „An dieses Motto habe ich mich immer gehalten“, erinnert sich Burr heute, „also bin ich dazu übergegangen, alle Sorgen zu verdrängen und nicht über diesen Mist nachzudenken.“ All das passiert in den Jahren 1988 und 1989, also eine ganze Zeit nach seinem Aus bei Iron Maiden 1982. Burr hat inzwischen bei etlichen anderen Acts auf dem Schlagzeug-Hocker gesessen, bei Trust, Stratus oder Gogmagog etwa.

1994 verschlimmert sich Burrs Leiden jedoch so sehr, dass er es nicht mehr ignorieren kann. „Mir fielen dauernd Sachen runter“, erzählt er. „Ich konnte nicht mehr ordentlich greifen, meine Drumsticks kaum noch halten.“ Als er die Sticks nicht mehr zwischen seinen Fingern kreisen lassen kann – den Trick, den er noch ein paar Jahre zuvor mit geschlossenen Augen aufgeführt hat –, ist es an der Zeit, zum Arzt zu gehen. Die Diagnose dauert Monate. Burr lässt Tests und Untersuchungen über sich ergehen, dann weitere Tests, bis ihm letztendlich ein Facharzt mit versteinerter Miene eine äußerst schlechte Nachricht überbringt. Übler geht’s kaum für ihn, den Drummer: Multiple Sklerose. Und noch dazu handelt es sich um einen besonders bösartigen, aggressiven Erregerstamm, der primär progrediente Multiple Sklerose auslöst. Das bedeutet, dass die Krankheit kontinuierlich voranschreitet und nur schwer zu behandeln ist. Clive Burrs Leben wird nie mehr dasselbe sein.

ÜBLE NACHREDE
Heute sitzt der Mann, der das getriebene, aber stets unverwechselbare Rhythmusgerüst der ersten drei Maiden-Platten gezimmert hat, im Rollstuhl. Manchmal ist es für ihn schon ein Kampf, am Morgen eines neuen Tages aus dem Bett zu kommen. „Ich werde schnell müde“, berichtet er, „ich kann nicht immer das tun, was ich gerne tun würde.“ Seine Trommeln stehen in der Garage seines speziell für seine Bedürfnisse umgebauten Hauses im Londoner Vorort Wanstead. Dort wohnt er mit seiner Freundin Mimi, einer ehemaligen Lehrerin an der Sonntagsschule, die ebenfalls an Multipler Sklerose leidet. „Meeeeeeeeemes“, ruft er mehrmals während des Interviews, „wo ist mein Rosie?“ (Tee der Marke „Rosie Lee“ – Anm.d.A.) „Ich hole das Schlagzeug nur noch raus, wenn meine Neffen vorbeikommen“, so Clive, „sie scheinen es zu mögen.“ Mehr ist für den 54-Jährigen nicht drin.

In einer anderen Garage lagert ein Haufen beschädigter Paiste-Becken, die bei verschiedenen Gigs auf der 1982er-„Beast Of The Road“-Tour kaputt gegangen sind. Ein schmerzliches Andenken an das Kraftpaket von einem Drummer, das er einst war. Doch die Tage des Schlagzeugspielens sind für Burr definitiv vorbei.

Nichtsdestotrotz kommt es nur selten vor, dass ihn seine Krankheit runterzieht, emotional fertigmacht. Dann schaltet er den DVD-Player ein und sieht sich ein altes Maiden-Konzert an. „Ich mag das“, sagt Burr lachend, „Ich sitze mit Meemes herum, lege meine Füße hoch und bin im Geiste wieder hinter den Drums. Ich grinse dann die ganze Zeit. Wir waren wirklich eine gute Band.“

Burr sagt das ohne Zorn. Dabei hätte er allen Grund, wütend zu sein. Denn sein Abgang bei Iron Maiden, ach, nennen wir es beim Namen, sein Raufwurf, hat während der vergangenen 30 Jahre stets an ihm genagt. Vielleicht auch deshalb, weil in der Presse so viel und so oft darüber berichtet worden ist, wie die Trennung zwischen Burr und Maiden während der US-Tour im Sommer 1982 abgelaufen ist. „Das meiste davon stimmt nicht, vieles war totaler Quatsch“, sagt Burr heute. „Ich habe z.B. gelesen, dass exzessiver Drogenkonsum oder zu viel Alkohol der Grund für meinen Abgang gewesen sein sollen, aber das ist nicht wahr.“ Die Wahrheit ist – wie so oft – ein bisschen dunkler und bitterer.

Mit einem Telefonanruf fängt es an. Burr ist zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach London, denn sein Vater Ronald, gerade 57 Jahre alt, hat unerwartet eine Herzattacke erlitten und ist gestorben. Obwohl Iron Maiden gerade im Begriff sind, ihre Tour durch die Staaten zu beginnen, reist Burr nach Hause. „Ich musste einfach heim“, betont er. Alle Bandmitglieder scheinen damit einverstanden zu sein, also steigt Clive in die Concorde und fliegt von New York nach London.

Damit die Tour weitergehen kann, holen Maiden Nicko Mc-Brain von den französischen Metallern Trust als Ersatz ins Team. McBrain ist ein Kumpel von Burr. „Ich kannte ihn“, so Clive. „Netter Kerl, guter Drummer!“ Nicko erlaubt sich gerne einen Spaß – so hat er sich bereits früher bei einigen Maiden-Shows als Eddie verkleidet, um das Publikum zu terrorisieren. „Er liebte die Band, er liebte es, ein Teil von Maiden zu sein. Und der Rest der Band mochte ihn.“ Clive wird noch herausfinden, wie sehr…

GEPLATZTE TRÄUME
Doch zunächst geht er zur Beerdigung seines Vaters, verbringt ein bisschen Zeit mit seiner Familie und fliegt zwei Wochen später zurück in die Staaten zu Maiden, die als Support für Rainbow, die Scorpions, .38 Special und Judas Priest kreuz und quer durch Amerika fahren. „Ich kam in den Backstageraum und wusste so-fort, dass etwas nicht stimmte“, erinnert sich Clive. Es gibt ein Meeting, die Atmosphäre ist angespannt. Veränderung liegt in der Luft, und Clive, obwohl er noch immer benommen ist vom Verlust seines Vaters, kann sie riechen. „Wir denken, dass es Zeit für eine Pause ist“, sagen sie Clive. Das ist alles. Nach beinahe vier Jahren und drei Alben, die viele Maiden-Fans als die besten der Band betrachten, platzt Burrs Traum – gerade dann, als er endlich wahr geworden ist. Aus, vorbei.

