0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1243

Steve Hackett – Q&A

0

Steve Hackett pic1 2010Es ist Zeit, die Lorbeeren zu ernten: Steve Hackett, zwischen 1971 und 1977 Gitarrist der Prog-Größen Genesis und späterer Mitbegründer der kurzlebigen Supergroup GTR, ist gerade aus New York zurück. Dort wurden er und seine Genesis-Kollegen in die „Rock and Rock Hall Of Fame” aufgenommen. Doch ausruhen will sich der einflussreiche Instrumentalist auf seinem Siebziger-Ruhm nicht – er verarbeitet lieber aktuelle private Widrigkeiten, und zwar auf seinem Soloalbum OUT OF THE TUNNEL’S MOUTH.

Der „Rock and Rock Hall Of Fame”-Laudator Trey Anastasio von Phish bezeichnete Genesis in seiner Rede als „rebellisch, ruhelos und immer nach Neuem strebend“. Damit kann er nur die Ära bis 1977 gemeint haben…
Danke, das nehme ich als Kompliment. Ich mag Musik, die sich ändert, die mich überrascht. Das gab’s schon in den Sechzigern, bei den Yardbirds, auch im Blues sind unerwartete Wendungen nichts Ungewöhnliches. Ich glaube, unser Progressive Rock war ein Destillat dieser Tendenzen. Wir haben das zum Konzept gemacht: Es ist wie ein Film, nur für die Ohren statt für die Augen. Deshalb ist auch der „Dance“ der einzige Musikstil, mit dem ich Schwierigkeiten habe, mit seiner „Four-To-The-Floor”-Bassdrum. Allerdings ist das ja nur der heutige Zustand der Tanzmusik – früher war das mal besser. Die GAVOTTE von Bach war ja auch zum Tanzen gedacht, nur eben für Tänzer des Barock.

Muss ein Rock-Gitarrist Kenntnisse in klassischer Musik haben?
Für mich war diese Kenntnis entscheidend. Zu Übungszwecken. Ich wurde von meinen Eltern nie zu klassischer Musik gezwungen, sondern habe es immer nur freiwillig gehört. Schließlich lieh mir jemand SEGOVIA PLAYS BACH aus, wo André Segovia einige Sui-ten auf der Gitarre nachspielt. Das war für mich, der ich vorher nur Bluesstücke geklimpert hatte, einfach unglaublich. Diese Intimität, diese Effizienz!

Es war allerdings religiöse Musik…
Da bin ich mir nicht mehr so sicher. In Bachs Leben war das Religiöse vielleicht eher ein Versteck, im Grunde also nicht so wichtig. Für mich ist er auch romantisch und persönlich, nicht nur der ent-rückte „El Supremo Barocko“. Seine „Chaconnes“ soll er weniger für Gott als für seine erste Frau geschrieben haben.

Das aktuelle Steve Hackett-Album OUT OF THE TUNNEL’S MOUTH ist auch sehr persönlich gefärbt. Fertig wurde es be­reits vergangenem Oktober, regulär veröffentlicht wird es erst jetzt. Warum?
Das hat auch mit einer Frau zu tun. Nämlich mit meiner Ex-Frau, die mit meinem Ex-Manager ein Verhältnis hat. Daraus resultieren viele Rechtsprobleme, ausgehend von den Verträgen, die ich abgeschlossen habe. Ich muss um jede meiner Veröffentlichung vor Gericht kämpfen.

Das klingt ja nach einer infernalischen Situation!
Infernalisch, ja, das ist ein Adjektiv, dass meine Lage sehr gut beschreibt. Das Album hat denn auch nicht zuletzt damit zu tun, dass mich diese Leute davon abhalten wollen, es zu veröffentlichen. Deshalb ist es so stark. Verzeihung, aber ich halte es für mein bisher bestes Rockalbum.

Es gibt die alte These, echte Kunst resultiere immer aus echten Problemen. Stimmt das?
Ich könnte darauf jetzt religiös antworten, aber ich sag’s mal so: Ohne diesen Kampf gegen die beiden hätte ich mich selbst nie so sehr verändert, wie es nun geschehen ist. Ich bin eigentlich jemand, der immer den Weg des geringsten Widerstandes sucht. Um mit der aktuellen Lage umgehen zu können, war ich gezwungen, mich zu ändern.

Das verstehe ich jetzt nicht ganz. Wieso denn bitte?
Nun, mit einem Spiel.

Einem Spiel?
Ja. Es fast schon unheimlich und geht so: Such dir drei Tiere aus, einfach so. Ich dachte an einen Hirsch, ein Eichhörnchen und einen Adler. Der Clou ist: Das erste Tier verrät, wie du dich selbst siehst. Das zweite Tier steht dafür, wie andere dich sehen. Und das dritte Tier symbolisiert, was du gerne sein willst. Also: Der Hirsch kämpft nur, wenn er dazu gedrängt wird. Das Eichhörnchen ist zahm, will einfach nur Erdnüsse essen. Aber der Adler repräsentiert maximale Mobilität bei minimaler Anstrengung. Er ist ein ökonomischer Jäger, Moral spielt für ihn keine Rolle. Es geht um absolute Präzision. Und niemand legt sich mit einem Adler an. Dieses Spiel ergibt also eigentlich ein individuelles Psycho-Profil und kann helfen, Dinge auf die Reihe zu bekommen. Ich kann es nur sehr empfehlen.

Ist Musik dabei eine Therapie?
Therapie, Psychologie, Katharsis, ja. Jeder Song, an dem ich gerade arbeite, ist für mich so etwas wie eine Rettungsleine. Spontane Perfomance ist mir dabei weniger wichtig als die Planung der Details. Im Kleinen zeigt sich die Größe einer Komposition. Auch andere Gitarristen arbeiten ähnlich, Brian May von Queen oder Steve Howe von Yes. Im Jazz mag das anders sein, aber klassische Musik verzeiht nichts. Blues kann und soll wild und zügellos sein, taugt aber nur etwas im Rahmen einer strengen Form. Da sind wir wieder bei der Klassik. Klassische Musik erzieht dich zu militärischer Disziplin.

Es gibt heute viele Bands, die mit solcher Präzision die Musik von Genesis oder Pink Floyd nachspielen…
Oh, ich liebe Tribute-Bands! Vor allem, weil sie meine Meinung bestätigen, dass der Progressive Rock dabei ist, zur klassischen Musik unserer Zeit zu werden. Ich bin vor 40 Jahren bei Genesis eingestiegen, und die Stücken werden heute noch gespielt! Es ist fast wie mit Glenn Miller. Oder wie mit alten Folk-Melodien vielleicht, wer weiß? Und wer weiß, was in wiederum 40 Jahren sein wird? Vielleicht ist es genau das, was wir meinen, wenn wir von „klassischem Rock“ spre-chen: ein Kanon, in dem sich allmählich herausbildet, was Bestand haben wird und was nicht.

Was wird denn Bestand haben?
Schwer zu sagen. Ich weiß ja nicht einmal, wie die Sache mit dem Progrock ausgehen wird. Ich interessiere mich für alte und neue Musik. Besonders reizt es mich, die alten Farben und Formen mit kraftvollen Gitarren zu kombinieren. Manchmal hat die elektrische Gitarre eine fast holzhafte Wirkung, wie eine Violine!

Jimmy Page malträtierte seine Gitarre gern mit einem Bogen…
Ja, und ich habe das auch manchmal gemacht! (lacht) Allerdings nur, weil die Gitarre dann klingt wie ein vorbeirauschender Güterzug!

