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Eric Sardinas

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ERIC SARDINAS ist auf dem besten Weg, eine Blues-Legende zu werden. Gerade eben hat er sein neues Album STICKS AND STONES veröffentlicht, das er nun live vorstellt.

Eric Sardinas 1 @ ZlozowerFür Eric Sardinas hat das Warten nun ein Ende. Am 2. September ist sein fünftes Studio-Album veröffentlicht worden, und jetzt darf er endlich wieder seiner eigentlichen Passion nachgehen: dem Touren. 15 Jahre lang hat der Bluesrock-Sänger und -Gitarrist (mit kurzen Studio-Unterbrechungen) nichts anderes gemacht, und so scharrt er auch jetzt wieder mit den Hufen. „Ich liebe das Touren. Es hat mir so viel gegeben“, schwärmt er. Diese Liebe rührt daher, dass der Grund für Sardinas’ stetig wachsenden Erfolg in eben dieser Arbeit auf der Straße liegt. „Mir wurde nichts geschenkt. Alles, was ich erreicht habe, musste ich mir hart erarbeiten. So etwas schafft man nur, wenn man die Nähe zu den Fans bewusst sucht und von Show zu Show über sich hinauswächst“, stellt er rückblickend fest.

Bei diesem Unterfangen hat der Dobro-Zupfer auch prominente Unterstützung erfahren. Blues-Größen wie Steve Vai und Johnny Winter nahmen Sardinas vor einigen Jahren als Support mit auf Tour und haben ihm damit jeweils einen weiteren Karriereschub beschert. Wenn der Weltenbummler Sardinas ins Studio geht, verfolgt er daher ein klares Ziel: Gemeinsam mit seiner Band Big Motor, bestehend aus Levell Price am Bass und Chris Frazier an den Drums, sollte ein Album entstehen, das dem rauen Live-Charakter seiner Shows gerecht wird. „Natürlich versuche ich auch, mich musikalisch weiterzuentwickeln und die Lieder in Sachen Sound ins bestmögliche Licht zu rücken. Am wichtigsten ist aber, die Energie der Songs einzufangen, und zwar ohne große Technikspielereien.“ So sind bei der Produktion auch möglichst wenig digitale Hilfsmittel eingesetzt worden. „Bei den Aufnahmen gab es keine Mogeleien. Das macht das Album so ehrlich“, erklärt der musikalische Purist.

Das neue Songmaterial wird ab Ende Oktober auch bei uns zu begutachten sein. Auf dem Tour-Plan stehen überwiegend Auftritte in Clubs, was ganz nach Sardinas’ Geschmack ist, wie er betont. „Im Grunde spielt es zwar keine große Rolle, ob ich nun vor 100 oder 10.000 Leuten spiele. Aber in solch einer intimen Atmosphäre fällt es mir wesentlich leichter, die Leute emotional zusammen­­zuführen.“

Beth Hart & Joe Bonamassa

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Der unverwüstliche Joe Bonamassa macht diesmal gemeinsame Sache mit einer Rocklady, nämlich Beth Hart. Auf ihrem Album DON’T EXPLAIN widmen sich die beiden mit großer Hingabe der Neu-Interpretation von Soul-Klassikern.

Beth Hart & Joe Bonamassa 2011b @ Mike_PriorIst es nun der Fluch eines überragenden Talents – oder einfach der eines Lebens, das bereits in jungen Jahren so viele Verführungen mit sich bringt? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Es gab jedenfalls Zeiten, da musste man Angst um Beth Hart haben. Nicht wenige hatten schon begonnen, die Tage zu zählen, bis ihr ein ähnliches Schicksal widerfährt wie Janis Joplin im Oktober 1970 oder erst vor wenigen Wochen Amy Winehouse. Denn es gibt nur Weniges, was die Amerikanerin in ihrer relativ kurzen Karriere noch nicht ausprobiert hat. Drogen, Alkohol, Tabletten und Knast kennt sie jedenfalls. Kurz: Sie liebt den Ritt auf der Überholspur. Dass Beth Hart nicht vollends aus der Spur geriet, hat sie unter anderem ihrem Ehemann und Tourmanager Scott Guetzkow zu verdanken, der sich um sie kümmerte, als sie zu versinken drohte. „Ich weiß nicht, was ich ohne Scotty gemacht hätte“, gesteht sie heute und wird jedes Mal wieder aufs Neue an Guetzkows Fürsorge erinnert, wenn sie den Soul-Klassiker ›Ill Take Care Of You‹ singt.

Die Brook Benton-Nummer ist Teil von DON’T EXPLAIN, einem Album, das Beth Hart mit dem amerikanischen Wundergitarristen Joe Bonamassa aufgenommen hat und das ausschließlich Coversongs beinhaltet. „Ich wollte eine solche Scheibe schon immer machen, aber die Zeit dafür war noch nicht reif“, erklärt die 39-Jährige, „denn Soul war lange Zeit bei Plattenfirmen komplett unerwünscht. Erst seit ein paar Jahren gibt es ein Revival dieser wunderbaren Musikrichtung.“ DON’T EXPLAIN beinhaltet ausnahmslos Stücke, mit denen einst SoulIkonen wie Ray Charles (›Sinner‘s Prayer‹), Etta James (›I’d Rather Go Blind‹), Bill Withers (›For My Friend‹) oder Delaney & Bonnie (›Well Well‹) ihr Publikum verzücken konnten. Dank des geänderten Zeitgeistes im Musikbusiness und Bonamassas Initiative hat Beth Hart die Lieder zu neuem Leben erweckt. „Joe ist ein großartiger Gitarrist und echter Musikkenner. Mir kam zu Ohren, dass er eine eigene Radiosendung hat und dort mitunter auch Stücke meines Albums 37 DAYS spielt. Eines Tages besuchte er in London eine meiner Shows, ich wusste zu dem Zeitpunkt allerdings nicht, dass er im Publikum war. Doch ein paar Wochen später bekam ich einen Anruf seines Produzenten. Er stellte mir das Konzept des Albums vor und fragte mich, ob ich an einer Zusammenarbeit interessiert sei.“

Bonamassa ließ eine sorgsam ausgewählte Liste mit Soul-Klassikern an die Sängerin schicken – mit der Aufforderung, sich fünf davon auszusuchen; er selbst schlug seinerseits fünf Nummern vor. Mit tatkräftiger Hilfe von Tonmeister Kevin Shirley, der eng mit dem Gitarrenwunder verbandelt ist und neben Bonamassas Soloscheiben auch dessen Allstartruppe Black Country Communion produziert, wurde DON’T EXPLAIN in Los Angeles eingespielt. Für Beth Hart ein in jeder Hinsicht sinnliches Vergnügen: „Die Tom Waits-Nummer ›Chocolate Jesus‹ verkörpert für mich pure Erotik“, sagt sie, „aber man kann einen derartigen Song nur wirklich überzeugend singen, wenn man – so wie ich – selbst bereits tollen Sex gehabt hat.“ Ob sie damit ausschließlich ihren Ehegatten Scott Guetz­kow lobt?

Alice Cooper – Wiederkehrender Alptraum

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Die Guillotine ist frisch geschärft, die Schlangen gefüttert – alle warten nur noch auf die Ankunft des Meisters: Und da kommt er: Alice Cooper. Und der Schockrock-Gott sagt: WELCOME 2 MY NIGHTMARE, meine Freunde…

Alice Cooper - Welcome 2 My Nightmare - Press Shot 1Wer mit Alice Cooper in den Kampf um den Rockstar-Thron eintreten will, hat einiges vor sich. Denn im Grunde kann man als Musiker kaum einflussreicher werden als Vincent Damon Furnier. Die Leistungen, die Cooper im Verlauf seiner 45-jährigen Karriere im Zeichen der Riffs erbracht hat, sind derart außergewöhnlich, dass ihm wohl in absehbarer Zeit niemand das Zepter streitig machen wird. Die Liste der Errungenschaften von Furnier ist länger als die Boa Constrictor, die sich die Rock-Ikone so gerne um den Hals drapiert. Nicht nur eine oder zwei, sondern eine ganze Latte seiner Platten hat die Musikhistorie nachhaltig geprägt. Die Art und Weise, in der Alice Cooper Musik mit Schauspiel vermengt, zeigt nicht nur seine Vorliebe für das Schauerliche, sondern auch seinen unnachahmlichen Sinn für Humor, der vor allem von einem feinen Gespür für Ironie dominiert wird. Damit konnte der 63-Jährige nicht nur das Herz der Rock-Gemeinde erobern und über 50 Millionen Platten verkaufen, sondern auch Fans in Promi-Kreisen gewinnen. Vor allem extravagante Persönlichkeiten identifizier(t)en sich mit Cooper: Salvador Dalí liebte die theatralische Bühnenshow, ebenso Groucho Marx. Marilyn Manson und Lady Gaga tun es noch heute.

In wenigen Tagen erscheint nun das neue Album von Alice Cooper. Es trägt den Titel WELCOME 2 MY NIGHTMARE und ist, wie der Name bereits verrät, die Fortsetzung des 1975er-Klassiker WELCOME TO MY NIGHTMARE. Auf der aktuellen Platte nimmt Cooper nicht nur thematisch, sondern auch personell den Siebziger-Faden wieder auf. Bob Ezrin hat die Scheibe produziert, zudem sind drei Mitglieder der damaligen Alice Cooper Band mit an Bord. Und natürlich Heerscharen an Gästen, die mit ihren Beiträgen für noch mehr Farbenpracht auf dem Album sorgen. Was auch der Horrorchef persönlich im Gespräch mit CLASSIC ROCK bestätigt…

Alice, wie sind die Kollaborationen zu Stande gekommen, von denen das neue Album lebt?
Eigentlich wollte ich an einer Fortsetzung von ALONG CAME A SPIDER arbeiten (Coopers 2008er-Album, Anm.d.Red.). Denn am Ende des Albums weiß niemand sicher, wer nun der Serienmörder ist. Daher plante ich, die Story weiterzuspinnen und erzählte Bob Ezrin Anfang vergangenen Jahres davon. Er sagte daraufhin: „Alice, die Idee ist gut. Aber bist du dir auch der Tatsache bewusst, dass WELCOME TO MY NIGHTMARE 35 Jahre alt wird. Willst du das Jubiläum nicht feiern?“ Ich antwortete nur: „Ehrlich? 35 Jahre? Ich frage mich, wie die Albträume von Alice wohl heute aussehen würden…“ So kam eines zum anderen. Wir redeten darüber, und ehe wir uns versahen, stand das Grundgerüst für vier Songs! Es lief so gut, dass ich schließlich sagte: „Bob, lass uns die Sache durchziehen, nur so zum Spaß, vielleicht kommt etwas Cooles dabei heraus!“ Er war einverstanden und meinte: „Komm nach Nashville. Ich kenne diesen Typen namens Tommy Henriksen, der schon mal als Techniker für dich gearbeitet hat. Er produziert auch und schreibt Songs. Vielleicht passt ihr beiden ja gut zusammen. Wir sollten mal ein paar Lieder aufnehmen.“ Bob und ich hatten zu dem Zeitpunkt ewig nichts mehr zusammen gemacht, doch die Idee gefiel mir. Und es lief wirklich wie am Schnürchen, wir ergänzten und motivierten uns gegenseitig. Nach und nach steigerte ich mich richtig rein in die Arbeit, freute mich schon direkt nach dem Aufwachen darauf, mich wieder in Alices Visionen hineinversetzen zu können. Meine zentrale Frage lautete: Was macht ihm heutzutage immer noch Angst, nach 30 Jahren ohne Kontakt zur Außenwelt? Discomusik, ganz klar – nur eben mit einem anderen Sound: HipHop. Moderne Technologien, auch logisch. Denn Alice war stets ein „organischer“ Charakter, der nichts Kaltes, Mechanisches an sich hatte. Doch trotz der Unterschiede durfte sich die Persönlichkeit nicht verändern, Alice sollte Alice bleiben. Um das zu verdeutlichen, schlugen wir einige Bögen zum ersten Album, nicht nur inhaltlich, sondern auch in musikalischer Hinsicht, zum Beispiel mit Adaptionen aus ›Steven‹ oder ›The Awakening‹.