Clive Burr muss sich erst einmal den Staub abklopfen und ganz von vorne anfangen. Er trauert nun nicht nur um seinen Vater, sondern auch um seine Band und den Job, von dem er geträumt hat, seitdem er das erste Mal Ian Paice mit Deep Purple ›Highway Star‹ spielen sah. In Großbritannien grassieren die Gerüchte: Er soll aufgrund seines Drogenkonsums rausgeworfen worden sein, vielleicht ist es aber auch die Sauferei gewesen. Überhaupt: Kann es sein, dass Clive Bier, Sex und Rock’n’Roll ein kleines bisschen mehr zugeneigt ist als die anderen? Hat er nicht manchmal einen Eimer mit auf die Bühne genommen und neben den Drum-Hocker gestellt, wenn ihn der Kater mal wieder überwältigt hat? Clives Freuden am Rock’n’Roll-Leben sind es, die seiner Band im Weg gestanden haben. Darauf einigt man sich schließlich.

Alle, nur Clive nicht. 30 Jahre später schmerzt es ihn immer noch, diese Gerüchte zu hören. Er trinkt nie viel, hat es nie getan. Klar, vor dem Gig gibt es gern mal Brandy und Cola – „mein Roadie hat mir das früher vor dem Gig gebracht“, lacht er – aber er übertreibt es nicht. Nicht weniger oder mehr als die anderen Bandmitglieder. „Wir waren wie Schulkinder“, schildert Burr die ersten US-Erlebnisse. „Niemand von uns war je in den Staaten gewesen, die Erfahrung öffnete uns die Augen. Es gab eine Menge Partys, bei denen sich uns die Mädels an den Hals warfen. So etwas hatten wir bis dahin nicht erlebt.“ Clive (der vom Teenie-Magazin „Oh Boy“ im Juli 1980 sogar zum „Adonis des Monats“ gekürt wird) kostet das aus: „Natürlich habe ich das genossen. Wir alle.“

Aber das ist nun Geschichte. Clive reist zu-nächst nach London und von dort aus mit seiner Mutter weiter nach Deutschland. Dort taucht er unter. „Ich war zu aufgeregt, um wütend zu sein“, sagt er. „Ich durchlebte vielmehr eine Trauerphase, habe um meinen Vater und um meine Band getrauert. Doch dann putzte ich mich heraus und machte weiter.“ Einfach so? „Mehr oder weniger, ja. Ich war nicht ernsthaft verbittert. Dafür ist das Leben zu kurz. Aber es tut gut, die Dinge ins rechte Licht zu rücken, nun meine Version der Geschichte zu erzählen“, so Clive weiter, „denn nur wenige Leute kennen diese Seite der Story. Denn ich denke nicht, dass es der beste Zeitpunkt ist, jemanden abzuservieren, wenn derjenige kurz zuvor seinen Vater verloren hat. Aber wahrscheinlich hatten sie ihre Gründe.“

LAUTSTARKE KINDHEIT
Nach seiner Zeit bei Maiden trommelt Clive Burr in relativ schneller Abfolge bei einer Reihe von Bands: bei Graham Bonnets Alcatrazz (da hält er es gerade mal eine Woche aus), Trust (Nicko McBrains alter Band), Stratus, Gogmagog (einer New Wave Of British Heavy Metal-Supergroup), Elixir und Dee Sni-ders Desperados. Keine dieser Gruppen kann Iron Maiden auch nur annähernd das Wasser reichen. Für Clive Burr ist das jedoch nicht wichtig: „Ich wollte nur spielen. Als ich aus Deutschland zurückkam, versteckte ich meine Haare unter einem Hut, trug dunkle Sonnenbrillen und trommelte für jeden, der mich haben wollte, in den Pubs von London.“

Eine Rückkehr zu den glücklichen Tagen der Kindheit, in denen er unbelastet drauflos spielen kann. Burr ist in einer Sozialwohnung in Manor Park, dem Herzen von Londons East End, groß geworden. Zu seiner Schulzeit baut sich Clive dort ein behelfsmäßiges Schlagzeug. „Er drosch auf alles ein, was um unser Haus herum zu finden war“, entsinnt sich seine Mutter Klara. Als er Ian Paice bzw. Deep Purple für sich entdeckt, erreicht seine Obsession eine neue Dimension. Daher bekommt er mit 15 von seiner Familie sein erstes richtiges Schlagzeug geschenkt. Für ihn ein Segen, für die Nachbarn ein Fluch. „Die Anwohner hatten nichts gegen das Drumkit an sich, sie wollten es nur nicht hören“, so Klara. „Immer wenn ich aus unserer Wohnung kam, konnte den Leuten kaum in die Augen zu sehen, weil Clive beim Trommeln wieder mal einen Riesenkrach gemacht hatte.“ Aber selbst Klara, die nie selbst ein Instrument gelernt hat, erkennt, dass es Clive drauf hat. Und zwar richtig. Er nimmt keinen Unterricht, sondern sieht anderen Drummern beim Spielen zu und imitiert sie anschließend. Und er übt und übt und übt.
1979 wechselt Burr von seiner Band Samson zu Iron Maiden, wo er den Platz von Doug Sampson einnimmt. Maiden stehen kurz da-vor, beim Majorlabel EMI zu unterschreiben. Für Clive ist der Abschied von Samsons traditionellem Bluesrock hin zum kernigen Metal ein Aufstieg in eine andere Liga. Maidens Proben laufen geordnet und ernst ab – und sie finden auch statt. Abgesagt wird nichts. Die Songs sind schneller und trickreicher, zudem gibt es zahlreiche Tempowechsel. Bei dieser Band zu trommeln ist kein Anfänger-Job. Doch dank etlicher Auftritte wird Burr besser und besser. Als der Vertrag mit der EMI kurz vor dem Abschluss steht, kann Clive auch endlich seine Arbeit als Laufbursche in der Stadt hinwerfen und sich auf die Musik konzentrieren.

