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Coheed and Cambria – Abrocken im Weltraum

Coheed & CambriaSie sind die Konsensgruppe für Rush-Fans, Headbanger und Warhammer 40K-Spieler. Eine Band, die so selbstvergessen wie selbstverliebt einen Klassiker nach dem anderen produziert. Und wen kümmert’s, ob das neue YEAR OF THE BLACK RAINBOW nun Alternative, Metal oder Prog ist? Der fünfte und letzte Teil der AMORY WARS-Saga ist vor allem eines: genial.

Die Antriebe weggeklappt, die Energieschilde gedrosselt: Coheed and Cambria haben soeben angedockt. Die Luftschleuse öffnet sich, herein schwebt, vollkommen zugewuchert, die imposante Gestalt von Bandchef Claudio Sanchez. Aus seinem Haarhelm schallt explosives Lachen – bloß so, zur Begrüßung, denn der New Yorker Spaceball ist verdammt gut drauf. Mr. Sanchez hat auch allen Grund zur Freude: Zehn Jahre nach ihrer Gründung sind Coheed and Cambria längst heimliche Superstars, und ihre AMORY WARS – ein Sci-Fi-Epos mit einer verwirrenden Latte von Darstellern, Schauplätzen und Spinoffs – zählen zum Besten, was die Nullerjahre zu bieten hatten: sei es als Platte, Comic oder DVD.

Für die Fans heißt es jetzt stark sein: Mit dem Prequel YEAR OF THE BLACK RAINBOW findet die endlos scheinende Oper um das Cyborg-Pärchen Coheed und Cambria Kilgannon doch noch ihr Ende. Letzte Puzzleteile fallen an ihre Plätze, Weichen für die (fiktive) Zukunft werden gestellt. Dann ist Schluss. Finito. „Ich bin momentan unentschieden, wie es mir bei dem Gedanken geht“, sagt Claudio. „Ob da nun mehr Stolz auf das Erreichte oder Wehmut mitschwingt. Nee, okay: Stolz. Mit dieser Kraft und Dynamik ist YEAR OF THE BLACK RAINBOW vermutlich unser am besten verwirklichtes Album.“ Sieht aus, als wären die New Yorker bei den Produzenten Atticus Ross (NIN, Jane’s Addiction) und Joe Barresi (Clutch, Queens Of The Stone Age) an der richtigen Adresse gewesen – beide gelten als Cracks, wenn es darum geht, harte Riffs und technisch-abstrakte Einsprengsel zusammenzubringen.

Und trotzdem ist etwas anders. Bei aller aufgefahrenen stilistischen Bandbreite klingen Coheed and Cambria diesmal, nun, leichter als sonst. Melodischer, bunter… Ja: auch zugänglicher. Das mag nicht jedem gefallen, verleiht YEAR OF THE BLACK RAINBOW aber eine helle, versöhnliche Note. Wenn man schon enden muss, dann auf einem Hoch? „Genau so!“ lacht Claudio. „Überhaupt haben wir das Songwriting diesmal eher fließen lassen. Es war alles nicht so zergrübelt. Ich habe mir einen Orange-Verstärker gekauft und tagelang nichts anderes getan, als mit dem Ding daheim auf der Treppe zu sitzen und rumzudaddeln. Dem Wabern eines Riffs hinterher zu hören. So nahm zum Bei-spiel ›The Broken‹ seinen Anfang – ich habe mich von diesem fetten Vintage-Sound inspirieren lassen.“ Die Umsetzung war dann typisch Coheed & Cambria – sprich, von hinten durch die Brust ins Auge: Statt den Riff auf der Gitarre zu spielen, singt (oder besser: nölt) ihn Claudio jetzt.

Doch so kompliziert ihr Kosmos auch ist – Musik für Gitarrenlehrer, wie oft gelästert wird, fabrizieren Coheed and Cambria immer noch nicht. „Wie wär’s, wenn wir uns einfach auf ‚kleinteilig‘ und ‚verspielt‘ einigen“, schlägt Claudio vor – und erinnert daran, dass weder er noch Gitarrist Travis Stever, das zweite Gründungsmitglied und der Haupt-Songwriter der Band, über eine akademische Musikausbildung verfügen: „Wir machen das hier zum Spaß. Ich habe mir zwar diesmal ein paar Aufgaben gestellt, neue Themen gesucht, die mich gefordert haben, aber bei Kompositionstheorie kriegen wir sofort Kopfweh – das geht nicht an uns.“ Alter Kokettierer…

„Nein, im Ernst, wir werden ständig als die Über-Nerds dargestellt. Und wer weiß, vielleicht stimmt das ja. Nur: Wo liegt das Problem, wenn jemand sich leidenschaftlich und kreativ mit etwas befasst? Die CDs sind jedenfalls nicht so hermetisch, wie viele behaupten. Und meine Lyrics funktionieren auch ohne den konzeptionellen Rahmen.“
Um von YEAR OF THE BLACK RAINBOW mitgerissen zu werden, muss man also kein Science-Fiction-Fan sein. Man braucht nicht mal alle Teile der AMORY WARS oder Claudios bei Image/Evil Ink veröffentlichte Comics zu Hause stehen zu haben. Das aktuelle Album funktioniert sogar, wenn es die einzige Coheed-Platte im Regal ist. Denn was der Workaholic mit seiner hohen, an Geddy Lee erinnernden Stimme auf dem Prequel singt, säuselt, schreit, behandelt im Grunde ganz universelle Fragen: Was zeichnet den Menschen aus? Was ist das, Liebe, und was bedeuten Verantwortung, Opferbereitschaft, Mut?

