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Caravan – IN THE LAND OF GREY AND PINK 40TH ANNIVERSARY DELUXE EDITION

caravanCanterbury Tales in Grau und Rosa: die wundersame Welt ätherischen Wohlklangs.

Schwarzer so­­­wie zotiger britischer Humor spielte bei Ca­­ra­­van nicht nur in Albumtiteln wie IF I COULD DO IT AGAIN, I’D DO IT ALL OVER YOU, FOR GIRLS WHO GROW PLUMP IN THE NIGHT oder CUNNING STUNTS eine dominante Rolle. Auch das ak­­tuelle Boxset CARAVAN – THE WORLD IS YOURS: THE AN­­THO­­LOGY 1968–1976 bedient sich hintersinniger Rhetorik. Aus gutem Grund: Denn im Gegensatz zu stilistisch artver­­wandten britischen Kollegen wie Yes, ELP oder Genesis wa­­ren Caravan nicht gerade Wel­­ten­­eroberer. Zumal das Quar­­tett mitunter auch im eigenen intellektuellen Anspruch stecken blieb und nach 1971 an der hohen Fluktua­­tionsrate seiner Mitglieder scheiterte. Als würzige Progrock-Delikatesse ab­­seits genormtem Massen­­ge­­schmacks erspielte sich das En­­­­semble um Chefideologe Pye Hastings vorzugsweise im UK, aber auch in Frankreichs, Hol­­lands und Deutschlands Stu­­den­­tenkreisen einen guten Ruf, was vor allem an dem Kon­­zept­­mei­­lenstein IN THE LAND OF GREY AND PINK lag. Ly­­risch versponnen, wandeln die Grenzgänger aus Canterbury hier zwischen Rock, Jazz, Folk und Klassik. Verpackt im da­­mals angesagten Artwork von Illustratorin Anne Marie An­­der­­son, die tollkühn auf Tol­­kiens Hobbit-Reich anspielt. Für die 40TH ANNIVERSARY DELUXE EDITION wühlte sich Ko­­ordinator Mark Powell durchs Archiv, um ungeahnte Schätze zu Tage zu fördern: Diverse Bo­­nuslieder mit Alternativ-Mixen von Porcupine-Tree-Boss Ste­­ven Wilson finden sich schon im Anhang des Originals. Eine weitere CD offeriert Studio-Outtakes und BBC Sessions. Wilson zeichnet auch für den 5.1 Surround Sound auf DVD verantwortlich, die im visuellen Teil auch Raritäten aus dem Bremer Beat Club enthält.

The Beatles – 1

Beatles, TheAlles Einsen: Super­­lative pur.

30 lange Jahre dauerte es, bis nach der Tren­­nung der Beat­­les eine Einzel-CD-Kompilation sämtlicher Singles vorlag, die sich seinerzeit dies- und/oder jenseits des Atlantiks auf Nummer eins platzierten. Erwartungsgemäß schlug „1” zur Jahrtau­­send­­wende mit rund 31 Mil­­­­lio­­nen abgesetzten Exemplaren alle Verkaufsrekorde. Kompiliert von Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr und Pro­­duzent George Martin, fasziniert und verblüfft „1” elf Jahre und ein komplettes Remas­­tering später abermals mit 27 chronologisch gestaffelten Lie­­dern: Mit ›Love Me Do‹ vom Ok­­tober 1962, das im Mai 1963 nur in den USA die Pole Position erklomm, startet der Reigen durch ein knappes Jahrzehnt rasanter Verände­­rungen, das die Beatles nicht nur musikalisch dominierten. Verwendung fand jene Version von ›Love Me Do‹, auf der Rin­­go Starr „nur“ Tamburin spielte und Session-Drummer Andy White trommelte. Erstmals die Spitzenposition in Großbri­­tan­­nien erklomm im Mai 1963 ›From Me To You‹. Sowohl im UK als auch den USA gelangen höchste Platzierungen bis zu ›Yesterday‹, das nur in Amerika und auf dem europäischen Kontinent als Single erschien. Die acht 45-iger der ersten Beatlemania-Phase sind: ›She Loves You‹, ›I Want To Hold Your Hand‹, ›Can’t Buy Me Love‹, ›A Hard Day’s Night‹, ›I Feel Fine‹, ›Eight Days A Week‹, ›Ticket To Ride‹ und ›Help‹. Auf dem Fuße folgt die Doppel-A-Seiten-Single ›Daytripper‹/­›We Can Work It Out‹. ›Pa­­perback Writer‹ darf ebenfalls nicht fehlen – kommt aber leider ohne ›Rain‹ im Schlepptau. ›Yellow Submarine‹/›Eleanor Rigby‹ gefallen sich ebenfalls im Doppelpack. Schmerzlich vermisst wird indes ›Straw­­berry Fields Forever‹, die erste Beatles-Single im UK seit 1963, die nur Rang zwei einnahm. Im Tracklisting wurde lediglich die US-Eins ›Penny Lane‹ berücksichtigt. Sichere Sieger auf beiden Seiten des Ozeans sind ›All You Need Is Love‹, ›Hello Good­­bye‹, ›Hey Jude‹ und ›Get Back‹. Paul McCartneys satte Rock’­­n’Roll-Hommage an Fats Do­­mi­­no, ›Lady Madonna‹, ge­­fiel hingegen nur den Eng­­län­­dern. Gleiches gilt für John Lennons turbulentes Ehe-Tagebuch ›The Ballad Of John And Yoko‹. Um­­gekehrt konnten sich zum Beat­­les-Finale nur die Amerikaner für ›Something‹/›Come To­­gether‹ sowie ›Let It Be‹ und ›The Long And Winding Road‹ begeistern.