Und was ist mit elektronischer Musik?
Mag ich! Ich glaube, jede Form von Rock ist eigentlich moderne, elektronische Musik. Ich unterscheide nicht so sehr zwischen Penderecki, Messiaen oder den Dingen, die Pete Townshend von The Who in den frühen Siebzigern mit dem Synthesizer angestellt hat. Was mich berührt, ist die Kombination aus Wucht und Präzision, egal in welchem Genre. Ich mag auch, wenn alles entgleist – diesen Kontrollverlust, der natürlich Kontrolle voraussetzt, die da verloren gehen kann.

Gerüchten zufolge wird es bald ein gemeinsames Album von Steve Hackett und Chris Squire geben, dem Bassisten von Yes. Es das wahr?
Ja, so ist es, wir sind gerade dabei. Aber es gibt keine Plattenfirma im Rücken, wir machen das zu Hause. Warum? Weil’s Spaß macht. Da geht es nicht um Verkäuflichkeit. Eines ist übrigens lustig: Wenn man mit Chris Songs schreibt, denn sie werden einfach immer länger und länger…

Im Hause Hackett steht bald ein runder Geburtstag an, der 60. – ist das Alter ein Thema?
Absolut. Gerade hatte ich mehrere Operation, rein gesundheitlich geht es jetzt besser. Neben den physischen Einschränkungen gibt es aber auch einen psychischen Gewinn: Man beginnt, sich fruchtbar mit der eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen, und stellt fest, was wichtig ist und was nicht.

Welche anderen Siebziger-Dinosaurier neben Genesis haben denn einen bleibenden Eindruck hinterlassen?
Ich erinnere mich zum Beispiel gerne an Keith Emerson, damals noch bei The Nice. Ich mochte seine Technik und war dabei, als er Leonard Bernsteins AMERICA im Hyde Park interpretierte. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, als er in der Einführung und im Schlussteil das ITALIENISCHE KONZERT für Cembalo von – und da wären wir schon wieder bei ihm – Bach einfließen ließ.

King Crimson waren groß, auch wegen Greg Lake. Von ELP hätte ich mir insgesamt mehr Melodien gewünscht. Das Gegenteil waren da Pink Floyd, die spielten immer langsam, immer harmonisch, extrem atmosphärisch und hatten spektakuläre Shows. Von Yes mochte ich den Song ›Roundabout‹ sehr gerne und ›Fish Out Of Water‹. Und Chris Squires Soloalbum hat mich dazu inspiriert, auch eigene Wege zu gehen. Beeindruckend fand ich auch Lindisfarne und vor allem Van der Graaf Generator, die waren sehr mächtig und uns allen weit voraus. Was mich daran erinnert, dass ich mich mal wieder mit denen zusammensetzen muss.

Diese Epoche ging schließlich mit dem Punk zu Ende…
Ich weiß noch, dass ich mir dieses Album von den Sex Pistols gekauft habe. Ich fand es lustig, hielt es für einen guten Witz. Was ich daran wirklich mochte, war der Minimalismus. Und ich ahnte nicht, dass es das Ende unserer Welt bedeuten könnte. Aber dann wurde aus dem Witz eine Bewegung, und zwar eine nihilistische. Ignoranz entwickelte sich zur Tugend, die Pose zur Attitüde. Musste denn alles weggeworfen werden? Ich weiß, dass viele das für eine gesunde Entwicklung hielten. Doch ich finde: Das Kind wurde hier mit dem Bade ausgeschüttet. Punk war das Ende jeder Form von echter Kameradschaft im Musikgeschäft.

Arno Frank

Paul Weller – Der wilde Fünfziger

0

Paul WellerGinge es nach „Modfather” Paul Weller, gehörten Politiker, Staatsoberhäupter und Casting-Show-Juroren auf den Mond geschossen. Nur dann, so der 51-Jährige, wäre endlich wieder Platz für soziales Gedankengut, wahres Talent und gute Musik. Wie die klingen könnte, verdeutlicht er mit seinem neuen Album WAKE UP THE NATION.

Wer ausgerechnet zur Eröffnung der Touristik­messe einen Promotag in Berlin ansetzt, ist entweder komplett verpeilt oder er lebt nach seinen eigenen Gesetzen – wie John William Weller. Der 51-Jährige war Gründer von The Jam und Style Council. Hat Album-Klassiker wie STANLEY ROAD oder WILD WOOD zu verantworten. Gilt als geistiger Ziehvater von Oasis. Als musikalisches Chamäleon und eine Art Premierminister des Brit Pop. Als solcher ist es dem fünffachen Vater völlig schnuppe, dass er hierzulande durchschnittlich 15.000 Exemplare pro Album verkauft und in jeder Großstadt vor denselben 1.000 Hardcore-Fans auftritt – wenn er zu einem raren Anstandsbesuch anreist, wird die Suite im Interconti gebucht, Deutschlands Musikpresse steht ehrfürchtig Spalier und beim Akustik-Set am Abend ist alles anwesend, was Mikro, Stift oder Gitarrensaiten halten kann – vom Spiegel-Redakteur bis zum Beatsteaks-Gitarristen.

Was Weller mit stoischer Gelassenheit zur Kenntnis nimmt – er weiß, dass er etwas Besonderes ist. Und das muss ihm nach 33 Jahren Musikbiz auch niemand mehr bestätigen. „Ich habe alles erreicht, wovon ich immer geträumt habe. Und dazu hat nie gezählt, Millionen von Alben in Deutschland zu verkaufen“, grinst er. „Was keineswegs heißt, dass mir das zuwider wäre – bislang hat es nur nicht funktioniert. Und ich bin nicht mehr in dem Alter, da ich mich in einen Bus hocke und so lange toure, bis jeder weiß, wer ich bin. Das habe ich hinter mir. Also konzentriere ich mich auf meine Heimat.“

Wo er mit jedem neuen Werk die vordersten Plätze der Charts erreicht, und – wie im aktuellen Fall – fünf Abende hintereinander die Royal Albert Hall füllt. „Das ist der Ritterschlag für jeden Musiker – eine Woche in diesem ehrwürdigen Gemäuer aufzutreten. Und das mit Orchester und Überraschungsgästen. Während der einzige Gig in Deutschland wieder in irgendeinem Club stattfindet. Natürlich ohne Orchester – ich verliere dabei ja schon genug Geld. Was wirklich schade ist.“

Woran sich aber auch mit WAKE UP THE NATION, seinem zehnten Solo-Epos, wenig ändern dürfte. Schließlich sind die 16 Stücke, die in seinem Black Barn Studio in Ripley (40 Autominuten westlich von London) entstanden, für den bundesdeutschen Massenkonsumenten schlicht­weg zu schrullig und verschroben, und richten sich somit primär an Insider – weniger an ein neues, junges Auditorium, das den Altmeister vielleicht gerade erst entdeckt. Was sich allein an der insularen inhaltlichen Ausrichtung der Songs festmachen lässt, in denen Weller unverhohlen gegen die Königsfamilie wettert („die Monarchie gehört abgeschafft“), Premierminister Gordon Brown attackiert („Das Schlimmste, was der Labour Party passieren konnte“), kein gutes Haar an der Londoner Verkehrspolitik lässt („ein einziger Stau“) und Casting-Shows wie „The X-Factor“ als Beleidigung des menschlichen Intellekts bezeichnet: „Das ist ein durchschnittlicher Gesangswettbewerb, der zu einem riesigen Event hochstilisiert wird. Und das zeigt dir, dass dieses Land in der Mittelmäßigkeit versinkt. Dass wir uns mit Plattitüden, Phrasen und Plastik abspeisen lassen und im Begriff sind, den Blick für die wichtigen Dinge zu verlieren. Also unsere kulturellen Werte, unseren Ruf als Wiege der Popmusik und unsere Vergangenheit als Nation der Abenteurer und Pioniere. Das dürfen wir nicht einfach über Bord werfen.“

Eine Botschaft, mit der er die Nation wachrütteln will, ehe Simon Cowell & Co. den Verstand von Millionen Menschen dumm-gespült haben. Und die er mit einem 70s Retro-Sound umsetzt, der zwischen Pub-Rock, Glam, Soul und Psychedelia variiert, mal die Walker Brothers („der beste Pop, der je geschrieben wurde“), The Move („die Helden meiner Jugend“), Bowie zu Ziggy Stardust-Zeiten („einfach visionär“) sowie T. Rex („viel zu früh gestorben, Mann“) zitiert, und mit Gästen wie Bev Bevan (ELO), Clem Cattini (legendärer Session-Drummer), Kevin Shields (My Bloody Valentine) oder Bruce Foxton aufwartet.

