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Jex Thoth: München, Feierwerk

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Jex_Thoth_-_Tuska_2011_-_03Verzaubernd: von Black Sabbath zum Hexensabbat.

Es gibt zwei gute Gründe, sich die US-Okkult-Doomer Jex Thoth live anzuschauen: zum einen natürlich Frontfrau Jessica Thoth, die nicht nur eine sensationelle Stimme hat, sondern auch diesen gewissen irren Touch, der Entertainment der ganz speziellen Sorte garantiert. Zum anderen den Sound. Denn leider ist das, was es von der Band bisher auf Retorte zu kaufen gibt, abgesehen von der letzten EP WITNESS, mit einer übermäßig bescheidenen Produktion gesegnet. So ist denn schon der in Kurzfassung vorgetragene Opener ›Tauti‹ akustisch gleich mal eine halbe Offenbarung, roh, fett und drückend, selbst wenn La Thoth sich anfangs noch zurückhaltend in ihrem knappen Umhang und hinter den blonden Haaren versteckt. Musikalischer Höhepunkt der folgenden 50 Minuten sind die drei Songs der genannten WITNESS-EP, vor allem ›Mr. Rainbow‹ als Rausschmeißer sorgt für Gänsehaut im Publikum sowie Jubelschreie und Liebesbekundungen auf offener Szene. Optisch ist es durchgehend ein Fest: Die Herren in der Band schwitzen sich die Seele aus dem Leib, rocken, grooven und headbangen, was das Songmaterial hergibt, während Jessica mit gewohnt erratischer Gestik, Messer und qualmendem Holzkien die Fronthexe gibt – wobei sie es manchmal gar schafft, an Jim Morrison auf interessanten Drogen zu erinnern. Furios, magisch, einzigartig – das Ein­­zige, was noch fehlt, ist so langsam mal ein neues Album.

The Horrible Crowes

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The Horrible Crowes1Danny Clinch_20110628_171801Als ich alleine meines Weges ging, hörte ich zwei Krähen jammern. Die eine sagte zur anderen: ‚Wo sollen wir heute zu Abend essen?‘ ‚Dort hinter dieser alten Torfmauer müsste ein frisch niedergestreckter Ritter liegen – wie wär‘s damit?‘“ So beginnt – frei übersetzt – das schottische Gedicht „The Twa Corbies“, wonach Brian Fallon und Ian Perkins ihre Band benannt haben. The Horribles Crowes – das passt perfekt auf das Fe­der­vieh, das sich im weiteren Verlauf der Verse ausmalt, wie es sich am toten Edelmann labt. Fallon, hauptberuflich Frontmann bei den Punkrockern The Gaslight Anthem, und Perkins, Fallons ehemaliger Gitarrentechniker, waren fasziniert von den beiden Raben – und davon, dass jeder Mensch eine dunkle Seite hat. Diese stellen sie nun zur Schau: im Rahmen von The Horrible Crowes.

Auf die Idee, zusammen Musik zu machen, kamen die beiden beim Abhängen nach Auftritten von The Gaslight Anthem. „Wir trinken beide keinen Alkohol und nehmen keine Drogen“, erzählt Fallon. „Wir haben auch kein After-Show-Ritual. Ich bin einfach müde nach einem Konzert und will keine Hände schütteln oder mit anderen Bands die Nacht durchsaufen. Das war nie mein Ding.“ Stattdessen verziehen sich Brian und Ian in den Tourbus und spielen sich gegenseitig ihre derzeitigen Lieblingsalben vor. Darunter z.B. Platten von PJ Harvey, Nick Cave, Tom Waits, The National und den Afghan Whigs – allesamt Bands bzw. Künstler, die „wirklich traurige und dunkle Soul-Musik machen“.

Fallon und Perkins tauchten so sehr in diesen Sound ein, dass sie irgendwann beschlossen, selbst solche Songs zu schreiben. Einfach so, ohne irgendwelche Hintergedanken oder einen Plan, daraus eine neue Band werden zu lassen. Als sie nach zwei Wochen bereits sechs Lieder komponiert hatten, war es Zeit, innezuhalten. „Da dachte ich mir: ‚Hmm, vielleicht sollte ich das gegenüber den Jungs mal erwähnen.‘ Sie mochten es, fanden aber, es traf nicht ganz den Vibe von The Gaslight Anthem. Wir haben in der Tat etwas sehr Besonderes mit Gaslight aufgebaut, und an diesem Sound wollen wir nicht zu sehr herumpfuschen.“

Dennoch hatte Fallons Hauptband nichts dagegen, dass sich ihr Sänger und Gitarrist ein bisschen austoben und seine anderen Songs mit Perkins aufnehmen wollte. „Es war schon immer mein Wunsch, ein Album zu machen, auf das ich Streicher-, Orgel-, Klavier-Parts oder was auch immer packen kann“, berichtet der 31-Jährige von seinen Träumen, die er nun verwirklicht hat.