Barclay James Harvest – TAKING SOME TIME ON: THE PARLOPHONE-HARVEST YEARS (1968 – 1973)

Barclay James HarvestFacettenreiches Frühwerk.

Noch heute mag vielleicht manch einer ver­­kniffen das Mündchen verziehen, wenn die Sprache auf Barclay James Harvest kommt. Sicherlich, mit kitschigen Epen wie ›Child Of The Universe‹ und ›Hymn‹ mu­­tierten die Briten Ende der Sieb­­ziger zu Reizfiguren in einer von Punk und New Wave dominierten Zeit. Weniger bekannt als die Polydor-Ära ist der frühe Kreativ-Output des Quartetts auf EMIs Harvest-Label. Vier Original-Alben von 1970-72 mit diversen Single-Raritäten, Out-Takes sowie BBC Sessions aus gleicher Periode finden sich auf dem 5-CD-Set TAKING SOME TIME ON: THE PARLOPHONE-HARVEST YEARS (1968–1973). Die 69 Tracks dienen der Re­­habilitation. Mit facettenreichen Kompositionen lässt das im Juni 1970 erschienene Debüt BAR­­CLAY JAMES HARVEST aufhorchen. Pop-Hymnen wie ›Good Love Child‹, saftige Brass-Or­che­­s­­trationen auf ›When The World Was Woken‹, das mittelalterliche ›The Iron Maiden‹ und die – mit etlichen Tempo­­wech­­seln bestückte – Kako­­(sym)pho­­nie ›Dark Now My Sky‹ könnten stilistisch unterschiedlicher kaum sein. Ein Quantensprung gelingt dann 1971 mit dem betont offenen Kon­­zept des zweiten Al­­bums ONCE AGAIN: Von den Fuzz-Gitarren im Opener ›She Said‹ über den elegischen ›Song For The Dying‹ und das Lamento ›Ball And Chain‹ bis hin zum märchenhaft verwunschenen ›Galadriel‹ lassen Barclay James Harvest abermals eine klare, wenn auch variable Stillinie er­­kennen. Noch im gleichen Jahr folgt …AND OTHER SHORT STORIES. Auch hier regiert die Vielfalt. Den Ureinwohnern Nord­­amerikas gewidmet ist ›Me­­di­­cine Man‹. ›Blue John’s Blues‹ kann mit jedem besseren Gerry-Rafferty-Hit konkurrieren. Nur zwei Stücke, ›The Poet‹ und das apokalyptische ›After The Day‹, wuchten mit mächtigen Orche­­sterarrangements und Mello­­trongewabere. Relativ gleichförmig begeht das Ensemble indes den EMI-Vertragsauslauf. Ab­­gesehen vom Rock-Riff in ›Thank You‹, offeriert BABY JAMES HARVEST von 1972 nur Haus­­mannskost. Dass unterm Strich doch eine hohe Wertung rauskommt, liegt an den Bonustiteln: Ein Single-Mix von ›Medicine Man‹, die superben 45er ›I’m Over You‹, ›Child Of Man‹ und ›Rock And Roll Woman‹, sowie die unter Pseudonym Bombadil veröffentlichte Glam-Rock-Hymne ›Breathless‹ tönen ge­­gen jedes Barclay James Har­­vest-Klischee an.

