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Start Blog Seite 1208

Rush – Permanent Waves

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rush01Mit der Veröffentlichung von PERMANENT WAVES platzte für Rush in vielerlei Hinsicht der Knoten. Das Album stieg umgehend auf Platz fünf der US-Charts ein – ein mehr als respektables Ergebnis. Zu-dem konnte sich die Band endlich eine Pause gönnen – was bitter notwendig war, hatten doch die anstrengenden HEMISPHERES-Sessions und die darauffolgende, nicht min-der aufreibende Tournee die Band an den Rand der Erschöpfung getrieben. Mit ›The Spirit Of Radio‹ gelang ihnen zudem auch international ein Hit – was dem Trio bewies, dass ihre neue Songwriting-Strategie aufging: Rush hatten sich bemüht, die Komplexität ihrer Stücke etwas zu reduzieren, dafür aber die einzelnen Passagen präziser auszugestalten.

Die Magie des Materials ist bis heute erhalten geblieben – selbst die Komponisten entdecken sie immer wieder neu für sich, nicht zuletzt bei Proben für eine Tour. Dann graben sie die Stücke nämlich nicht nur aus, sondern entwickeln sie kontinuierlich weiter. Selbst andere Bands versuchen sich gerne an PERMANENT WAVE-Tracks, wie etwa die Briten Catherine Wheel. Doch in derselben Liga wie ihre Vorbilder spielen sie deshalb noch nicht: Ihre Version ist durchaus gelungen, doch fehlen einige Passagen des Originals – man konnte Rush einfach nicht nachspielen…

Def Leppard – Sänger Joe Elliott schwärmt von 1980er-Premiere im Studio

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def leppard07 2008 - CMS SourceAls wir ON THROUGH THE NIGHT einspielten, war Rick Allen gerade mal 15 und ich 19 – und wir durften im Tittenhurst Park unser Debüt aufnehmen, also in dem Anwesen, in dem John Lennon gelebt hatte. Wir losten, wer in Lennons Schlafzimmer übernachten durfte – und ich gewann. Als wir mit unseren Aufnahmen begannen, waren Dr. Hook gerade dabei, ihre Sachen zu packen. Ihr Sänger Ray Sawyer, der Mann mit der Augenklappe, hatte jedoch noch Zeit für eine Runde Billard. Und ich schlug ihn! Ganz nebenbei brachte er mich auch noch dazu, das allererste Mal Gras zu rauchen…

Schließlich gingen wir an die Arbeit. Tom Allon, der schon Erfahrung mit Judas Priest gesammelt hatte, war unser Produzent. Allons Ansatz lautete: Das Wichtigste bei den Aufnahmen ist Teamgeist. Also sorgte er für gute Stimmung – bei uns und bei sich selbst. Ich habe zu Hause noch ein Foto von ihm, wo er sich mit roten Bäckchen eine neue Flasche aufmacht… Wenn ich heute darüber nachdenke, wäre es wohl besser gewesen, keine so entspannte Atmosphäre zu schaffen. Es war wie ein Schulausflug, obwohl uns ein Bootcamp besser getan hätte. Dennoch ist ON THROUGH THE NIGHT ein respektables Album geworden. Ich mag ›Rock’s Brigade‹, auch wenn der Text dämlich ist. ›Overture‹ erinnert mich an Rush, hat aber einige wirklich coole Passagen. Bei Ufo haben wir auch geklaut – nämlich in ›When The Walls Come Tumbling Down‹. ›It Don’t Matter‹ hingegen deutet an, in welche Richtung wir künftig gehen wollten; der Song hätte auch auf PYROMANIA gepasst. Allerdings bekamen wir zunächst den Sound der Glocke nicht richtig hin. Also liefen wir in die Küche und schnappten uns einen Kessel. Und siehe da: Es funktionierte! Am nächsten Morgen gab’s aber Ärger. Wir hatten eine fette Delle hinterlassen, und die Köchin machte uns die Hölle heiß!

UFO – No Place To Run

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UFO_-_No_Place_To_Run_-_FrontDas Line-up mit Michael Schenker gilt Ufo-Fans gemeinhin als die beste Besetzung. Doch eines war sie mit Sicherheit nicht: die unkomplizierteste. Schenker konnte zwar mit begnadeten Saitenkünsten glänzen, aber auch mit Abwesenheit. So ließ er die Kollegen während der 1977er-US-Tour mit Rush einfach im Regen stehen und verschwand – natürlich ohne sich vorher ab-gemeldet zu haben. Nach Schenkers Abgang Ende ’78 übernahm Paul Chapman (Lone Star) seinen Posten – und mit ihm, einem ebenso zuverlässigen wie talentierten Gitarristen, ging es für die Band steil aufwärts. Nach einem Jahr auf Tour perfekt aufeinander eingespielt, gelang der Band im Januar ’80 mit NO PLACE TO RUN ein Album, das nicht nur mit seiner Musik, sondern auch in Sachen Cover-Gestaltung von sich reden machte: Die Band posiert in klassischem Rocker-Outfit – Jeansjacke, Stretchhose, weiße Turnschuhe. Willkommen in den Achtzigern! Und auch die Songs sind handfeste Rock-Kracher: Nach dem Instrumental-Opener ›Alpha Centauri‹ brettert ›Lettin’ Go‹ aus der Anlage und stellt klar, dass Ufo nun gewillt sind, die Riff-Welt im Sturm zu erobern. Das gelingt der Band auch, denn die anschließende US-Tour läuft hervorragend. „Wir konnten erstmals als Headliner auftreten“, erinnert sich Chapman, „und auch das Album stieg hoch in die Charts ein. Noch heute sprechen mich viele Leute auf die Scheibe an und sagen, dass sie NO PLACE TO RUN für die beste Ufo-Platte aller Zeiten halten.“

Ein Grund für den Erfolg dürfte auch die exzellente Produktion sein: Da die Plattenfirma bereit war, einen saftigen Vorschuss zu zahlen, konnte die Band Beatles-Produzent Geor-ge Martin engagieren. Er verpasste dem Album den richtigen Schliff, hatte jedoch in Sachen Single-Hit keinen Erfolg – obwohl er eigentlich vom Label genau deshalb engagiert worden war. Doch gegen die Renitenz von Ufo kam selbst ein Profi wie er nicht an: verbissene Arbeit an den Song-Details, gerne – aber bloß keine glatte Radionummer!

Dennoch zählt NO PLACE TO RUN – neben OBSESSION, dem letzten Werk mit Schenker – zu den besten Ufo-Veröffentlichungen. Doch neben allem Stolz auf den Applaus, den Ufo einheimsen konnten, hat Chapman auch negative Erinnerungen an diese Zeit. „Wir mussten ständig touren und versuchten, aus den zwölf Monaten eines Jahres 15 zu machen. Es war enorm stressig. Und reich sind wir mit NO PLACE TO RUN auch nicht geworden. Doch das ist unsere eigene Schuld, denn wir haben die Kohle zum Fenster rausgeworfen. Aber welcher junge Musiker denkt schon daran, was in 20 Jahren sein wird? Und diejenigen, die das tun, sind vielleicht finanziell abgesichert – dafür aber totale Langweiler.“

Black Sabbath – Höllischer Neustart

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Black Sabbath 07Sie verlieren zwar Ozzy, gewinnen aber Ronnie James Dio. Mit ihm veröffentlichen Black Sabbath im Jahr 1980 eines der herausragendsten Heavy Metal-Alben aller Zeiten: HEAVEN AND HELL.