Wild durcheinander geht es bei den Horrible Crowes – auf dem Debüt ELSIE stehen Harmonien im Stile der Girl-Groups aus den Sixties neben digitalen Beats, einer bodenständigen Instrumentierung und Fallons Vocals, mit denen er auch schon mal seine Stimmbänder strapaziert. Er selbst findet: „Radikal ist ein gutes Wort, um die Platte zu beschreiben. Die Horrible Crowes sind definitiv eigen, wir setzen schon auf Songstrukturen. Doch solche Musik hat wohl niemand von mir erwartet. Entweder man wird schwanger, wenn man sich die Platte anhört – oder man will ein Auto klauen.“

Passend zu dieser abgründigen Soul-Musik hat Fallon in den Texten sein Herzeleid aus drei gescheiterten Beziehungen in seiner Teenagerzeit verarbeitet. Diesen Schmerz hat der Punk‘n‘Roller bis vor Kurzem noch mit sich herumgetragen. „Während dieser Beziehungen dachte ich stets, ich würde den Rest meines Lebens mit dieser Person verbringen – doch dann sind sie immer abgehauen.“ Überwunden hat der aus New Jersey stammende Musiker sein Trauma bei einer intensiven Session mit seiner derzeitigen Frau: „Ich habe ihr diese Songs vorgespielt, und dabei ist meine Vergangenheit hochgekommen. Es war eine kathartische Erfahrung.“

Nachhören kann man den Seelen-Striptease auf ELSIE. Jetzt, da die Scheibe erschienen ist, ist Fallon aber schon wieder voll auf The Gaslight Anthem eingestellt. „Wir schreiben seit einigen Monaten an Material, das wir hoffentlich zum Jahresende aufnehmen werden. Unsere nächste Platte ist ziemlich wichtig, sie muss reinhauen. Im Gegensatz zu unserem aktuellen Album AMERICAN SLANG wird sie wohl wieder aufregender. Ich will einfach wieder spaßigen Rock‘n‘Roll spielen!“ Womit wir überhaupt kein Problem haben…

Lebenslinien: Steve Hackett

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Er ist das musikalische Vorbild von Eddie Van Halen und Brian May und trat mit Rick Wakeman im TV auf. Steve Hackett zählt zu den größten Gitarren-Ikonen des gesamten Rock-Genres und schwärmt dennoch von seinen Kollegen wie ein echter Fan.

Steve Hackett 2011 (2)Steve Hackett kann auf eine mehr als 40-jährige Karriere zurückblicken. 1970 stieg er bei Genesis ein und entwickelte sich dank seiner außergewöhnlichen und innovativen Spielweise schnell zum Idol der nachfolgenden Gitarrengeneration. Ende der Siebziger verließ er die Band, machte solo weiter und veröffentlichte bis dato mehr als 20 Studioalben, für die er etliche namhafte Gastmusiker akquirieren konnte. Sein neuestes Werk BEYOND THE SHROUDED HORIZON bietet da keine Ausnahme. Hier tummeln sich Rock-Größen wie Simon Phillips von Toto oder Chris Squire von Yes. Bei so einer langen und erfolgreichen Karriere hat Steve Hackett natürlich so manchen Musiker getroffen bzw. sogar mit ihm zusammengearbeitet. CLASSIC ROCK forscht nach…

Peter Gabriel

Von Peter sind mir viele Dinge im Gedächtnis geblieben. Er ist der Sohn eines Erfinders, und ich denke deshalb, dass er die Kreativität von seinem Vater geerbt hat. Wir verstanden uns von Anfang an bestens, da wir beide sehr konzeptionell denken, wodurch wir schon immer auf der selben Wellenlänge lagen. Allerdings hatten wir ein paar Probleme, die Sprache des anderes zu verstehen (lacht). Peter ist ein außergewöhnlicher Künstler. Während unserer gemeinsamen Zeit bei Genesis baute er mehr und mehr Theater-Elemente auf der Bühne ein. Er wollte die Charaktere, über die er sang, auch darstellen. Peter verbrachte viel Zeit damit, seine Rollen zu proben. Diese Darbietungen machten das Singen recht kompliziert für ihn. Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich oft, ob Genesis ohne Peter genauso erfolgreich geworden wären – ich schätze nicht. Wir wurden auf vielen Magazin-Covern insbesondere wegen Peters Outfits abgebildet. Der Rest von uns war völlig unauffällig. Wir hatten Bärte, Brillen und lange Haare. Peter war eine Fashion-Ikone – und wir das totale Gegenteil (lacht). Hinter der Bühne benahm er sich jedoch nicht so. Er hatte zwar auch seine wilden Momente, war aber meistens kontrolliert und konzentriert. Oft saß er auch nur auf einem Stuhl und aß einen Joghurt oder ein paar Nüsse. Er trank nie Alkohol, war eher ein Anti-Star. Wenn du an ihm vorbeigelaufen wärst, hättest du ihn gar nicht wahrgenommen. In Peters Brust schlagen zwei Seelen. Auf der Bühne ist er ein extrovertierter Typ, hinter den Kulissen aber extrem schüchtern und zurückhaltend.

Steve Howe

Er ist ein unglaublich talentierter Gitarrist. Ich habe ihn zusammen mit Peter Gabriel 1967 oder 1968 in einer Bar in London auf der Bühne gesehen. Die Show hieß „Christmas On Earth“, und er spielte damals in der Band Tomorrow. Steve stand da einfach so auf der Bühne, spielte unglaubliches Zeug und sah noch dazu blendend aus. Sein Stil war unvergleichlich. Während der Bassist und Schlagzeuger so taten, als hätten sie einen Streit, machte er unbeirrt weiter. Peter und ich waren völlig begeistert von diesem jungen Mann. Das war lange Zeit, bevor er schließlich bei Yes einstieg. Aber auch seine Arbeit dort hat mich stets fasziniert. Vor allem Songs wie ›Starship Trooper‹ oder ›Yours Is No Disgrace‹ – dort hört man Steve in Hochform. Er ist ein durch und durch zielstrebiger Mensch. Manchmal ist es nicht so leicht mit ihm, aber das musikalische Ergebnis macht das immer wett. Wir haben zwei Jahre zusammen bei GTR gespielt. Damals wollten wir zeigen, dass es durchaus möglich ist, zwei Lead-Gitarristen in einer Band zu haben, so wie die Stones oder Jeff Beck mit Jimmy Page. Steve und ich haben uns oft gefetzt, da wir nicht dieselben Vorstellungen hatten – doch das Album wurde großartig.