Dazu kommen diesmal eine Menge autobiografischer Momente. Von Anfang an hatte Claudio sich in die Story eingeschrieben, war in die Rolle des ältesten Sohns des Cyborg-Paars Coheed und Cambria geschlüpft. Nun ist aus dem spätpubertären Rollenspieler ein klassischer Songwriter geworden – und ein Erwachsener dazu. Das ist neu: Mr. Sanchez räumt auf einmal ein, dass er es nicht mehr nötig habe, sich wegzuträumen und hinter seinen Schöpfungen zu verstecken. Siehe dazu die hymnische, auf angenehme Art radiotaugliche erste Single ›Here We Are Juggernaut‹. Darin hat der 32-Jährige die Beziehung zu seiner Freundin aufgearbeitet, die er im letzten Herbst „endlich“ geheiratet hat. „In dem Song blicke ich auf unsere gemeinsame Zeit zurück. Auf alles, was wir zusammen erlebt und durchgestanden haben. Unsere Erfahrungen haben uns stark gemacht. Heute sind wir unzertrennlich und können sagen: Hier stehen wir, ein Koloss! Ihr kriegt uns nicht klein.“

Neben ruhigen Halbakustik-Stücken wie ›Pearl Of The Stars‹ und fragilen Gebilden wie ›Far‹ stehen mächtige, von Schlagzeuger Chris Pennie voran-getriebene Songs wie ›World Of Lines‹. ›Shattered Symphony‹ zeigt Coheed and Cambria in Emo-Laune, während ›Guns Of Summer‹ und das fast schon hysterische ›In The Flame Of Error‹ die Hohe Schule des Prog verkörpern. Letzteres zählt zu Claudios Lieblingsstücken, stand irgendwo zu lesen. Warum eigentlich? „Naja, da gibt es diese Stelle im Text, wo dem Erzähler klar wird, dass er ein furchtbares Desaster angerichtet hat. Zugleich er-kennt er darin aber auch etwas… Schönes“, druckst er. „Manchmal ist das so: Dann entsteht aus einem Versehen oder einer Katastrophe etwas Ästhetisches. Das kann schreckliche Folgen haben, wie in dem Song, und trotzdem bleibt es ein beeindruckendes Schauspiel.“

Vorsicht. Der Komponist Karlheinz Stockhausen sagte Ähnliches über 9/11 – es sei das größte Kunstwerk aller Zeiten gewesen – und wurde danach seines Lebens nicht mehr froh… „Nein, ich würde mich nie an so was Furchtbarem intellektuell aufgeilen. Doch angesichts der Naturgewalt sind wir eben einfach nur klein. Darum zieht uns ein Großbrand auch magisch an. Und Feuer empfinden wir als wunderschön, wenn es sich im Gesicht eines geliebten Menschen spiegelt. Schrecken und Staunen, Ehrfurcht und Gelächter liegen als Reaktionen doch verdammt nah beieinander.“

Das definitive Wort in Sachen AMORY WARS soll dann der zeitgleich mit dem Album erscheinende 352-seitige Roman sein, der in Kollaboration mit dem Star Trek- und Marvel-Autor Peter David entstanden ist. Kleine Zwischenfrage: Kennt Claudio die ›Hyperion-Gesänge‹ von Dan Simmons? Das „Keywork“, das interstellare Verbindungsnetz, das Coheed und Cambria hüten, erinnert nämlich schwer an die Farcaster aus ›Hyperion‹ – einem von Künstlichen Intelligenzen erfundenen System von Abkürzungen durch das Raum-Zeit-Kontinuum, das zerstört werden muss, bevor weiteres Unheil geschieht. „Dan Simmons? Nee, nie gehört“, meint Claudio und schmeißt noch im Gespräch den Computer an. „Wow. Die Cover sehen ja wild aus!“ Er lacht eruptiv. „Ich glaube, das muss ich antesten. Klick, schon bestellt!“

Fakt ist, es gibt wenig Neues unter der Sci-Fi-Sonne. Dass Coheed and Cambria sich 2010 allmählich von den außer Rand und Band geratenen Schöpfern und Schöpfungen verabschieden und lieber die großen Fragen aufs Zwischenmenschliche herunterbrechen, wirkt da nur konsequent.

Aber bevor wir den Sack nun zubinden und mit Schrödingers Katze ins All schicken: Erwartet uns vielleicht nicht doch ein Pre-Prequel oder ein YEAR OF THE BLACK RAINBOW Teil 27b? Bei Claudio & Co. weiß man nie.
„Nein, nein!“ beteuert er. „Das war’s, wirklich, Ehrenwort. Zumindest, was diese Geschichte an-geht. Und für die Zukunft,“ kichert er. „fällt mir schon was ein. Ist ja immer so!“

Melanie Aschenbrenner

Joe Bonamassa – Q&A

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Joe Bonamassa 2010 2_Credit_Karen_Rosetzky_finalReife Leistung: Joe Bonamassa hat es nicht nur geschafft, sich vom Blues-Wunderkind zum international respektierten Gitarristen zu entwickeln, sondern dabei auch auf Augenhöhe mit den Legenden zu agieren.

Obwohl er gerade erst die 30er-Grenze überschritten hat, kann Joe Bonamassa schon auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Mit zarten zwölf Jahren ist dem Gitarrenvirtuosen bereits die Ehre zuteil geworden, eine Show für B.B. King zu eröffnen. Als er erstmals auf einem Album zu hören war, steckten gerade mal 17 Kerzen auf seiner Geburtstagstorte. Und er war damals nicht nur jung, sondern auch so talentiert, dass er es problemlos mit seinen damaligen Bloodline-Bandkollegen aufnehmen konnte, obwohl diese den Ruhm ihrer berühmten Väter (Miles Davis und Robby Krieger) zu ihrem Können hinzuaddieren konnten.

