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Steven Wilson – Der Rastlose

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Dass er ein Mann ist, der die Extreme liebt, wussten wir. Doch Steven Wilsons radikale Kursänderung zwischen seinem ersten Solo-Werk INSURGENTES und dem aktuellen Doppelalbum GRACE FOR DROWNING überrascht selbst diejenigen, die einen Wandel erwartet haben.

Steven_Wilson_1 @ Lasse HoileDer Mann ist einfach nicht zu stoppen: Steven Wilson denkt nicht mal im Traum daran, seine Kreativitätsschlagzahl zu reduzieren. Immer in Bewegung bleiben, nie auf der Stelle treten, mehrere Projekte zeitgleich anschieben, das ist sein Ding. Im Moment ist er damit beschäftigt, seine zweite Soloplatte GRACE FOR DROWNING an den Fan zu bringen – das Werk, das vor wenigen Tagen als Doppelalbum auf den Markt gekommen ist, fügt ein neues Register in Wilsons ohnehin schon breitgefächerten musikalischen Vorlieben-Schrank hinzu. Darin enthalten sind zahlreiche frische Visionen enthalten, die nur wenig mit den düsteren, vom Postpunk beeinflussten Ideen des 2009er-Vorgängeralbums INSURGENTES gemein haben.

Auf GRACE FOR DROWNING tritt Wilson aus der Dunkelheit und macht Platz für schillernden Progrock, der sich ganz offenkundig an den Vorbildern King Crimson, Soft Machine und Van der Graaf Generator orientiert. Doch der rastlose Brite versteht sein aktuelles Werk nicht nur als eine Art Hommage, sondern auch als eine Reanimation. Wilson startet mit GRACE OF DROWNING den Versuch, Jazz bzw. dessen Liebe zu Improvisation in einen Progrock-Kontext einzubetten – und zwar nicht in einen historischen, sondern in einen modernen, zeitgemäßen. „Als ich an meiner ersten Soloscheibe gearbeitet habe“, setzt Wilson zu einer Erklärung seines Ansatzes an, „lief bei mir zu Hause häufig Achtziger-Postpunk, also Bands wie Joy Division, The Cure oder A Certain Ratio. Diesmal war das anders. Bevor ich mit der Komposition der GRACE FOR DROWNING-Songs begann, hatte ich längere Zeit mit den King Crimson-Reissues zu tun, die vor kurzem erschienen sind. Ich bin der Ansicht, dass dieser Sound und auch die Herangehensweise der Band an Musik sich auf meine eigene Arbeit niedergeschlagen hat. Man kann hören, dass ich mich intensiv mit Crimsons Œuvre beschäftigt habe. Und inzwischen dürften die meisten meiner Fans wissen, dass ich extrem leidenschaftlich bin, wenn es um Musik geht – und dass ich im Grunde gar nicht ohne sie leben kann. Immer, wenn ich ein neues Projekt starte, bin ich also auch von Songs anderer Künstler umgeben. Und das beeinflusst mich.“

Im Fall von GRACE FOR DROWNING hat es Wilson die spezielle Verbindung von Prog und Jazz angetan, die in den frühen Siebzigern in Insiderkreisen populär war. Und obwohl der 44-Jährige nicht nerdig genug ist, um auch den Sound seines aktuellen Werks an die damalige Zeit anzupassen, so will er doch auch einen Beitrag dazu leisten, dass jüngere Fans auf diese Ära aufmerksam werden. Und natürlich hat er bei der Arbeit auch nach einer Herausforderung für sich selbst gesucht – ganz Künstler eben. „Diesmal habe ich bei den Aufnahmen auf Jazzer gesetzt, um selbst ein Gefühl für diesen besonderen Klang zu entwickeln – und natürlich auch, um dem Ganzen eine authentische Note zu verleihen“, verrät er. „Dieses Setup ist neu für mich – ich habe noch nie mit einem ähnlich gearteten Musikerkollektiv gearbeitet. Doch es hat auf Anhieb bestens funktioniert.“ An Wilsons Seite brillieren die Bassisten Tony Levin und Nick Beggs, zudem Drummer Marco Minnemann sowie Saxofonist Theo Travis. Und sie sorgen mit ihrem Können dafür, dass GRACE FOR DROWNING eine geradezu waghalsige Platte geworden ist. Denn einfach machen es die Musiker dem Hörer nicht. Die Songs sind so vielschichtig, dass es schwer fällt, einen roten Faden auszumachen. Die stilistische Bandbreite des Doppel-Albums reicht von zerbrechlichen Piano-Balladen, die zerbrochene Beziehungen thematisieren, bis hin zu einem 23-minütigen Serienkiller-Epos (›Raider II‹), das verdammt tief in die Niederungen der Hölle hinabsteigt.

Erhältlich ist GRACE FOR DROWNING sowohl als klassische Doppel-CD wie auch als Bluray, letztere Version wurde mit einem 5.1 Surround-Sound ausgestattet und enthält zudem extra für die Platte angefertigtes Videomaterial von Lasse Hoile, der bereits mehrfach für die visuelle Interpretation von Wilsons Klangideen verantwortlich war. „Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen moderne Technik“, räumt Wilson in diesem Zusammenhang auch mit einem weitverbreiteten Irrtum über ihn auf, der ihn schon seit längerer Zeit nervt. „Nur weil ich auf meiner DVD iPods zerstört habe, bedeutet das doch noch lange nicht, dass ich generell gegen eine Weiterentwicklung in diesem Bereich wäre. Im Gegenteil – nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein als das! Ich habe nur etwas gegen den iPod, weil ich der Ansicht bin, dass durch seinen Siegeszug Musik in schlechterer Qualität gehört wird, als es eigentlich sein müsste. Und es stört mich, dass sich die Menschen durch das Gerät nicht mehr so intensiv mit der Musik auseinandersetzen, sondern sie weitgehend nebenher laufen lassen, als Berieselung. Wenn Songs im Bluray-Format angeboten werden, liegt die Sache allerdings anders – eine bessere Qualität ist im Moment schlicht nicht zu bekommen. Und durch den visuellen Aspekt fordert das Material noch zusätzliche Aufmerksamkeit. Für mich ist es zurzeit der perfekte Weg, um Musik zu genießen – und deshalb habe ich mich auf diesen Bereich eingeschossen.“

Ebenfalls überaus spannend: Wilson betrachtet GRACE FOR DROWNING nicht nur als Heim-Entertainment, sondern will die Songs auch auf die Bühne bringen. Ende Oktober kommt er auch für vier Shows ins CLASSIC ROCK-Land. Neben Beggs, Minnemann und Travis wird ihn dabei auch Keyboarder Gary Husband begleiten, der u.a. mit John McLaughlin und Allan Holdsworth sowie dem Gitarristen Aziz Ibrahim (Asia/Stone Roses) zusammengearbeitet hat. Eine weitere Reise ins Ungewisse für Steven Wilson, da er erstmals mit seiner Soloband auf Tour geht – aber vor Abenteuern hat sich der Engländer ja noch nie gedrückt.

