Der Rockgitarrist schlechthin. Legendär! Revolutionär! Stilprägend! Darf in keiner Plattensammlung fehlen. Wir geben Entscheidungshilfe.
Unverzichtbar
ARE YOU EXPERIENCED (Polydor, 1967)
1967 war ohnehin ein gutes Jahr für Debütalben, doch dieses hier erschütterte die Rockwelt: Gitarristen rätselten, wie dieser schwarze Nobody all die seltsamen Sounds aus seiner Fender kitzelte. Nie zuvor hatte eine Gitarre elektrischer geklungen: im Kern bluesig, darüber hinaus psychedelisch, funky, experimentell. Hören und Staunen. Etwa, wenn bei ›Love Or Confusion‹ im Hintergrund das Dauer-Feedback weint, wenn ›3rd Stone From The Sun‹ den Space-Bebop zündet, ›Stone Free‹ Soul und Rock fusioniert oder ›Manic Depression‹ Hard Rock im Dreivierteltakt tanzen lässt. Alles auf Vierspur produziert.
ELECTRIC LADYLAND (Polydor, 1968)
Das dritte und letzte Studioalbum der Jimi Hendrix Experience: Jimis Opus Magnum, von unseren britischen CLASSIC ROCK-Kollegen auf Platz 10 der 100 besten Rockalben gewählt. Und zwar vollkommen zu Recht: ein Kaleidoskop aus Rock, Blues, Jazz und Psychedelic, verteilt auf vier LP-Seiten. Hendrix nutzte die damals brandneue Achtspurtechnik im frisch eröffneten New Yorker Record-Plant-Studio weidlich aus, kreierte irre Stereopanoramen, abgefahrene Klangkaskaden und fand dennoch immer wieder zum Blues zurück. Das Artwork mit den nackten Mädels erschien übrigens nur in Europa, nicht in den USA.
Wunderbar
AXIS: BOLD AS LOVE (Polydor, 1967)
Eigentlich auch unverzichtbar, denn Großtaten wie ›Spanish Castle Magic‹ und ›Bold As Love‹ – mitsamt exzessivem Phasing im Schlussteil – sind ebenso essenziell wie die etwas zurückhaltenderen Stilübungen ›Little Wing‹ und ›Castles Made Of Sand‹. Bisweilen unterschätzt, aber ein illustres Beispiel dafür, was man alles mit einem Wah-Wah-Pedal anstellen kann: ›Up From The Skies‹, von Mitch Mitchell mit swingenden Jazz-Besen kongenial untermalt. Groovet wie Hölle. AXIS: BOLD AS LOVE ist die standesgemäße, produktionstechnisch kultiviertere Fortsetzung des an manchen Stellen recht ruppigen Debüts.
JIMI PLAYS MONTEREY (Polydor, 1986)
In Europa war die Jimi Hendrix Experience im Sommer 1967 bereits eine Sensation, doch die USA mussten erst noch erobert werden. Wobei der Auftritt beim Monterey Pop Festival reichlich Schützenhilfe gab: Als Jimi mit Federboa zum Auftakt Howlin’ Wolfs ›Killing Floor‹ ins Publikum nagelt, fällt selbigem die Kinnlade runter, nachzusehen in D.A. Pennebakers Konzertfilm. Jefferson Airplane? The Who? Schön und gut, aber diese drei Typen in Samt, Seide und Rüschen spielten alles an die Wand. Und am Schluss, bei ›Wild Thing‹, fing die Fender sogar Feuer. Explosives Live-Album einer noch hungrigen Band.
BBC SESSIONS (MCA, 1998)
Der 1988 veröffentlichte Zusammenschnitt RADIO ONE war schon gut, doch die um weitere Tracks ergänzten BBC SESSIONS sind besser: Hendrix bei der BBC, live im Studio und selbstverständlich ganz ohne Overdubs. Allein das Instrumentalstück ›Drivin’ South‹ rechtfertigt die Anschaffung, eine im Kern unspektakuläre, in der Ausführung jedoch atemberaubende Improvisation. Hendrix soliert schlicht göttlich, Mitchell trommelt sich die Seele aus der Brust, und doch klingt es wie locker aus dem Ärmel geschüttelt. Die Klangqualität geht BBC-typisch in Ordnung.
FIRST RAYS OF THE NEW RISING SUN (MCA, 1997)
Hendrix plante 1970 ein weiteres Album, was Gevatter Tod am 18. September leider vereitelte. 1971 erschien dafür THE CRY OF LOVE mit Tracks, an denen Hendrix bis zuletzt gearbeitet hatte. Seine Erben ergänzten das Werk um weitere Archivaufnahmen, 1997 entstand daraus FIRST RAYS OF THE NEW RISING SUN, ein Album, das Hendrix’ ursprünglichen Plänen recht nahe kommt. Auch der Titel war angeblich seine Idee. Dank ›Angel‹, ›Freedom‹ und ›Belly Button Window‹ kein sensationelles, aber immerhin ein sehr gutes Album.
Anhörbar
BAND OF GYPSYS (Polydor, 1970)
Die Experience hatte sich infolge aufreibender Tourneen totgelaufen, Hendrix suchte neue Ufer, zudem machten Aktivisten in diesen politisch so aufgeheizten Zeiten zunehmend Druck. Hendrix, so ihr Vorwurf, habe sich an die Weißen verkauft. Brother Jimi reagierte und stellte mit Drummer Buddy Miles und Armeekumpel Billy Cox (Bass) die Band Of Gypsys zusammen – all black. Aufgenommen am 01. Januar 1970 im Fillmore East, lieferte das Album den Diskothekenrenner ›Machine Gun‹, doch so richtig konnten die meist überlangen Impro-visationen nicht überzeugen. Die Band Of Gypsys fiel auseinander.
