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Start Blog Seite 1303

Lebenslinien: Steve Hackett

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Er ist das musikalische Vorbild von Eddie Van Halen und Brian May und trat mit Rick Wakeman im TV auf. Steve Hackett zählt zu den größten Gitarren-Ikonen des gesamten Rock-Genres und schwärmt dennoch von seinen Kollegen wie ein echter Fan.

Steve Hackett 2011 (2)Steve Hackett kann auf eine mehr als 40-jährige Karriere zurückblicken. 1970 stieg er bei Genesis ein und entwickelte sich dank seiner außergewöhnlichen und innovativen Spielweise schnell zum Idol der nachfolgenden Gitarrengeneration. Ende der Siebziger verließ er die Band, machte solo weiter und veröffentlichte bis dato mehr als 20 Studioalben, für die er etliche namhafte Gastmusiker akquirieren konnte. Sein neuestes Werk BEYOND THE SHROUDED HORIZON bietet da keine Ausnahme. Hier tummeln sich Rock-Größen wie Simon Phillips von Toto oder Chris Squire von Yes. Bei so einer langen und erfolgreichen Karriere hat Steve Hackett natürlich so manchen Musiker getroffen bzw. sogar mit ihm zusammengearbeitet. CLASSIC ROCK forscht nach…

Peter Gabriel

Von Peter sind mir viele Dinge im Gedächtnis geblieben. Er ist der Sohn eines Erfinders, und ich denke deshalb, dass er die Kreativität von seinem Vater geerbt hat. Wir verstanden uns von Anfang an bestens, da wir beide sehr konzeptionell denken, wodurch wir schon immer auf der selben Wellenlänge lagen. Allerdings hatten wir ein paar Probleme, die Sprache des anderes zu verstehen (lacht). Peter ist ein außergewöhnlicher Künstler. Während unserer gemeinsamen Zeit bei Genesis baute er mehr und mehr Theater-Elemente auf der Bühne ein. Er wollte die Charaktere, über die er sang, auch darstellen. Peter verbrachte viel Zeit damit, seine Rollen zu proben. Diese Darbietungen machten das Singen recht kompliziert für ihn. Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich oft, ob Genesis ohne Peter genauso erfolgreich geworden wären – ich schätze nicht. Wir wurden auf vielen Magazin-Covern insbesondere wegen Peters Outfits abgebildet. Der Rest von uns war völlig unauffällig. Wir hatten Bärte, Brillen und lange Haare. Peter war eine Fashion-Ikone – und wir das totale Gegenteil (lacht). Hinter der Bühne benahm er sich jedoch nicht so. Er hatte zwar auch seine wilden Momente, war aber meistens kontrolliert und konzentriert. Oft saß er auch nur auf einem Stuhl und aß einen Joghurt oder ein paar Nüsse. Er trank nie Alkohol, war eher ein Anti-Star. Wenn du an ihm vorbeigelaufen wärst, hättest du ihn gar nicht wahrgenommen. In Peters Brust schlagen zwei Seelen. Auf der Bühne ist er ein extrovertierter Typ, hinter den Kulissen aber extrem schüchtern und zurückhaltend.

Steve Howe

Er ist ein unglaublich talentierter Gitarrist. Ich habe ihn zusammen mit Peter Gabriel 1967 oder 1968 in einer Bar in London auf der Bühne gesehen. Die Show hieß „Christmas On Earth“, und er spielte damals in der Band Tomorrow. Steve stand da einfach so auf der Bühne, spielte unglaubliches Zeug und sah noch dazu blendend aus. Sein Stil war unvergleichlich. Während der Bassist und Schlagzeuger so taten, als hätten sie einen Streit, machte er unbeirrt weiter. Peter und ich waren völlig begeistert von diesem jungen Mann. Das war lange Zeit, bevor er schließlich bei Yes einstieg. Aber auch seine Arbeit dort hat mich stets fasziniert. Vor allem Songs wie ›Starship Trooper‹ oder ›Yours Is No Disgrace‹ – dort hört man Steve in Hochform. Er ist ein durch und durch zielstrebiger Mensch. Manchmal ist es nicht so leicht mit ihm, aber das musikalische Ergebnis macht das immer wett. Wir haben zwei Jahre zusammen bei GTR gespielt. Damals wollten wir zeigen, dass es durchaus möglich ist, zwei Lead-Gitarristen in einer Band zu haben, so wie die Stones oder Jeff Beck mit Jimmy Page. Steve und ich haben uns oft gefetzt, da wir nicht dieselben Vorstellungen hatten – doch das Album wurde großartig.

Richie Havens

Genesis sind vor vielen Jahren mal im Londoner „Earl’s Court“ aufgetreten: drei Abende hintereinander mit jeweils 20.000 Leuten. Da vor allem Peter Gabriel und ich große Fans von Richie waren und oft seine Songs hörten, wenn wir gemeinsam zu den Gigs fuhren, fragten wir ihn, ob er nicht Lust hätte, diese Shows für uns zu eröffnen. Er sagte zu. An einem Abend lud ich ihn zum Essen ein, weil ich unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte. Um ihn nicht zu bedrängen, sprach ich das Thema aber erst einmal nicht an. Am Ende des Abends meinte er auf einmal: „Steve, warum machen wir nicht zusammen Musik?“ Ich war begeistert und erwiderte, dass ich mir nichts Tolleres vorstellen könnte. Kurze Zeit später hörte ich bei Genesis auf, rief Richie einfach an und fragte, ob er nicht auf meinem Album PLEASE DON’T TOUCH mitwirken möchte. Und er sagte wirklich zu! Ich arbeitete gerade in L.A., und er kam ohne Umschweife aus New York zu mir geflogen. Einer der Studiomitarbeiter holte ihn vom Flughafen ab. Und Richie beharrte darauf, all sein Equipment zu sich auf den Rücksitz zu nehmen. (lacht) Nach dem Check-in im Hotel kam er gleich ins Studio. Wir nahmen einen Song mit ihm auf, und als das Lied fertig eingespielt war, kam er zu mir und fragte, ob ich noch mehr Material hätte, das wir aufnehmen könnten. Ich sagte: „Ja, ich habe da noch einen weiteren Song, bin mir aber nicht sicher, ob ich ihn dir vorspielen soll.“ Er wollte ihn hören, war total angetan davon und spielte auch ihn ein. Es war unglaublich: Er lernte beide Songs, nämlich ›Icarus Ascending‹ und ›How Can I?‹, an Ort und Stelle, es ging rasend schnell. Er benahm sich überhaupt nicht wie ein Star, war hochkonzentriert und professionell. Es war phänomenal, ihn in Aktion zu sehen. Immer wenn Richie in London auftritt, versuche ich, zu seiner Show zu gehen und später Hallo zu sagen.