Zudem braucht er noch etwas Nervenkitzel, bevor er sich Ende des Jahres zurückzieht, um mit der Arbeit am nächsten Porcupine Tree-Album zu beginnen. „Ich habe eine großartige Band, die mich tatkräftig unterstützen wird“, freut sich Wilson auf die anstehenden Gigs. „Mit einigen in der Crew habe ich schon im Studio zusammengespielt, mit anderen nicht. Das wird eine tolle Erfahrung werden. Ich wusste schon bei INSURGENTES, dass ich nach der Veröffentlichung des zweiten Albums auf Tour gehen würde – vorher hätte es keinen Sinn ergeben, dazu reicht das Song-Material nicht aus. Doch da GRACE FOR DROWNING ein Doppelalbum geworden ist, habe ich nun sogar die Auswahl aus drei Platten“, rechnet er vor und setzt lachend nach: „Da muss ich wohl in den sauren Apfel beißen und meinen Hintern auf die Straße bewegen!“

Anathema – Reduktion

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Nein, Anathema machen nicht Schluss. Aber die britischen Prog-Rocker verabschieden sich endgültig von ihren Death-Metal-Anfangszeiten. Als Adieu gibt es mit FALLING DEEPER eine orchestrale Reprise zum einst so finster grollenden Treiben.

ANATHEMA PROMO 3 @ Pat Pope (2)Schon lange weigern sich Anathema, so sehr es die Fans der ersten Stunde auch wünschen mögen, die Songs ihrer Frühtage zu spielen. ›A Dying Wish›‹ vom zweiten Album THE SILENT ENIGMA war so ziemlich der letzte Song, der noch zu Live-Ehren kam. Was sich durch FALLING DEEPER nicht ändern wird, wie Fronter Vincent Cavanagh gesteht, „außer wir gehen irgendwann mal auf große Orchestertour“. Was er übrigens auch nicht ausschließen möchte. Eines aber ist sicher: „Was Neuaufnahmen alter Songs angeht, war’s das“, stellt er klar.

Warum aber gerade jetzt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit? Immerhin hatten die Jungs aus Liverpool vor dem Comeback-Werk WE’RE HERE BECAUSE WE’RE HERE im kleinen Kreis sogar darüber nachgedacht, den Namen Anathema aufgrund seiner Verbindungen in den Metal-Untergrund abzulegen. Bedeutet dieses Album eine Versöhnung mit den eigenen Wurzeln – oder ist es ein Exorzismus der dröhnenden Jugendsünden? „Wir haben es gemacht, weil die Idee, den alten Songs ein neues Gewand zu geben, schon so lange in unseren Köpfen schlummerte, und weil die Vorstellung, wie sie klingen würden, wenn sie ein Orchester statt einer Band spielt, einfach unwiderstehlich war“, erklärt Vincent. „Das Ganze entwickelte sich von selbst! Wir hatten nie den Plan, dieses Album zu machen, stattdessen merkten wir irgendwann, dass wir es machen müssen.“ Irgendwann, das war in etwa dann, als klar wurde, wie viele der alten Songs sich in Streicherarrangements kleiden ließen. Was nicht von ungefähr kommt: Anathema haben nie das teuflische Dekret unterschrieben, Rock’n’Roll bestehe aus Schweiß, Blut und Gitarrenriffs. Schon früh (allerdings nicht so früh wie die jetzt aufgearbeiteten Songs) komponierten sie auf dem Klavier. Und das war für FALLING DEEPER der Indikator: „Wenn zumindest ein Song-Motiv darauf funktioniert, kann man es auch orchestrieren“, so Vincent. Was einige Klassiker von vornherein ausschloss: „›A Dying Wish‹, ›Lovelorn Rhapsody‹ oder ›Restless Oblivion‹ klängen absolut lächerlich, wenn man ein Orchester auf sie ansetzen würde. Sie sind einfach zu schnell und zu rhythmisch.“ Was es aber zu „retten“ gab, haben Anathema gerettet – manchmal nur als Fragment wie ›We The Gods‹. „Wir haben sorgfältig gefiltert, was die Arbeit wert war, und alles verwendet, was dabei herauskam.“ Herausgekommen ist alles, nur kein orchestraler Bombast. Vielmehr hat FALLING DEEPER fast cineastische Qualitäten, oft wirken die Interpretationen wie Nahaufnahmen von Details der alten Songs, die man so noch nie gehört hatte. Was nicht nur die Absichten, sondern auch die Ambitionen der Band wiederspiegelt: „Es war von Anfang an klar, dass wir nicht auf orchestralen Bombast gehen würden“, betont Vincent. „Inspiriert ist das Ganze eher von Filmmusik, Leuten wie Max Richter oder Jóhann Jóhannsson – allesamt Minimalisten auf ihre Art. Und wenn wir eines mitnehmen aus diesem Projekt, dann das: Wenn uns jemals jemand fragen sollte, ob wir einen Film-Soundtrack komponieren würden, sind wir Feuer und Flamme!“ Bis es soweit ist, steht aber ein neues Album an – das schon im Frühjahr erscheinen soll.

Opeth – Wille zum Wandel

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Sie zählen zu den Shootingstars der Metal-Szene: Nach einem zähen Karrierestart haben opeth sich in den vergangenen Jahren zu einem der erfolgreichsten Acts in diesem Bereich gewandelt. Nun schlagen sie mit dem zehnten Album HERITAGE einen gemäßigteren Ton an.