Der Erfolg der Band ist nach Burrs Ansicht fast ausschließlich auf Bassist Steve Harris zurückzuführen. „Er war der Anführer, er schrieb die Songs, er buchte die Shows und setzte die Probentermine an. Steve war sehr zielstrebig. Er wusste, wo das alles hinführen sollte – und wir folgten ihm.“ Hingabe ist alles, und so strengt sich die Rhythmussek-tion an, feilt am perfekten Zusammenspiel. „Anfangs passte nicht immer alles hundertprozentig zusammen“, gesteht Clive. „Steve sagte zu Beginn oft, dass ich die Lieder zu schnell spielen würde. Er forderte ständig, dass ich langsamer starten solle. Das ist eine der bleibenden Erinnerungen an die NUMBER OF THE BEAST-Aufnahmen: Steve sagt mir, dass ich langsamer spielen muss!“ Dennoch: Es gibt nie einen ernsthaften Disput zwischen den Musikern, so Clive. „Wir kamen gut miteinander aus, und es herrschte ein tolles Gemeinschaftsgefühl.“

SPÄTE WÜRDIGUNG
Daran ändert sich selbst nach der Trennung von Burr und Maiden nichts. Clive trifft sich sogar gelegentlich mit Gitarrist Adrian Smith zum Fischen. Als die Band erfährt, dass ihr Ex-Drummer an MS leidet, fasst sie sich an die eigene Nase – und hilft Clive mit dem, was sie am besten kann: Tribute-Konzerten. Mit dem Geld, das Iron Maiden zu seinen Gunsten gesammelt haben, kann Clive sein Leben managen, es einfacher gestalten. „Sie haben mir ein Auto gekauft…“, setzt er an. „Meeeeeeeemes, was für ein Auto ist das noch?“, ruft er. „Wir nennen es das Clive-Mobil. Es ist ein Volkswagen Caddy mit schwarz getönten Scheiben – sieht aus wie eine US-Gangster-Karre. Außerdem konnten wir auch einen Treppenlift im Haus einbauen lassen. Manchmal fahre ich hoch und runter und schaue mir die Platin-Schallplatten an, die bei mir im Treppenhaus hängen. (lacht) Der Erlös der Konzerte kommt übrigens nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen mit Multipler Sklerose zu Gute.“

Doch noch weitaus mehr als diese Erleichterungen im Alltag bedeutet es Clive, dass er nicht allein ist. „Iron Maiden beziehen ihn mit ein“, berichtet Mimi in einer ruhigen Minute, als Clive außer Hörweite ist. „Sie sagen zu ihm: ‚Wenn du irgendetwas brauchst, egal was, dann ruf einfach an!‘“, verrät Burrs Lebensgefährtin. „Und Clive weiß, dass er nur zum Handy greifen und sie anrufen muss, wenn er die besten Tickets für eine Iron Maiden-Show haben möchte. Das hört sich vielleicht nicht nach einer großen Sache an, aber für Clive ist es das. Er hat das Gefühl, dass seine Leistungen gewürdigt werden und er ernst genommen wird – als Person wie als Drummer.“

Krypteria

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2011 krypteria 01 50p_fertig KopieÜber die Vergänglichkeit

Auf ihrem neuen Studioalbum präsentieren sich KRYPTERIA stilistisch breitgefächerter denn je. Auf ALL BEAUTY MUST DIE ist vom Mega-Epos bis hin zur Headbang-Orgie alles vertreten. Und einige renommierte Gäste konnte das Quartett ebenfalls für sich gewinnen.

Text: Thorsten Zahn

Manchmal holen einen die Ereignisse ein, selbst wenn der Anlass noch so tragisch ist. Im Januar 2005 veröffentlichten Krypteria ihre erste Single – den Song ›Liberatio‹. Das Stück kletterte bis auf Platz drei der deutschen Charts, nicht zuletzt deshalb, weil es von RTL als Hintergrundmusik für die Spendenaufrufe zu Gunsten der Opfer des verheerenden 2004er-Tsunamis verwendet wurde. Alle Erlöse kamen den Verletzten oder den Hinterbliebenen zu Gute.

Nun, sechs Jahre und einen weiteren nicht minder verheerenden Tsunami später, stehen Krypteria wieder kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Werks. Es heißt ALL BEAUTY MUST DIE und könnte vor dem Hintergrund der Ereignisse nicht aktueller sein – zumal auch eine 2011er-Version von ›Liberatio‹ als Bonustrack auf der Scheibe enthalten ist. Natürlich konnte die Band von den Geschehnissen nichts ahnen, als sie die Songs komponierte. Die Härte, die das Album charakterisiert, ist dennoch bezeichnend. Mit ›The Eye Collector‹ haben Krypteria zudem ein wahres Epos auf die Platte gepackt – über elf Minuten ist das Stück lang. Außerdem hat der deutsch-koreanische Vierer diesmal bei einigen Songs auch das Tempo ordentlich angezogen: „Auf dem Album befindet sich die schnellste Nummer, die wir je gemacht haben“, verrät Schlagzeuger Michael „S.C.“ Kuschnerus.

