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Boston – Das Phantom

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Wenn Tom Scholz in seinem Kellerstudio vor den Toren der Ostküstenmetropole tüftelt, haben Zeit und Raum keinerlei Bedeutung. Was aber nicht der einzige Grund ist, warum der baumlange Schlaks für sein neues Album geschlagene elf Jahre gebraucht hat. Denn ausnahmsweise ist im Leben des Phantoms mal richtig viel passiert – und nur Positives.

Weshalb es vor einem der seltenen Gesprächstermine mit dem 66-jährigen Produzenten und Songwriter auch eine lange Liste mit Auflagen seines Managements gibt. Eben Fragen, die man auf gar keinen Fall stellen dürfe, weil sich der „extrem sensible Künstler“ sonst persönlich angegriffen fühle und das Gespräch sofort abbreche. Das gelte insbesondere für Themenbereiche wie den Tod von Sänger Brad Delp, der 2007 Selbstmord begangen hat, aber auch im Hinblick auf diverse Ex-Mitglieder, die sich mit Clubkonzerten als „Ex-Boston“ sowie Coverversionen des Scholz’schen Liedguts über Wasser halten wollten. Worauf der medienscheue Rockstar, der allein von seinem legendären 76er-Debüt 17 Millionen Exemplare (nur in den USA) umgesetzt hat, so gar nicht kann: „Es sind meine Songs, ich habe sie geschrieben und aufgenommen, und ich habe das Copyright am Namen Boston. Weshalb ich mein Eigentum schütze. Wie eine Löwin ihre Babys.“

Worunter er eine wahre Flut von Gerichtsverfahren versteht, in die er seit rund fünf Jahren verwickelt ist, und die ihn zwar zu Anwalts Liebling, aber längst nicht zum strahlenden Gewinner machen. „Ich habe viele schmerzhafte Niederlagen einstecken müssen, die mir persönlich sehr nahe gegangen sind. Aber bei der wichtigsten Sache habe ich mich durchgesetzt.“ Nämlich bei der Klage von Delps Ex-Verlobter, die ihn für Brads Selbstmord verantwortlich ma-chen wollte – weil er kurz zuvor aus der Band geflogen war. „Ich habe Brad gefeuert, aber ich habe ihn nicht umgebracht“, so Scholz. „Das ist ein Riesenunterschied. Nur: Es ist verdammt noch mal nicht so, als wäre mir das nicht nahe gegangen.“

Das, so Scholz weiter, zeige sich auch an den Aufnahmen zum mittlerweile sechsten Boston-Album: LIFE, LOVE & HOPE hat mit insgesamt elf Jahren Produktionszeit so lange gedauert, wie kein anderes Werk in der 35-jährigen Bandgeschichte und wird von seinem Schöpfer als „traumatisches Erlebnis“ beschrieben. „Ich arbeite mit Sicherheit sehr langsam, was allein daran liegt, dass ich alles alleine mache“, so der studierte Maschinenbauer und Erfinder des Rockman-Gitarrenverstärkers. „Aber ich bin auch ein Perfektionist, was bedeutet, dass ich endlos an einer winzigen Kleinigkeit sitze und kein Ende finde. Es gibt Songs, die nie fertig werden, die ich immer und immer wieder verändere und darüber alles andere vergesse – wie meine Ehe oder das Leben an sich. Ich war zum Beispiel seit 15 Jahren nicht im Urlaub, weil ich schlichtweg nicht dazu gekommen bin. Klar, das ist nicht gesund, aber ich wüsste nicht, wie ich sonst ein Album fertig bekommen sollte – dann würde ich wahrscheinlich noch länger brauchen.“

Dabei finden sich auf LIFE, LOVE & HOPE gerade mal elf Songs, von denen drei – ›Didn’t Mean To Fall In Love‹, ›You Gave Up On Love‹ und ›Someone‹ – lediglich Neubearbeitungen von Stücken des Vorgängers CORPORATE AMERICA (2002) sind, und die zeigen, wie Scholz tickt: „Ich war mit den ursprünglichen Fassungen so unzufrieden, dass es richtig weh getan hat und ich nachts nicht schlafen konnte. Also musste ich etwas dagegen tun. Und das habe ich. Ich habe sie so lange bearbeitet, bis sie meinen Vorstellungen entsprachen. Das Ergebnis kann man hier nachhören.“ Genau wie weitere Paradebeispiele des typischen Boston-Sounds: hymnischer AOR und große, gefühlvolle Balladen. Alle mit mehrstimmigem Harmoniegesang, markanten Riffs, zischelnden Drums sowie Texten über Liebe und Hoffnung – also exakt die Mischung, die bislang 31 Millionen Käufer gefunden, ihren kommerziellen Höhepunkt in Klassikern wie ›More Than A Feeling‹ oder ›Amanda‹ erreicht hat und ein ähnliches Markenzeichen ist wie das Raumschiff in Gitarrenform, das sämtliche Plattencover ziert. „Ich mache einfach die Musik, die in mir steckt, die ich mag und die sich auch nie ändern wird. Denn ich höre keine aktuellen Sachen. Die letzten Alben, die ich mir gekauft habe, waren LED ZEPPELIN II und TRUTH von der Jeff Beck Group. Das Goldene Zeitalter des Rock’n’Roll! Das ist das Fundament, auf dem ich meine Songs schreibe. Alles andere interessiert mich nicht.“
Was erklärt, warum es keine Experimente und keine Kurskorrekturen gibt. Das Phantom schreibt in erster Linie für sich – und gibt das auch unumwunden zu: „Musik zu machen hat etwas unglaublich Therapeutisches. Sie hilft mir dabei, Dinge zu verstehen und zu verarbeiten, wie mir das sonst nie gelingen würde. Und ich bin jedes Mal sprachlos, wie viele Menschen es da draußen gibt, denen es scheinbar genauso geht. Die sich damit identifizieren können, und die wollen, dass ich immer weiter mache.“