Richie Havens

Genesis sind vor vielen Jahren mal im Londoner „Earl’s Court“ aufgetreten: drei Abende hintereinander mit jeweils 20.000 Leuten. Da vor allem Peter Gabriel und ich große Fans von Richie waren und oft seine Songs hörten, wenn wir gemeinsam zu den Gigs fuhren, fragten wir ihn, ob er nicht Lust hätte, diese Shows für uns zu eröffnen. Er sagte zu. An einem Abend lud ich ihn zum Essen ein, weil ich unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte. Um ihn nicht zu bedrängen, sprach ich das Thema aber erst einmal nicht an. Am Ende des Abends meinte er auf einmal: „Steve, warum machen wir nicht zusammen Musik?“ Ich war begeistert und erwiderte, dass ich mir nichts Tolleres vorstellen könnte. Kurze Zeit später hörte ich bei Genesis auf, rief Richie einfach an und fragte, ob er nicht auf meinem Album PLEASE DON’T TOUCH mitwirken möchte. Und er sagte wirklich zu! Ich arbeitete gerade in L.A., und er kam ohne Umschweife aus New York zu mir geflogen. Einer der Studiomitarbeiter holte ihn vom Flughafen ab. Und Richie beharrte darauf, all sein Equipment zu sich auf den Rücksitz zu nehmen. (lacht) Nach dem Check-in im Hotel kam er gleich ins Studio. Wir nahmen einen Song mit ihm auf, und als das Lied fertig eingespielt war, kam er zu mir und fragte, ob ich noch mehr Material hätte, das wir aufnehmen könnten. Ich sagte: „Ja, ich habe da noch einen weiteren Song, bin mir aber nicht sicher, ob ich ihn dir vorspielen soll.“ Er wollte ihn hören, war total angetan davon und spielte auch ihn ein. Es war unglaublich: Er lernte beide Songs, nämlich ›Icarus Ascending‹ und ›How Can I?‹, an Ort und Stelle, es ging rasend schnell. Er benahm sich überhaupt nicht wie ein Star, war hochkonzentriert und professionell. Es war phänomenal, ihn in Aktion zu sehen. Immer wenn Richie in London auftritt, versuche ich, zu seiner Show zu gehen und später Hallo zu sagen.

Brian May

Ich war gerade in Rio, als Queen bei „Rock In Rio“ als Headliner auftraten. Da ich wusste, in welchem Hotel sie untergebracht waren, ergriff ich die Chance und ging hin, um sie anzusprechen. Und es klappte tatsächlich! Ich betrat das Hotel, wo gerade eine Party stattfand. Dort entdeckte ich Brian und lief zu ihm rüber. Als er mich sah, sagte er erfreut: „Hallo Steve, schön dich endlich kennen lernen zu dürfen. Du bist eines meiner größten Vorbilder.“ Er erwähnte den Song ›The Musical Box‹ von NURSERY CRYME, dem ersten Genesis-Album, auf dem ich mitgewirkt habe. Er sagte, ich hätte ihn inspiriert. Ich fühlte mich wirklich geschmeichelt und war stolz darauf, ein Vorbild für einen so außergewöhnlichen Musiker zu sein. Brian und ich haben später auch oft miteinander gearbeitet. Wie Richie Havens hat auch er die Songs immer sehr schnell gelernt. Außerdem besitzt er einen unglaublichen Enthusiasmus: Als er gerade seine Scheidung durchmachte, es also privat alles andere als rund lief, arbeitete er mit mir an meinem Album FEEDBACK 86, das erst einige Jahre nach den Aufnahmen erschien. Und trotz der harten Zeit, die er gerade durchmachte, brachte er wirklich tolle Ideen mit ein und spielte absolut wundervoll. Er hat es immer geschafft, mich so zu motivieren, dass ich das letzte Quäntchen Energie aus mir herausholen wollte.

Eddie van Halen

Ich habe ihn noch nie persönlich getroffen, fühle mich aber immer geehrt, wenn er mich als eines seiner Vorbilder bezeichnet. Ich glaube, ich muss ihn mal kennen lernen. Denn er gab einer Technik, die ich vor vielen Jahren entwickelt habe, ihren Namen. Ich nannte sie damals schlicht „Nailing“, er taufte sie „Tapping“ – was sich schließlich eingebürgert hat. Man spielt dabei mit beiden Händen auf dem Gitarrenhals, ganz so, als ob man ein Keyboard bedienen würde.