Opeth 2011 @ Olle Carlsson (2)Eines muss man Opeth lassen: Die Band hat Mut. Denn im Grunde hätten die Schweden einfach das Erfolgsrezept stur weiterverwenden können: Ihr Mix aus Seventies-Flair, Prog und Death Metal hat ihnen in den vergangenen Jahren einen enormen Fan-Zuwachs eingebracht. Doch die Stockholmer wollten etwas Neues machen. Und so ist HERITAGE, das zehnte Album der Band, ein reinrassiges Rock-Werk geworden. Die Growls, die – abgesehen vom sanften 2003er-Album DAMNA­TION – stets fester Bestandteil des Sounds der Gruppe gewesen sind, fehlen nun. Was einige Metal-Fans hassen werden, CLASSIC ROCK aber freut.

Ganz mit ihrer Vergangenheit zu brechen, kommt Opeth freilich nicht in den Sinn. So symbolisiert das von Travis Smith gestaltete Cover sowohl die Gegenwart der Band (in Form eines prachtvoll gedeihenden Baums) als auch die Historie (die Wurzeln reichen hinab in die Hölle). Ein Rundumschlag, der nicht nur ein gewisses Traditionsbewusstsein beweist, sondern auch zeigt, dass Opeth das Hier und Jetzt nicht losgelöst, sondern stets im Kontext ihrer bisherigen Erfahrungen betrachten. Die können mal kollektiv sein, aber durchaus auch individuell. So sagt Chefkomponist Mikael Åkerfeldt nicht ohne Grund, dass ihm HERITAGE vor allem deshalb besonders am Herzen liegt, weil sich mit dem Album ein lang gehegter Traum erfüllt: „Es kommt mir so vor, als hätte ich schon seit Ewigkeiten auf diese Platte hingearbeitet. Denn bereits als 19-Jähriger habe ich mir gewünscht, an der Entstehung und Produktion eines solchen Albums beteiligt sein zu dürfen.“ Was man ihm, dem leidenschaftlichen Fan von Camel & Co., sofort abnimmt. Überhaupt ist Åkerfeldt jemand, der es ohne Musik nicht lange aushält. Das ist wohl einer der Gründe dafür, warum er sich mit Steven Wilson, der für den Mix von HERITAGE verantwortlich ist, so gut versteht. Die beiden sind seit Jahren befreundet und planen auch seit Längerem ein gemeinsames Projekt – aus Zeitgründen konnte es bislang allerdings noch nicht realisiert werden.

Priorität haben eben stets die Hauptbeschäftigungen, daher ist Åkerfeldt in den nächsten Monaten vollständig ausgebucht – HERITAGE wird ausgiebig live präsentiert werden, hierzulande stehen bislang fünf Deutschland-Daten im Dezember auf dem Programm, Pain Of Salvation sind als Support gebucht. Spätestens dann wird sich zeigen, ob Opeth den richtigen Weg eingeschlagen haben und ihnen die Heavy-Fangemeinde nach wie vor treu ergeben ist. Åkerfeldt glaubt fest daran, denn er ist der Ansicht, dass sich die neue Platte ohnehin erst dann vollends begreifen lässt, wenn man mit dem Œuvre der Band vertraut ist. „Ich denke, dass man sich schon etwas länger mit Opeth bzw. dem Sound der Band auseinander gesetzt haben muss, um HERITAGE in seiner Gesamtheit wirklich schätzen zu können.“

Und eine eigene Identität kann man der jüngst um Keyboarder Joakim Svalberg verstärkten Truppe ohnehin nicht absprechen – Originalität war und ist nach wie ein wesentliches Kriterium, nach dem der Sänger und Gitarrist seinen Ideenfundus aussiebt. „Sicher, ich höre viel Musik“, setzt Åkerfeldt an. „Doch unsere Einflüsse sind so breitgefächert, dass ich gar nicht sagen kann, an was oder wem sich dieser oder jener Song orientiert.“

Dream Theater – Blutzufuhr

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Ein Mike raus, ein Mike rein – Dream Theater sind nach dem plötzlichen Aus­stieg von „Zampano“ Portnoy und der Rekrutierung von „Emphat” Mangini wieder auf Kurs. Haupt­song­writer und Gitarrist John Petrucci findet gar: Die Elite-Prog-Metaller laufen so rund wie nie zuvor, denn jedes Bandmitglied fühlt sich viel eingebundener als bisher.

Dream Theater 2011 (8)Man muss es so deutlich sagen: Die Art und Weise, wie Mike Portnoy seinen Hut bei Dream Theater genommen hat bzw. wie sein Hut genommen wurde, machte in der Öffentlichkeit einen höchst unglücklichen Eindruck. Ursprünglich hatte der zottelige Drummer ja gar nicht vor, aus der Band auszutreten, die er vor 15 Jahren mitbegründete. Er war ausgebrannt und wollte nur eine Auszeit – seine Prog-Kollegen dagegen waren drauf und dran, ins Studio zu gehen, um ein neues Album aufzunehmen. Nach einer gewissen Bedenkzeit wagte Portnoy schließlich den Schnitt und stellte Dream Theater vor vollendete Tatsachen. So schien es zumindest, und deswegen leierten die Herren Petrucci, Myung, LaBrie und Rudess ein paar Vorspiel-Sessions mit einigen der vorzüglichsten Schlagwerkern an, die unser Planet zu bieten hat. Portnoy entschied sich zwar um und klopfte wieder bei Dream Theater an, doch sein Sinneswandel kam zu spät – die Tür war bereits zu, sein Posten war bereits besetzt. Was hätte es denn für ein Bild abgegeben, wenn Dream Theater ihren frisch engagierten Drummer wieder vor die Tür gesetzt hätten, damit Portnoy zurück in die Band kann? Eben. Einzuordnen in die Kategorie „Dumm gelaufen“ – oder? John Petrucci hat im Gespräch vielsagende Einblicke gewährt…

A DRAMATIC TURN OF EVENTS ist die erste Dream Theater-Platte ohne Portnoy. War es nicht komisch ohne ihn im Studio?
Mikes Weggang war eine riesige, herzzerreißende Enttäuschung. Deshalb war es anfangs schon seltsam, dass Mike nicht da war und wir keinen Drummer hatten. Daraus ergab sich dann einfach eine andere Dynamik. Sobald wir uns im Studio eingerichtet und uns mit der neuen Situation angefreundet hatten, war es richtig gemütlich und natürlich für uns. Wir haben alle Instrumente aufgebaut, ich stöpselte meinen Computer mit dem Schlagzeug-Programm ein – das war dann schon echt cool, intim und persönlich. Wir waren wirklich kreativ, konnten Dinge überdenken und hinterfragen, und das Beste aus unserer Musik herausholen.