Wozu sich Scholz in seinem Studio verschanzt und höchstens mal eine Runde Eislaufen, ins Fitnessstudio oder Fliegen geht – mit einer altmodischen Propellermaschine, die sein ganzer Stolz ist. Neben seinem Studio-Equipment versteht sich, das immer noch auf dem Stand der Mittsiebziger ist, und woran sein Besitzer auch nichts ändern will: „Ich mag keine digitalen Aufnahmen. Einfach, weil MP3s und CDs das Schlimmste sind, was es gibt. Sie klingen völlig eindimensional, flach und haben keinerlei Tiefe. Es ist, als ob man nur einen Teil dessen wahrnimmt, was da wirklich in einem Song steckt, und das ist schlichtweg falsch, weil es das Hörerlebnis zerstört. Deshalb arbeite ich weiterhin analog, weil das das einzig Wahre ist. Um das zu verstehen, müsste man sich LIFE, LOVE & HOPE einfach mal auf Vinyl anhören. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Das Schlimme ist, dass es kaum noch Magnetbänder für Tonbandmaschinen gibt. Ich habe noch exakt eine Lieferantenquelle. Wenn die irgendwann versiegt – was schon nächstes Jahr sein könnte –, mache ich den Laden dicht. Dann höre ich komplett auf mit der Musik.“

Bis es soweit ist, plant Scholz aber noch eine finale Welttournee – inklusive der ersten Deutschland-Konzerte seit 1979. „Wir hatten dort eine wahnsinnig tolle Zeit. Leider hat sich nie eine Gelegenheit ergeben, das zu wiederholen. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Doch ich will unbedingt noch mal nach Heidelberg. Und das werde ich auch durchziehen. Wenn alles klappt, schon im Frühjahr 2014.“ Das Phantom hat gesprochen…

Marcel Anders

Rush – Bühnenzauber

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Das kanadische Prog-Rock-Trio beendet eine arbeitsreiche Phase mit seinem Live-Album CLOCKWORK ANGELS TOUR. Gitarrist Alex Lifeson zieht Bilanz.

So ganz genau weiß Rush-Gitarrist Alex Lifeson noch immer nicht, wie er die Kooperation seiner Band mit dem sogenannten „Clockwork Angels String Ensemble“ einstufen soll. Einerseits: Ja, es war ein großer Spaß für alle Beteiligten und eine für das kanadische Supertrio mehr als nur ungewöhnliche Herausforderung. Andererseits: Nein, ein zweites Mal würden Lifeson und seine beiden Bandkollegen Geddy Lee und Neil Peart ein solch sensibles Unterfangen wohl nicht anschieben: „Ich bin sehr stolz auf das Projekt, es war jeden Abend etwas ganz Besonderes, ich habe jede einzelne Show geliebt. Wir spielten mit tollen Orchestermusikern, mit einigen von ihnen haben wir uns angefreundet. Aber wenn man mich fragt, ob man so etwas wiederholen solle, würde ich antworten: nein, eher nicht.“

Die Zurückhaltung des Rush-Gitarristen liegt zweifelsfrei nicht in einem vermeintlichen Misslingen der Zusammenarbeit des wohl berühmtesten Prog-Trios der Welt mit einem Streichensemble begründet. Die Aufnahmen der auf CLOCKWORK ANGELS TOUR dokumentierten Shows zeigen eine imposante Kombination, die dem sowieso vielschichtigen Sound der Band eine weitere Färbung hinzufügt. Aber Rush sind trotz ihrer personell bedingt beschränkten Ausdehnungsmöglichkeiten eine Band, die Ideen niemals überstrapaziert und der Versuchung konsequent widerstanden hat, ihre Bühnenshow mit Gastmusikern auszuweiten. Warum also sollte ein Trio, das ähnlich wie ZZ Top oder Police ihr spezielles Charisma aus ihrer Dreierkonstellation bezieht, ohne Not das eigene Profil verwässern? Nein: Rush sind in ihrer Urbesetzung unschlagbar, dieses Flair darf nicht zerstört werden.