Rick Wakeman

Ich trat mal zusammen mit Rick in einer Fernsehshow auf – er moderierte Anfang der Achtziger nämlich die TV-Sendung „Gastank“, und ich gehörte zu seinen Gästen. Er interviewte mich, und danach performten wir noch einen Song. Rick ist ein begnadeter Musiker – und neben Steve Howe und Chris Squire ein weiteres Yes-Mitglied, mit dem ich gemeinsame Sache gemacht habe. Es gab wirklich viele Kollaborationen zwischen Musikern von Yes und Genesis (lacht). Aber diese TV-Geschichte ist schon lange her. Ich habe Rick erst kürzlich im Londoner „Hampton Court“ gesehen. Dort führte er erneut THE SIX WIVES OF HENRY VIII auf – mit einem großen Orchester und allem, was sonst noch dazu gehört. Das war großartig. Nach der Show ging ich hinter die Bühne, um ihn zu begrüßen, da sah er völlig erledigt aus. Doch das macht nichts, denn wir treffen uns öfter – allerdings meist rein zufällig.

Tori Amos – Intuition einer Elfe

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Sie war noch nie jemand, der es sich bereitwillig in einer vorgefertigten Schublade bequem machen wollte. Tori Amos hat sich stattdessen ihre ganz eigene geschnitzt, nach und nach feine Verzierungen aus dem groben Block herausgearbeitet. Auf ihrem Album NIGHT OF HUNTERS widmet sie sich nicht nur musikalischen Details, sondern will auch zwischenmenschliche Probleme lösen.

04_Tori-Amos_Night-of-Hunters-Tour-2011Tori, NIGHTER OF HUNTERS ist ein Song­zyklus in der Manier von Schuberts Win­ter­­reise. Allerdings mit einer modernen Story: Eine Frau, die ihrer ehelichen Tristesse mit einer Affäre entkommen will, hat eine Erleuchtung und rettet nicht nur ihre Be­­ziehung, sondern auch die Welt. Versuchst du dich hier als Eheberaterin?
Warum nicht? Ich habe eine zehnjährige Tochter namens Natashya. Es ist unglaublich, wie viele Freundinnen sie hat, deren Eltern sich scheiden haben lassen. Die meisten Kids verstehen nicht, warum es überhaupt so weit gekommen ist, weshalb Mama und Papa nicht schon vor Jahren etwas gegen ihre Probleme unternommen haben.
Und das ist es, worum es hier geht: Ich will diesen Instinkt auslösen, dass die Leute retten, was zu retten ist. Wobei die Eingebung der Hauptperson dafür steht, aus allzu ver­­trauten Bahnen auszubrechen, sich zu öffnen und mal ganz tief in den emotionalen Bereich einer Beziehung vorzudringen. Sprich: ihn genau zu untersuchen, die Unstimmigkeiten herauszukristallisieren und entsprechend zu reagieren. Sie sollen sich ihnen stellen, daran arbeiten und verändern, was zu verändern ist – statt in Lethargie zu verfallen bzw. irgendwann aufzuwachen und das Gefühl zu haben, sein Leben für jemand anderen geopfert zu haben. Für jemanden, der einem nichts zurückgibt.

Was du in ›Job’s Coffin‹ als eine typisch weib­liche Angewohnheit darstellst…
Ja. Und ehrlich: Ich weiß wirklich nicht, warum wir so reagieren. Also warum wir uns immer so unterordnen und so tun, als wäre Selbstaufgabe und Kompromissbereitschaft ein und dasselbe. Das sind sie nicht. Und wir Frauen müssen endlich aufhören, uns selbst anzulügen.

Und du, hast du den Schlüssel zur perfekten Partnerschaft gefunden – oder therapierst du dich hier auch ein Stück weit selbst?
Nun, hier sind sicherlich etliche Erfahrungen eingeflossen, die mein Mann und ich in den vergangenen 16 Jahren gemacht haben. Im Positiven wie im Negativen. Jedenfalls sind wir immer noch zusammen, und wir haben – das hoffe ich – auch nicht vor, uns in absehbarer Zeit zu trennen. Und das, obwohl wir zusammen arbeiten, zusammen leben und versuchen, gemeinsam Eltern zu sein. Was nicht immer leicht ist, weil man bei Letzterem ja immer vernünftig zu sein hat. Nach dem Motto: In diesem Alter können wir uns keine Ausrutscher und keine Verantwortungslosigkeit mehr erlauben. Was ich sehr bedauerlich finde. (lacht) Und deshalb kann ich die Figuren auf dem neuen Album – also sowohl den Mann wie auch die Frau – gut verstehen. Es geht hier zwar nicht um mich und meine Ehe, aber ein bisschen was davon ist auf jeden Fall im Spiel.

Du hast inzwischen über 30 Jahre in den Fängen der Musikindustrie verbracht und gehst, um mal ganz uncharmant zu sein, stramm auf die 50 zu. Hast du Angst davor?
Ja, gebt mir meinen Stock. (lacht) Helft Großmutter auf die Beine. Aber seien wir ehrlich: Was soll ich dagegen tun? Wenn es eine Sache im Leben gibt, vor der man nicht weglaufen kann, dann ist es die Zeit.