Doch nicht nur in instrumentaler Hinsicht gibt sich das Quartett breitgefächert: Auch in Sachen Gesang hat sich bei Krypteria einiges getan. Erstmals in der Geschichte der Band wechseln sich die Mitglieder bei den Lead-Vocals ab – jeder hat zumindest bei einem Song den Mi-kro-Chefposten inne. Das führt dazu, dass das Material nach wie vor zwar die typischen Merkmale der Band aufweist – von dramatisch-melancholisch bis donnernd-brutal reicht das Spektrum –, aber ins-gesamt eben doch variabler gestaltet ist als die Vorgängeralben BLOODANGEL‘S CRY (2007), IN MEDIAS RES oder LIBERATIO (beide 2005). „Für mich ist ALL BEAUTY MUST DIE die Essenz dessen, was wir bisher gemacht haben und wofür Krypteria stehen – nur dass wir die Regler diesmal bis auf 11 aufgedreht haben“, bringt Drummer Kuschnerus den Recording-Ansatz auf den Punkt.

Hinzu kommt, dass sich Michael Kuschnerus, Frontfrau Ji-In Cho, Gitarrist Christoph Siemons und Bassist Frank Stumvoll auch dazu entschlossen haben, Gastmusiker ins Studio einzuladen. Im Track ›Metal Queen‹ ist die Düsseldorfer Rock-Kollegin Doro Pesch zu hören, die bereits mehrfach mit der Truppe die Bühne geteilt hat. „Da Doro mich zu ihrer 25-jährigen Jubiläumsshow eingeladen hat, war ich der Ansicht, dass nun die Zeit für eine Gegeneinladung gekommen ist“, erklärt Ji-In Cho. „Zudem ist sie eine hervorragende Sängerin – mit der man zudem auch noch Spaß haben kann.“ Ebenfalls mit von der Partie ist ein weiterer Heavy-Rocker: Tobias Exxel, Bassist der hessischen Power-Metaller Edguy. Er steuert auf ALL BEAUTY MUST DIE jedoch keine tiefen Töne bei, sondern peppt gemeinsam mit dem Gitarristen Christoph Siemons und Krypteria-Live-Axtmann Olli Singer den Solo-Part auf dem Track ›Higher‹ ordentlich auf. Das Resultat ist ab 22. April zu hören – dann nämlich steht die neue Krypteria-Platte in den Läden.

Within Temptation

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Within Temptation 2011 @ Lars GriemelijkhuijsenSuch nach Vergebung

Mit ihrem fünften Studioalbum THE UNFORGIVING werfen Within Temptation einen Blick auf ihre musikalische Jugend zurück und definieren damit sich und ihren Sound völlig neu. Inspiriert hat sie ein düsteres Konzept über verlorene Seelen auf der Suche nach Erlösung.

Text: Simone Bösch

In den letzten Jahren haben sich Within Temptation einen festen Platz an der Spitze des europäischen Symphonic Metal erspielt. Doch ihr neues Album THE UNFORGIVING überrascht. Denn an Stelle von sinfonischen Klängen präsentieren die Niederländer Hard Rock, Pop und Rock der späten achtziger und frühen neunziger Jahre. „Wir waren mit unserem letzten Album THE HEART OF EVERYTHING so zufrieden, dass wir nichts gefunden haben, was wir an diesem Sound noch verbessern könnten. Daher musste etwas Neues her“, erklärt Sängerin Sharon den Adel den Stilwechsel. „Wir waren reif für eine musikalische Veränderung und wollten etwas Frisches wagen. Deshalb ließen wir alle Gedanken an etwaige Genregrenzen hinter uns und komponierten entspannt drauflos. Niemand wusste vorher, wohin uns dieser Weg führen würde.“ Inspiriert hat sie dabei vor allem die Musik ihrer Jugend. „Wir sind alle in den Achtzigern aufgewachsen, was uns musikalisch geprägt hat. Am Anfang unserer Karriere wollten wir unbedingt weg von dieser Musik. Heute fühlt es sich völlig natürlich an, diese Elemente in unsere Songs zu integrieren.“
Angst, dass dieser Stilwechsel die Fans verschrecken könnte, hat die Band nicht. „Der Vorab-Song ›Faster‹ hat viele positive Reaktionen hervorgerufen“, so Sharon. „Außerdem macht es mir Spaß, die neuen Lieder an-zuhören – und daher bin ich zuversichtlich, dass es viele Menschen geben wird, denen es ähnlich geht.“

THE UNFORGIVING ist auch das erste Konzeptalbum in der Geschichte der Band. Ursprünglich wollten die Musiker, dass die Songs auf einem Film basieren. Doch dann entschied sich die Band doch für einen Comic. „Wir wollten den Veröffentlichungstermin selbst bestimmen,“ erzählt Sharon. „Bei einem Film ist das eher schwierig, denn da steht ein weitaus größerer Apparat dahinter. Wir fragten schließlich Romano Molenaar, den wir von einer früheren Zusammenarbeit kannten, ob er nicht einen Comic für uns zeichnen will. Er sagte zu und schlug uns für die Erstellung des Skripts zudem Stephen O’Connell vor, den Autor von ‚BloodRayne‘. Er entwickelte dann nach unseren Vorstellungen die Geschichte von ‚Mother Maiden‘ und ihrem Team.“

„Mother Maiden“ ist ein mächtiges altes Medium, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Böse in der Welt zu bekämpfen. Dazu rekrutiert sie verlorene Seelen, die durch die Aufträge die Chance bekommen, die Schuld zu sühnen, die sie sich in ihrem Leben aufgeladen haben. „Uns war es wichtig, dass die Charaktere kontrovers und vielschichtig sind“, erklärt die Sängerin. „Sie müssen etwas Böses tun – etwa einen Mord begehen –, um selbst wieder zu den Guten zu gehören. Hier gibt es kein eindeutiges Schwarz oder Weiß.“

Neben dem Comic werden die Songs visuell durch drei Kurzfilme adaptiert, die die verschiedenen Charaktere näher vorstellen und stark an Filme wie „Sin City“ erinnern. „Sie zeigen die Hintergründe der Figuren, die man im Comic nicht erfährt“, sagt Sharon. „Sie waren eine tolle Möglichkeit, das Konzept noch etwas zu erweitern. Außerdem kann man die Videos – sowie den Comic – live toll integrieren. Wir denken da an Hologramme und 3D- Effekte. Aber wie genau das aussehen wird, wissen wir noch nicht. Das wird noch eine große Herausforderung.“ Dazu hat die Band auch noch ein bisschen Zeit. Da Sharon gerade ihr drittes Kind erwartet, wird die Tour zu THE UNFORGIVING erst im Herbst stattfinden. Doch das macht nichts. Schließlich haben die Fans genug Lesestoff, um sich die Wartezeit bis dahin zu vertreiben.