Inzwischen hat Joe Bonamassa es geschafft, sich als Solokünstler zu etablieren. Und mehr noch: Es ist ihm gelungen, seinen Kompositionen eine eigenständige, unverwechselbare Note zu verleihen, die ihm nicht nur eine wachsende Fan-Gemeinde, sondern auch Beifall von seinen großen Vorbildern beschert hat.

2010 aber ist für den Ausnahme-Gitarristen vielleicht das wichtigste Jahr seiner Karriere: Vor wenigen Tagen ist sein neues Album BLACK ROCK erschienen – die sage und schreibe neunte Platte innerhalb einer Dekade. Zudem spielt Bonamassa bei Black Country mit, der neuen Supergroup, in der auch Glenn Hughes, Derek Sherinian und Jason Bonham rocken. Bonamassa hat momentan so viel um die Ohren, dass man sich fragt, wann der Saitenheld eigentlich Zeit für so profane Dinge wie Schlaf oder Nahrungsaufnahme findet…

Joe, dein neues Album BLACK ROCK ist gerade erschienen – und sorgt erneut für Furore. Wie schaffst du es angesichts deines straffen Zeitplans, Raum für die Entwicklung neuer Ideen freizuschaufeln?
Ganz einfach: Ich habe versucht, mich mental wieder wie ein 18-Jähriger zu fühlen. Nachdem mein letztes Album THE BALLAD OF JOHN HENRY so erfolgreich war, dass ich sogar in der Londoner Royal Albert Hall auftreten konnte, musste ich einen Gang zurückschalten. Also habe ich mir gesagt: „Joe, stell dir einfach vor, wie es wäre, wenn du noch nie ein Album aufgenommen hättest. Wie würdest du dann an die Sache herangehen?“ Ich wollte mir also selbst beweisen, dass ich heute noch die gleiche Leidenschaft für Musik in mir trage wie damals.

Woran merkst du, dass dir das gelungen ist?
Zum Teil aufgrund der Reaktion der Fans. Außerdem habe ich eine sehr gute Beziehung zu meinem Produzenten Kevin Shirley: Ich kann ihm in die Augen sehen und weiß dann ganz genau, ob wir gerade einen Top-Song aufgenommen haben oder nicht. Mein schärfster Kritiker ist jedoch mein Vater. Da er aber zugleich auch mein größter Fan ist, kann ich mit Hilfe seiner Meinung immer abschätzen, ob ich auf dem richtigen Weg bin oder das Stück doch besser noch einmal überarbeiten sollte.

Du hast B.B. King als Gastmusiker gewonnen. Wie ist dir denn bitte dieses Kunststück gelungen?
Mr. King und ich kennen uns schon relativ lange. Allerdings hätte ich mich früher nie getraut, ihn um diese Ehre zu bitten. Doch dann bekam ich die Chance, auf einem Festival mit Steve Winwood ›The Low Spark Of High Heeled Boys‹ von Traffic zu covern. Es lief derart gut und machte so viel Spaß, dass ich danach mutig genug war, B.B. Kings Manager anzurufen und um einen Gastauftritt zu bitten. Und ich bin natürlich vor Freude in die Luft gesprungen, als er zusagte! Leider war ich gerade auf Tour, als er seine Parts für ›Night Life‹ einspielte. Er stand in Las Vegas im Studio, als ich in Luxemburg auf die Bühne ging… Aber er war so nett, das Textblatt für mich zu signieren und hat mir außerdem einen Brief geschrieben. Ich habe beides rahmen lassen und aufgehängt.

Mit ›Steal Your Heart Away‹ von Bobby Parker befindet sich auch eine interessante Coverversion auf dem neuen Album. Led Zeppelin hatten wohl einmal geplant, den Track auf einem ihrer frühen Alben zu veröffentlichen…
Ja, und es war Robert Plant, der mich auf die Idee gebracht hat, den Song nachzuspielen. Das Lied sollte eigentlich auf dem Zeppelin-Debüt erscheinen – die Band hatte ihn geprobt, dann aber doch nicht aufgenommen. Doch als Plant mir den Track empfohlen hat, war klar, dass ich mir die Sache auf jeden Fall überlegen sollte – wenn jemand wie er einem einen Rat gibt, hört man besser zu! Daher habe ich auch versucht, in dem Stück eine ähnliche Stimmung zu erzeugen wie der junge Jimmy Page. Dazu musste ich meine alte Telecaster wieder entmotten.

Neben deiner Solokarriere steht bei dir zurzeit auch das Black ­Country-Projekt auf dem Programm für 2010. Wie kam das Ganze eigentlich zu Stande?
Ich habe Glenn Hughes vor rund zwei Jahren kennengelernt, und im Grunde reden wir seither ständig darüber, gemeinsam Musik zu machen. Aber ich wollte, dass die Zusammenarbeit etwas Besonderes wird – nicht nur einfach ein kurzlebiges BonaHughes-Ding…

Als Glenn während meines Auftritts im „House Of Blues“ in L.A. auf die Bühne kam und mit mir ›Mistreated‹ von Deep Purple und ›Medusa‹ von seiner alten Band Trapeze zockte, war mir klar, dass er es ernst meinte. Kevin Shirley stand an diesem Abend im Publikum und war völlig begeistert. Er schlug vor, Jason und Derek in die Band zu holen. Und ehe wir uns versahen, saßen wir zu viert im ­Studio und arbeiteten an fünf neuen Songs.

Jason Bonham war es, der in einem Interview die Katze aus dem Sack gelassen hat, indem er alle Details zu eurem Projekt verriet. Wart ihr sauer auf ihn?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns nur gedacht: „Na gut, dann lasst uns jetzt einfach diese Platte fertigstellen!“ Und ich kann mit Stolz sagen: Sie hat viele extrem eigenständige Momente.