BARCLAY JAMES HARVEST: 7
ONCE AGAIN: 8
…AND OTHER SHORT STORIES: 9
BABY JAMES HARVEST: 8

The Union – Offene Vollkommenheit

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The UnionNachdem Thunder im vergangenen Jahr endgültig ausgerockt hatten, war Luke Morleys erster Schritt in eine neue Zukunft ein Anruf bei seinem langjährigen Songwriting-Partner im Hintergrund: Pete Shoulder. Nun hat das ungleiche Duo sein Debüt fertiggestellt – und Zeit genug, mit CLASSIC ROCK über Alkoholexzesse und einen Altersunterschied von 24 Jahren zu philosophieren.

Sie sind ein merkwürdiges Paar. Ein Teil des Duos ist ein alter Bekannter: Luke Morley, ehemals Gitarrist von Thunder und ein Mensch, der so aussieht, als wäre er schon mit verkniffenen Gesichtszügen aus Mamas Gebärmutter geschlüpft und hätte seither keine Miene verzogen. Ein durch und durch knorriger Typ, dem der smarte und wesentlich jüngere Pete Shoulder (26) zu jeder Sekunde die Show stiehlt. Die Musik jedoch, die das ungleiche Zweiergespann gemeinsam komponiert hat, klingt völlig anders, als der erste Eindruck von den beiden Rockern vermuten lässt. Schon nach wenigen Takten ist klar: Ihr Projekt heißt nicht ohne Grund The Union. Morley und Shoulder spielen auf Augenhöhe – sie ergänzen sich und bereichern damit den Sound ihrer Band. Diktatorische Ansätze, Hierarchiedenken oder gar Parasitentum? Gibt es nicht. Symbiose ist stattdessen angesagt.

Das merkt man auch gleich im Interview. Während Shoulder beweist, dass er geistig wesentlich reifer ist, als sein Alter vermuten lassen würde, steckt in Morley immer noch der Lausbube. Es scheint, als wären beide einfach dem Leitspruch gefolgt: „Lass uns in der Mitte treffen!“ Hat funktioniert. Und zwar laut Shoulder auch deshalb, „weil Luke ein fantastischer Trinkpartner ist“, wie er schelmisch grinsend verrät. „Es gab nämlich etliche Abende, an denen wir das herausfinden konnten.“

Und nein, die Feiern waren einfach nur Feiern, keine Notwendigkeit, um eine kreative Atmosphäre zu erzeugen. Denn The Union sind keine Zweckgemeinschaft. Oder gar der desperate Versuch eines Musikers in den besten Jahren, das Aus seiner alten Band zu verarbeiten, indem er mit einem jungen Sparringspartner noch einmal in den Rock-Ring steigt. Denn Shoulder und Morley kennen und schätzen sich nicht erst seit gestern. Ihre Freundschaft besteht schon seit einer Dekade.

„Als ich Pete kennen lernte, war er gerade 17 Jahre alt“, erinnert sich Luke Morley zurück. „Ein Bekannter hatte mir Demos von ihm gegeben, und ich war hin und weg von seinem Talent. Was für ein Sänger, was für ein Gitarrist! Pete hatte es einfach drauf, in jeglicher Hinsicht. Wir blieben in Kontakt, machten gemeinsam einige Demos, hingen aber in erster Linie einfach nur zusammen ab, tauschten Platten und hörten Musik.“

Schon bevor die beiden zum ersten Mal in Kontakt traten, war Shoulder als Musiker aktiv. Seit seinem 13. Lebensjahr trat er live auf, und zwar nicht nur beim örtlichen Schulfest, sondern ganz professionell vier Abende pro Woche. „Meine schulischen Leistungen haben zwar ziemlich darunter gelitten“, so Shoulder heute, „aber das war mir total egal. Ich wollte Musik machen. Durch die Auftritte habe ich mehr gelernt, als ich es je in einem Klassenzimmer getan hätte.“