Brian May

Ich war gerade in Rio, als Queen bei „Rock In Rio“ als Headliner auftraten. Da ich wusste, in welchem Hotel sie untergebracht waren, ergriff ich die Chance und ging hin, um sie anzusprechen. Und es klappte tatsächlich! Ich betrat das Hotel, wo gerade eine Party stattfand. Dort entdeckte ich Brian und lief zu ihm rüber. Als er mich sah, sagte er erfreut: „Hallo Steve, schön dich endlich kennen lernen zu dürfen. Du bist eines meiner größten Vorbilder.“ Er erwähnte den Song ›The Musical Box‹ von NURSERY CRYME, dem ersten Genesis-Album, auf dem ich mitgewirkt habe. Er sagte, ich hätte ihn inspiriert. Ich fühlte mich wirklich geschmeichelt und war stolz darauf, ein Vorbild für einen so außergewöhnlichen Musiker zu sein. Brian und ich haben später auch oft miteinander gearbeitet. Wie Richie Havens hat auch er die Songs immer sehr schnell gelernt. Außerdem besitzt er einen unglaublichen Enthusiasmus: Als er gerade seine Scheidung durchmachte, es also privat alles andere als rund lief, arbeitete er mit mir an meinem Album FEEDBACK 86, das erst einige Jahre nach den Aufnahmen erschien. Und trotz der harten Zeit, die er gerade durchmachte, brachte er wirklich tolle Ideen mit ein und spielte absolut wundervoll. Er hat es immer geschafft, mich so zu motivieren, dass ich das letzte Quäntchen Energie aus mir herausholen wollte.

Eddie van Halen

Ich habe ihn noch nie persönlich getroffen, fühle mich aber immer geehrt, wenn er mich als eines seiner Vorbilder bezeichnet. Ich glaube, ich muss ihn mal kennen lernen. Denn er gab einer Technik, die ich vor vielen Jahren entwickelt habe, ihren Namen. Ich nannte sie damals schlicht „Nailing“, er taufte sie „Tapping“ – was sich schließlich eingebürgert hat. Man spielt dabei mit beiden Händen auf dem Gitarrenhals, ganz so, als ob man ein Keyboard bedienen würde.

Rick Wakeman

Ich trat mal zusammen mit Rick in einer Fernsehshow auf – er moderierte Anfang der Achtziger nämlich die TV-Sendung „Gastank“, und ich gehörte zu seinen Gästen. Er interviewte mich, und danach performten wir noch einen Song. Rick ist ein begnadeter Musiker – und neben Steve Howe und Chris Squire ein weiteres Yes-Mitglied, mit dem ich gemeinsame Sache gemacht habe. Es gab wirklich viele Kollaborationen zwischen Musikern von Yes und Genesis (lacht). Aber diese TV-Geschichte ist schon lange her. Ich habe Rick erst kürzlich im Londoner „Hampton Court“ gesehen. Dort führte er erneut THE SIX WIVES OF HENRY VIII auf – mit einem großen Orchester und allem, was sonst noch dazu gehört. Das war großartig. Nach der Show ging ich hinter die Bühne, um ihn zu begrüßen, da sah er völlig erledigt aus. Doch das macht nichts, denn wir treffen uns öfter – allerdings meist rein zufällig.

Tori Amos – Intuition einer Elfe

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Sie war noch nie jemand, der es sich bereitwillig in einer vorgefertigten Schublade bequem machen wollte. Tori Amos hat sich stattdessen ihre ganz eigene geschnitzt, nach und nach feine Verzierungen aus dem groben Block herausgearbeitet. Auf ihrem Album NIGHT OF HUNTERS widmet sie sich nicht nur musikalischen Details, sondern will auch zwischenmenschliche Probleme lösen.

04_Tori-Amos_Night-of-Hunters-Tour-2011Tori, NIGHTER OF HUNTERS ist ein Song­zyklus in der Manier von Schuberts Win­ter­­reise. Allerdings mit einer modernen Story: Eine Frau, die ihrer ehelichen Tristesse mit einer Affäre entkommen will, hat eine Erleuchtung und rettet nicht nur ihre Be­­ziehung, sondern auch die Welt. Versuchst du dich hier als Eheberaterin?
Warum nicht? Ich habe eine zehnjährige Tochter namens Natashya. Es ist unglaublich, wie viele Freundinnen sie hat, deren Eltern sich scheiden haben lassen. Die meisten Kids verstehen nicht, warum es überhaupt so weit gekommen ist, weshalb Mama und Papa nicht schon vor Jahren etwas gegen ihre Probleme unternommen haben.
Und das ist es, worum es hier geht: Ich will diesen Instinkt auslösen, dass die Leute retten, was zu retten ist. Wobei die Eingebung der Hauptperson dafür steht, aus allzu ver­­trauten Bahnen auszubrechen, sich zu öffnen und mal ganz tief in den emotionalen Bereich einer Beziehung vorzudringen. Sprich: ihn genau zu untersuchen, die Unstimmigkeiten herauszukristallisieren und entsprechend zu reagieren. Sie sollen sich ihnen stellen, daran arbeiten und verändern, was zu verändern ist – statt in Lethargie zu verfallen bzw. irgendwann aufzuwachen und das Gefühl zu haben, sein Leben für jemand anderen geopfert zu haben. Für jemanden, der einem nichts zurückgibt.

Was du in ›Job’s Coffin‹ als eine typisch weib­liche Angewohnheit darstellst…
Ja. Und ehrlich: Ich weiß wirklich nicht, warum wir so reagieren. Also warum wir uns immer so unterordnen und so tun, als wäre Selbstaufgabe und Kompromissbereitschaft ein und dasselbe. Das sind sie nicht. Und wir Frauen müssen endlich aufhören, uns selbst anzulügen.

Und du, hast du den Schlüssel zur perfekten Partnerschaft gefunden – oder therapierst du dich hier auch ein Stück weit selbst?
Nun, hier sind sicherlich etliche Erfahrungen eingeflossen, die mein Mann und ich in den vergangenen 16 Jahren gemacht haben. Im Positiven wie im Negativen. Jedenfalls sind wir immer noch zusammen, und wir haben – das hoffe ich – auch nicht vor, uns in absehbarer Zeit zu trennen. Und das, obwohl wir zusammen arbeiten, zusammen leben und versuchen, gemeinsam Eltern zu sein. Was nicht immer leicht ist, weil man bei Letzterem ja immer vernünftig zu sein hat. Nach dem Motto: In diesem Alter können wir uns keine Ausrutscher und keine Verantwortungslosigkeit mehr erlauben. Was ich sehr bedauerlich finde. (lacht) Und deshalb kann ich die Figuren auf dem neuen Album – also sowohl den Mann wie auch die Frau – gut verstehen. Es geht hier zwar nicht um mich und meine Ehe, aber ein bisschen was davon ist auf jeden Fall im Spiel.

Du hast inzwischen über 30 Jahre in den Fängen der Musikindustrie verbracht und gehst, um mal ganz uncharmant zu sein, stramm auf die 50 zu. Hast du Angst davor?
Ja, gebt mir meinen Stock. (lacht) Helft Großmutter auf die Beine. Aber seien wir ehrlich: Was soll ich dagegen tun? Wenn es eine Sache im Leben gibt, vor der man nicht weglaufen kann, dann ist es die Zeit.