The Kills – Coole Teamarbeit

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Kills2 @ ShawnBlackwill_bearb2Eine Drummachine. Gitarren. Zwei Stimmen. Viel mehr braucht es nicht für einen guten Rocksong. Auch auf ihrem vierten Album bleiben The Kills ihrem kargen Blues-Punkrock treu.

ie sehen aus, als ob sie direkt einer Jeans-Werbung entsprungen wären. Jamie Hince und Alison Mosshart alias The Kills geben sich gerne lässig und verwegen. Die Fassade bröckelt jedoch schnell. Ob Kate Moss tatsächlich vor zwei Jahren den Laptop ihres Freundes Jamie Hince mit Song-Skizzen des neuen Albums in einem Wutanfall in einen Pool geworfen hat und die Fans deshalb so lange auf das neue Werk der Kills warten mussten, kann nicht geklärt werden. Als der Name des britischen Models fällt, ist es nämlich vorbei mit der Coolness: „Du solltest diese Zeitungen nicht lesen“, gibt sich Alison Mosshart beim Telefon-Interview genervt. Die Musikerin hat keine Lust, über das Privatleben ihres Band-Kollegen zu sprechen. Schon gut, verstanden, das böse K-Wort ist tabu.

Doch wer „The Kills“ googelt, landet schnell auf einer Klatsch-Website. Die britischen Boulevardblätter übertrafen sich in den vergangenen Monaten gegenseitig mit Berichten über die angeblich anstehende Hochzeit des britischen Supermodels mit ihrem Rocker-Freund. Wenn die Kunst vom Privat-leben in den Schatten gestellt wird, kann das für zwei Musiker, die ihr neues, wirklich gelungenes Album promoten, natürlich anstrengend sein.
BLOOD PRESSURES heißt das vierte Werk von The Kills. Darauf finden sich elf minimalistisch instrumentierte und dennoch vor Leidenschaft strotzende, melodiöse Rock-Nummern mit erdigem Blues-Feeling und rotziger Punk-Attitüde. Eine eigenwillige Mischung, die das Duo seit den Anfängen auszeichnet. Seit elf Jahren machen Alison Mosshart und Jamie Hince gemeinsam Musik. Mosshart ist im Rock’n’Roll-Zirkus mit ihren 32 Jahren schon ein alter Hase. Bereits als Teenager spielte sie in einer Punk-Band. Heute ist sie nicht nur mit The Kills erfolgreich, sondern ist darüber hinaus neben Jack White Mitglied der All-Star-Rockband The Dead Weather und stand mit Stars wie Placebo und Primal Scream im Studio.

Aufgewachsen ist die Sängerin und Songschreiberin in Vero Beach, Florida. Einer typischen US-Kleinstadt im Süden, voll mit sonnengebräunten Senioren. „Da war nicht viel los“, erinnert sich Mosshart. Also hing sie im Skaterpark mit den älteren Jungs ab. Damals kam sie mit Punk-Musik in Berührung – die Songs dröhnten aus der „Boombox“ neben der Halfpipe. Mit 14 war sie dann Mitglied der Punk-Band Discount. Alisons Eltern waren anfangs skeptisch: „Als ich auf meine erste Tour gehen wollte, haben sie bestimmt zehn Mal Nein gesagt“, grinst sie. „Aber irgendwann ist ihnen klar geworden, dass ich das Ganze ohnehin durchziehen würde. Außerdem war ich ziemlich gut in der Schule, das hat sie beruhigt.“

Während eines Besuchs in London lernte Alison schließlich ihren zu-künftigen Band-Partner Jamie Hince kennen. Sie hörte ihn im Hotel-Zimmer über ihr Gitarre spielen. „Als ich ihn traf, dachte ich: ,Das ist der coolste Typ auf der ganzen Welt!‘ Ein unglaublicher Gitarrist, witzig und cool“, sagt sie. Jamie Hince, der zuvor ebenfalls in verschiedenen Bands gespielt hatte, ermutigte die acht Jahre jüngere Musikerin dazu, mehr eigene Songs zu schreiben.
Die beiden schickten sich via Luftpost Demo-Tapes über den Atlantik hin und her. „Irgendwann war es mir dann zu blöd, immer so lange auf eine Antwort von Jamie zu warten, deshalb bin ich nach London gezogen.“ Von Sunny-Florida ins nasskalte England. Doch der Umzug hat sich gelohnt. 2002 erschien die Debüt-EP BLACK ROOSTER, ein Jahr später das Album KEEP ON YOUR MEAN SIDE.

Mit ihrem minimalistischen Lo-Fi-Sound begeistern The Kills Fans und Kritiker gleichermaßen – und erinnern an ein anderes Duo. Immer wieder wurden sie mit den White Stripes verglichen, die vor kurzem offiziell ihr Aus verkündeten. Für Alison Mosshart waren die White Stripes „eine der wichtigsten Bands unserer Zeit. Sie werden fehlen“, sagt sie.