Zumal Lifeson nur allzu gut weiß, dass die Herausforderungen der Gegenwart an seine Band größer und umfangreicher sind als je zuvor. „Früher“, so der 60-jährige Kanadier, „ging man auf Tournee, um ein neues Studioalbum zu bewerben. Heutzutage ist es genau umgekehrt – man muss Studioscheiben auf den Markt bringen, um überhaupt touren zu können. Mit Ausnahme von Popkünstlern wie Lady Gaga, die immer noch unglaublich viele Alben verkauft, verdienen heute die meisten Bands ihr Geld mit Konzerten. Das bedarf völlig neuer Vorgehensweisen.“
Andererseits gibt Lifeson zu, dass das moderne Leben und seine technischen Möglichkeiten auch für Rush unschlagbare Vorteile mit sich bringen. Als das Trio 1976 mit 2112 begann, Rockgeschichte zu schreiben, war Studiozeit sündhaft teuer. Produktionen, die internationalen Ansprüchen gerecht werden sollten, kosteten seinerzeit nicht selten 150.000 Dollar und mehr. Und als die Kanadier nur wenige Monate später ihr erstes Live-Album ALL THE WORLD’S A STAGE veröffentlichten, wurden die Shows noch auf analogen Bändern festgehalten und anschließend auf riesigen Konsolen gemischt. „Heute ist alles digital, klein, kompatibel und kinderleicht zu bedienen. So kann man ohne großen Mehraufwand mehrere Shows einer Tour aufzeichnen und anschließend kontrollieren, welches Konzert die besten Versionen der Nummern zu bieten hatte. Auf der zurückliegenden Tournee wurde jede einzelne Show aufgezeichnet, so etwas hätte es vor 35 Jahren niemals gegeben.“

Die drei Konzerte, die letztendlich die Grundlage für CLOCKWORK ANGELS TOUR lieferten, stammen aus Dallas, Phoenix und San Antonio. „Der Hauptanteil ist von der Show in Dallas, weil wir dort die meisten Filmkameras am Start hatten. Aber wir wollten unbedingt drei Konzerte berücksichtigen, weil wir jeden Abend eine andere Setlist spielten. Auf der DVD kann man alles sehen, was wir aufgenommen haben.“

Es sind, wie immer bei Rush, perfekte Versionen tadelloser Songs. Bei dieser Band stimmt jeder Ton, jeder Break, da wackelt nichts. Was Wunder: „Wenn wir unsere Tourneen starten, liegen drei Monate intensiver Proben hinter uns. Unser Anspruch ist es, jeden Abend auf dem höchstmöglichen Level zu spielen, und dafür bedarf es einer konzentrierten und sorgfältigen Vorbereitung.“ Der Aufwand lohnt sich, zumal Rush einen exzellenten Ruf zu verteidigen haben. Dank der sorgsamen Vorbereitung erleben Fans am Beginn einer Tournee die gleiche Qualität wie die Zuschauer am Ende der kraftraubenden Konzertreise. „Zu Anfang sind wir natürlich noch frisch und voller Tatendrang, während man am Ende die Kraftanstrengung in den Knochen spürt. Andererseits: Je länger eine Tour dauert, umso selbstverständlicher wird alles auf der Bühne, sodass man aus der Routine eine ganz besondere Stärke zieht. Deswegen ist es sinnvoll, Live-Aufnahmen weder ganz am Anfang noch am Ende einer Tour, sondern irgendwo zu Beginn des letzten Drittels zu machen. Denn dann ist die Kraft noch da und die Homogenität des Zusammenspiels am größten.“

Angesichts des hohen Levels der Rush-Darbietungen sind solche Unterschiede wohl ausschließlich für die drei direkt Beteiligten zu hören. Signifikante Unterschiede für den gemeinen Fan gibt es nur dann zu entdecken, wenn Rush in die Arrangements ihrer Klassiker markant eingreifen. Etwa wie in ›Tom Sawyer‹ oder ›YYZ‹. Dazu Alex Lifeson: „Natürlich hört man immer auch eine natürliche Weiterentwicklung unserer Songs, vor allem der älteren Stücke. Zwischen ›Tom Sawyer‹ in seiner Originalfassung und der heutigen Version liegen mehr als 30 Jahre. Es wäre doch traurig, wenn wir heute nicht besser als damals klingen würden. Und bei ›YYZ‹ beispielsweise haben wir bewusst das Tempo gesenkt, damit der Song härter und moderner klingt. So etwas macht Spaß und bringt einen auf neue Ideen. Ebenso wie es für mich zunächst ungewöhnlich war, zum ersten Mal in meiner Karriere weder Verstärker noch Lautsprecher auf der Bühne hinter mir zu haben. Es dauerte ein paar Nächte, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Aber diese kleinen Veränderungen machen die Sache immer wieder aufs Neue spannend.“

Apropos: Auf Neues warten die Fans der Band schon jetzt wieder. Obwohl die Studioscheibe CLOCKWORK ANGELS noch keine zwei Jahre alt ist und mit dem vor kurzem veröffentlichten Bühnenwerk CLOCKWORK ANGELS TOUR eine Auffrischung erfahren hat, hoffen die Rush-Jünger auf weitere Großtaten in 2014. Doch dieser Wunsch wird sich ganz offensichtlich nicht erfüllen. Lifeson: „Tatsache ist, dass wir mindestens ein Jahr Pause machen, um uns zu erholen und mehr Zeit mit unseren Familien zu verbringen. Wir haben seit fünf Jahren nonstop gearbeitet, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um unsere Batterien wieder aufzuladen.“

The Deep Dark Woods – Gespür für die Geschichte

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Grau ist der Himmel über Saskatoon, das Thermometer zeigt minus zwölf Grad. Ryan Boldt hat trotz des frostigen Winterwetters in seiner kanadischen Heimat gut Lachen, denn mit JUBILEE, dem ausgezeichneten fünften Album seiner Band The Deep Dark Woods, rennt er bei den Anhängern unverfälschter Americana-Klänge offene Türen ein.