Wie hat sich die Branche denn verändert?
Veränderungen passieren – ob man will oder nicht. Und einige davon sind positiv, andere nicht. Diese schrecklichen 360-Grad-Deals z.B., die überall eingeführt werden. Dadurch werden die Plattenfirmen auch an den Live- und Merchandise-Einnahmen beteiligt. Ich wüsste nicht, wie man das rechtfertigen könnte. Das halte ich für genauso schlimm wie diese ganzen Reality-TV-Shows, in denen Künstler regelrecht verheizt werden. Und einige dieser Verträge, die da gerade auf beiden Seiten des Atlantiks eingeführt werden, sind in höchstem Maße unmoralisch, geradezu diabolisch. Weshalb ich mich glücklich schätze, dass ich so etwas nie unterschreiben musste. Aber ich weiß eben auch nicht, wie die Leute, die so etwas anbieten, das vor sich selbst vertreten können. Sicher, mir ist klar, dass es vielen Labels schlecht geht, weil kaum noch Geld mit Albumverkäufen verdient werden kann und Piraterie ein riesiges Problem darstellt. Nur: Das ist nicht die Art, wie man dagegen vorgehen sollte – sondern eine echte Schande. Ich kenne so viele junge Musiker, die in diese Falle getappt sind, weil sie überhaupt nicht wussten, was sie da unterschreiben. Oder – was noch viel schlimmer ist – sich gesagt haben: „Ich habe ja keine andere Wahl.“ Und das darf einfach nicht sein. Es muss andere Optionen geben.

Du selbst bist jetzt bei Deutsche Grammo­phon gelandet, einem reinen Klassik-Label. Ist das ein angenehmeres Arbeiten?
Nun, es ist zumindest angenehm, hier mit einem Team von Leuten zu arbeiten, die Ahnung von Musik haben. Bei den meisten Labels kennen die Leute nur die Künstler, mit denen sie aktuell arbeiten oder die sie persönlich mögen, aber eben auch nicht mehr. Da gibt es nur wenig All­­gemeinwissen, und es wird auch nicht über den berühmten Tellerrand geschaut. Wenn du es zum Beispiel mit einem Heavy Metal-Label zu tun hast, kannst du zu 99,9 Prozent davon aus­­gehen, dass die Mitarbeiter dort für nichts an­­deres offen sind oder sich mit nichts anderem auskennen. Was einfach schade ist. Bei meinem Klassik-Label habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Angestellten den eigenen Katalog ken­­nen, die Komponisten, aber auch musik­­histo­­risch bewandert sind. Das ist unglaublich er­­frischend.

Willst du in Zukunft mal das Management deiner Tochter übernehmen, die ja auch musikalische Ambitionen hat?
(lacht) Sie hat schon mit Neun erkannt, dass sie eine Bluessängerin ist. Sie sagte zu mir: „Mama, ich habe den Blues entdeckt, und er steckt ganz tief in mir.“ Worauf ich nur antworten konnte: „Schatz, ich habe keine Ahnung, wo das herkommt, aber das ist etwas, was du hegen und pflegen musst.“ Denn sie hat definitiv das gewisse Etwas. Deshalb hat sie im vergangenen Jahr auch an der Sylvia Young Performing Arts School vorgesprochen und ist wegen ihres schauspielerischen Talents angenommen worden. Ich denke, das ist die Richtung, in die sie später gehen wird. Aber: Sie wird nie einen 360-Grad-Deal unterschreiben.

Pink Floyd – Opulenter Overkill

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Das Geschäft mit den Neuauflagen alter Tonträger boomt wie nie zuvor. Wobei die Remasters der Beatles, Queen und Rolling Stones erst der Anfang waren: Mit Pink Floyd nimmt die Wiederverwertung popkultureller Klassiker nun ganz neue Dimensionen an. Denn was sich hinter der Marketingkampagne „Why Pink Floyd?“ versteckt, ist ein Overkill ohnegleichen – wenn auch mit Stil, wie Drummer Nick Mason betont.

pinkish floyd 3.tifGeheimniskrämerei liegt ihnen nicht. Die Band, und in diesem Fall der 67-jährige Schlagzeuger Nick Mason, macht kein Geheimnis daraus, woher die Idee für die gigantische Neuauflage des Band-Backkatalogs stammt – und welchem Zweck sie folgt. „Die Plattenfirma-Leute hatten die Idee dazu, nicht wir Musiker“, setzt der kleine, rundliche Mann beim CLASSIC ROCK-Interview in den ehrwürdigen Londoner Abbey Road Studios an. „Zuerst haben wir gedacht: Warum sollten wir noch mehr Versionen von etwas herausbringen, das eh schon jeder hat bzw. in- und auswendig kennt? Wäre das nicht reine Geldschinderei? Trotzdem haben wir uns darauf eingelassen.“

Weil die Progrocker, und das unterschlägt Mason geflissentlich, eigentlich gar nicht anders konnten. Denn sie haben im Januar ein neues Vertragswerk mit dem EMI-Konzern unterzeichnet, das sie auf fünf Jahre an das Unternehmen bindet. Zudem machten ihnen die Verantwortlichen dort das Ganze so schmackhaft, dass sie kaum ablehnen konnten. Nämlich nicht nur mit den obligatorischen Remastern der 14 Studioepen (zum zweiten Mal nach 1994), sondern auch mit einer Best-Of namens A FOOT IN THE DOOR sowie Spezialeditionen der drei bekanntesten Alben THE DARK SIDE OF THE MOON (1973), WISH YOU WERE HERE (1975) und THE WALL (1979) – einmal als „Experience Versions“ mit Bonus-CD und opulentem Storm Thorgerson-Booklet, zum anderen als „Immersion Boxsets“ mit sechs CDs und diversem Bonusmaterial, das alle Aspekte und Entwicklungsstufen der Entstehungsgeschichte abdeckt (siehe Rezi in CLASSIC ROCK #9). Sprich: von frühen Demos über verschiedene Mixe bis zum Original-Release und späteren Live-Darbietungen – inkl. Filmmaterial.