Es passiert im Sommer 1979: Black Sabbath feuern ihren Frontmann Ozzy Osbourne. Der Sänger muss fortan eigene Wege gehen. Zunächst will er es nicht wahrhaben. Schließlich hatte er schon zwei Jahre zuvor eine heftige Auseinandersetzung mit seinen Kollegen, in deren Folge er Black Sabbath den Rücken kehrte. Damals ging er aus freien Stücken – nur um zwei Monate später reumütig zurückzukehren.

Das funkioniert nun nicht mehr. Er kann den Rauswurf nicht verhindern, die Entscheidung der verbliebenen Musiker steht fest: Sie wollen endgültig Fakten schaffen. Osbourne darf nicht wiederkommen – zumindest nicht bis zum Sommer 1997, als die wiedervereinte Band (minus Drummer Bill Ward) als Headliner beim Ozzfest antritt.

1979 jedoch kann der Geschasste noch nicht ahnen, dass er je wieder eine Bühne mit Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward teilen wird. Er ist verletzt und deprimiert. Und er tut das, was man in dieser Situation von ihm erwarten würde. Ozzy schließt sich in einem Zimmer des „Le Parc“-Hotels in Los Angeles ein, dröhnt sich hemmungslos zu und wagt sich nur noch sporadisch ans Tages­licht. Monate ziehen so ins Land. Schließlich nimmt sich Sharon Arden seiner an – sie begleicht einen Teil seiner Schulden, übernimmt sein Management und überredet ihn dazu, eine Solokarriere zu starten. Ohne sie, seine spätere Frau, wäre Osbourne heute wahrscheinlich tot, zumindest aber in Vergessenheit geraten.

Während Ozzy seinen Schmerz betäubt und in Selbstmitleid versinkt, suchen seine früheren Kameraden nach einem neuen Frontmann. Im Grunde ist schnell klar, dass nur ein Kandidat in Frage kommt: der ehemalige Rainbow-Sänger Ronnie James Dio.

Mit ihm spielt die Band HEAVEN AND HELL ein, eine der wichtigsten Heavy Metal-Platten aller Zeiten. Sie scheint im April 1980, fünf Monate vor Ozzys Solo-Debüt BLIZZARD OF OZ.

HEAVEN AND HELL überrascht die Fans und Kritiker gleichermaßen. Niemand hätte der Band ein derart fulminantes Comeback zugetraut, die meisten rechnen mit einem unrühmlichen Niedergang. Doch Black Sabbath gelingt es, aus der Asche ihres Siebziger-Ruhms eine neue Band zu formen, die zwar nach wie vor denselben Namen trägt, im Inneren aber gänzlich anders funktioniert als zuvor. Black Sabbath mit Dio – das ist Wiedergeburt in ihrer reinsten Form.

Wie die Musiker selbst die damalige Zeit erlebt haben und welche bizarren Erlebnisse ihnen in ihren Anfangstagen als „neue Sabbath“ widerfahren sind, erklären Tony Iommi, Ronnie James Dio, Geezer Butler und Vinny Appice im CLASSIC ROCK-Gespräch.

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Geezer Butler: Mit Ozzy gab es schon seit Ewigkeiten Probleme. Uns war allen klar, dass er die Band verlassen musste, um wieder klar denken zu können und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Das hatte er 1977 bereits versucht, dann aber nicht durchgehalten. Doch so ging es nicht weiter – Black Sabbath starben einen langsamen Tod.

Tony Iommi: Wir haben es gerade mal so geschafft, NEVER SAY DIE fertig zu stellen. Aber was heißt fertig stellen… Im Grunde mussten wir die Songs buchstäblich zusammenkratzen. Sie klangen alle völlig orientierungslos und beliebig.

Geezer Butler: Ozzy hatte keinerlei Interesse an den Songs. Tony, Bill und ich mussten die gesamte Arbeit allein erledigen. Es blieb uns gar nichts anders übrig, denn die Plattenfirma hatte Geld investiert und saß uns im Nacken. Also machten wir weiter.

Tony Iommi: Die Label-Leute saßen mir ständig im Nacken, da ich der Einzige war, der überhaupt mit ihnen redete. Sie fragten mich immer und immer wieder, wie wir denn mit den Aufnahmen vorankommen würden. Ich vertröstete sie von einer Woche auf die nächste. Und natürlich konnte dort niemand verstehen, dass wir nicht mehr mit Ozzy zusammenarbeiten wollten. Sie sagten zu mir: „Warum macht ihr nicht einfach weiter wie bisher und sackt die Kohle ein?“ Dass das Ganze musikalisch überhaupt keinen Sinn mehr ergab, verstand kein Mensch.
Geezer Butler: Als wir uns endlich dazu durchgerungen hatten, Ozzy vor die Tür zu setzen, erzählte uns Tony, dass er mit diesem großartigen Sänger namens Ronnie James Dio gesprochen und ihn zu einem Jam eingeladen hätte. Ronnie kam vorbei, und wir stimmten ›Children Of The Sea‹ an, ein Blues-Cover, mit dem wir uns öfter warm spielten. Es war unglaublich! Da hatten wir sechs Monate lang untätig herumgesessen, und plötzlich tauchte dieser Kerl auf, der innerhalb von Sekunden alles veränderte.

Tony Iommi: Es war, als hätten wir unser Leben zurückbekommen.

Ronnie James Dio: Eigentlich bin ich kein Typ, der zu einem klassischen Vorsingen antritt. Aber das war eine andere Situation: Black Sabbath haben mich auf Herz und Nieren geprüft, doch ich stand nicht einfach nur tatenlos daneben, sondern habe getestet, ob ich wirklich in diese Band passen würde. Doch eigentlich war mir schon im ersten Moment intuitiv klar, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Und das, obwohl ich ganz anders bin als Ozzy. Ich denke in anderen musikalischen Kategorien, und das hat auch dazu geführt, dass Black Sabbath nicht mehr klangen wie früher – das liegt natürlich am Gesang, aber eben nicht nur. Es war mir enorm wichtig, Ozzy nicht zu kopieren, sondern etwas Eigenes in die Band einzubringen. Doch da er sich in der Zeit vor meinem Einstieg ohnehin nicht mehr um Black Sabbath gekümmert hatte, war das kein Problem.

Tony Iommi: Als ich die Rainbow-Platten mit Ronnie gehört hatte, war mir sofort klar, dass er unser Mann sein würde.

Ronnie James Dio: Ich will ja nichts schlecht über Ritchie Blackmore reden, aber ich muss schon sagen, dass es oft alles andere als einfach war, mit ihm zu arbeiten. Wir haben zusammen einige wirklich wundervolle Songs komponiert, und Ritchie ist wirklich ein musikalisches Genie. Aber wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er nur schwer wieder davon abzubringen. Ich war oft gezwungen, einfach über seine Riffs hinwegzusingen, weil er mir keinerlei Raum geben wollte. Bei Black Sabbath lief das ganz anders. Tony ist auch ein Genie an der Gitarre, aber er und Geezer waren viel entspannter und haben mir die Freiheit gegeben, die ich brauchte, um meine Ideen umzusetzen. Ein wunderbares Gefühl! Außerdem haben wir uns auch auf einer menschlichen Ebene sofort gut verstanden. Ich bin zwar kein Brite, stamme aber ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie. Wir sprechen also dieselbe Sprache, und zwar in jeglicher Hinsicht. Und uns ging es allen nur um eines: die Musik.

Tony Iommi: Während der Aufnahmen zu HEAVEN AND HELL mussten wir vom Studio „Criteria“ in Miami in ein Haus in Bel Air umziehen. Dort haben wir zunächst die Garage in ein Studio umfunktioniert, doch es war da drin so verdammt heiß, dass wir es nicht lange ausgehalten haben und schließlich ins Haus umgezogen sind. Dort saßen wir dann im Wohnzimmer und haben gejammt – dabei ist der Song ›Heaven And Hell‹ entstanden. Und das ist nur einer von vielen Stücken, die wir einfach so nebenbei komponiert haben.