Dort, wo Pete Shoulder herstammt, aus dem rauen Nordosten Großbritanniens, ist der ideale Nährboden für jemanden, der sich durchsetzen kann und harte Musik liebt. Bluesrock ist die favorisierte Musikrichtung in den unzähligen Bikerbars, die sich dort aneinander reihen. Free werden als Götter verehrt. Wer in diese Kerbe drischt, gewinnt – das hat Shoulder schon als 15-Jähriger festgestellt. „Ich hatte mit meiner Band einen Auftritt nach einer Motorrad-Rallye. Wir legten los, und nach ein paar Minuten rissen sich diese alten, fetten Biker im Publikum plötzlich ihre Klamotten vom Leib und fingen an, wild herumzutanzen. Wir konnten gar nicht glauben, was da gerade passierte… Während einer anderen Show schaute unser Drummer auf den Boden und sah, dass dort ein riesiges, scharfes Messer aus dem Boden ragte. Das war schon krass.“

Die Zeiten sind inzwischen vorbei. Denn mit 17 konnte Pete einen der begehrten „Development Deals“ von Sony Music ergattern, einem Programm, in dem junge Künstler gefördert werden. Zwar brachte er es als Solo-Rocker nicht zu Weltruhm, doch Shoulder erkannte, dass er Songwriter-Talent besaß. So komponierte er gemeinsam mit Luke Morley ›The Man Inside‹ von Thunders 2003er-Album SHOOTING AT THE SUN. Drei Jahre später wurde er zudem für ›Think Of Me‹ (erschienen auf dem letzten Album der Blues-Ikone Little Milton) mit einem Preis der WC Handy Blues Foundation in der Kategorie „American Blues Song Of The Year“ geehrt. Das ist vor ihm nur zwei anderen Briten gelungen, nämlich Eric Clapton und Peter Green. Noch heute kann Shoulder seine Freude darüber kaum zurückhalten – und dabei geht es ihm weniger um die Ehrung durch die Stiftung, sondern um Little Miltons musikalischen Ansatz. „Unglaublich, aber er hat sogar meine Soli übernommen und sie nicht neu eingespielt“, jubelt der Komponist.

Weniger erfolgreich verlief seine Zusammenarbeit mit Jerry Lynn Williams, der das Gros von Claptons JOURNEYMAN komponiert hatte. Doch das lag am Meister selbst, nicht an Pete Shoulder. „Jerry ließ mich jeden Tag mit einer Stretch-Limo vom Hotel abholen und sagte dem Fahrer, dass er auf dem Weg zu ihm außerdem noch Schnaps besorgen sollte. Ich war gerade mal 18 Jahre alt und durfte mit Jerry Lynn Williams herrliche Rum-Cocktails schlürfen. Da dachte ich: ›Pete, du hast es geschafft!‹ Aber am vierten Tag, an dem ich völlig betrunken war und noch keinen einzigen Ton komponiert hatte, fragte ich Williams schließlich: ›Jerry, wollen wir nicht mal mit der Arbeit anfangen?‹ Doch er konnte nicht, denn er hatte den Tod seines Sohns noch nicht verarbeitet. Einmal brach er mitten im Restaurant in Tränen aus. Schließlich rief ich meinen Manager an und sagte: ›Ich glaube, Jerry braucht mich im Moment nicht, lass uns die Sache vergessen.‹“

Während Shoulder mit Williams zwar eine Menge Geld verbrannte, aber kein einziges Stück produzierte, geht er mit Luke Morley anders vor. „Das war mir eine Lehre. Damals bin ich bis nach Oklahoma gefahren, nur um mir einen zu genehmigen. Völlig sinnlos. Mit Luke schreibe ich daher lieber erst Songs, bevor wir eine Flasche aufmachen.“