Eine luxuriöse Angelegenheit, die zwar zu einem stolzen Obolus feilgeboten wird, aber selbst für hartgesottene Fans interessant sein dürfte – weil sie echte Raritäten enthält. Etwa unveröffentlichte Konzertmitschnitte, 5.1. Surround- und Quad-Mixe, das Backdrop-Filmmaterial der Tourneen sowie alternative Versionen der einzelnen Songs. Darunter auch der lange verschollene Auftritt des französischen Starviolinisten Stephane Grappelli auf WISH YOU WERE HERE, auf den Mason besonders stolz ist. „Das ist so etwas wie das Kronjuwel der ganzen Sache. Und ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, warum wir es damals nicht verwendet haben. Er und Yehudi Menuhin haben im Studio nebenan gearbeitet und sind einfach mal rübergekommen, um zu sehen, was wir so machen. Dabei kam dann jemand auf die Idee, ob Stephane nicht Lust hätte, etwas zu dem Stück beizusteuern. Das hat er getan – aus reinem Spaß an der Sache. Er improvisierte ein bisschen, wir nahmen alles auf, legten es zur Seite – und haben es dann vergessen. Irgendwann hieß es, die Bänder seien gelöscht worden, um Platz für Neues zu schaffen – wie das früher so üblich war. Aber als wir schließlich unsere Archive durchforsteten, kam plötzlich diese Schachtel mit einer Bandspule zur Vorschein, auf der sein Name stand. Darin befand sich die Aufnahme, die jemand sorgfältig gemixt und in den Keller gebracht hatte.“

Was die Vermutung nahe legt, dass die EMI-Archive in den Gewölben von Abbey Road doch nicht so gut katalogisiert und verwaltet sind wie bisher angenommen – oder dass die Fülle des vorhandenen Materials schlichtweg so riesig ist, dass selbst eine geübte Fachkraft den Überblick verliert. Letzteres schien hier der Fall zu sein, zumindest sieht das Mason so. „Nun, wir reden hier von einer der größten Band-Bibliotheken der Welt. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Künstler in den vergangenen Jahrzehnten dort aufgenommen haben und wie viele Bänder für jeder einzelne von ihnen verbraucht worden sind, dann kommt da schon einiges zusammen. Denn es werden ja nicht nur die fertigen Album-Mixe aufbewahrt, sondern auch die einzelnen Versionen der unterschiedlichen Songs, die Multi-Tracks, die Masters, die Soundeffekte und alles Mögliche. Allein bei THE DARK SIDE OF THE MOON ergibt das ein paar hundert Schachteln, und die alle zu sichten, ist ein wahrer Albtraum. Ich glaube, wir haben fast sechs Monate dafür gebraucht – und noch länger für die Filmaufnahmen, die auf der ganzen Welt verteilt waren und die wir in mühsamer Kleinarbeit zusammenfügen mussten. Einfach, weil wir damals, also vor 30, 40 Jahren, sehr sorglos damit umgegangen sind. Doch wer hätte gedacht, dass wir das Material noch einmal brauchen würden und dass es überhaupt für jemanden interessant sein könnte. Aber jetzt, da wir die komplette Entstehungsgeschichte dieser Alben abbilden wollten, ging es eben nicht ohne. Und wir reden hier lediglich von den ersten drei Boxsets.“

Sollten sich die gut verkaufen (wovon angesichts des anstehenden Weihnachtsgeschäfts auszugehen ist), will die Band im nächsten Jahr den verbliebenen Backkatalog angehen und auch da mit jeder Menge Raritäten aufwarten, die vor allem aus der frühen und späten Bandgeschichte datieren: den Syd Barrett- bzw. den Post-Roger Waters-Jahren. „In den Siebzigern haben wir sehr ökonomisch gearbeitet, also nicht mehr aufgenommen, als wir mussten – das jedoch immer wieder umgestellt und so verändert, bis es ins Gesamtkonzept passte. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern sind wir von dieser Arbeitsweise abgewichen, haben uns verstärkt auf die einzelnen Songs konzentriert. Deshalb gibt es hier auch noch ein paar unveröffentlichte Outtakes. Aus der Sechziger-Ära mit Syd sind ebenfalls noch Unmengen von Material vorhanden, darunter auch viele Sachen, die wirklich sehr spannend sind.“

Wobei Mason, der sichtlich Spaß daran hat, nach Jahren als Privatier und Rock-Rentner wieder über Musik zu reden, mehr als einmal betont, dass er sich viel lieber mit neuem als mit altem Floyd-Material befassen würde. Und alles dafür täte, noch ein Album mit David Gilmour und Roger Waters aufzunehmen bzw. auf Welttournee zu gehen. „Die Wahrheit ist: Wir werden alle nicht jünger, und wenn wir das nicht bald anpacken, könnte es zu spät sein. Deshalb lasse ich nichts unversucht, um das irgendwie voranzutreiben. Und tatsächlich ist es so, dass sich Roger und David heute besser verstehen als je zuvor. Sie beide haben den Auftritt bei Live 8 sehr genossen. Insofern ist zwar nichts geplant und auch nichts bestätigt, aber ich gebe die Hoffnung keineswegs auf. Ich denke, dass dieses Projekt einiges bewirken könnte, sofern es ein Erfolg wird. Denn bei mir erhöht es definitiv das Verlangen, diese Songs noch einmal live zu spielen.“

Leslie West – Musik als Therapie

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Statt am 17. Juni einen geplanten Gig mit Mountain in Biloxi, Mississippi, zu spielen, musste Bandgründer Leslie West ins Krankenhaus eingeliefert werden. Dort amputierten die Ärzte dem 65-Jährigen wegen einer akuten Infektion in einer Not-OP den rechten Unterschenkel. Nun befindet sich der Rocker auf Reha – und hat gerade sein zehntes Soloalbum UNUSUAL SUSPECTS veröffentlicht, das mit einer imposanten Starbesetzung aufwartet.

Leslie West 2011_1Leslie, die Infektion und ihre drastischen Folgen haben dich sicherlich aus der Bahn geworfen. Daher die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es dir, macht deine Genesung Fortschritte?
Offen gestanden geht es mir psychisch wie körperlich mal so, mal so. Vor ein paar Tagen bin ich beim Aufstehen blöd gestürzt und voll auf die Fresse gefallen – was einfach daran lag, dass mein Körper noch nicht richtig verstanden hat, dass ich keinen Unterschenkel mehr habe. Und wenn ich mich nicht konzentriere, mache ich unwillkürlich Bewegungen, als wäre da unten noch ein Fuß. Aber ich will nicht jammern: Die Ärzte machen mir Hoffnung, dass ich relativ schnell lernen werde, mit einer Prothese ziemlich normal zu gehen. Momentan benutze ich einen elektrischen Rollstuhl, um den Alltag zu bewältigen.

Hast du schon eine Ahnung, wann du wieder auf die Bühne kannst?
Für Mitte Oktober sind die Nachhol-Termine der „Three Guitar Heroes Tour“ mit Michael Schenker und Uli Jon Roth angesetzt (geplant sind insgesamt 13 US-Gigs, Anm.d.Red.). Und die werde ich spielen, ob im Sitzen oder Stehen!

Wirst du auch Stücke deines neuen Soloalbums präsentieren?
Garantiert! Bei dieser Tour wird jeder von uns erst ein eigenes Set von etwa 40 Minuten Länge aufführen, bevor wir schließlich einige Stücke zusammen spielen. Und in meinem Teil werde ich neben ein paar Mountain-Klassikern auf jeden Fall Songs des neuen Albums performen. Manche der Lieder haben ihre Bühnenpremiere sowieso schon hinter sich, denn ich habe die ersten Stücke von UNUSUAL SUSPECTS schon vor sechs Jahren geschrieben.