Wie hat sich die Branche denn verändert?
Veränderungen passieren – ob man will oder nicht. Und einige davon sind positiv, andere nicht. Diese schrecklichen 360-Grad-Deals z.B., die überall eingeführt werden. Dadurch werden die Plattenfirmen auch an den Live- und Merchandise-Einnahmen beteiligt. Ich wüsste nicht, wie man das rechtfertigen könnte. Das halte ich für genauso schlimm wie diese ganzen Reality-TV-Shows, in denen Künstler regelrecht verheizt werden. Und einige dieser Verträge, die da gerade auf beiden Seiten des Atlantiks eingeführt werden, sind in höchstem Maße unmoralisch, geradezu diabolisch. Weshalb ich mich glücklich schätze, dass ich so etwas nie unterschreiben musste. Aber ich weiß eben auch nicht, wie die Leute, die so etwas anbieten, das vor sich selbst vertreten können. Sicher, mir ist klar, dass es vielen Labels schlecht geht, weil kaum noch Geld mit Albumverkäufen verdient werden kann und Piraterie ein riesiges Problem darstellt. Nur: Das ist nicht die Art, wie man dagegen vorgehen sollte – sondern eine echte Schande. Ich kenne so viele junge Musiker, die in diese Falle getappt sind, weil sie überhaupt nicht wussten, was sie da unterschreiben. Oder – was noch viel schlimmer ist – sich gesagt haben: „Ich habe ja keine andere Wahl.“ Und das darf einfach nicht sein. Es muss andere Optionen geben.

Du selbst bist jetzt bei Deutsche Grammo­phon gelandet, einem reinen Klassik-Label. Ist das ein angenehmeres Arbeiten?
Nun, es ist zumindest angenehm, hier mit einem Team von Leuten zu arbeiten, die Ahnung von Musik haben. Bei den meisten Labels kennen die Leute nur die Künstler, mit denen sie aktuell arbeiten oder die sie persönlich mögen, aber eben auch nicht mehr. Da gibt es nur wenig All­­gemeinwissen, und es wird auch nicht über den berühmten Tellerrand geschaut. Wenn du es zum Beispiel mit einem Heavy Metal-Label zu tun hast, kannst du zu 99,9 Prozent davon aus­­gehen, dass die Mitarbeiter dort für nichts an­­deres offen sind oder sich mit nichts anderem auskennen. Was einfach schade ist. Bei meinem Klassik-Label habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Angestellten den eigenen Katalog ken­­nen, die Komponisten, aber auch musik­­histo­­risch bewandert sind. Das ist unglaublich er­­frischend.

Willst du in Zukunft mal das Management deiner Tochter übernehmen, die ja auch musikalische Ambitionen hat?
(lacht) Sie hat schon mit Neun erkannt, dass sie eine Bluessängerin ist. Sie sagte zu mir: „Mama, ich habe den Blues entdeckt, und er steckt ganz tief in mir.“ Worauf ich nur antworten konnte: „Schatz, ich habe keine Ahnung, wo das herkommt, aber das ist etwas, was du hegen und pflegen musst.“ Denn sie hat definitiv das gewisse Etwas. Deshalb hat sie im vergangenen Jahr auch an der Sylvia Young Performing Arts School vorgesprochen und ist wegen ihres schauspielerischen Talents angenommen worden. Ich denke, das ist die Richtung, in die sie später gehen wird. Aber: Sie wird nie einen 360-Grad-Deal unterschreiben.

Pink Floyd – Opulenter Overkill

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Das Geschäft mit den Neuauflagen alter Tonträger boomt wie nie zuvor. Wobei die Remasters der Beatles, Queen und Rolling Stones erst der Anfang waren: Mit Pink Floyd nimmt die Wiederverwertung popkultureller Klassiker nun ganz neue Dimensionen an. Denn was sich hinter der Marketingkampagne „Why Pink Floyd?“ versteckt, ist ein Overkill ohnegleichen – wenn auch mit Stil, wie Drummer Nick Mason betont.

pinkish floyd 3.tifGeheimniskrämerei liegt ihnen nicht. Die Band, und in diesem Fall der 67-jährige Schlagzeuger Nick Mason, macht kein Geheimnis daraus, woher die Idee für die gigantische Neuauflage des Band-Backkatalogs stammt – und welchem Zweck sie folgt. „Die Plattenfirma-Leute hatten die Idee dazu, nicht wir Musiker“, setzt der kleine, rundliche Mann beim CLASSIC ROCK-Interview in den ehrwürdigen Londoner Abbey Road Studios an. „Zuerst haben wir gedacht: Warum sollten wir noch mehr Versionen von etwas herausbringen, das eh schon jeder hat bzw. in- und auswendig kennt? Wäre das nicht reine Geldschinderei? Trotzdem haben wir uns darauf eingelassen.“

Weil die Progrocker, und das unterschlägt Mason geflissentlich, eigentlich gar nicht anders konnten. Denn sie haben im Januar ein neues Vertragswerk mit dem EMI-Konzern unterzeichnet, das sie auf fünf Jahre an das Unternehmen bindet. Zudem machten ihnen die Verantwortlichen dort das Ganze so schmackhaft, dass sie kaum ablehnen konnten. Nämlich nicht nur mit den obligatorischen Remastern der 14 Studioepen (zum zweiten Mal nach 1994), sondern auch mit einer Best-Of namens A FOOT IN THE DOOR sowie Spezialeditionen der drei bekanntesten Alben THE DARK SIDE OF THE MOON (1973), WISH YOU WERE HERE (1975) und THE WALL (1979) – einmal als „Experience Versions“ mit Bonus-CD und opulentem Storm Thorgerson-Booklet, zum anderen als „Immersion Boxsets“ mit sechs CDs und diversem Bonusmaterial, das alle Aspekte und Entwicklungsstufen der Entstehungsgeschichte abdeckt (siehe Rezi in CLASSIC ROCK #9). Sprich: von frühen Demos über verschiedene Mixe bis zum Original-Release und späteren Live-Darbietungen – inkl. Filmmaterial.