SOUTH SATURN DELTA (NCA, 1997)
Outtakes, Demos und Raritäten der Jahre 1967 bis 1970, von Hendrix’ Erben kompiliert und –anders als so viele andere posthume Veröffentlichungen – durchaus mit Nährwert gesegnet. Der Titeltrack erfreut mit funky Bläsersätzen, ›Midnight Lightning‹ präsentiert Hendrix als einsamen Bluesman, der den Takt mit dem Fuß schlägt. ›Pali Gap‹ ist ein hervorragendes Instrumentalstück, das einst zum Soundtrack des erratischen Films „Rainbow Bridge“ gehörte. Für Fans, die ansonsten alles haben, ist SOUTH SATURN DELTA brauchbar. Neueinsteiger sollten sich erst einmal auf die Rubrik „Unverzichtbar“ konzentrieren.
WINTERLAND (Legacy, 2011)
Die volle Packung: Hendrix live im Winterland Ballroom in San Francisco, aufgenommen während zweier Shows im Oktober 1968. Ein Best Of-Programm auf vier CDs mit allerlei Überschneidungen, für Komplettisten natürlich erste Sahne. Andererseits: Die Experience war kurz vor dem Auseinanderbrechen, die Band agierte auf wechselndem Niveau und Hendrix hatte längst keine Lust mehr, alte Gassenhauer wie ›Hey Joe‹ zu spielen. Brillanz trifft auf Routine, die überbordende Energie von JIMI PLAYS MONTEREY erreicht dieser Mitschnitt demnach nur selten. Dennoch: als Zeitdokument eine lohnenswerte Anschaffung.
Sonderbar
WOKE UP THIS MORNING AND FOUND MYSELF DEAD (Bootleg, 1980)
Und immer wieder fällt jemand drauf herein: Dieser Mitschnitt kursiert in zahlreichen Versionen, wobei stets darauf hingewiesen wird, dass bei der Session im New Yorker Scene Club vom März 1968 auch Jim Morrison und Johnny Winter anwesend waren. Klingt vielversprechend? Ist es aber nicht: Winter weiß von nichts und Morrison war zwar körperlich anwesend, aber derart besoffen, dass er nur noch tumbes Grölen hervorbrachte. Absolut verzichtbar, da nicht mal originell. Tipp an die Bootlegger: Behauptet doch einfach, dass auch noch Brian Jones und Janis Joplin dabei waren.wer glaubt’s bestimmt.
Der Spätsommer des Jahres 1991 wird uns wohl auf ewig als heißester der jüngeren Rock-Historie in Erinnerung bleiben. Einen Monat nach Metallicas „schwarzem Album“ und eine Woche vor Nirvanas NEVERMIND erblickten zwei untrennbar miteinander verbundene Meilenstein-Alben das (Rampen-)Licht der Riffwelt: USE YOUR ILLUSION I & II von Guns N’ Roses. CLASSIC ROCK protokolliert eine Entstehungsgeschichte mit zahlreichen Hindernissen.
„Wir durften im Oktober 1989 im Vorprogramm der Rolling Stones auftreten. Ein Hammer für uns, denn wir liebten die Band! Als wir vor Ort ankamen, blieben unsere Münder offen stehen. Jedes Mitglied der Stones hatte seine eigene Limousine, seinen eigenen Wohnwagen, sogar seinen eigenen Anwalt… Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich damals zu Izzy rüberbeugte und leise zu ihm sagte: ‚Hey, so werden wir nie sein!‘ Doch sechs Monate später lief es bei Guns N’ Roses exakt genauso ab!“
Während Duff McKagan diese Sätze ausspricht, lehnt er sich in seinem Stuhl nach vorne und streicht sich mit beiden Händen die Haare nach hinten. Der Bassist wirkt so, als könnte er selbst jetzt, 20 Jahre nach diesem einschneidenden Moment, nicht glauben, mit welch gigantischer Geschwindigkeit er und seine Kollegen damals von der Erfolgswelle mitgerissen worden sind – und welche Ausmaße die Zerstörung hat, die erst sichtbar wird, nachdem sich die Flut der Ebbe weicht. McKagan ist ein Mensch, der stets darauf bedacht ist, nichts zu überstürzen. Manche werfen ihm vor, er würde klammern. Nicht ohne Grund ist er der Einzige, der Axl Rose bis zum Schluss nicht im Stich lassen will. Er bleibt bis zum bitteren Ende, stärkt Rose bis zum August 1997 den Rücken.
Die letzten Monate erscheinen im heute quälend lang, insbesondere im Vergleich zu den Anfangstagen, die so rasant vorübergingen, dass sich Duff McKagan nur noch an wenige Details erinnert. Was natürlich auch an den Drogen liegen mag, aber eben auch am Tempo, mit dem dank der Zwillingsalben USE YOUR ILLUSION I & II der Weltruhm über Guns N’ Roses hereinbricht. „Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, was zu diesem Zeitpunkt wirklich passiert ist. Und das, obwohl ich hautnah dabei war“, gibt McKagan zu, und er scheint sich dabei auch über sich selbst zu wundern.
Dabei sind die Fakten rasch zusammengefasst. Für einige wenige Monate, nämlich von 17. September 1991 bis zum Beginn der Jahres 1992, können sich Guns N’ Roses ihren Traum erfüllen: Sie sind offiziell die größte und wichtigste Band der Welt.
In der Nacht zum 17. September stehen sich Rockfans die Beine in den Bauch. Denn Verkaufsstart der beiden Alben ist nicht etwa zu den gewöhnlichen Ladenöffnungszeiten, sondern in vielen großen Shops bereits um Mitternacht. Lange Schlangen wickeln sich um die Häuserecken von Plattenläden wie Tower Records. Mancher Käufer hingegen bekommen VIP-Treatment und dürfen als einer der Ersten zugreifen: Multimillionär Donald Trump etwa, der in Manhattan mit einer Limo inkl. fünf kessen Begleiterinnen vorfährt, um sich seine beiden Kopien von USE YOUR ILLUSION zu sichern.