Ronnie James Dio: Schließlich waren wir fast fertig. Es gab eine Menge toller Tracks, ›Heaven And Hell‹, ›Children Of The Sea‹, ›Lonely Is The Word‹, ›Die Young‹ und so weiter. Doch wir hatten alle das Gefühl, dass noch ein Stück fehlte. Eines, das die Platte abrunden und komplettieren würde. Aber uns fehlte eine zündende Idee. Schließlich sind Geezer, Tony und ich nach Jersey gefahren, wo schließlich ›Neon Knights‹ entstanden ist. Bill konnte nicht bei uns kommen – er blieb in Großbritannien, da sein Vater verstorben war.

Wir haben den Track im Studio „Ferber“ in Paris aufgenommen. Es war surreal: Kaum jemand sprach Englisch, und unser Produzent Martin Birch musste sich mit Händen und Füßen verständigen. Zudem waren wir alles andere als gut vorbereitet… Also marschierten wir einfach ins Studio, kloppten den Song ein und verschwanden schnell wieder. Wir waren unendlich froh, dass wir die an-strengenden Wochen endlich hinter uns hatten und die Platte fertig war. Es gab nämlich eine Menge Widerstand von Seiten der Plattenfirma. Die Verantwortlichen dort glaubten damals offensichtlich nicht, dass Sabbath ohne Ozzy Osbourne funktionieren würden. Bill war in dieser Zeit unsere große Stütze. Er lieh uns Geld und freundete sich außerdem mit einem Mädchen an, das uns ab und an aushalf, wenn mal wieder gar nichts ging.

Black Sabbath Cover Heaven and HellTony Iommi: Bill hat sich damals in einen richtigen Geschäftsmann verwandelt. Das war auch notwendig, denn wir hatten uns mit unserem Management überworfen und waren völlig auf uns allein gestellt.

Ronnie James Dio: Der Erfolg des Albums ist daher allein auf die Qualität unserer Musik zurückzuführen, denn die Plattenfirma hat sich nicht gerade ins Zeug gelegt: Anfangs war Mundpropaganda die einzige Promotion für HEAVEN AND HELL. Doch dann, als es gut lief, wendete sich das Blatt, und wir bekamen alle erdenkliche Unterstützung. Da war die eigentliche Arbeit aber schon getan.

Während der anschließenden Tour kam dann der Schock: Bill verließ die Band. Wir waren gerade in Denver und aßen etwas. Am nächsten Tag sollten wir im Stadion gegenüber auftreten – der Vorverkauf lief super, genau wie in den anderen Städten auch. Plötzlich klingelte das Telefon, Bill war dran, und er wollte mit mir sprechen. Weshalb ausgerechnet mit mir, ist mir heute noch ein Rätsel. Jedenfalls sagte er: „Ich gehe. Ich muss nach Hause, denn ich ertrage das alles nicht mehr. Keine Shows mehr für mich.“ Ich antwortete: „Aber Bill, du kannst nicht heimfahren! Wir haben morgen einen Gig!“ Er sagte nur: „Ich bin schon auf dem Weg.“ Dann war er weg. Also waren wir gezwungen, uns schnell aus der Stadt zu verpissen, nach Los Angeles zurückzufahren und die Leute in Denver auf einen späteren Termin zu vertrösten. Wenige Tage später rief mich Tony an und berichtete begeistert, dass er ein tolles Album von einer Band namens Axis gehört hätte. Deren Drummer hieß Vinny Appice. . .

Vinny Appice: Ich habe die Jungs getroffen, und wir spielten einen Song zusammen. Es lief wohl ganz gut, denn alle machten sich auf den Weg zur nächsten Bar…

Tony Iommi: …während er noch trommelte!

Vinny Appice: Ich habe einfach weitergemacht. Zwei Stunden später waren schließlich alle wieder da!

Ronnie James Dio: Da war uns klar, dass Vinny der Richtige für uns ist. Ich habe mich wahnsinnig gefreut! Doch das ist mir nicht gut bekommen, denn ich habe ordentlich einen getankt und war schließlich so voll, dass ich zum Ausnüchtern in den Knast gesteckt wurde. Also musste ich eine Nacht im Gefängnis von San Fernando verbringen – zusammen mit einer Horde Mexikaner. Alle saßen zunächst ruhig auf ihren Pritschen, doch plötzlich stand ein riesiger Kerl auf, ging zu einem anderen Typen rüber und pampte ihn an: „Gib mir eine Zigarette!“

Der antwortete: „Ich rauche nicht.“ Bumm, schon hatte er die Faust im Gesicht! Dann drehte sich der Hüne um und kam zu mir. Ich bibberte innerlich, denn ich hatte ebenfalls keine Kippen. Doch der Mexikaner sah mich nur lange an und meinte: „Ich kenne dich.“ Ich dachte nur: „Bitte, bitte, hoffentlich weiß er wirklich, wer ich bin!“ Seine Miene hellte sich auf und er rief: „Du singst bei Black Sabbath!“ Puh.… Er hatte mich im Los Angeles Coliseum live gesehen und freute sich so sehr, mich zu treffen, dass er den Mexikaner neben mir anrauzte, er solle mir sofort eine Fluppe geben. Ich nahm sie und steckte sie ohne zu zögern an…

Tony Iommi: Nach Ronnies nächtlicher Knast-Episode musste alles ganz schnell gehen. Wir hatten nur drei oder vier Tage Zeit, um mit Vinny zu proben, dann stand schon unsere nächste Stadion-Show auf Hawaii an.
Geezer Butler: Die Fans drehten bei diesem Gig total durch. Sie zündeten die Stände an, und irgendjemand feuerte im Publikum eine Rakete ab, die hinter der Bühne landete. Außerdem hatte sich vor dem Eingang ein Heckenschütze in Position gebracht, der die Leute beschoss, als sie das Stadion verließen…

Vinny Appice: Um die erste Show zu überstehen, hatte ich mir ein Buch mit Notizen neben das Drumkit gelegt. Da stand drin, wann ich in welchem Song Gas geben musste, wie oft ich welchen Takt wiederholen sollte und so weiter. Während des Gig fing es jedoch an zu regnen, Wasser tropfte auf die Seiten, und ich konnte nichts mehr lesen. Plötzlich hatte ich keinen blassen Schimmer mehr, wo im Stück ich mich gerade befand. Nun ja, ich spielte einfach weiter, das ging schon. Allerdings wusste ich nicht, wann der Song zu Ende sein sollte, daher ist er ein bisschen zu lang geraten…

Tony Iommi: Das Konzert hat mir wirklich den letzten Nerv geraubt! Ein Desaster! Zum Glück lief es später besser. Die Tour war trotz allem ein großer Erfolg für uns, und auch das Album hat sich gut verkauft. Ich kenne inzwischen auch viele Leute, die Black Sabbath erst mit HEAVEN AND HELL für sich entdeckt haben, darunter übrigens auch etliche Musiker.

Ronnie James Dio: Dave Grohl zum Beispiel. Er ist ein toller Typ, sehr aufrichtig und bodenständig. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, sagt er zu mir: „Oh, HEAVEN AND HELL ist so ein wundervolles Album!“ Wir sind alle sehr stolz auf die Platte. Sie enthält tolle Stücke, und wir haben sie auch live gut rübergebracht. Black ­Sabbath mit Ozzy gab es zwar nicht mehr, dafür jedoch Black ­Sabbath mit Dio. Das war etwas anderes, etwas Neues – und es hat funktioniert.