Seit acht Jahren existiert das Quintett nun schon, doch trotz fast einem halben Dutzend Platten und vielen Tourneen auf beiden Seiten des Atlantiks sind die bisherigen Karriere-Highlights für Boldt schnell ausgemacht. Die beiden Gastspiele im altehrwürdigen Ryman Auditorium in Nashville, einst Heimat der legendären Radiosendung „Grand Ole Opry“, und in der „Johnny Cash Show“ sind dem Frontmann am besten im Gedächtnis geblieben. „Der Ort hat einfach so viel Geschichte“, sagt er im CLASSIC- ROCK-Interview fast ehrfürchtig.

Genau dieses ausgeprägte Geschichtsbewusstsein sorgt dafür, dass The Deep Dark Woods mit JUBILEE vielen ähnlich inspirierten Alternative-Country-Acts mindestens eine Nasenlänge voraus sind. „Früher hatten die Musiker ein gutes Gespür für die Historie. Das fehlt in der modernen Musik oft“, glaubt Boldt. „Du kannst heutzutage Musiker treffen, die behaupten, Bluegrass zu spielen, ohne auch nur von den Stanley Brothers gehört zu haben. Das ist ein großes Problem.“ Boldt dagegen beschäftigt sich fast ausschließlich mit alter Musik – und das aus vielerlei Gründen. „Einer davon ist die Soundqualität“, erklärt er. „Vielen Menschen ist das nicht bewusst, aber die Art und Weise, wie ein Song aufgenommen wurde, hat viel damit zu tun, warum sie ihn mögen. Wenn ich Dan Penn ›You Left The Water Running‹ durch billige Mikrofone hätte singen hören, hätte mich der Song vermutlich nicht so gepackt.“

Um ihre Vision von einem ursprünglichen, authentischen Sound nicht zu verfälschen, haben die Kanadier ihre Platten bislang selbst produziert. Dieses Mal saß allerdings der für seine Zusammenarbeit mit Father John Misty und Dawes bekannte Jonathan Wilson am Mischpult. „Wir wussten, dass er ein unglaubliches Fachwissen auf dem Gebiet alter Aufnahmetechniken hat, und außerdem mag er die gleiche Musik wie wir“, rechtfertigt Boldt die Entscheidung. „Er schien der perfekte Partner zu sein – und das war er dann auch.“ Doch auch wenn die fünf Musiker klanglich den Blick zurückschweifen lassen und auf ihrem neuen Album ihre Affinität für die frühen Werke von kanadischen Lichtgestalten wie The Band, Neil Young & Crazy Horse oder Gordon Lightfoot weiterhin allgegenwärtig ist, treten sie keinesfalls auf der Stelle. Dezent eingesetzte Synthesizer sorgen unerwartet für Atmosphäre, und Jungspund Clayton Linthicum, der letztes Jahr den tourmüden Gitarristen Burke Barlow ersetzte, sorgt dafür, dass The Deep Dark Woods musikalisch offener sind als je zuvor.

Textlich bewegt sich Boldt derweil auf ähnlichem Terrain wie einst Bob Dylan und The Band zu BASEMENT-TAPES-Zeiten und erkundet die Folk-Tradition des „Old, weird America“ (wie Greil Marcus es einst nannte). Er straft mit seinen oft trostlosen Erzählungen von Saufgelagen, verlorener Liebe und anderen Missgeschicken den Albumtitel Lügen. Fast könnte man glauben, der Sänger und Songwriter gehöre nicht in die Gegenwart. „Manchmal wünsche ich mir in der Tat, ich hätte zu der Zeit gelebt, als mein Dad geboren wurde“, gesteht er. „Das Leben scheint damals simpler gewesen zu sein und die Menschen wurden nicht ständig mit irgendeinem Dreck überflutet. Letztlich gibt es aber in jeder Epoche unschöne Dinge. Man muss einfach versuchen, sie auszublenden.“ JUBILEE bietet den idealen Soundtrack dazu.

Carsten Wohlfeld

Hidden Timbre – Musik für den Markt von morgen

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Zwischen Rock und Metal, mal instrumental, dann wieder randvoll mit Gesang: Diese Wundertüte nennt sich TRIANGULATION und stammt von der ostdeutschen Band HIDDEN TIMBRE.

Die Diskussion, ob der heutige Prog Metal nicht eigentlich Retro Metal heißen müsste, und ob das, was gemeinhin als zukunftsgerichtet ausgewiesen wird, nicht in Wirklichkeit dunkle Schatten der Vergangenheit zitiert, muss man mit Hidden Timbre nicht führen. Die fünfköpfige Band aus Gera kupfert weder bei Yes, Genesis oder Camel ab noch findet man in ihren Songs Spuren von Dream Theater oder Tool. Ihr neuestes Album nennt sich TRIANGULATION und wildert gekonnt zwischen Alternative Rock, Metal und Crossover. Das mag so manchem Puristen zu breit gestreut sein, erweist sich beim genauen Hinhören jedoch als homogenes, abwechslungsreiches und gerade wegen seiner diversen Widerhaken ungewöhnliches Epos.