Das klappt problemlos, auch wenn sich die Arbeitsweise von Morley und Shoulder doch stark von der zwischen Morley und Danny Bowes unterscheidet. Doch auch wenn es dem Thunder-Gitarristen sicherlich nicht leicht gefallen ist, die Band im vergangenen Jahr ad acta zu legen: Er hat die Entscheidung seines Sängers respektiert. Bowes wollte nicht länger rocken, sondern sich auf seine Arbeit als Agent konzentrieren. Morley kann das zwar nicht nachvollziehen („Es ist schon ein bisschen seltsam, dass jemand, der über eine solche Stimme verfügt, nicht mehr singen will“), doch er sieht auch ein, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. „Wenn er das nicht möchte, kann ihn niemand dazu zwingen. Danny hat diese Entscheidung getroffen, fertig. Und ich für meinen Teil will kein Teil einer Band sein, in der wichtige Originalmitglieder fehlen. Denn ganz ehrlich: Es gibt schon genug Thunder-Tribute-Acts, da muss ich nicht auch noch selbst mitmischen und quasi meine eigenen Songs nachspielen. Das wäre lächerlich.“

Zumal der Niedergang von Thunder den Aufstieg von The Union erst möglich gemacht hat. Und abgesehen von einigen Hardlinern dürften auch die meisten Morley-Fans dem neuen Projekt etwas abgewinnen können. Denn die Parallen zu Thunder sind offensichtlich, selbst wenn The Union etwas erdiger und folkiger zu Werke gehen – eine Verbeugung vor US-Heroen wie Neil Young oder Tom Waits. Doch das Rückgrat von The Unions Songs sind charakteristische Rock-Riffs, die ganz klar in Morleys Thunder-Tradition stehen.

Die Mischung macht’s, ein altes, aber bewährtes Motto. Und auch ein Leitfaden für neue Kreativität, wie Morley verrät: „Die Band ist wie ein leeres Blatt Papier. Wir können draufkritzeln, was wir wollen. Es gibt es keine Grenzen, keine Einschränkungen, keine vorgefertigten Strukturen. Wir haben den Freibrief, das zu tun, wonach uns gerade der Sinn steht. Außerdem tut es mir gut, dass ich einen Songwriting-Partner habe. Es ist weniger Arbeit für mich als früher bei Thunder. Aber auch eine neue Herausforderung, denn ich bin im Laufe der Zeit natürlich auch bequemer geworden. Das schleicht sich ein, wenn man über die Jahre immer mit denselben Menschen zusammenarbeitet. Nun komme ich mit einer Idee an, und plötzlich ist da jemand, der darauf reagiert und etwas zurückfeuert. Das ist wirklich inspirierend für mich. The Union haben meinen kreativen Funken neu entfacht.“

union packshotAuch in vermarktungstechnischer Hinsicht sind The Union überaus kreativ. Den Song ›Black Monday‹ gibt es seit Wochen als Gratis-Download auf ihrer Website. Und dort können Fans auch das Debüt THE UNION kaufen – in verschiedenen Formaten, z.B. als Deluxe Edition oder als schlichten Download. Auch Special-Packages für Gigs sind dort zu erwerben: Das enthält neben einem Konzertticket auch ein Dinner mit der Band, jeweils limitiert auf je zehn Fans (plus Begleitung) pro Abend. Ein Geben und ein Nehmen also – jeder kann so viel The Union haben, wie er möchte. „Die Fans sind nicht dumm“, betont auch Morley. „Wir geben ihnen zwar einen Song kostenlos, aber sie wissen, dass wir nicht weiterarbeiten können, wenn wir nichts verdienen. Also ist klar, dass wir nicht die komplette Platte gratis ins Netz stellen können. Wenn ich mich an die Anfänge von Thunder zurückerinnere, dann merke ich erst, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Damals war es das Schwierigste, die Aufnahmen für ein Album zu finanzieren, weil das immense Summen verschlungen hat. Heute ist das ein Klacks. Dafür tut man sich gerade als neue Band unheimlich schwer, die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen.“