Letzterer war bis vor 28 Jahren Bassist in Wellers Band The Jam und hat seitdem ein eher gespanntes Verhältnis zu seinem ehemaligen Busenkumpel. Kein Wunder: Als Solist war er nie so erfolgreich wie Paul, musste sich bei Stiff Little Fingers über Wasser halten und gründete schließlich die Cover-Band From The Jam – wofür ihn Weller verklagte. Und doch: Der Tod von Foxtons Frau und Wellers Vater (und Ex-Manager) brachte die beiden wieder an einen Tisch. „Wir haben uns innerhalb kürzester Zeit bei zwei Beerdigungen getroffen. Und das ist eine Sache, die alles andere vergessen macht. Wir haben uns unterhalten und schließlich entschieden, wieder etwas zusammen zu machen. Womit ich meine, dass er auf zwei Songs meines Albums mitwirkt. Nicht, dass ich mit ihm The Jam reformiere. Denn das wird niemals passieren. Und weißt du, warum: Weil ich es schrecklich finde, überall diese alten Säcke zu sehen, die ihre Hits von damals spielen und so tun, als wären sie noch mal 20 oder 30 – was sie definitiv nicht sind. Da geht es nur ums Geldverdienen, und zwar mit reiner Nostalgie.“

Wofür Weller wenig Verständnis hat – selbst wenn auch er live den einen oder anderen Klassiker bringt, auf Motown-Soul und die Helden der Sechziger und Siebziger schwört und sich rein optisch als Reinkarnation eines Mods gefällt. „Ich liebe gute Anzüge, eng geschnittene Hemden und Wildlederschuhe – das ist immer noch in mir. Einfach, weil ich damit aufgewachsen bin. Und ob du es glaubst oder nicht: Ich würde gerne meine eigene Modelinie rausbringen. Denn ich habe viele Entwürfe und Skizzen, die nur noch jemand umsetzen müsste. Das Problem ist: Ich kenne niemanden in dieser Welt. Auch, wenn ich mich eigentlich sehr dafür interessiere.“ Und bereits etliche Modeverbrechen begangen habe…?

„Das auch. Da gibt es definitiv Outfits, auf die ich nicht besonders stolz bin. Gerade was die Achtziger betrifft. Aber weißt du was: Das sind alles Momentaufnahmen, die zeigen, wo ich damals war. Was ich gefühlt habe, und was mir wichtig war. Das habe ich immer mit meinem Look und meiner Musik zum Ausdruck gebracht. Insofern stehe ich dazu.“ Spricht’s und erweist sich als Mann mit Prinzipien.

Als solcher, so betont er, würde er niemals auf den Spuren von John Lydon und Iggy Pop wandeln, die derzeit im UK großflächige Werbung für irische Butter bzw. günstige Autoversicherungen machen, träumt nach wie vor von einem eigenen Label, mit dem er junge Nachwuchsbands fördern würde, preist die aktuellen Werke von Kasabian, The Enemy und Amy MacDonald, und nimmt Noel Gallagher für die Auflösung von Oasis in Schutz: „Ganz ehrlich? Ich denke, das ist das Beste, was er machen konnte – für Liam und ihn. Einfach, weil es zwischen den beiden nicht mehr funktioniert hat, und es Zeit für etwas Neues ist. Ich bin sehr gespannt, womit sie als nächstes aufwarten, denn ich habe ein paar von Liams Stücken gehört, und die sind einfach klasse. Insofern braucht man sich um ihn wirklich keine Sorgen zu machen. Und um Noel schon gar nicht.“

Womit die Audienz beim Modfather beendet ist – fast. Denn zu fortgeschrittener Stunde bittet er noch ins Wiener Blut, einer Kreuzberger Kneipe, wo er ein halbstündiges Akustik-Set aus alten und neuen Stücken zelebriert – auf einem Barhocker vor versammelter Medien- und Musikergilde, die ihm aufrichtigen Tribut zollt. Wie es sich für einen ganz Großen gehört…

Marcel Anders

Danko Jones

0

danko jonesMissverstanden und Spaß dabei: Danko Jones wildert gerne mal unter der Gürtellinie. Im Sommer auch im CLASSIC ROCK-Land.

Danko Jones hat ziemlich klare Vorstellungen davon, wie Rock’n’Roll funktioniert. Und wie nicht. „Leidenschaft“ ist der springende Punkt, da ist sich der kanadische Sänger und Gitarrist absolut sicher. Weshalb ihm auch jene Bands suspekt sind, die quasi aus dem Nichts auftauchen, die nie die harte Schule der mäßig besuchten Club-Gigs, der ruinös selbstfinanzierten Platten und semi-seriösen Labels durchlaufen haben. Danko Jones, der Band, wurde nie etwas geschenkt.

BELOW THE BELT heißt ihr neues Album, und dem sarkastischen Realismus hat Jones bis heute nicht ab-geschworen: elf Songs, produziert von Matt De Matteo und so herzhaft direkt wie eh und je. Was für die Musik gilt – getreu dem Motto, dass Bass, Gitarre und Schlag-zeug völlig ausreichen, um jede Menge Druck zu produzieren. Was aber natürlich auch die Texte betrifft, in denen Jones gewohnt drastisch Zwischen­menschliches ausbreitet. Moralisten werden Danko Jones’ Schlag unter die Gürtellinie wohl kaum goutieren, und gewiss wird wieder allerlei missverstanden werden. Ein italienisches Magazin war es, das einst behauptete, Danko Jones würde gerne in seinem Auto Jungfrauen beglücken, deren Freunde währenddessen im Kofferraum um Luft ringen.

Der Song ›Cadillac‹ benutzte zwar genau dieses Bild, war jedoch – nur ein Song. Darauf, dass Texte nicht zwangsläufig autobiografisch sein müssen, sei vor dem Konsum von BELOW THE BELT noch einmal explizit hingewiesen.

Doch das Image des Sexisten will genährt werden, und sei es nur mit dem oft kolportierten Hinweis, Jones habe einst in einem Porno-Shop gejobbt. Dass er seine Miete auch in einem Plattenladen verdiente und als Lagerarbeiter tätig war, bevor seine Kapelle in Schwung kam, wird nicht gar so oft erwähnt.

Am besten, man macht sich selbst ein Bild von Danko Jones, was in diesem Sommer auch nicht sonderlich ­schwer fallen dürfte: Acht Shows stehen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf dem Programm, los geht es am 12. Juni beim Nova Rock-Festival im österreichischen Nickelsdorf. Mit jedem Cadillac leicht zu erreichen.

Jochen Schreiber

Rock-Scout: Australiens Nachwuchs

0

Es braut sich was zusammen in Down Under: Wolfmother oder Airbourne zählen momentan zu den Überfliegern der boomenden australischen Rock-Szene, aber es gibt noch eine Menge mehr Riff-Leckereien vom anderen Ende der Welt anzutesten. CLASSIC ROCK hat die schmackhaftesten für euch zusammengestellt.