Auf WELCOME 2 MY NIGHTMARE sind auch drei Mitglieder der Original-Band zu hören, Gitarrist Michael Bruce, Bassist Dennis Dunaway und Drummer Neal Smith…
Das ist richtig. Glen Buxton lebt ja leider nicht mehr (Der Gitarrist verstarb 1997 an den Folgen einer Lungenentzündung, wenige Tage vor seinem 50. Geburtstag – Anm.d.Red.), ich hätte ihn so gern gefragt, ob er mitmachen möchte, denn er besaß einen wirklich einzigartigen Stil. Doch zumindest konnte ich mit Neal, Dennis und Mike zusammenarbeiten. Ich bat sie, je einen Song zu komponieren, den wir dann gemeinsam in das Gesamtkonzept einbetteten. Auf dem 1975er-Album haben sie nämlich nicht mitgewirkt, daher war es großartig, dass sie diesmal die Gelegenheit hatten, sich einzubringen.

Dein Gitarrist Steve Hunter spielt ebenfalls eine wichtige Rolle auf der Platte, nicht wahr?
Allerdings. Und in ›I Am Made Of You‹ gibt es ein Solo von ihm, das vielleicht das beste Solo ist, das ich je gehört habe. Er ist ein Meister darin, eine Stimmung zu erfassen und umzusetzen. Ich sagte zu ihm: „Steve, es wäre toll, wenn du diese Melodie spielen könntest. Aber sie soll sich leidend anhören.“ Er setzte sich hin und legte los – und es klang exakt genauso, wie ich es mir gewünscht hatte. Steve weiß einfach, wie man das Essenzielle in einem Lied herausarbeitet und betont. Das ist seine große Stärke. Er unterscheidet sich in dieser Hinsicht keinen Deut von einem George Harrison oder Jeff Beck. Und er weiß auch, wann es an der Zeit ist, auch mal eine Note auszulassen und den Song als Ganzen wirken zu lassen. Das macht einen großen Gitarristen aus.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis WELCOME 2 MY NIGHTMARE fertig war – weshalb eigentlich?
Die Platte ist in Nashville entstanden, wo Bob lebt. Ich hingegen wohne in Phoenix – und musste daher mehrfach hin- und herfliegen, um die Lieder einzuspielen. Ich bin insgesamt sechs Mal von Arizona nach Tennessee gereist und jedes Mal rund eine Woche geblieben. Einige Song-Elemente, die nun auf dem finalen Produkt zu hören sind, stammen noch aus der Demo-Phase, wir mussten sie überhaupt nicht verändern. So ist das heute – denn die eigentlich nur als Provisorium gedachten ersten Takes sind qualitativ so gut, dass sie es aufs Album schaffen können. In Sachen Energie haben diese ersten Recordings oft ohnehin die Nase vorn, denn man ist noch mit voller Leidenschaft bei der Sache. Diese Emotionalität zu erhalten, ist sehr wichtig für einen Song. Lieber kraftvoll und rau als glatt und nichtssagend, das ist mein Motto.

Wie würdest du die Rolle von Bob Ezrin beschreiben?
Er kennt Alice Cooper besser als irgendjemand sonst. Als wir ihn kennenlernten, waren wir zwar eine Band, hatten aber keine eigene Identität, was unseren Sound anbelangte. Bob ist es zu verdanken, dass sich das geändert hat. Als wir begannen, miteinander zu arbeiten, setzten wir uns zusammen und besprachen, wie wir vorgehen wollten. Bob Ezrin sagte zu mir: „Okay, es gibt sechs verschiedene Arten von Gesang bei Alice Cooper. Ich möchte, dass wir jederzeit von der einen zur anderen Stimme wechseln können. Wenn ich sage: ‚Ich will jetzt den punkigen Alice hören, danach den furchteinflößenden und später den sanftmütigen, solltest du in der Lage sein, das sofort umzusetzen.‘“ Also legten wir die Charakteristika der einzelnen Persönlichkeiten fest und koppelten sie dann an verschiedene Gesangstechniken. Dasselbe passierte dann auch in Bezug auf die Gitarren und die Drums.

Regiert Ezrin mit harter Hand?
Oh ja! Er lässt einem nichts durchgehen. Es kommen nur Parts aufs Album, die im Gesamtkontext Sinn ergeben. Ein Beispiel: Mir kommen im Studio häufig neue Ideen, ich improvisiere dann, spiele mit ihnen herum und fragte Bob dann: „Hey, das klingt doch toll, oder? Wollen wir das nicht nehmen?“ Er sagt dann meist: „Ja, das klingt toll. Aber wir nehmen es nicht.“ Ich will dann wissen, was daran nicht passt, und er antwortet meist: „Weil es nicht passt. Du willst damit nur angeben und den Leuten beweisen, wie hoch du singen oder wie böse du klingen kannst. Mit dem Song an sich, also mit der Kernaussage des Stücks, hat das aber rein gar nichts zu tun.“

Einige Songs der neuen Platte sind stark in den Siebzigern verwurzelt, nicht nur inhaltlich, sondern auch in punkto Sound. War es schwierig, den heute noch so hinzubekommen?
Nein. Nachdem Neal, Dennis und Mike für ›When Hell Comes Home‹ die Instrumental-Parts eingespielt hatten, hörte ich mir das Material an und dachte mir: „Wahnsinn!“ Denn es war kein Kalkül, dass der Track sich so anhören sollte, als wäre er 1973 entstanden – es passierte einfach so. Dieser Sound liegt ihnen im Blut, anders kann man es nicht sagen.

Musikalisch passte also alles sofort wieder – war das auf der persön­lichen Ebene denn auch direkt so?
Wir haben uns nicht im Streit getrennt, es gab keine Gerichtsverhandlungen, keine Anwaltstermine, keine Anschuldigungen in Interviews. Der Grund, warum wir nicht mehr miteinander gearbeitet haben, war ein rein künstlerischer. Ich wollte verstärkt mit Theater-Elementen arbeiten, was ich bei WELCOME TO MY NIGHTMARE ja auch getan habe – die Jungs hingegen hatten Lust auf etwas anderes, so einfach ist das. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns jemals angeschrien hätten. Es herrschte lediglich Uneinigkeit über die musikalische Richtung, in die wir gehen wollten. Diese Uneinigkeit hat man allerdings deutlich gemerkt, und zwar schon auf MUSCLE OF LOVE (1973er-Cooper-Album und direkter WELCOME TO MY NIGHTMARE-Vorgänger, Anm.d.Red.). Hätte Bob Ezrin an der Platte mitgearbeitet, wäre vermutlich alles anders gekommen. Ihm wäre es mit Sicherheit gelungen, einen roten Faden einzuflechten, der das Ganze zusammengehalten hätte. Doch ohne ihn funktionierte einfach nichts, wir drifteten immer weiter auseinander. Das ist auch der Grund, warum ich mich dazu entschlossen habe, auf WELCOME TO MY NIGHTMARE wieder mit ihm zusammenzuarbeiten.

Alice Cooper - Welcome 2 My Nightmare - Press Shot 4Wie hast du es geschafft, für WELCOME 2 MY NIGHTMARE die alte Crew erneut zusammenzutrommeln?
Das war einfach, denn wir sind regelmäßig in Kontakt. Immer wenn ich eine Show in Connecticut auf dem Plan habe, rufe ich Neal und Dennis vorher an und frage sie, ob sie nicht vorbeikommen und bei ›School’s Out‹ oder ›Under My Wheels‹ mitspielen wollen. Meistens tun sie das dann, und die Fans freuen sich jedes Mal tierisch darüber. Schade nur, dass Mike nie dabei war, das hat irgendwie nie geklappt. Aber jetzt, wo wir alle wieder beisammen sind, als richtige Band, fühlt sich das gut an. Und Steve Hunter fügt sich wirklich gut ein, auch wenn er natürlich nicht wie Glen ist.

Sprecht ihr, die alte Crew, eigentlich noch oft über Glen Buxton und die damalige Zeit?
Oh ja, und zwar ständig. Man darf ja nicht vergessen, dass ich diese Jungs schon kannte, bevor es die Band gab. Wir sind seit 1963 befreundet, da waren wir noch in der Highschool, und es gab noch nicht einmal die Earwigs (Coopers erste Band, die sich 1964 formierte – Anm.d.Red.).

Du bist schon seit über 40 Jahren im Musikgeschäft – und hast im Laufe der Zeit einige Höhen und Tiefen erlebt, warst mal angesagt, mal aus der Mode. Was hast du aus diesem Auf und Ab gelernt?
Die wichtigste Lehre: Man muss einfach gute Songs schreiben. Denn es hängt in erste Linie von der Qualität der Lieder ab, ob man „in“ ist oder eben abgemeldet. Wer es schafft, ein gutes Hardrock-Album zu schreiben, wird keine Probleme haben, sich an der Spitze zu halten – denn diese Art von Musik ist ziemlich beständig und nur bedingt abhängig von Trends. Nicht ohne Grund sind die Rolling Stones oder, um etwas kleiner anzusetzen, auch Bands wie Thin Lizzy immer noch an vorderster Front dabei. Und daran ändert sich in Zukunft wohl auch nichts. Selbst in 30 Jahren werden die Teenager noch in der Garage stehen und versuchen, unsere Songs nachzuspielen. Warum? Weil es einfach Spaß macht, mit seinen Kumpels abzuhängen und gemeinsam Musik zu machen. Die Lieder sind nicht allzu kompliziert, jeder, der sich ein bisschen Mühe gibt, kann sie lernen. Wir reden hier ja nicht von ›Bohemian Rhapsody‹ oder so, sondern von Klassikern wie ›Get Off Of My Cloud‹ von den Stones oder ›Train Kept A-Rollin’‹ von den Yardbirds. Und wenn man erst mal zehn Songs draufhat, kann man den nächsten Schritt tun und versuchen, einen Gig in irgendeinem Club klarzumachen.

Du bist relativ schnell bekannt geworden, hattest aber auch Durchhänger, z.B. in den Achtzigern. Wie denkst du heute über diese Zeit?