Auf dem Album kannst du eine ganze Reihe illustrer Gitarristen-Kollegen begrüßen: Joe Bonamassa, Billy Gibbons, Zakk Wylde, Steve Lukather und Slash. Hat sich das eher zufällig ergeben oder war das von Anfang an Teil des Konzepts?
Diese Begegnungen mit anderen Gitarristen waren sozusagen die Ursprungsidee. Allerdings hatten sich die Leute bei meinem Label das Ganze zunächst etwas anders vorgestellt: Sie wollten zum Beispiel, dass ich mit Buddy Guy spiele. Hmm, eher ein „Usual Suspect“ als ein „Unusual Suspect“, so oft wie er mittlerweile auf irgendwelchen Alben gastiert. Nichts gegen Buddy Guy – aber ich kenne ihn nicht mal persönlich, und er zählt auch nicht gerade zu meinen größten Einflüssen. Ich wollte lieber mit Menschen arbeiten, mit denen ich wirklich befreundet bin und denen ich mich auch stilistisch nahe fühle. Und so ist es dann gottlob auch gekommen! Wenigstens ist mir dieser Mist mit meinem Bein erst passiert, als alles schon im Kasten war – sonst gäbe es das Album womöglich gar nicht.

Wie liefen diese Begegnungen eigentlich ab?
Das Schönste dabei: Wir haben nicht einfach irgendwelche Sounddateien hin- und hergemailt und sie dann mit ProTools zusammengebastelt, so wie das heute bei sogenannten „Kollaborationen“ oft der Fall ist. Wir standen uns von Angesicht zu Angesicht im Studio gegenüber. Eine tolle, und speziell im Fall von Zakk Wylde auch sehr lustige Erfahrung! Der Typ ist wirklich super drauf, unglaublich humorvoll und ganz und gar unkompliziert. Er kam ohne Entourage, ohne irgendwelche Groupies oder Manager im Schlepptau, sondern nur mit seinem Gitarrenkoffer unterm Arm ins Studio und legte los. Der Einzige, den ich anfangs nicht auf dem Zettel hatte, war Steve Lukather. Er schaute einfach mal so bei den Aufnahmen vorbei, als wir gerade an dieser Nummer arbeiteten. Ich wusste, dass er diesen akustischen Boogie-Part besser hinkriegen würde als ich, und er ließ sich nicht lange bitten – auch total unkompliziert. Und so fügten sich die Dinge nach und nach zusammen, und zwar viel besser, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Nun bist du ja schließlich selbst eine veritable Gitarrenlegende – und auch ein Song auf dem Album trägt den Titel ›Legend‹, wobei der als einziger Track eher vom Piano geprägt wird…
Ich habe kein so aufgeblasenes Ego, dass ich mit meiner Gitarre ständig vornestehen und das Instrument jeden Song dominieren muss. Und zu diesem Lied muss man wissen, dass mein Songwriting-Partner Joseph Pizza die Grundidee dieses Lieds schon vor 30 Jahren hatte – für die Aufnahmen musste ich seinen Text allerdings ändern. Ich hatte keine Lust, über mich selbst als Legende zu singen. Deswegen heißt es jetzt: „Don’t call me legend, I just came here to play“ – das entspricht eher meiner Philosophie.

Mit Joe Bonamassa spielst du den alten Blues-Klassiker ›Third Degree‹ – welche Zukunft hat diese Stilrichtung überhaupt noch?
Diese Nummer einzuspielen, war ein Wunsch von Joe, weil er die Version liebt, die wir seinerzeit auf dem Debüt von West, Bruce & Laing veröffentlicht haben. Mit dem Blues – und vor allem dem Bluesrock an sich – ist das so eine Sache: Meiner Meinung nach hat er eine Art „eingebaute Publikumsgarantie“. Denn egal, ob du gerade einen Hit hast oder nicht – wenn dir der Ruf vorauseilt, dass du guten Bluesrock spielst, werden die Leute immer in deine Konzerte kommen. In Europa sogar noch mehr als in den Staaten. Aber ob sich im Blues stilistisch noch viel Neues entwickeln wird, vermag ich nicht zu sagen, trotz so toller jüngerer Typen wie eben Joe oder auch Derek Trucks. Ich für meinen Teil werde mich jedenfalls immer als Bluesgitarrist verstehen.

Was hat dich dazu bewogen, den Beatles-Song ›I Feel Fine‹ mit auf das neue Album zu nehmen?
Ich spiel das Stück schon seit Jahren bei meinen Gigs als Gitarrensolo, weil ich diesen Riff so mag. Und während der UNUSUAL SUSPECTS-Sessions saß ich in einer Pause da und spielte ein bisschen mit diesem Thema rum. Mein Produzent Fabrizio Gross hörte das – und war sofort Feuer und Flamme. Doch es steckt auch noch eine ganz alte Geschichte hinter dem Song: Ich wuchs im selben New Yorker Apartmenthaus wie Waddy Wachtel auf, wir waren schon als Teenager befreundet. Waddy lernte auf der Gitarre immer alles viel schneller als ich und zeigte mir dann alles. Er brachte mir auch ›I Feel Fine‹ bei. (lacht wehmütig) Wenn man so will, war Waddy mein erster richtiger Gitarrenlehrer – obwohl er zwei Jahre jünger war.

Patti Smith

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Patti Smith (4)Werkschauen begegnet man gerne mit Skepsis: „Damit wollen nur die Plattenfirmen-Leute Geld machen”, wird gerne vorgeschoben. Ob die Fans der Proto-Punk-Ikone Patti Smith also so richtig auf OUTSIDE SOCIETY abfahren werden, ist frag­lich – zumal 2002 mit LAND bereits eine ähnliche Compilation veröffentlicht wur­de. Allerdings: Patti Smith höchstpersönlich hat die Tracks für den Sampler ausgesucht – von jedem ihrer zehn Studioalben ist mindestens ein Song auf OUTSIDE SOCIETY vertreten. Neu gemastert worden sind die Stücke obendrein. Und: Die 64-Jährige hat zu jedem Lied einen kleinen Text geschrieben. So berichtet Smith darüber, wie der „Boss” ihr ›Because The Night‹ überlassen hat: „Bruce Springsteen hat mir ein großes Geschenk damit gemacht, indem er mir erlaubte, seiner wunderschönen Hymne Verse zu leihen. Meinen Beitrag habe ich damals für meinen zukünftigen Ehemann Fred ,Sonic’ Smith geschrieben. Obwohl wir ›Because The Night‹ mehrere Hundert Mal live gespielt haben, ist es dank der starken Reaktionen beim Publikum immer eine frische und aufregende Erfahrung, diesen Song zu singen.”