Krautrock Special Volume 09 – 1978

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Kraftwerk 2

Obwohl sich gegen Ende der 70er die bevorstehende Neue Deutsche Welle bereits ankündigte, erlebten einige Protagonisten des Krautrocks gerade ab 1977/78 ihren künstlerischen Höhepunkt. Einer von ihnen ist Michael Rother, der 1971 eher zufällig zu den Düsseldorfern Kraftwerk gestoßen war. Auf Kraftwerk-Alben ist Rother zwar nicht zu hören, dafür bereicherte er gleich mehrfach die Konzerte der Elektronikpioniere. 1972 verabschiedete sich Rother und gründete mit dem ebenfalls kurzzeitig bei Kraftwerk involvierten Klaus Dinger die Gruppe Neu!. Nach einem kurzen Intermezzo bei Cluster und Harmonia entschied er sich Mitte der 70er, als Solokünstler zu arbeiten. „Ich will endlich mehr Abwechslung in die Musik bringen“, erklärte er seine Unzufriedenheit mit den bislang allzu monotonen elektronischen Klangstrukturen. „Ich werde stärkere Harmonien und mehr lebendige Sachen komponieren.“

Zusammen mit Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit nahm er in Eigenregie das Album FLAMMENDE HERZEN auf und bot die Bänder bei diversen Plattenfirmen an. Die großen Companys reagierten jedoch mehrheitlich desinteressiert, konnten sich offensichtlich kaum vorstellen, dass mit Rothers meditativen Phantasieklängen Geld zu verdienen sei. Lediglich Günter Körber, früherer A&R Manager beim Deutschrock-Label „Brain“ und Gründer des neuen Hamburger Labels „Sky Records“ (Körber starb im September 2013) zeigte großes Interesse. Dennoch orderte sein Vertrieb gerade mal 150 Exemplare zum bundesweiten Start. Nach einem einstündigen Feature im WDR-Radio bei Wilfried Trenkler änderte sich die Nachfrage schlagartig: Bereits eine Woche später waren 3.500 Platten verkauft, nach weiteren drei Wochen 10.000 Exemplare. Insgesamt 140.000 FLAMMENDE HERZEN gingen über den Ladentisch, für Rother der Durchbruch, für „Sky Records“ die finanzielle Grundlage für weitere Projekte. Auch das Nachfolgewerk STERNTALER (1978) stieß bei Kritikern auf uneingeschränkte Zustimmung. Die Presse sprach von „Kaskaden des Schönklangs“ (Musik Express) und von einer „Musik, die nicht nur friedlich und relaxed, nicht nur melodisch und mellow, nicht nur elektronisch ist, sondern die auch elektrisiert.“ (Sounds) In der Folgezeit wurde Rother mehrfach zum besten deutschen Musiker gekürt, obwohl er seine romantischen Minimalstückchen nie in Konzerten präsentierte.

Demgegenüber war der Elektronik-Pionier Klaus Schulze auch auf Bühnen präsent. Die Presse zeigte sich stets verzückt, wenn Schulze vor Publikum spielte, sprach vom „King Of Cosmic Music“, vom „Magier am großen Moog“ und bezeichnete seine Arbeit als „Monument einer Musik, die zukunftsweisend ist“. Geboren wurde Schulze am 4. August 1947 in Berlin. Seine musikalische Laufbahn begann am Schlagzeug, zunächst in der Amateurband Psy Free, dann bei den Berliner Sound-Avantgardisten Tangerine Dream und schließlich bei Ash Ra Tempel. Nach deren Debütalbum stieg Schulze aus und startete eine Solokarriere. Im Sommer 1971 richtete er sich im Schlafzimmer seiner Wohnung ein kleines Tonstudio ein (das ihm den Spitznamen „Klaus-Vierkanal-Schulze“ bescherte), und nahm dort Teile seines Debüts IRRLICHT auf, das im April 1972 in die Plattengeschäfte kam. Darauf arbeitete er als erster deutscher Popmusiker mit einem Symphonieorchester zusammen. Sein eher spärliches Equipment bestand aus einem Telefunken-Tonbandgerät, einem Echogerät und dem Mikrophon eines Philips-Kassettenrekorders.

Mitte der 70er zog Schulze von Berlin in die Lüneburger Heide. Sein 76er-Werk BODY LOVE, das gleichzeitig als Soundtrack zu Lasse Brauns gleichnamigem Pornofilm fungierte, war auch im Ausland ein großer Erfolg und zählte 1977 zu den meistverkauften Importplatten in Amerika. Aufsehen erregte auch das im Oktober 1978 erschienene, zehnte Werk, dem Anlass entsprechend X betitelt, das Schulze in sechs einzelnen Songs Nietzsche, Bach, Kleist, Ludwig II, Trakl und Herbert widmete. In seinem Wohnort gründete er Ende der 70er Jahre kurzzeitig eine Synthesizer-Schule und realisierte anschließend seinen Traum von einer eigenen Plattenfirma. Auf Schulzes IC-Label erschien unter anderem das hörenswerte Debütalbum der Berliner NDW-Stars Ideal.

Weniger elektronisch, sondern bodenständig ging es bei der Kölner Rockgruppe Satin Whale zu, die im Januar 1971 von Thomas Brück (Bass, Gesang), Horst Schättgen (Schlagzeug) und Gerald Dellmann (Keyboards) gegründet wurde. Alle drei Musiker hatten vordem einschlägige Erfahrungen in anderen Bands gesammelt und versuchten sich nun erstmals an eigenen Kompositionen. Im November 1972 stieß der Multi-Intrumentalist Dieter Roesberg dazu, übernahm den Gesang und brachte durch den Einsatz von Gitarre, Saxophon und Querflöte neue Klangmuster in die Gruppe. Das erklärte Ziel der Beteiligten: „Wir haben den Anspruch, dem Zuhörer eine gute, technisch versierte Musik zu bieten, bei der er sich von seinen durch die Musik hervorgerufenen Emotionen tragen lassen kann. Das Publikum soll Spaß an der Musik haben und sie in vollen Zügen genießen.“ Die Band investierte zunächst in neue Instrumente (und hatte dadurch „einen Haufen Schulden im Nacken, ohne zu wissen, ob es am nächsten Tag noch weitergehen konnte“, Zitat Presseinfo), mit denen sie sich in zahlreichen überregionalen Auftritten eine respektable Fangemeinde erspielte. Bei einer Umfrage der Radiosendung „Popshop“ des Südwestfunks wurden Satin Whale 1974 zur beliebtesten deutschen Gruppe gewählt. Im April des gleichen Jahres erschien ihr Debütalbum DESERT PLACES, im Anschluss an die Veröffentlichung ihres Zweitwerks LOST MANKIND (1975) gingen Satin Whale auf Tournee durch die Niederlande und spielten in Deutschland im Vorprogramm von Barclay James Harvest und Sweet. Fans wie auch Musikkritiker lobten das technisch versierte Spiel des Quartetts und stellten Ähnlichkeiten zu den frühen Jethro Tull sowie – aufgrund der geschmackvollen Keyboard-Passagen – zur britischen Progressive-Rock-Formation Camel fest. Nach einer insgesamt 18-monatigen Bühnenabstinenz präsentierten Satin Whale im Frühjahr 1977 ihr drittes Album AS A KEEPSAKE, die anschließende Deutschlandtournee bescherte der Band eine riesige Publikumsresonanz. Drei Konzerte dieser Tour wurden von Dieter Dierks mobilem Aufnahmestudio aufgezeichnet und im Frühjahr 1978 als Live-Doppelalbum WHALECOME veröffentlicht. Bereits im Juni 1978 waren die vier Musiker wieder im Studio, um A WHALE OF TIME aufzunehmen. Anschließend komponierte die Band als Auftragsarbeit die Musik des Kindermusicals „Amphi“ sowie den Soundtrack zum Spielfilm „Die Faust in der Tasche“, löste sich nach der Veröffentlichung von DON’T STOP THE SHOW (1981) jedoch auf.