Es war schlimm, denn ich befand mich damals auf dem „Höhepunkt“ meiner Trinkerkarriere. Es ging rapide bergab mit mir. Eines Tages sagte mein Arzt zu mir: „Wenn du so weitermachst, stirbst du.“ Das gab mir zu denken, und so beschloss ich, mich ein Jahr zurückzuziehen, mir eine Pause zu gönnen und dann zu entscheiden, ob ich weiterhin Musik machen kann oder nicht. Denn ich wusste nicht, ob es mir gelingen würde, auch in nüchternem Zustand Alice zu sein. Das musste ich erst herausfinden. Doch es funktionierte, denn ich hatte ein gutes Gefühl dabei, wieder auf die Bühne zu gehen – also beschloss ich, die Lederklamotten und das Make-up aus dem Schrank zu holen und weiterzumachen. Zunächst war es gar nicht so einfach. Ich erinnere mich, dass ich drei Stunden lang in meinem Hotelzimmer herumtigerte, schon voll aufgedresst und geschminkt, und nur darauf wartete, dass Alice sich endlich zeigt. Doch plötzlich war es soweit: Ich fletschte die Zähne und sagte: „Auf geht’s!“ Das war die Geburtsstunde des „neuen Alice“. Davor gab es nur diesen abgewrackten Alkoholiker, der vielleicht ein Vorbild für andere Außenseiter war, aber keinerlei Selbstbewusstsein ausstrahlte. Damit war nun Schluss. Und mit der Zeit begann ich sogar, diesen starken, aber eben auch arroganten Charakter zu mögen.

Hast du während deiner krassen Alk-Zeit eigentlich auch andere Drogen genommen?
Nein, denn ich wollte keinen Ärger mit der Polizei haben. Wir tourten damals viel – und mussten ständig irgendwelche Grenzkontrollen passieren. Daher sagte ich immer zu meinen Jungs: „Leute, alles, was ihr dabei habt, gibt es auch auf der anderen Seite des Zauns.“ Ich schätze, da lief einiges, aber ich selbst war nie involviert. Mein Dämon ist allein der Alkohol, nichts anderes.

Wie sehr hast du den Triumph deiner Rückkehr genossen?
Es ist toll, wenn man merkt, dass die Leute einen mögen und schätzen – und zwar insbesondere dann, wenn man schon einmal abgeschrieben war. Wir mussten die Disco-Plage überstehen, das war nicht einfach. Andere Bands hatten ähnlich Probleme wie wir, Kiss zum Beispiel, Aerosmith ebenso. Im Radio lief keine Rockmusik mehr, sondern tanzbarer Kram. Das Einzige, was noch ankam, waren Balladen.

Eine davon, ›Only Women Bleed‹, ist sogar zu einer Frauen-Hymne geworden. Zumindest haben sie etliche Künstlerinnen gecovert…
Ich glaube, es gibt inzwischen 20 verschiedene Versionen des Songs. Tina Turner hat eine gemacht, ebenso Etta James und Lita Ford. Man kann zwischen einer Soul-, Jazz-, Pop und sogar einer Folk-Interpretation wählen. Diese Wandlungsfähigkeit besitzen nur wenige andere Alice Cooper-Songs.

Mit diesem Stück hast du eine Menge Geld verdient. Dennoch bist du kein reicher Rockstar, der mit Dollars um sich wirft, sondern wirkst bodenständig. Liegt das daran, dass du seit 35 Jahren mit deiner Frau Sheryl verheiratet bist?
Sicherlich. Ein Vorteil unserer Beziehung ist, dass sie selbst gut verdient und damit unabhängig von mir ist. Sheryl arbeitet als Ballett-Trainerin – sie zählt zu den Besten der Welt. Doch sie gibt ihr Geld nicht mit vollen Händen aus, sondern spart es. Nur ab und zu gönnt sie sich etwas Luxus. Wir stammen beide aus der unteren Mittelschicht, deshalb haben wir den Bezug zur Realität wohl auch nie verloren. 100 Dollar sind für mich immer noch 100 Dollar, und wenn mir etwas maßlos überteuert erscheint, dann kaufe ich es auch nicht.

Wenn du auf deine Karriere als Rocker zurückblickst: Auf was bist du im Nachhinein betrachtet besonders stolz?
Darauf, dass Alice Cooper schon so lange im Geschäft ist. Das Konzept, mit dem wir 1969 begonnen haben, funktioniert auch 2011 immer noch – so etwas ist selten im Musikbusiness. Die Fans lieben Alice Cooper, die Schrulligkeit seines Charakters. Manchmal amüsiere ich mich darüber, denn früher war ich ein wilder, gefährlicher Typ – und jetzt, da ich alt bin, finden mich die Leute liebenswürdig. Dabei sind die Shows heute energiegeladener und auch böser als damals.

Hast du ein Ritual, das zu praktizierst, bevor du auf die Bühne gehst?
Ich schaue mir die schlechtesten Kung Fu-Filme an, die ich auftreiben kann. Eines Abends kam Lemmy Kilmister in meinen Backstage-Raum und fragte mich, was ich mir da reinziehen würde. Es war ein fürchterlich schlecht gemachter Streifen mit einem Zwerg, der aus „007“ bekannt war. Einfach grauenhaft – und ich bin wirklich einiges gewohnt. Lemmy schauderte und meinte: „Das ist wirklich das Schlimmste, das ich je gesehen habe!“ Doch er blieb die gesamten verbleibenden 45 Minuten mit mir vor dem Fernseher sitzen.

Wie gehst du damit um, dass dich die Menschen als Ikone betrachten und als Rock’n’Roll-Helden verehren?
Ich versuche, nur die Musik und die Show ernst zu nehmen, nicht aber das Drumherum. Denn Alice ist und bleibt ein fiktiver Charakter.“

Sebastian Bach – Die Kunst des Schreiens

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Obwohl viele Rock-Fans bei seinem Namen immer noch ausschließlich an Skid Row denken, ist Sebastian Bach inzwischen längst auch im Alleingang ein etablierter Künstler. Das beweist er auch auf seinem neuen Album KICKING & SCREAMING.

Sebastian Bach color publicity #1 photo credit Clay Patrick McBrideEigentlich hat Sebastian Bach gar keine Zeit für Interviews. Der Termindruck. Gerade eben ist der Kinofilm „Rock Of Ages“ fertig geworden, in dem Bach neben Tom Cruise und Catherine Zeta-Jones spielt, gleichzeitig hat er letzte Hand an sein neues Soloalbum KICKING & SCREAMING gelegt, und nun schwitzt er über den ersten Reiseplanungen: Denn in den nächsten Tagen soll seine große Europatour öffentlich bekanntgegeben werden. Das alles wäre vermutlich halb so wild und relativ locker zu schaffen, würde nicht permanent seine junge Freundin um Aufmerksamkeit buhlen. Die Schönheit ist es gewohnt, dass sich der amerikanische Beau ständig um sie kümmert. Also planscht sie aufreizend im Pool, spritzt Wasser in Richtung ihres blonden Lovers und zeigt noch mehr von ihrer knusprig-braunen Haut als gewöhnlich. „Hör doch mal auf“, versucht Bach sie anzuschnauzen. Doch es gelingt ihm nicht. Also plantscht die Beauty munter weiter, und Bach bemüht sich, das Interview schnell hinter sich zu bringen.

Ja, er sei mächtig stolz auf KICKING & SCREAMING, erklärt er – und nein, an Skid Row, die ihn Mitte der Neunziger hochkant gefeuert hatten, denke er eigentlich gar nicht mehr. „Ist mehr als 15 Jahre her. Außerdem können die mich mal kreuzweise. Weshalb soll ich also daran noch einen Gedanken verschwenden?“ Vielleicht weil es seine Karriere als Solosänger ohne Skid Row gar nicht gegeben hätte. „Ich sag dir mal etwas“, holt der Mann tief Luft und schaut für ein paar Augenblicke nicht zum Pool hinüber, „ich dachte, dass meine Karriere nach Skid Row zu Ende sein würde, zumal die Grunge-Ära einen völlig anderen Typus Sänger hervorbrachte. Ende der Neunziger war ich eigentlich total out. Doch dann bekam ich das Broadway-Angebot und durfte im Musical JESUS CHRIST SUPERSTAR mitmachen. Dafür musste ich all die hohen Gesänge von Ian Gillan lernen. Da wurde mir klar: Die Gabe, derart hoch singen zu können, bekommen nicht viele Menschen in die Wiege gelegt. Und wenn man diese Fähigkeit besitzt, dann wird die Öffentlichkeit von ganz allein auf einen aufmerksam, egal ob bei Skid Row, Deep Purple oder als Solokünstler.“

Dass seine Stimme in den zurückliegenden 20 Jahren erstaunlich wenig gelitten hat, wundert Bach nicht. Er rauche nur dann und wann, und ja, natürlich gehe er auch gerne auf Partys, schlage dort aber nicht hemmungslos über die Stränge, sondern wisse, wann Schluss ist. „Außerdem mache ich jeden Tag Stimmübungen, ich singe Skalen rauf und runter und halte meine Stimme auf diese Weise fit.“ Wie fit sie ist, das will er nun auf KICKING & SCREAMING beweisen. Also legt er sich dem Albumtitel entsprechend mächtig ins Zeug und lässt kaum eine Gelegenheit aus, die Tonleiter in astronomischen Höhen zu erklettern. „Es gibt nur zwei Sorten von Songs: gute und schlechte. Deswegen schreibe ich auch nie auf Tournee, weil ich dann nämlich viel zu erschöpft bin. Gute Songs entstehen nur in einer entspannten, positiven Atmosphäre“, grinst Bach, schielt dabei zum Pool und streift sich schon mal die Badehose über. Seine Freundin langweilt sich…

Chickenfoot – Komplexes Konstrukt

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chickenfoot-group-standard-approved-publicity-shot-5-0375-credit-leann-muellerAuf ihrem zweiten Album III ist die Allstar-Truppe zu einer Einheit zusammengewachsen. Doch was sich auf Platte so herrlich anhört, wird auf der Bühne nicht umzusetzen sein, denn ein Mitglied wird fehlen: Chad Smith, weil er mit den Chili Peppers zu viel zu tun hat. Wie Chickenfoot das hart erarbeitete Wir-Gefühl auch mit Ersatzmann Kenny Aronoff erhalten wollen, verrät Gitarrist Joe Satriani.

Joe Satriani ist für gewöhnlich ein Einzelkämpfer. Seinen Job erledigt der Gitarrist normalerweise allein, ab und zu heuert er Teilzeitkräfte an, die seinen Soloscheiben Groove und Takt geben. Gesang? Kennen Satriani-Fans nur vom Hörensagen. Doch auch ein Alphatier sehnt sich ab und an nach Gesellschaft, nach Austausch mit Gleichgesinnten, die auf Augenhöhe mit ihm agieren. „Ich bin glücklich. Aber das heißt das noch lange nicht, dass ich deshalb keine unerfüllten Träume mehr habe.“ Deutlicher kann man den Wunsch nach einer richtigen Band mit richtigen Songs nicht ausdrücken. Nach Songs, in denen der Gitarrist eine wichtige, aber eben nicht die alleinige Rolle spielt. Kurz: nach Songs mit Gesang. Satriani will Stücke komponieren, wie sie einst einem Jimi Hendrix, einem Jimmy Page oder einem Keith Richards gelungen sind.