Hat Mike Mangini denn auf A DRAMATIC TURN OF EVENTS schon mit euch an Songs geschrieben?
Nein, dahingehend war Mike Mangini auf diesem Album noch nicht beteiligt. Bei dieser ersten Platte nach dem Abschied von Mike Portnoy sollte sich unser neuer Drummer zu allererst einmal darauf fokussieren, die songwriterischen Elemente unseres Sounds zu durchdringen. Sofort eine weitere musikalische Persönlichkeit in Dream Theater aufgehen zu lassen, wäre ein Schritt zu viel gewesen. Das ergibt sich mit der Zeit.

Bemerkenswert an Manginis Spiel ist, dass es gleichzeitig unheimlich druckvoll und klar klingt – und weniger nach Thrash Metal…
Mike Mangini ist eine Laune der Natur. Sein Spiel ist unglaublich präzise und sauber. Sogar wenn er etwas sehr Kompliziertes oder etwas technisch An­­spruchsvolles spielt, kann man die einzelnen Noten heraushören. Im Studio hat er mal was gebracht, bei dem ich nur unseren Sound-Ingenieur anschauen und ihn fragen konnte: „Wir zur Hölle macht er das?“ Er hat in seinem Leben bereits eine Menge geübt und seine Drum-Techniken regelrecht perfektioniert. Sein Spiel ist atemberaubend.

Kann man zu diesem Zeitpunkt schon sagen, was für eine Rolle er im persönlichen Bereich bei Dream Theater einnimmt?
Mangini ist ein sehr positiver und geistreicher Mensch. Er spielt mit Intensität und Überzeugung Schlagzeug, und er freut sich unheimlich darüber, in der Band zu sein, diese Chance bekommen zu haben, auf der Platte zu spielen und an unserem Leben sowie unserer Musik teilzuhaben. Das alles ist ihm eine Menge wert – und das zeigt er auch. Er füllt seine Position mit ungeheurem Ernst aus.

Warum habt ihr eigentlich diese seltsamen Vorspiel-­Sessions mitgefilmt?
Die ursprüngliche Idee war einfach, dass wir eine Film-Aufnahme von den Auditions haben wollten, nur für uns privat. Doch dann klinkten sich die Verantwortlichen bei unserem Label ein und sagten: „Hört mal, Jungs, wenn ihr das durchziehen wollt, dann richtig! Wir engagieren euch ein ordentliches Kamera-Team – ihr werdet gar nicht merken, dass sie da ist –, und dann machen wir daraus eine richtige Dokumentation.“ Wir hielten das für eine großartige Idee und eine fantastische Möglichkeit, unsere Anhänger das erleben zu lassen, was wir erleben. Ich glaube auch, dass sich unsere Fans durch den ganzen Casting-Prozess enger mit uns verbunden gefühlt haben.

Zwischen den Prog-Metal-Epen, die so typisch für euch sind, platziert ihr immer mal wieder eine Rockballade. Muss das sein?
Wir gehen an ein Album ziemlich Old School-mäßig ran. Die Menschen werden unsere Platte am Stück anhören – so stellen wir uns das zumindest vor und so konzipieren wir unsere Alben auch. Mir ist klar, dass das heutzutage nicht mehr jeder so macht. Einige Leute picken einzelne Songs heraus und laden sie runter, anstatt das ganze Album zu kaufen. Aber wir bleiben bei unserer romantischen Sichtweise und hoffen, dass die Menschen die Scheibe komplett hören. Legt man das zu Grunde, dann muss ein Longplayer eine Spannungskurve haben – er muss atmen und wachsen. Wenn jeder Song hart wäre oder Überlänge hätte, gäbe es keine Ruhepause für den Hörer. Deswegen brauchen wir diese Momente zum Atmen, diese auf das Akkordschema reduzierten Liedermacher-Stücke. Damit man die Spannungskurve genießen kann. Das gilt auch für unsere Live-Auftritte.

Ihr stellt in den meisten eurer Stücke eure technischen Fähigkeiten zur Schau. Einen gediegeneren Ansatz à la Pink Floyd oder King Crimson zu wählen, wäre nichts für euch?
Manchmal haben wir schon diese klassischen Prog-Momente. Und natürlich sind wir Fans von diesen Bands. Bestimmte Merkmale von deren Sound haben wir uns auch angeeignet. Weiche Passagen gibt es z.B. in ›Breaking All Illusions‹, einen Abstecher ins Floyd-Land unternehmen wir in ›This Is The Life‹ (Songs Nummer acht und vier auf A DRAMATIC TURN OF EVENTS – Anm.d.A.). Allerdings richten wir für gewöhnlich keine ganzen Songs auf diese Marschrichtung aus, das stimmt. Wir legen stattdessen Wert auf eklektische Arrangements, wollen unterschiedlichste Einflüsse un­­terbringen, von daher verweilen die Stücke grundsätzlich nicht in ein und derselben Stimmung. Ich finde, das macht uns einzigartig. Den Hörer erwartet so auch immer eine Art Abenteuer. Wenn ein Track anfängt, weiß man nie, wo er am Ende hinführt.