Eine luxuriöse Angelegenheit, die zwar zu einem stolzen Obolus feilgeboten wird, aber selbst für hartgesottene Fans interessant sein dürfte – weil sie echte Raritäten enthält. Etwa unveröffentlichte Konzertmitschnitte, 5.1. Surround- und Quad-Mixe, das Backdrop-Filmmaterial der Tourneen sowie alternative Versionen der einzelnen Songs. Darunter auch der lange verschollene Auftritt des französischen Starviolinisten Stephane Grappelli auf WISH YOU WERE HERE, auf den Mason besonders stolz ist. „Das ist so etwas wie das Kronjuwel der ganzen Sache. Und ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, warum wir es damals nicht verwendet haben. Er und Yehudi Menuhin haben im Studio nebenan gearbeitet und sind einfach mal rübergekommen, um zu sehen, was wir so machen. Dabei kam dann jemand auf die Idee, ob Stephane nicht Lust hätte, etwas zu dem Stück beizusteuern. Das hat er getan – aus reinem Spaß an der Sache. Er improvisierte ein bisschen, wir nahmen alles auf, legten es zur Seite – und haben es dann vergessen. Irgendwann hieß es, die Bänder seien gelöscht worden, um Platz für Neues zu schaffen – wie das früher so üblich war. Aber als wir schließlich unsere Archive durchforsteten, kam plötzlich diese Schachtel mit einer Bandspule zur Vorschein, auf der sein Name stand. Darin befand sich die Aufnahme, die jemand sorgfältig gemixt und in den Keller gebracht hatte.“

Was die Vermutung nahe legt, dass die EMI-Archive in den Gewölben von Abbey Road doch nicht so gut katalogisiert und verwaltet sind wie bisher angenommen – oder dass die Fülle des vorhandenen Materials schlichtweg so riesig ist, dass selbst eine geübte Fachkraft den Überblick verliert. Letzteres schien hier der Fall zu sein, zumindest sieht das Mason so. „Nun, wir reden hier von einer der größten Band-Bibliotheken der Welt. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Künstler in den vergangenen Jahrzehnten dort aufgenommen haben und wie viele Bänder für jeder einzelne von ihnen verbraucht worden sind, dann kommt da schon einiges zusammen. Denn es werden ja nicht nur die fertigen Album-Mixe aufbewahrt, sondern auch die einzelnen Versionen der unterschiedlichen Songs, die Multi-Tracks, die Masters, die Soundeffekte und alles Mögliche. Allein bei THE DARK SIDE OF THE MOON ergibt das ein paar hundert Schachteln, und die alle zu sichten, ist ein wahrer Albtraum. Ich glaube, wir haben fast sechs Monate dafür gebraucht – und noch länger für die Filmaufnahmen, die auf der ganzen Welt verteilt waren und die wir in mühsamer Kleinarbeit zusammenfügen mussten. Einfach, weil wir damals, also vor 30, 40 Jahren, sehr sorglos damit umgegangen sind. Doch wer hätte gedacht, dass wir das Material noch einmal brauchen würden und dass es überhaupt für jemanden interessant sein könnte. Aber jetzt, da wir die komplette Entstehungsgeschichte dieser Alben abbilden wollten, ging es eben nicht ohne. Und wir reden hier lediglich von den ersten drei Boxsets.“

Sollten sich die gut verkaufen (wovon angesichts des anstehenden Weihnachtsgeschäfts auszugehen ist), will die Band im nächsten Jahr den verbliebenen Backkatalog angehen und auch da mit jeder Menge Raritäten aufwarten, die vor allem aus der frühen und späten Bandgeschichte datieren: den Syd Barrett- bzw. den Post-Roger Waters-Jahren. „In den Siebzigern haben wir sehr ökonomisch gearbeitet, also nicht mehr aufgenommen, als wir mussten – das jedoch immer wieder umgestellt und so verändert, bis es ins Gesamtkonzept passte. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern sind wir von dieser Arbeitsweise abgewichen, haben uns verstärkt auf die einzelnen Songs konzentriert. Deshalb gibt es hier auch noch ein paar unveröffentlichte Outtakes. Aus der Sechziger-Ära mit Syd sind ebenfalls noch Unmengen von Material vorhanden, darunter auch viele Sachen, die wirklich sehr spannend sind.“

Wobei Mason, der sichtlich Spaß daran hat, nach Jahren als Privatier und Rock-Rentner wieder über Musik zu reden, mehr als einmal betont, dass er sich viel lieber mit neuem als mit altem Floyd-Material befassen würde. Und alles dafür täte, noch ein Album mit David Gilmour und Roger Waters aufzunehmen bzw. auf Welttournee zu gehen. „Die Wahrheit ist: Wir werden alle nicht jünger, und wenn wir das nicht bald anpacken, könnte es zu spät sein. Deshalb lasse ich nichts unversucht, um das irgendwie voranzutreiben. Und tatsächlich ist es so, dass sich Roger und David heute besser verstehen als je zuvor. Sie beide haben den Auftritt bei Live 8 sehr genossen. Insofern ist zwar nichts geplant und auch nichts bestätigt, aber ich gebe die Hoffnung keineswegs auf. Ich denke, dass dieses Projekt einiges bewirken könnte, sofern es ein Erfolg wird. Denn bei mir erhöht es definitiv das Verlangen, diese Songs noch einmal live zu spielen.“

Leslie West – Musik als Therapie

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Statt am 17. Juni einen geplanten Gig mit Mountain in Biloxi, Mississippi, zu spielen, musste Bandgründer Leslie West ins Krankenhaus eingeliefert werden. Dort amputierten die Ärzte dem 65-Jährigen wegen einer akuten Infektion in einer Not-OP den rechten Unterschenkel. Nun befindet sich der Rocker auf Reha – und hat gerade sein zehntes Soloalbum UNUSUAL SUSPECTS veröffentlicht, das mit einer imposanten Starbesetzung aufwartet.