Der Weg an die Spitze der Rock’n’Roll-Bewegung ist steinig und weit – das wissen wir spätestens seit Bon Scott uns diese Weisheit in ›It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n’Roll)‹ mit auf unseren jugendlichen Weg gegeben hat. Selbst für uns Europäer, die mit Szene-Metropolen reichlich gesegnet sind, ist es alles andere als leicht, sich als Musiker durchs Leben zu schlagen. Doch Bon Scott und seine AC/DCs hatten es zu dem Zeitpunkt, als der Sänger diesen programmatischen Song ins Mikro röhrte, um ein Vielfaches schwerer. Australien existierte nicht auf der Landkarte der harten Riffs. Abgesehen von Johnny O’Keefe, der in den Fünfziger auf dem fünften Kontinent für Furore sorgte und ganz nebenbei auch Marihuana in Rocker-Kreisen salonfähig machte, gab es neben den Easybeats niemanden, der den Weg für AC/DC hätten ebnen können. Bon Scott, Angus und Malcolm Young, Cliff Williams und Phil Rudd mussten sich durchbeißen und so manches Lehrgeld zahlen, bis sie endlich den Rock-Olymp erreichten. Daher sind sie heute nicht nur eine der erfolgreichsten aktiven Bands, sondern gleichzeitig auch Pioniere.

Sie waren es, die es möglich gemacht haben, dass aus australischem Talent auch ein australischer Erfolg wird: Wolfmother, Jet, Airbourne oder The Vines profitieren heute schon davon, und eine ganze Riege hungriger Rocker wartet nun darauf, dass ihre große Chance kommt. Und die, so viel steht jetzt schon fest, werden sie ganz sicher nutzen. Für Electric Mary, Hell City Glamours, The Galvatrons, Juke Kartel oder Geisha geht es um alles oder nichts. Sie wollen nicht ihr Leben lang in biergetränkten Pubs riffen, sondern die internationalen Arenen erobern.

Die Leidenschaft für ehrliche, robuste Handarbeit liegt den Australiern im Blut – sie sind eine Nation von Einwanderern, die es gewohnt sind, nicht gerade auf Rosen gebettet zu werden. Sie mögen es direkt, solide, kraftvoll. Kurz: Rock ist ihr Ding.

Das bestätigt auch Oscar McBlack. „Australien ist ein Land der Arbeiter“, erklärt der Sänger der Hell City Glamours. „Und Rock’n’Roll gilt seit jeher als Musik der Arbeiterklasse. Dieses Rebellentum, das der harte Sound symbolisieren soll, passt also gut zu Down Under. Allerdings gab es nie eine große Rock-Bewegung, das Meiste hat sich im Underground abgespielt, jenseits des Geschmacks der breiten Masse.“

Daher ist es auch heute noch, trotz der kommerziellen Erfolge zahlreicher australischer Acts, für junge Bands nicht einfach, ihren Sound in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn von den Radiomachern werden sie nach wie vor ignoriert, so dass es kaum möglich ist, den klassischen Mainstream-Hörer zu erreichen. Das ist in anderen Ländern wesentlich einfa-cher, wie Airbourne-Manager Gregg Donovan berichtet: „Wir verkaufen überall dort viele Platten, wo die Presse sich intensiv mit Rock-Musik auseinander setzt. In England und Deutsch-land ist das zum Beispiel der Fall. Dort wird über die Band berichtet. In Australien dagegen passiert nichts, gar nichts. Abgesehen von einer treuen, aber kleinen Fanbase unterstützt uns niemand. Deswegen spielen wir in Großbritannien auch vor 20 Mal so vielen Leuten wie in unserer Heimat.“

Doch es ist nicht allein die fehlende mediale Unterstützung, die australischen Bands das Le-ben schwer macht. Denn wer im Geografie-Unterricht aufgepasst hat, der weiß, dass der Kontinent weit von den Rock-Zentren Europa und USA entfernt ist. Zudem ist es schlichtweg unmöglich, das Land innerhalb von wenigen Tagen im Van zu betouren – die Entfernungen sind zu groß. Für 15 – 20 Shows legt eine Band schon mal 20.000 Kilometer zurück, das ist anstrengend und noch dazu teuer, wie Dreadnaught-Gitarrist Richie Poate CLASSIC ROCK erzählt. Sein Kollege Johnny Driver von Devilrock Four hat dieselben Erfahrungen gemacht: „Es kostet enorm viel Geld, wenn man in ganz Australien spielen will. Und die Verantwortlichen bei den Labels sind nicht bereit, einen Vorschuss zu bezahlen. Noch nicht mal für Indie-Bands, geschweige denn für Rocker.“

Die einzige Unterstützung kommt, wie so oft, von den Fans. Australier lieben Live-Musik im Pub. Zwar gab es vor einigen Jahren den Trend, Poker-Automaten an die Stelle von Bühnen zu setzen, doch glücklicherweise konnten sich die Bar-Betreiber damit nicht langfristig durchsetzen. Jetzt wird wieder fleißig gerockt – und zwar speziell in Melbourne. In dessen renommierten Clubs, „The Corner“, „The Tote“ oder „Ding Dong“ zum Beispiel, haben sich bereits etliche Bands ihr Renommee errifft. Auch in der „Cherry Bar“ gehen Rockstars und -talente ein und aus. „Wir haben bis fünf Uhr morgens geöffnet“, verrät Mit-Inhaber James Young das Erfolgsrezept, „daher sind wir eine Anlaufstelle für alle, die es noch nicht nach Hause treibt. Viele junge Leute kommen nach Melbourne, um hier Gleichgesinnte kennenzu-lernen, die ebenfalls auf harten Sound stehen.“ Und so schließt sich der Kreis wieder: Die Kombination aus Bier, Frauen und geballter, zur Schau gestellter Männlichkeit ist seit jeher eine gefährliche, aber eben deshalb auch hochinteressante Mischung, die abenteuerlustige Menschen magisch anzieht. Und zwar nicht nur in Australien, sondern auf der gesamten Welt. Dass Melbourne, Sydney & Co. als Aushängeschilder dieses Lebensstils gelten, haben sie insbesondere AC/DC zu verdanken. Und daher ist ihnen der Respekt ihrer Landsleute auf ewig sicher, wie Johnny Galvatron von The Galvatrons vermutet: „Wenn jemand einen Volksentscheid forcieren würde, der Angus Young mit einem Paar Bullenhörnern als neues Symbol der australischen Nationalflagge etablieren könnte, bekäme er gigantischen Zuspruch!“

Text: Joe Matera

Die Talente

ROC142.ozrock.galvatronsTHE GALVATRONS
Wenn Devo sich mit Van Halen treffen und sich dann gemeinsam in „Transformers“-Sphären beamen, heißt das abenteuerliche Ergebnis: The Galvatrons. Diese Band hat vor allem ein Ziel: Sie möchte das Jahr 1984 immer und immer wieder erleben. Aber bitte nur in den größten Stadien!

HELL CITY GLAMOURS
Eines steht fest: Diese jungen Herrschaften aus Sydney wer-den im Laufe ihrer definitiv steilen Karriere keinen Mangel an Groupie-Material haben. Mit ihren Riff-Attacken im Stil der Hanoi Rocks überzeugen sie aber nicht nur die weibliche Publikumsbelegschaft, sondern auch die Jungs in den ersten Reihen.

THE DEVILROCK FOUR
Diese Vier gelten als die heißesten Anwärter auf die Nachfolge von Airbourne auf der Raketenabschlussrampe in Richtung Rock-Himmel. Obwohl: Himmel? Ach, Quatsch. In der Hölle kommt ihr Pub-erprobter Rock inklusive Götter-Hooks ­eigentlich viel besser.

THE LIGHtNING STRIKES
Wüst verzerrte Saitenorgien, gepaart mit jeder Menge Bock auf Dekadenz: Willkommen in der Welt der Lightning Strikes! Und wer die Posen von Bassist Bretthereberock näher unter die Lupe nimmt, wird schnell feststellen: Dieser Mann lebt den Rock’n’Roll. Und wer das nicht glaubt, so warnt die Band persönlich, der stürzt sich selbst ins Verderben. Amen.