Singst du darauf auch?
Nur selten. Aber warum sollte ich auch – dafür haben wir schließlich Glenn! Das wäre ja sonst so, als würde ich mit einem Sternekoch ein Menü planen und dann alles selbst zubereiten, statt ihn die Sache in die Hand nehmen zu lassen…

Malcolm Dome

Axel Rudi Pell – Treuer Rocker

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Axel Rudi Pell 2010 4Er gibt sich auf der Straße liebend gern dem Rausch der Geschwindigkeit hin. Doch musikalisch
schlägt AXEL RUDI PELL gemäßigtere Töne an, wie sein aktuelles Album THE CREST beweist.

An sich liebt Axel Rudi Pell die Geschwindigkeit: Seit den großen Erfolgen des Formel 1-Piloten Michael Schumacher ist er bekennender Fan des vielfachen Weltmeisters, in seiner eigenen Garage in Bochum-Dahlhausen steht zudem ein silberfarbener Audi R8-Sportwagen. Viel mehr motorisierte Rasanz geht kaum. „Früher schwärmte ich wegen Schumacher auch für Ferrari, aber das hat sich nun ja erledigt“, erklärt er augenzwinkernd. Glücklich ist Pell mit dem aktuellen Engagement des deutschen Topfahrers bei Mercedes allerdings nicht: „Für mich sitzt da der richtige Typ im falschen Wagen.“

Als Musiker hingegen ist Axel Rudi Pell alles andere als ein bedingungsloser Hochgeschwindigkeitsfetischist. Der jahrelang im Hard Rock-Terrain zu beobachtende Trend nach immer schnelleren Gangarten, noch flinkeren Gitarrensoli und allzu hektischen Schlagzeug-Parts ist seine Sache nicht. Ganz im Gegenteil: Auf dem neuen Album THE CREST schlagen er und seine Band ein wohltuend gemäßigtes Tempo an. Mit ausdrücklichem Einverständnis von Trommler Mike Terrana wurden dabei Doublebass-Attacken sogar komplett gestrichen: „In Amerika geht der Trend wieder zurück zu weniger hektischen Grooves. Außerdem hat Mike mir gesagt, dass er den inflationären Einsatz von Doppelbass-Parts sowieso nicht mag.“

Für Pell sind es vor allem Melodien, die zählen – und die es in einen passenden Kontext zu stellen gilt. Ein übermäßig nervöses Ausagieren von Instrumenten aus Gründen reiner Selbstdarstellung wäre bei seinen Songs absolut fehl am Platz, zumal ihm mit dem Amerikaner Johnny Gioeli (ehemals Hardline) seit langem ein exzellenter Sänger zur Verfügung steht. Für Gioeli werden die Gesangslinien quasi auf Maß geschneidert: „Die grundlegenden Ideen stammen zwar von mir, aber Johnny hat einzelne Passagen auf sein Timbre abgestimmt“, so Pell.

Im Lager der Axel Rudi Pell Band herrscht absolutes Vertrauen unter-einander. Gioeli, Terrana, Bassist Volker Krawczak und Keyboarder Ferdy Doernberg arbeiten seit mehr als zehn Jahren mit Pell zusammen, eine Seltenheit im schnelllebigen Musikbusiness. Aber der Band-Chef ist ein loyaler Zeitgenosse, der seinen Kollegen ebenso treu bleibt wie seinem Idol Ritchie Blackmore, das ihn seit 35 Jahren inspiriert: „Am 23. März 1975, einem Ostermontag, sah ich zum ersten Mal Deep Purple auf einem Festival in der Dortmunder Westfalenhalle, von da an war ich fürs Leben infiziert.“ Es gibt in der Tat unerquicklichere Ansteckungen…

Matthias Mineur

Avantasia – Doppel mit Gästen

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Avantasia2010eEdguy-Frontmann Tobias Sammet wandelt nicht nur kompositorisch auf den Spuren seiner Jugendidole, er holt sie für sein Rockoper-Projekt AVANTASIA sogar vereinzelt ins Studio.

Es scheint, als ob es Tobias Sammet diesmal richtig wissen will: Die neueste Veröffentlichung seines Erfolgsprojektes Avantasia, eine Art Rockoper-­Starensemble mit wechselnden Gästen, erscheint gleich im Doppelpack. Die insgesamt 22 Songs des Werks verteilen sich nahezu gleichmäßig auf THE WICKED SYMPHONY und ANGEL OF BABYLON, verpackt zur Doppel-CD, aber auch kundenfreundlich als Einzelscheiben erhältlich. Und obwohl Sammet im eigentlichen Leben Sänger und Kopf der Melodic Metal-Band Edguy ist, deren Terminkalender durch weltweite Tourneen fast das ganze Jahr über randvoll ist, bereitet ihm sein Paralleluniversum Avantasia offenbar keinen zusätzlichen Stress: „Ich arbeite mittlerweile ökonomischer und bin gleichzeitig robuster geworden“, erklärt er. „Wenn ich das Gefühl habe, ich kann nicht mehr, dann lege ich auch schon mal eine zweiwöchige Pause ein. Ich hetze jetzt nicht mehr panisch gegen jeden Termindruck an, sondern teile mir meine Arbeit sorgfältig ein. Man wird zum Glück automatisch ent­spannter, je mehr Alben man veröffentlicht hat.“

Kann er auch sein, denn die bisherigen Avantasia-Veröffentlichungen ­landeten allesamt hoch in den Charts. Das liegt vor allem an Sammets profundem Songwriting: Geschickt mischt er klassischen Hard Rock und Melodic Metal und wagt sich dabei streckenweise sogar bis in bombastische Regionen à la BAT OUT OF HELL von Meat Loaf vor. Ein wichtiger Faktor im Erfolgskosmos von Avantasia ist aber natürlich auch die illustre Liste namhafter Gäste: Auf THE WICKED SYMPHONY/ANGEL OF BABYLON findet man neben den Sängern Tim Owens (ehemals Judas Priest), Michael Kiske (ehemals Helloween, Place Vendome), Jon Oliva (Savatage), Russell Allen (Symphony X), Jørn Lande (Masterplan) oder Bob Catley (Magnum) sowie den Instrumentalisten Eric Singer, Bruce Kulick (beide Kiss) oder Alex Holzwarth (Rhapsody Of Fire) auch den Scorpions-Fronter Klaus Meine.