Leslie West 2011_1Leslie, die Infektion und ihre drastischen Folgen haben dich sicherlich aus der Bahn geworfen. Daher die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es dir, macht deine Genesung Fortschritte?
Offen gestanden geht es mir psychisch wie körperlich mal so, mal so. Vor ein paar Tagen bin ich beim Aufstehen blöd gestürzt und voll auf die Fresse gefallen – was einfach daran lag, dass mein Körper noch nicht richtig verstanden hat, dass ich keinen Unterschenkel mehr habe. Und wenn ich mich nicht konzentriere, mache ich unwillkürlich Bewegungen, als wäre da unten noch ein Fuß. Aber ich will nicht jammern: Die Ärzte machen mir Hoffnung, dass ich relativ schnell lernen werde, mit einer Prothese ziemlich normal zu gehen. Momentan benutze ich einen elektrischen Rollstuhl, um den Alltag zu bewältigen.

Hast du schon eine Ahnung, wann du wieder auf die Bühne kannst?
Für Mitte Oktober sind die Nachhol-Termine der „Three Guitar Heroes Tour“ mit Michael Schenker und Uli Jon Roth angesetzt (geplant sind insgesamt 13 US-Gigs, Anm.d.Red.). Und die werde ich spielen, ob im Sitzen oder Stehen!

Wirst du auch Stücke deines neuen Soloalbums präsentieren?
Garantiert! Bei dieser Tour wird jeder von uns erst ein eigenes Set von etwa 40 Minuten Länge aufführen, bevor wir schließlich einige Stücke zusammen spielen. Und in meinem Teil werde ich neben ein paar Mountain-Klassikern auf jeden Fall Songs des neuen Albums performen. Manche der Lieder haben ihre Bühnenpremiere sowieso schon hinter sich, denn ich habe die ersten Stücke von UNUSUAL SUSPECTS schon vor sechs Jahren geschrieben.

Auf dem Album kannst du eine ganze Reihe illustrer Gitarristen-Kollegen begrüßen: Joe Bonamassa, Billy Gibbons, Zakk Wylde, Steve Lukather und Slash. Hat sich das eher zufällig ergeben oder war das von Anfang an Teil des Konzepts?
Diese Begegnungen mit anderen Gitarristen waren sozusagen die Ursprungsidee. Allerdings hatten sich die Leute bei meinem Label das Ganze zunächst etwas anders vorgestellt: Sie wollten zum Beispiel, dass ich mit Buddy Guy spiele. Hmm, eher ein „Usual Suspect“ als ein „Unusual Suspect“, so oft wie er mittlerweile auf irgendwelchen Alben gastiert. Nichts gegen Buddy Guy – aber ich kenne ihn nicht mal persönlich, und er zählt auch nicht gerade zu meinen größten Einflüssen. Ich wollte lieber mit Menschen arbeiten, mit denen ich wirklich befreundet bin und denen ich mich auch stilistisch nahe fühle. Und so ist es dann gottlob auch gekommen! Wenigstens ist mir dieser Mist mit meinem Bein erst passiert, als alles schon im Kasten war – sonst gäbe es das Album womöglich gar nicht.

Wie liefen diese Begegnungen eigentlich ab?
Das Schönste dabei: Wir haben nicht einfach irgendwelche Sounddateien hin- und hergemailt und sie dann mit ProTools zusammengebastelt, so wie das heute bei sogenannten „Kollaborationen“ oft der Fall ist. Wir standen uns von Angesicht zu Angesicht im Studio gegenüber. Eine tolle, und speziell im Fall von Zakk Wylde auch sehr lustige Erfahrung! Der Typ ist wirklich super drauf, unglaublich humorvoll und ganz und gar unkompliziert. Er kam ohne Entourage, ohne irgendwelche Groupies oder Manager im Schlepptau, sondern nur mit seinem Gitarrenkoffer unterm Arm ins Studio und legte los. Der Einzige, den ich anfangs nicht auf dem Zettel hatte, war Steve Lukather. Er schaute einfach mal so bei den Aufnahmen vorbei, als wir gerade an dieser Nummer arbeiteten. Ich wusste, dass er diesen akustischen Boogie-Part besser hinkriegen würde als ich, und er ließ sich nicht lange bitten – auch total unkompliziert. Und so fügten sich die Dinge nach und nach zusammen, und zwar viel besser, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Nun bist du ja schließlich selbst eine veritable Gitarrenlegende – und auch ein Song auf dem Album trägt den Titel ›Legend‹, wobei der als einziger Track eher vom Piano geprägt wird…
Ich habe kein so aufgeblasenes Ego, dass ich mit meiner Gitarre ständig vornestehen und das Instrument jeden Song dominieren muss. Und zu diesem Lied muss man wissen, dass mein Songwriting-Partner Joseph Pizza die Grundidee dieses Lieds schon vor 30 Jahren hatte – für die Aufnahmen musste ich seinen Text allerdings ändern. Ich hatte keine Lust, über mich selbst als Legende zu singen. Deswegen heißt es jetzt: „Don’t call me legend, I just came here to play“ – das entspricht eher meiner Philosophie.