JUKE KARTEL
Sänger Toby Rand hat sich bereits international einen kleinen Namen gemacht. Er nahm bei „Rock Star: Supernova“ teil, und obwohl er nicht gewonnen hat, sondern nur Dritter wurde, hat er doch Erfahrungen gesammelt, die ihm von Nutzen sein können. Der Sound der Band, die ihrem erdigen Rock auch Grunge- und Blues-Elemente beimischt, hat kommerzielles Potenzial. Zudem sind die Musiker ­inzwischen in die USA übergesiedelt, was das Touren erheblich erleichtert. Und mit Slash als Für­sprecher kann eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

ELECTRIC MARY
Die Melbourne-Rocker machen stilistisch eine tiefe Verbeugung vor Led Zeppelin, aber verstecken müssen sie sich nicht vor Plant & Co., denn einen (lokalen) Supportslot für Whitesnake bekommt man nicht so eben hinterher geworfen. Hier zahlten sich die Live-Qualitäten der Marys aus – eine energiegeladene Performance ist ihrer Meinung nach nämlich der Schlüssel zum Fan-Herz. In Kombi mit einem Bier natürlich.

BUGDUST
Noch eine Band, die eine Verbeugung wagt. Aber nicht vor den Zeps, sondern vor Mötley Crüe. Ihr Rezept: feeeeeette Gitarren und dreeeeeeeeckige Lyrics. Außerdem gibt’s ein extra Coolness-Sternchen für den humorvollen Song-Titel ›Girls Girls Girls Girls Girls‹.

Der Gründerväter

THE PICTURES

Mit ihrer Live-Show hätten sie selbst Pete Townshend beeindruckt – und das wäre für The Pictures der Ritterschlag ge-wesen. Denn The Who sind ihre Vorbilder – und das ist auch unüberhörbar. Doch trotz 68er-Frisuren und Hippie-Kleidung herrscht keine Friedenspfeifen-Atmosphäre: Band-Chef und Gitarrist Davey Lane weiß, wie er mit seiner Truppe den perfekten Rock-Cocktail aus Melodien, Verzerrung und Chaos mixen kann. Mhm, lecker…

GEISHA
In den Achtzigern war die Band um CLASSIC ROCK-Autor Joe Matera und Frontmann Chris Doheny die australische Antwort auf Duran Duran, doch jetzt haut die Band entfesselter in die Sai-ten. Und sie hat es geschafft, den legendären US-Produzenten Tom Werman (Mötley Crüe, Cheap Trick) aus seinem Ruhestandssessel zu holen. Damit dürfte einer rosig-rockigen Zukunft nichts mehr im Weg stehen.

GIANTS OF SCIENCE
Einfach mal laut aufdrehen und das Ganze dann mit einem rohen, orkanartigen Groove unterlegen – nein, das ist keine Schüler-Bandprobe. Es ist der dreiste Versuch, die Hellacopters mit den Queens Of The Stone Age vögeln zu lassen. Musikalisch natürlich. Doch wer weiß: Die Brisbane-Rocker sind nämlich nicht nur mit dem Willen zur Song-Wut gesegnet, sondern auch mit schwarzem Humor…

DREADNAUGHT
Sie sind das australische Pendant zu Anvil: Auch sie gelten als Szene-Ur­gesteine, ihre Wurzeln liegen im Thrash Metal, und sie haben trotz geschäftlicher Widrigkeiten nie aufgegeben. Und selbst wenn ihr aktuelles Album sich stilistisch etwas vom Rock entfernt hat, so sind und bleiben Dreadnaught doch ein essentieller Bestandteil der Heavy-Gemeinschaft auf dem ­fünften Kontinent.

Airbourne – Jung, wild und immer durstig

0

AIRBOURNE_0606_HR_RETUSCHENeben Wolfmother sind Airbourne zurzeit der heißeste australische Rock-Export – und das nicht nur, weil sie eine ähnliche Einstellung haben wie ihre Landsleute, die Riff-Pioniere AC/DC. Drummer Ryan O’Keeffe wagt einen ErfolgsErklärungsversuch.

Es gibt Menschen, die nächtelang überlegen, was die Zukunft wohl noch alles so für sie bereit halten wird. Oder sich das Hirn zermartern, weil sie in ihrer Jugend diese oder jene Entscheidung vielleicht doch besser anders getroffen hätten. Und es gibt Menschen, die einfach im Hier und Jetzt leben. Die genießen, was der Moment so für sie bereit hält, sich nicht grämen und auch keinen Gedanken daran verschwenden, ob sie die exzessive Party des gestrigen Abends vielleicht einen weiteren Monat ihres Lebens gekostet hat.

Airbourne fallen in diese Kategorie. Sie sagen Sätze wie „Wir werden niemals einen traurigen Song schreiben, denn wir haben keine dunkle Seite in uns“ oder „Rock’n’Roll darf man nie zu ernst nehmen, sonst fühlt sich die Musik unehrlich an“. Ziemlich große Worte für eine Truppe von Mittzwanzigern, die sich zwar schon seit sechs Jahren unermüdlich den Arsch abtourt, aber erst in denen vergangenen Monaten so richtig durch die Decke gegangen ist und so etwas wie „Star-Status“ erleben darf.

Doch die vier Australier haben, dicke Lippe hin oder her, genau die richtige Einstellung. Denn gerade für eine junge Band, die schnell international erfolgreich wird, ist zu viel Ernsthaftigkeit oft der Anfang vom Ende. Airbourne dagegen nehmen sich selbst den Druck. Sie legen Wert auf Spaß – für ihr Publikum, aber auch für sich selbst. Während der Aufnahmen zum aktuellen Album NO GUTS, NO GLORY haben sie sich in den Pubs von Chicago nächtelang hemmungslos betrunken, allerdings nicht aus Kummer über die Qualität des eigenen Song-Materials, sondern aus Gründen der Bodenhaftung. Sie wollten geerdet bleiben, um die Stücke später auch in der Live-Situation authentisch rüberbringen zu können. Keine besonders gesunde Methode, aber offensichtlich eine erfolgreiche. Denn nun, gut ein halbes Jahr nach den Recording-Trinkgelagen, präsentieren Airbourne ihre Hangover-Hymnen erstmals dem deutschen Publikum. Die Hallen sind voll – und das trotz des stattlichen Eintrittspreises von 30 Euro. „Wir kommen ehrlich rüber. Bei uns gibt es keine Mogelpackungen. Das lieben die Leute“, versucht Drummer Ryan O’Keeffe vor dem Auftritt in der Münchner Tonhalle das Airbourne-Phänomen zu enträtseln. „Außerdem sind wir eher eine Live- als eine Studio-Band. Die Essenz von Airbourne tritt auf der Bühne wesentlich schneller und direkter zu Tage als auf Platte. Im Grunde ist es so: Im Studio kreieren wir das Monster – und live lassen wir es dann frei!“

Inzwischen hat das Monster auch jede Menge Futter, denn es kommen mehr und mehr Fans zu den Konzerten. Das ist ein Segen, natürlich. In manchen Momenten aber auch ein Fluch. So muss Frontmann Joel O’Keeffe, der während der Show auch immer einige Zeit auf einem Bar-Tresen rockt, höllisch aufpassen, dass er bei seinem Ausflug in die Halle nicht den Anschluss verliert: Die Reichweite seines Gitarrensenders reicht nämlich inzwischen des Öfteren nicht mehr aus, wenn sich der Aussie-Rocker bis in den hinteren Teil des Venues durch-kämpfen muss. „Es ist krass“, erzählt sein jüngerer Bruder Ryan lachend, „er ist plötzlich nicht mehr zu hören und muss dann schnell zusehen, dass er wieder zurück nach vorne kommt. Das ist uns früher nicht passiert!“