Wie es sich anfühlt, Teil eines großen Ganzen zu sein, hat Satriani bereits am eigenen Leib erfahren. 1988 nämlich, als der damals 32-Jährige Mitglied von Mick Jaggers Band ist. Damals saugt er das magische Flair auf, das nur Lieder verbreiten können, deren Texte die Fans mitsingen können – und das auch wirklich tun, eben weil die Zeilen weltberühmt sind. „There’s a lady who’s sure all that glitters is gold“ oder „Please allow me to introduce myself, I’m a man of wealth and taste, I’ve been around for a long, long year, stole many a man’s soul and faith“ und „Hey Joe, where you’re goin’ with that gun in your hand“. Wer einmal auf einer Bühne gestanden und erlebt hat, wenn Tausende Menschen synchron in die Worte eines Sängers einstimmen, vergisst das nie wieder.

Mick Jagger sucht damals lediglich Zerstreuung während einer Stones-Pause. Satrianis Engagement ist daher von Beginn an befristet. Drei Jahre später sieht die Sache für den US-Wundergitarristen schon ganz anders aus: Deep Purple haben soeben den Exzentriker Richard Blackmore gefeuert, müssen aber aus vertraglichen Gründen noch eine Reihe von Shows spielen, für die sie entsprechend kurzfristig einen neuen Gitarristen brauchen. Satriani springt ein und – man muss es so deutlich sagen – lässt die Fans mit seiner überbordenden Spielfreude den zuletzt zunehmend lustlosen Blackmore schnell vergessen. Doch auch diese Liaison ist nicht von Dauer: „Es hat mir damals das Herz zerrissen“, erinnert sich Satriani an den Moment, als er sich entscheiden musste, ob er langfristig bei Purple bleiben wollte oder nicht. „Jeder möchte gern den Applaus ernten, den man als fester Bestandteil einer Legende nun mal bekommt, wenn man Hits wie ›Smoke On The Water‹, ›Woman From Toyko‹ oder ›Highway Star‹ spielt. Aber meine zentrale Frage lautete: Will ich diese Songs für den Rest meines Lebens spielen?“

Satriani zweifelt, holt sich den Rat von berufenen Kollegen, wiegt sorgfältig das Für und Wider ab – und lässt sich letztendlich von Steve Vai überzeugen, der ihm vor Augen führt, wie es Yngwie Malmsteen bei Alcatrazz, John Sykes bei Whitesnake oder ihm selbst bei Zappa und der Band von David Lee Roth ergangen ist: Sie alle sind nur Behelfsmusiker, Nachfolger, zweite Wahl. „Steve meinte zu mir: Möchtest du das wirklich sein, der ewige Ersatz für Blackmore? Das würde dich unglücklich machen.“

Satriani entscheidet sich daraufhin gegen Deep Purple und für die Fortsetzung seiner Karriere als Solo-Instrumentalist. Damals ein Risiko, aus heutiger Sicht sicherlich der bestmögliche Schritt. „Ich mochte ohnehin nur die Purple-Scheiben bis 1973“, gibt Satriani zu. „Die Songs ohne Ian Gillan fand ich nur noch halb so spannend. Außerdem bin ich kein Brite. Und ehrlich gesagt war ich auch der Meinung, dass die Band Ritchie Blackmore zurückholen sollte. Aber das wollten Purple partout nicht. Eines Tages saß ich mit Jon Lord in einem Café in Barcelona, und er fragte mich, was ich von Steve Morse als künftigen Purple-Gitarristen halten würde. Ich fand es eine glänzende Idee.“

Eine noble Geste, die zugleich auch von einem enormen Selbstbewusstsein zeugt. Das hat sich Joe Satriani im Laufe der Jahrzehnte hart erarbeitet. Inzwischen gilt er zu Recht als wichtigster Sologitarrist der Gegenwart und blickt auf eine Karriere zurück, die ruhmreicher und glorreicher kaum hätte verlaufen können. Und doch: Dieser Wunsch, Mitglied einer richtigen Rockband mit Sänger zu sein, will einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden. So gesehen ist die Gründung von Chickenfoot für Satriani fast so etwas wie Notwehr. Zumal: Wer mit den ehemaligen Van Halen-Recken Sammy Hagar (Gesang) und Michael Anthony (Bass) sowie Schlagzeuger Chad Smith (Red Hot Chili Peppers) gemeinsame Sache machen kann, muss schon gehörig mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn er da Nein sagt.

satrianiChickenfoot ist also die Inkarnation des Satriani-Traums: eine Band voller Superstars, in der er Songs für einen Sänger schreiben kann. „Ich bin ein echter Rocker“, betont der Gitarrist. „Als ich 1970, als 14-Jähriger, diese Musik kennenlernte, entdeckte ich als Erstes die Bands, die das Genre erfunden und geprägt haben: Led Zeppelin, Mott The Hoople, Rolling Stones, Cream – sie alle waren meine Helden.“ Das bekommen auch seine Chickenfoot-Kollegen zu spüren. „Sie dachten, ich wäre einer dieser Fiedelfritzen, die den ganzen Tag nur Skalen dudeln und kaum die Finger stillhalten können. Anfangs waren Sam und Michael jedes Mal sichtlich verblüfft, wenn ich in einer Pause ›Honky Tonk Women‹ oder ›Get Down To It‹ anstimmte.“

Nach der ersten Überraschung freuen sich die beiden aber darüber – denn insbesondere für Sammy Hagar stellt Satriani den idealen Sparringspartner für seine weitere Karriereplanung dar. Bei Van Halen ist der Sänger nämlich recht unsanft vor die Tür gesetzt worden, und obwohl seine „Cabo Wabo“-Nachtclubs in Mexiko, Nevada und am Las Vegas Strip ordentlich laufen, sieht er sich nicht als reiner Gastronom und erfolgreicher Schnapsbrenner (der „Cabo Wabo“-Tequila zählt zu den meistverkauften Amerikas). Allerdings hat der Mann auch die Nase voll von einer Band, die von einem alkoholkranken Supertalent Stück für Stück in Richtung künstlerische Insolvenz geführt wird.

Satriani kommt da gerade recht – er ist das pure Gegenteil von Eddie Van Halen: bodenständig, etwas schüchtern und ein unkomplizierter Typ. Diese Gleichung mag umgekehrt nicht gelten, dennoch eint die beiden Superstars mehr als nur gegenseitiger Respekt. „Sam ist einfach grandios“, schwärmt Satriani, „er steckt voller Ideen, hat genaue Vorstellungen davon, was er will und was nicht. Gleichzeitig geht er auch mal Kompromisse ein, was in einer Band wie dieser sicherlich kein Nachteil ist.“

Natürlich wird auch bei Chickenfoot hinter den Kulissen gerungen, um Ideen, Songs, Texte, um die Richtung, in die sich ein Stück entwickeln soll. „Das Gute daran ist: Wir alle haben den gleichen Ehrgeiz und wollen immer den besten Song schreiben, der jemals unseren grauen Zellen entsprungen ist“, gibt Satriani zu Protokoll. „Aber natürlich werden meine Ideen einer genauen Überprüfung unterzogen. Fast alle Vorschläge werden verändert, und zwar so lange, bis alle damit einverstanden sind. Aber dadurch entstehen Songs, die besser sind als die Ursprungsidee, auf der sie basieren. Ich kenne das schon: Wenn ich zwei Songs anschleppe, sagt Sam: ‚Der eine ist eigentlich ganz gut, aber er hängt etwas in der Mitte. Der zweite gefällt mir nicht, aber der Part am Ende klingt brauchbar.‘ Mit diesen Jungs zu arbeiten, gleicht einer einzigen Puzzleaktion.“

Ein Puzzle, das sich auf CHICKENFOOT III zu einem packenden Ganzen zusammenfügt. Da gibt es tatsächlich die von Satriani gewünschten Stones-/Humble Pie-Querverweise, Erinnerungen an große Van Halen-Zeiten und schlicht strukturierte Rocknummern, die aufgrund ihrer Eingängigkeit sofort aufs Kleinhirn zugreifen. Man hört auf Anhieb die künstlerische Weiterentwicklung zum 2009er-Chickenfoot-Debüt. Was zu Beginn der Band-Karriere noch etwas inhomogen und zersplittert geklungen hat, fügt sich nun zu einer Einheit zusammen. „Die Festival-Auftritte und Einzel-Shows haben eine Menge bewegt“, erläutert Satriani die Gründe für diesen erfreulichen Fortschritt, der ein echtes Wir-Gefühl entstehen lassen hat. „Vor allem die Clubtour war wunderbar: Wir spielten in klitzekleinen Läden vor maximal 400 Leuten, die Konzerte fanden noch vor der Veröffentlichung unseres Debüts statt, sodass niemand die Songs kannte. Die Bühnen waren so winzig, dass ich mir vorkam wie früher, als ich als 15-Jähriger durch die Bars von New York getingelt bin. Diese Gigs haben uns zusammengeschweißt und uns erkennen lassen, wer Chickenfoot wirklich sind.“

Allerdings: Das Wir-Gefühl bekommt bereits vor der Veröffentlichung von CHICKENFOOT III einen empfindlichen Dämpfer: Chad Smith wird die kommende Tournee aussetzen müssen und – so zumindest der aktuelle Stand der Dinge – der Band wohl auch generell nicht mehr zur Verfügung stehen. Schon während der ersten Tour hat sich der Drummer der Red Hot Chili Peppers als Achillesferse erwiesen: Nach einer Show in Paris, in der eine alte Schulterverletzung aus einem Motorradunfall wieder aufbricht, muss Smith während der laufenden Konzertreise acht Tage lang pausieren. Auch die Nachholkonzerte können nicht stattfinden, da Smith schon wieder Chili Peppers-Termine auf dem Zettel hat. Satriani, Hagar und Anthony akzeptieren dies stillschweigend, wollen sich zukünftig aber nicht mehr ihre Planungen vom proppenvollen Kalender ihres Trommlers verhageln lassen. „Die Peppers sind einfach zu beschäftigt“, erklärt Satriani lapidar, ärgert sich aber natürlich, schon so frühzeitig einen Einschnitt ins Personalgefüge vornehmen zu müssen. „Es tut mir leid, weil Chad die Band mit gegründet hat und immerhin noch bis zum letzten Ton an CHICKENFOOT III beteiligt war. Aber was sollen wir machen? Diese Band muss spielen, sie gehört auf die Bühne – zur Not eben auch ohne ihn.“

Kenny_Aronoff1_CreditAlex_SolcaFür Ersatz ist bereits gesorgt: Die Nachfolge von Chad Smith wird Kenny Aronoff antreten, ein in Musikerkreisen überaus geschätzter Drummer, mit illustren Arbeitgebern wie Elton John, Meat Loaf, Lynyrd Skynyrd, Bob Seger oder Jon Bon Jovi in seinem Lebenslauf. Satriani hat zwar noch nie mit Aronoff gespielt, doch die beiden kennen sich. Damals, 1988 bei Mick Jagger, wären sie um ein Haar Kollegen geworden: „Wir liefen uns bei den Auditions über den Weg. Ich bekam den Job, Kenny ging leer aus. Geschadet hat’s uns beiden nicht.“

Titelstory: Mick Jagger – SuperHeavy

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Super Heavy 2011 @ Colin Stark (8)Solo-Ausflüge sind wir von Mick Jagger gewohnt. Abstecher in andere Berufszweige auch, schließlich hat er sich bereits als Schauspieler seine Sporen verdient. Doch eine neue Band, also keine bloße Projektnummer mit ihm als alleinigem Dreh- und Angelpunkt, das ist in den vergangenen fünf Jahrzehnten noch nicht dagewesen. Christian Stolberg blickt daher zurück auf die bisherige Karriere von Mick Jagger und ergründet, wie es dazu kommen konnte, dass der Sänger sich jetzt dazu entschlossen hat, seiner großen Liebe Rolling Stones erstmals eine Nebenbuhlerin an die Seite zu stellen.