Der bedankt sich bei seinem deutlich jüngeren Kollegen jetzt sogar auf gleich zwei Weisen: In Interviews lobpreist er Sammet als „riesiges Talent“ und prophezeit ihm eine ähnlich lange Karriere, wie er sie selbst erleben durfte. Außerdem wurden Sammet und seine Band Edguy von den Scor­pions kurzerhand ins Vorprogramm der aktuellen Europatournee gehievt. Man könnte bei diesen Konzerten also möglicherweise Zeuge einer Wach­ablösung werden, denn während Meine, Schenker & Co. im Frühjahr auf Abschiedstournee gehen, schickt sich Sammet mit Edguy und Avantasia an, Deutschlands Rock-Exportartikel Nummer eins zu werden. Und mit genau dieser Auszeichnung würde er dann ja die Scorpions beerben.

Scorpions – Stacheln im Fleisch

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Scorpions 2010 (3)Zum Abschluss ihrer Karriere hauen die SCORPIONS noch einmal richtig auf die Pauke: Die Band spielt erstmals seit etlichen Jahren wieder eine ausgedehnte Deutschland-Tour mit acht Gigs im Mai und Juni sowie drei weiteren Zusatzshows im Herbst. Zudem will sie mit ihrer neuen Platte STING IN THE TAIL nahtlos an die Erfolge ihre Achtziger-Klassiker anschließen.

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Im Bayerischen Hof, einem der renommiertesten Münchner Hotels, bestimmen barocke Wandteppiche, fun-kelnde Kristalllüster, schwere Brokatvorhänge und reich verzierte Vertäfelungen das Bild. Und inmitten dieser optischen Opulenz sitzen die Scorpions, genauer gesagt Klaus Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs. Sie geben heute ihre Abschiedsvorstellung für die Presse: Denn nach dem Willen der Band soll das aktuelle Album STING OF THE TAIL, das vor wenigen Tagen in Deutschland erschienen ist, ihr letztes Studiowerk sein.

Doch obwohl die Musiker die Entscheidung einstimmig und aus freien Stücken getroffen haben, erwecken sie den Eindruck, als würden sie selbst noch nicht daran glauben, dass nun wirklich das Ende ihrer über 40-jährigen Erfolgskarriere gekommen ist. Denn eigentlich läuft alles ab wie immer: Als die Drei den hauseigenen Festsaal mit dem klingenden Namen „Fürstensalon“ betreten, werden sie mit Blitzlichtgewitter begrüßt. Doch die Rocker, ganz Profis im Musikgeschäft, haben vorgesorgt und sich standesgemäß mit übergroßen Sonnenbrillen ausgestattet. Blinzeln im Rampenlicht gehört sich nicht. Ebenso gut gerüstet sind sie für Fragen nach ihrem Karriere-Ende. Das Wort „Rentner“ verbitten sie sich schmunzelnd. Und nein, „Pensionär“ wird auch nicht akzeptiert. Vielmehr sind alle heiß darauf, über die neuen Songs und die anstehende Welttournee zu sprechen – ganz so, als hätten sie gerade erst ihr Debüt veröffentlicht. Daher starten wir das Gespräch mit dem eigentlichen Anlass der Pressekonferenz und des anschließenden CLASSIC ROCK-Einzelgesprächs: dem neuen Album STING IN THE TAIL…

Klaus, Rudolf, Matthias, euer 19. Studioalbum ist gerade erschienen. Ihr habt darauf nicht mit einem US-Produzenten gearbeitet, sondern mit dem schwedischen Duo Mikael Andersson und Martin Hansen. Wie kamt ihr auf die beiden?
Rudolf Schenker: Wir wollten schon HUMANITY HOUR 1 mit ihnen aufnehmen und hatten auch schon längere Gespräche geführt. Doch dann fiel die Entscheidung, es doch lieber in Los Angeles mit Desmond Child zu versuchen. Diesmal wollten wir allerdings nicht mehr so lange von zu Hause weg sein, daher haben wir Mikael und Martin aus Schweden einfliegen lassen. Nur die Drums und der Gesang sind bei ihnen in Stockholm aufgenommen worden, der Rest ist in unserem Scorpio Sound-Studio bei Hannover entstanden. Wir wollten den Songs unbedingt einen europäischen Touch verleihen, nicht mehr so amerikanisch klingen. Dafür sind die beiden prädestiniert. Mikael ist außerdem ein Top-Gitarrist und großer Scorpions-Fan, während sich Martin exzellent in allen technischen Belangen auskennt. Außerdem sind wir der Meinung, dass es ein Vorteil ist, mit mehr als nur einem Produzenten zu arbeiten. Mikael und Martin haben sich immer untereinander abgestimmt, so dass das Ganze ein rundes, harmonisches Album geworden ist. Für mich bringt es die Essenz unserer Achtziger-Alben auf den Punkt, es vereint die besten Elemente von BLACK-OUT, LOVE AT FIRST STING oder SAVAGE AMÜSEMENT.

Matthias Jabs: Das sehe ich auch so. Der Sound ist sehr natürlich, und das, obwohl wir diesmal weniger Zeit im Studio verbracht haben als gewöhnlich. Ich denke, dass das neue Album in der Tat am ehesten mit LOVE AT FIRST STING zu vergleichen ist.