Text: Matthias Mineur

MICHAEL ROTHER

Mit seinen Alben FLAMMENDE HERZEN und STERNTALER hat Michael Rother Ende der 70er Jahre deutsche Rockgeschichte geschrieben. Während er damals als reiner Studiokünstler agierte, kann man ihn heute von Zeit zu Zeit auch auf der Bühne erleben. Im September 2013 gastierte Michael Rother sogar in Japan.

Michael, welche Erinnerungen hast du heute an die 70er Jahre?
Es war das Jahrzehnt, in dem sich in relativ kurzer Zeit ungewöhnlich viel veränderte. 1971 gehörte ich kurzzeitig zu Kraftwerk, lernte unter anderem Conny Plank, Klaus Dinger, Hans-Joachim Roedelius, Dieter Möbius und Jaki Liebezeit kennen, mit denen ich meine Ideen verwirklichen konnte. In mir wohnte ein unstillbarer Wunsch nach einer eigenen musikalischen Handschrift, die ich dann mit Neu!, Harmonia und meinen Soloalben tatsächlich realisierte.

Wobei die Kooperation mit Klaus Dinger bei Neu! eher schwierig war, oder?
In künstlerischer Hinsicht nicht, denn wir hatten sehr wohl großes Verständnis für den kreativen Ansatz des jeweils anderen. Es war auf alle Fälle nicht so, wie es im Nachhinein häufig dargestellt wurde, nämlich dass wir unvereinbare Pole waren. Wir waren zwar keine Freunde, aber es herrschte eine große künstlerische Schnittmenge und viel musikalische Einigkeit. Ich liebe noch heute einen Song wie ›Hero‹ von Klaus Dinger, mit dem er seine Verzweiflung artikulierte. Ich habe diese Verzweiflung nie geteilt, aber ich mochte immer die daraus resultierende Musik.

Dein erstes Soloalbum FLAMMENDE HERZEN war gleich so etwas wie der Höhepunkt dieser Ära, oder?
FLAMMENDE HERZEN war letztendlich das Resultat des Scheiterns von Harmonia, deren fehlende öffentliche Akzeptanz ich nicht nachvollziehen konnte. Letztendlich herrschte in mir bei allen Veröffentlichungen dieser Ära die gleiche Begeisterung für das, was wir da machten. Die war bei Harmonia kein Deut geringer als bei FLAMMENDE HERZEN.

Um ein Haar wäre FLAMMENDE HERZEN gefloppt.
Das ist richtig. Am Tag der Veröffentlichung bekam ich vom Labelchef Günter Körber die Nachricht, dass der Vertrieb gerade mal 153 Exemplare vorbestellt hatte. Körber hatte einige Jahre zuvor sein eigenes Label „Sky Records“ gegründet, eine Einmannfirma mit einem Vertrieb der „Deutschen Austrophon“, dem ich von Beginn an misstraut hatte. Deswegen wollte ich mit FLAMMENDE HERZEN eigentlich lieber zur EMI, zu Warner oder zu Teldec, bekam aber nur Absagen. Günter Körber dagegen war Feuer und Flamme und wollte das Album unbedingt veröffentlichen. Wie schon gesagt: FLAMMENDE HERZEN war beileibe kein Start/Ziel-Sieg.

Den entscheidenden Impuls für die sagenhaften Verkaufszahlen gab Radiomoderator Winfried Trenkler.
Winfried Trenkler hatte eine Radiosendung auf WDR und lud mich ein, um das Album vorzustellen. Unmittelbar nach der Sendung standen beim Sender die Telefone nicht mehr still. Trenkler wusste sofort, dass dies ein gutes Zeichen war.

Letztendlich gingen dann fast 150.000 Exemplare von FLAMMENDE HERZEN über den Ladentisch.
Es war ein unglaublich schönes Gefühl und eine tolle Bestätigung. Während der Produktion hatten sehr gute Umstände geherrscht: Jaki Liebezeit hatte sagenhaft getrommelt und Conny Plank ein gutes Gehör für den richtigen Mix gefunden. Ich verdanke beiden sehr viel. Übrigens auch Günter Körber, der sich Jahre später aus den Verkaufserlösen ein Haus kaufen konnte und es als Hommage an das Nachfolgealbum als STERNTALER-Haus bezeichnet hat.

Hast du eine Erklärung für den riesigen Erfolg der Scheiben?
Offenbar konnten sich auf FLAMMENDE HERZEN und STERNTALER alle irgendwie einigen, vom Bäcker um die Ecke über den Versicherungsvertreter bis hin zum Automechaniker, ohne nun irgendwelche Berufsgruppen gezielt benennen zu wollen. Kalkül war das natürlich nicht, sondern wie bei allen meinen vorherigen Veröffentlichungen war immer die eigenen Begeisterung der einzige Maßstab.

DISkOGRAfIE

MICHAEL ROTHER
Flammende Herzen (1977)
Sterntaler (1978)
Katzenmusik (1979)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

KLAUS SCHULZE
Irrlicht (1972)
Cyborg (1973)
Blackdance (1974)
Picture Music (1975)
Timewind (1975)
Moondawn (1976)
Body Love (1977)
Mirage (1977)
Body Love Vol. 2 (1977)
X (1978)
Dune (1979)
Live (1980)
Dig It (1980)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

SATIN WHALE
Desert Places (1974)
Lost Mankind (1975)
As A Keepsake (1977)
Whalecome (1978)
A Whale Of Time (1978)
Die Faust in der Tasche (1979)
On Tour (1979)
Don’t Stop The Show (1981)

Grand Magnus – Triumphzug

GrandMagus2013gDer Hammer des Nordens schlägt wieder zu. Und das nicht irgendwie. Auf TRIUMPH AND POWER geht er hymnischer, nordischer und metallischer denn je hernieder – und das ist bei diesem Testosterontitel ja auch kein Wunder. Eines ist in Schweden aber beim Alten geblieben: die Riffgewaltigkeit. Sänger und Gitarrist Janne „JB“ Christoffersson mag allerdings nicht nur seine Riffs langsam, er redet auch so.

Es ist längst üblich, euch die „Riff Lords“ zu nennen. Warum eigentlich?
Das Riff ist Gesetz. Alle unsere Songs müssen ein wirklich starkes Riff in ihrem Zentrum haben. Daran halten wir uns schon seit unserem ersten Album – und haben nicht vor, damit aufzuhören.

Was ist überhaupt ein gutes Riff?
Wenn du mich fragst, darf es vor allem nicht zu schnell sein. Für mich ist ein Riff immer dann besonders gewaltig, wenn es schwer und langsam aus den Boxen kriecht. Dann erwischt es dich. Nimm nur mal das Riff von „Smoke On The Water“ und du weißt, was ich meine. Das ist ja wohl die Mutter aller Gitarrenriffs. Das haben auch Black Sabbath verstanden – und Grand Magus natürlich. (lacht)

Du stehst also auch privat vor allem auf das langsame Riff?
Das hat mich schon immer mehr angezogen als alles andere, ja. Letztlich ist ja auch Grand Magus ein Abbild meiner persönlichen Vorlieben. Und dazu zählt eben nicht ultraschneller Thrash.