Auszeit vom Trubel
Die Band selbst bekommt von dem Trubel nur am Rande etwas mit. Gitarrist Slash, der von den nervenaufreibenden Recordings total zermürbt ist, will sich eine Auszeit gönnen und bucht Urlaub in Tansania. Doch auf dem Weg zum Flughafen lässt er es sich nicht nehmen, einen Zwischenstopp einzulegen. Bei „Tower Records“ am Sunset Boulevard darf er sich in einen Raum mit verspiegelter Glasscheibe setzen – dort beobachten normalerweise Detektive das Geschehen im Laden, um Diebe in flagranti zu ertappen. Slash lässt sich mit gemischten Gefühlen auf einem Stuhl nieder. Denn vor zehn Jahren ist er hier selbst beim Klauen erwischt worden. Er wollte Kassetten mitgehen lassen. Nun hockt er da und sieht seinen Fans dabei zu, wie sie sich um seine Alben prügeln. „Es war ein merkwürdiger, aber im Nachhinein doch auch ein magischer Moment“, so der Gitarrist heute. „Danach ließ ich mich zum Airport bringen, stieg in den Jet und landete in einer völlig anderen Welt. Ich verbrachte mehrere Wochen im Maasi Mara-Nationalpark nahe der kenianischen Grenze. Recht viel weiter kann man sich nicht vom Rockstar-Leben entfernen, schätze ich…“
Als Saul Hudson, so Slashs bürgerlicher Name, in die Vereinigten Staaten zurückkommt, ist er erholt. Und bekommt direkt den ersten Schock. Während seiner Abwesenheit sind allein in den USA 770.000 Exemplare von USE YOUR ILLUSION II verkauft worden. Das Album steht auf Platz eins der Billboard-Charts. Nur einen Rang dahinter: USE YOUR ILLUSION I – mit 685.000 verkauften Einheiten.
„Ja, der Erfolg kam wirklich fast über Nacht“, erinnert sich Alan Niven, der Mann, der Guns N’ Roses bis kurz vor Abschluss der USE YOUR ILLUSION-Sessions als Manager zur Seite gestanden hat. „Wir haben drei Jahre lang versucht, die Band nach vorne zu bringen, mehr und mehr Fans an uns zu binden. Und dann plötzlich machte es ‚Peng!‘, und die Sache entwickelte eine Eigendynamik, die kaum noch zu steuern war. Ich kam mir ein bisschen vor wie Sisyphus. Jahrelang hatten wir versucht, diesen verdammten Stein den Berg heraufzuwuchten, doch er rollte immer wieder zurück. Eines Tages jedoch erreichten Guns N’ Roses den Gipfel. Und was passierte? Der Stein sauste unkontrolliert den Hang hinunter – nur diesmal eben auf der anderen Seite.“
Obwohl Niven im Recht ist, denn die Band wird der Lage tatsächlich nicht mehr komplett Herr, ist doch vor allem er selbst derjenige, für den sich die harte Arbeit nicht ausgezahlt hat. Er besitzt keinen Einfluss mehr, die Band hat ihn gefeuert – angeblich ist Axl Rose die treibende Kraft. Der Sänger soll sich geweigert haben, die Platten fertig einzusingen, wenn Niven nicht seine Koffer packt. Und obwohl die Entscheidung offenbar wichtig (und richtig ist), um den kreativen Prozess zum Abschluss zu bringen, fehlt Guns N’ Roses inmitten des Megarummels ein Vertrauter, die sie genau kennt. „Ich fühlte mich, als wäre ich in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen, aus dem ich keinen Ausweg mehr finde“, berichtet Niven rückblickend. „Aber im Nachhinein sieht es wohl so aus, als wäre ich nicht der Einzige, dem es so ergangen ist. Denn ehrlicherweise muss man sagen, dass Guns N’ Roses nach USE YOUR ILLUSION kein bedeutendes Album mehr zu Stande gebracht haben. Izzy Stradlin hat die Band drei Monate nach meinem Abgang verlassen, und danach war intern nichts mehr so wie zuvor. Das Kollektiv Guns N’ Roses, die Gruppe, die alles gemeinsam erreichen wollte, koste es, was es wollte, entwickelte sich mehr und mehr zu einem Act, bei dem sich alles nur noch um Axl Rose drehte. Axl bezahlte die anderen, dafür sollten sie ihm das Rampenlicht überlassen, den Mund halten und das tun, was er verlangte.“
Underground vor Mainstream
Niven weiß, verletzter Stolz hin oder her, wovon er spricht. Denn er hat viel Zeit mit Guns N’ Roses verbracht. Anfangs wollte er den Managerjob gar nicht übernehmen. Tom Zutaut,der junge A&R, der die Band zum Geffen-Label gebracht hat, muss ihn überreden, den Posten anzutreten. Denn der Ruf, der den Gunners vorauseilt, ist katastrophal. Sie halten sich an keine einzige Regel, zerstören alles, das ihnen in den Weg kommt. Und zwar mit Absicht – es ist Teil des Images, das sich die Band selbst verpasst hat. Diese Rocker-Mentalität kommt bei den Bewunderern der Gruppe hervorragend an, ist aber in geschäftlicher Hinsicht ein Albtraum. Niven nimmt, so betont er, „die Herausforderung nur deshalb an, weil ich ohnehin nichts mehr kaputtmachen konnte. Das hatte die Band vorher schon erledigt.“ Der Manager entscheidet sich daher für eine unkonventionelle Strategie – die zuvor schon Peter Mensch und Cliff Burnstein erfolgreich bei Metallica angewandt haben: Er will zunächst den Underground erobern und dann erst die Mainstream-Hörerschaft gewinnen. „Ich habe zwar damit gerechnet, dass die Band rasch größer werden würde. Aber einen derartigen Höhenflug konnte niemand vorhersehen. Ich nicht, die Musiker nicht, niemand. Wer etwas anderes behauptet, tickt nicht ganz richtig.“