Früher ist noch gar nicht so lange her. Da hieß es für die Band: ab in den Pub, Instrumente raus, los geht’s! Kein Soundcheck, kein stundenlanges Warten in zugigen Hallen, keine Interview-Termine. Dafür ein klassisches Rocker-Leben. Geld vom Staat, ab mit dem Scheck in die Kneipe nebenan. Und dann 13 Tage nur Brot und Reis, bis zum nächsten Zahltag. Nicht schön auf Dauer, aber mit dem nötigen Abstand (und Erfolg) dennoch eine coole Zeit, der Airbourne ab und an noch nachtrauern. So haben sie sich im Vorfeld der Aufnahmen zu NO GUTS, NO GLORY eigens in einem leer stehenden Pub eingemietet, um die Song-Ideen in der richtigen Umgebung zurechtzuschnitzen und das Gefühl für die Club-Atmosphäre nicht zu verlieren. Und wenn dann irgendwann wirklich gar nichts mehr ging in Sachen Kreativität: Gleich eine Tür weiter war ein weiterer Pub. Und da funktionierte die Zapfe noch…

Wem es bis hierhin noch nicht aufgefallen sein sollte: Airbourne lieben den kernigen, unprätentiösen Lebensstil ihrer australischen Heimat. Und genau der ist es, der sie und natürlich auch Ikonen wie AC/DC weltweit bekannt gemacht hat. Die Botschaft lautet: Bier und Rock, das gehört zusammen! Um das zu verstehen, braucht man keinen Hochschulabschluss. Und das ist wichtig in einem Land, das nach wie vor von den Regeln und Gepflogenheiten der Arbeiterklasse geprägt ist. Ehrliche Handarbeit zählt hier noch etwas – das erklärt auch den hohen Stellenwert von Rock’n’Roll. Allerdings bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Musik auch im Mainstream angekommen ist, wie Airbourne zu berichten wissen: „Es gibt kaum Unterstützung durch Radiosender oder Magazine. Daher haben wir noch nie eine größere Tour durch Australien gemacht“, so Ryan O’ Keeffe bedauernd. „Doch das soll sich mit NO GUTS, NO GLORY ändern!“

Doch so heimatverbunden die Rocker auch sind: Mindestens ebenso sehr freuen sie sich auch auf die neuen Erfahrungen, die sie auf ihren Tourneen im Ausland sammeln können. Die USA kennen sie inzwischen fast wie ihre Westentasche, in Europa gibt es jedoch noch eine Menge zu entdecken für die jungen Wilden aus Melbourne. Das Faszinierendste an Deutschland ist für sie momentan: Kuchen. Ja, Kuchen. „Wir lieben das Zeug“, jubelt der Schlagzeuger. „Heute haben wir vor der Show sechs große Torten geliefert bekommen. Die werden wir uns direkt nach dem Gig reinziehen. Sie schmecken wahnsinnig gut!“

Um den Kalorienmix aus Süßkram und Bier wieder abzutrainieren, müssen Airbourne im Anschluss an die hiesige Tour wohl auf der Bühne extra viel Action veranstalten. Doch eines steht fest: Schwer fallen wird es ihnen nicht, wie Ryan betont: „Live, live, live, so lautet unser Credo. Außerdem wollen wir mit Leidenschaft an die Sache herangehen! Denn wenn sich diese Einstellung auf die Leute überträgt, ist alles in Butter. Dann haben die Fans bei unserer Show eine gute Zeit, trinken ein Bier, rocken gemeinsam mit uns aus und kommen beim nächsten Mal wieder. So einfach ist das. Rock’n’Roll ist schließlich kein Hexenwerk.“

Petra Schurer

Iron Maiden

0

iron maiden denmarkDie britischen Metal-Ikonen wollen mit ihrem neuen Album Grenzen einreißen. Doch derweil gibt es für Frontmann Bruce Dickinson schlechte Nachrichten: Er ist seine BBC-Radioshow los.

Die beste Nachricht zuerst: Iron Maiden werden Ende August ihr 15. Studioalbum veröffent­lichen – inklusive eines rund­umerneuerten „Eddie“. Auch der Titel des Werks steht schon fest: Er wird THE FINAL FRONTIER lauten. Wie zu erwarten war, werden die Metal-Veteranen ihre neuen Songs natürlich auch live präsentieren. 27 Shows sind bislang bestätigt, Anfang Juni wird im „Superpages Center“ von Dallas der Startschuss für die Tour fallen.

So weit, so gut, doch dass in Nord­amerika ganze 22, in Europa jedoch nur fünf Konzerte geplant sind, trübt die Freude dann doch ein wenig. Aber immerhin werden Iron Maiden auch in Deutschland aufschlagen, konkret: Am 5. August als Headliner beim Wacken:Open: Air, was dann doch wieder eine sehr gute Nachricht ist. Ganz im Gegensatz zu dieser hier: Wie der britische „Guardian“ vermeldet hat, wird Bruce Dickinsons freitägliche „Rock Show“ auf dem Digital-Kanal BBC 6 Ende April eingestellt werden. Die Rock- und Metal-Sendung, für die Dickinson seit acht Jahren Prominenz und Newcomer ins Studio lädt, erfreue sich zwar großer Beliebtheit, so eine Sprecherin der BBC, passe jedoch leider nicht mehr ins Konzept. Man danke ihm für sein Engagement und be-dauere sehr.

Warme Worte, doch dahinter steckt eine kühle Kalkulation: Das Programm BBC 6, via Internet weltweit empfangbar, soll Ende nächsten Jahres aus Kostengründen komplett abgewickelt werden, Dickinsons Rauswurf ist nur der Anfang.
Der Iron Maiden-Sänger selbst hat sich bislang öffentlich noch nicht dazu geäußert. Langweilig wird es ihm gewiss auch ohne „Rock Show“ nicht werden. Denn es gibt ja auch gute Nachrichten. Siehe oben.

Jochen Schreiber

Zakk Wylde – Q&A

0

Zakk Wylde2009 musste er eine schwere Krankheit und seinen Rauswurf bei Ozzy verkraften. Doch Zakk Wylde nimmt’s gelassen, arbeitet mit seiner Black Label Society an einem neuen Album und philosophiert über die Freuden einer guten Flasche Bier.

Zakk Wylde ist ein Mann der Prinzipien: Er jammert nicht. Selbstmitleid ist ihm fremd, daher macht er über die Blutgerinnungsstörung, die ihn im vergangenen Jahr für mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt hat, nur ein paar flapsige Bemerkungen. Wylde betrachtet die Krankheit als eine „Prüfung Gottes“. Eine von vielen, wohlgemerkt. Daher lässt sie ihn weitgehend kalt. Viel mehr bekümmert ihn, dass er nun kein Bier mehr trinken darf. Das heißt: Die nächtelangen Jam-Sessions mit seinen Black Label Society-Kollegen gehören nun der Vergangenheit an. Aber der 43-jährige Gitarrist ist schlau genug, den Besäufnissen nicht weiter hinterherzutrauern, sondern sich statt­dessen eine Ersatzbefriedigung zu suchen…

Zakk, bist gerade im Studio, um das neue Black Label Society-Album einzuspielen. Es ist das erste Mal, dass du nüchtern Songs komponiert hast. Wie war das für dich?
Nun, schon anders. Früher habe ich ganze Nächte damit verbracht, mit meinen Band-Kumpels zu saufen und zu jammen. Aber wir haben uns zwar nicht sofort zugeschüttet, sondern langsam mit ein, zwei Bier pro Mann angefangen. Aber im Laufe des Abends wurden daraus dann doch zwei Kisten. Glücklicherweise waren wir am Anfang noch alle fit genug, um coole Ideen zu entwickeln. Auf den Mitschnitten dieser Sessions hört man nämlich deutlich den Unterschied zwischen „nüchtern“ und „besoffen“: Erst klingt alles super, doch dann übernimmt Onkel Alkohol das Regiment. Jeder liefert nur noch Müll ab, klopft sich aber selbst auf die Schulter – der Hammer… Doch das passierte immer nur während der Proben. Während wir im Studio waren, sah die Sache anders aus. Ich habe mich nie volllaufen lassen, wenn ich noch Gitarren-Parts einspielen musste. Also ist die Umstellung gar nicht so groß, wie sie vielleicht erscheinen mag.