Beginnt jeder Grand-Magus-Song folgerichtig mit einem starken Riff?
Das schon, ja. Allerdings haben wir mittlerweile begriffen, dass das allein nicht ausreicht. So schreibt man keinen Song. Vielmehr ist ein Plan nötig, was aus diesem Riff entstehen soll. Deutlich mehr Zeit und Energie fließt also in die Arbeit danach, denn so gut wie jeder kann mit einem halbwegs guten Riff um die Ecke kommen. Es mag wie eine Floskel klingen, doch wie jede andere Band auch ist Grand Magus ein Eintopf. Bei uns sind die Hauptbestandteile Attitüde, Atmosphäre, Gesang und Ehrlichkeit…

…und auf TRIUMPH AND POWER mehr denn je der Wille zur großen Hymne, zum epischen Overkill. Haben wir es hier mit euren ganz persönlichen „Battle Hymns“ zu tun?
Das war unser oberstes Ziel. Wir wollten so majestätisch, heavy und triumphierend klingen wie nur möglich. Das braucht dieses Album.

Ansätze in diese Richtung gab es bei euch ja schon mehr als genug. Diesmal habt ihr euch aber getraut, das auch ausnahmslos durchzuziehen.
Diesmal war es an der Zeit, allerdings. Unser letztes Album THE HUNT war doch sehr anders und hatte dieses Hard-Rock-Feeling. Es war trotzdem sehr wichtig, denn ohne diese Platte hätten wir TRIUMPH AND POWER niemals machen können. Das musste sozusagen erst mal raus aus unseren Köpfen, um Platz für ein Album zu schaffen, dessen Titel jedem einzelnen Song darauf gerecht wird.

Einem Titel wie diesem gerecht zu werden, klingt nach einer ordentlichen Herausforderung.
Ach, eine Herausforderung ist es doch immer. (lacht) Bei diesem Album kam es mir aber so vor, als hätte ich einige Monate in einer Höhle verbracht. Jetzt frage ich mich manchmal, wie wir das eigentlich bewerkstelligt haben. Aber wahrscheinlich lag es daran, dass ich diesmal eine so klare Vision vom Endergebnis hatte wie nie zuvor.

Dennoch rückt diese Entwicklung eure Doom-Wurzeln noch ein Stück weiter in den Hintergrund.
Unser zweites Werk MONUMENT war ein ziemlich zäher Brocken, der uns allen das Gefühl gab, in dieser Richtung alles gesagt zu haben. Das Resultat war WOLF’S RETURN, ein Album, auf dem wir das erste Mal unsere Identität als Band fanden. Eine Art tiefergestimmte Version klassischen Heavy Metals. Im Laufe der Jahre verfeinerten wir diesen Stil und ließen uns auch von unseren vielen Konzerten weiter prägen. Unseren grundlegende Einflüsse – Judas Priest und Black Sabbath unter Dio – ließen wir aber niemals aus den Augen, nahmen es eher Schritt für Schritt.

Fehlt dir der Doom manchmal?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mit Vergangenem halte ich mich nie allzu lange auf, jedoch könnte ich mir gut vorstellen, in der Zukunft mal wieder die Zeitlupe anzuwerfen.

Anstelle des Doom treten mittlerweile deutlich mehr folkloristische Elemente, die fast als Viking Metal durchgehen könnten und an Bathory erinnern.
Das ist schön zu hören, und vor allem der Bathory-Vergleich beschert mit einer Gänsehaut. Als schwedische Band sehen wir uns in der skandinavischen Tradition. Das hat nichts mit einer blauäugigen Faszination für Wikinger oder Götter zu tun und ist eher etwas, mit dem wir alle aufgewachsen sind. Als Kind erzählte mir mein Vater vor dem Zubettgehen die Geschichten von Thor, Loki und Odin – Legenden von Macht, von Triumphen. Auf dem Song ›The Hammer Will Bite‹ besinge ich sogar eine meiner damaligen Lieblingsgeschichten – Thors Kampf gegen einen Riesen. Später interessierte mich an diesen Geschichten eher, welche Verbindung sie zum alltäglichen Leben hatten und wie sie uns eine Verbindung zur Natur zeigen. Das ist etwas, das mir in meinem Leben sehr wichtig ist.

Es scheint, dass die Grundlage für Grand Magus besonders früh geschaffen wurde.
So könnte man das vielleicht sehen, ja. Zumindest sind diese Geschichten und ihre Bedeutung seither ein Teil von mir.

Gibt es denn weitere Tracks, die die nordische Mythologie aufgreifen?
Es ist wie immer eine Mischung, allerdings stelle ich fest, dass wir uns in den letzten Jahren mehr und mehr diesen Themen zugewandt haben. Sie passen eben hervorragend zu unserer Musik. Wie ich schon sagte, soll dieses Album ein Triumphgefühl vermitteln – und für mich ist das zwar auch der persönliche Triumph nach einer überstandenen schweren Zeit, vor allem aber der Triumph der Natur.

Inwiefern?
Der Mensch hat eine äußerst schwierige Beziehung zur Natur. Für mich ist sie essentiell, ohne Übertreibung lebenswichtig. Das wird noch jeder anerkennen müssen. Auch das ist skandinavisch geprägt, weil die Menschen hier schon immer eine besondere Beziehung zur und großen Respekt vor der Natur hatten. Das teile ich. Ich bin ein absoluter Naturbursche, der immer dann seinen Frieden findet, wenn er in der Wildnis ist. Dort ereilen mich die meisten Inspirationen für Grand Magus. Mit einem Album wie TRIUMPH AND POWER schließt sich der Kreis dadurch in gewisser Weise also wieder.

Björn Springorum

Metallica

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Metallica (2)
»Diese Band wird seit 30 Jahren niedergemacht. Wir haben schon alles gehört.«

Das sagt Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich nach dem Erscheinen von „Through The Never“, dem polarisierenden Ausflug seiner Band in die Filmwelt. Wenigstens findet James Hetfield den Streifen super.

Wessen Idee war „Through The Never“?
Die gab es schon lange, seit über 15 Jahren – noch vor „Some Kind Of Monster“. IMAX fragte uns, ob wir einen 45-minütigen Konzertmitschnitt drehen wollten, aber es war zu aufwendig. Vor vier Jahren waren wir in Belfast und [Co-Manager] Peter Mensch brachte die Idee wieder auf. Wir wussten schon immer, dass wir einen großen Fuck-off-Film machen wollten. Peter sagte, es sei an der Zeit, diesen in die Realität umzusetzen.

Außer einen „großen Fuck-off-Film“ zu machen, was war die ursprüngliche Mis­sion für dieses Projekt?
In unserer Band ist nie etwas nur schwarz oder weiß. Dinge verwandeln sich einfach. Jemand sagt „A“, dann sagt jemand „B“ und „C“ folgt. Alles, was wir tun können, ist zu verhindern versuchen, dass es ins Lächerliche entgleist – und wir wissen, dass einige Leute [bei diesem Film] dieser Meinung sind. Du hältst dich einfach fest, so gut du kannst.

Was wolltet ihr also am ehesten erreichen?
Falls es so etwas wie eine Mission gab, dann bestand sie darin, 3D-Technologie zu verwenden, um den Zuschauer fast mit uns auf die Bühne zu nehmen. Wir wollten, dass das Publikum Teil von Metallica wird.

Wenn ich dich frage, was das gekostet hat, wirst du mir wahrscheinlich sagen, ich solle mich ficken…
Dafür respektiere ich dich zu sehr. Es ist sicher…äh…ein bisschen kostspielig. Größer als alles, was wir je gemacht haben. Da war der Film, die Bühne, das Marketing. Aber wenn ich dir sage, dass er 17 Smarties gekostet hat, gefällt dir der Film oder eben nicht. Ist das anders, wenn er 17.000 Smarties gekostet hat? Es ist einfach nicht besonders interessant.