Um die Glaubwürdigkeit der Rocker in den Staaten zu erhöhen, beschließt Niven, einen Umweg zu gehen. Er setzt dabei auf die Sogwirkung, die der britische Musikmarkt auf die US-Charts hat. 1987 treten Guns N’ Roses erstmals in Donington auf – zu diesem Zeitpunkt haben sie gerade mal 7.000 Alben verkauft. Eine Woche später sind es bereits 75.000 – APPETITE FOR DESTRUCTION geht buchstäblich durch die Decke. Noch Monate nach dem Auftritt steigen die Abverkäufe stetig an, im Frühjahr 1988 stellt Alan Niven schließlich fest, dass er mit seiner Taktik zwar richtig gelegen, den Effekt aber unterschätzt hat – ein Jahr nach der Veröffentlichung in den USA erreicht die Platte schließlich Platz eins der Billboard-Charts, alle sind überwältigt. „Ich kann zwar nicht für die anderen in der Band sprechen“, stellt Gitarrist Slash klar, „aber in meinem Fall war es so, als hätte jemand meine Welt auf den Kopf gestellt. Ich bin wie ein Zigeunerjunge aufgewachsen, ohne Wurzeln und feste Bindungen, danach ging es direkt mit Guns N’ Roses auf Tour, sodass ich auch nur unterwegs war. Und dann plötzlich hieß es: :Jungs, ihr seid Superstars!‘ Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Schließlich war ich es überhaupt nicht gewohnt, einen festen Wohnsitz zu haben, schon die einfachsten Alltagsaufgaben überforderten mich komplett. Hinzu kam, dass die Drogen ihre Spuren hinterlassen hatten – ich war depressiv, fühlte mich furchtbar, musste mich aber irgendwie zusammenreißen, um die Songs für unser zweites Album zu schreiben.“
Slash ist nicht der Einzige, dem es dreckig geht und der sich mit seinen Problemen allein gelassen fühlt. Auch die anderen Band-Mitglieder sind ausgebrannt und orientierungslos. Hinzu kommt, dass Guns N’ Roses in ihrer Heimat erst vergleichsweise spät ernst genommen werden. APPETITE FOR DESTRUCTION ist offiziell am 21. Juli 1987 veröffentlicht worden, den Billboard-Thron erobert die Scheibe erst am 23. Juli 1988. Damit hat niemand gerechnet. Als die Gunners endlich von ihrer langen Tour zurück nach Hause kommen, sind sie plötzlich berühmt. „Wir konnten uns Häuser kaufen und uns alle Dinge leisten, die früher nie drin waren, weil keiner von uns Geld hatte. Doch wie man vernünftig mit so einer Situation umgeht, brachte uns niemand war. All das überrollte uns förmlich. Wir gingen in L.A. aus – und alle Leute im Clubs zogen sich auf einmal so ähnlich an wie wir, hörten dieselbe Musik, tranken die gleichen Drinks. Es war bizarr. Wir kamen daheim an – und plötzlich hatten sich Guns N’ Roses zu einer Art ‚kulturellem Phänomen‘ entwickelt“, berichtet Duff McKagan. „Ich bin in den Supermarkt, um etwas zu essen einzukaufen und lief am Zeitschriftenregal vorbei. Dort lag das Magazin ‚Rolling Stone‘, mit Guns N’ Roses auf dem Cover! Die Leute sahen das Heft, blickten dann auf, sahen mich, schauten noch mal auf das Titelbild und starrten mich dann an oder begannen hysterisch zu kreischen. Und ich dachte nur: ‚Was ist los? Was wollt ihr? Ich kaufe hier doch schon seit ewigen Zeiten ein…“
Obwohl auch Alan Niven überrascht und überrumpelt ist, dauert es bei ihm nicht lange, bis er weiß, dass er handeln muss. Die Band braucht Zeit, zur Ruhe zu kommen – die Fans und die Plattenindustrie dagegen will frisches Futter. Also entscheidet er sich für einen Kompromiss, das Mini-Album GN’R: LIES. „Ich bin stolz darauf, dass es mir zumindest gelungen ist, die Truppe so weit bei Verstand zu halten, dass sich niemand eine Überdosis verpasst oder das Leben genommen hat“, erklärt der gebürtige Neuseeländer. „Das hört sich vielleicht überheblich an, war aber im Fall von Guns N’ Roses harte Arbeit. Denn im Grunde ist es doch so: Einem Abhängigen kann man zwar helfen, aber er muss selbst die Kraft finden, sich für ein nüchternes Leben zu entscheiden. Slash hat einmal bei mir zu Hause einen kalten Entzug durchgezogen. Er lag auf dem Bett, und ich wischte ihm sein Erbrochenes aus dem Gesicht. Als das Gift endlich aus seinem Körper verschwunden war, rief er ein Taxi – und fuhr damit direkt zu seinem Dealer. Solche Dinge passierten beinahe täglich.