Mick Jagger ist nicht nur eine der schillerndsten Figuren der Rockszene, der Mann hat durchaus auch einige Geheimnisse. Und sucht jetzt mit SuperHeavy seine vielleicht letzte Chance für ein zweites musikalisches Leben neben den Rolling Stones.

Der Privatmensch Jagger bleibt in dieser cleveren Inszenierung seit Jahrzehnten außen vor. Bei all seiner internationalen Medienpräsenz, trotz diverser Dokus und mindestens vier ernstzunehmenden Buchbiografien: Jagger bleibt, vor allem wenn man genauer hinschaut, eine der widersprüchlichsten und enigmatischsten Figuren im Popgeschäft – oder, wie es seine britischen Landsleute wohl ausdrücken würden: „Will the real Mick please stand up?“

Micks wahre Identität

Dass bei Michael Jagger nicht alles ist, wie es zunächst scheint, fängt schon bei seiner Herkunft an: Vor allem in ihren frühen Jahren gaben sich die Rolling Stones gern und stolz als echte „working class lads“ – nicht zuletzt weil eine proletarische Herkunft damals in britischen Jung-Blueser-Kreisen (wohl wegen der vermeintlichen Solidarität mit den ausgebeuteten Baumwollpflückern in den USA) fast schon Verpflichtung war. Jagger aber entstammt in Wahrheit der unteren Mittelklasse, dem bildungsbeflissenen englischen Kleinbürgertum, genauer gesagt: einem Lehrerhaushalt. Großvater David Earnest Jagger hat schon sein Brot im Schulwesen verdient, und auch Vater Basil Fanshawe („Joe“) Jagger ist (Sport-)Lehrer gewesen. Mutter Eva steuert als Avon-Beraterin zusätzliches Geld zur Haushaltskasse bei und ist aktives Mitglied bei den Tories, Englands konservativer Partei – ausgerechnet. Die Zukunftspläne des älteren ihrer beiden Söhne fallen daher zunächst entsprechend bieder aus: „Ich sang im Kirchenchor und wollte später einmal Journalist oder Politiker werden“, gibt Mick Mitte der sechziger Jahre in einem Interview zu.

Daraus ist bekanntlich nichts geworden. Mitschuld daran trägt Keith Richards. Die beiden lernen sich bereits als ABC-Schützen in der Wentworth Primary School kennen. Dank seiner guten Noten setzt „Mike“, wie ihn seine Freunde damals noch rufen, seine Schullaufbahn ab 1954 in der Dartford Grammar School fort. Das Duo verliert sich aus den Augen. Bis zu jenem legendären Aufeinandertreffen an einem Bahnsteig im Juli 1960, als beide (damals in England sehr seltene) Bluesplatten unter dem Arm haben, über diese Scheiben wieder ins Gespräch kommen und ein paar Wochen später eine Band gründen.

Eine Karriere verspricht sich Jagger damals davon nicht, wie er vor zehn Jahren dem „Spiegel“ in einem Interview verrät: „Ich habe anfangs in einer Blues-Band gespielt, wir sind in kleinen Clubs aufgetreten, und mit dieser Musik konnte man damals, Anfang der Sechziger, überhaupt nichts werden. Egal, ob ich berühmt werden wollte oder nicht: Ich sah gar keine Chance, Rockstar zu werden. Erst als sich plötzlich, und natürlich ohne unser Zutun, der Musikgeschmack insgesamt änderte, kam unsere Zeit.“

Und so büffelt der junge Mick noch bis Herbst 1963 als Student an der auch außerhalb des Königreichs renommierten London School Of Economics And Political Sciences, bis er sich schließlich voll und ganz auf das Abenteuer Rock’n’Roll einlässt. Es ist im Grunde schon immer fraglich gewesen, wie viel von dem vermeintlichen Anti-Establishment-Image der Stones (das nicht unwesentlich von ihrem ersten Manager Andrew Loog Oldham lanciert wird) bei Jagger wirklich auf tiefen persönlichen Überzeugungen basiert – denn mit denen hat es Mick, der Schillernde, eh nicht so, vor allem, wenn es um das Showbusiness geht: „Die Wahrheit ist ja bekanntlich sowieso ein relativer Begriff. Einen Autounfall werden drei Zeugen aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven beschreiben. Und genau so ist es auch mit der Geschichte der Rolling Stones.“

Kein Weltverbesserer

Am ehesten sind es noch die rigide Sexualmoral der Nachkriegszeit und die drückende Langeweile im grauen Post-War-England, die in Michael Jagger echte innere Widerstände und den Wunsch zum Ausbrechen wachrufen. In politischen Fragen dagegen gibt er sich bewusst vage bis zweideutig – schließlich singt er selbst im berühmten, oft als Rebellionshymne fehlgedeuteten ›Street Fighting Man‹ in Wahrheit: „But what can a poor boy do/except to sing for a rock’n’roll band?“

Für Weltverbesserer und Sozialromantiker lässt der Millionär Jagger jedenfalls nie große Sympathien erkennen. Stattdessen zeigt er inzwischen eine deutliche Affinität zu konventionellen Ehrungen: 1995 wird Mick zum Ehrenpräsidenten der University Of London ernannt, im selben Jahr darf er sich Ehrenmitglied der London School of Economics nennen. Und am 12. Dezember 2003 schließlich schlägt Prinz Charles Mick Jagger – in Vertretung für Königin Elisabeth II. – für seine „Verdienste um die populäre Musik“ zum Ritter – seitdem trägt er den Titel „Sir“.

Unter Stones-Fans löst das durchaus gemischte Reaktionen aus. Nicht wenige sind enttäuscht, dass der einstige Rockrebell diese Auszeichnung angenommen hat – und auch der sarkastische Kommentar von Charlie Watts spricht Bände: „So ziemlich jeder andere wäre bei diesen Widersprüchen gelyncht worden! 18 Frauen und 20 Kinder – und trotzdem wird er zum Ritter geschlagen, fantastisch!“

Erwartungsgemäß ist auch Keith Richards wütend, dass Mick diese „schäbige Ehrung” tatsächlich akzeptiert hat: „Ich habe keinen Bock, mit jemandem auf der Bühne zu stehen, der ein Krönchen und einen alten Hermelin trägt. Das sind wirklich nicht die Dinge, für die The Rolling Stones stehen, oder?“ Jaggers Replik kommt flink wie immer, aber nicht sonderlich überzeugend: „Keith wäre doch am liebsten selbst zum Ritter geschlagen worden. Das ist wie mit Kindern und Eiscreme – alle wollen ein Eis, aber nicht jeder kriegt eins.“

Business-Strategien

Jagger lebt seine „bürgerliche Seite“ in den vergangenen Jahrzehnten vor allem als das Businessgehirn der Stones aus. Sein Coming-Out als geborener Geschäftsmann hat der einstige Wirtschaftsstudent in einer Stunde der Krise: Nachdem sich die Band 1971 mit ihrem zweiten Manager, dem berüchtigten Allen Klein, überwirft, übernimmt Jagger die Kontrolle über die geschäftlichen Angelegenheiten der Stones – bis 2007 gemeinsam mit Rupert Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg. Der Brite mit dem deutschen Adelstitel (Mick nennt ihn gerne „Roupie The Groupie“) ist Jagger von Pink Floyd empfohlen worden. Löwenstein und Jagger entwickeln eine professionelle Business-Organisation für die Band: Fast alle Geschäftsbereiche werden fortan von eigenen Tochterfirmen erledigt. Und die meisten dieser Gesellschaften haben ihren Sitz in den Niederlanden, wo der Fiskus ausländischen Künstlern gegenüber traditionell große Zurückhaltung übt.

Dass Jagger schon als junger Mann ein gewiefter Verhandlungsführer sein kann, kann man im Film „Gimme Shelter“ bereits in einigen kurzen Szenen erahnen. Heute wird seine geschäftliche Akribie in der Branche geradezu gefürchtet. Allerdings spielt er selbst diese Rolle gerne herunter. Zahlenmenschen, die danach fragen, ob sich eine Show nicht doch vielleicht etwas billiger produzieren lasse, sind ihm suspekt. „Die geschäftliche Seite macht mir keinerlei Spaß“, behauptet Jagger. Doch die Tatsache, dass das Unternehmen „Rolling Stones“ wirtschaftlich gesehen das erfolgreichste der Popgeschichte ist, hat viel mit Jaggers Talent zu tun. Mehr als zwei Milliarden Dollar dürften die Herren Jagger, 68, Keith Richards, 67, Ron Wood, 64 und Charlie Watts, 70, nach Branchenschätzungen seit 1989 eingenommen haben. Jaggers Privatvermögen ist vor fünf Jahren auf 300 Millionen Euro taxiert worden. Er investiert es z.B. in Immobilien und Kunstsammlungen.

Diese Zahlen lassen es etwas eigenartig erscheinen, dass sich Keith Richards in Interviews regelmäßig über den Geschäftssinn seines Mitmusikers (und besonders dessen angeblich häufige Kontrollanrufe bei den Plattenfirmen der Stones) aufregt. Schließlich hat auch Riffmeister Keith über die Jahrzehnte von der Tatsache profitiert, dass sein Songwriting-Partner das von Allen Klein einst angerichtete Management-Chaos bei den Stones beendet hat und seitdem die Zügel in der Hand behält. Dennoch mault Richards gern: „Mick ist bloß die alte Frau, die die Buchführung macht, das musikalische Produkt kommt ganz von mir.“

Genau diese Provokationen aber stacheln immer wieder Jaggers Ehrgeiz an. Er will zeigen, dass er auch ohne Keith Richards, ja sogar ohne die Rolling Stones ein Top-Künstler ist. Mit diesem „Beweis“ hat er ohnehin verblüffend lang gezögert. Erst 1984, ermutigt vom damaligen CBS-Boss Walter Yetnikoff, der gerade erst einen 28-Millionen Dollar schweren Vertriebsdeal mit der Band unterzeichnet hat, nimmt Mick sein erstes Soloalbum in Angriff. Er fliegt mit seiner Familie in die Karibik, und während Jerry Hall dort mit den lieben Kleinen eine Art verlängerte Ferien verlebt, spielt Mick mit Größen wie Jazz-Pianist Herbie Hancock, Pete Townshend, Sly Dunbar und Nile Rodgers (Chic) in den „Compass Point“-Studios in Nassau mit dem Dub- und Funk-Spezialisten Bill Laswell als Produzent sein erstes Soloalbum SHE’S THE BOSS ein – und lässt Reportern gegenüber gerne mal durchblicken, dass die Stones in seiner Karriereplanung fortan erst an zweiter Stelle rangieren. Keith Richards schäumt.
SHE’S THE BOSS, das 1985 erscheint, ist mit Single-Hits wie ›Just Another Night‹ und ›Lucky In Love‹ immerhin so erfolgreich, dass Jagger weitere Soloaktivitäten plant. So tritt er am 13. Juli 1985 mit Tina Turner beim (weltwelt live im TV übertragenen) Live-Aid-Konzert in Philadelphia auf. Zusammen mit David Bowie veröffentlichte er zu diesem Anlass auch noch die Benefiz-Single ›Dancing In The Street‹. Die Single erreicht internationale Top-Positionen, das Video zum Lied findet viel Beachtung, aber Jagger zögert zunächst, seine Solo-Ambitionen auch mit Tourneen zu unterstützen. Stattdessen quält er sich mit den Stones das durchwachsene 1986er-Album DIRTY WORK ab.