„You die your old life, starting anew as someone else“, singt Sänger Ronny Uhlemann im Album-Opener ›Fortunes‹ und erfindet die Band damit quasi neu. Denn Uhlemann ist der neue Vokalist der Gruppe, seine Kollegen haben den Besetzungswechsel zum eigenen Vorteil nutzen und den Verlust ihrer bisherigen Sängerin Anja Bräutigam kompensieren können. Mehr noch: In neuer Besetzung hat die Musik der Thüringer an Profil und Eigenständigkeit gewonnen. Die beiden Gitarristen Andreas Kaiser und Clemens Prescher nutzen den ihnen gewährten Freiraum durch langgezogene Instrumentalpassagen, die speziell in ›Clemenza‹ an die Klangsphären von Long Distance Calling erinnern und bis in die Sphären von RPWL vordringen.

Apropos: Die persönliche Nähe zu den deutschen Prog-Rock-Soundvisionären ist mittlerweile fast schon Tradition. Half in früheren Tagen vor allem RPWL-Gitarrist Kalle Wallner tatkräftig mit, um Hidden Timbre zu ihrem stechenden, sehr präsenten Sound zu verhelfen, wird auf TRIANGULATION das gut 50-minütige Material von RPWL-Sänger/Keyboarder Yogi Lang gemastert. Und so passen der Härtegrad zweier Gitarren, der Druck des Basses, der Groove des Schlagzeugs und die textliche Attitüde zueinander. Wunderbar realistisch erzählen Hidden Timbre in ihrem Song ›Kidz‹ das Gemeinschaftserlebnis eines Rockkonzertes, wenn aus Fremden Brüder werden („we‘re all just kids, a company, a movement, we‘re all just kids, buddies, fellows of the moment, do we dig it? Well, we do“). Nicht erst seit ihrer großen Release-Party Anfang November 2013 in ihrer Heimatstadt wissen die fünf Bandmitglieder, was es bedeutet, wenn ein Konzert beginnt, der Sturm losbricht und Licht und Sound die Massen in Bewegung bringen: „What you hear is a drumfill that fits, that growling in your stomach it‘s a bassline that rips. The sound of an axe makes yourself dream, voices telling you: now it‘s time to scream.” Könnte man die Faszination eines Hidden-Timbre-Konzertes besser in Worte fassen?

Tatsache ist: Auf TRIANGULATION greift ein Rädchen ins andere, vereinen sich Gesang und Musik, Worte und Noten, Bandphilosophie und musikalisches Geschichtsbewusstsein. Es ist in der Tat eine Art Dreiecksbeziehung, die hier zum Tragen kommt und die Hidden Timbre vom Wust ähnlich gearteter Bands unterscheidet.

Ja, da steht es deutlich geschrieben, auf der Rückseite ihres Cover-Artworks: „Prog Metal“, in deutlich sichtbaren Buchstaben. Die Herren Uhlemann, Kaiser, Prescher, Mirko Schmidt (Bass) und Danny Schmidt (Schlagzeug) haben Recht: Retro ist an dieser Band rein gar nichts, was Hidden Timbre als progressiv, sprich: zukunftsorientiert anpreisen, ist in der Tat Musik für den Markt von morgen.

Matthias Mineur

Axel Rudi Pell – Bewährtes Rezept, neu abgeschmeckt

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Der 53-Jährige bleibt seinen Wurzeln auch auf Album Nr. 15 treu. Und darf in seiner Band auch noch einen illustren Neuzugang begrüßen.

Obwohl Gitarrist Axel Rudi Pell aus Bochum stammt (und seit Ewigkeiten in Bochum wohnt) ist Hannover in den letzten 25 Jahren für ihn zu einer Art zweiten Heimat geworden. In der niedersächsischen Landeshauptstadt hat sich nämlich Mitte der 80er Jahre seine Plattenfirma Steamhammer/SPV angesiedelt. Und die freut sich im Januar 2014 über das mittlerweile 15. Studioalbum ihres langjährigen und wohl treuesten aller Vertragspartner. „Für einen Künstler ist es enorm wichtig, das Vertrauen und die Rückendeckung seiner Plattenfirma zu haben“, erklärt Pell die seit 1989 ungewöhnlich lange andauernde Zusammenarbeit. „Andererseits können sich SPV ja auch auf mich verlassen, dass ich nicht plötzlich mit ’ner Punk-Scheibe oder irgendwelchen experimentellen Abenteuern um die Ecke komme.“