Die stetigen Vergleiche haben sie nie gestört. „Wir sind zwei sehr verschiedene Bands“, stellt sie klar. „Für uns hat es sich nie so angefühlt, als würden wir das Gleiche machen. Und ganz ehrlich, die White Stripes und The Kills wissen doch am besten Bescheid darüber!“

Und mit wem ist die Arbeit leichter, Jack White oder Jamie Hince? „Beide arbeiten sehr unterschiedlich. Bei The Dead Weather sind wir zu viert, es gibt spontane Jam-Sessions, und irgendwann wird dann der ,Record‘-Knopf gedrückt. Bei The Kills sind wir zu zweit, es geht um Strukturen, die wir gemeinsam erschaffen. Das erfordert ziemlich viel Planung, es steckt also weniger Spontaneität dahinter.“

Beeinflusst von Künstlern wie Link Wray, Little Milton, Dave Bartholomew, Johnny Cash und Captain Beefheart – sowie jeder Menge Rotwein –, nahmen The Kills in den Key Club Studios in Michigan BLOOD PRESSURES auf. Auch Hinces neue musikalische Vorliebe für Reggae ist auf der ersten Single ›Satellite‹ herauszuhören.
Die beiden Musik-Talente spielten alle Instrumente selbst ein. Während Hince im Studio Perfektionist ist, schätzt Mosshart den Zufall. Die beiden sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Im Studio gibt es laut Alison keine festen Muster. „Ich schreibe zum Beispiel Melodien und Lyrics auf und spiele herum, Jamie reagiert dann darauf. Wir ergänzen uns gegenseitig.“

Diese Arbeitsteilung kommt in den beiden zentralen Songs des Albums zur Geltung: ›Wild Charms‹ ist eine an Velvet Underground erinnernde Ballade über eine zerbrochene Liebe, gesungen von Hince. Seine Band-Partnerin antwortet im düsteren ›DNA‹. Die beiden Songs, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, ergänzen sich.
Diese Teamarbeit zahlt sich aus. Mit dem 2008er-Album MIDNIGHT BOOM gelang The Kills der Sprung vom Underground in den Mainstream. Plötzlich liefen ihre Songs in US-Fernsehserien, der italienische Luxus-Konzern Fendi verwendete den Track ›Cheap & Chearful‹ für einen TV-Spot. Fehlt eigentlich nur noch das feine Hit-Gespür eines erfahrenen Produzenten. Viele Indie-Bands setzen irgendwann auf das Händchen eines Charts-Garanten vom Kaliber eines Rick Rubin oder Butch Vig. „Ich habe grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden“, so Mosshart. „Aber ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der zu uns passen würde. Für Bands, die nicht genau wissen, was sie wollen, mag das hilfreich sein. Und Plattenlabels lieben das wahrscheinlich. Aber so sind wir nicht. Das ist etwas, dass The Kills immer ausgemacht hat: das wir tun und lassen können, was wir wollen.“ Dazu gehört auch, nicht über Kate Moss zu sprechen.

Dredg

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Dredg 2011Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Dichte Sounds, emotionale Texte: Seit ihren bescheidenen Anfängen 1995 hat sich das Quartett aus der Bay Area zum Inbegriff des tiefschürfenden US-Prog Rock gemausert. Mit ihrem siebten Studio-album wollen sie nun hoch hinaus – am besten in die Charts.

Text: Melanie Aschenbrenner

Robbie…“ Gedehntes Ausatmen. „Williams?“ Dredg-Gitarrist Mark Engles klingt nicht amüsiert. Ups. Da haben wir ja was gesagt. Dabei war’s nicht bös gemeint. Nur eine Feststellung. Denn so buttrig, wie sich CHUCKLES AND MR. SQUEEZY anlässt, könnte man es glatt für ein Produkt aus den Geheimlabors des Pop halten: Schon der Opener ›Another Tribe‹ kommt so flauschig und ›Feel‹-mäßig daher, dass das Weichspüler-Bärchen Tage lang drauf rumspringen könnte.

Was ist da passiert? Wo ist sie hin, die harte, vertrackte Westcoast-Band? Wo kommen sie her, diese versöhnlichen Töne? „Wir haben die Platte mit Dan the Automator aufgenommen“, bietet der Gitarrist als Erklärung. „Also bewegt sie sich auch in seinem Kosmos, und die Dynamik einer Rockplatte fehlt. Weniger Gitarren und so.“ Das hätte nicht sein müssen; schließlich arbeitete Dan „The Automator“ Nakamura, HipHop-Produzent aus San Francisco, auch schon mit Mike Patton, Gorillaz und Kasabian zusammen. Doch Dredg haben ihre Riffs einer elektro-akustischen Leichtbauweise geopfert. Herausgekommen ist melancholischer Pop mit Anspruch – aber bitte nicht zu viel davon. Denn während der Zweitling EL CIELO 2002 noch von Schlafstörungen handelte, CATCH WITHOUT ARMS (2005) von einer Gemäldesammlung und THE PARIAH, THE PARROT, THE DELUSION (2009) von Gewissensfreiheit, ist jetzt erst mal Schluss mit Konzepten. „Nicht mehr in eine Kategorie zu passen, die Dinge nicht so furchtbar aufzuladen, fühlt sich gut an“, gesteht Mark ein. „Die Arbeit mit Dan war ja in jeder Hinsicht eine Kollaboration. Wir wollten seinen Einfluss. Normalerweise sorgt ein Produzent dafür, dass deine Band den besten Sound er-hält, aber wir wollten, dass er in die Stücke eingreift.“ Gleich drei davon hat er mitgeschrieben: ›The Tent‹, ›Sun Goes Down‹ und ›Before It Began‹.

Wenigstens der Titel CHUCKLES AND MR. SQUEEZY (Kicher und Herr Quetsch) ist „typisch Dredg“. Eine Anleihe an den Sadismus der Itchy & Scratchy-Show? „So ähnlich“, lacht der Gitarrist. „Wir nehmen uns ja auch längst nicht so ernst, wie die Leute immer behaupten! Der Name stammt von unserem Tonmeister. Eines Abends erzählte er von diesen Rodeo-Clowns, einem Pausen-Act, den er als Kind sah. Für ihn stand fest, dass sie Chuckles und Mr. Squeezy heißen. Erst haben wir ihn deshalb ausgelacht, aber der Name ist hängen geblieben. Es ist ein sehr anderes Album für uns. Warum also nicht ein sehr anderer Titel?“