War während der Aufnahmephase schon klar, dass die Karriere der Scorpions mit STING OF THE TAIL zu Ende gehen wird?
Klaus Meine: Nein, denn es war unser Manager, der uns nach dem Abschluss der Recordings auf die Idee gebracht hat, die Band aufzulösen. Wir haben ihm nämlich alle erzählt, wie toll die Platte geworden ist. Daraufhin meinte er: „Sagt mal, wollt ihr nicht jetzt einen Schlussstrich ziehen, wo es super für euch läuft?“ Erst waren wir nicht über-zeugt, doch je länger wir darüber nachdachten, desto logischer erschien uns sein Vorschlag.

Aus dem wenig schmeichelhaften, aber nicht von der Hand zu weisenden Grund, dass irgendwann allein aus physischen Gründen Schluss sein muss?
Rudolf Schenker: Seien wir doch mal ehrlich: Die Scorpions sind eine klassische Live-Band. Wir springen seit 40 Jahren wie die Wilden auf der Bühne herum. Zwar halten wir uns fit und sind alle noch so gut in Form, dass das im Moment auch problemlos funktioniert. Doch wer weiß, ob wir das auch in zehn Jahren noch können. Vielleicht ja. Aber wenn nicht, dann wären wir Skorpione ohne Stachel. Das widerspricht der Einstellung der Band.
Klaus Meine: Außerdem fangen unsere Touren ja nicht in Flensburg an und hören in Passau auf. Wir sind international erfolgreich, spielen Shows in allen Teilen der Erde. Das macht wahnsinnig viel Spaß, raubt einem jedoch auch Energie.

Aber ihr habt ja in der Vergangenheit auch Akustik-Gigs gespielt. Das wäre doch vielleicht eine Alternative zur kraftraubenden Action-Rock-Show…
Rudolf Schenker: Mit den Berliner Philhar­monikern zusammenzuarbeiten und dann noch ACOUSTICA aufzunehmen, war eine tolle Erfahrung. Aber dieses Projekt ist zu Ende gegangen. Warum sollten wir es wiederbeleben? Zudem hat diese ruhigere Phase unsere Liebe zum Classic Rock wieder richtig neu entflammt.

Scorpions 2010 (1)Ihr habt in unzähligen Ländern der Welt gespielt, wart oft in Europa und den USA, aber auch mehrfach in Südamerika und Asien unterwegs. Nur nach Australien habt ihr es nie geschafft. Warum eigentlich?
Matthias Jabs: Am Ende der CRAZY WORLD-Tour hätten wir eigentlich noch ein paar Daten dranhängen sollen, aber damals waren wir zu erschöpft, um das durchziehen. Dafür werden wir diesen weißen Fleck auf der Scorpions-Live-Landkarte nun tilgen. Wir wollen STING OF THE TAIL auf allen fünf Kontinenten live präsentieren. Schließlich ist das unsere Abschiedstournee, und da soll jeder noch mal die Gelegenheit haben, uns rocken zu sehen.
Klaus Meine: Die deutschen Fans kommen übrigens gleich zwei Mal auf ihrer Kosten. Wir haben gerade mit unserem Booker beschlossen, nach der Tour im Mai noch einige Shows im Herbst nachzuschieben.

Das sind ja großartige Neuigkeiten. Doch was erwartet die Fans bei den hiesigen Gigs?
Matthias Jabs: Die Show enthält natürlich die Klassiker aus allen Phasen der Band-Geschichte, aber wir wollen den Schwerpunkt auf die Hits der Achtziger-Alben legen. Außerdem möchten wir die Scorpions-Pyramide wiederbeleben.

Klaus Meine (lacht): Dafür suchen wir aber noch einen dritten Mann…
Matthias Jabs: Wieso, willst du etwa nicht mit-machen?

Denkt ihr, dass nach der Tour, die sich immerhin einige Zeit hinziehen wird, wirklich endgültig Schluss sein wird?
Klaus Meine: Einen Tina-Turner-Effekt wird es bei uns jedenfalls nicht geben. Dazu hätten wir nämlich schon vor zehn Jahren die Band auflösen müssen. Dafür sind wir eindeutig zu spät dran. Niemand muss also befürchten, dass wir eine Reunion nach der anderen hinlegen.

STING IN THE TAIL wird also definitiv die letzte Scorpions-Veröffentlichung sein?
Matthias Jabs: Vielleicht nicht die letzte Veröffentlichung, denn ich möchte nicht ausschließen, dass wir nach dem Ende der Welttournee eine DVD mit Mitschnitten der besten Shows auf den Markt bringen. Aber ein weiteres Studioalbum ist nicht geplant.

Seid ihr traurig, dass ihr jetzt das Ende eurer Karriere vor euch seht?
Klaus Meine: Bis jetzt noch nicht, denn es liegen noch so viele schöne Dinge vor uns. Gerade sind wir auf Promotion-Reise in Deutschland, danach fliegen wir in die USA, im Mai startet die Tour und so weiter. Ich weiß noch gar nicht, ob oder wie stark mir die Scorpions fehlen werden, wenn das alles hinter uns liegt. Aber ich versuche, möglichst wenig daran zu denken, jetzt alles zu genießen und die Sache nicht zu emotional zu betrachten.

Gibt es einen Moment in eurer Karriere, an den ihr euch besonders gerne zurückerinnert?
Klaus Meine: Schwierige Frage. Fällt euch einer ein?
Schweigen in der Runde.
Klaus Meine: Nun, wir haben so viel erlebt, Höhen wie Tiefen. Das fällt es mir schwer, einen einzelnen Moment herauszupicken. Wenn ich für die Band spreche, dann muss ich hier natürlich unseren Auf-tritt im Kreml nennen. Der ist in gewisser Weise ja ein musikhistorisches Ereignis gewesen. Michail Gorbatschow, damals noch sowjetischer Präsident, und seine Familie haben uns zu einem privaten Gig in seinem Amtszimmer eingeladen. Das war im Dezember 1991, also kurz bevor die Flagge der UdSSR für immer eingeholt worden ist.