Doch hier haben The Union den Vorteil, dass Morley und Shoulder bereits seit Jahren im Musikgeschäft aktiv sind – selbst wenn The Union noch am Anfang stehen, so helfen ihre Namen doch weiter. Das weiß auch Luke Morley: „Ich war 21 Jahre bei Thunder und habe den Leuten dadurch bewiesen, dass ich kein unberechenbarer Mensch bin, der ständig etwas Neues anfängt und dabei nichts zu Ende bringt“, so Morley. „Zwar werden sicherlich einige Fans erwarten, dass The Union exakt wie Thunder klingen: Und da sie das nicht tun, gefällt das sicher nicht allen. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich muss mein Bestes geben, eine tolle Platte machen, sie veröffentlichen, im Anschluss daran auch ehrliche, gute Gigs spielen und alle Chancen wahrnehmen, die sich für The Union auftun werden. Dann wird schon etwas hängen bleiben – so einfach ist das. Denn ich hasse nichts mehr als den Gedanken daran, dass dieses Album vielleicht unser einziges Lebenszeichen bleiben könnte.“

Paul Weller: London, Royal Albert Hall

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LW_150108_5Grandioses Heimspiel in grandioser Halle.

Der Gegensatz könnte kaum klaffender sein: Am 18. Mai spielte der Modfather noch in einem winzigen Kölner Club – vor knapp 1.000 Fans, die einfach immer dabei sind. Zehn Tage später gibt er das letzte von insgesamt fünf Konzerten in der Londoner Royal Albert Hall. Vor 8.000 Zuschauern aller Altersklassen, mit einer spektakulären Lichtshow, einem achtköpfigen Streichquartett und einer Euphorie, als hätte David Beckham England ins Finale der Fußball-WM geschossen. Und das, weil der 52-Jährige alles richtig macht: Über zweieinhalb Stunden zelebriert er die Highlights seines umfangreichen Katalogs, legt den Schwerpunkt zwar klar auf das neue Album WAKE UP THE NATION, kramt aber auch ›Strange Town‹ und ›Art School‹ von The Jam hervor. Zudem ›Shout To The Top‹ von The Style Council und Solo-Klassiker wie ›Into Tomorrow‹, ›You Do Something To Me‹ oder ›The Changing Man‹. Mal betont ruppig und rau vorgetragen von einer vierköpfigen Band, die u.a. aus Steve Cradock (Ocean Colour Scene) und Gem Archer (Ex-Oasis) besteht. Oder mit Meister Weller am Piano und begleitet von äußerst adretten Streicherinnen. Kein Wunder also, dass der sonst immer ein bisschen schroff und unnahbar wirkende Altmeister an diesem Abend bester Laune ist. Er tänzelt ein ums andere Mal über die Bühne, flirtet mit den Ladies, scherzt mit seinen Musikern, lässt sogar seinen jüngsten Sohn (sechs Jahre) bei einem Stück an die Gitarre und bedankt sich immer wieder beim Auditorium. Was dann, nach 25 Songs und vier Zugabenblöcken in einer grandiosen Version von ›Town Called Malice‹ gipfelt – und für stehende Ovationen sorgt.

Scorpions: München, Olympiahalle

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Scorpions liveAbschied mit Spielfreude: Die Hannoveraner rocken letztmals Bayern.

Ein letztes Mal ›Rock You Like A Hurricane‹ & Co. live – das wollen sich die Münchner nicht entgehen lassen. Kaum war die Nachricht in der Welt, dass die Hannoveraner aufhören wollen, gingen die Tickets stapelweise über den Tresen. Resultat: eine ausverkaufte Olympiahalle und eine Goldauszeichnung für das aktuelle Scorpions-Album A STING IN THE TAIL. Glückwunsch!

Dementsprechend gespannt sind die Fans auch, was die Fünf denn live bringen wollen, um ihren Bühnenabschied standesgemäß zu zelebrieren. Nach der gelungenen Aufwärmrunde mit Edguy stellt sich die Frage: Schaffen es die Scorpions, mit Mitte 60 noch die ›Bad Boys Running Wild‹ zu geben? Die Antwort: ja. Zumindest wenn a) die Technik stimmt und b) Leute in der Band spielen, die es locker schaffen, das Energieniveau über das komplette Set oben zu halten. James Kottak ist heute der Schlüssel zum Rock-Glück. Er treibt Klaus Meine, Rudolf Schenker, Matthias Jabs und Paweł Mąciwoda gnadenlos an, dafür bekommt er auch einen monströsen Drumriser auf die Bühne ge-stellt und darf sich in einem fetten Soloteil vor ›Blackout‹ feiern lassen.