Na ja, 30 Millionen Smarties sind schon eine Menge Süßkram, die man erst mal wieder reinholen muss.
Yeah, aber dieser Betrag ist eine wilde Übertreibung. Es waren nicht annähernd so viele Smarties. Natürlich ist es unser Ziel, letztlich keinen Verlust zu machen, ob mit T-Shirts, DVDs oder Albumverkäufen.

Und ist das realistisch?
Ich denke schon, selbst wenn ich ein paar übrig gebliebene DVDs aus dem Kofferraum meines Autos heraus verkaufe. Die Smarties sollten innerhalb der nächsten fünf Jahre ins Gleichgewicht kommen, aber wir sind da nicht supergestresst darüber. Ich kann dir sagen, dass wir die Eier hatten, den Film selbst zu finanzieren, um die Kontrolle zu behalten.

Es gehen ein paar Gerüchte um. Wir würden sie dir gerne erzählen.
(leise) Bittesehr. Leg los…

Erstens soll James Hetfield den Film hassen.
Das ist nicht wahr. Vor ein paar Tagen hat James mir eine SMS geschickt und gesagt, er habe sich den Film gerade komplett angesehen. Er buchstabierte das Wort „awesome“ als A-W-S-U-M.

Zweitens sollt ihr bei „Se7en“-Regisseur David Fincher angefragt haben, aber er war zu teuer. Weswegen Nimród Antal, der Mann hinter „Motel“ und „Predators“, den Job bekam.
Äh…am ersten Teil ist etwas Wahres dran, aber nicht am zweiten. Ich sprach wirklich mit David Fincher. Ich kenne ihn und wir hatten ein paar Unterhaltungen darüber, aber es ging nie um Geld. Das ist nicht der Grund.

Angeblich wurde dir beim finalen Schnitt bewusst, dass das Gleichgewicht zu sehr zugunsten der Szenen außerhalb der Bühne ausgefallen war und du dann wie ein Wahnsinniger rumranntest, um wieder mehr Lieder reinzubringen.
Das ist auch nicht wahr, auch wenn ich tatsächlich wie ein Wahnsinniger rumrenne, weil ich so viel Tee trinke. Eigentlich versuchten wir, soviel von der Erzählung und Dane DeHaan reinzubringen wie möglich. Er war viel interessanter anzusehen als wir. Wir haben so gut wie jede Szene mit ihm in die finale Schnittfassung gepackt. Wenn dieser Film im Januar auf DVD erscheint, wird es kein Bonusmaterial mit Dane geben.

„Through The Never“ hat eine Spielzeit von 90 Minuten, für heutige Filmverhältnisse ziemlich kurz. Ist das die Grenze der Langweilschwelle des Publikums?
Aaaaah, das war es nicht… (überlegt sich seine Antwort) Wir spielen jeden Abend fast zwei Stunden und das Schwierigste war es, die Balance zwischen diesen beiden Welten zu finden.

Wir erfahren nie, was in der Tasche ist. Weißt du es?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass er [DeHaan] sich da so sicher ist. Er hat in die Tasche geschaut, aber ich habe ihn nie gefragt, was es war. Ich werde ihn eines Tages fragen.

Kannst du in aller Ehrlichkeit behaupten, dass du an diesem Prozess Spaß hattest?
Der kreative Teil gefiel mir. Hör mal, das ist der Grund, dass wir all diese Dinge tun – weil diese Kreativität so viel gibt. Für unsere eigene Stabilität, unser Überleben müssen wir diese verrückten Dinge tun. Sich in dieselbe Routine einzusperren, wo man immer und immer wieder dasselbe tut… ich glaube nicht, dass ich hier sitzen und mit dir reden würde. Einige dieser anderen Bands [von Metallicas Format] machen ein Album und eine Tour und nehmen sich dann fünf Jahre frei. Fünf Jahre freinehmen ist für den Arsch. Wir machen eben einen Film, oder unser eigenes Festival, oder hängen sechs Monate mit Lou Reed ab. Das ist die einfache Sichtweise. Und irgendwann muss man sich dann darüber unterhalten, wie man es mit Leuten teilt. Wir sind in jeden Teil involviert. Ich kann dir sagen, dass Metallica das Bild für das Filmplakat ausgewählt haben, nicht irgendein Marketing-Typ. Wir können dir, und unseren Fans, in die Augen sehen und sagen, was auch immer geschieht, das kommt von uns. Wenn du applaudieren willst, super. Wenn du es niedermachen willst, auch okay. So oder so übernehmen wir die volle Verantwortung.

Bis jetzt waren die Reaktionen gelinde gesagt gemischt. Der „Telegraph“ gab zwei von fünf Sternen.
Als ich das letzte Mal nachgesehen haben, hatten wir bei Rotten Tomatoes 82 Prozent – das ist eine Website, die alle Kritiken analysiert und auswertet. Zu dem Zeitpunkt also waren 82 Prozent positiv. Und wenn du auf die nächste Ebene gehen willst, gibt es meta­critic.com. Die Rotten-Tomatoes-Bewertung kommt von Bloggern und Sachen wie Dave Lings moviesite.com. Metacritic basiert auf dem „Guardian“, dem „Telegraph“ und der „New York Times“. Ich glaube, da haben wir 64 Prozent, was sehr gut ist.

Interessant, dass du das alles weißt, wo Metallica doch immer behaupten, dass ihnen die Meinung der Kritiker scheißegal ist.
Yeah. Aber wir wissen, wo sie wohnen. Im Ernst, diese Band wird seit 30 Jahren niedergemacht und wir haben mehr oder weniger schon alles gehört.

Die größte Kritik ist, dass…
(unterbricht) …es ein reiner Konzertfilm hätte sein sollen. (nickt) Das höre ich viel. Die Leute wollen mehr von uns sehen? Das ist toll. Aber ich will nicht mehr von mir oder James Hetfield sehen. Ich finde es interessanter, Dane DeHaan zu sehen.

Was sagst du zu jenen, die glauben, ihr solltet ein neues Album machen, statt euch Rockstar-Marotten hinzugeben?
Wenn einen Film zu machen eine Rockstar-Marotte ist, dann bekenne ich mich schuldig, euer Ehren. Persönlich glaube ich nicht, dass man, wenn man in einer Band ist, sich verpflichtet, ausschließlich Platten zu machen. Wir drücken uns aus, wie auch immer wir wollen. Darauf beschränkt zu sein, alle drei Jahre eine neue Platte zu machen, interessiert mich nicht. Wo steht geschrieben, dass das so sein muss?

LULU, dieser Film… Gehen Metallica als Band gerade durch ihre Midlife Crisis?
(runzelt die Stirn und wird für ein paar Momente still) Aaaaaah, wenn du wirklich willst, dass ich das beantworte, dann werde ich nie versuchen, irgendjemandem jegliche Meinung über Metallica auszureden. Gerüchte, Fakten…klar, okay… Aber diese Theorie kann ich nicht teilen.

Wir erwarten gar nicht, dass du zustimmst. Es geht mehr darum, ob du verstehst, wie jemand zu diesem Schluss kommen könnte.
Wenn jemand das denken will, dann bitte – ich bin dabei. Das stört mich nicht.

Du leugnest diese Anschuldigung also nicht?
Überhaupt nicht. Die Leuten können denken, was sie wollen, aber bei uns ist alles in Ordnung. Ich liebe DEATH MAGNETIC immer noch und wir werden auch wieder Musik machen. Wir hatten über tausend Ideen, die wir jetzt auf hundert oder so reduziert haben…jetzt geht es darum, die Punkte zu verbinden.