Seither ist viel Zeit vergangen, und es gab auch Phasen, in denen die Scorpions nicht so angesehen waren wie heute. Was hat euch da zum Weitermachen bewegt?
Klaus Meine: Ganz klar die Fans. Wenn man auf der Bühne steht und sieht, dass man den Menschen etwas Positives mitgeben kann, treibt einen das unglaublich an. Es ist Wahnsinn, dass wir zum Beispiel in Wladiwostok auftreten können und die Leute dort total ausflippen, weil wir da sind. So etwas gibt mir einen unglaublichen Energieschub. Daher habe ich lange Zeit überhaupt nicht ans Aufhören gedacht. Und auch jetzt habe ich, wie die anderen in der Band auch, viel vor.

Rudolf Schenker: Das Schönste ist ja, dass noch viele Ideen und Projekte auf uns warten, von denen wir im Moment noch gar nichts wissen. Wir können einfach die letzte Tour genießen und uns dann entspannt neuen Dingen widmen. Ganz ohne Druck, ohne Erwartungshaltung, ohne Grenzen. Das wird eine neue und sicherlich auch sehr schöne Erfahrung werden.

Es ist ein Novum, dass Hard Rock altert. Wie geht ihr damit um?
Klaus Meine: Die Scorpions werden jedenfalls nicht die Einzigen der „alten Garde“ sein, die sich in den nächsten Jahren zur Ruhe setzen. Aerosmith oder AC/DC wollen sicherlich auch nicht touren, bis sie von der Bühne fallen. Uns ist es wichtig, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen und bis zum Ende ordentlich zu rocken. Ich möchte, dass die Leute uns als die „Bad Boys Runnin’ Wild“ in Erinnerung behalten. Außerdem werde ich in einigen Jahren mit Sicherheit Probleme mit meiner Stimme bekommen. Ich singe heute noch in Tonlagen, die ich dann sicherlich nicht mehr erreichen kann. Es würde mir dann keinen Spaß mehr machen, die Songs zu singen, weil ich wüsste, dass ich sie nicht mehr so performen kann, wie ich eigentlich möchte. Mick Jagger zum Beispiel kann das noch – er ist zwar älter als ich, bewegt sich aber meist in anderen, tieferen Tonlagen. Da ist es leichter, die Stimme auch im höheren Alter auf einem Top-Niveau zu halten.

Kennt ihr denn deutsche Bands, die das Potenzial haben, euren Platz einzunehmen?
Klaus Meine: Edguy, die uns im Vorprogramm der Deutschland-Tournee begleiten, haben Talent. Ihr Frontmann Tobias Sammet ist gut, und wenn sich die Band anstrengt, kann sie es weit bringen. Ich habe schon mit Tobias zusammen-gearbeitet, und zwar bei seinem Nebenprojekt Avantasia. Er ist jetzt Anfang 30. Das war die Zeit, in der wir damals in Japan durchgestartet sind. Das müssen er und seine Jungs jetzt auch versuchen. Rammstein zum Beispiel sind da natürlich schon einen großen Schritt weiter. In meinen Augen ist die Band zwar immer noch jung, aber im Grunde sind sie jetzt schon richtige Stars. Was den wirklichen Nachwuchs angeht, also die unbekannteren Bands, bin ich allerdings überfragt. Mir fällt im Moment keine deutsche Band ein, die mir in letzter Zeit aufgefallen wäre. Schade eigentlich, denn es gibt hierzulande ja speziell im harten Musikbereich eine starke Fan-Gemeinde. An Publikumszuspruch mangelt es also nicht. Daher mein Appell: Leute, verbringt nicht so viel Zeit vor dem Computer, sondern schnappt euch ein Instrument und rockt los!

Petra Schurer

Taylor Hawkins

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Taylor Hawkins 2010_bearbeitetDer Foo Fighters-Schlagzeuger kann auch in seiner Freizeit nicht vom Rock lassen.

Taylor Hawkins ist zweifellos das, was man einen vielbeschäftigten Mann nennt. Seit 1997 trommelt er für die Foo Fighters, und das bedeutet vor allem eines: Er ist ständig unterwegs, denn Dave Grohls Kapelle zählt dank ausufernder Tourneepläne zu den Miles-And-More-Königen der Rockszene. Und wenn die Foo Fighters tatsächlich einmal pausieren, dann macht Taylor Hawkins – Musik. Mit seiner eigenen Band, Taylor Hawkins & The Coattail Riders. Wie zuletzt im Frühjahr des vergangenen Jahres, als er damit begann, die Songs für deren zweites Album RED LIGHT FEVER zu komponieren. Was ihn sogar zu tieferen Einsichten verhalf: „Etwa als die Hälfte der Songs fertig war, dachte ich mir: ‚Scheiß drauf, wenn das Album so klingt, als würde ich mit meiner Plattensammlung Sex haben!‘ Ich mache einfach so weiter und habe meinen Spaß.“

Fehlende Konsequenz kann man Oliver Hawkins, so sein bürgerlicher Name, also ganz gewiss nicht vorwerfen: RED LIGHT FEVER klingt tatsächlich wie eine große Liebes­erklärung an die Rockkultur der sechziger und vor allem siebziger Jahre. Gemeinsam mit dem Bassisten Chris Chaney und den Gitarristen Gannin Arnold und Nate Wood lädt der singende Trommler zum Streifzug durch Glampop und Hardrock, schaut kurz bei den Beatles vorbei und zollt auch noch seinen Teenie-Idolen Sweet Tribut. Der 38-Jährige, als echter Prog­rock-Liebhaber natürlich ein Fan von Queen, durfte im Studio zudem prominente Gäste begrüßen: Brian May und Roger Taylor gaben sich die Ehre, Elliot Easton von den Cars spielte mit – und Dave Grohl ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, seinem Schlagzeuger unter die Arme zu greifen.