Ein anderes Mal bat ich ihn, in mein Büro zu kommen, um dem ‚Guitar Player‘-Magazin ein Interview zu geben. Er kam zwar, doch ein vernünftiges Gespräch war gar nicht mehr möglich. Also packte ich ihn, verfrachtete ihn ins nächste Flugzeug nach Hawaii, wo er in irgendeinem Golfhotel abstieg. Ohne dort auch nur ein einziges Mal den Schläger anzurühren, versteht sich… Mit Steven war es ähnlich. Auch für ihn hatte ich einen Trip nach Hawaii organisiert. Doch er hatte nichts Besseres zu tun, als sich in seinen Erster-Klasse-Sitz zu flätzen und dabei wild herumzukrakeln, dass doch alles Scheiße sei und der Flieger definitiv abstürzen würde. Das Ende vom Lied: Er musste aussteigen, ließ sich zurück in die Stadt chauffieren und haute sich bei seinem Dealer sofort wieder dicht bis unter die Haarspitzen.“
Am 17. September 1978 drehten Queen auf einer Hunderennbahn das Video zu ›Bicycle Race‹, das bis heute in einigen Ländern auf dem Index steht.
Queen sind bekannt für ihre bombastischen und auch gerne mal provokanten Musikvideos. Für ihren Hit ›Bicycle Race‹ mieteten die Briten die Hunderennbahn in Wimbledon, um dort das Fahrradrennen zu drehen. Als sportliche Statistinnen buchten sie mehrere Models, die sich unbekleidet auf die Bahn begaben. Diese nackten Tatsachen schockierten nicht nur Ende der 70er Jahre, auch heute ist das Video in vielen Ländern (wie China) indiziert. Lustig eigentlich, da alle „anzüglichen“ Körperteile unkenntlich gemacht wurden…
Für das Rennen mieteten Queen auch einen Schwung Fahrräder. Als die Firma erfuhr, wofür die Fahrräder verwendet werden sollen, bestand sie darauf, dass die Band jeden einzelnen Sattel kaufe, da diese nach dem Dreh „unbrauchbar“ seien.
Auch hierzulande hat das Video keine Jugendfreigabe – wir bitten euch daher, unten auf den Link zu klicken, um den Clip in seiner voller Pracht genießen zu können:
Mit ihrem jüngsten Album BLOOD HARMONY im Gepäck halten die wunderbaren Lovell-Schwestern, auch als Larkin Poe bekannt, die Fackel des Roots- und Southern Rock hoch und bescheren uns im Herbst vier Deutschland-Termine. Erst kürzlich wurden The Sheepdogs aus Kanada als Support-Act bestätigt. Ein Doppelpack, das sich gewaschen hat.
Es war die schönste Zeit und es war die schlimmste Zeit – aber vor allem war es die verrückteste Zeit. Die Welt war im Wandel und die Musik veränderte sich mit ihr. Das Vermächtnis sind viele Klänge, Stile und gesellschaftliche Richtungswechsel. Wir blicken auf die prägenden Platten jener Dekade, beleuchten die Szenen und Bewegungen, die entstanden sind, und unterhalten uns mit diversen Menschen, die dabei waren. Werft den DeLorean an, schaltet zu MTV und schnappt euch das Haarspray – wir tauchen ein!
Anfang der 80er schien er am Ende zu sein, doch er riss sich am Riemen und war zum Ende der Dekade nüchtern, gesund, zurück im Spiel – und in den Charts.
Bernie Marsden: „Ist das wirklich alles passiert?“
Ja, ist es. Der Lebenslauf von Bernie Marsden liest sich wie der Traum eines jeden Rockliebhabers. Nicht nur hat er neben einigen der größten Stars gewirkt, er war auch einer der besten Blues-Gitarristen seiner Generation. Am 24. August ist Marsden im Alter von 72 Jahren verstorben. In Gedenken an ihn lest ihr hier ein bislang unveröffentlichtes CLASSIC ROCK-Interview mit der Gitarrenlegende.
Black Stone Cherry: Kentucky kann’s!
2001 in Edmonton im US-Bundesstaat Kentucky gegründet, haben sich Black Stone Cherry längst zu einer eigenständigen und verlässlichen Größe in Sachen Hardrock mit Southern-Schlagseite entwickelt. Auch dem neuen Werk SCREAMIN‘ AT THE SKY hört man an, dass es nicht in Buxtehude aufgenommen wurde. Wo, wie und wann, verrät Gitarrist und Sänger Ben Wells.
Außerdem in dieser Ausgabe: Iron Maiden, Marillion, Wishbone Ash, Francis Rossi von Status Quo, KK’s Priest, The Hives, Europe, Siouxsie And The Banshees, Corey Taylor und viele mehr.
In den kommenden Tagen tritt Charley Crockett dreimal in Deutschland auf. Dass der “Man from Waco” Europa bereist, passiert gar nicht so oft, deshalb sollten Fans die Chance ergreifen und eines der Konzerte besuchen. Unter Spontanen verlost CLASSIC ROCK 1×2 Tickets pro Show.
Am 20. Oktober erscheint Duff McKagans drittes Studioalbum mit dem Titel LIGHTHOUSE. Nach zwei ersten Singleauskopplungen, dem Titeltrack der Platte und einer sozialkritischen Punknummer namens ›I Saw God On 10th Street‹, folgt heute mit ›Longfeather‹ inklusive Video die dritte Auskopplung aus LIGHTHOUSE.