Lass uns ein bisschen über Mike Portnoy sprechen. Als Außenstehender konnte man leicht den Eindruck bekommen, dass er ein Kontrollfreak war. So hat er z.B. eure Setlists nach einem ganz bestimmten Schema erstellt. Werdet ihr diese Tradition fortführen?
Mike ging an bestimmte Dinge sehr leidenschaftlich heran. Er hatte das Bedürfnis, alles im Griff zu haben. Diese Obsession, alle Setlists zu bestimmen, wo immer wir auftraten, fällt da mit rein. Das umzusetzen, ist für eine Band wie uns eine große Heraus­forderung, da wir so viel Material haben. Denn das Material muss abrufbar sein. Klar, dieses Verfahren kann auch uns und unserem Publikum Spaß machen. Doch es läuft im professionellen Konzertgeschäft so, dass die Live-Produktionen inklusive Licht und all den anderen Effekten perfekt auf die Musik abgestimmt sind. Wir waren aber nie in der Lage, eine derart eingespielte Show auf die Bühne zu bringen. Denn die Setlist hat sich ja laufend verändert. Wir konnten nie alles perfekt hinkriegen – die Lichtshow nicht und auch nicht die Videos. Wir mussten uns dauernd bestimmte Stücke neu in Erinnerung rufen und generell einen ungeheuren Aufwand betreiben, was meiner Meinung nach unsere Auftritte beeinträchtigt hat. Schau dir z.B. eine Show von Rush an: Da ist alles so aufeinander abgestimmt und läuft wie ge­­schmiert, sodass die Zuschauer mit dem Gefühl nach Hause gehen: „Mein Gott, wie geil war das denn?“ Was das Erstellen der Setlist angeht – da müssen wir uns erst hineinarbeiten. Da wir sehr viele Lieder haben, werden wir auch hier und da etwas verändern. Aber eines werden wir definitv nicht mehr machen: nämlich die Setlist danach zu erstellen, wann und wo wir welche Songs schon gespielt haben. Da kommt man schnell an einen Punkt, der an Irrsinn grenzt.

Klar, es ergibt absolut Sinn, eine einigermaßen konstante Setlist zu haben. Denn in der Regel haben die Zuschauer mehr davon, und es ist einfacher für die Band.

Exakt: Es ist einfacher für die Band. Du kannst dich darauf konzentrieren, ein Musiker zu sein, auf das, was du auf der Bühne spielen willst. Du musst keinen Spagat vollführen und kannst endlich die Songs beherrschen, weil du im Geiste nicht mehr so viel hin- und herspringen musst. Als Musiker genießt man so seine Gigs viel mehr, weil man sich einfach in den Auftritt einklinken kann, anstatt sich zu fragen: „Okay, was passiert jetzt?“

Welche anderen Zuständigkeiten neben der Erstellung der Setlists mussten nach dem Auseinandergehen mit Mike Portnoy neu verteilt werden?
Mike war wirklich in viele verschiedene Dinge eingebunden, z.B. was die Kommunikation mit den Plattenfirmen-Leuten, den Fans und so weiter angeht. Da mussten wir uns einen Tisch setzen, die Dinge neu bewerten und untereinander aufteilen. Jeder war dabei sehr offen. Ein paar Kontakte konnten gesichert und gefestigt werden. Wir mussten uns auch auf neue Beziehungen einlassen. Aber das war großartig. Wenn ich daraus eine Lehre ziehen sollte, dann diese: Es ist nie genug, das zu tun, was man gerne tut – also z.B. Songs schreiben, Gitarre spielen und produzieren. Es darf nie soweit kommen, dass man über gewisse Dinge nicht Bescheid weiß, denn dann ist man nicht mehr auf dem Laufenden. Und nachdem Mike Portnoy fort war, verspürten wir alle den Drang, uns in die verschiedensten Aspekte der Band hineinzuarbeiten und selbst Verantwortung zu übernehmen. Seitdem ist Folgendes mit Dream Theater passiert: Jeder fühlt sich mehr eingebunden und weiß genau über alles Bescheid. Wenn sich nur einer allein um bestimmte Angelegenheiten kümmert, kann das nämlich zum Problem werden. Wenn es dennoch so eine Regelung gibt, müssen wenigstens alle anderen immer informiert sein.

Andersherum gesehen bedeutet die Verteilung der verschiedenen Aufgaben auf mehrere Schultern ja auch eine Entlastung für denjenigen, der ansonsten die Last alleine tragen muss…
Ja, und ich finde, wenn man als Band Erfolg haben will, muss man die Stärken der einzelnen Mitglieder ausschöpfen. Die Leute sollten das tun, was sie gerne machen und worin sie gut sind. Es sollte nicht einer am Ruder sitzen und einen autoritären Führungsstil pflegen. Das könnte schädlich sein. Ich weiß, manche Menschen arbeiten so. Es funktioniert für sie, und das ist schön für sie. Aber meine Meinung ist: Wenn man in einer Band ist, geht es nicht um eine Person, sondern um alle. Jeder muss an einem Rad im Getriebe drehen, so entsteht auch mehr Teamgeist.

Mastodon – Jäger und Gejagte

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Mit ihrer Musik feiern sie weltweit Erfolge, doch im privaten Umfeld ereignen sich bei Mastodon mehr Tragödien als bei anderen Bands. So auch während der Entstehung von THE HUNTER.

157546_54J_002Spaß ist ein Wort, das man in der Metal-Gemeinschaft nicht unbedingt verwendet“, findet Brann Dailor. Mastodon haben ihr neues Album THE HUNTER dennoch als „Spaß-Platte“ bezeichnet. Nun hadert der Drummer der Prog-Metaller damit: „Die Leute fragen sich bestimmt: ‚Was hat es mit diesem Spaß auf sich? Das klingt nicht gut!‘ Aber ich kann unseren Fans versichern: THE HUNTER ist eine harte, launische Platte mit düsteren, bizarren Texten. Mit ‚Spaß‘ meinten wir einfach, dass wir diesmal vermehrt schnellere Stücke geschrieben haben, die unseren Live-Auftritten entgegenkommen, weil die Leute dazu herumspringen wollen. Denn wenn wir sehen, dass die Leute beim Gig Spaß haben, haben wir ihn auch.“

Vergnügen bereitete dem Quartett diesmal auch der Verzicht auf ein (musikalisches und/oder textliches) Konzept – obwohl sich Dailor bereits einen Plan zurechtgelegt hatte, als die Band mit der Songwriting-Phase begann. „Ich dachte, dass wir erneut diesen Weg gehen würden“, erinnert sich der 36-Jährige. „Also hatte ich mir eine verrückte Science-Fiction-Geschichte ausgedacht, aber dann fragten die Jungs zu meiner Überraschung: ‚Müssen wir das schon wieder machen? Lasst uns was anderes probieren!‘ Und ich hatte überhaupt kein Problem damit.“