Für die Dredg-Fans könnte es eine Überdosis Anderes sein. Bisher wimmelten ihre Foren von tiefenhermeneutischen Interpretationen, waren sie es gewohnt, die Band bis ins Kleinste zu analysieren… „Ich kann mir vorstellen, dass die klassischen Rockfans enttäuscht sind“, gibt Mark zu. „Ihnen kann ich nur raten, der Platte Zeit zu geben: Sie wird sicher noch wachsen. Und nur weil die Musik eingängiger ist, sind die Texte noch lange nicht weniger intensiv!“

CHUCKLES AND MR. SQUEEZY hat keinen theoretischen Überbau, doch auch hier sucht Sänger Gavin Hayes akribisch nach etwas. Das Glück? Seinen Seelenfrieden? „Ich kann nicht für Gavin sprechen, aber ich weiß, dass ihn einiges umtreibt. Seine Schwester ist im Militär und im Mittleren Osten im Einsatz – das macht ihm zu schaffen. Er hat Angst, sie zu verlieren. Es gibt einige Songs, die nach Liebesliedern klingen, aber in Wirklichkeit von ihr handeln. Früher überkam uns oft das Gefühl, dass unsere Konzepte zu kompliziert oder den Leuten egal waren. Dann sollen sie jetzt halt rausholen, wonach ihnen ist.“ Mark klingt auf einmal müde. Spürbar schwingt Enttäuschung mit. „Es ist verdammt schwer geworden, in diesem Geschäft noch Geld zu verdienen“, seufzt er. „Die Vorstellung, dass man von Rockmusik leben kann, ist schlicht passé. Ohne Nebenjobs käme keiner von uns über die Runden.“ Was hält Dredg dann bei der Stange? „Live spielen. Auf der Straße sein. Fans treffen. Dort ist alles wieder gut.“

Mike & The Mechanics – Zweite Chance

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Mike & The Mechanics 2011
Eine Zwangspause hat auch ihr Gutes: Mit einer neuen Mannschaft belebt Genesis-Gitarrist Mike Rutherford sein langjähriges Nebenprojekt neu.

Text: Christian Stolberg

Es sah eigentlich nach einem langsamen Dahinscheiden einer einst so populären Band aus. Zwar hatten Mike & The Mechanics nach dem Herztod des Sängers Paul Young im Jahr 2000 immerhin noch ein Album veröffentlicht, das 2004er-REWIRED. Doch die Fans wie auch die Musiker selbst hatten das Gefühl, dass die Luft raus war. „Es war eben nicht mehr das Gleiche“, gibt Bandleader Mike Rutherford unumwunden zu. Der baumlange Genesis-Gitarrist, der Mike & The Mechanics 1985 gegründet hatte, gesteht: „Mir war bald klar, dass eine spezielle Zusammenarbeit, wie ich sie mit den beiden Pauls pflegte, nicht so leicht wieder herzustellen sein würde. Und das sah wohl auch Paul Carrack so.“

Schließlich waren es nicht zuletzt Carracks seidige Soulstimme und Paul Youngs Tenor gewesen, die dem wohlkonstruierten modernen Mainstream-Rock der Band jene emotionale Schlagseite gegeben hatten, die ihm über die Jahre Hits wie ›Silent Running‹, ›All I Need Is A Miracle‹, ›The Living Years‹ oder ›Over My Shoulder‹ beschert und Mike & The Mechanics zu einer der erfolgreichsten Zweitbands der Rockgeschichte gemacht hatten.

Dass die Band als Quintett gegründet worden war und live wie im Studio immer mindestens aus fünf Musikern bestand, tat wenig zur Sache: Der harte und auch in den Augen und Ohren des Publikums entscheidende Kern blieb immer das Trio aus Mike Rutherford, dem vormaligen Sad-Café-Sänger Paul Young und Paul Carrack, der zuvor als Sänger und Keyboarder solo sowie in Bands wie The Squeeze und Roxy Music aktiv war. Youngs Tod zerstörte dieses Triumvirat. Carrack stieg schließlich 2006 aus, um sich um seine immer erfolgreichere Solokarriere zu kümmern, und Rutherford dachte daraufhin, „dass es das jetzt war mit Mike & The Mechanisch“.

Doch es kam anders. Zunächst war Rutherford in seinem „Hauptberuf“ noch hinreichend gefordert: Genesis hatten sich 2007 noch einmal zu einer umfangreichen Tournee durch Europa, Kanada und die USA aufgemacht, danach war Rutherford mit der Aufarbeitung der Konzertreise für das Album LIVE OVER EUROPE und die DVD WHEN IN ROME beschäftigt. Doch bald stellte sich heraus, dass mit weiteren Genesis-Aktivitäten nicht mehr in größerem Stil zu rechnen war: Phil Collins‘ Gesundheit machte immer größere Probleme. Nach einer Halswirbeloperation im Jahr 2009 stellten sich bei ihm Taubheitsgefühle in beiden Händen ein, an intensives Schlagzeugspielen war nicht mehr zu denken.

Plötzlich fand sich Rutherford mit einer Menge freier Zeit und überschüssiger Kreativität wieder. „Ich kann mir noch lange nicht vorstellen, mich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen, nur weil ich meine Schäfchen im Trockenen habe. Dazu bin ich viel zu gerne Musiker! Und vor allem: Songs zu schreiben ist wie eine Droge für mich!“ Mit einem Mal rückten Mike & The Mechanics wieder ins Zentrum von Rutherfords Überlegungen. ›Everybody Gets A Second Chance‹ heißt einer der schönsten Songs der Band aus dem Jahr 1991. Und so gibt es nun ein neues Leben für Mike & The Mechanics, inklusive neuer Mannschaftsaufstellung mit zwei Sängern. Dabei ist mit Andrew Roachford erneut ein prominenter Sänger mit einem souligen Timbre an Bord. Rutherford bestreitet aber, ihn bewusst für den Carrack-Part „gecastet“ zu haben: „Nein, auch das hat sich, wie vieles in meinem Leben, schlicht so ergeben. Ich kenne Andrew schon lange. Aber erst auf Initiative eines gemeinsamen Freunds schrieben wir erstmals gemeinsam einen Song. Das lief so gut, dass wir beschlossen, dass er Teil der Band sein soll. Aber es gefällt mir in der Tat, dass wir durch ihn wieder dieses R&B-Element in unserem Sound haben.“ Der Dritte im Bunde, der kanadische Broadway-Schauspieler Tim Howar, hat wesentlich weniger Erfahrung im Musikbusiness als Ruther- und Roachford. Der Bandleader verspricht sich dennoch Impulse von dem 33-Jährigen: „Er ist ja ein erfahrener Bühnenmensch, wenngleich auf ganz andere Weise als wir. Ich bin mir daher sicher, dass er eine ganz neue Energie in unsere Liveshows einbringen wird!“