Mit den drei bisher der Öffentlichkeit vorgestellten Songs zeigt der Bassist von Guns N‘ Roses nicht nur, welch emotionale und musikalische Bandbreite einen auf LIGHTHOUSE erwarten wird, sondern beweist überdies erneut, welch große Songwriter-Fähigkeiten in ihm vereint sind. Die Geschichte, die in ›Longfeather‹ erzählt wird, erinnert in ihrer Machart an große amerikanische Songwriter wie Springsteen oder Petty. Doch hört uns seht selbst:
Dave Mustaine ist lebendig und wohlauf. Zwei Jahre, nachdem die Ärzte ihn nach einer Behandlung gegen Rachenkrebs für geheilt erklärt haben, sieht er gut aus für seine 61 Jahre, als er aus seinem Homeoffice in Tennessee mit uns über sein Leben und seine Karriere als Anführer von Megadeth spricht. Sein Gesicht hat ein paar Falten, sein einst feuerrotes Haar ist von Grau durchzogen, doch nach 20 Jahren Abstinenz schaut er deutlich vitaler aus als bei unserem ersten Interview 1988, als Megadeth in den USA als Vorgruppe für Dio unterwegs waren. Damals war er aschfahl, wie das nun mal so ist, wenn man nach harten Drogen süchtig ist. Doch wie er jetzt mit einem dünnen Lächeln sagt: „Das ist lange her.“
David Scott Mustaine kam am 13. September 1961 in La Mesa, Kalifornien auf die Welt, einer Kleinstadt östlich von San Diego. Seine Kindheit dort verlief schwierig: Die Eltern trennten sich, als er vier war, und sein Vater John war ein Mann mit vielen Problemen, dessen Trunksucht ihn früh ins Grab brachte. Als Teenager entdeckte auch Dave seine Vorliebe für den Alkohol, ebenso wie für Drogen und Heavy Metal. Die rohe Kraft britischer Bands wie Judas Priest, Iron Maiden und Motörhead zog ihn an und das Gitarrenspiel fiel ihm leicht. 1981, Mustaine ist da 19, löst sich seine erste Band Panic auf, als deren Schlagzeuger Mike Leftwych bei einem Autounfall ums Leben kommt. Eine Tragödie, die Daves Leben tiefgreifend verändern sollte. Das Ende von Panic führte dazu, dass er nach neuen Gelegenheiten Ausschau hielt, und die fand er in einer neuen Gruppe aus Los Angeles namens Metallica. Er spielte nicht mal zwei Jahre als Leadgitarrist in der Band, doch in dieser Zeit nahm er eine Schlüsselrolle ein in der Entstehung eines Sounds, der die Heavy-Musik revolutionieren sollte: Thrash Metal. Seine gewalttätigen Alk-Ausraster wurden letztlich sogar für eine Gruppe zu viel, die als „Alcoholica“ bekannt war, und Mustaine flog 1983 raus, just als Metallica sich auf die Aufnahmen zu ihrem Debüt KILL ‘EM ALL vorbereiteten. Ersetzt wurde er von einer stabileren Persönlichkeit, Kirk Hammett. Doch auch in Mustaines Abwesenheit enthielten die ersten beiden Metallica-Platten Songs, an denen er mitgeschrieben hatte, insbesondere ›The Four Horsemen‹ und ›Jump In The Fire‹ von KILL ‘EM ALL sowie das Titelstück von RIDE THE LIGHTNING (1984). Als er dann ins Rampenlicht zurückkehrte – 1985 brachte er Megadeth mit ihrem Debüt KILLING IS MY BUSINESS… AND BUSINESS IS GOOD! ins Licht der Weltöffentlichkeit –, erklärte er ihnen den Krieg. Wie er über seine einstigen Kollegen sagte: „Ich war auf Blut aus – ihres.“
Letztlich erwies sich das als ein Krieg, den er nie gewinnen konnte. Bei all seinen einzigartigen Talenten als Songwriter, Gitarrist und Sänger – bestens zu hören auf Albumklassikern wie PEACE SELLS… BUT WHO’S BUYING? (1986), RUST IN PEACE (1990) und COUNTDOWN TO EXTINCTION (1992) – erreichten Megadeth zwar beeindruckende Verkaufszahlen von 50 Millionen Platten, doch Metallica mit ihren 125 Millionen sind haushoch überlegen. In unserem heutigen Gespräch bevorzugt er es jedoch, sich nicht zu sehr auf das Negative zu konzentrieren. Er spricht stattdessen voller Stolz über das, was er mit Megadeth erreicht hat, und vollmundig über seine Zeit bei Metallica – aber auch großmütig. Vor allem aber ist er stolz darauf, wie er sein Leben auf einen besseren Weg gebracht hat. Die unbequeme Art des jungen Dave ist aber nicht ganz verschwunden. Das spürt man, wenn man ihn zu seinen wilden Jahren befragt oder seiner jüngst getroffenen Entscheidung, David Ellefson zu feuern, der fast 30 Jahre Mitglied von Megadeth war. Man hört sie zudem in seinem aggressiven neuen Album, das er mit einem klassisch bissigen Titel versehen hat: THE SICK, THE DYING… AND THE DEAD.
Fangen wir mit deiner neuesten Platte an, die im letzten Jahr erschienen ist. Wie würdest du sie beschreiben?
Längst überfällig. Seit der letzten waren schon sechs Jahre vergangen. Niemand hat die Pandemie geplant, und ich hatte ganz sicher nicht vor, an Krebs zu erkranken. Aber ich bin sehr zufrieden mit diesem Album. Ich tue das, was ich am liebsten tue, nämlich Gitarre spielen.
Es ist ein hartes Werk mit harten Themen, etwa auf ›Psychopathy‹, ›Junkie‹ und ›Dogs Of Chernobyl‹.
Richtig. Bei Megadeth gibt es Songs über Krieg, Politik, Okkultismus, Songs über Leben und Tod, ein paar Fantasy-Nummern und damals auch ein paar typische Stücke von Heranwachsenden über schnelle Autos und Partys. Aber bei mehr als 200 Liedern gehen dir irgendwann die Themen aus, über die du schreiben kannst!
Am 14. Mai 2021 hast du während der Aufnahmen Dave Ellefson gefeuert, nachdem er sexuell explizite Videos auf Twitter gepostet hatte. Wie schwer fiel es dir, ihn gehen zu lassen, nach allem, was du mit ihm durchgemacht hast?