Erster Solo-Fehler

Erst als sein zweites Soloalbum, das von Kritikern durchaus freundlich behandelte PRIMITIVE COOL (1987), trotz der erfolgreichen Single ›Let’s Work‹ nicht die erwarteten Verkaufszahlen erreicht, ringt sich Jagger dazu durch, auch solo live aufzutreten – und macht dabei jenen Fehler, der vielleicht entscheidend für die weitere Entwicklung seiner Einzel-Karriere ist: Im Rahmen seiner japanischen Solo-Konzerte im März ’88 sowie der Australien-Gigs im September und Oktober gleichen Jahres sind auch viele Stones-Klassiker zu hören – das bringt Keith Richards (der mit TALK IS CHEAP im gleichen Jahr ebenfalls ein Soloalbum einspielt, bei Konzerten aber Stones-Material tunlichst meidet) so sehr in Rage, dass eine gemeinsame Zukunft der „Glimmer Twins“ mit den Rolling Stones ernsthaft in Frage steht. Es beginnt eine unappetitliche Schlammschlacht, die monatelang über die Medien ausgetragen und von der britischen Boulevardpresse genüsslich als „World War III“ bespöttelt wird.

Viel spricht dafür, dass wir hier den Schlüssel dazu finden, warum Jagger seine Solo-Ambitionen seither nur mehr halbherzig verfolgt. Die sichere Bank (durchaus im wörtlichen Sinne!) namens Rolling Stones zu riskieren, erscheint ihm unklug. Zumal um diese Zeit eine andere entscheidende Entwicklung einsetzt: Seit 1989 klingelt für die Rolling Stones die Kasse in zuvor ungekannten Dimensionen. Damals macht der kanadische Impresario Michael Cohl der Band nämlich ein ungewöhnliches Angebot: Cohl garantiert 40 Millionen US-Dollar für 40 Auftritte. Prompt begraben die Streithähne Jagger und Richards ihr Kriegsbeil. Wegen des finanziellen Risikos wird die Tour bei Lloyds versichert – und alle Stones müssen vorab zu einem Gesundheitscheck. Sogar Keith Richards besteht – angeblich zu seiner eigenen Überraschung. 116 Konzerte später hat „Steel Wheels“ rund 260 Millionen Dollar eingespielt, mehr als jede Rock-Tournee zuvor.

Während Keith Richards Soloplatten musikalisch immer so nah an den Rolling Stones bleiben (und er selbst viel zu sehr als der „typische Stone“ angesehen wird), dass sie nie mehr sein können als ein ergänzendes Beiwerk zum Œuvre der Band, ist die Frage, warum Jaggers Solokarriere letztendlich nie richtig abgehoben ist, schwieriger zu beantworten. Auf seinen Alben (auch auf WANDERING SPIRIT, 1993, und GODDESS IN THE DOORWAY, 2001) hat Mick musikalisch manches ausgelebt, was er bei den Rolling Stones immer nur andeutungsweise durchsetzen konnte (die Liebe zum Reggae allerdings teilen Mick und Keith). Aber es ist ihm nicht gelungen, als Musiker eine andere (vielleicht auch etwas altersgemäßere) „Persona“ für sich zu etablieren als die des hyperagilen Stones-Frontmanns. In den Videoclips zu seinen Solo-Singles wirkt Mick immer ein bisschen, als habe er seine Band verloren.

Beinahe ebenso durchwachsen ist die Bilanz seiner Bemühungen als Schauspieler: Sein Debüt in Nicolas Roegs Kultthriller „Performance“ ist durchaus überzeugend, doch die Rolle des dekadenten Rockstars Turner dürften viele Kinogänger fast als eine Art Selbstporträt aufgefasst haben. Immerhin spielt er in dem Film so überzeugend, dass Roeg auch bei weiteren Filmen gerne auf Popsänger als Hauptdarsteller zurückgreift (beispielsweise auf David Bowie als Außerirdischer in „The Man Who Fell On Earth“, 1976, und Art Garfunkel als Alex Linden in „Blackout Bad Timing“, 1980). Eher mittelmäßig gerät der 1970-er-Film, in dem Mick den australischen Outlaw Ned Kelly verkörpert. Seine vermutlich beste Darbietung als Schauspieler bekommt das Kinopublikum hingegen nie zu sehen: In der ersten, unvollendeten Fassung von Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“ spielt Jagger die Nebenrolle des Wilbur. Bei den Dreharbeiten im peruanischen Urwald erkrankt jedoch der ursprüngliche Hauptdarsteller Jason Robards so schwer, dass Herzog notgedrungen umbesetzen und den Film mit Klaus Kinski in der Hauptrolle wieder neu beginnen muss. Nach der Unterbrechung hat Jagger allerdings Tournee-Verpflichtungen mit den Stones und verzichtet daher auf eine Fortführung seiner Arbeit. Da Herzog den Musiker nicht durch einen anderen Schauspieler ersetzen will, streicht er die Rolle kurzerhand aus dem späteren Film.

Gute Kritiken erhält 1992 der Science-Fiction-Film „Freejack“, in dem Mick Jagger den Kopfgeldjäger Victor Vandacek mimt – allerdings ist dem finsteren Streifen kein Glück beim Publikum beschieden, er spielt nur etwa knapp die Hälfte seiner 30 Millionen US-Dollar Produktionskosten wieder ein – mit der für das Filmbusiness typischen Folge, dass die Hauptdarsteller danach erst einmal nicht mehr sonderlich gefragt sind.
Will man gerecht sein, muss man anmerken, dass es durchaus nicht so eindeutig an Jaggers darstellerischen Fähigkeiten liegt, dass ihm als Schauspieler bislang der Durchbruch nicht recht gelingen wollte. Gerade der künstlerisch überaus anspruchsvolle Werner Herzog lobt Jaggers Leistung in der später abgetriebenen „Fitzcarraldo“-Erstfassung noch heute als „sensationell“. Vor diesem Hintergrund mutet es wie ein ironischer Witz an, dass Mick gekniffen haben soll, als Keith Richards ihn angeblich dazu überreden wollte, im vierten Teil von „Pirates Of The Caribbean“ mitzuwirken…

Das Hauptproblem für den Mimen Jagger ist schlicht und ergreifend die überwältigende Bedeutung des Rockstars Jagger. Mick gilt als globale Ikone – kaum ein Kinobesucher kann das verdrängen. Wenn jemand das markante Gesicht mit den aufgeworfenen (und durch das Stones-Logo nochmal zusätzlich ikonisierten) Lippen auf der Leinwand sieht, denkt er unwillkürlich an Rock-Musik bzw. die Rolling Stones. Durchaus erfolgreich – und mittlerweile wahrscheinlich auch glücklicher – ist der Filmfreak Jagger deshalb mit seinen Kino- und TV-Aktivitäten auf der anderen Seite der Kamera. Seit 1995 betreibt er zusammen mit der Produzentin Victoria Pearman die Firma „Jagged Films“, die nicht nur in Stones-Aktivitäten wie Martin Scorseses Konzertfilm „Shine A Light“ oder der Dokumentation „Stones in Exile“ involviert gewesen ist, sondern mit dem Kinofilm „Enigma“ 2001 weltweit Erfolge bei der Kritik und beim Publikum feiern kann. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman des britischen Autors Robert Harris aus dem Jahre 1995. Hintergrund der Geschichte ist die von den Briten während des Zweiten Weltkriegs durchgeführte Entzifferung deutscher U-Boot-Funksprüche, die mit Hilfe der Schlüsselmaschine „Enigma“ chiffriert worden sind.

Filmjournalisten, die Mick als Produzenten Jagger im Kontext der Dreharbeiten zu „Enigma“ erlebt haben, zeigen sich beeindruckt von der Kompetenz und Seriosität, mit der sich der Geschichts-Freak angesichts der komplexen zeithistorischen Hintergründe des Films in das Projekt gestürzt hat. Es kann gut sein, dass sie mehr von dem Privatmenschen Michael Jagger kennengelernt haben als die meisten, die ihn je in seiner Rolle als Rolling Stone getroffen haben.

Und jetzt also SuperHeavy. Es ist Jaggers alter Freund, der umtriebige und jedem musikalischen Experiment notorisch offene Ex-Eurythmic Dave Stewart, der den Anstoß zu dieser ungewöhnlichen Variante einer Supergroup gibt. Eben jener Dave Stewart, der seinerzeit schon das zweite Soloalbum von Mick, PRIMITIVE COOL, produziert hat. „Yeah, das ganze Projekt hat einen interessanten Entstehungsprozess hinter sich“, sagt Stewart. „Es ist zwar alles in verschiedenen Ländern passiert, aber seinen Ursprung hat es in Jamaika, wo ich ein Haus oberhalb der Ortschaft St. Ann besitze. Ich war auf halber Höhe eines Hügels dort – und hatte so ein typisches Erlebnis, wie es auf der Insel öfter passiert, wenn abends bei Sonnenuntergang mit einem Mal die ganzen Soundsystems angehen. Ich hörte also aus der einen Richtung einen dubbigen Bass-Sound kommen, und aus der anderen Richtung, von einem anderen Dorf her, etwas, das sich anhörte wie die Stimme von jemandem, der gerade zu toasten anfängt – allerdings ziemlich aufgeregt und hoch. Und dann kamen aus verschiedenen Richtungen noch drei oder vier andere Stimmen dazu. In diesem Augenblick hatte ich die Eingebung zu dem, was wir jetzt machen. Nicht, dass ich ein besonderes Kraut geraucht hätte“, grinst Stewart, „aber mit einem Male passte in meinem Kopf alles perfekt zusammen, und ich dachte mir: ‚Wow, das könnte interessant werden‘ – und rief dann umgehend Mick an. Und er sagte auch direkt: ‚Mensch, das könnte wirklich spannend sein!‘“

Der Reiz des neuen

Und so kommt es, dass eine junge Schönheit wie Joss Stone im Studio mit dem notorischen Womanizer Jagger zusammentrifft – etwas, das früher sicherlich nicht ohne Folgen geblieben wäre. Aber wir dürfen diesmal davon ausgehen, dass es bei gemeinsamen Gesangsübungen geblieben ist – und zwar weniger wegen Micks Alter („Der Typ hat immer noch mehr Power als fast alle jungen Kerle, die ich kenne“, staunt die 24-jährige Joss), sondern eher deshalb, weil Jagger die nun immerhin schon seit zehn Jahren anhaltende Beziehung zu der Stylistin L’Wren Scott tatsächlich ernst zu nehmen scheint.