Mit Joe Bonamassa spielst du den alten Blues-Klassiker ›Third Degree‹ – welche Zukunft hat diese Stilrichtung überhaupt noch?
Diese Nummer einzuspielen, war ein Wunsch von Joe, weil er die Version liebt, die wir seinerzeit auf dem Debüt von West, Bruce & Laing veröffentlicht haben. Mit dem Blues – und vor allem dem Bluesrock an sich – ist das so eine Sache: Meiner Meinung nach hat er eine Art „eingebaute Publikumsgarantie“. Denn egal, ob du gerade einen Hit hast oder nicht – wenn dir der Ruf vorauseilt, dass du guten Bluesrock spielst, werden die Leute immer in deine Konzerte kommen. In Europa sogar noch mehr als in den Staaten. Aber ob sich im Blues stilistisch noch viel Neues entwickeln wird, vermag ich nicht zu sagen, trotz so toller jüngerer Typen wie eben Joe oder auch Derek Trucks. Ich für meinen Teil werde mich jedenfalls immer als Bluesgitarrist verstehen.

Was hat dich dazu bewogen, den Beatles-Song ›I Feel Fine‹ mit auf das neue Album zu nehmen?
Ich spiel das Stück schon seit Jahren bei meinen Gigs als Gitarrensolo, weil ich diesen Riff so mag. Und während der UNUSUAL SUSPECTS-Sessions saß ich in einer Pause da und spielte ein bisschen mit diesem Thema rum. Mein Produzent Fabrizio Gross hörte das – und war sofort Feuer und Flamme. Doch es steckt auch noch eine ganz alte Geschichte hinter dem Song: Ich wuchs im selben New Yorker Apartmenthaus wie Waddy Wachtel auf, wir waren schon als Teenager befreundet. Waddy lernte auf der Gitarre immer alles viel schneller als ich und zeigte mir dann alles. Er brachte mir auch ›I Feel Fine‹ bei. (lacht wehmütig) Wenn man so will, war Waddy mein erster richtiger Gitarrenlehrer – obwohl er zwei Jahre jünger war.

Patti Smith

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Patti Smith (4)Werkschauen begegnet man gerne mit Skepsis: „Damit wollen nur die Plattenfirmen-Leute Geld machen”, wird gerne vorgeschoben. Ob die Fans der Proto-Punk-Ikone Patti Smith also so richtig auf OUTSIDE SOCIETY abfahren werden, ist frag­lich – zumal 2002 mit LAND bereits eine ähnliche Compilation veröffentlicht wur­de. Allerdings: Patti Smith höchstpersönlich hat die Tracks für den Sampler ausgesucht – von jedem ihrer zehn Studioalben ist mindestens ein Song auf OUTSIDE SOCIETY vertreten. Neu gemastert worden sind die Stücke obendrein. Und: Die 64-Jährige hat zu jedem Lied einen kleinen Text geschrieben. So berichtet Smith darüber, wie der „Boss” ihr ›Because The Night‹ überlassen hat: „Bruce Springsteen hat mir ein großes Geschenk damit gemacht, indem er mir erlaubte, seiner wunderschönen Hymne Verse zu leihen. Meinen Beitrag habe ich damals für meinen zukünftigen Ehemann Fred ,Sonic’ Smith geschrieben. Obwohl wir ›Because The Night‹ mehrere Hundert Mal live gespielt haben, ist es dank der starken Reaktionen beim Publikum immer eine frische und aufregende Erfahrung, diesen Song zu singen.”

Blitzen Trapper

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Blitzen Trapper 1 (2011)Einfach immer weiter, immer weiter machen Fußballer, wenn es mal nicht so läuft im Spiel, auf dem Trainingsplatz oder in der Karriere. Einfach mal was anderes gemacht hat Eric Earley. Das Hirn hinter Blitzen Trapper hat vor acht Jahren das College abgebrochen, war zwischenzeitlich obdachlos und entschied sich am Ende für die Musik: In einem alten Telegrafengebäude nahm der Songwriter aus Portland, Oregon, das Debüt seiner Band auf. Danach hat er einfach immer weitergemacht – und so sind die Indie-Country-Classic-Rocker mittlerweile bei Studio­album Nummer sechs angekommen.

Auf AMERICAN GOLDWING besinnt sich Earley noch stärker auf seine musikalischen Wurzeln als sonst: Zwar wird auch der Röhrenverstärker aufgedreht, aber im Vordergrund steht Folk à la John Denver und Bob Dylan, während hier und da auch mal der Bluegrass eines Doc Watson durchschimmert. Benannt hat Earley AMERICAN GOLDWING nach der „Honda Goldwing“: einem Motorrad, das sein Schwager einst besaß. Als Kind kletterte Eric einmal darauf, machte Geräusche, als rausche er auf einer einsamen Landstraße daher, und brachte die Maschine dabei zum Umfallen. „AMERICAN GOLDWING zu schreiben hat sich in etwa so angefühlt wie damals, als ich unter diesem riesigen Motorrad eingeklemmt war“, erklärt Earley. „Ich wollte diese unausweichliche Vergangenheit vieler Amerikaner rüberbringen: diese Gefühle, wie es ist, in einer kleinen Stadt gefangen zu sein. Viele Menschen machen einfach das, wovon ich in ›Taking It Easy Too Long‹ singe: sie bleiben zu lange in ihrem einsamen Dorf. Damit will ich den Mythos der amerikanischen Kleinstadt zerstören.“