Ich möchte nicht über ihn reden. Das liegt jetzt hinter mir und ich habe nicht das geringste Interesse daran, darüber zu sprechen.
Okay, reden wir von was anderem. Als Ersatz für Ellefson hast du Steve Di Giorgio von Testament als Bassisten für das Album engagiert, aber nicht als festes Mitglied.
Er wäre ein großartiger Musiker für uns gewesen, aber ich halte nichts davon, aktiv Leute von anderen Gruppen abzuwerben. Als Metallica das mit Cliff [Burton] taten, um ihn aus der Band Trauma zu holen, fühlte sich das für mich wirklich beschissen an, und das habe ich nie vergessen. Ich weiß, dass es mir nicht gefallen würde, wenn jemand daherkäme und jemanden aus meiner Gruppe holen würde.
Über die Jahre sind so viele Leute bei Megadeth gekommen und gegangen. Fühlt es sich immer noch wie eine Band für dich an oder eher wie dein Soloprojekt?
Megadeth haben einen Spirit, und wenn wir zusammenkommen, spüren wir ihn alle. Das ist nicht das, was Fans mir zuschreiben, sondern das, was Megadeth sind. Meistens kann man einige der Instrumentalisten einer Gruppe auswechseln, aber nicht die Stimme. Sieh dir Van Halen an. Ich liebe Sammy Hagar, aber für mich ergibt er als Sänger von Van Halen genauso wenig Sinn wie Axl Rose bei AC/DC. Ich bin es nicht gewohnt, das so zu hören. Die Stimme auszuwechseln, ist seltsam. Das ist, wie wenn man Wasser trinkt, aber feststellt, dass es Alkohol ist – nicht das, was man erwartet. Bei Megadeth bin ich also die Stimme, der Hauptsongwriter, aber ich bin sicher nicht „die Band“.
Wo du Sammy Hagar erwähnst: Er hat einen Gastauftritt auf deiner aktuellen Platte, spielt Gitarre und singt auf einer Version seines Tracks ›This Planet’s On Fire (Burn In Hell)‹ von 1979.
Ich liebe Sammys Stimme, seit ich das erste Montrose-Album gehört habe. Die Leute reden immer von ›Rock Candy‹ als dem besten Song auf der Platte, aber mein Lieblingsstück ist ›Make It Last‹. Bei Panic, der Gruppe, in der ich vor Metallica war, spielten wir live tatsächlich zwei Coverversionen von Montrose: ›Bad Motor Scooter‹ und ›I Got The Fire‹.
Der andere Gast auf THE SICK, THE DYING… AND THE DEAD! ist Ice- T, der auf ›Night Stalker‹ rappt.
Wir sind schon lange befreundet. Ich spielte auf einem Track von ihm und jetzt ist er auf meinem. Er ist ein guter Typ, aber seine Musik ist sehr intensiv. Als er diesen Song ›Cop Killer‹ machte (vom selbstbetitelten Debüt von Body Count, 1992], machte er vielen Angst damit.
Auch dein Ruf war in den Anfangstagen von Megadeth angsteinflößend. Ein wütender junger Mann, der außer Kontrolle ist.
Viel davon war ein Charakter, eine Bühnenfigur. Es ging einfach darum, da rauszugehen, den Gürtel zu straffen, einen tiefen Schluck zu nehmen und einfach alle anzuschreien, die zuhören wollten.
Aber es war nicht nur gespielt. Du hast schon öfter gesagt, dass du ab einem frühen Alter sehr viel Wut in dir hattest.
Das ist wahr. Als Kind wollte ich beim Ausmalen nicht zwischen den Linien bleiben. Ich wollte überhaupt nicht malen – sondern das fucking Buch verbrennen! Ich wollte die Welt beherrschen, und sobald ich eine Gitarre in die Hand nahm, wollte ich nichts anderes machen. Ich verprügelte sie förmlich, Pyrotechnik auf den Saiten.
Dein Vater war Alkoholiker. Hattest du je das Gefühl, dass dein Abstieg in die Alkohol- und Drogen- sucht irgendwie vorbestimmt war?
Ich war schon immer neugierig auf das Trinken gewesen, und es versuchte, mich in diesen Abgrund zu locken. Es gibt viele Leute aus dieser Zeit, die es nicht überlebt haben, aber ich bin immer noch hier, um die Geschichte zu erzälen. Ich halte mich für sehr glücklich. Ich habe ja ein Weinunternehmen, und wenn wir neue Mischungen machen, nehmen ich einen kleinen Schluck zum Probieren. Und bei der Hochzeit meines Sohns Justis war es brütend heiß, da wollte ich sicher nicht einfach in der Sonne sitzen und Wasser trinken, Mann! Aber die Tage, in denen ich Nutten suchte, die mir dabei helfen, im Viertel vom Moulin Rouge Heroin aufzutreiben? Die sind vorbei, und ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum du das zur Sprache gebracht hast. Das ist ziemlich unfair. Ich meine, fuck, sehr schmeichelhaft ist das nicht.
In deiner Autobiografie vor zehn Jahren hast du mit deinen Drogengeschichten nicht hinterm Berg gehalten. Im Gegenteil, du hast alles in den schrillsten Details geschildert.
Nun, wollen wir Sachen wiederkäuen oder wollen wir neues Zeug, wo ich doch noch lebe und atme und etwas Neues habe, über das ich reden kann? Das ist deine Entscheidung. Und egal wie du es schreibst, hoffe ich einfach, dass niemand, der zu mir aufblickt, das liest und denkt, etwas wie Heroin sei die Antwort. Denn so bin ich damals darauf reingefallen. Gar [Samuelson, ehemaliger Megadeth-Schlagzeuger] sagte mir, wenn ich großartig sein wollte, müsste ich das machen.