Ein wichtigerer Reiz für Mick am Unternehmen SuperHeavy ist dagegen die stilistische Offenheit des Projekts. Alle seine Soloalben haben Songs aus unterschiedlichen Stilrichtungen –stets sind karibische Einflüsse im einen oder anderen Song zu hören, aber der Stilmix von SuperHeavy geht noch entschieden weiter. Unter anderem finden sich in einem Stück auch Textzeilen der persoarabischen Sprache Urdu. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in London fragt Jagger denn auch kokett in die Runde: „Wo werden die Leute das wohl bei iTunes einordnen – in welche Schublade passt das da? ‚Unbekanntes Genre‘, glaube ich, nennen sie alles, was sie nicht kategorisieren können!“

Zudem scheint der Showbiz-Veteran noch immer daran interessiert zu sein, als Musiker neue Erfahrungen zu machen: „Es war echt spannend, mal mit vier anderen Vokalisten gleichzeitig zu arbeiten. Sowas habe ich ja noch nie gemacht. Ich hatte richtig Spaß, als mir klar wurde, dass ich dieses Mal gar nicht alle Gesangsparts allein schultern muss.“

Es hört sich ganz so an, als käme Mick mit diesem recht spontanen und vor allem völlig ohne strategische Karriere-Überlegungen gestarteten Projekt wieder dahin zurück, womit für ihn auch im Rock’n’Roll einst alles angefangen hat: Spaß und Abenteuer. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein kleines, spätes Glück abseits der Rolling Stones.

 

Super Heavy 2011 @ Frank W. OckenfelsMick Jagger

Geburtstag: 26. Juli 1943
Geburtsort: Dartford, Kent, Großbritannien
Herkunft: Vater Basil Fanshawe („Joe“) und Mutter Eva Ensley Mary sowie Bruder Chris Jagger (*19. Dezember 1947)
Familie: Jagger war zwei Mal verheiratet und hat sieben Kinder von vier verschiedenen Frauen. International bekannt ist vor allem Georgia May Jagger.
Trivia: Als Kind hat Mick Jagger Eiscreme verkauft, um sich etwas Taschengeld zu verdienen. Während seiner Studienzeit an der London School Of Economics arbeitete er als Portier im Bexley Mental Hospital. Die Hell‘s Angels wollten Jagger 1975 ermorden, weil dieser sich beim Altamont Free Concert 1969 negativ ihnen gegenüber geäußert hat. Der Sänger liebt Cricket und meditiert eigener Aussage zufolge jeden Morgen. Sein Privatvermögen wird auf rund 300 Millionen US-Dollar geschätzt.

 

Super Heavy 2011 @ Frank W. OckenfelsDamian Marley

Geburtstag: 21. Juli 1978
Geburtsort: Kingston, Jamaica
Eltern: Vater Bob Marley (6. Februar 1945 – 11. Mai 1981) und Mutter Cindy Breakspeare
Spitzname: Jr. Gong
Karriere: erster Auftritt mit der Band Shephards im Alter von 13 Jahren. Sein Debütalbum MR. MARLEY erscheint 1996 – mit Bruder Stephen als Co-Writer und Produzent. Im September 2005 kommt sein drittes Werk WELCOME TO JAMROCK auf den Markt. Die gleichnamige Single, die auf einem Riddim von Ini Kamoze basiert, thematisiert das harte Leben in seiner Heimat – und trifft den Nerv des internationalen Publikums. Sie steigt sowohl in den USA als auch im UK in die Charts ein und sorgt dafür, dass Marley ein Jahr später zwei Grammy-Auszeichnungen erhält. 2010 hat Damien Marley DISTANT RELATIVES veröffentlicht, eine Kollaborationsplatte mit Nas.

 

Super Heavy 2011 @ Frank W. OckenfelsDave Stewart – Q&A

Geburtstag: 9. September 1952
Geburtsort: Sunderland, Großbritannien
Karriere: Im Jahr 1971 startet Stewarts Karriere bei den Folkrockern Longdancer. 1976 lernt er Annie Lennox kennen und lieben, sie spielen ein Jahr später gemeinsam bei The Tourists. 1980 endet die Beziehung, nicht aber in geschäftlicher Hinsicht. Die beiden gründen die Gruppe Eurythmics, mit der sie Weltruhm erlangen, u.a. dank Hymnen wie ›Sweet Dreams‹. Ende der Achtziger veröffentlicht Stewart auch einige Soloplatten, in Zusammenarbeit mit Candy Dulfer gelingt ihm mit ›Lily Was Here‹ aus dem gleichnamigen Film ein europaweiter Top-Ten-Hit. 1990 lösen sich die Eurythmics (erstmals) auf, der Musiker macht mit Dave Stewart & The Spiritual Cowboys weiter und kollaboriert zudem mit renommierten Künstlern wie Tom Jones, arbeitet fürs Musical oder produziert Ringo Starrs LIVERPOOL 8.

Er war schon immer der sprichwörtliche Hansdampf in allen Gassen und ist auch heute noch überaus umtriebig: Ex-Eurythmics-Mitgründer David Allan Stewart (59) unterhält nicht nur eine vielfältig schimmernde Solokarriere als Musiker, Produzent, Buchautor und Soundtrack-Komponist, sondern ist zusammen mit Mick Jagger auch die treibende Kraft hinter dem Projekt SuperHeavy. Stilistisch bleibt der Mann flexibel: War sein im Frühjahr erschienenes Soloalbum The Blackbird Diaries noch eher an Blues und Country orientiert, so ist der aus dem britischen Sunderland stammende Teilzeit-Jamaikaner nun maßgeblich für den starken karibischen Einschlag in der Musik von SuperHeavy verantwortlich. Ganz sicher ist Stewart ein Experte in Sachen Mick Jagger: Mit Mick verbindet ihn eine mehr als 20-jährige Kreativfreundschaft.

Interview: Christian Stolberg

Dave, das Line-up einer neuen Band ausgerechnet um fünf Sänger herumzubauen, ist ziemlich ungewöhnlich, zumindest wenn es sich nicht um eine DooWop- oder eine A-Cappella-Gruppe handelt. Wie kam es zu dieser Besetzung?
Zunächst mal bin ich grundsätzlich immer daran interessiert, etwas Neues auszuprobieren. Im Fall von SuperHeavy hat das ganz einfach damit zu tun, wie ich überhaupt auf die Idee zu dem Projekt kam. Ich war in Jamaika, wo ich wohne, eines Abends auf dem Heimweg und hörte aus verschiedenen Richtungen mehrere Soundsystems unterschiedliche Musikstile spielen: jamaikanischen Reggae und Dub, aber auch Blues und sogar asiatische Musik. Es war eigentlich eine verrückte Mischung, die aber irgendwie auch Sinn ergab und gut klang. Und davon habe ich dann Mick erzählt, der sofort Feuer und Flamme war, damit herumzuexperimentieren. Von diesem Moment an haben wir dann gemeinsam darüber nachgedacht, wer alles an dem Projekt beteiligt sein könnte – und so kamen wir dann auf Joss, auf Damian und auf A.R. Rahman.

Wie genau stand denn das Rezept für den Stilmix fest, den ihr aus diesen von dir genannten Einflüssen basteln wolltet, als es schließlich mit der ganzen illustren Truppe zusammen ins Studio ging?
Noch nicht sehr detailliert – es war eher eine Vision als eine genaue Sound- oder Stilvorstellung. Wir verzichteten sogar ganz bewusst darauf, schon einzelne Songs auszuarbeiten, bevor wir schließlich alle im Studio beisammen hatten. Da haben wir dann ganz explizit mit einem Free-Form-Ansatz angefangen zu jammen. Am Ende der ersten Woche waren immerhin schon sieben echt tragfähige Sachen aufgenommen – nur dass die alle so um die 30 Minuten auf der Uhr hatten…

Das Album ist ja insgesamt ziemlich karibisch geprägt. Wie viel von deiner Zeit verbringst du denn heutzutage in Jamaika?
Ich habe mir da vor einigen Jahren ein Haus gekauft, in einem kleinen Dorf oberhalb von St. Ann. Es steht auf einem Grundstück, das einem Freund von mir gehörte, einem jamaikanischen Bassisten, der allerdings nicht auf dem SuperHeavy-Album mitspielt. Das Haus ist mein Rückzugsort, wenn ich etwas Ruhe vom ganzen Trubel im Musikgeschäft brauche. So drei oder vier Mal im Jahr bin ich für ein paar Wochen hier. Und natürlich schnappe ich so allerhand von dem auf, was musikalisch auf der Insel so abgeht. Aber Reggae, Raggamuffin und Dub haben mich schon immer interessiert – und bei Mick ist das ganz ähnlich.

Wie sieht Mick Jaggers Rolle bei SuperHeavy denn genau aus?
Ich sehe Mick und mich als gleichberechtigte Gründer des Projekts und außerdem als Produzenten, die für alle eine grobe Richtung vorgeben und die Rahmenbedingungen schaffen. Natürlich konnte jeder der anderen eigene Ideen einbringen – und sie haben das auch reichlich getan. Micks und mein Job war es dann wieder, alles auf die nächste Stufe zu heben und dafür zu sorgen, dass aus dem ganzen Input an Ideen und Klängen auch kompakte Songs wurden. Und natürlich hat sich Mick auch als Songschreiber und Sänger stark eingebracht – es ist immer faszinierend, aus der Nähe mitzuerleben, wie er mit seiner Stimme je nach Song und Thema unterschiedliche Charaktere annimmt.

Du kennst Mick ja bereits sehr lange, hast schon vor 24 Jahren einige Songs auf seinem zweiten Soloalbum Primitive Cool produziert. Warum hat seine Solokarriere trotz teils durchaus erfolgreicher Alben und Singles eigentlich nie so recht abgehoben?
Ich glaube, das liegt an der schieren Größe der Rolling Stones. Seit den sechziger Jahren waren sie so präsent, so prägend und wichtig für die ganze Rockszene, dass es den Leuten inzwischen einfach schwerfällt, sich Mick irgendwie als Musiker außerhalb der Gruppe vorzustellen. Sie sehen halt immer den Stone in ihm. Was nicht ganz gerecht ist, denn er hat solo einige tolle Songs gemacht – und seine musikalische Fantasie geht deutlich über die Stones hinaus!

Wie soll es denn jetzt mit SuperHeavy weitergehen – werdet ihr wie eine richtige Band touren, oder bleibt das Ganze mittelfristig doch eher eine Art musikalisches Urlaubsabenteuer auf hohem Niveau?
Ausgedehnte Tourneen sind aufgrund der vielfältigen sonstigen Aktivitäten der einzelnen Mitglieder wohl kaum drin, ansonsten kann ich mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber eine ganze Menge an Dingen vorstellen. Von einer einzelnen Show im kleinen Rahmen bis hin zu einem ganzen Festival, das man rund um SuperHeavy herum aufbauen könnte. Außerdem erlauben die technischen Möglichkeiten heute ja so viele Varianten. Wir haben zum Beispiel rund um die Albumsessions einen ca. einstündigen Film aufgenommen – und es ist noch gar nicht richtig klar, was wir mit dem anfangen. Im Übrigen haben wir insgesamt 30 Tracks aufgenommen, aber nur 16 davon aufs Album gepackt. Es ist also noch eine Menge Material da, mit dem wir noch interessante Dinge anstellen können. Das Abenteuer SuperHeavy ist jedenfalls definitiv noch nicht vorbei.