Mastodon-Kollege und -Bassist Troy Sanders zufolge war Gitarrist Brent Hinds der Erste, der den Änderungswunsch laut formulierte: „Hey Jungs, was haltet ihr davon, wenn wir das genaue Gegenteil von dem tun, was wir sonst immer gemacht haben?“ Denn auf dem Vorgänger CRACK THE SKYE haben die Herren Dailor, Sanders, Hinds und Gitarrist Bill Kelliher Musik komponiert, die enorm tiefgründig, vielschichtig und technisch ist. Hinzu kommt die sehr persönliche Geschichte über Dailors früh verstorbene Schwester, die auf komplexe Art und Weise mit dem Reisen durch Schwarze Löcher verbunden worden ist. „Auf Tour spielten wir diese Songs jeden Abend – und mussten ihre Ernsthaftigkeit daher immer wieder neu spüren und durchleben“, berichtet Sanders. „Als es dann ans Schreiben von THE HUNTER ging, haben wir uns schnell von der Idee verabschiedet, schon wieder so tiefgründig zu klingen.“ Stattdessen wollten sich Mastodon als Band selbst neue Energie einhauchen. „Ich bin froh, dass wir damals CRACK THE SKYE gemacht haben. Aber ich bin ebenso froh darüber, dass wir uns nun einen Schritt davon entfernt und uns mit ein paar Arschtritt-Rock’n’Roll-Riffs selbst eine Freude gemacht haben.“

Und im Übrigen bedeutet dieser Sinneswandel nicht, dass es bei Masto­­don nie wieder ein Konzeptalbum geben wird. „Es gibt nichts, das wir von vornherein verwerfen würden“, stellt Troy Sanders klar. „Sogar eine Kollaboration mit David Hasselhoff wäre denkbar – wir würden uns definitiv zuerst mit dieser Idee beschäftigen, bevor wir sie ausmustern. Wir genießen es, spontan zu sein und auch mal aus unserer Kuschelecke herauszutreten. Denn wir wollen keine eindimensionale Band sein, die auf immer und ewig dasselbe Ding durchzieht.“

THE HUNTER ist übrigens Brent Hinds’ Bruder Brad (einem begeisterten Jäger) gewidmet, der während der Produktion des Longplayers auf der Pirsch war, dabei einen Herzinfarkt erlitt und verstarb. „Das war ein wirklich tragischer und schockierender Vorfall“, erinnert sich Troy, während Brann ergänzt: „Das Titelstück hat natürlich Brent geschrieben. Es besitzt ein extrem schwermütiges Feeling und ist ein wunderschöner Tribut an seinen Bruder.“ Gleichzeitig hat Brent jedoch nach Aussage von Dailor auch viele triumphierende Songs zu THE HUNTER beigetragen. Und man kann z.B. beim kindlichen ›Blasteroids‹ oder dem abgedrehten ›Curl Of The Burl‹ den Eindruck bekommen, dass Hinds den Tod seines Bruders – vorerst – nicht wahrhaben wollte. Verständlicherweise.
Zusätzlich zur Verarbeitung von Brad Hinds’ Tod hatten die Mastodons mit einer weiteren Unwägbarkeit zu kämpfen: Riff-Meister Bill Kelliher wurde zwei Mal ins Krankenhaus eingeliefert. Der übermäßige Alkoholgenuss machte seiner Bauchspeicheldrüse zu schaffen – sie entzündete sich. Laut Brann Dailor musste sich Kelliher sogar Krankheitsauszeiten während der Arbeiten an THE HUNTER nehmen. „Das war hart. Denn wie sollst du Entscheidungen treffen, wenn ein wesentlicher Teil der Band fehlt?“, blickt der Drummer zurück. „Aber wir mussten gewisse Sachen einfach durchziehen. Bill stieß dann direkt zu uns, als es ihm wieder besser ging.“ Mit THE HUNTER haben Mastodon also nicht nur den Verlust von Brent Hinds’ Bruder, sondern auch Bill Kellihers Leiden verarbeitet. „Wir alle wollten das unbedingt hinter uns lassen und diese Platte schreiben“, betont Dailor. „Es klingt abgedroschen: Aber wir haben dieses Album in dem Geist aufgenommen, dass wir den Dämonen, die uns runterziehen wollten, die Stirn bieten müssen.Wir haben ihnen ins Gesicht gespuckt.“

Kelliher lebt nun abstinent, verzichtet komplett auf hochprozentigen Alkohol. Seine Bandkollegen finden es allerdings schwer, ihn zu unterstützen, indem sie sich in seiner Gegenwart nicht mehr zusaufen. „Wir versuchen es zumindest“, lacht Brann. „Aber das ist echt nicht einfach, Mann. Daheim lange ich sowieso nicht so häufig zu, aber auf Tour – ich schwöre: Das Zeug steht überall rum. Es ist echt schwer, vor allem während der europäischen Festival-Saison, wenn eine Band wie wir schon um 15 Uhr von der Bühne geht, jeder danach nur rumhängt und es nicht wirklich was zu tun gibt. Da schüttet man sich halt zu.“

Neben dem Albumtitel, der eine Hommage an Brad Hinds darstellt, und den kürzeren, eingängigeren Songs fällt an THE HUNTER eines zunächst einmal nicht auf: die Optik. Wie bei sämtlichen Studioalben zuvor gibt es auch diesmal ein detailreiches Artwork zu bewundern, allerdings wurde der mit drei Unterkiefern ausgestattete Hirschkopf nicht wie bisher von Grafikdesigner Paul Romano gestaltet, sondern von Holzschnitzer A.J. Fosik. „Vor ungefähr zwei Jahren habe ich Fosiks Arbeiten im ‚Juxtapoz Magazin‘ entdeckt und seinen Namen im Hinterstübchen abgespeichert.“ Als Brent anregte, mal einen anderen Designer zu engagieren, kam flugs Fosik ins Spiel. Denn: „Wir wollten auch in Sachen Artwork unsere Komfortzone verlassen.“

The Answer – Wüsten-Wurzeln

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Mit ihrem neuen Album REVIVAL im Gepäck, AC/DC im Rücken und tonnenschweren Eiern im Sack wollen The Answer die Welt des Rock‘n’Roll wieder gerade biegen. Frontmann Cormac Neeson berichtet im Interview von hochgesteckten Zielen.