Du bist eindeutig ein besseres Vorbild, als er es war. Hat das etwas damit zu tun, Kinder zu haben?
Vielleicht. Ich weiß noch, wie Megadeth bei „VH-1 Behind The Music“ gefeaturet wurden. Mein Sohn ging noch zur Schule und kam weinend nach Hause, weil die anderen Kinder ihn damit aufgezogen hatten. Ich meinte zu ihm: „Die Leute werden Dinge über deinen Dad sagen und du wirst dich daran gewöhnen müssen. Sei einfach stark“. Über meinen Dad wurde auch Schlimmes gesagt und es tat mir weh, wenn ich meine Mom sowas sagen hörte. Da dachte ich immer: „Hast du jemals versucht, eine Intervention bei diesem Typen zu machen?“ Ich weiß nicht, ob das je passiert ist. Sondern nur, dass ich ihn nicht sehen durfte. Nie.
Du hast von Musik als einer Form von Eskapismus für dich als Kind gesprochen. Was war es am britischen Heavy Metal, der bei dir so einen Nerv traf?
Nach dem, was ich vorher gesagt habe, kann ich nicht glauben, dass ich das jetzt erzähle, aber ich verkaufte damals Gras in kleinen Beuteln an dieses Mädchen, das in einem Plattenladen arbeitete, und sie gab mir Importplatten, die fast alle britisch waren. Also bekam ich Maiden, Motörhead, Budgie … Das hatte alles etwas Rohes an sich, während viel amerikanische Musik für mich überproduziert klang. Es gibt einen Track von Budgie, auf dem man hört, wie der Schlagzeuger auf seinem HiHat anzählt und sich Leute im Hintergrund unterhalten. Ich dachte: „Das ist so cool. Sie sind mitten im Song.“ Es machte mich sehr traurig, als ich hörte, dass [Budgie-Bassist/Sänger] Burke Shelley gestorben ist.
In den letzten Monaten seines Lebens gab er CLASSIC ROCK ein Interview, in dem er über seinen Glauben sprach: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will meine Ewigkeit mit Jesus Christus im Himmel verbringen.“
Allein, dass ich mich als gläubig geoutet habe, führte schon zu heftigen Reaktionen von Fans und Hatern. Aber wenn du mir erzählst, dass Burke einen Glauben hatte und seinen Frieden fand, macht mich das glücklich. Es ist seltsam, wie andere Menschen sind. Man würde sich denken, dass sie sich für einen freuen. Doch das tun sie nicht. Man muss einfach lernen, das zu akzeptieren.
Hattest du irgendwelche Zweifel, dich öffentlich als Christ zu bezeichnen?
Nein, denn das rutschte mir eigentlich eher so raus. Ich sprach ganz nebensächlich davon, so wie jetzt mit dir. Nichts, bei dem ich dachte, dass es eine große fucking Sache ist. Wenn jemand sagt, er sei Katholik, interessiert das niemanden. Aber wenn du sagst, dass du Christ bist, ist das, als hättest du zwei Köpfe! Jetzt behalte ich sowas einfach für mich selbst. Ich schreibe niemandem vor, wie er leben soll. Ich habe mich mit schwarzer Magie und Hexenwerk befasst und das hat mein Leben sehr lange total kaputtgemacht. Aber jetzt bin ich glücklich.
In deine Autobiografie „Mustaine“ schriebst du etwas, das etwas seltsam erschien …
Nichts läge mir ferner, als mich je als seltsam bezeichnen zu lassen, nicht wahr? Was denn?
Über deine Zeit bei Metallica stand da zu lesen: „Ich war der Anführer der Band.“ Das ist ein ziemlich gewagtes Statement.
Warum?
Weil die Jungs, die Metallica gründeten, James Hetfield und Lars Ulrich, selbst Alphamännchen sind.
Oh nein. Unter uns dreien bin eindeutig ich das Alphamännchen. Warum musste ich alles erledigen, als ich in der Band war? Warum baten sie immer mich, mit den Veranstaltern zu reden und das Geld einzusammeln? Warum war ich derjenige, der sich streiten musste? Warum musste ich die Ansagen zwischen den Liedern machen?
Fällt es dir schwer, über Metallica zu reden?
Nein. Das ist mir wirklich scheißegal. Und weißt du was? Ich liebe diese Jungs. Erst vor eine paar Tagen habe ich James eine Nachricht geschickt, nachdem er gesagt hatte, er fühle sich unsicher in seinem Spiel. Ich sagte: „James, ich liebe dich und mag dein Spiel sehr.“ Er hat nicht geantwortet. Natürlich nicht. Warum sollte er auch? Aber ich wollte, dass er weiß, dass auch ich schon solche Gefühle hatte, aber heute nicht mehr. Vergiss nicht, als ich bei Metallica einstieg, spielte James noch gar nicht Gitarre. Er fing erst damit an, als ich schon dabei war. Aber seien wir ehrlich, James ist einer der besten Metalgitarristen der Welt. Dass er so etwas empfinden muss, ist also eine Lüge, denn er ist ein unfassbar talentierter Typ. Also fand ich einfach, dass ich etwas zu ihm sagen musste. Ich habe es nicht getwittert. Ich wollte nicht, dass irgendjemand wusste, was ich ihm sagte. Aber ich erzähle es dir jetzt, denn, hey, du hast das aufgebracht!
Hast du mit Megadeth alles erreicht, wovon du geträumt hast?
Ich hatte einen Plan: in der größten Metalband des Planeten zu sein. Keine Ahnung, vielleicht steht mir das noch bevor. Aber unter den amerikanischen Metalbands gibt nicht viele, die größer sind als Megadeth. Ich würde sagen, das ist eine große Errungenschaft.