Ein neuer Vibe prägt nach Rutherfords Empfinden auch das erste Album dieser neuen Mike & The-Mechanics-Generation: „Die ersten drei Songs auf dem Album waren auch die ersten, die fertig waren. Also der Titelsong ›The Road‹,›Reach Out (Touch The Sun)‹ und ›Try To Save Me‹ – die haben gleich so eine sommerliche Atmosphäre für das ganze Album gesetzt. Das sind richtige Wohlfühl-Songs.“

Nazareth – Der Hit-Antrieb

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Photo_Nazareth_1Gemeinsam mit Uriah Heep touren Nazareth ab Ende April durch hiesige Konzerthallen. Im Gepäck: Songs vom neuen Album BIG DOGZ. Doch was treibt die Band nach all den Jahren (und all den Erfolgen) überhaupt noch an?

Text: Matthias Mineur

Dan McCafferty gehört nicht zu den Musikern, die ein Problem mit dem so genannten „Lola-Effekt“ haben. Lola-Effekt? Bereits Ende der Siebziger, also nicht einmal zehn Jahre nach Veröffentlichung ihres größten Hits, beschwerte sich Kinks-Sänger Ray Davies darüber, dass die Fans immer nur auf diesen einen Song warten, während er den Bandmitgliedern zum Hals heraushängt. Im Fall Nazareth heißt der Hit nicht ›Lola‹, sondern ›Love Hurts‹, die Situation ist jedoch eine ganz ähnliche. Denn ohne diese Nummer konnte keine Nazareth-Besetzung die Bühne verlassen. „Natürlich gibt es Stücke, die wir prickelnder finden“, er-klärt Sänger McCafferty, „aber gleichzeitig sorgt der immense Adrenalinschub eines Konzertes immer dafür, dass auch bei ›Love Hurts‹ keine Langeweile aufkommt. Wer glaubt, dass wir nur den Autopiloten anschalten, sich der Song also quasi von allein spielt, hat noch nie auf der Bühne gestanden. Jeder Gig ist ein einmaliges Erlebnis, bei dem man jedes Stück so spielt, als wäre es eine Premiere. Nur so kann man das Publikum überzeugen.“

McCafferty ist das Aushängeschild der schottischen Band. Sein heiseres Timbre, eine Mischung aus Reibeisen und Kuschel-Attitüde, hat Nazareth vor allem in ihrer Frühphase einige unvergessene Klassiker beschert: Die verrockte Joni Mitchell-Adaption ›This Flight Tonight‹ katapultierte sie hoch in die Charts, das hypnotische ›Morning Dew‹ begeisterte mit einer coolen Mischung aus laszivem Flair und mystischer Spannung. Zusammen mit eben jenem ›Love Hurts‹ kam Anfang der Siebziger kaum eine Radiostation an Nazareth vorbei. „Wenn man als Künstler einmal einen Hit hatte, der im Radio oder Fernsehen gespielt wurde, will man dieses Ereignis möglichst häufig wiederholen“, gesteht McCafferty, „und genau das ist es, was uns bis heute antreibt.“

Ihr neuestes Album nennt sich BIG DOGZ, was man vielleicht etwas burschikos mit „dicke Hunde“ übersetzen könnte. Die Scheibe bietet die gewohnte Aneinanderreihung traditioneller Rocksongs und handwarmer Balladen, für die Nazareth immer bekannt waren. Neuerungen oder gar Innovatives sucht man auf dieser Scheibe vergeblich, auch wenn im Vorfeld aus Bandkreisen zu hören war, dass man diesmal mehr gewagt habe als zuvor. Die Wahrheit ist, dass Nazareth ihre Vergangenheit weder verschweigen können noch wollen und – ihrer Zielgruppe entsprechend – den Sound bewusst gen Siebziger bürsten. McCafferty sieht darin nichts Verwerfliches: „Warum sollten wir etwas anders machen als das, was wir nachweislich können?“ fragt er. „Es ist schon so schwierig genug, Stücke zu schreiben, die nicht sofort an Alben wie RAZAMANAZ oder HAIR OF THE DOG erinnern.“

Zum Glück hat die Gruppe, die seit über 40 Jahren besteht, aus anfänglichen Fehlern gelernt. Früher sei man ziemlich naiv an die Sache herangegangen, gibt McCafferty zu, insbesondere was die geschäftlichen Belange, die Fragen nach dem richtigen Produzenten, geeigneten Tonstudios und kompositorischen Eigenarten anbelangte. „Wir haben ordentlich Lehrgeld bezahlen müssen und immer wieder Energie in sinnlose Projekte gesteckt. Heute genießen wir unser Leben und machen nur noch das, woran wir Spaß haben.“ Zum Beispiel eine mühselige Konzertreise durch Russland, die erstaunt, da die beiden Originalmitglieder McCafferty und Bassist Pete Agnew im Herbst ins Pensionsalter kommen: Agnew feiert im kommenden September seinen 65. Geburtstag, McCafferty genau einen Monat später. Doch von Müßiggang oder Rentnerdasein wollen beide nichts hören. „Es macht immer noch unglaublich viel Spaß, auf der Bühne zu stehen und Konzerte zu geben. Wer das will, muss die kraftraubenden Reisen notgedrungen in Kauf nehmen. Sie sind nun einmal Teil des Geschäfts, und wer ein bissiger Hund sein will, muss schon hinter dem warmen Ofen hervorkommen.“