AnsPress1(bw)Diese vier Rocker aus Nordirland lassen sich nicht so leicht einschüchtern. Vor einigen Jahren sollten The Answer plötzlich die Rettung der Rockmusik sein – mit gerade einmal einem Album und einem, nun ja, recht unterdurchschnittlichem Bekanntheitsgrad im Köcher. Doch 2005 wurden sie u.a. von unseren britischen Kollegen zur „Besten neuen Band des Jahres“ gewählt und auch ansonsten mit Lobeshymnen überschüttet. Einen solchen Erwartungs-Ballast können nur die wenigsten Bands tragen. Doch Sänger Cormac Neeson und seine drei Mitstreiter hatten die nötige Gelassenheit. „Wir fanden es gut, dass die Leute über uns sprachen“, erinnert sich der Frontmann an die unbedarften Anfangszeiten seiner Band.

Mit ihrem dritten Album REVIVAL drehen The Answer den Spieß jetzt um und schüren die hohen Erwartungen mit Feuereifer weiter an. Sie selbst sind es, die lautstark ihren Siegeszug im Namen des Rock’n’Roll verkünden. „Wir werden ihn wiederbeleben, meine Freunde! Das Genre schreit nur so nach Ehrlichkeit, Hochspannung und großartigen Songs. Diese alten Werte sollen mit REVIVAL wieder etabliert werden“, tönt Neeson mit breiter Brust.
Diese Chuzpe können sich die Nordiren leisten, sie haben sich ihre Sporen in den vergangenen zwei Jahren hart ertourt: als Chef-Support von AC/DC. „Vor 100.000 lechzende Fans zu treten, die auf ihre Lieblingsband warten, hat uns stark gemacht. Wir glauben jetzt, dass alles möglich ist. Diesen Optimismus haben wir auf das jetzige Album gepackt“, so Neeson.

So sind The Answer denn auch mächtig stolz auf ihr neues Werk. Während ihr erstes Album RISE besonders durch sein positives Flair bestach und der Nachfolger EVERYDAY DEMONS einen enormen kompositorischen Sprung nach vorne bedeutete, vereint REVIVAL nun diese beiden Eigenschaften. Und so ist der Sänger kaum zu halten. „Das Album ist ohne jeden Zweifel unsere bis dato beste Arbeit. Ich stelle mich gerne auf jeden Berg und rufe das mit erhobenem Haupt in die Welt hinaus!“

Für die Arbeiten an einem derart überzeugenden Langspieler gingen The Answer gemeinsam mit Produzent Chris Smith extra auf eine Ranch im weit entfernten El Paso, Texas. „Dieser Ort ist geschaffen dafür, dass dort eine Rock ’n’Roll-Platte gemacht wird. An unseren freien Nachmittagen nahmen uns die Leute dort mit in die Wüste, wo wir mit Waffen herumballerten und Bier tranken. Das war der Hammer – wenn auch nicht ganz vernünftig.“

Auch musikalisch profitierten The Answer von ihrem amerikanischen Domizil und den dortigen Einflüssen. „Ich denke, man kann auf REVIVAL gewisse Southern Rock-Züge erkennen. Uns war klar, dass wir in dieser Gegend auf ein reiches, musikalisches Erbe treffen würden, und wir sind glücklich, dass wir etwas davon in uns aufnehmen konnten.“ Nachdem die Band tief genug in die Südstaatenkultur eingetaucht war, wurde Gitarrist Paul Mahon sogar eine besondere Ehre zuteil: Er durfte einige Songs mit einer Gitarre aus der Klampfen-Sammlung von ZZ Tops Billy Gibbons einspielen.

The Brew – Familiäre Beziehungen

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Innerhalb kürzester Zeit ist es dem britischen Dreier The Brew gelungen, zu einem der heißesten jungen Bluesrock-Acts dieser Tage aufzusteigen. Ein Zufall ist das nicht, sondern das Ergebnis von Talent, harter Arbeit und einem starken internen Zusammenhalt.

THE_BREW_BAND_PICEigentlich müsste es Jason Barwick bange werden: Die internationale Presse vergleicht den 22-jährigen Briten mit Rocklegenden wie Jimmy Page oder Stevie Ray Vaughn und sieht in ihm bereits jetzt den legitimen Nachfolger von Frees Paul Kossoff. Nun sind die Medien, besonders die in Großbritanniem, dem Mutterland der Rockmusik, mit abstrusen Superlativen schnell zur Hand. Dortige Magazine loben immer wieder junge Künstler in den Himmel, um sie kaum drei Jahre später gnadenlos abzuschießen oder ihnen künstlerische Stagnation vorzuwerfen. Bei Jason Barwick und seiner Bluesrock-Band The Brew indes könnte die Karriere den immensen Vorschusslorbeeren entsprechen – und steil nach oben gehen. Barwick ist nämlich nicht nur ein überragendes Talent, sondern dank seines Bassisten Tim Smith auch in gewissermaßen väterlicher Obhut. Der gesetztere Smith, der die 40 bereits seit Längerem hinter sich gelassen hat, betreut nämlich nicht nur das jugendliche Gitarrengenie, sondern nebenbei gleich noch seinen eigenen Sohn Kurtis, den 23-jährigen Drummer der Gruppe. Wo immer dieses furiose Trio auftaucht, überzeugt es durch sein bodenständiges (hinter der Bühne) und atemberaubendes (auf der Bühne) Auftreten. Doch sogar der lebenserfahrene Tim ist von den Ereignissen rund um die Gruppe ziemlich überwältigt: „Es ist so, als hätte ich wieder ein kleines Kind: Als direkt Beteiligter merkt man nämlich als Letzter, wie schnell es wächst. Mitunter bin ich selbst ein wenig überrascht, wenn Fans nach einer Show zu mir kommen und sagen, wie unglaublich rasant wir uns weiterentwickelt haben.“