Am meisten geht jedoch nicht bei den Einzelein-lagen der Skorpione, sondern – wie erwartet – bei den CRAZY WORLD-Songs: ›Tease Me, Please Me‹, die Zugabe ›Wind Of Change‹ natürlich, aber speziell ›Send Me An Angel‹, bei dem sich die Band auf dem Laufsteg in der Hallenmitte versammelt und bejubeln lässt. Aber auch die neuen Songs kommen schon wenige Wochen nach ihrer Erstveröffentlichung erstaunlich gut an. Die viele Werbung dafür hat sich bemerkbar gemacht. Insbesondere ›Raised On Rock‹ läuft super rein. Mit ›The Best Is Yet To Come‹ wird die Band prophetisch und wünscht sich wohl schon selbst den ›Holiday‹ herbei. Noch wird davon aber nicht die Rede sein: Die nächsten beiden Jahre sind vollgepackt mit Liveterminen. Danach erst gibt’s die Gelegenheit, an den Ruhestand zu denken. Gut so, denn noch haben die Scorpions Spaß am Rocken: Zwar merkt man schon im ein oder anderen Moment, dass hier keine 35-Jährigen mehr über die Bühne fegen. Doch die Routine und Spielfreude macht das locker wett.

Und, auch das muss ja mal gesagt werden, das Publikum selbst ist mit den Scorpions gewachsen – und gealtert. Der Lenz-Durchschnitt in der Olympiahalle liegt mit Sicherheit über der 40. Zum Teil wird das Konzert sogar zu einem Familienausflug. Ein durchaus nicht ungewöhnliches Bild auf den Rängen ist zum Beispiel folgendes: Mama mit Opernglas, Papa in der alten Jeansjacke, die Teenager lässig im frisch erworbenen STING OF THE TAIL-Leibchen. Aber, und da herrscht Einigkeit, alle mit Plastikbecher-Bier. Prost.

Trans-Siberian Orchestra: Pittsburgh, Mellon Arena

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Trans-Siberian Orchestra 2013aZwischen Kommerzkitsch und Kultbombast.

In den Vereinigten Staaten locken sie Tausende von Fans zu ihren Konzerten, ausverkaufte Megahallen, so weit das Auge blickt. Doch in Europa kennt kaum jemand das Trans-Siberian Orchestra. Obwohl die Band bereits fünf Alben veröffentlicht hat, kräht hierzulande kein Hahn nach ihnen. Wohl auch deshalb, weil die Truppe bislang noch keine einzige Show auf unserem Kontinent gespielt hat. Das soll sich nun ändern, denn musikalisch ist der Stil der Band mit dem Euro-Geschmack durchaus kompatibel.

Trans-Siberian Orchestras Sound klingt wie ein bombastischer Mix aus sinfonischem, progressivem Hard Rock und Klassik. Bereits ihr 1996er-Debüt, das Weihnachtsalbum CHRISTMAS EVE AND OTHER STORIES, hat der Band Doppelplatin-Status eingebracht. Seither tourt die Truppe regelmäßig im Winter durch Nordame-rika. Wobei man das Touren von Trans-Siberian Orchestra nicht mit dem einer normalen Band vergleichen kann. Die Shows sind stets Shows der Superlative: mehr Spektakel als simples Konzert.

Auf CHRISTMAS EVE AND OTHER STORIES ließen Trans-Siberian Orchestra dank des großen Zuspruchs weitere Platten folgen: darunter zwei zusätzliche Weihnachts­alben, THE CHRISTMAS ATTIC (1998) und THE LOST CHRISTMAS EVE (2004), plus BEETHOVEN’S LAST NIGHT aus dem Jahr 2000 und schließlich im vergangenen Jahr NIGHT CASTLE. Insgesamt sind von allen Veröffentlichungen über sieben Millionen Exemplare über den Ladentisch gegangen. Das bedeutet: In den USA kennt jedes Schulkind den Namen Trans-Siberian Orchestra.

Die Band tourt inzwischen in zwei verschiedenen Line-ups, ein Teil an der Westküste, der andere an der Ostküste. Manchmal treffen die beiden Besetzungen auch aufeinander – so wie am heutigen Tag. So wird die Show, pardon: die Shows – denn es gibt eine Matinee und eine Abendvorstellung – zwar weitgehend von der Ostküsten-Fraktion bestritten, doch mit Jeff Scott Soto (Ex-Journey) auch ist ein Westküsten-Musiker mit am Start.