Und wie sieht es mit deiner eigenen Karriere in nächster Zeit aus? Du hast ja kürzlich in Nashville sowohl dein eigenes Album The Blackbird Diaries als auch Joss Stones aktuelle Platte LP No.1 produziert.
Im Moment bin ich noch hauptsächlich damit beschäftigt, für SuperHeavy die Trommel zu rühren. Dann muss ich mich um den Soundtrack für den Kinofilm „The Hole Of The Fence“ kümmern. Im November geht es dann mit den Songs der Blackbird Diaries und einer Band, die ich mir in Nashville zusammengestellt habe, auf Australien-Tournee. Es gibt außerdem schon wieder eine ganze Reihe Anfragen von Künstlern, deren Alben ich produzieren soll – aber die Namen darf ich im Moment noch nicht nennen. Ich habe also alle Hände voll zu tun – aber wenn es nach mir geht, dann dürfen SuperHeavy danach gerne wieder für eine ganze Weile meine Top Priority sein!

 

Super Heavy 2011 @ Frank W. OckenfelsJoss Stone

Geburtstag: 11. April 1987
Geburtsort: Dover, Kent, Großbritannien
Eltern: Richard und Wendy Stoker, das drittjüngste von insgesamt vier Kindern. Der Vater arbeitet als Früchte- und Nuss-Händler, die Mutter ist bis 2004 die Managerin ihrer Tochter.
Einflüsse: Dusty Springfield und Aretha Franklin
Karriere: 2001, Joss Stone ist gerade 13 Jahre alt, tritt sie bei der BBC-Talentshow „Star For A Night“ auf. Mit Coverversionen von Aretha Franklin, Whitney Houston und Donna Summer schafft sie es bis ins Finale und gewinnt schließlich den Wettbewerb. 2003 erscheint ihr Debüt THE SOUL SESSIONS, auf dem sie zahlreiche Kollaborationen mit Soul-Größen aus Miami integriert. Ihr 2004er-Werk MIND BODY & SOUL (das diesmal aus Eigenkompositionen besteht) schießt auf Platz eins der UK-Charts, in den USA reicht es für Rang elf. Seither hat Stone nicht nur mit diversen Musikern zusam­­mengearbeitet und einen Grammy gewonnen, sondern sich auch als Schauspielerin einen Namen gemacht.

 

Super Heavy 2011 @ Frank W. OckenfelsA(llah). R(akha). Rahman

Geburtstag: 6. Januar 1966
Geburtsort: Madras (heute: Chennai), Indien
Eltern: Vater Rajagopala Kulasekara Shekhar (1933-1976) und Mutter Kareema, zwei Geschwister
Karriere: Da Rajagopala Kulasekara Shekhar als Filmmusik-Komponist arbeitet, kommt A.R. bereits mit dem Beruf in Berührung. Er assistiert seinem Vater und spielt auch Keyboard-Parts ein. Als A.R. neun ist, stirbt Shekhar, die Familie muss sich mit dem Verleih von Instrumenten durchschlagen. Rahman, wie sich der als A. S. Dileep Kumar seit seiner Konvertierung zum Islam im Jahr 1989 nennt, bekommt dennoch eine fundierte Ausbildung als Musiker und ist heute ein weltweit gefeierter Filmmusik-Komponist. Für den Soundtrack zum Film „Slumdog Millionaire“ gewann er 2009 den Golden Globe Award, den British Academy Film Award sowie je zwei Oscars und zwei Grammys.

Pain Of Salvation

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Pain_Of_SalvationVor einem guten Jahr veröffentlichten Pain Of Salvation ihr Album ROAD SALT ONE und spalteten damit die Meinungen von Kritikern und Fans. Die einen schwärmten von einem Meisterwerk, die anderen schüttelten nur verständnislos den Kopf – Reaktionen, die die Schweden seit mehr als 20 Jahren kennen. „Entweder hassen uns die Leute – oder sie lieben uns. Obwohl ich es eher vorziehe, geliebt zu werden“, lacht Bandchef Daniel Gildenlöw. „In gewisser Weise haben wir uns an diese Reaktionen ge­­wöhnt. Wir sind eine sehr facettenreiche Band, die keine Angst davor hat, unterschiedlichste Musikstile auszuprobieren. Da muss man mit Kritik rechnen.“

Das stimmt, denn jedes Album der Band klingt anders, wodurch sich Fans oft vor den Kopf gestoßen fühlen. „Ich habe jedoch oft das Gefühl, dass ich missverstanden werde“, fügt Daniel hinzu. „Ich habe mich zwar damit abgefunden, dass uns die Menschen in Extremen wahrnehmen. Aber wenn jemand etwas so offensichtlich hasst, in das du so viel Leidenschaft und Herzblut gesteckt hast, dann tut das immer weh. Ich habe keine Angst vor Kritik. Sie trifft mich allerdings immer sehr, geht bis ins Mark.“

Auch Anfang des Jahres mussten die Schweden wieder viel Kritik einstecken, dieses Mal für ihr Video zum ROAD SALT ONE-Song ›Where It Hurts‹, das zensiert und auf den meisten Internetkanälen sogar verboten wurde. Es zeigt Daniel, der nackt mit einem klopfenden Herzen auf dem Boden sitzt, leidenschaftliche Liebesszenen und letztendlich ein nacktes, blutverschmiertes Mädchen. „Diese krassen Reaktionen haben mich wirklich überrascht“, blickt Daniel zurück. „Mir war klar, das es manche Leute etwas anstößig finden könnten, schließlich enthält das Video Blut, Sex und nackte Körper. Aber alles ist sehr ästhetisch und kunstvoll dargestellt. Wir haben uns von alten japanischen Filmen inspirieren lassen, die auch Quentin Tarantino als Vor­­­lage für ‚Kill Bill‘ verwendet hat. Es geht darum, Schönheit in Hässlichkeit zu finden. Es gibt auf diesen Plattformen so viel ekelhafte Dinge zu sehen, dass ich wirklich nicht verstehe, was an unserem Video so schlimm sein soll.“

Vor allem, da Daniel dafür über seinen eigenen Schatten ge­­sprungen ist. „Ich bin ein sehr schüchterner Mensch. Es war sehr schwer für mich, nackt vor einer Kamera zu sitzen und diese Liebesszenen zu spielen. Das bin nicht ich“, blickt er zurück und fügt dann grinsend hinzu: „Nicht dass ich nicht gerne leidenschaftlichen Sex habe, aber das mache ich normalerweise nicht in der Öffentlichkeit.“

Im September erschien nun mit ROAD SALT TWO das zweite und abschließende Werk des ROAD SALT-Projektes, das Kritiker und Fans milde stimmen dürfte, da es nahtlos an den Vorgänger anknüpft. „Ein Großteil der Songs wurde schon während der Sessions zu ROAD SALT ONE aufgenommen und hätte auch hervorragend auf dieses Album gepasst“, erklärt Daniel. „Deshalb unterscheiden sich die beiden Alben nicht besonders stark voneinander, sondern ergänzen sich eher. Das zweite Album wirft jedoch ein völlig anderes Licht auf das erste, wodurch man dieses noch einmal neu für sich entdecken kann.“

Anfänglich war auch geplant, ein Doppelalbum herauszubringen. „Dass es nun zwei Alben gibt, hat mit vielen unerwarteten Begebenheiten und Entscheidungen zu tun“, holt Daniel aus. „2008 arbeitete ich in meinem Kopf an insgesamt drei Alben, eines davon war die ROAD-Idee. Ein Jahr später sollten wir mit Dream Thea­ter auf US-Tour gehen, wozu wir ein neues Album brauchten. Da ich mich nicht entscheiden konnte, welche Idee ich umsetzen sollte, beschloss ich, alle Songs aufzunehmen und ein Doppelalbum zu machen. Jedoch ging während der Aufnahmen unser Vertrieb bankrott, so dass wir einige Zeit nichts machen konnten. Als ich das Material schließlich später wieder zur Hand nahm, ergab alles einen Sinn, und ich wusste, wie ich die Songs aufzuteilen hatte: nämlich auf zwei Einzelalben.“

Da beide CDs eng miteinander verwoben sind, fällt es dem Musiker schwer, sie einzeln zu betrachten. „Ich kann beide Alben nicht mehr objektiv wahrnehmen“, erklärt er. „Es ist so, wie ich es im Song ›Of Dust‹ auf ROAD SALT ONE sage: Wenn du für längere Zeit eine Straße hinabgehst, kommst du an einen Punkt, an dem du dich selbst nicht mehr von der Straße unterscheiden kannst. Die ROAD-­­Alben sind für mich wirklich eine Art Straße geworden, auf der ich entlang gereist bin. Du veränderst die Straße, und die Straße verändert dich. Und am Ende ist keiner mehr so, wie er vorher war.“

Nicke Borg

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NB_press_1_litenWie Fukushima alles verändert hat (zumindest in der Atompolitik der deutschen Bundesregierung), so hat der 2006er-Sieg von Lordi beim Eurovision Song Contest das Image des einstigen Schlagerwettbewerbs verändert. Seither trauen sich die Künstler, immer spektakulärere Auftritte abzuliefern, und es treten auch vermehrt Rocker an. 2011 hätte Schweden die Chance gehabt, einen gestandenen Frontmann eines der größten einheimischen Punk- bzw. Hardrock-Acts nach Düsseldorf zu schicken, warf sich doch Backyard Babies-Sänger Nicke Borg im nationalen Vorentscheid ins Getümmel. Das Rennen machte zwar Eric Saade, Borg bescherte seine Show im Fernsehen vor ein paar Millionen Schweden jedoch eine Menge Aufmerksamkeit und machte ihn ne­­ben den Backyard Babies nun auch als Solokünstler be­­kannt. Im Rückblick sagt er heute darüber: „Wenn mir vor fünf Jahren irgendjemand gesagt hätte, dass ich beim ‚Me­­lodiefestivalen‘ auftauchen würde, hätte ich ihn ausgelacht. Allerdings muss ich sagen, dass die ganze Chose schon eine der denkwürdigsten Aktionen war, die ich jemals abgeliefert habe.“ ›Leaving Home‹, die Rock-Ballade, mit der Borg in Stockholm antrat, steht durchaus exemplarisch für den Sound seiner Soloaktivitäten. So finden sich auf HOMELAND – CHAPTER II, dem Debütalbum des 38-Jährigen, fast ausschließlich Tracks, die problemlos im Radio gespielt werden können. Nicke Borg bleibt dabei keinesfalls austauschbar, sondern punktet mit eingängigen Me­­­­lo­­dien. Gerockt wird natürlich auch, hat sich der Teilzeitradiomoderator doch wie üblich von seinen Idolen inspirieren lassen. „Bei dieser Musik, die ich immer schon auf­­nehmen und performen wollte, standen Vorbilder wie z.B. Johnny Cash, Steve Earle, Guns N‘ Roses, die Rolling Stones und Social Distortion Pate“, berichtet Borg. Klar also, dass sich auch eine Coverversion auf HOMELAND geschmuggelt hat: ›Bad Luck‹, im Original von Social D. Beim Texten hat sich Borg übrigens zurückgehalten und seine Ehefrau Jojo Borg Larsson einfach machen lassen. Der Mann kennt eben seine Stärken…