Dieses Kompliment gilt nicht nur für die Konzerte der Briten, sondern auch für ihre Leistungen im Studio. Ihr 2008er-Album THE JOKER war vielversprechend, klang allerdings noch ein wenig verhalten. Die anschließende Scheibe A MILLION DEAD STARS, die Anfang 2010 erschienen ist, packte den Stier schon weitaus entschlossener bei den Hörnern – und die neueste Veröffentlichung THE THIRD STAGE kommt den furiosen Live-Darbietungen sogar erstaunlich nahe. „Es ist ja immer ziemlich schwierig, die Energie der Bühne im Studio zu reproduzieren“, weiß Gitarrenwunder Barwick nur allzu gut, „aber mit THE THIRD STAGE kommen wir diesem Optimum sehr nahe. Das Album ist etwas aggressiver als A MILLION DEAD STARS und zeigt, wo The Brew heute stehen.“

Seit drei Jahren bereits touren Vater und Sohn Smith mit ihrem begnadeten Frontmann Barwick unablässig durch Europa. Der Lohn der Mühe sind rasant steigende Besucherzahlen und eine signifikante Zunahme an Fachleuten, die The Brew absolute Weltklasse attestieren. „Es ist schon toll: Vor gut zwei Jahren spielten wir zumeist noch vor 20 Zuschauern, jetzt sind es regelmäßig weit über 500, hinzu kommen Festivals gemeinsam mit Lichtgestalten wie Jeff Beck, Joe Bonamassa und ZZ Top“, möchte sich Barwick selbst am liebsten zwicken, um sicher zu sein, dass er all das nicht nur träumt. Doch um die Realität niemals aus den Augen zu verlieren, hat er ja seinen Ziehvater Tim. Der antwortet auf die Frage, an welchem kleinen Detail es nun noch zum großen Durchbruch fehlt: „Keine Ahnung. Aber wenn ich es wüsste, hätten wir uns schon vor einem Jahr darum gekümmert.“

Vargas, Bogert & Appice – Helden-Hommage

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Eigentlich ist Javier Vargas in anderen stilistischen Gewässern zu Hause. Doch nun hat er sich mit drei renommierten Rockern zusammengetan, um den klassischen Riffs zu huldigen. Das Resultat ist ein Album, das mit Coversongs verdienter Klassiker besticht.

VBA_Vegas_2Nein, Javier Vargas kann nicht verleugnen, dass sein künstlerischer Gusto mit der Musik der Gegenwart nur herzlich wenig anfangen kann. In den Adern des gebürtigen Spaniers mit Migrationshintergrund (seine Eltern stammen aus Buenos Aires) fließt der Rock der Gründerjahre, sprich: die Musik der späten Sechziger und frühen Siebziger. Fragt man ihn nach seinen Vorbildern, fallen Namen wie Led Zeppelin, Black Sabbath, Cream, Rolling Stones, The Doors, Jimi Hendrix, Carlos Santana oder B.B. King. Keine schlechten Adressen, wohl wahr, aber dennoch überwiegend Relikte der Rock-Annalen. Doch Vargas möchte unbedingt seinen Vorbildern huldigen und hat deshalb nun ein Album mit Coversongs veröffentlicht, unter denen man Gary Moores ›Parisienne Walkaways‹ ebenso wiederfindet wie ›Black Night‹ von Deep Purple oder AC/DCs ›It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’­­Roll)‹. „Es ging ausschließlich um den Spaß“, sagt Vargas, der eine ungewöhnlich flüssige Bluesrock-Gitarre spielt und daher von Kollegen geschätzt wird.

Für den studierten Saitendehner war es demzufolge kein großes Problem, geeignete Mitstreiter zu finden. Mit Bassist Tim Bogert und Drummer Carmine Appice hat er sich allerdings zwei echte Legenden geangelt. Zum besseren Verständnis: Als Mitglieder von Gruppen wie Vanilla Fudge, Cactus oder der Jeff Beck Band waren die beiden an stilprägenden Veröffentlichungen der Rockgeschichte beteiligt. „Über meine Agentur bekam ich Kontakt zu Carmine, der wiederum fragte Tim, ich flog nach Vegas und nahm dort die Scheibe auf. Ein tolles Erlebnis, ich konnte von den beiden viel lernen.“

Vierter Mann im Bunde ist Sänger Paul Shortino, in Fachkreisen für seine Hard’n’Heavy-Schlachten mit Quiet Riot und Rough Cutt bekannt. Eigentlich stellt Shortino das Epizentrum dieses eher moderaten Klangbebens dar, für eine Aufnahme in den Namenszug hat’s dennoch nicht gereicht. Vargas erklärt die Angelegenheit so: „Ich mag den Klang und die Optik des Kürzels Vargas, Bogert & Appice. Außerdem sollte ursprünglich Tim die Songs singen. Doch dann schlug er Paul Shortino vor, dessen riesiges Stimmenspektrum uns begeisterte. Also entschieden wir uns, dass er den kompletten Gesang übernimmt.“

So traditionell die Herangehensweise, so gänzlich unspektakulär würde das Album klingen, hätten Vargas, Bogert & Appice nicht zwei Zuckerl in der Hinterhand: Anstatt rein auf Rockklassiker zu vertrauen, nahmen sich die vier betagten Herren auch Nummern zur Brust, die zwischenzeitlich den Pop-Markt eroberten: ›You Keep Me Hangin’ On‹ von Vanilla Fudge, jedoch weitaus besser bekannt als Disco-Version von Kim Wilde, und ›Over My Shoulder‹ von Mike & The Mechanics, ebenfalls ein Pop-Nümmerchen mit ursprünglich recht schaler Ausstrahlung. Hier jedoch, dank des feurigen Einsatzes vom Vargas, Bogert & Appice-Instrumentarium, können die Altmeister noch einmal am Jungbrunnen naschen: „Ich freue mich darüber, dass uns Freunde, Fans und andere Musiker zu diesem Album beglückwünschen“, erklärt Vargas mit stolzer Stimme, „sie sagen, es sei die richtige Entscheidung gewesen, ein solches Werk aufzunehmen.“