Wohl wahr: Mit beinahe stoischer Zuverlässigkeit frönt Axel Rudi Pell einem melodischen, wohltemperierten und gleichmäßig fließenden Hard Rock. Inspiriert wird er dabei vor allem von seinem großen Vorbild Ritchie Blackmore, Gitarrist der Mittelalter-Rock-Band Blackmore’s Night und einstiger Kreativchef von Deep Purple und Rainbow. Auch auf seinem neuesten Album INTO THE STORM findet man die allseits beliebte Mischung aus Rockriffs, Grooves und eingängigen Gesangslinien. Hinsichtlich der Grooves kommt Pell seinem Idol Blackmore übrigens seit kurzem einen gehörigen Schritt näher: Niemand Geringeres als Schlagzeuger Bobby Rondinelli hat die Nachfolge des ausgeschiedenen Amerikaners Mike Terrana angetreten. Rondinelli saß Anfang der 80er unter anderem auf den Rainbow-Alben DIFFICULT TO CURE (1981) und STRAIGHT BETWEEN THE EYES (1982) hinter Kessel und Becken und fühlt sich in der ARP-Band offenbar pudelwohl: „Bobby sagte, dass meine Musik genau seinem Geschmack entspricht. Er kannte mich bislang nur namentlich, aber nachdem ich ihm einige YouTube-Links geschickt hatte, damit er sich informieren kann, war er total begeistert und meinte, das sei genau die Musik, die er auch privat höre.“

Gleiches gilt auch für den deutschen Gitarristen, der seine privaten Vorlieben über kommerzielle Motivation stellt: „Wenn ich mit der Musik hätte reich werden wollen, dürfte ich solche Songs nicht machen“, weiß er genau um die begrenzten Absatzkapazitäten im Rockbereich, „aber wer weiß: Vielleicht hätte ich bereits längst die Lust an meiner Kreativität verloren, wenn ich nicht ausschließlich das schreiben würde, was künstlerisch aus mir heraus will. Man kann als Musiker nur dann dauerhaft überleben, wenn man ausschließlich seinem eigenen Geschmack folgt.“

Dieser Devise bleibt der 53-Jährige übrigens auch bei der traditionell bewährten Auswahl seiner Coversongs treu. Waren es früher Stücke von Ronnie James Dio, Rainbow und Deep Purple, so hat sich der Meister diesmal einen Song von Neil Young vorgenommen, Titel: ›Hey Hey My My‹. Wiederentdeckt hat er diesen Song in einer US-Fernsehserie, und da er immer auch eine Weiterverwertung seiner Coversongs auf Compilations im Hinterkopf hat, passt diese ruhige, balladeske Nummer perfekt zu Aktualität und Zukunftsplanung. „Ferdy (Doernberg) hat einen tollen Klavierpart dazu gespielt, und zu Johnnys (Gioeli) Stimme passen diese Art atmosphärische Rocknummern sowieso perfekt.“ Alles beim alten, und irgendwie doch alles neu, so könnte das Resümee der aktuellen Pell-Scheibe INTO THE STORM lauten, auf der bewährte Stärken des Gitarristen mit moderaten Neuerungen vermischt werden.

Simone Bösch

Chrome Division – Erfüllungsdruck Kontra Leidenschaft

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Vier Alben in zehn Jahren sprechen nicht gerade für übertriebenen Arbeitseifer. Doch Chrome Division waren stets nur als Nebenprojekt von Schwergewichten wie Dimmu Borgirs Shagrath und Susperias Shady Blue gedacht. Jetzt gibt‘s neues Material.

Sänger Shady Blue redet Klartext: „Für Shagrath waren Chrome Division ein Ventil, um seiner Leidenschaft für erdige Rockmusik nachzukommen, die er mit Dimmu Borgir nicht ausleben konnte, ein Platz zum Relaxen, eine Art Zufluchtsort ohne Erfüllungsdruck. Dass die Band aber nie die Priorität haben wird wie Dimmu Borgir, war von Beginn an klar. Alle Mitglieder der frühen Chrome Division hatten auch andere Verpflichtungen, was dazu führte, dass nur alle paar Jahre ein Album aufgenommen werden konnte. Als ich 2009 zur Band stieß, war das Gefüge sehr fragil und ein neues Line-up musste sich erst wieder etablieren. Dass wir es nun doch noch bis zum Zehnjährigen geschafft haben, finde ich gut, denn das Bandgefüge war niemals besser.“

Dass das neue Line-up von Beginn an bestens funktionierte, zeigte alleine schon der Umstand, dass man selbst übelste Herausforderungen sanitärer Art souverän meisterte. Shady Blue: „Zweifellos war das Überlaufen der Toiletten im Studio die größte Herausforderung bei den Aufnahmen zum neuen Album. Wir mussten in einen anderen Teil des Studios umziehen und dort weiterarbeiten, ansonsten ging das alles sehr easy von der Hand. Jeder war super vorbereitet, ich selbst war nie besser in meiner Karriere als zu diesem Album. Mit Endre Kirkesola in den „Dub“-Studios haben wir zum ersten Mal zusammengearbeitet. Ein totaler Freak mit einer unglaublichen Leidenschaft für analoge Aufnahmetechniken, was uns natürlich sehr zugute kam.“