Als Solo-Album versteht der gebürtige Texaner sein Nebenprojekt ohnehin nicht; schon als 2006 das Debüt von Taylor Hawkins & The Coattail Riders erschien, machte er einem australischen Interviewer klar, dass sein Name nur deshalb auf dem Cover stünde, weil es die Plattenfirma eben so wollte. Und auf die Frage, welche Musik er denn mache, antwortete er todernst: „Pop und Rock mit einer Prise Country, dazu Dark Metal mit Anleihen beim Disco-Rap.“ Alles glatt gelogen. Hawkins macht Rock’n’Roll. Sogar ziemlich guten.

Audrey Horne

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AudreyHorne_Cinema2_Credits_BorisDraschoffFür die Norweger zählt das Album als Ganzes, nicht einzelne Hits.

Eigentlich schätzen die meisten Menschen Audrey Horne falsch ein. Das liegt nicht an der Band, das liegt nicht an der Musik, sondern am Umfeld, in dem sich die Rocker aus der norwegischen Hafenstadt ­Bergen bewegen. Gitarrist und einer der wichtigs­ten Song­writer der Gruppe ist Arve Isdal, genannt Ice Dale. Er haut zugleich auch bei Enslaved, einer der renommiersten Bands im extremen Metal, in die Saiten.

Daher haben Audrey Horne oft das Problem, dass sie zwar aufgrund ihrer guten Kontakte häufig auf Tour gehen, aber meist nur mit wesentlich härteren Gruppen zusammenspielen können. Die mit Nieten und Patronengurt ausstaffierten Fans sind dann eher er­staunt, wenn die Vier ihren coolen, aber eben alles andere als brachialen Rock mit leichtem Grunge-Einschlag präsentieren. Doch die Norweger tun das einzig Richtige und lassen sich davon nicht beirren: War ihr letztes Album LE FOL noch über weitere Strecken mit einer melancholischer Note versehen, haben sich die Skandinavier für das neue Werk AUDREY HORNE verstärkt vom klassischen Hardrock inspirieren lassen.

Zudem hat die Band erstmals außerhalb ihrer Heimat auf­genommen, nämlich bei Joe Barresi (Queens Of The Stone Age) in Los Angeles. „Er hat uns gefordert, aber auf die entspannte, sanfte Tour“, berichtet Frontmann Torkjell „Toschie“ Rød. „Zudem hat er uns in unserem Ansatz bestärkt, die Songs nicht als einzelne, individuelle Elemente zu betrachten, sondern im Kontext. Die Platte ist so zu einer geschlossenen Einheit geworden, die sich nicht über einzelne Hits definiert, sondern als Ganzes wirkt.“ Diese Geschlossenheit will die Band mit dem Cover symbolisieren: „Es ist kreisförmig gestaltet, hat also keinen Anfang und kein Ende“, so Rød. „Stattdessen ist alles miteinander verbunden und bezieht dadurch eine neue Stärke.“

Fozzy

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Fozzy 2010Im richtigen Leben gibt Chris Jericho den harten Mann, doch in der Musik hat er kürzlich das Weiche für sich entdeckt.

Wenn Chris Jericho richtig viel Gefühl zeigt, dann war das bislang eine eher unerfreuliche Erfahrung. Zumindest für seine Sparringspartner. Doch fortan darf auch mal gemenschelt werden. Jericho, einst Weltmeister im Schwergewichts-Wrestling und seit gut zehn Jahren Sänger der Band Fozzy, kann in dieser Hinsicht jedenfalls Vollzug melden: „Auf unserem neuen Album wird es erstmals eine Ballade geben.“

Der Mann wird Ende dieses Jahres 40, eigentlich ein eher früher Start in die beginnende Altersmilde, doch allzu Gefühliges sollte man von CHASING THE GRAIL, dem vierten Album der texanischen Metaller, dann doch nicht erwarten.

Jericho und seine Kollegen Rich Ward (Gitarre), Sean Delson (Bass) und Frank Fontsere (Schlagzeug) sind noch immer harte Brocken, ihrem schlichten Haudrauf-Image sagen sie jetzt allerdings den Kampf an.

Nicht nur mit ›Broken Soul‹, laut Jericho eine „Southern Rock-Ballade im Stil der siebziger Jahre“, sondern auch mit ›Wormwood‹, knapp 14 Minuten lang und „vom Prog Rock inspiriert“. Weshalb der Kirchenchor der Episkopal-Ge­meinde von Charleston/South Carolina zum Einsatz kam. Und dann ist da noch ›Revival‹, laut Gitarrist Ward „vom Wunsch inspiriert, ein spiri­tuelleres Leben zu führen“. Bei zwei weiteren Songs durfte noch der Annihilator-Gitarrist Jeff Wa­ters solieren. Ward: „Das war Chris’ Idee, denn er ist mit Jeff eng befreundet“.

Und wer da meint, dass Wrest­ler konzeptbedingte Simpel sind, deren Fremdwortschatz sich auf „Hämatom“ und „Fraktur“ beschränkt, wird auch noch eines Besseren be­lehrt, denn Jericho benutzt ganz selbstverständlich ein dann doch recht seltenes Fachwort. Und was für eines: ›Paraskavedekatriaphobia (Friday The 13th)‹ lautet der zungenbrecherische Titel eines der zwölf neuen Stücke. Das könnte zwar auch Elbisch sein, ist aber tatsächlich der korrekte Fachbegriff für die Angst vor dem Freitag, den 13. Was es nicht alles gibt. Wieder was gelernt.

Uwe Schleifenbaum