Was ging in deinem Kopf vor, als die Ärzte bei dir eine Blutgerinnungsstörung diagnostiziert haben?
Nun, für mich ist das eine Prüfung Gottes. Und die hinterfrage ich nicht, sondern bin dankbar. Denn wer weiß: Vielleicht habe ich die Krankheit bekommen und ein kleines Mädchen ist stattdessen davon verschont geblieben? Ich versuche, mit möglichst viel Demut an die Sache heranzugehen. Diese Einstellung hatte ich schon immer. Und im Gegensatz zu manchen anderen Menschen musste ich auch nicht erst etwas Schlimmes erleben oder tun, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Ich habe schon Leute getroffen, die mir erzählten, dass es für sie die beste Erfahrung ihres Lebens war, im Gefängnis zu sitzen. Das erst hat sie dazu gebracht, über ihr Handeln nachdenken. Verdammt, ich muss doch nicht erst jemand schlagen oder ausrauben, um zu wissen, wie ich mich als anständiges Mitglied einer Gesellschaft zu verhalten habe! Daher sehe ich meine Krankheit als eine Art Stolperstein an, über den ich gefallen bin, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen einem Negatives widerfährt. Da muss man durch. Mit Black Label Society ist uns das schon oft passiert. Wir kamen uns vor, als würden wir vor einem riesigen Berg stehen, und es gab keinen Tunnel, der uns einfach, sicher und schnell auf die andere Seite geführt hätte. Daher mussten wir uns bemühen und selbst einen Weg finden, das Monster zu überwinden, also klettern oder drumherum laufen. Das Wichtigste war, in Bewegung zu blieben und nicht auf der Stelle zu treten. Selbstmitleid hilft niemandem. Wenn du am Boden bist, dann steh gefälligst schnell wieder auf und mach weiter!

Du hast es geschafft, dich wieder aufzuraffen. Aber ganz so wie früher wird es nicht mehr sein: Speziell auf Tour ist Bier und Schnaps immer im Überfluss vorhanden. Wirst du dann genauso rigide sein wie Metallica, wo es wegen James Hetfields Abstinenz backstage keinen Tropfen Alkohol gibt?
Nein, nein, um Gottes Willen. Ich gehe ja jetzt auch aus und bin oft in Bars unterwegs. Dann bestelle ich eben ein alkoholfreies Bier, ganz einfach. Mir gefällt es, unter Menschen zu sein, ein Schwätzchen zu halten und dabei ein kühles Getränk zu schlürfen. Nur dass das Getränk jetzt eben nicht mehr betrunken macht. Aber das ist in dem Moment zweitrangig – mir geht es beim PubBesuch um den sozialen Faktor, nicht ums Trinken. Das vermisse ich eher beim Jammen mit meinen Band-Kollegen, denn das war schon eine coole Sache: abhängen, ein Bier aufmachen, zocken, noch ein Bier aufmachen, gemeinsam Blödsinn machen und dabei immer voller werden… Und klar: Ich würde das gerne weiterhin machen.

Was hält dich davon ab?
Mein Doktor. Er hat zu mir gesagt: „Zakk, wenn du dir mit deinen Kumpels weiterhin bis morgens einen reintankst, wirst du eines Tages mit gigantischen Schmerzen aufwachen und aus dem Schwanz, deinem Arsch und allen möglichen anderen Körperöffnungen Blut herausfließen sehen!“ Da wusste ich, dass es vielleicht keine allzu gute Idee ist, weiterhin Sauftouren zu veranstalten. Dafür habe ich jetzt mehr Zeit für andere Dinge. Pussies lecken zum Beispiel. Außerdem bin ich in meinem Leben wahrlich schon oft genug voll gewesen. Meine Güte, als ich bei Ozzy eingestiegen bin, war ich noch nicht mal 20 Jahre alt. Daher habe ich es dementsprechend krachen lassen. Auf Tour natürlich am heftigsten – da musste ich schließlich nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren. Aber auch wenn ich nicht unterwegs war, habe ich trotzdem jeden Tag zumindest zwei, drei Bier getrunken und dazu Gitarre gespielt. Das war entspannend. Wie Meditation.

Kannst du dich eigentlich noch an alles erinnern, was auf den Ozzy-Touren passiert ist, oder hattest du viele Filmrisse?
Nur ganz, ganz wenige, die kann ich an einer Hand abzählen. Ich war immer derjenige, der am nächsten Morgen noch wusste, wer in der Nacht seinen Schwanz an der Hotelbar rausgeholt oder den Fernseher aus dem Fenster geworfen hatte.

Petra Schurer

Coheed and Cambria – Abrocken im Weltraum

Coheed & CambriaSie sind die Konsensgruppe für Rush-Fans, Headbanger und Warhammer 40K-Spieler. Eine Band, die so selbstvergessen wie selbstverliebt einen Klassiker nach dem anderen produziert. Und wen kümmert’s, ob das neue YEAR OF THE BLACK RAINBOW nun Alternative, Metal oder Prog ist? Der fünfte und letzte Teil der AMORY WARS-Saga ist vor allem eines: genial.

Die Antriebe weggeklappt, die Energieschilde gedrosselt: Coheed and Cambria haben soeben angedockt. Die Luftschleuse öffnet sich, herein schwebt, vollkommen zugewuchert, die imposante Gestalt von Bandchef Claudio Sanchez. Aus seinem Haarhelm schallt explosives Lachen – bloß so, zur Begrüßung, denn der New Yorker Spaceball ist verdammt gut drauf. Mr. Sanchez hat auch allen Grund zur Freude: Zehn Jahre nach ihrer Gründung sind Coheed and Cambria längst heimliche Superstars, und ihre AMORY WARS – ein Sci-Fi-Epos mit einer verwirrenden Latte von Darstellern, Schauplätzen und Spinoffs – zählen zum Besten, was die Nullerjahre zu bieten hatten: sei es als Platte, Comic oder DVD.

Für die Fans heißt es jetzt stark sein: Mit dem Prequel YEAR OF THE BLACK RAINBOW findet die endlos scheinende Oper um das Cyborg-Pärchen Coheed und Cambria Kilgannon doch noch ihr Ende. Letzte Puzzleteile fallen an ihre Plätze, Weichen für die (fiktive) Zukunft werden gestellt. Dann ist Schluss. Finito. „Ich bin momentan unentschieden, wie es mir bei dem Gedanken geht“, sagt Claudio. „Ob da nun mehr Stolz auf das Erreichte oder Wehmut mitschwingt. Nee, okay: Stolz. Mit dieser Kraft und Dynamik ist YEAR OF THE BLACK RAINBOW vermutlich unser am besten verwirklichtes Album.“ Sieht aus, als wären die New Yorker bei den Produzenten Atticus Ross (NIN, Jane’s Addiction) und Joe Barresi (Clutch, Queens Of The Stone Age) an der richtigen Adresse gewesen – beide gelten als Cracks, wenn es darum geht, harte Riffs und technisch-abstrakte Einsprengsel zusammenzubringen.