Blitzen Trapper

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Blitzen Trapper 1 (2011)Einfach immer weiter, immer weiter machen Fußballer, wenn es mal nicht so läuft im Spiel, auf dem Trainingsplatz oder in der Karriere. Einfach mal was anderes gemacht hat Eric Earley. Das Hirn hinter Blitzen Trapper hat vor acht Jahren das College abgebrochen, war zwischenzeitlich obdachlos und entschied sich am Ende für die Musik: In einem alten Telegrafengebäude nahm der Songwriter aus Portland, Oregon, das Debüt seiner Band auf. Danach hat er einfach immer weitergemacht – und so sind die Indie-Country-Classic-Rocker mittlerweile bei Studio­album Nummer sechs angekommen.

Auf AMERICAN GOLDWING besinnt sich Earley noch stärker auf seine musikalischen Wurzeln als sonst: Zwar wird auch der Röhrenverstärker aufgedreht, aber im Vordergrund steht Folk à la John Denver und Bob Dylan, während hier und da auch mal der Bluegrass eines Doc Watson durchschimmert. Benannt hat Earley AMERICAN GOLDWING nach der „Honda Goldwing“: einem Motorrad, das sein Schwager einst besaß. Als Kind kletterte Eric einmal darauf, machte Geräusche, als rausche er auf einer einsamen Landstraße daher, und brachte die Maschine dabei zum Umfallen. „AMERICAN GOLDWING zu schreiben hat sich in etwa so angefühlt wie damals, als ich unter diesem riesigen Motorrad eingeklemmt war“, erklärt Earley. „Ich wollte diese unausweichliche Vergangenheit vieler Amerikaner rüberbringen: diese Gefühle, wie es ist, in einer kleinen Stadt gefangen zu sein. Viele Menschen machen einfach das, wovon ich in ›Taking It Easy Too Long‹ singe: sie bleiben zu lange in ihrem einsamen Dorf. Damit will ich den Mythos der amerikanischen Kleinstadt zerstören.“

Lou Reed – Q&A

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Wenn es um ungewöhnliche Projekte geht, wird Lou Reed sofort hellhörig. Schon in der Vergangenheit hat sich seine „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“-Einstellung bewährt, und daher überlegte der ehemalige Velvet Underground-Kopf nicht lange, als sich die Gelegenheit ergab, ein gemeinsames Projekt mit Metallica zu starten. Das Resultat nennt sich LULU und kommt in wenigen Tagen auf den Markt.

loureed-portrait-hrIm Jahr 1966 hat Lou Reed The Velvet Underground aus der Taufe gehoben – und ist seither unverdrossen ganz vorne mit dabei, wenn’s darum geht, Unkonventionelles im Rock’n’Roll zu fördern. Doch er ist nicht nur ein Außenseiter geblieben, der sich – von der Avantgarde gelobt, von der Masse verschmäht – im Underground suhlt, sondern hat es geschafft, auch die Mainstream-Hörer zu begeistern. So sind Reed eine Reihe von Hits gelungen, so zum Beispiel ›Walk On The Wild Side‹ oder ›Perfect Day‹. Letzterer, nicht zuletzt dank des Kultfilms „Trainspotting“ weltweit bekannt geworden, zeigt auch, dass Reed nicht nur in musikalischer, sondern auch lyrischer Hinsicht außergewöhnlich ist. Der 69-Jährige hat sich noch nie um Tabus geschert – und so thematisiert er in seinen Liedern nicht nur Drogenkonsum, sondern auch Suizid, Sadomasochismus oder Transvestismus. Nichts ist zu krass für ihn.

Passend dazu ist auch der Sound, den Reed auf einigen seiner Werke bis zum letzten Extrem ausgereizt hat: so z.B. auf Velvet Undergrounds WHITE LIGHT/WHITE HEAT-Album aus dem Jahr 1968, das in seiner Rohheit etliche spätere Punk-Acts beeinflusst hat, oder auch auf dem wütenden 1975er-Noise-Monster METAL MACHINE MUSIC. Kakophonie? Für Lou Reed kein Schimpfwort, sondern eine kreative Herausforderung.

Im CLASSIC ROCK-Gespräch erinnert er sich aber nicht nur überaus ausführlich an vergangene Zeiten, sondern blickt auch in die Zukunft – schließlich erscheint in wenigen Tagen sein neues Projekt LULU, eine gemeinsame Platte mit den Heavy-Ikonen Metallica.

Lou, weißt du noch, was du bei deiner ersten Begegnung mit Andy Warhol für einen Eindruck von ihm hattest?
Ich liebte ihn von der ersten Sekunde an. Und das, obwohl ich keinen blasser Schimmer hatte, wer der Typ war – allein das ist schon ziemlich erstaunlich, find ich. Wenn mich Leute heute fragen, ob ich so etwas wie einen Seelenverwandten habe, dann nenne ich immer ihn, denn Andy kommt dem definitiv am nächsten. Für jemanden, der das Passive propagierte, war er ein erstaunlich aktiver Mensch, nahm immer und überall das Heft in die Hand. Ganz so, als ob er besessen davon wäre, seine Visionen Realität werden zu lassen. Ich war das perfekte Gegenstück zu ihm, wie ein Schlüssel, der geschmeidig ins Schloss gleitet. Bingo. Wir hatten dieselben Interessen und dieselben Träume, kamen jedoch aus unterschiedlichen Welten. Doch Andy hat mich beziehungsweise die gesamte Band einfach gepackt und in sein Universum integriert. Es war einfach un­­glaublich.

Velvet Underground schienen damals die Antithese zur gerade angesagten Flower Power-Bewegung zu sein. Wie siehst du das mit etwas Abstand?
Immer noch ganz genauso. Es stimmt, wir waren eine Antithese, und das liegt nicht nur an der Musik. Denn wir waren, um das mal ganz uncharmant zu formulieren, pfiffiger als die meisten anderen Bands. Rückblickend ist es einfach, eine Entwicklung nachzuvollziehen. Aber wenn man mittendrin steckt, muss man schon ein bisschen was in der Birne haben, um den richtigen Weg einzuschlagen.

Aber im Booklet zu deiner 2003er-Compilation NYC MAN schreibst du in Bezug auf Velvet Undergrounds ›Heroin‹: „Selbst jemand mit dem IQ einer Schildkröte könnte einen Lou Reed-Song spielen.“
Ach, ich habe nur einen Scherz gemacht. Und klar, vielleicht könnte eine Schildkröte ›Heroin‹ covern, aber das wäre dann schon eine sehr, sehr dumme Version des Songs. Denn es kommt doch nicht allein auf die Töne an, sondern auf die Performance – das ist die wahre Kunst.

Aus welchen Gründen kam es eigentlich nach der Veröffentlichung von WHITE LIGHT/WHITE HEAT zum Bruch mit John Cale?
Das würde ich niemals verraten. Es ist und bleibt ein Geheimnis.