Dave Ling

Transatlantic – Eine Frage des Temperaments

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Transatlantic 2013b
Zum vierten Studioalbum der international besetzten Prog-Rock-Allstartruppe erklärt Gitarrist Roine Stolt das Innenleben dieser außergewöhnlichen Band.

Es ist schon eine eigenwillige Truppe, die sich da alle paar Jahre in einem amerikanischen Tonstudio trifft, um gemeinsam Musik zu machen. Da gibt es zum einen den häufig vorpreschenden Mike Portnoy, als Schlagzeuger ein Tausendsassa, als Mensch impulsiv bis schwierig. Neben ihm Neal Morse, seit gut zehn Jahren überzeugter Christ und durchaus mit gesundem Ego ausgestattet, um seine eigenen Ideen für die besten zu halten. Diesen beiden starken Charakteren stehen zwei zurückhaltende Musiker gegenüber: Pete Trewavas, Bassist bei Marillion und sicherlich einer der höflichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Last but not least: Roine Stolt, Gitarrist der Flower Kings und ein vergleichsweise scheuer Künstler, der harte Auseinandersetzungen möglichst meidet. Portnoy, Morse, Trewavas, Stolt, diese vier nennen sich Transatlantic und zelebrieren eine progressive Rockmusik, wie man sie derart wundervoll seit den Hochphasen von Camel, Yes oder King Crimson nicht mehr hören konnte. „Wenn wir vier im Studio aufeinandertreffen, herrscht eine ganz besondere Magie“, bestätigt Stolt die einzigartige Stimmung bei Transatlantic-Produktionen. „Natürlich könnte man auch, wie heute üblich, ein Album in unterschiedlichen Studios und getrennt voneinander aufnehmen. Aber genau das wollen wir nicht. Alle großen Rockgruppen haben ihre Meisterwerke gemeinschaftlich eingespielt, seien es die Beatles oder die großen Bands der 70er. Das spezielle Flair ginge verloren, wenn Transatlantic nicht geschlossen im Studio arbeiten würden.“
Andererseits: Genau deshalb dauert es zumeist deutlich länger als erhofft, bis sich für die vielbeschäftigten Musiker ein Zeitfenster öffnet, in dem alle verfügbar sind. Stolt: „KALEIDOSCOPE war letztendlich schon seit fast zwei Jahren geplant, aber es klappte einfach nicht, alle vier Beteiligten unter einen Hut zu kriegen.
Umso mehr freut es mich jetzt, dass es letztendlich doch noch funktioniert hat.“

KALEIDOSCOPE heißt das neue Album der Allstar-Truppe, es ist die vierte Studioscheibe, mit der Transatlantic ihr Publikum verzücken. Fünf neue Songs hat das Quartett aufgenommen, davon sind zwei Stücke deutlich über 25 Minuten lang, der Rest ist kürzer. Welche dieser beiden Kategorien den Beteiligten selbst am besten gefällt, kann Stolt nicht sagen: „Auch wenn es wie ein Widerspruch klingt, aber die kürzeren Nummern stellen für uns eine mindestens ebenso große Herausforderung dar. Man muss sehr sorgfältig darauf achten, dass das Arrangement wirklich schlüssig ist und kein Part einem anderen den Rang abläuft. Ich denke, für Transatlantic wäre es der Horror, eine Radionummer im Stile von Coldplay oder U2 zu schreiben, wenn man wirklich auf jeden Beat, jede Note, jede Textzeile genau achten muss.“ Aber auch längere Kompositionen bergen ihre Tücken: „Wenn man einen Song über mehr als zehn Minuten ausdehnt, muss man die Intensität und Dynamik variieren, um den Zuhörer nicht zu überfordern. Also baut man ruhigere Momente, kleine Jam-Parts oder längere Improvisationen ein. Nur so kann man verhindern, dass den Fans nicht anschließend der Schädel dröhnt.“

Apropos: Den Künstlern selbst rauchte bei den Aufnahmen zu KALEIDOSCOPE so manches Mal der Kopf. „Wir alle haben unsere Egos und kämpfen um unsere Visionen wie Löwenmütter um ihre Babys. Allerdings, früher war das noch weitaus schlimmer. Heute spürt man, dass wir zehn Jahre älter und erkennbar reifer geworden sind. Als Mike noch bei Dream Theater trommelte, stand er ständig unter Strom. Und auch Neal ist durch seine Hinwendung zum Christentum milder, besonnener und geduldiger geworden. Als wir mit Transatlantic starteten, war ich in der Band der Unbekannteste und dementsprechend zurückhaltend. Dadurch, dass Mike und Neal heute toleranter als früher sind, traue ich mich mehr und kann meine Ideen selbstbewusster vertreten. Insgesamt haben wir auf KALEIDOSCOPE so gut und kooperativ wie nie zuvor zusammengearbeitet. Natürlich sind wir auch jetzt noch immer ein wenig selbstsüchtig, aber als Komponist sollte man das auch zumindest ansatzweise sein.“

Man spürt die neue Gelassenheit in jedem Ton, der auf KALEIDOSCOPE festgehalten wurde. Transatlantic scheinen sich diesmal mehr getraut zu haben als noch auf dem Vorgänger THE WHIRLWIND (2009), als die Band sukzessive in Richtung Mainstream abzudriften drohte. Anno 2014 klingt alles stilistisch breiter aufgestellt und mit experimentellen Passagen aufgewertet. „Wir alle lieben die Beatles, Led Zeppelin, Deep Purple, aber auch die frühen Fusion-Bands wie Weather Report oder Return To Forever. Hinzu kommen Mikes Affinität zum Heavy Metal und Neals Qualitäten als Singer/Songwriter. Pete und ich kommen eindeutig vom britischen Prog Rock der 70er. Das alles haben wir diesmal auf KALEIDOSCOPE ineinander verwoben. Der stilistische Unterschied zu THE WHIRLWIND mag bei oberflächlicher Betrachtung nicht allzu groß sein, wenn man sich aber die Songs im Detail anhört, wird man merken, dass die neue Scheibe viel dunkler und experimenteller ist und wir uns getraut haben, innerhalb eines Stückes zu jammen und die Arrangements der Songs komplexer und widerspenstiger zu gestalten. Ich persönlich finde das ganz wunderbar, meines Erachtens passt die neue Scheibe noch besser zum künstlerischen Anspruch von Transatlantic als THE WHIRLWIND.“

Offenbar scheint die gesamte Band dieser Meinung zu sein, denn – oh Wunder – nach dem gemeinsamen Studiotermin wurde schon im Frühjahr 2014 ein weiteres Zeitfenster für eine ausgedehnte Welttournee freigeschaufelt. Stolt freut sich schon jetzt darauf: „Ich finde, dass Transatlantic auch auf der Bühne eine ganz außergewöhnliche Band sind. Mit Pete und mir gibt es zwei – in Anführungsstrichen – ruhige Europäer und mit Mike und Neal zwei – auch wieder in Anführungsstrichen – wilde Amerikaner. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass ausgerechnet Pete und ich die ruhenden Pole der Band und Mike und Neal so extrovertiert sind, aber in Transatlantic-Konzerten ergänzt sich das perfekt. Ich schaue mir öfter andere Bands an und bin immer dann ein wenig enttäuscht, wenn tolle Musiker so gar nicht aus sich herausgehen. Da ich selbst ein eher introvertierter Typ bin freut es mich, wenn Mike und Neal auf der Bühne alle Blicke auf sich ziehen. Die Mischung macht’s, und die ist bei Transatlantic so ausgewogen wie bei kaum einer anderen Prog-Rock-Gruppe.“

Simone Bösch