Und trotzdem ist etwas anders. Bei aller aufgefahrenen stilistischen Bandbreite klingen Coheed and Cambria diesmal, nun, leichter als sonst. Melodischer, bunter… Ja: auch zugänglicher. Das mag nicht jedem gefallen, verleiht YEAR OF THE BLACK RAINBOW aber eine helle, versöhnliche Note. Wenn man schon enden muss, dann auf einem Hoch? „Genau so!“ lacht Claudio. „Überhaupt haben wir das Songwriting diesmal eher fließen lassen. Es war alles nicht so zergrübelt. Ich habe mir einen Orange-Verstärker gekauft und tagelang nichts anderes getan, als mit dem Ding daheim auf der Treppe zu sitzen und rumzudaddeln. Dem Wabern eines Riffs hinterher zu hören. So nahm zum Bei-spiel ›The Broken‹ seinen Anfang – ich habe mich von diesem fetten Vintage-Sound inspirieren lassen.“ Die Umsetzung war dann typisch Coheed & Cambria – sprich, von hinten durch die Brust ins Auge: Statt den Riff auf der Gitarre zu spielen, singt (oder besser: nölt) ihn Claudio jetzt.

Doch so kompliziert ihr Kosmos auch ist – Musik für Gitarrenlehrer, wie oft gelästert wird, fabrizieren Coheed and Cambria immer noch nicht. „Wie wär’s, wenn wir uns einfach auf ‚kleinteilig‘ und ‚verspielt‘ einigen“, schlägt Claudio vor – und erinnert daran, dass weder er noch Gitarrist Travis Stever, das zweite Gründungsmitglied und der Haupt-Songwriter der Band, über eine akademische Musikausbildung verfügen: „Wir machen das hier zum Spaß. Ich habe mir zwar diesmal ein paar Aufgaben gestellt, neue Themen gesucht, die mich gefordert haben, aber bei Kompositionstheorie kriegen wir sofort Kopfweh – das geht nicht an uns.“ Alter Kokettierer…

„Nein, im Ernst, wir werden ständig als die Über-Nerds dargestellt. Und wer weiß, vielleicht stimmt das ja. Nur: Wo liegt das Problem, wenn jemand sich leidenschaftlich und kreativ mit etwas befasst? Die CDs sind jedenfalls nicht so hermetisch, wie viele behaupten. Und meine Lyrics funktionieren auch ohne den konzeptionellen Rahmen.“
Um von YEAR OF THE BLACK RAINBOW mitgerissen zu werden, muss man also kein Science-Fiction-Fan sein. Man braucht nicht mal alle Teile der AMORY WARS oder Claudios bei Image/Evil Ink veröffentlichte Comics zu Hause stehen zu haben. Das aktuelle Album funktioniert sogar, wenn es die einzige Coheed-Platte im Regal ist. Denn was der Workaholic mit seiner hohen, an Geddy Lee erinnernden Stimme auf dem Prequel singt, säuselt, schreit, behandelt im Grunde ganz universelle Fragen: Was zeichnet den Menschen aus? Was ist das, Liebe, und was bedeuten Verantwortung, Opferbereitschaft, Mut?

Dazu kommen diesmal eine Menge autobiografischer Momente. Von Anfang an hatte Claudio sich in die Story eingeschrieben, war in die Rolle des ältesten Sohns des Cyborg-Paars Coheed und Cambria geschlüpft. Nun ist aus dem spätpubertären Rollenspieler ein klassischer Songwriter geworden – und ein Erwachsener dazu. Das ist neu: Mr. Sanchez räumt auf einmal ein, dass er es nicht mehr nötig habe, sich wegzuträumen und hinter seinen Schöpfungen zu verstecken. Siehe dazu die hymnische, auf angenehme Art radiotaugliche erste Single ›Here We Are Juggernaut‹. Darin hat der 32-Jährige die Beziehung zu seiner Freundin aufgearbeitet, die er im letzten Herbst „endlich“ geheiratet hat. „In dem Song blicke ich auf unsere gemeinsame Zeit zurück. Auf alles, was wir zusammen erlebt und durchgestanden haben. Unsere Erfahrungen haben uns stark gemacht. Heute sind wir unzertrennlich und können sagen: Hier stehen wir, ein Koloss! Ihr kriegt uns nicht klein.“

Neben ruhigen Halbakustik-Stücken wie ›Pearl Of The Stars‹ und fragilen Gebilden wie ›Far‹ stehen mächtige, von Schlagzeuger Chris Pennie voran-getriebene Songs wie ›World Of Lines‹. ›Shattered Symphony‹ zeigt Coheed and Cambria in Emo-Laune, während ›Guns Of Summer‹ und das fast schon hysterische ›In The Flame Of Error‹ die Hohe Schule des Prog verkörpern. Letzteres zählt zu Claudios Lieblingsstücken, stand irgendwo zu lesen. Warum eigentlich? „Naja, da gibt es diese Stelle im Text, wo dem Erzähler klar wird, dass er ein furchtbares Desaster angerichtet hat. Zugleich er-kennt er darin aber auch etwas… Schönes“, druckst er. „Manchmal ist das so: Dann entsteht aus einem Versehen oder einer Katastrophe etwas Ästhetisches. Das kann schreckliche Folgen haben, wie in dem Song, und trotzdem bleibt es ein beeindruckendes Schauspiel.“

Vorsicht. Der Komponist Karlheinz Stockhausen sagte Ähnliches über 9/11 – es sei das größte Kunstwerk aller Zeiten gewesen – und wurde danach seines Lebens nicht mehr froh… „Nein, ich würde mich nie an so was Furchtbarem intellektuell aufgeilen. Doch angesichts der Naturgewalt sind wir eben einfach nur klein. Darum zieht uns ein Großbrand auch magisch an. Und Feuer empfinden wir als wunderschön, wenn es sich im Gesicht eines geliebten Menschen spiegelt. Schrecken und Staunen, Ehrfurcht und Gelächter liegen als Reaktionen doch verdammt nah beieinander.“

Das definitive Wort in Sachen AMORY WARS soll dann der zeitgleich mit dem Album erscheinende 352-seitige Roman sein, der in Kollaboration mit dem Star Trek- und Marvel-Autor Peter David entstanden ist. Kleine Zwischenfrage: Kennt Claudio die ›Hyperion-Gesänge‹ von Dan Simmons? Das „Keywork“, das interstellare Verbindungsnetz, das Coheed und Cambria hüten, erinnert nämlich schwer an die Farcaster aus ›Hyperion‹ – einem von Künstlichen Intelligenzen erfundenen System von Abkürzungen durch das Raum-Zeit-Kontinuum, das zerstört werden muss, bevor weiteres Unheil geschieht. „Dan Simmons? Nee, nie gehört“, meint Claudio und schmeißt noch im Gespräch den Computer an. „Wow. Die Cover sehen ja wild aus!“ Er lacht eruptiv. „Ich glaube, das muss ich antesten. Klick, schon bestellt!“

Fakt ist, es gibt wenig Neues unter der Sci-Fi-Sonne. Dass Coheed and Cambria sich 2010 allmählich von den außer Rand und Band geratenen Schöpfern und Schöpfungen verabschieden und lieber die großen Fragen aufs Zwischenmenschliche herunterbrechen, wirkt da nur konsequent.

Aber bevor wir den Sack nun zubinden und mit Schrödingers Katze ins All schicken: Erwartet uns vielleicht nicht doch ein Pre-Prequel oder ein YEAR OF THE BLACK RAINBOW Teil 27b? Bei Claudio & Co. weiß man nie.
„Nein, nein!“ beteuert er. „Das war’s, wirklich, Ehrenwort. Zumindest, was diese Geschichte an-geht. Und für die Zukunft,“ kichert er. „fällt mir schon was ein. Ist ja immer so!“

Melanie Aschenbrenner