Die Halle, hauptsächlich als Eishockey-Arena konzi-piert, hat eine Kapazität von 18.000 Zuschauern. Und sie ist ausverkauft. Nachmittags und abends. Angesichts solcher Dimensionen kann man sich vorstellen, dass dieses gigantische Projekt in der Metal-Szene wurzelt. Denn die Idee zu Trans-Siberian Orchestra stammt von den Mitgliedern der Florida-Banger Savatage. Fast das komplette Personal der Band, einschließlich aller Ehemaligen, ist hier aktiv: Die Gitarristen Alex Skolnick und Chris Caffery, Frontmann Zachery Stevens, Bassist Johnny Lee Middleton und Drummer Jeff Plate. Als Produzenten und musikalische Chefs fungieren Paul O’Neill, Jon Oliva (Gesang), Al Pitrelli (Gitarre) und Robert Kinkel (Keyboard).

Nach etlichen Jahren US-Weihnachtszauber und Glitzerüberschuss will die Band nun weltweit bekannt werden. Daher führt der Weg zunächst nach Europa. Im Frühjahr 2011 soll die aktuelle Doppel-Scheibe NIGHT CASTLE hierzulande veröffentlicht werden – und natürlich wird es auch eine Tour geben. Mit etwas weniger opulentem Bühnenaufbau allerdings, denn all die Accessoires, gigantanischen Video-Leinwände, monströsen Eis-, Laser- und Nebelmaschinen, rotierenden Show-Treppen etc., die Trans-Siberian Orchestra hier in Pittsburgh auffahren (Kiss lassen grüßen!), würden in einer normalen europäischen Halle kaum Platz finden. Zudem kann die Band auch kein derart immenses Pyroprogramm auffahren: Denn in der Mellon Arena brennt so heftig die Bühne, als würden die Musiker gerade eine komplette Walfamilie durchgrillen…

In der zweiten Hälfte des Sets, als BEETHOVEN’S LAST NIGHT und NIGHT CASTLE musikalisch im Mittelpunkt stehen, freuen sich endlich auch die Rock-verwöhnten Ohren, denn der Kitschfaktor sinkt – und es macht sich ansatzweise das Gefühl von schreddernen Flying V-Gitarren breit. Hoffen wir, dass das bei der Europa-Eroberung der Schwerpunkt auf diesem Show-Teil liegt.

Pothead: Stuttgart, Röhre

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Von der Leichtigkeit des Rock-Seins.

Hippies mit Stirnbändern, Metaller, bärtige Altrocker, Progger, Hemdträger, Normalos. Pothead verbinden Generationen und Genres. So bunt gemischt wie das Publikum in der rappelvollen Röhre. Vorband? Pah. Schlüssel umgedreht, und die Groove-Maschine rast von 0 auf 100. Die im feinen Zwirn gekleideten Dope-Brüder Jeff und Brad und Schlagzeuger Sebastian Meyer halten nichts von ablenken­den Show-Elementen. Außer einem kurzen „Danke“ kommt nichts. Und dennoch entsteht eine herzliche Kommunikation zwischen Fans und Band, die sich im Verlauf des Gigs in eine Mischung aus Rausch und Ekstase steigert. Hier wird gerockt wie Sau, das Zusammenspiel ist unfassbar flüssig, und jeder Song entwickelt sich zum Rhythmus-Monster. Auch diejenigen, die auf CD unscheinbar wirken. Pothead stehen für zeitlosen, intelligenten Gefühls-Rock ohne Ballast, dafür aber vielen Schattierungen: authentisch, eigensinnig und trotzdem zugänglich. Neben Krachern wie ›Toxic‹, ›Rude‹, ›Moctezuma‹, ›Twisted Tomato‹ oder ›Indian Song‹ stellt der Dreier einige Nummern vom neuen Werk POTTERSVILLE vor, darunter das besonders coole ›Rock On, Let’s Rock‹. Pothead bieten, wie eigentlich immer, musikalische Vollbedienung, und auch noch zu einem fairen Preis – super!