INFERNAL ROCK ETERNAL liefert einmal mehr den eigenwilligen, unverwechselbaren, groovigen Rock‘n‘Roll, den man nur den Norwegern zuordnen kann. „Auch die neuen Mitglieder hatten erheblichen Einfluss auf die Songs. Gitarrist Damage Karlsen hat ja einen sehr metallischen Background, und wir waren uns nicht so sicher, ob das in unserem Kontext funktionieren würde, aber mit seinen coolen Ideen fegte er jede Skepsis beiseite. Kurz bevor er bei Chrome Division einstieg, hatte er seine alte Band Breed aufgelöst, es war also ein perfektes Timing. Er kam mit der einen Hälfte der Riffs an und Shagrath mit der anderen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Stücke sich mehr voneinander unterscheiden als jemals zuvor. Mein persönliches Highlight des Album ist ›Lady Of Perpetual Sorrow‹, denn damit verbinde ich diese großartige Session die Damage, Shagrath und ich eine ganze Nacht lang durchgezogen haben. Wir hatten eine Unmenge Wein mit ins Studio gebracht, die Handys ausgeschaltet und die ganze Nacht an diesem Song gearbeitet. Das war eine unglaubliche Erfahrung und Atmosphäre. Textlich einer meiner bisher persönlichsten Tracks, eine sehr emotionale Session und deshalb mein persönlicher Favorit. Überhaupt waren die Aufnahmen ganz anders als beim Vorgänger 3RD ROUND KNOCKOUT, denn wir hatten uns dazu entschieden, in Blöcken immer nur zwei oder drei Songs einzuspielen. Dadurch konnten die Stücke sozusagen ruhen und Wochen später beim nächsten Studiotermin neu auf uns wirken. Sicher ist das deutlich teurer und zeitintensiver als normale Aufnahmen, aber dieser Ablauf war uns sehr wichtig, da wir der Meinung sind, dass wir diesmal besonders starke Songs geschrieben hatten. So kam es auch zum Stück ›Øl‹, was nichts anderes als Bier bedeutet. Wir haben ihn in norwegischer Sprache eingesungen. Die Idee dazu schleppten wir schon einige Zeit mit uns herum. So ein schneller, punkiger Song passte einfach perfekt zu diesem Thema.“

Jürgen Tschamler

Temples – Auf der Sonnenseite

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Mit Temples musste man schon etwas länger rechnen. Seit November 2012, um genau zu sein. Damals erschien die erste Single der Band mit Namen ›Shelter Song‹, die einen sehr guten Eindruck machte. Das Spiel der Rickenbacker-Gitarre erinnerte an The Byrds, das Schlagzeug klang auch sehr nach den Sixties und die aufhellende Melodie hätten auch The Kinks zu Zeiten von THE VILLAGE GREEN PRESERVATION SOCIETY nicht besser setzen können. Man war folglich gespannt, was das Debütalbum bringen wird.

Jetzt, da man die Songs kennt, kann man sich über eine der besten Taten auf dem Gebiet der neo-psychedelischen Rockmusik freuen. Allein schon deshalb, weil sich diese vier Musiker auf SUN STRUCTURES nicht auf einen Punkt versteifen. „Wir sind sehr an britischer Popmusik aus früheren Jahrzehnten interessiert, sie stellt für uns einen grundsätzlichen Fixpunkt dar. Die weitere Route ist dann aber völlig offen. Wir wollen uns von der reinen Pop-Ästhetik wegbewegen und Einflüsse aus völlig anderen Klangwelten einbringen. Als wir begannen, unter dem Namen Temples aufzutreten, hörten wir uns viel von Brian Eno, Tangerine Dream, den frühen Pink Floyd oder Soft Machine an, um herauszufinden, wie Popmusik in etwas Größeres verwandelt werden kann“, erzählt Bassist Tom Warmsley, der die Band zusammen mit Sänger und Gitarrist James Bagshaw nur wenige Monate vor Veröffentlichung von ›Shelter Song‹ gegründet hat. Recht bald danach gab es bereits die ersten positiven Reaktionen berühmter Kollegen. Johnny Marr äußerte sich begeistert und Noel Gallagher erklärte, dass er lieber Temples im Mainstream-Radio und nicht immer dieselben Pop-Sternchen hören will. Warmsley ist sich nicht sicher, ob dieser Zuspruch zu so einem frühen Zeitpunkt in der Karriere einer Band wirklich hilfreich ist. „Natürlich haben wir nichts dagegen, wenn sich Leute mit so einem Bekanntheitsgrad und Einfluss für eine junge Band aussprechen. Aber wir bilden uns darauf ehrlich gesagt nichts ein. Man muss schon zum Volk durchdringen. Was ein Journalist oder ein Fan auf einem Konzert zu uns sagt, ist genauso wichtig wie die Meinung eines Noel Gallagher.“