Es war einen Versuch wert…
Stimmt. Jeder kann und darf mich danach fragen, ich antworte eben nur nicht. Aber John vielleicht…

Nun, reichlich unwahrscheinlich, oder?
Ja, das ist wohl richtig, aber ganz sicher bin ich nicht.

louReedTransformerCover1972cMickRockDeinen Durchbruch als Solist hattest du 1972 mit dem Album TRANSFORMER, das von David Bowie produziert worden ist. Wie war die Arbeit mit ihm – und bist du im Nachhinein noch zufrieden mit dem Ergebnis, das er und Mick Ronson abgeliefert haben?
Ich kann mich gar nicht mehr an meine erste Begegnung mit David erinnern, ehrlich gesagt. Das ist alles so lange her – und wir sind ja seither befreundet, haben also viele Dinge gemeinsam erlebt. Ich weiß nur, dass wir uns in New York kennen gelernt haben – aber ich wusste damals schon, dass es wirklich Spaß machen würde, mit diesem Kerl zusammenzuarbeiten. Er ist wirklich ein ungemein talentierter Künstler. Und clever obendrein. Mick Ronson verfügt ebenfalls über enormes Talent. Seine Arrangements auf TRANSFORMER sind einfach der Hammer, selbst heute noch. Ich hatte nur ein Problem mit ihm: Er redete so merkwürdig, dass ich nie verstand, was er von mir wollte. Ich musste ihn mehrmals bitten, die Sätze zu wiederholen, denn was bei mir ankam, war nur Kauderwelsch der Marke „Ouzibuzziwoozy“. Keine Chance, irgendetwas davon zu kapieren. Doch wenn ich mir das grandiose Arrangement von ›Perfect Day‹ vor Augen halte, ist all das vergessen. Er ist ein Genie.

Hast du dich eigentlich darüber totgelacht, dass ›Walk On The Wild Side‹ an den Zensurbehörden vorbeigerutscht und direkt in die oberen Charts-Ränge geklettert ist?
Nein, denn die ganze Zensurnummer nervt mich. Die Situation ist einfach untragbar. Denn mal ehrlich: Bücher wie „Naked Lunch“ oder die Werke von Allen Ginsberg sind problemlos erhältlich. Und von Filmen wollen wir gar nicht erst reden. Warum zum Teufel sollte sich also jemand um den Text von ›Walk On The Wild Side‹ scheren?

Ist der Song für dich eine Art Klotz am Bein?
Nein. Denn wenn es ihn nicht gäbe, würde ich heute vielleicht irgendwo Gräben ausheben oder sonstwas machen. Also bin ich froh und glücklich darüber, dass ›Walk On The Wild Side‹ ein Hit geworden ist.

Der TRANSFORMER-Nachfolger, das 1973er-Album BERLIN, ist ein unglaublich aufrüttelndes Werk, das vor Ideenreichtum nur so strotzt. Zugleich jedoch besitzt es eine extrem düstere Seite. Woher rührt diese Finsternis?
Ich habe keine Ahnung. Es hat sich einfach in der Zusammenarbeit mit Produzent Bob Ezrin so ergeben. Wir hatten die Idee, dass bei den Leuten eine Art „Film“ im Kopf ablaufen sollte. Wir stellten uns vor, dass sie beim Hören an einen Ingmar Bergman- oder Akira Kurosawa-Film denken sollten. Die alte Geschichte eben: Junge trifft Mädchen, Junge erobert Mädchen, Junge verliert Mädchen, Ende. Gut, dass sich das Mädchen die Pulsadern aufschneidet, ist normalerweise nicht Teil der Story, zugegeben… Aber genau das macht die Sache ja so spannend.

In wenigen Tagen erscheint dein neues Album LULU – du hast dich ausgerechnet mit den Riff-Ikonen Metallica zusammengetan. Eine interessante und durchaus un­­er­­wartete Kollaboration. Wie kam dieses Projekt eigentlich zu Stande?
Ich bin immer noch hin und weg von der Arbeit mit den Vier. Die Stücke sind einfach perfekt, wirklich. Angefangen hat alles mit einer Idee, die ich schon länger verfolgt habe. Seit einiger Zeit war ich damit beschäftigt, mit dem Berliner En­­semble sowie dem Choreographen und Regisseur Robert Wilson zwei über 100 Jahre alte Texte von Frank Wedekind (deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler, 1864-1918, Anm.d.Red.) neu zu interpretieren, nämlich „Erdgeist“ und die Fortsetzung „Die Büchse der Pandora“, aus dem später das Bühnenstück „Lulu“ entstanden ist. Im Zentrum der Geschichte steht Lulu, eine Femme fatale, wie sie im Buche steht. Sie war sehr freizügig, was die damalige Bourgeoisie als schockierend empfand – die Leute stempelten sie daher als unmoralisch ab. Eine Story, die ganz nach meinem Geschmack ist. Als ich die Vorlage in die Hände bekam, machte ich mich mit meiner Partnerin Laurie Anderson sofort daran, das Konzept an die heutige Zeit anzupassen.

Und wann und wo kamen dabei Metallica ins Spiel?
Wir sind ja 2009 gemeinsam aufgetreten, um zwar im Rahmen der Festivitäten zum 25. Jubiläum der „Rock’n’Roll Hall of Fame“ im Madison Square Garden. Seither kennen wir uns und sind in Kontakt geblieben. Es kam immer mal wieder die Idee auf, zusammen ein Album aufzunehmen. Als ich mich dann daransetzte, Musik für das Stück zu komponieren, ergab sich endlich die Gelegenheit, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Songs von LULU sind schlichtweg Ehrfurcht gebietend. Ich würde nicht einmal eine einzige Note auf der Platte ändern. Das Album ist nicht nur eine musikalische Untermalung – also das, als was sie ursprünglich gedacht war –, sondern viel, viel mehr. Das hätte ich mir wahrlich nicht träumen lassen. Metallica haben es geschafft, mich so zu inspirieren, dass ich über meine Grenzen hinausgehen konnte. Sie sind ein echtes Power-Team – eine unglaubliche Einheit.

Noel Gallagher – Solo Wider Willen

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Zwei Jahre nach der Trennung von Oasis meldet sich auch Noel Gallagher mit einem neuen Album zurück – und macht darauf alles anders (und vieles besser) als Bruder Liam mit Beady Eye und deren Debütalbum DIFFERENT GEAR, STILL SPEEDING. Was zwar nicht wirklich schwierig ist, aber einmal mehr mit einer herrlich grotesken Interview-Situation einhergeht…

Noel Gallagher - Photo 1 - Lawrence Watson - HRDas Theater beginnt damit, dass Noel – wie Liam – seine Pressetermine in der „Mirror Bar“ des mondänen Londoner Landmark Hotels abhält. Ein elitäres Etablissement mit schweren Ledersesseln, Kristallkronleuchtern und befracktem Personal, das den 44-Jährigen wie einen Rockgott hofiert, mit literweise Cappuccino versorgt und die viel zitierten Working Class-Wurzeln des Mannes aus Manchester komplett ad absurdum führt. Dabei tut er ansonsten alles, um möglichst bodenständig, bescheiden und normal zu wirken.