Mit Auftritten kennen sich Temples schon gut aus. Vor dem Gespräch mit diesem Magazin hat die Band eine zweimonatige Tour durch Europa, die USA und Japan absolviert. Kurz vorher hatte man die Aufnahmen zu SUN STRUCTURES beendet und davor stand man auf vielen Bühnen Britanniens. Warmsley findet es angenehm, nach den Reisen wieder zurück in Kettering zu sein, wo alles angefangen hat. Die Stadt in der Grafschaft Northamptonshire ist keine, der man einen fruchtbaren Nährboden für Rockmusik zu-schreibt. Es ist eine ruhige Marktgemeinde mit knapp 50.000 Einwohnern und ein britischer Wahlkreis mit Sitz im Unterhaus. Warmsley glaubt nicht, dass sich aus der idyllischen Herkunft der Band ein Nachteil konstruieren lässt. „Wir leben ein gutes Stück von London entfernt, wo sich das kulturelle Geschehen dieses Landes ballt. Gegenden außerhalb der Großstädte darf man aber nicht unterschätzen. Man findet in ihnen Ruhe und Inspiration. Und gerade in unserer Umgebung hat es schon große Bands gegeben. Bauhaus kamen aus Northampton, Spiritualized und Spacemen 3 aus Rugby.“ Spätere Generationen werden auch von Temples sprechen, wenn es um die Aufzählung musikalischer Highlights aus Kettering und der anliegenden Städte geht. Das ganze Paket, die Songs, die Arrangements, die Spielfreude, überzeugen schon jetzt über alle Maßen. Let the sunshine in.

Thomas Weiland

The Vintage Caravan – Reif auf der Insel

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TheVintageCaravan2013jWer mit zwölf Jahren eine Band gründet, muss entweder frühreif oder Isländer sein. The Vintage Caravan sind beides, wie ihr Debüt VOYAGE beweist.

Als Metallica am 4. Juli 2004 im Rahmen ihrer „Madly In Anger With The World Tour“ in Reykjavík gastierten, hatte Óskar Logi keinen Bock auf Rock. „Ich war damals zehn Jahre alt und Metallica interessierten mich nicht. Das kam erst ein Jahr später, was mich heute noch immer ärgert. Damals bin ich im selben Jahr zu Deep Purple gegangen, aber währenddessen umgekippt. Vielleicht sollte ich vor Konzerten etwas essen.“

Inzwischen gibt sich der Gitarrist und Sänger nicht nur ernährungsbewusster, sondern mischt auch mit seiner eigenen Band The Vintage Caravan munter mit im großen Rocktheater.

„Im Alter von zwölf Jahren haben wir beschlossen, diese Band zu gründen. Dafür gab es keinen besonderen Grund, wir wollten eigentlich nur Spaß haben, nachdem wir uns durch die Plattensammlungen unserer Eltern gewühlt hatten.“

Zusammen mit Alex Örn (Bass) und Guðjón Reynisson (Schlagzeug) war der Schlachtplan sofort festgelegt – ein Trio muss es sein. „Natürlich ist eine solche Besetzung nicht die einfachste, weil jeder hundertprozentig genau spielen muss, aber für mich ist das auch das authentischste Format. Rau und kraftvoll. So breit wie ein Sextett zu klingen, ist eine echte Herausforderung zu dritt.“

Vor allem, wenn man sich schon in frühester Jugend dem Classic Rock verschrieben hat. In der Schule gab es wegen des „antiken“ Geschmacks keine Probleme, lacht Óskar: „Wir waren nie Außenseiter wegen unseres Musikgeschmacks, obwohl ich der Einzige in meinem kleinen Kaff war, der den ganzen Tag Jimi Hendrix und Rush gehört hat. Aber ich glaube, die anderen fanden das eher cool als komisch. Bloß die Mädchen konnte man damit nicht beeindrucken.“ Interessant sind die drei Nordlichter trotzdem, qua Geburt: Island ist bis auf Exoten wie Björk oder Sigur Rós nicht gerade ein klassisches Ex-portland für Popkultur. Vor- oder Nachteil? „Eher ein Vorteil“, mutmaßt der Frontmann. „Die isländische Szene besitzt einen guten Ruf, das erklärt das Interesse an unserer kleinen Kapelle. Dazu kann ich mehr sagen, wenn wir nächstes Jahr auf Tour gehen.“

The Vintage Caravan werden dann ihren leicht progressiv angehauchten Classic Rock außerhalb ihrer kleinen Enklave verbreiten. Denn die Szene ist übersichtlich, richtig leben kann man kaum von einer Existenz als Profimucker, also ist der Schritt in die große weite Welt ein logischer. Dabei dürften sie auf offene Ohren stoßen, denn gerade der exotische Ansatz macht das Debüt VOYAGE zu einem der interessantesten Alben des kommenden Jahres. „Das liegt wirklich an Islands Lage“, erklärt der singende Gitarrist. „Wenn du Musik nicht wegen der Kohle, sondern um ihrer selbst willen machst, dann ergeben sich automatisch mehr Freiheiten und eine gewisse ‚Ist mir doch egal‘-Haltung. Dazu kommt die wunderschöne Natur um uns herum, in der Songs wie ›Winterland‹ zum Beispiel fast automatisch entstehen. Die Inspiration dazu liegt quasi auf der Straße.“

Auch ihr aktuelles Video zu ›Expand Your Mind‹ ist ein gutes Beispiel für die ungezwungene Herangehensweise. „Bowen Staines, den wir durch seine Arbeit an Sólstafirs Video zu ›Fjara‹ schon kannten, schrieb das Script, gedreht haben wir zwei Monate, geschnitten sieben. Viel Arbeit, die sich aber gelohnt hat. Man erkennt beim ersten Sehen kaum alle Details: Party auf einem Hoteldach, ein purpurner Dildo, Tom Selleck und ein Hot Dog mit gepiercten Nippeln.“

Jörg Staude