So trägt er ein unauffälliges Outfit aus Jeans, Hemd und Lederjacke, hat nach wie vor die buschigsten Augenbrauen seit Theo Waigel und glänzt mit einer geradezu verblüffenden Offenheit, was seine aktuelle Solo-Karriere betrifft: „Mir wäre es weitaus lieber, wenn wir hier über das neue Oasis-Album reden würden. Ich war gerne Teil der Band und habe es definitiv genossen, in großen Hallen und Stadien aufzutreten. Das hätte meinetwegen auch ruhig so weitergehen können. Es wäre besser gewesen, als jetzt noch einmal komplett von vorne anzufangen – das ist in meinem Alter gar nicht so einfach. Ich bin ja schließlich keine 24 mehr, sondern ich bin ein Traditionalist, ziemlich festgefahren in meinem Denken und zudem ein fauler, alter Sack.“

Was er ganz trocken auf den Punkt bringt. Genau wie sein zwischenzeitliches Gedankenspiel, vielleicht doch in den Rock-Vorruhestand zu treten. Was er sich angesichts eines geschätzten Privatvermögens von 30 Millionen britischen Pfund sowie Immobilien auf Ibiza und im Londoner Stadtteil Maida Vale durchaus leisten könnte. „Natürlich habe ich darüber nachgedacht“, setzt er an. „Das Problem ist nur: Ich bin nicht in der Lage, einfach nichts tun. Das schaffe ich nicht. Stattdessen schreibe ich ständig Songs. In den vergangenen elf Jahren, also seit ich nicht mehr der alleinige Songwriter von Oasis bin, haben sich da eben 60 Stücke angehäuft. Und ich habe nicht vor, sie in der Ecke liegen zu lassen, weil einige davon verfickt gut sind. Klar, ich hätte sie auch Robbie Williams verkaufen können, was mir bestimmt eine Menge Kohle beschert hätte. Aber es macht mir auch Spaß, selbst zu singen und vor Publikum aufzutreten. Für die Renten-Kiste bin ich noch nicht bereit.“

Was auch die zehn Stücke seines Debüts unterstreichen. Da präsentiert sich der dreifache Familienvater als gereifter Songwriter, der weitaus mutiger und arrivierter als Liam & Co. ist, und sei es nur, weil er über den Tellerrand der Beatles, Stones und Who hinausblickt – und vielleicht sogar das beste Oasis-Album seit den Mittneunzigern vorlegt. Eben ein Werk, das auf große Melodien, großen Sound und durchdachte Arrangements setzt, mit Streichern, Chören und Bläsern aufwartet, stilistisch zwischen Siebziger-Pop, New Orleans-Jazz und Bombast-Rock pendelt, nicht einmal vor Klangspielereien auf der singenden Säge oder dem elektrischen Wasserkocher zurückschreckt bzw. seinen Namen den LSD-Hippies von Jefferson Airplane verdankt. „Ich war zu Hause und hatte eine alte Platte von Peter Green’s Fleetwood Mac gehört. Als ich mir das Cover anschaute, dachte ich: ‚Wow, wie cool wäre es, das Ganze Noel Gallaghers was-auch-immer zu nennen?‘

Also habe ich meine Sammlung durchwühlt und bin auf HIGH FLYING BIRD von Jefferson Airplane gestoßen – was mir so gut gefiel, dass ich daraus Noel Gallagher’s High Flying Birds gemacht habe. Einfach, weil es gut aussieht, gut klingt und alle Leute meinen, das wäre eine verdammt coole Idee – vielleicht sogar die beste, die ich je hatte. Denn ich erfinde mich hier neu, ohne mich wirklich neu zu erfinden. Sprich: Ich schmiere mir kein Make-up ins Gesicht und trage keine künstlichen Pupillen – ich bin immer noch ich selbst. Nur mit einer anderen Begleitband. Eine, die viel besser ist als früher.“

Womit er sich zum ersten Seitenhieb auf seinen Bruder hinreißen lässt. Dem im Verlauf des 30-minütigen Interviews noch etliche folgen. Er bezeichnet Liam als eine Hohlbirne, die in Sachen Gesang absolut unflexibel sei, ihr Ego kein bisschen unter Kontrolle habe und die Klappe permanent zu weit aufreiße, selbst wenn er nach dem kommerziellen Fiasko von DIFFERENT GEAR, STILL SPEEDING viel kleinere Brötchen backen sollte. „Die Singles von Beady Eye haben gerade mal Platz 30 und 71 der UK-Charts erreicht – schlechter geht’s kaum. Und das zeigt, dass die Leute die Nase voll haben, und zwar sowohl von diesem Sound als auch von diesem idiotischen Gewäsch der Marke ‚Ich bin der Größte und Tollste‘. Sie wollen starke Songs – und nicht nur starke Sprüche.“

Die Liam übrigens gerade wieder verstärkt in Richtung Noel abfeuert. Mit dem Tenor, dass es sich bei dessen Solo-Debüt um eine reine Resteverwertung alter Oasis-Songs handle. Was letztlich gerade mal auf einen Song, nämlich ›Stop The Clocks‹, zutrifft, ansonsten aber allein dadurch entkräftet wird, dass es sich auch bei Beady Eyes ›The Roller‹ um einen Outtake aus den frühen 2000ern handelt. „Ich habe auf mehreren Demoversionen des Stücks Klavier gespielt und Backing-Vocals gesungen. Aber es war eben nie gut genug für Oasis – und im Nachhinein muss man sagen: Es war wohl auch nicht gut genug für Beady Eye. Doch dieser Idiot meint immer noch, es wäre noch 1995. Nein, Mann, die Zeiten sind vorbei, und das muss auch er sich endlich eingestehen.“

So wie Noel, dessen Ziele mit den High Flying Birds deutlich niedriger gesteckt sind als Weltherrschaft und Massenhysterie: „Ich denke nicht, dass ich an Oasis anknüpfen kann, und das will ich auch gar nicht. Ich habe den Moment damals genossen, aber ich muss all den Irrsinn, der damit einhergeht, nicht noch einmal haben. Es reicht schon, wenn ich damit ein bisschen erfolgreicher bin als Cliff Richard“, spricht’s und schlürft seinen dritten Cappuccino.

Und wenn das nicht klappt und sein Alleingang auf taube Ohren und weitreichende Ablehnung stößt? „Wenn es ein kolossaler Flop wird, trete ich einer anderen Band bei. Also irgendeiner großen, z.B. Primal Scream, Kasabian, Coldplay oder U2. Die brauchen ja dringend einen vernünftigen Gitarristen.“ Wie steht’s mit einer Oasis-Reunion? „Es ist Liam, der nicht mehr will. Ich würde sofort weitermachen – sofern er sich vernünftig entschuldigt. Wenn du mich fragst: Er braucht dringend mal eine Abreibung.“